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Normalerweise spricht man bei einer Vernissage über einen Anfang. Über das Beginnen und Starten. Oder aber: über das Ende, das Finale eines jetzt eingefrorenen Prozesses, der sich nun, in sich abgeschlossen, präsentiert und zur Schau stellt. Aber heute soll’s nicht ums Anfangen gehen. Und nicht ums Enden. Sondern um das Dazwischen.

Um konkrete Kerben, um die Risse im Asphalt. Um offenstehende Zahnlücken, die uns breitgrinsend anlächeln.

„I know i was born and i know i will die / the inbetween is mine“, sang einst Pearl Jam Frontmann Eddie Vedder, frei übersetzt: ich weiß, dass ich geboren wurde und ich weiß, dass ich sterben werden, aber das dazwischen gehört mir.

Trotzdem sprechen wir viel zu selten über die Zwischenräume, weil sie uns wahrscheinlich nicht glamourös und dramatisch genug sind. Ein Beginn steckt voller brachliegender Energie, die sogleich in alle Richtungen ausbersten wird – und das Ende fasziniert uns, weil es eben final ist, weil es den Schlusspunkt und die Pointen setzt. Der Anfang entzündet die Erwartungen, das Ende bündelt und (im Fall von Kunst) verrätselt sie. Das Dazwischen aber, naja, da kann man auch darüber hinweg sehen.

Jeder Hollywood-Blockbuster setzt alles daran, dass es besonders zu Beginn und kurz vorm Abspann so richtig scheppert, weil das die Momente sind, in denen die Aufmerksamkeitsspanne am höchsten ist. Der britischen Sprachwissenschaftler Graham Rawlinson entdeckte indes bereits 1976 an der Universität von Nottingham, dass die Reihenfolge der Buchstaben in einem Wort keine besonders große Rolle spielt, solange der erste und der letzte Letter fest verankert stehen. Das Dazwischen aber lässt sich willkürlich durcheinander werfen, ohne dass es für das geübte Gehirn ein Problem darstellen würde.

Warum also überhaupt über Zwischenräume sprechen?

Die Antwort darauf ist einfach: Anfang und Ende sind berechenbar. Langweilig. Tausendfach gehört, besprochen, durchdacht und erlebt. Aber das Dazwischen, das verformte, die Randnotizen und Fußnoten, die bleiben oft verborgen und verschluckt.  Aber wenn sie hier in einer der Wohnungen anfangen den Putz abzukratzen, dann purzeln ihnen die Begriffe nur so entgegen: Überschichtung, Sedimente, Segmentierung, fiktionale Archäologie, Ethnogeologie und Ethnopoesie. Soll heißen: Hier, im Dazwischen, da spielt sich das wahre, greifbare, pulsierende und pumpende Leben ab … und überhaupt: wenn wir das Dazwischen in seine Konnotationsebenen zerlegen, dann landen wir ganz schnell bei dazwischenfunken. Eingreifen. Sich bemerkbar machen.

In der Informatik, das spült mir Wikipedia in die Recherche, steht der Zwischenraum für nicht dargestellte Zeichen. Ein Leerraum. Whitespace. Und von hier aus ist es nicht mehr besonders weit zum weißen Rauschen – sowieso ein Lieblingsbegriff, weil er immer wieder auftaucht und immer wieder passt.  Sie wissen schon: Alles, aber auch nichts. Aber gleichzeitig. Auch hier, in der Romeiasstraße, galt es, den Whitespace mit Bedeutung zu füllen und den Überschuss an Informationen zu filtern, bis sich wieder Kontraste und Konturen abzeichneten. Arte Romeais ist eine Umcodierung, eine Befreiung von Zeichen aus ihrem festen und vielleicht festgefahrenen Rahmen.

Der Sänger der Einstürzenden Neubauten, Blixa Bargeld, bezeichnete Architektur einst als Geiselnahme. Weil sie nach ganz klaren Regeln funktioniert und funktionieren muss.

Parkourläufer, Freerunner, Fassadenkletterer und Graffitikünstler hacken Architektur –

und hier, in der Kunst, da sind wir die Verhandlungsführer und schlussendliche Befreier. Wir stürzen uns ins weiße Rauschen und schwimmen und tauchen und spritzen damit herum wie Bodensee-Badegäste an einem heißen Sommertag. Voller Lust an der Bedeutung und der Nicht-Bedeutung.

Und yes, ja: wir sind Nomaden. Alle Künstler sind Nomaden. Das waren wir schon immer, also im Kopf. Zelte aufbauen, wirken, bauen, denken, malen, schreiben, einreissen, zereissen, zeichnen, formen, hämmern, klopfen, klatschen. Zelte abbauen. Weiterziehen. Und von vorne. Enden. Anfangen. Ende! Neu! einstürzENDE NEUbauten (=passt ja). Und dazwischen? Na, Prozess, was auch sonst! Aber heute, da ist das Nomadentum durchdringender und präsenter geworden. Kunst, die früher endlos schien und stetig nach Unsterblichkeit strebte, agiert heute anders. Schneller, vitaler, energetischer. Gieriger! Die Frage nach Raum wird immer wichtiger. Was aber ist Raum? Für uns in Europa gilt es als Standard und Grundrecht, dass jeder Mensch seinen Raum besitzt. Einen Rückzugsort, an dem er alleine sein kann und darf, abseits aller Kommunikationsstränge und Dialogschlingen.

In der Mongolei, dort wo es die letzten wirklichen Nomaden gibt, spielt Raum keine Rolle. Er ist sowieso überall. Die ewige Weite der Wüste Gobi erstreckt sich in alle Richtungen, soweit das Auge reicht. Und 5, 10, 15 Menschen leben auf engsten Raum in der Jurte, die allzeit verschiebbar ist. Im Umkehrschluss: Raum kann alles sein. Du musst dich nur auf ihn einlassen und ihn für dich definieren, umschreiben und einehmen.

Und natürlich müssen wir über Transformation sprechen. Über Wandlungen und Verwandlungen. Sie wissen: hässliche Entlein und schöne Schwäne. Und viel interessanter: anders herum. Wenn das schneeweiße Gefieder des Schwanes seinen Glanz verliert und plötzlich wieder Graustufen aufweist, das Entlein aber plötzlich funky dasteht – aber davon hatten wir es ja schon. Meistens bedeutet Transformation ohnehin Zerfall! Das ist abhängig vom Blickwinkel. Wenn sich die Natur zurückholt, was ihr sowieso gehört. Und in Metamorphose steckt nicht umsonst das Meta – jede Umformung ist auch ein rückgewandter, poetologischer oder mindestens poetischer Kommentar über die Umformer und über uns selbst. Ich weiss leider nicht, wann Sie sich das letzte Mal verwandelt haben, aber ich kann ihnen nur raten: tun sie es schnellstmöglich wieder, den im Abstreifen des Ichs und Übersteifen eines Anderen liegt ein faszinierender Lustgewinn. Der mittlerweile tausendfach ausgelutschte Internetrohrkrepierer: „Ist das kunst oder kann das weg?“ scheint hier jedenfalls absolut obsolet: Ja, es ist Kunst. Und ja: es kommt weg.

Genau das ist doch das Schöne und Faszinierende, das uns magnetisch in die Zwischenräume zieht. All diese Vorgänge trägt Arte Romeias in seiner DNA und wir alle haben heute das Glück, dass wir wie Molekularforscher durch die Blutbahnen dieses Projektes segeln können. Lasst euch von nichts aufhalten. Von nichts und niemandem. Diskutiert und streitet. Über die Kunst, und all die Rattenschwänze, die sie hinter sich herzieht! Lasst euch euphorisieren und nicht lang langweilen. Ein Hochfest der Vergänglichkeit! Werdet Teil von Arte Romeias!

Werdet Arte! Werdet Romeias!

SHIVERS

„Fantastischer Film ist nicht einfach nur Grusel!“

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Am letzten Novemberwochenende findet im Zebrakino Konstanz ein besonderes Filmhighlight statt: Das Filmfestival SHIVERS hat seinen Schwerpunkt im Bereich Horror und Fantasy. Vorab sprach RisseImAsphalt mit Stefan Schimek, seines Zeichens Co-Festivalleiter und Programmhauptverantwortlicher des Festivals, über seine Leidenschaft zum fantastischen Film, das Festivalprogramm und die Organisation. Das nachfolgende Interview erschien bereits gekürzt im Südkurier.

SHIVERS ist ein Festival des Fantastischen Films. Was bedeutet das genau? Was ist die Faszination an Fantasy- und Horrorstoffen auf der Kinoleinwand?

Stefan Schimek: „Fantastischer Film ist nicht einfach nur Grusel: Das Genre-Kino setzt sich nicht selten auf ziemlich clevere, so subversive wie originelle – und gerne auch überspitzte – Art und Weise mit aktuellen Themen auseinander, denkt sie weiter, verzerrt sie und entwirft dabei oft überaus faszinierende Szenarien. Dabei ist dieses Sujet vor allem für Nachwuchsfilmer reizvoll: Man kann sich mit kleinem Budget im Grunde nach Lust und Laune austoben, sich ausprobieren und experimentieren. Viele bekannte Regisseure haben mit Fantasy- und Genrestoffen ihr Handwerk gelernt. Selbst Legenden wie Fritz Lang, Alfred Hitchcock, Steven Spielberg oder Stanley Kubrick haben den einen oder anderen fantastischen Stoff in ihrer Filmographie stehen.

Wie arbeitet das SHIVERS-Team? Wer gehört dazu? Wer übernimmt welche Aufgaben? Was wäre eine griffige Definition der SHIVERS-Idee?

Das SHIVERS-Team besteht aus Zebramitgliedern, die allesamt ehrenamtlich im Verein engagiert und fast ausschließlich Studenten sind. Es gibt für alle Bereiche – Programmation, Design, Sponsoring usw. – Hauptverantwortliche, aber in der Regel wird am Ende alles basisdemokratisch entschieden.

Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, jedes Jahr aufs Neue ein Programm auf die Beine zu stellen, das dem Konstanzer Publikum viele der Highlights und Geheimtipps des jeweiligen Festivaljahres in ihren Originalversionen präsentiert. Sowohl hinsichtlich der Produktionsländer als auch der behandelten Themen – und natürlich der Genres – soll ein möglichst breites Spektrum abgedeckt und somit für jeden Geschmack etwas dabei sein. Ob nun amerikanischer Neo-Western, italienischer Mafiakrimi, laotischer Mystery-Thriller oder iranisch-jordanisch-britischer Geisterfilm: Hier sollten fast alle Filmfans fündig werden.“

Wie stellt ihr das Programm zusammen – ihr habt viele Filme lange Zeit vor Kinostart im Programm. Wo grabt ihr nach Perlen? Ist es schwierig, bestimmte Kracher ins „LineUp“ zu bekommen?

Viele der Filme sichten wir auf größeren Festivals wie z.B. der Berlinale, dem Filmfest München oder in Locarno. Darüber hinaus sichtet das gesamte Team gemeinsam im Zebra, vor allem die Kurzfilme. Letztes Jahr wurden diese noch allesamt bei den diversen Filmemachern und Kurzfilmagenturen angefragt. Für den Kurzfilmwettbewerb im Rahmen des SHIVERS 2016 gab es erstmals Einreichungen, so dass die Zahl der zu sichtenden Kandidaten auf über 200 stieg, von denen am Ende knapp über 20 ausgesucht werden mussten.

Jedes Jahr gibt es Filme, die man sehr gerne zeigen würde, vom deutschen Verleih oder dem Weltvertrieb jedoch keine Freigabe bekommt. Das kann vielerlei Gründe haben. Manchmal scheitert es an zu hohen Preisvorstellungen des jeweiligen Rechteinhabers, manchmal aber auch daran, dass dieser den Film zu einem späteren Zeitpunkt auf einem größeren, prestigeträchtigeren Festival präsentieren möchte. Mit einer guten Portion Verhandlungsgeschick, viel Geduld und etwas Glück hat man aber doch überraschend oft Erfolg.“

Für Leute, die noch nie ein Filmfestival besucht haben: Wie funktioniert das denn eigentlich?

Im Gegensatz zu vielen regulären Kinovorstellungen bieten wir beim SHIVERS wie jedes Jahr ein umfangreiches Rahmenprogramm: Interviews mit Filmemachern, Einführungen zu bestimmten Filmen, ein breites Catering-Angebot und Gewinnspiele zu Beginn vieler Vorführungen. Es wird also eine Menge geboten. Zusätzlich zur Eintrittskarte bekommt man bei den Vorstellungen der aktuellen Filme (Official Selection) außerdem einen Bewertungszettel, in dem man dem jeweiligen Film eine Schulnote geben kann. Am Ende wird dann daraus der Publikumssieger des Festivals ermittelt. Zusätzlich zur Eintrittskarte für einzelne Vorstellungen gibt es – wie bei den meisten Festivals üblich – auch einen SHIVERS-Festivalpass, mit dem man Zugang zu allen 15 Vorführungen hat.“

Zudem gibt es einen Kurzfilmwettbewerb – wer sitzt in der Jury? Was sind die Eigenheiten des fantastischen Kurzfilms? Gibt es da eine erkennbare Entwicklung aufgrund des anhaltenden technischen Fortschritts?

Eine dreiköpfige Jury vergibt auch dieses Jahr wieder den SHIVERS Shorts Award an einen der über 20 Kurzfilme im Wettbewerb. Sebastian Selig frönt freiberuflich seiner großen Leidenschaft, dem Kino, indem er für diverse große deutsche Filmmagazine schreibt und auch öfters für FM4 tätig ist. René Walter betreibt seit vielen Jahren erfolgreich den äußerst beliebten Popkultur-Blog www.nerdcore.de und Dr. Anna Grebe ist neben ihrer Arbeit als Dozentin und Medienschaffende ehrenamtlich u.a. als Prüferin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) tätig.

Durch die rasante Digitalisierung ist es sehr viel einfacher und vor allem günstiger geworden, speziell Kurzfilme zu produzieren, da man nicht mehr zwangsweise auf teures analoges Filmmaterial angewiesen ist. Auch das Einfügen hochwertiger Spezialeffekte ist deutlich erschwinglicher geworden. Dadurch werden Kurzfilme aber kurioserweise tendenziell immer länger.“

Wie steht es deiner Meinung nach um den deutschen Genrefilm – wird viel deutsches Kino beim SHIVERS 2016 zu sehen sein?

Vor allem in diesem Jahr sind sehr viele gelungene deutschsprachige Genre-Produktionen in den Kinos angelaufen. Wir hatten dazu auch eine eigene mehrwöchige Filmreihe, in deren Rahmen wir u.a. Nikias Chryssos‘ DER BUNKER oder Akiz Ikons DER NACHTMAHR gezeigt haben, die beide ganz großartige Beispiele für den aufstrebenden deutschen Genrefilm sind. Es gibt also durchaus einen Aufwärtstrend, und wir sind gespannt, was das nächste Jahr so zu bieten hat.

Aber auch beim SHIVERS 2016 wird es wieder einen deutschsprachigen Beitrag zu sehen geben, und zwar Tobias Nölles beeindruckende, in atmosphärische Bilder getauchte und mit verschrobenem Humor gespickte Charakterstudie ALOYS. Direkt im Anschluss wird der Regisseur via Live-Skype-Schaltung auf der Zebra-Leinwand dem Publikum Rede und Antwort stehen.“

Was sind deine persönlichen Highlights im diesjährigen Programm – welche Filme sollte man auf gar keinen Fall verpassen? Wer ist dein Favorit für den Publikumspreis?

Grundsätzlich sind natürlich alle Filme im Programm toll! Sehr empfehlen kann ich unseren bereits erwähnten deutschsprachigen Spielfilm ALOYS am Freitag, den 25.11., eine erstklassige Mischung aus exzellent gespieltem Drama und eigenwilliger, unaufgeregter Komödie. Aber auch im Nachmittagsprogramm am Wochenende gibt es zwei Geheimtipps: Am Samstag, den 26.11., zeigen wir um 15 Uhr den spannenden italienischen Politkrimi SUBURRA von den Machern der TV-Serie GOMORRHA, die erst kürzlich bei Arte zu sehen war. Am Tag darauf, dem 27.11., beginnen wir den Festivaltag um 14 Uhr mit einer komplett restaurierten Fassung des tschechoslowakischen Historienepos MARKETA LAZAROVÁ (1967) in brillanter Bildqualität. Ein bildgewaltiger, beeindruckender Klassiker des europäischen Kinos, den es in dieser Fassung noch nicht auf deutschen Leinwänden zu sehen gab, und einer meiner persönlichen Favoriten.“

Info:

Das Genrefilm-Festival SHIVERS findet vom 24. bis 28. November im Konstanzer Zebrakino statt und zeigt elf brandaktuelle Highlights und Geheimtipps des Festivaljahres 2016, zwei Kurzfilmblöcke und zwei Filmklassiker. Die Ticketpreise pro Vorstellung liegen bei 7 Euro , respektive 6 Euro (ermäßigt). Der Festivalpass ist für 70 Euro ( 60 Euro ermäßigt) zu haben.

Fraktus II – Fauststudio – Scheer

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Sie arbeiten seriös. Wirklich. Sie arbeiten ganz seriös an der Zerstörung der Welt.“, sagt Jochen Irmler (Faust), in dessen Klangband-Studios in Scheer Fraktus II am vergangenen Freitag Premiere feierte, vor dem Konzert über Bernd Wand, dessen Mutter und Carsten Meyer. Wenige Minuten später wissen wir, was Irmler mit dieser Beschreibung meinte. Denn Fraktus II sind nicht zu greifen, absolut unfassbar. Zu Beginn der Show platziert sich Irmler selbst am linken Bühnenrand, hinter seinen selbst konstruierten Orgelaufbauten, die rein optisch an die Skyline einer dystopischen Metropole erinnern.

dsc_2141Rechts aber greift Meyer, „der musikalische Leiter der Expedition“, in die Organe seines Flügels. Präparierte Orgel trifft – frei nach John Cage – auf präpariertes Klavier. Zwischen den Klangschüben huscht Mutti Wand schüchtern auf die Bühne und Bernd Wand schiebt sich unter einem riesigen Schildkrötenpanzer aus Eierboxen durch die Publikumsreihen. Es folgt ein minutenlanges Pamphlet des Bandleaders: „…eine absichtlich herbeigeführte Explosion im Klanglabor. Alle Petrischalen platzen unter liebevollen Ohren des Tonkollektivs. Diese Reinigungskosten könnte kein Mensch bezahlen. Das ist das Wunder von Scheer!“

dsc_2134Erst jetzt wirft Meyer die elektronischen Maschinen an und es vermischen sich Neue Deutsche Welle, Schlager, Techno und Krautrock zu einem ganz neuen, auf der Rasierklinge der Realität balancierenden Genre. Das Fraktus II hier im vermeintlichen Nichts das Licht der Welt erblickt ist folgerichtig. Nach dem Ende von Fraktus (aufgearbeitet in der gleichnamigen und längst legendären Mockumentary) war Bernd Wand nach Brunsbüttel zurückgekehrt und hatte nicht nur im Optikergeschäft seiner Eltern gearbeitet, sondern mit ebendiesen auch Fraktus II gegründet. Bereits im Film formulierte Wand den Wunsch einmal auf dem Klangbad-Festival aufspielen zu wollen. Im Sommer wurde diese Sehnsucht zumindest teilweise erfüllt: Fraktus II reisten für eine Woche ins Donautal und setzten gemeinsam mit Klangtüftler Irmler und offiziell gefördert vom Land Baden-Württemberg ihre Debütplatte „Optische Täuschung“ um. Das kann man sich alles nicht ausdenken!

dsc_2168Das Bewusstsein ist nur eine temporäre Haltestelle auf dem Weg in den Wahnsinn!“, erklärt dann auch Bernd Wand und als Zuhörer merkt man deutlich, wie einem die Begriffe wie Sand zwischen den Fingern zerrinnen. Bei „Farben und Verläufe“ schraubt dann Irmler magnetische Klangschrauben aus der Tiefen seines Krautrockgolems, während Wand sich selbst dabei filmt, wie er Farbe auf eine rotierende Papier-Schallplatte träufelt und seine Mutter und Carsten Meyer das Tanzbein schwingen. Und eben weil Musik begrifflos erscheint, erlaubt sie eigentlich keine solche Ironie. Anders als in der bildenden Kunst finden Abstraktion, Karikatur und Naivität nur selten ihren Weg in Bandprojekte, weil die meist für mehr stehen und stehen müssen. Für Politik, für Bewegungen, für das eigene Ego. Fraktus II sprengt diese ewigen Beschränkungen mit Leichtigkeit. Und auch mit Ironie, klar, aber stetig im des Parametersystems der Hoch- und Popkultur und ganz bewusst auf den Moment der aufklappenden Falltüre hin komponiert.

Das Konzert ist schreiend komisch, vollkommen absurd, total gaga auf so vielen Ebenen und dann doch wieder tragisch bis melancholisch in seinen unzähligen kleinen Gesten. Realität und Hyperrealität und Performance und Fiktion und Irrsinn verschmelzen zu einer hybriden Masse und es bleibt dem Rezipient überlassen, wie er diese nun für sich verformt. So muss Dada vor 100 Jahren auf den vormodernen Menschen gewirkt haben. Fraktus II ist Dada hoch 3. Dadadada!

Nach dem Konzert sitzt die Band gemeinsam in den Räumen der ehemaligen Papierfabrik. Ein Besucher verabschiedet sich vom Frontmann: „Tolle Nummer war das, danke, äh, Bernd, oder ähm… Jacques. Ja wie denn jetzt?“ „Jacques Palminger, jetzt hier, da kann ichs ja sagen. Von einer Kunstfigur in die andere…“ Der Druck fällt sichtlich und gemeinsam mit dem jetzt abgezogenen Rollenmantel ab und jetzt erst offenbar sich harte Arbeit, die zermürbenden Denkprozesse im Spiel mit dem Wahnsinn und der Authentizität. Aber Authentizität, springt wenig später ein Meyer ein, ist ja sowieso das größte Unwort überhaupt.

Syndrome/ Alcest/ Mono – Winterthur – Salzhaus

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Inmitten des Songmonsuns „Pure As Snow“ schnappt sich Gitarrist Takaaira Goto kniend sein Werkzeug und rammt die E-Gitarre wie ein Kruzifix in den Boden. Und da liegt er nun, die neue erschaffene Gottheit anbetend, wie eine soeben gestrandeter Robinson, während die von seinen Bandkollegen losgetretenen Klangwellen über ihn hinüber schwappen. Nach einigen reglosen Sekunden des Innehaltens rafft sich Goto auf und schraubt wie von Sinnen an den vor ihm liegenden Sound-Geräten und jene Welle zucken gespiegelt zurück. Bei aller angesammelter Konzerterfahrungen – einen Moment von solcher Klarheit und Emotion erlebt man nur in den seltensten Fällen. Das japanische Postrock-Quartett Mono ist definitiv keine gewöhnliche Live-Band.

Bei aller digitalen und weltweiten Vernetzung gibt es für uns Mitteleuropäer doch immer noch Länder und Kulturformen, die sich uns mit unserem Wissensschatz und unseren Denkstrukturen nur schwer erschließen. Das Land der aufgehenden Sonne erscheint hier als Paradebeispiel einer Gesellschaft, die zwar hypermodern agiert (zumindest in Tokio), sich aber dennoch für uns so fremd, andersartig und exotisch präsentiert. Das gilt vor allem auch für die Kunst und die Popkultur. Abseits der Regie-Genies Kurosawa, Myasaki und Kitano hat kaum ein Künstler den Weg in den westlichen Mainstream gefunden. Und seien wir ehrlich: Wer nicht gerade einen Hobby-Japanologen in seinem Freundeskreis weiß (oder selber einer ist), der kennt für gewöhnlich auch keine japanischen Popstars. Dabei ist die dortige Musikszene bunt,vielfältig und überbordend. Ein Großteil der bekannteren japanischen Bands wie Dire En Gray oder Babymetal vermischen die Genres J-Pop oder J-Rock mit Visual Key, verbinden also einen absolut abgefahrenen und nicht selten Kitsch überladenen Kaugummi-Pop-Rock oder sogar Heavy Metal mit einer auffallenden und nicht selten an Manga erinnernden Optik. Abseits davon gibt es aber eine Fülle von hochspannenden Bands, die sich in experimentellen und technischen Gefilden wie Post-, Prog- oder Stonerrock austoben und auch im Westen als stilprägend gelten. Wir denken Boris, an Envy und eben auch an Mono. Letztere spielten am vergangenen Dienstag im Salzhaus in Winterthur ein absolut denkwürdiges Konzert.

Eigentlich es ist an dieser Stelle fast ein wenig kurzsichtig den Fokus alleine auf die Japaner zu richten, teilt sich Mono den Zugpferdstatus auf ihrer gegenwärtigen Tour mit den Franzosen von Alcest. Mehr noch: Die niederländische Ein-Mann-Maschine Syndrome erweitert das Ganze zu einer Art Mini-Festival. Alcest, die eine komplett neue Spielart des Shoegaze entwickelten, indem sie ebendiesen mit Metal und Postrock-Waben verklebten, spielen eine straighte Show, die sich gewaschen hat. Laut und durchdringend bis an die Schmerzgrenzen, schälen sich durch das vermeintliche Chaos doch stetig melodische Spurverläufe.

Im monumentalen Mono Opener „Death In Rebirth“ geht es da im Vergleich fast ein wenig harmlos zu: Während Schlagzeuger Yasunori Takada im Hintergrund munter vor sich in werkelt und Bassistin Tamaki Kunishi recht abwesend in die Saiten greift, sitzen die beiden Gitarristen Yoda und der angesprochene Goto zunächst sogar brav und diszipliniert auf Pianohockern. Alles wirkt abgeklärt, sicher, normal und erwartbar. Im weiteren Songverlauf aber entsteht zwischen den beiden Gitarristen ein massiver, wirbelnder Sog, der immer stärker zu vibriert und schon bald gewaltig bis gewaltsam rotiert und rotiert und rotiert.

Monos Postrock, das zeigen unzählige Erfahrungsberichte, hat die Eigenschaft seine Zuhörerschaft in eine Art anderen Zustand (mit den besten Grüßen an Robert Musil) zu versetzen. Das liegt sowohl an den immer schwerer tönenden, sphärisch sägenden Klängen, die sich typischerweise über den Hörer aufschichten und ergießen, aber auch an der konzentriert destruktiven Struktur, die sich nur in den seltensten Fällen an klassischen Songwriting orientiert. Auch in Winterthur zerfließen Zeit und Raum… Monos größte Stärke liegt live in der finalen Ausreizung der Kreisbewegung bis zum Kollaps. Unter dem brachialen Einfluss des marternden Soundgolem „Requiem For Hell“ lösen sich alles sicher geglaubte Formationen auf, die gewohnten Bausteine zerfahren in alle Himmelsrichtungen, zerschellen und ziehen sich doch wieder an wie Magnete. Mono, die vierköpfige Hydra, verschluckt seine Hörer und spuckt sie wieder aus, mittenrein in die ganz normale Welt, die dir mit dröhnenden Trommelfell ein wenig dekonstruiert vorkommt.

Interview mit Langtunes (Iran) und Ramzailech (Israel) im Zuge der Secret Handshake Tour

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Das anhaltende politischen Krisengemenge im Nahen Osten ist 2015 präsenter als je zuvor. Kriege, Krisen, Terror, Jahrhunderte andauernde Fehden und Feindschaften, zerschossene Kultur, wohin das Auge reicht. Positive Meldungen sind kaum zu vermelden oder werden von den allgegenwärtigen Hiobsbotschaften einfach verschluckt. Doch mitten in diesem scheinbar undurchdringbaren Strudel der Gewalt und Unterdrückung, haben sich zwei Bands aus zwei Welten zusammengefunden, um gemeinsam gegen den Strom zu schwimmen, sich die Hände zu reichen und gemeinsam zu „Devil Horns“ zu formieren – als Zeichen des Friedens, aber auch der Rebellion. Ramzeilech aus Israel und Langtunes aus dem Irans gehen im November gemeinsam unter der Fahne „The Secret Handshake“ auf Europatournee und spielem 24.11. auch im Konstaner Kulturladen und präsentieren auch abseits des natürlich präsenten politischen Diskurs, einen außergewöhnlichen, vielschichtigen Konzertabend. Denn während die Langtunes eine eingängigen, konzentrierten Indierock spielen, sind Raumzelech echte Pioniere im Feld des „Electric Hardcore Klezmer“.Im Gespräch mit RisseImAsphalt sprachen Behrooz, Frontmann der Langtunes und Ramzailech Gitarrist Amit über ihre Heimat, kulturelle Unterdrückung und eine einzigartige, musikalische Freundschaft. (Das nachfolgende Interview habe ich in englisch veröffentlicht. Allerdings ist das Gespräch gekürzt und übersetzt im Südkurier erschienen (KLICK!))

 

How does rock music function in your home countries? Is there a real alternative scene?

Langtunes: „There’s no function in which you can describe the way rock music is working Iran. Meaning, there’s no official platform, opportunity or ways, for the musicians to work. But of course, you can’t stop the people from doing what they wanna do! So people go to the underground and start doing what they wanna do under the radar of the government! If there’s not a chance to publish some kind of a music, they do it online. If there’s not a concert allowed, they do it in their basements and private parties. If there’s not a chance to make ssome kind of a movie, you do it illegally and screen it outside of Iran, if there’s not a chance to have a fashion show, you build up your own stage and you invite people around you and do it in private, and it goes on and on…So there is a function sort of , for the alternative scene to say, but it’s all working in the underground.“

Ramzailech: „Rock and heavy music is a big part of our musical language. We, Gal and Amit, grew up together but listened to a lot of different music. So between the two of us there’s anything from traditional Klezmer music like Dave Tarras and Giora Feidman to heavy industrial influences like Das Ich, Ministry and Oomph. That diversity between our influences is a key factor to the sound of Ramzailech. There are some amazing bands here in Israel that play all genres from straight-ahead rock to doom and noise. Some get a chance to go overseas and have some sort of recognition while others stay under the radar. You should check them out!“

 

Especially in Iran it is forbidden to spread Western music – did you often come into conflict with the law? How could the establish the Langtunes under these circumstances? In germany a lot of people recognized the succes of „Taxi Tehran“ – are there many artists who set against the current politcal situation Iran?

Langtunes: „As long as you stay under the radar, you’ll be fine! You need to be smart, and know your way around! Of course, there were some trouble for us with the officials over the years, but nothing that big that could stop us from working. And it all depends on how big you get with your audience inside Iran. If you would catch some big attention inside or outside of Iran, then you might get into trouble, as did the guy who made this “Taxi Tehran” movie, who ended up in jail. So of course there’s trouble on your way, but you never know what the consequences would be!“

 

And what about Israel? What to the people think, when you tell them that you are on tour with a band from Iran?

Ramzailech: „We weren’t sure how people would react to the idea, but the more people we’ve talked to, we we’re happy to learn that people are interested and supportive: We we’re playing a festival in Israel and during the show we told the audience about the tour and we got a round of applause. That was an amazing feeling.“

 

How did the meeting between your two bands go? Did you understand each other immediately? Was there sympathy between your groups from the beginning?

Langtunes: „From our perspective, it was as much unimportant where the guys from Ramzailech are, as it could be! We had the communication, as humans, musicians, with the same goal and same spirits. We were easy together, and later came the thoughts of being from these two “forbidden to meet” nations. So that brought us to the thought of “hey, does it really matter where you come from?” and enjoying this concept of a humanistic relation between two groups of people who are not “supposed” to be friends together, but ended up being so, we thought of working with it, showing it to the other people as well, and promoting this way of thinking. No matter how open minded we are, or whether or not we are super intellectuals, we often see people having these borders in their head. “where are you coming from?” is a question people ask each other everyday, and so follows the tags, the prejudices and thoughts towards each other, depending where we are coming from. That’s what we didn’t feel! That’s what we are trying for the people to realize!“

Ramzailech: „We’re all people, we met each other, got along from the very first moment, had a great concert together and that was that. That’s how easy it was. Maybe we owe some credit to the turkish restaurant we ate at after the show. Food always helps. But that’s all you need, people who want to do something cool and just decide to go for it.“

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Who had the idea to do a tour together and what about the idea to start this whole project over Crowdfounding?

Langtunes: „The idea of a common tour actually came from our manager Elnaz Amiraslani who´s also an Iranian and music-promoter in Germany who connectet us 2014. With all of us talking after the one show last year, over the points I mentions above we were positive with that idea right away. And of course, we had two ways to make it happen. Ask for sponsoring and official helps, or go with it on our own. Asking the officials, would mean that we had to take political sides or to send out political messages to the one side or the other, and we wanted to stay away from all these. So the other option was to involve people with it, and ask for them to take part in this peace promoting project.“

Ramzailech: „The tour felt right for everyone. When we met Elnaz, who manages Langtunes, it felt like there’s a team that could make it happen. Booking a tour is a lot of work anyways so why not do it with two bands from Israel and Iran? We keep politics away from the music, so it made more sense to have more support from crowdfunding rather then involving the government.“

 

Two bands from two worlds – with completely different cultural background and who play totallay different musical genres: What can I as a visitor expect from the Secret Handshake Tour? Is it all about music? Or will you also do discussions or lectures?

Ramzailech: „Langtunes is one of the coolest bands in Europe right now. It doesn’t matter if they’re from Iran, Australia of from Mars. They’re a good band. When we play a Ramzailech concert, we do everything we can to play the best show we’ve ever played. That’s what it’s all about for us. We’re more interesting on stage playing our fucking asses off than in a room with a powerpoint slide talking about falafel.“

Langtunes: „Mostly this is about two bands, following up their dreams, no matter where they come from, who they are, and what their cultural backgrounds are. You should expect to see two bands putting all their efforts to rock the shit out of the stage! Of course, after that, you can think about, this rocking off, came from two bands, who are not supposed to be on the same stage, who are not supposed to be friends, who are not supposed to meet each other at their homelands, and who are not supposed to share the same dream, but music, is one thing that could connect people globally to share the same experience and talk the same language!“

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How important is such a symbolic handshake especially in the current political reality?

Langtunes: „People are the ones responsible for making any sort of differences in this world. And of course, if people start moving out of the borders from their heads, removing tags and names and nations from their way of thinking, and connecting with one another, more peacefully and more humane, we would be living in a more beautiful world. And if this tour can make even one person think like this, we can say that we already made some changes.“

Ramzailech: „That’s a very deep question but the answer is very simple: Music. Music is why we do this. Musicians do things that politicians couldn’t dream of: they connect people, they don’t even need words to do so. As long as people can come together and do that, we’re optimistic.“

 

Do you expect restrictions and problems in your home country after the tour?

Langtunes: „Of course the two governments need this conflict to use it for their benefits, politically. And of course if this really begins to make some changes, they will be pissed off, and of course we are thinking of all the risks. Could be lethal for us, or could be nothing in the end. We’ve always been risk takers in what we’ve been doing. Risk, stress, and rebellion has always been a part of rock n’ roll. We’re young, wild, and full of rock n’ roll!“

Ramzailech: „I’m a big fan of ‘club-mate’, so whenever I’m in Germany, I’m hooked. it’s almost impossible to find it Israel so that’s a very possible case of problems and restrictions.“

 

What have you planned for the future?

Langtunes: „A more peaceful world. A more successful career for both of our bands. A great audience who are thinking free and enjoying our shows and spreading our music and sharing our hopes and dreams and passion!“

Ramzailech: „We’re releasing our album “Tsuzamen” in a few weeks, that’s a dream coming true. We’re already in the studio working on more new music. Also, somewhere in the near future, we hope to take a day off and rest, but not yet.“

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Jeder regelmäßige Konzertbesucher legt sich früher oder später eine Art Katalog der Banderinnerungen an, in welchem er seine Erfahrungen und Erinnerungen einspeisen kann. Da reihen sich dann all die Enttäuschungen, Gänsehautmomente, Blockbuster und spät erfüllte Live-Wünsche sauber nebeneinander ein. Besonders in die Erinnerung gräbt sich aber eine ganz besondere Art von Konzert: Jene Shows, in die du vielleicht zufällig reinrutscht, von denen du dir so gar nichts erwartest und die dich komplett kalt erwischen und vollständig wegblasen. Wer am vergangenen Donnerstag in den Konstanzer Kulturladen marschierte, hatte die seltene Gelegenheit ein solches Konzertgefühl zu erleben. Der Grund: Mother´s Cake aus Österreich!

Drei Mann: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Das ist die ursprünglichste, die rohste aller Besetzungen. Eigentlich, so meint man, hat man alles gehört, was diese grundlegenden Parameter hergeben. Von wegen! Ab der ersten Sekunde zündet das psychodelische Punkrock-Potpourri der Österreicher und schiebt den Kula druckvoll in Richtung akustische Kernschmelze.

Mother´s Cake sind eine ganz neue Art von Band, ein Trio, dessen Biografie zwei komplett unterschiedlichen Welten entsprungen ist. Auf der einen Seite ist das die ganz klassische Bandevolution. Der Aufstieg von der kleinen, verplanten Rockgruppe, die sich durch die Jugendhäuser des Tiroler Oberlandes spielte und sich später Stück für Stück nach oben hangelte und sich als Vorgruppe von Größen wie Iggy Pop oder Limp Bizkit ihre Sporen verdiente. Auf der anderen Seite aber präsentiert sich Mother´s Cake aber auch als Bandprojekt 2.0, das sich Zeitgeist-typisch in unzähligen Band Contests duellierte, die Tour mit den Prog-Rockern Anathema auf Youtube dokumentierte und ihre Videoprojekt „Off The Beaten Track“ per Crowdfounding finanzieren ließ. Unterm Strich sind Mother´s Cake also eine hybride Band, die sich sowohl in nach schweiß-stinkenden Konzertclubs, als auch im digitalen Anderen bewegt und diese Kontraste zumindest diskursiv in ihrer Musik umsetzt.

Das Feuerwerk, das der Tiroler-Dreier zündet ist eine Art Next Level Crossover: Da zersprengt es schon mal ein erbarmungsloses Stonerrock-Periodensystem in seine einzelnen Bausteine, ehe das soeben angerichtete Chaos konzentriert von einem Red Hot Chili Peppersesken  Bassbeat zusammen gefrickelt wird, nur um dann – jetzt kommt’s – den scheinbar sicheren Bauplan in einer elektronisch abgespacten Goaekstase aufzudröseln. Und scheinbar sind sich Mother´s Cake gar nicht so richtig bewusst, was sie da gerade mit den guten alten Konventionen des Rock’N’Roll anstellen (nämlich durch den auf den Kopf gestellten Fleischwolf drehen). Seelenruhig spielen sie ihren vor Sprengkraft nur so strotzenden Stiefel herunter.

 

Sänger Yves Krismer richtet ab und an einen trockenen Einzeiler in Richtung vor sich hin schwitzendes Publikum. „Wir sind Mothers Cake – aus Hannover!“ „Unser nächster Song heißt Atemlos!“ „Hat mal einer einen Bieröffner da.“ Dann geht´s weiter. Mit Volldampf. Und vielleicht muss ein Rockband im Jahre 2015 genau so klingen: Unberechenbar, unverortbar, anstrengend, hyperaktiv, vor wilden Zitaten und Verweisen und hypnotischer Sogkraft nur so überbordend, ständig mit dem finalen Kollaps kokettierend. Und natürlich springt bei diesem rasenden Ritt auf Riffrasierklinge die eine oder andere Komposition über die Klippe. Aber das Scheitern ist dem Rock’n’Roll seit jeher immanent und so ist dieser bewusste Blick in den eigenen Abgrund am Ende nur konsequent. Zudem muss definitiv Bassist Benedikt Trenkwalder hervorgehoben werden. Im Normalfall fristen Bassisten ein Schattendasein am Rande der Bühne, aber Trenkwalder ist der heimliche Frontmann der Band, der nicht nur immer wieder den Rhythmus wechselt, sondern klassische Techniken ad absurdum führt und den Bass vor allem im ausufernden Finale ins Zentrum des Klanggebilde verschiebt. Der dabei entstehende Sound gleicht einer scheppernden Achterbahnfahrt, voller Schikanen, Steilfahrten und Loopings. Mother´s Cake – Merkt euch diesen Namen!

Hundreds – Kulturladen Konstanz

 

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Stille, das vergisst der Zuhörer oftmals angesichts des implizierten Widerspruchs, nimmt noch immer einen ganz entscheidenden Platz innerhalb der zeitgenössischen Popmusik ein. Klar, meistens wird mit ihr gebrochen, wird sie weggeschoben und muss dann Platz für den Sound oder den Krach machen. Aber manchmal wird sie eben bewusst eingesetzt, als kaum wahrnehmbare Spur im Stilmittel der Reduktion. Dieser Umgang mit der Stille ist diffizil, anspruchsvoll und erfordert extremes Feingefühl. Ein Gespür für die Nuance, welche Hundreds, das Geschwisterduo bestehend aus Eva und Phillip Milner, zur stilbildenden Eigenschaft ihres Entwurfs der elektronischen Popmusik gemacht haben und welches sie während ihres Openers „Foam Love“ im Kulturladen offen zur Schau stellen. Dort entspinnt sich ein aufs äußerste reduziertes Zusammenspiel zwischen Phillips vielschichtiger Pianocollage und Evas zunächst so zärtlich zerbrechlicher Stimme.

Die gegenwärtige Tour, die in Konstanz ihren gefeierten Auftakt fand, steht unter dem Motto „Tame The Noise“ („Zähme den Krach“). Akustisch soll es sein, aber eben doch nicht ganz akustisch. „Aber immerhin haben wir eine ganze Menge richtiger Instrumente mitgebracht.“, erklärt Eva direkt zu Beginn. Das Konzert macht in der Folge seine eigene, kleine Evolution durch: Alles beginnt am eingangs beschriebenen Nullpunkt, in der Dunkelheit, der Stille. Im weiteren Verlauf entwickelt sich das Soundgewand kontinuierlich und wird um immer neue, subtile Nuancen erweitert. Phillip beginnt zunächst damit, sein Piano kaum merklich zu verzerren und vergrößert das Gesamtgebilde alsbald durch elektrifizierte Loops. Nach den ersten drei Songs wird das Geschwisterpaar während „Solace“ von Schlagzeuger Florian ergänzt. Dessen erste Anschläge scheppern erbarmungslos durch das Publikum, welchem erst in diesem Moment des Lärms sein wohlig warmer Embryostatus innerhalb der Stille bewusst wird. Dieser Status Quo wird in der Folge konsequent dekonstruiert, die Sicherheit und Vorhersehbarkeit aufgegeben, die eindeutige Dunkelheit weicht nicht nur in den Texten dem ambivalenten Licht.

Die zentrale Energie entspinnt sich aber zwischen den beiden Polen Eva und Phillip. Dabei spielt das Geschwistersein für die Beiden oberflächlich keine wirkliche Rolle. Natürlich sind da die Anekdoten, die von gemeinsamen Auftritten auf Familienfeiern erzählen. Und von Phillips Aufstieg zum renommierten Jazz-Pianisten, der später Inspiration in der Stimme seiner Schwester fand. Darüber hinaus lenken Hundreds den Fokus bewusst in Richtung Musik und treten erst dort, auf musikalischer Ebene, als unheimlich effektive Partner in Erscheinung treten. Denn Live bewegen sich Hundreds nahe an einer technischen Perfektion. Die drei Musiker spielen sich selbst kleinste Soundpartikel präzise zu, erweitern diese, reagieren effektiv auf die Hinweise ihrer Mitmusiker. Da sind unübersehbare Ablaufparallelen zur Klassik und auch zum Jazz, die aber auch immer wieder von der ausreißenden, vielschichtigen Stimme der Frontfrau ad absurdum geführt werden. Am Ende bilanziert Eva Milner glücklich:  „Ich glaube wir spielen heute das längste Konzert unserer Bandgeschichte. Und wir sind so froh, dass ihr uns mit offenen Herzen empfangt! Ihr seid so still.“ Und hier schließt sich der Kreis. In der Stille. Wo auch sonst?

 

Annenmaykantereit – Kulturladen Konstanz

Das sind also, Annenmaykantereit, Deutschlands wohl gehypteste Nachwuchsband. Da stehen sie aufgereiht, beinahe schüchtern, unsicher, ein wenig eingeknickt, fast so, als wüssten sie nicht, wer oder was sie gerade in dieses bis zum letzten Platz gefüllte Konzerthaus gespült hat. Auch Sänger Henning May macht auf den ersten Blick den Eindruck, als wäre er viel lieber irgendwo anders. Die Arme hat er wie Liam Gallagher hinter dem Rücken verschränkt, aber nicht aus Arroganz, sondern weil er nicht so richtig weiß, was er mit ihnen anfangen soll. Dazu kommen Ansagen der Marke: „Das nächste Lied spielen wir immer. Ist einfach so.“ Und dann beginnt May zu singen und das Momentum im Konstanzer Kulturladen verschiebt in Sekunden um 180 Grat.

Schnitt: Es gibt sie noch, die klassische, unspektakuläre Bandbiografie. Die Geschichte von drei Kumpels, die sich auf der Schule kennenlernen und zusammen Mucke machen. Die sich durch die obligatorischen Vorbandtourneen, Festival-Konzerte am Nachmittag und selbstgedrehte Videos zuerst auf die Notizzettel der Musiknerds und später in die Allgegenwärtigkeit des Internets spielen. Und dort dann plötzlich eine Lawine lostreten. „Viel Aufmerksamkeit für eine so junge Band, die gar nicht versucht hat, jeden Blick auf sich zu ziehen.“, heißt es von Bandseite aus und vielleicht liegt genau hier der Hund begraben: Hinter Annenmaykantereit steht kein ausgebufftes Marketingkonzept, die Kölner Band will eigentlich nur spielen und überzeugt dabei durch schiere Qualität. Und durch ihren Sänger.

Denn Henning Mays Stimme ist so irrsinnig anders, so einnehmend effizient, dass es sie in dieser Form im deutschen Pop vielleicht noch gar nicht gegeben hat. Soviel Superlativ muss hier tatsächlich erlaubt sein. Die einzige Assoziation, die sich angesichts dieses raumfüllenden Reibeisens aufdrängt, ist Rio Reiser. Doch Mays Organ ist noch härter, noch dunkler, wilder, gebrochener. Und sie trägt Annenmaykantereit auf breiten Soundschultern, denn abseits der Stimme, klingt die Band längst nicht so ausgereift.

Ein Sportler, dem immenses Potential nachgesagt wird, der dieses körperlich aber noch nicht vollständig umzusetzen kann, bezeichnet man gemeinhin als roh. Diese Assoziation poppt auch beim Konzert von Annenmaykantereit auf. Die Band strotzt nur so vor immensen, brach liegenden Talent, weiß dieses aber technisch noch nicht in Perfektion umzusetzen – und das ist auch gut so und in Zeiten von Popakademien und Band Contests eine charmante, wichtige Gegenposition. Tatsächlich befindet sich das Quartett in einer Art Versuchsblase, in der sie aktuell alle Eindrücke und Stile absorbieren und neu durchmischen. Dazu passt auch Mays Ansage in Konstanz: „Das nächste Lied gibt es nicht. Wir spielen einen Haufen unfertiger Lieder und hoffen, dass die irgendwie im Laufe der Tour fertig werden.

Natürlich markieren die Pressetexte das Ergebnis dieses Experiments als Indie, weil eben alles irgendwie Indie ist. Tatsächlich klingt Annenmaykantereit aber eher nach The Clash als nach Oasis und definitiv eher nach Ton Steine Scherben als nach Sportfreunde Stiller. Wir hören durchdachten, weit geöffneten, teilweise tanzbaren Punkrock, angereichert mit Balkan-, Blues- und Jazz-Elementen, Clash-typisch getragen von einem dominanten Schlagzeug Beat, verstärkt mit Reizpunkten aus Mundharmonika oder Melodica. Das alles vermengt sich zu einem vitalen, unausgegorener Strom, der gerade aufgrund seiner Unfertigkeit mitreißt, fasziniert und einen hohen Wiedererkennungswert besitzt.

Die stärksten Sequenzen erlebt das Konzert während der ruhigeren Kompostionen. Songs wie „Neues Zimmer“ oder „Dritter Stock“ stechen hervor, vor allem, weil darin die unbekümmert daher  geschriebenen Texte in den Vordergrund rücken. Hier geht es um Alltagsbeobachtungen, Langeweile, zerrissene Leben, um Kaffe machen, um Heimat und geplatzte Träume. Und ja, das hat man alles schon tausendfach gehört, aber der spielerische Umgang mit Sprache scheint neu und erinnert abermals eher an Punkrock und bessere Hip-Hop-Texter. So heißt es in der Ballade „Barfuß am Klavier“, die May während der Zugabe alleine am Piano zum Besten gibt, so wunderbar unprätentiös und auf dem Punkt: „Du und ich, das war zu wenig.“ Und auch deshalb kann es Ende nur eine Erkenntnis geben: Dieser Hype ist gerechtfertigt. Annenmaykantereit sind die junge deutsche Band der Stunde.

Die besten Filme des Jahres

Platz 11 (Die Wildcard): What We Do In The Shadows

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (15)In Sachen Technik, Drehbuch, Schauspiel und zig weiteren Gründen hätte der neuseeländische 80-Minüter wohl nichts in dieser Liste verloren. Und obwohl selbst das Konzept einer Vampir-Mocumentary zunächst nicht aus den Sitzen reißt ist „What We Do In The Shadows“ schlicht und einfach und mit ellenlangen Abstand der witzigste Film, der es dieses Jahr in Kino schaffte. Natürlich schwingt in dieser Bewertung eine Menge „Flight-Of-The-Concords“-Fantum mit, aber alleine Rhys Darby als Anführer eine Werwolf-Gang wischt mit 90% aller US-Komödien den Boden auf. Kein Film auf dieser Seite hat mehr Spaß gemacht.

 

Platz 10: Blau Ist Eine Warme Farbe

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (8)Regisseur Kechiche hält drauf. Immer. In Großaufnahme. Über 187 Minuten. Und als Zuschauer, als Vouyeur, kann man sich förmlich vorstellen, wie die beiden grandiosen Hauptdarstellerinnen bei der ersten Sichtung des finalen Filmes vor Scham in den Sitzen versanken. Der französische Film ist ein Coming-Of-Age-Epos, das nur eine klitzekleine Geschichte erzählt. Das den Mikrokosmos mit den Parametern des Makrokosmos unter die Lupe nimmt und dabei den Überschuss (an Gefühlen, Emotionen) mit Leere (Rohheit, offen stehende Enden) vereint.

 

Platz 9: Inside Llewyn Davis

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (20)Die Coen-Brothers haben ein Faible für Hauptcharaktere, die in anderen Filmuniversen wohl nur bizarre Sidekicks wären. „Inside Llewyn Davis“ bringt dieses Konzept insofern auf die Spitze, da besagter Songwriter im Zentrum zwar als grandioser Musiker daherkommt, darüber hinaus aber vor allem als genervtes Arschloch in Erscheinung tritt. Und trotzdem und genau deshalb ist dieser Film eine wunderbare Reflexion über das Scheitern, über die Liebe zur Kunst, über das Nichts-Tun. Und dazu noch Musikfilm. Zeitportrait. Figurenkabinett.

 

Platz 8: The Wolf Of The Wallstreet

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (16)Eigentlich dachten wir ja irgendwie, Martin Scorsese wäre zur Ruhe gekommen. „Hugo Cabret“ war ein grandioser Märchenfilm, eine kunterbunte, doppelbödige Geschichtsstunde über das Kino. Ein Endpunkt? Die Musikfilme über Bob Dylan, die Rolling Stones und George Harrison wirkten wie die Erfüllung von langersehnten Altersprojekten. Und dann kam „The Wolf Of The Wallstreet“ und warf alles über den Haufen. Radikal. Schnell. Wahnsinnig. Trippy. Der Film wirkte wie die logische Fortführung von „Good Fellas“ und „Casino“. Das sensationelle Ende einer größenwahnsinnigen Trilogie, die das Mainstream-Kino revolutionierte. Scorsese wurde 1942 (!)geboren. Dieses Spätwerk macht ihn zum fünften Mal unsterblich.

 

Platz 7: Grand Budapest Hotel

GRAND BUDAPEST HOTEL_c371.JPGWes Andersen ist ein Nerd. Ein Fetischist. Er liebt die Geometrie. Das Zitat. Das Licht. Und in Grand Budapest treibt er seine Liebe für den geloopten, mit Details überladenen, gemäldeartigen Szenenaufbau auf die Spitze und entwickelt nur mit den medialen Mitteln des Films ein eigenes Universum. Das gelingt nur wenigen Regisseuren und auch wenn Andersens Methoden ab und an ein wenig mit dem Holzhammer daher kommen, sind seine Filme doch Kleinode, denen eine ganz besondere Magie (nämlich der verdammte Zauber des Kinos)  innewohnt. Und „Grand Budapest Hotel“ dürfte einer der Schönsten von ihnen sein.

 

Platz 6: Blue Ruin

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (19)Ein klassischer Revenge-Flick: Hart, brutal, straight, in die Fresse. Kein Schnickschnack. Keine übertriebenen Gesten. Soweit so gut. Darüber hinaus ist das Herzens- und Indieprojekt des Regisseurs Jeremy Saulnier atemberaubend gut und schön gefilmt. Eine simple Autofahrt entwickelt da im Handumdrehen so viele optische Energie, dass es dir die Sprache verschlägt.

 

Platz 5: The Raid 2

 jahresrückblick the raid filme„The Raid 2“ ist ein Epos: Schnell, wild, unberechenbar, dunkel, brutal, eklig, aberwitzig, irre. Und für mich der wohl beste, weil mutigste Actionfilm des vergangenen Jahres – ohne ein bloßer, stumpfer Actionfilm zu sein. Auch die Gangster-Story besitzt ein sauberes Timing und zieht, in Kombination mit den überragenden Kampfsequenzen, den Zuschauer so derartig in seinen Bann, dass selbst die blödesten Smartphonetrottel den Blick durchgehend auf den richtigen Bildschirm richten. Ansonsten droht selbstredend ein Roundhousekick. Die eigentliche Offenbarung der indonesischen Produktion ist aber in jedem Fall die Kameraarbeit, die eine solche Liebe zum Detail ausstellt, das wirklich jede Sekunde der 150-Raid-Minuten irgendwie sehenswert ist. Großes, wildes Kino!

 

Platz 4: Only Lovers Left Alive

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (10)Jim Jarmusch aktuellstes Werk ist vermutlich die strittigste Wahl in dieser Liste. Der Film ist langsam, entschleunigt, hypnotisch. Viele werden ihn mindestens sterbenslangweilig und irgendwie pseudo-irgendwas finden. Die anderen werden ihn regelrecht fressen und lieben. Unterm Strich sehen wir mit „Only Lovers Left Alive“ einen Vampirfilm, in welchen die Vampire nichts von alledem machen, was Vampire als Figuren irgendwie interessant macht. Es wird kaum Menschen ausgesaugt, es gibt keine Kämpfe gegen Werwölfe oder Vampirjäger. Adam und Eve hören experimentelle Mucke, lesen Bücher, schwadronieren. Doch da genau liegt der Reiz. Jarmusch erzählt über Rezipienten und Künstler. Über die Ewigkeit. Über Ängste und Süchte. Gigantisch!

 

Platz 3: Nightcrawler

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (12)„Nightcrawler“ ist ein Film, der dich mit Ekel und Unwohlsein zurücklässt, der dich erschaudern lässt. Viele haben den Film mit „Drive“ verglichen. Doch „Drive“ ist Style und Farbe und Coolnes. Und „Nightcrawler“ ist Dreck, Voyeurismus und Dunkelheit. Jake Gyllenhaal ist überragend und (auch ohne Makeup) kaum wiederzuerkennen: Er spricht anders, er sieht anders aus, er bewegt sich anders. Und ja, das ist sein Job als Schauspieler, aber die Metamorphose gelingt hier beinahe vollendet. Die Performance trägt den Film und lässt auch über die etwas plumpe Medienkritik hinwegsehen. Am Ende müssen wir „Nightcrawler“ aber vermutlich ohnehin als Metapher verstehen. Und als solche entwickelt der Film eine einzigartige Durchschlagskraft.

 

Platz 2: Boyhood

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galaxRichard Linklater ist ein Regisseur, dessen Coming-Of-Age-Erzählfilme komplett ohne filmischen Reize auskommen und dessen Kamerablick oftmals beinahe dokumentarisch daherkommt. Aber Linklater ist eben auch ein Regisseur, der es wie kein zweiter versteht, Zeitgeist, Gefühle und Gespräche einzufangen und damit nichts weiter als die ganze normale, schlichte Normalität aufzuzeigen. Sein Monsterprojekt „Boyhood“ setzte dann alles daran die Wirklichkeit wirklich ins Erzählkino zu übertragen: Wir sehen einem kleinen Jungen tatsächlich beim aufwachsen zu. Linklater drehte über ein Jahrzehnt, immer wieder. Die Schauspieler wachsen mit. Bereits das Konzept sorgte für Hypewellen, die mich extrem nervten. Irgendwann ließ ich mich doch auf „Boyhood“ ein und war schlichtweg begeistert. Für mich persönlich ging der Film beinahe vollkommen auf: Die Narration, die eben auf die großen dramatischen Wendungen verzichtet, offenbart eine ganz  eigene Motivation, die den Zuschauer an die Figuren fesselt. So wird Alltagshorror zum Kinohorror, der dich zusammenzucken lässt. Die meiste Zeit aber hängen wir einfach mit den Hauptcharakteren ab und in Kombination mit der Grundprämisse und den rein optischen Veränderungen der Figuren entsteht ein einzigartiges Kinoerlebniss.  Und selbst die Tatsache, dass aus dem talentierten Kinderdarsteller Ellar Coltrane ein ziemlich miserabler ausgewachsener Schauspieler wird, hat seine Vorteile: „Boyhood“ gibt das vielleicht beste Pubertätsportrait der Geschichte ab, eben weil sich Coltrane wirklich wahnsinnig unwohl in seiner Haut vor der Kamera fühlt.

 

Platz 1: Her

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (23)Ein Typ mit Schnurrbart verliebt sich in sein Betriebssystem. Das klingt strange und irgendwie blöde. Und doch ist „Her“ meiner Meinung nach ein fast perfekter Film. Da ist zunächst die mutige, radikale Idee. Da ist die so clever und grandios durchdachte, zarte, logische Zukunftsvision, die Techniken offenbart, die es geben wird und sogar eine echte Mode und edchten Zeitgeist generiert. Da ist das Drehbuch, das sich auf ebenjener Idee nicht ausruht, sondern immer neue Hakenschlägt. Da sind die fantastischen Darstellerleistungen, obwohl dem einen (Joaquien Phoenix) durchgängig die Kamera direkt in der Fresse klebt und die andere (Scarlett Johansson) keine einzige Sekunde zu sehen ist. Ich lege mich fest: „Her“ ist der bislang großartigste Liebesfilm des neuen Jahrtausend und der beste Film des Jahres 2014. Schlichte, durchdringende Schönheit.

Honourable Mentions

Knapp vorbei ist auch daneben: Dallas Buyers Club war irgendwie schon gut (vor allem aufgrund der Schausspielleistungen), aber der ewige „das-ist-alles-wirklich-passiert-Duktus“ nervte. Für Jean-Pierre Jeunet gilt in der Light-Version das selbe, was ich zuvor über Wes Andersen geschrieben hatte. Die Karte Meiner Träume spielte eindeutig im Jeunet-Universum, erfüllte dessen Regeln aber nicht so lockerleicht wie viele seiner anderen Filme. Trotzdem toll! Gone Girl passt technisch und in Sachen Look fast perfekt in eine Reihe mit „Zodiac“, „The Social Network“ und auch „The Girl With The Dragon Tattoo“, aber auch irgendeinem Grund nimmt sich David Fincher merklich zurück: Der Schnitt ist konservativer, der Look abgespeckt, Trent Reznors Soundtrack irgendwie eingefroren. Schlussendlich spricht es aber vor allem für ein (für mich persönlich) starkes Filmjahr, wenn so ein Fincher Film aus der Topliste rutscht. American Hustle wollte ein Scorsese der 2010er Jahre sein. Dumm nur, dass der Altmeister diese selbst ablieferte und seinen Kollegen David O. Russel Staub fressen ließ. Alleine für die Schauspielerriege lohnt sich das Ding aber allemal. Stromberg – Der Film war selbstfinanziert und eine Kinoversion der Serie und dementsprechend (für einen früheren Fan) supersolide bis sauwitzige Unterhaltung.

Die fehlen noch:

Darüber hinaus gibt es eine Fülle von Filmen, die ich bis dahin leider noch nicht sehen konnte und die vermutlich alle die Chancen hatte, die Liste zu sprengen. Der elephant in the room ist sicher sicherlich Christopher Nolans Interstellar, der einerseits von der Breite überaus positiv aufgenommen wurde (und in den meisten Community gewählten Bestenlisten dominiert) – den andererseits die subjektive Kritik aber auch ordentlich abstrafte. Ich bin in jedem Fall gespannt.  Ein echter Kritikerliebling war indes Under The Skin mit Scarlett Johansson, der so manche Top-Liste anführte und über den ich bis dahin gar nichts weiß. Auf jeden Fall werde ich mir noch die beiden Studio Ghibli Filme When The Wind Rises und Die Legende der Prinzessin Kaguya zu Gemüte führen. Eure Meinungen?

Die Serien:

Platz 6: Review

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (9)…ist eine Comedy-Serie mit strangen Aufbau: Irgendein nullachtfuffzehn-Typ reviewt das Leben. Drei Dinge pro Folge. Von „Ein Sextape drehen“ bis zu „Drogenabhängig sein“. Das macht alles irgendwie keinen Sinn, das Konzept wird (von Beginn an) ständig gebrochen und ist ineffektiv – trotzdem ist das Ding zum Schreien komisch. Supergut!

 

Platz 5: Rick And Morty

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (11)Abgedrehter geht es kaum. Rick and Morty reizt Ideen bis ans Limit aus, es geht drunter und drüber, alles ist bunt und irre und abgefahren und so über-fantasievoll, dass es einfach dermaßen Bock macht, sich die elf Folgen reinzuschauen. Dazu kommt natürlich noch der Humor, der sich ideal an die Optik anlehnt und mit Grandpa Rick eine saugute, dauerbesoffene Hauptfigur.

 

Platz 4: Gomorrha

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (24)Natürlich hat es eine Mafia-Serie im Jahre 2014 nicht einfach. Zuviele bahnbrechende amerikanische Serien hatten sich der Gegenwelt gewidmet, eigentlich scheint alles auserzählt. Nicht aber in Europa, nicht in Italien, wo die Mafia wirklich präsent ist und in der Roberto Savianos Buch „Gomorrha“ echte Schlagkraft entwickelte. Die Serienumsetzung ist  hart, realistisch, erbarmungslos und grandios inszeniert. Alleine die Bilder Neapels sind so überragend eingefangen, dass es sich alleine für diese Shots lohnt den Epos zu schauen. Die Serie hat auch schwache Momente, vor allem wenn sie den realistischen Rahmen zu Gunsten einer beschleunigten Narration verlässt, insgesamt gelingt den Machern aber ein grandioses Stück Fernsehen, das sich zeitweise wirklich mit „The Sopranos“ und „The Wire“ messen kann. Und wieder einmal fragt man sich: Wieso geht sowas nicht in Deutschland!

 

Platz 3: Kindkind

Kindkind-14Die französische Miniserie ist so wahnsinnig gut, dass es sich kaum in Worte fassen lässt. Dabei verknüpft Regisseur Bruno Dumont so viele Dinge, die ich persönlich ganz besondersliebe: Eine Coming-Of-Age-Geschichte, mit dem wohl besten Kindercharakter den es je zu sehen gab, ein ganzes Arsenal an skurrillen Dorfcharakteren, verbunden mit einer Mord-und-Totschlag-Story (der Verweis ist klar: Twin Peaks). Eine echte Sensation! Anschauen!

 

Platz 2: Fargo

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (4)Fargo ist eine Seriensensation: In einem Jahr, in dem gleich reihenweise erfolgreiche Filmkonzepte in das Serienuniversum übertragen wurden, gelang es der Serie nicht nur, den Spirit der Coen-Brothers aufzusaugen sondern darüber hinaus eine außergewöhnliche gefilmte Thriller-Geschichte zu erzählen, die immense Sogkraft entwickelte. Die vielleicht größte Stärke des in sich abgeschlossenen Projekts war die Besetzung: Martin Freeman brillierte als Normalo, der zum Soziopathen mutiert, Billy Bob Thornton erschuf mit Lorne Malvo den vielleicht bester Bösewicht der Seriengeschichte und Allison Tolman schaffte es sogar Francis McDormand legendäre Performance aus dem Original in den Schatten zu stellen.

 

Platz 1: True Detective

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (13)True Detective hatte seine Schwächen: Vor allem die Story, der rote Faden, wurde im Verlauf der Miniserie immer dünner, bis die Auflösung am Ende irgendwie klischeehaft vor sich hin enttäuschte. Aber wie konnte sich True Detective dann trotz der europäischen Perlen und einem Kracher wie Fargo die Pole Position sichern? Zunächst einmal gelang es Cary Fukanaga eine tonnenschwere Atmosphäre (inklusive Hochglanz-Look zu erzeugen), die süchtig macht und dich bereits mit dem (besten Vorspann ever) am Schlawittchen packt und nicht mehr loslässt. Außerdem liefert vor allem Matthew McConaughey aberwitzig ab. Der entscheidende Punkt ist aber das Timing: Immer wieder gelingt es dem Projekt überragende Sequenzen, Momente, Szenen oder auch nur Textfetzen auf den Bildschirm zu knallen, die dich atemlos zurücklassen.

Die Blockbuster:

Platz 5: Drachen Zähmen Leicht Gemacht 2

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (21)Hey, das Ding macht Spaß! Alles ist bunt und wuselt. Und vor allem beweist der Film in Sachen „wichtige Figuren können leiden und sogar den dramatischen Filmtod sterben“ zigfach mehr Eier als alle Marvel-Filme dieses Planeten.

 

Platz 4: Der Hobbit – Die Schlacht der fünf Heere

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (3)Der letzte Teil von Peter Jacksons Mittelerde-Sage ist aufgeblasen und überquillt vor Logiklöchern und Technik-Gewichse. Aber whatever: Das Ding ist halt ein Guilty-Pleasure und zieht dich förmlich in die Kinoleinwand hinein (vor allem in der wirklich gelungenen Auftaktszene). Ansonsten wird kaum einer traurig sein, dass Mittelerde jetzt vollends abgegrast ist.

 

Platz 3: Captain America – The Return Of The First Avanger

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (2)…verbrät seine beste Idee in einer kleinen Zwischensequenz in der Mitte des Films, in welcher irgendein Nazi-Super-Wissenschaftler in einem riesengroßen  Computerraum personalisiert wird. Ansonsten hat Captain America einen sauberen Rhythmus, angenehme Charaktere – leidet aber unter dem Marvel-typischen schwachen Antagonisten und fehlenden Konsequenz in der Narration. Die finale Actionsequenz kickt aber selbstverständlich Ärsche – Riesenraumflugzeugkampfmaschinenkriegswaffenärsche!

 

Platz 2: Snowpiercer

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (18)Bong-Jon Hoo hat mit Memories Of Murder einen der besten Filme der letzten zehn Jahre gemacht. Gemessen an seinen Frühwerken ist Snowpiercer eine Enttäuschung. Gemessen am uninspirierten Blockbuster-Kino Amerikas ist Snowpiercer aber eine Offenbarung. Das Setting, das einem Videospiel-Aufbau folgt und zig verschiedene Welten in Form von Zugwaggons herbeiruft ist wunderbar. Die Action ist typisch-koreanisch. Stylisch, gebrochen, anders. Und das macht Bock – viel mehr aber auch nicht!

 

Platz 1: Guardians Of The Galaxy

guardians-of-the-galaxy-zoe-saldana-chris-pratt…war zweifelsohne der kurzweiligste Blockbuster der Jahres. Weil er so bunt war, wie ein Jahrmarktbesuch. Weil er einen Haufen an sympathische Charaktere erschuf. Weil er trotz des undurchdringlichen, allgegenwärtige Effektegewitters mit Charme und Flow Punkten konte. Und weil er halt einfach unterhaltsam ohne Ende war. Da kam tatsächlich ein wenig Star-Wars-Feeling auf – um ihn dieser Liga mitzuspielen fehlte es aber eindeutig und trotz alledem an ernstzunehmenden Bösewichten und einem doppelten Boden.

 

Die Enttäuschung:

Sin City 2

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (14)Der erste Teil war für mein Teenager-Ich eine Offenbarung in Sachen Optik und Coolnes. 2014 sind Sin City identisch aus, erzählt aber endlos langweilige Storys im immer selben Duktus. Ich hatte wirklich Lust auf diesen Film (zumal die Comic-Vorlage durchaus noch einige gute Storys auf Lager gehabt hätte), aber das Ding war lahm, fad, zäh und glattgebügelt.

 

Dokumentation:

Jodorowsky´s Dune

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galaxy (1)Eins vorweg: Ich habe nicht viele aktuelle Dokumentationen gesehen, Jodorowskys Dune war genau genommen die einzige. Aber die Geschichte eines Films, der nie zustande kam, ist tiptop- und dabei ist es auch völlig egal, ob die vom Altmeister des experimentellen Kinos („El Topo“) aufgetischte Story in allen Details stimmt. Jodorowskys Dune schafft es das irrsinnige Konzept inklusive Orson Welles, Dali, Giger (dessen Auftritte im Film durch seinen  tragischen Tod einen besonderen Wert besitzen) per Imagination auferstehen zu lassen. Und es ist einfach witzig, wenn Jodorowsky in seinem Dialekt die Forderungen Dalis nacherzählt: „I Want Burning Giraffe!“ Ein Film über die vollendete Leidenschaft zur Kunst. Über Irrsinn, Größe und Größenwahn.

 

Deutsches:

Tatort: Im Schmerz Geboren

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (5)Es ist ein wenig bezeichnend für das deutsche Kino, dass ausgerechnet ein Tatort für den aufregendsten deutschen Film des Jahres sorgte. Es ist aber genauso bezeichnend für das deutsche Fernsehen, dass dieser Tatort in Sachen  Intensität und Kreativität, alles andere (und vor allem auch seine Tatort Kollegen) an Fernsehfilmen erbarmungslos knechtete – und „Im Schmerz Geboren“ wohl ein einsamer Ausreißer bleiben wird. Der knallbunte Thriller um Kommissar Murot war ein brachiales, wildes Zitatfeuerwerk, viel mehr als der auf Twitter herbeigezwitscherte  „Tarantino-Tatort“.Ein Stück Film, das seine Liebe zum Film offen und vielfarbig fantastisch zur Schau stellt.

 

Fernsehen:

Die Wirklich Wahre Geschichte von 3Sat

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (22)Das deutsche Fernsehen siecht vor sich hin. Es ist quotenbestimmt und sensationsgeil. Es ist grau in grau. Und es ist feige und eingestaubt. Vor allem aber, und das ist Crux, ist es fantasielos. Ein kleines Stück Fernsehen aber widersetzte sich 2014 all diesen Trends: Wir sprechen über den 30minütigen Kurzfilm/Doku/Mockumentary/Fantasie-Hybrid „Die Wirklich Wahre Geschichte von 3Sat“ von Memo Jeftic. Der auf Celluloid gebackene  Geburtstagskuchen quillt vor Einfällen und Spielformen nur so über, ist gleichermaßen irritierend, wie witzig, wie traurig, wie strange, wie wundervoll. Die Kameraarbeit zieht alle Register an Zooms, Fahrten, One-Shots, oldschool Ausschnitten- und Effekten.  Ein Eiertritt in Richtung Youtubeästhetik. Mehr, mehr, mehr davon!

 

Der Ausblick:

Birdman

Alejandro González Iñárritu dreht einen neuen, tragikomischen Film. Es geht um Superhelden und abgehalfterte Stars. Die Kritik überschlägt sich. Ich bin sowas von gehooked.

 

Inherent Vice

Vier Faktoren: Paul Thomas Anderson im Regiestuhl. Thomas Pynchon liefert die Vorlage. Johnny Greenwood dudelt den Soundtrack. Und Joaquien Phoenix spielt die Hauptrolle. Inhärent Vice dürfte der beste Film des kommenden Jahres werden.

Shakespeare – Der Sturm – Theater Konstanz

Theater Konstanz – DER STURM

„Der Sturm“ startet – wen wunderts – stürmisch. Die Bühne des Konstanzer Theater wird niedergemäht, es pfeift und kreischt von der Bühne herunter, wo wir von der Darstellerriege nur wild durch das Dunkel fliegende Gliedmaßen sehen. Da ein Kopf, da ein Arm, hier ein Hilfeschrei, dort bricht Panik aus. Das Schiff des Königs von Neapel ist dem Untergang geweiht, keiner wird dieses Inferno überleben. Was bleibt ist Zerstörung und Leere. Und eine leere Bühne. Der Auftakt der Inszenierung von William Shakesspeares Klassiker „Der Sturm“ ist eindrucksvoll und zieht den Zuschauer ab der ersten Sekunde mitten in den Text hinein und auf die Bühne hinauf. Das Setting erinnert in seiner spielerischen Darstellung des Sturmes an ein Filmset des Regiepioniers Georges Méliès – das Theater wird in den ersten Minuten des Stücks zum Frühzeit-Kino, mutiert aber alsbald zurück auf die Textebene.

Theater Konstanz – DER STURMDenn dem Ende wohnt natürlich ein Anfang inne. Und jetzt sehen wir Prospero, den eigentlichen Autoren und Strippenzieher des Sturms. Der verschmähte Herzog von Mailand strandete einst mit seiner Tochter Miranda auf dieser magischen Insel, an der nun das Schiff seines Konkurrenten zerschellte. Doch Prospero, der weltliche Herrscher, der in diesem Wunderland eigentlich dem Untergang geweiht schien, begann die magische Luft zu atmen und besiegte in der Folge die Hexe Sycorax (die wir als Zuschauer gar nie zu Gesicht bekommen), machte sich ihren Sohn Caliban zum Sklaven und befreite zusätzlich den Geist Ariel, der im fortan immer wieder zur Hand geht. Mit den Mitteln dieser neuen Welt macht sich Prospero nun daran, seine Schulden aus der alten Welt zu begleichen. Und jetzt wird klar: Er steckt hinter dem Sturm, der wie durch Zufall all seine Feinde auf die Insel schwemmt. Was nun folgt ist ein Alptraum von einem Schachspiel, in welchen Prospero alle Akteure gegeneinander ausspielt und die geordnete, politische Welt in einem Schwall von unberechenbaren, kunterbunten Faktoren zerschellen lässt.

Theater Konstanz – DER STURMShakespeares letztes Stück wirkt angesichts der Zeit und des darüberhinausgehenden Werkes des Autors beinahe wie ein postmoderner Flickenteppich, der mystische Elemente mit Bezügen zur Antike, Ideen zur Zauberei und Zitaten aus Abenteuergeschichten durch den Fleischwolf dreht. Der Text ist verwirrt und verwirrend, Traum und Experiment, eine kunterbunte, kaum fassbare Robinsonade, die aber auch gleichermaßen politische wie mystische Bilder durchdenkt und sowohl zu Beginn in einem Sturm sowie zum Ende in einer finalen Konfrontation explodiert.

Theater Konstanz – DER STURMChristine Eders Inszenierung am Theater Konstanz gelingt es genau diesen Flow und Charakter der Vorlage perfekt zu treffen. Die Konstanzer Version ist unglaublich kurzweilig, die sieben Darsteller sind durchgehend in Bewegung, nutzen jeden Winkel, jedes Schlupfloch der Bühne. Bemerkenswert ist vor allen Dingen der absolute homogene Wechseln der Rollen – ein Großteil der Darsteller übernimmt mehrere Rollen, die dann teilweise parallel auf der Bühne zu finden sind. Einzig Ralf Beckords (er mimt den Prospero), besonnenes und doch doppelbödiges Schauspiel, lässt ab und an Zeit zum verschnaufen. Ansonsten steht der Zuschauer unter einem wunderbaren Dauerbeschuss, der vollste Aufmerksamkeit fordert.

Theater Konstanz – DER STURMDer Zuschauer verfolgt mehrere Erzählstränge, in denen unterschiedliche Gestrandete zusammenfinden und die dann im Verlauf des Stückes Stück für Stück wieder zueinander geführt werden. Zwischendurch bläst immer wieder dicker Nebel auf die Bühne, ein surreales, alles in sich hinein fressendes Bild, das die Szenen zurücksetzt, das Stück scheinbar restartet. Das dabei entstehende Gewusel ist absolut kurzweilig und durchzogen von kleinen, aber feinen Happen, die das Publikum wie der (inszenierte) Liebesgeschichte der beiden Sprösslinge der Monarchen, einer total überraschende Tanzeinlage, einem ausufernden Trinkgelage, Ariels Interaktion mit den Zuschauern und, und und. „Der Sturm“ gleicht in dieser Version einem surrealen Trip, einem Traumgebilde, das sich perfekt im Motto des Theater Konstanz „Damit ich dich besser fressen kann…Märchen, Mythen und Europa“ verordnen lässt.

Und dann, zack, ist der Traum aus. Das Stück endet nach 70 Minuten, die sich effektiv wie 15 anfühlen. Was bleibt ist ein Gefühl, wie wen gewaltsam aus einem Traum gerissen wird. Der Kopf ist voller Bilder und Sprachfetzen, die alle nicht so richtig zusammenpassen und an denen man noch Stunden später zu knabbern hat, weil man sie einordnen will und weiterdenken – aber dazu nicht so richtig in der Lage ist. Oder doch?