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Normalerweise spricht man bei einer Vernissage über einen Anfang. Über das Beginnen und Starten. Oder aber: über das Ende, das Finale eines jetzt eingefrorenen Prozesses, der sich nun, in sich abgeschlossen, präsentiert und zur Schau stellt. Aber heute soll’s nicht ums Anfangen gehen. Und nicht ums Enden. Sondern um das Dazwischen.

Um konkrete Kerben, um die Risse im Asphalt. Um offenstehende Zahnlücken, die uns breitgrinsend anlächeln.

„I know i was born and i know i will die / the inbetween is mine“, sang einst Pearl Jam Frontmann Eddie Vedder, frei übersetzt: ich weiß, dass ich geboren wurde und ich weiß, dass ich sterben werden, aber das dazwischen gehört mir.

Trotzdem sprechen wir viel zu selten über die Zwischenräume, weil sie uns wahrscheinlich nicht glamourös und dramatisch genug sind. Ein Beginn steckt voller brachliegender Energie, die sogleich in alle Richtungen ausbersten wird – und das Ende fasziniert uns, weil es eben final ist, weil es den Schlusspunkt und die Pointen setzt. Der Anfang entzündet die Erwartungen, das Ende bündelt und (im Fall von Kunst) verrätselt sie. Das Dazwischen aber, naja, da kann man auch darüber hinweg sehen.

Jeder Hollywood-Blockbuster setzt alles daran, dass es besonders zu Beginn und kurz vorm Abspann so richtig scheppert, weil das die Momente sind, in denen die Aufmerksamkeitsspanne am höchsten ist. Der britischen Sprachwissenschaftler Graham Rawlinson entdeckte indes bereits 1976 an der Universität von Nottingham, dass die Reihenfolge der Buchstaben in einem Wort keine besonders große Rolle spielt, solange der erste und der letzte Letter fest verankert stehen. Das Dazwischen aber lässt sich willkürlich durcheinander werfen, ohne dass es für das geübte Gehirn ein Problem darstellen würde.

Warum also überhaupt über Zwischenräume sprechen?

Die Antwort darauf ist einfach: Anfang und Ende sind berechenbar. Langweilig. Tausendfach gehört, besprochen, durchdacht und erlebt. Aber das Dazwischen, das verformte, die Randnotizen und Fußnoten, die bleiben oft verborgen und verschluckt.  Aber wenn sie hier in einer der Wohnungen anfangen den Putz abzukratzen, dann purzeln ihnen die Begriffe nur so entgegen: Überschichtung, Sedimente, Segmentierung, fiktionale Archäologie, Ethnogeologie und Ethnopoesie. Soll heißen: Hier, im Dazwischen, da spielt sich das wahre, greifbare, pulsierende und pumpende Leben ab … und überhaupt: wenn wir das Dazwischen in seine Konnotationsebenen zerlegen, dann landen wir ganz schnell bei dazwischenfunken. Eingreifen. Sich bemerkbar machen.

In der Informatik, das spült mir Wikipedia in die Recherche, steht der Zwischenraum für nicht dargestellte Zeichen. Ein Leerraum. Whitespace. Und von hier aus ist es nicht mehr besonders weit zum weißen Rauschen – sowieso ein Lieblingsbegriff, weil er immer wieder auftaucht und immer wieder passt.  Sie wissen schon: Alles, aber auch nichts. Aber gleichzeitig. Auch hier, in der Romeiasstraße, galt es, den Whitespace mit Bedeutung zu füllen und den Überschuss an Informationen zu filtern, bis sich wieder Kontraste und Konturen abzeichneten. Arte Romeais ist eine Umcodierung, eine Befreiung von Zeichen aus ihrem festen und vielleicht festgefahrenen Rahmen.

Der Sänger der Einstürzenden Neubauten, Blixa Bargeld, bezeichnete Architektur einst als Geiselnahme. Weil sie nach ganz klaren Regeln funktioniert und funktionieren muss.

Parkourläufer, Freerunner, Fassadenkletterer und Graffitikünstler hacken Architektur –

und hier, in der Kunst, da sind wir die Verhandlungsführer und schlussendliche Befreier. Wir stürzen uns ins weiße Rauschen und schwimmen und tauchen und spritzen damit herum wie Bodensee-Badegäste an einem heißen Sommertag. Voller Lust an der Bedeutung und der Nicht-Bedeutung.

Und yes, ja: wir sind Nomaden. Alle Künstler sind Nomaden. Das waren wir schon immer, also im Kopf. Zelte aufbauen, wirken, bauen, denken, malen, schreiben, einreissen, zereissen, zeichnen, formen, hämmern, klopfen, klatschen. Zelte abbauen. Weiterziehen. Und von vorne. Enden. Anfangen. Ende! Neu! einstürzENDE NEUbauten (=passt ja). Und dazwischen? Na, Prozess, was auch sonst! Aber heute, da ist das Nomadentum durchdringender und präsenter geworden. Kunst, die früher endlos schien und stetig nach Unsterblichkeit strebte, agiert heute anders. Schneller, vitaler, energetischer. Gieriger! Die Frage nach Raum wird immer wichtiger. Was aber ist Raum? Für uns in Europa gilt es als Standard und Grundrecht, dass jeder Mensch seinen Raum besitzt. Einen Rückzugsort, an dem er alleine sein kann und darf, abseits aller Kommunikationsstränge und Dialogschlingen.

In der Mongolei, dort wo es die letzten wirklichen Nomaden gibt, spielt Raum keine Rolle. Er ist sowieso überall. Die ewige Weite der Wüste Gobi erstreckt sich in alle Richtungen, soweit das Auge reicht. Und 5, 10, 15 Menschen leben auf engsten Raum in der Jurte, die allzeit verschiebbar ist. Im Umkehrschluss: Raum kann alles sein. Du musst dich nur auf ihn einlassen und ihn für dich definieren, umschreiben und einehmen.

Und natürlich müssen wir über Transformation sprechen. Über Wandlungen und Verwandlungen. Sie wissen: hässliche Entlein und schöne Schwäne. Und viel interessanter: anders herum. Wenn das schneeweiße Gefieder des Schwanes seinen Glanz verliert und plötzlich wieder Graustufen aufweist, das Entlein aber plötzlich funky dasteht – aber davon hatten wir es ja schon. Meistens bedeutet Transformation ohnehin Zerfall! Das ist abhängig vom Blickwinkel. Wenn sich die Natur zurückholt, was ihr sowieso gehört. Und in Metamorphose steckt nicht umsonst das Meta – jede Umformung ist auch ein rückgewandter, poetologischer oder mindestens poetischer Kommentar über die Umformer und über uns selbst. Ich weiss leider nicht, wann Sie sich das letzte Mal verwandelt haben, aber ich kann ihnen nur raten: tun sie es schnellstmöglich wieder, den im Abstreifen des Ichs und Übersteifen eines Anderen liegt ein faszinierender Lustgewinn. Der mittlerweile tausendfach ausgelutschte Internetrohrkrepierer: „Ist das kunst oder kann das weg?“ scheint hier jedenfalls absolut obsolet: Ja, es ist Kunst. Und ja: es kommt weg.

Genau das ist doch das Schöne und Faszinierende, das uns magnetisch in die Zwischenräume zieht. All diese Vorgänge trägt Arte Romeias in seiner DNA und wir alle haben heute das Glück, dass wir wie Molekularforscher durch die Blutbahnen dieses Projektes segeln können. Lasst euch von nichts aufhalten. Von nichts und niemandem. Diskutiert und streitet. Über die Kunst, und all die Rattenschwänze, die sie hinter sich herzieht! Lasst euch euphorisieren und nicht lang langweilen. Ein Hochfest der Vergänglichkeit! Werdet Teil von Arte Romeias!

Werdet Arte! Werdet Romeias!

SHIVERS

„Fantastischer Film ist nicht einfach nur Grusel!“

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Am letzten Novemberwochenende findet im Zebrakino Konstanz ein besonderes Filmhighlight statt: Das Filmfestival SHIVERS hat seinen Schwerpunkt im Bereich Horror und Fantasy. Vorab sprach RisseImAsphalt mit Stefan Schimek, seines Zeichens Co-Festivalleiter und Programmhauptverantwortlicher des Festivals, über seine Leidenschaft zum fantastischen Film, das Festivalprogramm und die Organisation. Das nachfolgende Interview erschien bereits gekürzt im Südkurier.

SHIVERS ist ein Festival des Fantastischen Films. Was bedeutet das genau? Was ist die Faszination an Fantasy- und Horrorstoffen auf der Kinoleinwand?

Stefan Schimek: „Fantastischer Film ist nicht einfach nur Grusel: Das Genre-Kino setzt sich nicht selten auf ziemlich clevere, so subversive wie originelle – und gerne auch überspitzte – Art und Weise mit aktuellen Themen auseinander, denkt sie weiter, verzerrt sie und entwirft dabei oft überaus faszinierende Szenarien. Dabei ist dieses Sujet vor allem für Nachwuchsfilmer reizvoll: Man kann sich mit kleinem Budget im Grunde nach Lust und Laune austoben, sich ausprobieren und experimentieren. Viele bekannte Regisseure haben mit Fantasy- und Genrestoffen ihr Handwerk gelernt. Selbst Legenden wie Fritz Lang, Alfred Hitchcock, Steven Spielberg oder Stanley Kubrick haben den einen oder anderen fantastischen Stoff in ihrer Filmographie stehen.

Wie arbeitet das SHIVERS-Team? Wer gehört dazu? Wer übernimmt welche Aufgaben? Was wäre eine griffige Definition der SHIVERS-Idee?

Das SHIVERS-Team besteht aus Zebramitgliedern, die allesamt ehrenamtlich im Verein engagiert und fast ausschließlich Studenten sind. Es gibt für alle Bereiche – Programmation, Design, Sponsoring usw. – Hauptverantwortliche, aber in der Regel wird am Ende alles basisdemokratisch entschieden.

Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, jedes Jahr aufs Neue ein Programm auf die Beine zu stellen, das dem Konstanzer Publikum viele der Highlights und Geheimtipps des jeweiligen Festivaljahres in ihren Originalversionen präsentiert. Sowohl hinsichtlich der Produktionsländer als auch der behandelten Themen – und natürlich der Genres – soll ein möglichst breites Spektrum abgedeckt und somit für jeden Geschmack etwas dabei sein. Ob nun amerikanischer Neo-Western, italienischer Mafiakrimi, laotischer Mystery-Thriller oder iranisch-jordanisch-britischer Geisterfilm: Hier sollten fast alle Filmfans fündig werden.“

Wie stellt ihr das Programm zusammen – ihr habt viele Filme lange Zeit vor Kinostart im Programm. Wo grabt ihr nach Perlen? Ist es schwierig, bestimmte Kracher ins „LineUp“ zu bekommen?

Viele der Filme sichten wir auf größeren Festivals wie z.B. der Berlinale, dem Filmfest München oder in Locarno. Darüber hinaus sichtet das gesamte Team gemeinsam im Zebra, vor allem die Kurzfilme. Letztes Jahr wurden diese noch allesamt bei den diversen Filmemachern und Kurzfilmagenturen angefragt. Für den Kurzfilmwettbewerb im Rahmen des SHIVERS 2016 gab es erstmals Einreichungen, so dass die Zahl der zu sichtenden Kandidaten auf über 200 stieg, von denen am Ende knapp über 20 ausgesucht werden mussten.

Jedes Jahr gibt es Filme, die man sehr gerne zeigen würde, vom deutschen Verleih oder dem Weltvertrieb jedoch keine Freigabe bekommt. Das kann vielerlei Gründe haben. Manchmal scheitert es an zu hohen Preisvorstellungen des jeweiligen Rechteinhabers, manchmal aber auch daran, dass dieser den Film zu einem späteren Zeitpunkt auf einem größeren, prestigeträchtigeren Festival präsentieren möchte. Mit einer guten Portion Verhandlungsgeschick, viel Geduld und etwas Glück hat man aber doch überraschend oft Erfolg.“

Für Leute, die noch nie ein Filmfestival besucht haben: Wie funktioniert das denn eigentlich?

Im Gegensatz zu vielen regulären Kinovorstellungen bieten wir beim SHIVERS wie jedes Jahr ein umfangreiches Rahmenprogramm: Interviews mit Filmemachern, Einführungen zu bestimmten Filmen, ein breites Catering-Angebot und Gewinnspiele zu Beginn vieler Vorführungen. Es wird also eine Menge geboten. Zusätzlich zur Eintrittskarte bekommt man bei den Vorstellungen der aktuellen Filme (Official Selection) außerdem einen Bewertungszettel, in dem man dem jeweiligen Film eine Schulnote geben kann. Am Ende wird dann daraus der Publikumssieger des Festivals ermittelt. Zusätzlich zur Eintrittskarte für einzelne Vorstellungen gibt es – wie bei den meisten Festivals üblich – auch einen SHIVERS-Festivalpass, mit dem man Zugang zu allen 15 Vorführungen hat.“

Zudem gibt es einen Kurzfilmwettbewerb – wer sitzt in der Jury? Was sind die Eigenheiten des fantastischen Kurzfilms? Gibt es da eine erkennbare Entwicklung aufgrund des anhaltenden technischen Fortschritts?

Eine dreiköpfige Jury vergibt auch dieses Jahr wieder den SHIVERS Shorts Award an einen der über 20 Kurzfilme im Wettbewerb. Sebastian Selig frönt freiberuflich seiner großen Leidenschaft, dem Kino, indem er für diverse große deutsche Filmmagazine schreibt und auch öfters für FM4 tätig ist. René Walter betreibt seit vielen Jahren erfolgreich den äußerst beliebten Popkultur-Blog www.nerdcore.de und Dr. Anna Grebe ist neben ihrer Arbeit als Dozentin und Medienschaffende ehrenamtlich u.a. als Prüferin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) tätig.

Durch die rasante Digitalisierung ist es sehr viel einfacher und vor allem günstiger geworden, speziell Kurzfilme zu produzieren, da man nicht mehr zwangsweise auf teures analoges Filmmaterial angewiesen ist. Auch das Einfügen hochwertiger Spezialeffekte ist deutlich erschwinglicher geworden. Dadurch werden Kurzfilme aber kurioserweise tendenziell immer länger.“

Wie steht es deiner Meinung nach um den deutschen Genrefilm – wird viel deutsches Kino beim SHIVERS 2016 zu sehen sein?

Vor allem in diesem Jahr sind sehr viele gelungene deutschsprachige Genre-Produktionen in den Kinos angelaufen. Wir hatten dazu auch eine eigene mehrwöchige Filmreihe, in deren Rahmen wir u.a. Nikias Chryssos‘ DER BUNKER oder Akiz Ikons DER NACHTMAHR gezeigt haben, die beide ganz großartige Beispiele für den aufstrebenden deutschen Genrefilm sind. Es gibt also durchaus einen Aufwärtstrend, und wir sind gespannt, was das nächste Jahr so zu bieten hat.

Aber auch beim SHIVERS 2016 wird es wieder einen deutschsprachigen Beitrag zu sehen geben, und zwar Tobias Nölles beeindruckende, in atmosphärische Bilder getauchte und mit verschrobenem Humor gespickte Charakterstudie ALOYS. Direkt im Anschluss wird der Regisseur via Live-Skype-Schaltung auf der Zebra-Leinwand dem Publikum Rede und Antwort stehen.“

Was sind deine persönlichen Highlights im diesjährigen Programm – welche Filme sollte man auf gar keinen Fall verpassen? Wer ist dein Favorit für den Publikumspreis?

Grundsätzlich sind natürlich alle Filme im Programm toll! Sehr empfehlen kann ich unseren bereits erwähnten deutschsprachigen Spielfilm ALOYS am Freitag, den 25.11., eine erstklassige Mischung aus exzellent gespieltem Drama und eigenwilliger, unaufgeregter Komödie. Aber auch im Nachmittagsprogramm am Wochenende gibt es zwei Geheimtipps: Am Samstag, den 26.11., zeigen wir um 15 Uhr den spannenden italienischen Politkrimi SUBURRA von den Machern der TV-Serie GOMORRHA, die erst kürzlich bei Arte zu sehen war. Am Tag darauf, dem 27.11., beginnen wir den Festivaltag um 14 Uhr mit einer komplett restaurierten Fassung des tschechoslowakischen Historienepos MARKETA LAZAROVÁ (1967) in brillanter Bildqualität. Ein bildgewaltiger, beeindruckender Klassiker des europäischen Kinos, den es in dieser Fassung noch nicht auf deutschen Leinwänden zu sehen gab, und einer meiner persönlichen Favoriten.“

Info:

Das Genrefilm-Festival SHIVERS findet vom 24. bis 28. November im Konstanzer Zebrakino statt und zeigt elf brandaktuelle Highlights und Geheimtipps des Festivaljahres 2016, zwei Kurzfilmblöcke und zwei Filmklassiker. Die Ticketpreise pro Vorstellung liegen bei 7 Euro , respektive 6 Euro (ermäßigt). Der Festivalpass ist für 70 Euro ( 60 Euro ermäßigt) zu haben.

Fraktus II – Fauststudio – Scheer

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Sie arbeiten seriös. Wirklich. Sie arbeiten ganz seriös an der Zerstörung der Welt.“, sagt Jochen Irmler (Faust), in dessen Klangband-Studios in Scheer Fraktus II am vergangenen Freitag Premiere feierte, vor dem Konzert über Bernd Wand, dessen Mutter und Carsten Meyer. Wenige Minuten später wissen wir, was Irmler mit dieser Beschreibung meinte. Denn Fraktus II sind nicht zu greifen, absolut unfassbar. Zu Beginn der Show platziert sich Irmler selbst am linken Bühnenrand, hinter seinen selbst konstruierten Orgelaufbauten, die rein optisch an die Skyline einer dystopischen Metropole erinnern.

dsc_2141Rechts aber greift Meyer, „der musikalische Leiter der Expedition“, in die Organe seines Flügels. Präparierte Orgel trifft – frei nach John Cage – auf präpariertes Klavier. Zwischen den Klangschüben huscht Mutti Wand schüchtern auf die Bühne und Bernd Wand schiebt sich unter einem riesigen Schildkrötenpanzer aus Eierboxen durch die Publikumsreihen. Es folgt ein minutenlanges Pamphlet des Bandleaders: „…eine absichtlich herbeigeführte Explosion im Klanglabor. Alle Petrischalen platzen unter liebevollen Ohren des Tonkollektivs. Diese Reinigungskosten könnte kein Mensch bezahlen. Das ist das Wunder von Scheer!“

dsc_2134Erst jetzt wirft Meyer die elektronischen Maschinen an und es vermischen sich Neue Deutsche Welle, Schlager, Techno und Krautrock zu einem ganz neuen, auf der Rasierklinge der Realität balancierenden Genre. Das Fraktus II hier im vermeintlichen Nichts das Licht der Welt erblickt ist folgerichtig. Nach dem Ende von Fraktus (aufgearbeitet in der gleichnamigen und längst legendären Mockumentary) war Bernd Wand nach Brunsbüttel zurückgekehrt und hatte nicht nur im Optikergeschäft seiner Eltern gearbeitet, sondern mit ebendiesen auch Fraktus II gegründet. Bereits im Film formulierte Wand den Wunsch einmal auf dem Klangbad-Festival aufspielen zu wollen. Im Sommer wurde diese Sehnsucht zumindest teilweise erfüllt: Fraktus II reisten für eine Woche ins Donautal und setzten gemeinsam mit Klangtüftler Irmler und offiziell gefördert vom Land Baden-Württemberg ihre Debütplatte „Optische Täuschung“ um. Das kann man sich alles nicht ausdenken!

dsc_2168Das Bewusstsein ist nur eine temporäre Haltestelle auf dem Weg in den Wahnsinn!“, erklärt dann auch Bernd Wand und als Zuhörer merkt man deutlich, wie einem die Begriffe wie Sand zwischen den Fingern zerrinnen. Bei „Farben und Verläufe“ schraubt dann Irmler magnetische Klangschrauben aus der Tiefen seines Krautrockgolems, während Wand sich selbst dabei filmt, wie er Farbe auf eine rotierende Papier-Schallplatte träufelt und seine Mutter und Carsten Meyer das Tanzbein schwingen. Und eben weil Musik begrifflos erscheint, erlaubt sie eigentlich keine solche Ironie. Anders als in der bildenden Kunst finden Abstraktion, Karikatur und Naivität nur selten ihren Weg in Bandprojekte, weil die meist für mehr stehen und stehen müssen. Für Politik, für Bewegungen, für das eigene Ego. Fraktus II sprengt diese ewigen Beschränkungen mit Leichtigkeit. Und auch mit Ironie, klar, aber stetig im des Parametersystems der Hoch- und Popkultur und ganz bewusst auf den Moment der aufklappenden Falltüre hin komponiert.

Das Konzert ist schreiend komisch, vollkommen absurd, total gaga auf so vielen Ebenen und dann doch wieder tragisch bis melancholisch in seinen unzähligen kleinen Gesten. Realität und Hyperrealität und Performance und Fiktion und Irrsinn verschmelzen zu einer hybriden Masse und es bleibt dem Rezipient überlassen, wie er diese nun für sich verformt. So muss Dada vor 100 Jahren auf den vormodernen Menschen gewirkt haben. Fraktus II ist Dada hoch 3. Dadadada!

Nach dem Konzert sitzt die Band gemeinsam in den Räumen der ehemaligen Papierfabrik. Ein Besucher verabschiedet sich vom Frontmann: „Tolle Nummer war das, danke, äh, Bernd, oder ähm… Jacques. Ja wie denn jetzt?“ „Jacques Palminger, jetzt hier, da kann ichs ja sagen. Von einer Kunstfigur in die andere…“ Der Druck fällt sichtlich und gemeinsam mit dem jetzt abgezogenen Rollenmantel ab und jetzt erst offenbar sich harte Arbeit, die zermürbenden Denkprozesse im Spiel mit dem Wahnsinn und der Authentizität. Aber Authentizität, springt wenig später ein Meyer ein, ist ja sowieso das größte Unwort überhaupt.

Syndrome/ Alcest/ Mono – Winterthur – Salzhaus

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Inmitten des Songmonsuns „Pure As Snow“ schnappt sich Gitarrist Takaaira Goto kniend sein Werkzeug und rammt die E-Gitarre wie ein Kruzifix in den Boden. Und da liegt er nun, die neue erschaffene Gottheit anbetend, wie eine soeben gestrandeter Robinson, während die von seinen Bandkollegen losgetretenen Klangwellen über ihn hinüber schwappen. Nach einigen reglosen Sekunden des Innehaltens rafft sich Goto auf und schraubt wie von Sinnen an den vor ihm liegenden Sound-Geräten und jene Welle zucken gespiegelt zurück. Bei aller angesammelter Konzerterfahrungen – einen Moment von solcher Klarheit und Emotion erlebt man nur in den seltensten Fällen. Das japanische Postrock-Quartett Mono ist definitiv keine gewöhnliche Live-Band.

Bei aller digitalen und weltweiten Vernetzung gibt es für uns Mitteleuropäer doch immer noch Länder und Kulturformen, die sich uns mit unserem Wissensschatz und unseren Denkstrukturen nur schwer erschließen. Das Land der aufgehenden Sonne erscheint hier als Paradebeispiel einer Gesellschaft, die zwar hypermodern agiert (zumindest in Tokio), sich aber dennoch für uns so fremd, andersartig und exotisch präsentiert. Das gilt vor allem auch für die Kunst und die Popkultur. Abseits der Regie-Genies Kurosawa, Myasaki und Kitano hat kaum ein Künstler den Weg in den westlichen Mainstream gefunden. Und seien wir ehrlich: Wer nicht gerade einen Hobby-Japanologen in seinem Freundeskreis weiß (oder selber einer ist), der kennt für gewöhnlich auch keine japanischen Popstars. Dabei ist die dortige Musikszene bunt,vielfältig und überbordend. Ein Großteil der bekannteren japanischen Bands wie Dire En Gray oder Babymetal vermischen die Genres J-Pop oder J-Rock mit Visual Key, verbinden also einen absolut abgefahrenen und nicht selten Kitsch überladenen Kaugummi-Pop-Rock oder sogar Heavy Metal mit einer auffallenden und nicht selten an Manga erinnernden Optik. Abseits davon gibt es aber eine Fülle von hochspannenden Bands, die sich in experimentellen und technischen Gefilden wie Post-, Prog- oder Stonerrock austoben und auch im Westen als stilprägend gelten. Wir denken Boris, an Envy und eben auch an Mono. Letztere spielten am vergangenen Dienstag im Salzhaus in Winterthur ein absolut denkwürdiges Konzert.

Eigentlich es ist an dieser Stelle fast ein wenig kurzsichtig den Fokus alleine auf die Japaner zu richten, teilt sich Mono den Zugpferdstatus auf ihrer gegenwärtigen Tour mit den Franzosen von Alcest. Mehr noch: Die niederländische Ein-Mann-Maschine Syndrome erweitert das Ganze zu einer Art Mini-Festival. Alcest, die eine komplett neue Spielart des Shoegaze entwickelten, indem sie ebendiesen mit Metal und Postrock-Waben verklebten, spielen eine straighte Show, die sich gewaschen hat. Laut und durchdringend bis an die Schmerzgrenzen, schälen sich durch das vermeintliche Chaos doch stetig melodische Spurverläufe.

Im monumentalen Mono Opener „Death In Rebirth“ geht es da im Vergleich fast ein wenig harmlos zu: Während Schlagzeuger Yasunori Takada im Hintergrund munter vor sich in werkelt und Bassistin Tamaki Kunishi recht abwesend in die Saiten greift, sitzen die beiden Gitarristen Yoda und der angesprochene Goto zunächst sogar brav und diszipliniert auf Pianohockern. Alles wirkt abgeklärt, sicher, normal und erwartbar. Im weiteren Songverlauf aber entsteht zwischen den beiden Gitarristen ein massiver, wirbelnder Sog, der immer stärker zu vibriert und schon bald gewaltig bis gewaltsam rotiert und rotiert und rotiert.

Monos Postrock, das zeigen unzählige Erfahrungsberichte, hat die Eigenschaft seine Zuhörerschaft in eine Art anderen Zustand (mit den besten Grüßen an Robert Musil) zu versetzen. Das liegt sowohl an den immer schwerer tönenden, sphärisch sägenden Klängen, die sich typischerweise über den Hörer aufschichten und ergießen, aber auch an der konzentriert destruktiven Struktur, die sich nur in den seltensten Fällen an klassischen Songwriting orientiert. Auch in Winterthur zerfließen Zeit und Raum… Monos größte Stärke liegt live in der finalen Ausreizung der Kreisbewegung bis zum Kollaps. Unter dem brachialen Einfluss des marternden Soundgolem „Requiem For Hell“ lösen sich alles sicher geglaubte Formationen auf, die gewohnten Bausteine zerfahren in alle Himmelsrichtungen, zerschellen und ziehen sich doch wieder an wie Magnete. Mono, die vierköpfige Hydra, verschluckt seine Hörer und spuckt sie wieder aus, mittenrein in die ganz normale Welt, die dir mit dröhnenden Trommelfell ein wenig dekonstruiert vorkommt.

Interview mit Langtunes (Iran) und Ramzailech (Israel) im Zuge der Secret Handshake Tour

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Das anhaltende politischen Krisengemenge im Nahen Osten ist 2015 präsenter als je zuvor. Kriege, Krisen, Terror, Jahrhunderte andauernde Fehden und Feindschaften, zerschossene Kultur, wohin das Auge reicht. Positive Meldungen sind kaum zu vermelden oder werden von den allgegenwärtigen Hiobsbotschaften einfach verschluckt. Doch mitten in diesem scheinbar undurchdringbaren Strudel der Gewalt und Unterdrückung, haben sich zwei Bands aus zwei Welten zusammengefunden, um gemeinsam gegen den Strom zu schwimmen, sich die Hände zu reichen und gemeinsam zu „Devil Horns“ zu formieren – als Zeichen des Friedens, aber auch der Rebellion. Ramzeilech aus Israel und Langtunes aus dem Irans gehen im November gemeinsam unter der Fahne „The Secret Handshake“ auf Europatournee und spielem 24.11. auch im Konstaner Kulturladen und präsentieren auch abseits des natürlich präsenten politischen Diskurs, einen außergewöhnlichen, vielschichtigen Konzertabend. Denn während die Langtunes eine eingängigen, konzentrierten Indierock spielen, sind Raumzelech echte Pioniere im Feld des „Electric Hardcore Klezmer“.Im Gespräch mit RisseImAsphalt sprachen Behrooz, Frontmann der Langtunes und Ramzailech Gitarrist Amit über ihre Heimat, kulturelle Unterdrückung und eine einzigartige, musikalische Freundschaft. (Das nachfolgende Interview habe ich in englisch veröffentlicht. Allerdings ist das Gespräch gekürzt und übersetzt im Südkurier erschienen (KLICK!))

 

How does rock music function in your home countries? Is there a real alternative scene?

Langtunes: „There’s no function in which you can describe the way rock music is working Iran. Meaning, there’s no official platform, opportunity or ways, for the musicians to work. But of course, you can’t stop the people from doing what they wanna do! So people go to the underground and start doing what they wanna do under the radar of the government! If there’s not a chance to publish some kind of a music, they do it online. If there’s not a concert allowed, they do it in their basements and private parties. If there’s not a chance to make ssome kind of a movie, you do it illegally and screen it outside of Iran, if there’s not a chance to have a fashion show, you build up your own stage and you invite people around you and do it in private, and it goes on and on…So there is a function sort of , for the alternative scene to say, but it’s all working in the underground.“

Ramzailech: „Rock and heavy music is a big part of our musical language. We, Gal and Amit, grew up together but listened to a lot of different music. So between the two of us there’s anything from traditional Klezmer music like Dave Tarras and Giora Feidman to heavy industrial influences like Das Ich, Ministry and Oomph. That diversity between our influences is a key factor to the sound of Ramzailech. There are some amazing bands here in Israel that play all genres from straight-ahead rock to doom and noise. Some get a chance to go overseas and have some sort of recognition while others stay under the radar. You should check them out!“

 

Especially in Iran it is forbidden to spread Western music – did you often come into conflict with the law? How could the establish the Langtunes under these circumstances? In germany a lot of people recognized the succes of „Taxi Tehran“ – are there many artists who set against the current politcal situation Iran?

Langtunes: „As long as you stay under the radar, you’ll be fine! You need to be smart, and know your way around! Of course, there were some trouble for us with the officials over the years, but nothing that big that could stop us from working. And it all depends on how big you get with your audience inside Iran. If you would catch some big attention inside or outside of Iran, then you might get into trouble, as did the guy who made this “Taxi Tehran” movie, who ended up in jail. So of course there’s trouble on your way, but you never know what the consequences would be!“

 

And what about Israel? What to the people think, when you tell them that you are on tour with a band from Iran?

Ramzailech: „We weren’t sure how people would react to the idea, but the more people we’ve talked to, we we’re happy to learn that people are interested and supportive: We we’re playing a festival in Israel and during the show we told the audience about the tour and we got a round of applause. That was an amazing feeling.“

 

How did the meeting between your two bands go? Did you understand each other immediately? Was there sympathy between your groups from the beginning?

Langtunes: „From our perspective, it was as much unimportant where the guys from Ramzailech are, as it could be! We had the communication, as humans, musicians, with the same goal and same spirits. We were easy together, and later came the thoughts of being from these two “forbidden to meet” nations. So that brought us to the thought of “hey, does it really matter where you come from?” and enjoying this concept of a humanistic relation between two groups of people who are not “supposed” to be friends together, but ended up being so, we thought of working with it, showing it to the other people as well, and promoting this way of thinking. No matter how open minded we are, or whether or not we are super intellectuals, we often see people having these borders in their head. “where are you coming from?” is a question people ask each other everyday, and so follows the tags, the prejudices and thoughts towards each other, depending where we are coming from. That’s what we didn’t feel! That’s what we are trying for the people to realize!“

Ramzailech: „We’re all people, we met each other, got along from the very first moment, had a great concert together and that was that. That’s how easy it was. Maybe we owe some credit to the turkish restaurant we ate at after the show. Food always helps. But that’s all you need, people who want to do something cool and just decide to go for it.“

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Who had the idea to do a tour together and what about the idea to start this whole project over Crowdfounding?

Langtunes: „The idea of a common tour actually came from our manager Elnaz Amiraslani who´s also an Iranian and music-promoter in Germany who connectet us 2014. With all of us talking after the one show last year, over the points I mentions above we were positive with that idea right away. And of course, we had two ways to make it happen. Ask for sponsoring and official helps, or go with it on our own. Asking the officials, would mean that we had to take political sides or to send out political messages to the one side or the other, and we wanted to stay away from all these. So the other option was to involve people with it, and ask for them to take part in this peace promoting project.“

Ramzailech: „The tour felt right for everyone. When we met Elnaz, who manages Langtunes, it felt like there’s a team that could make it happen. Booking a tour is a lot of work anyways so why not do it with two bands from Israel and Iran? We keep politics away from the music, so it made more sense to have more support from crowdfunding rather then involving the government.“

 

Two bands from two worlds – with completely different cultural background and who play totallay different musical genres: What can I as a visitor expect from the Secret Handshake Tour? Is it all about music? Or will you also do discussions or lectures?

Ramzailech: „Langtunes is one of the coolest bands in Europe right now. It doesn’t matter if they’re from Iran, Australia of from Mars. They’re a good band. When we play a Ramzailech concert, we do everything we can to play the best show we’ve ever played. That’s what it’s all about for us. We’re more interesting on stage playing our fucking asses off than in a room with a powerpoint slide talking about falafel.“

Langtunes: „Mostly this is about two bands, following up their dreams, no matter where they come from, who they are, and what their cultural backgrounds are. You should expect to see two bands putting all their efforts to rock the shit out of the stage! Of course, after that, you can think about, this rocking off, came from two bands, who are not supposed to be on the same stage, who are not supposed to be friends, who are not supposed to meet each other at their homelands, and who are not supposed to share the same dream, but music, is one thing that could connect people globally to share the same experience and talk the same language!“

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How important is such a symbolic handshake especially in the current political reality?

Langtunes: „People are the ones responsible for making any sort of differences in this world. And of course, if people start moving out of the borders from their heads, removing tags and names and nations from their way of thinking, and connecting with one another, more peacefully and more humane, we would be living in a more beautiful world. And if this tour can make even one person think like this, we can say that we already made some changes.“

Ramzailech: „That’s a very deep question but the answer is very simple: Music. Music is why we do this. Musicians do things that politicians couldn’t dream of: they connect people, they don’t even need words to do so. As long as people can come together and do that, we’re optimistic.“

 

Do you expect restrictions and problems in your home country after the tour?

Langtunes: „Of course the two governments need this conflict to use it for their benefits, politically. And of course if this really begins to make some changes, they will be pissed off, and of course we are thinking of all the risks. Could be lethal for us, or could be nothing in the end. We’ve always been risk takers in what we’ve been doing. Risk, stress, and rebellion has always been a part of rock n’ roll. We’re young, wild, and full of rock n’ roll!“

Ramzailech: „I’m a big fan of ‘club-mate’, so whenever I’m in Germany, I’m hooked. it’s almost impossible to find it Israel so that’s a very possible case of problems and restrictions.“

 

What have you planned for the future?

Langtunes: „A more peaceful world. A more successful career for both of our bands. A great audience who are thinking free and enjoying our shows and spreading our music and sharing our hopes and dreams and passion!“

Ramzailech: „We’re releasing our album “Tsuzamen” in a few weeks, that’s a dream coming true. We’re already in the studio working on more new music. Also, somewhere in the near future, we hope to take a day off and rest, but not yet.“

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Jeder regelmäßige Konzertbesucher legt sich früher oder später eine Art Katalog der Banderinnerungen an, in welchem er seine Erfahrungen und Erinnerungen einspeisen kann. Da reihen sich dann all die Enttäuschungen, Gänsehautmomente, Blockbuster und spät erfüllte Live-Wünsche sauber nebeneinander ein. Besonders in die Erinnerung gräbt sich aber eine ganz besondere Art von Konzert: Jene Shows, in die du vielleicht zufällig reinrutscht, von denen du dir so gar nichts erwartest und die dich komplett kalt erwischen und vollständig wegblasen. Wer am vergangenen Donnerstag in den Konstanzer Kulturladen marschierte, hatte die seltene Gelegenheit ein solches Konzertgefühl zu erleben. Der Grund: Mother´s Cake aus Österreich!

Drei Mann: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Das ist die ursprünglichste, die rohste aller Besetzungen. Eigentlich, so meint man, hat man alles gehört, was diese grundlegenden Parameter hergeben. Von wegen! Ab der ersten Sekunde zündet das psychodelische Punkrock-Potpourri der Österreicher und schiebt den Kula druckvoll in Richtung akustische Kernschmelze.

Mother´s Cake sind eine ganz neue Art von Band, ein Trio, dessen Biografie zwei komplett unterschiedlichen Welten entsprungen ist. Auf der einen Seite ist das die ganz klassische Bandevolution. Der Aufstieg von der kleinen, verplanten Rockgruppe, die sich durch die Jugendhäuser des Tiroler Oberlandes spielte und sich später Stück für Stück nach oben hangelte und sich als Vorgruppe von Größen wie Iggy Pop oder Limp Bizkit ihre Sporen verdiente. Auf der anderen Seite aber präsentiert sich Mother´s Cake aber auch als Bandprojekt 2.0, das sich Zeitgeist-typisch in unzähligen Band Contests duellierte, die Tour mit den Prog-Rockern Anathema auf Youtube dokumentierte und ihre Videoprojekt „Off The Beaten Track“ per Crowdfounding finanzieren ließ. Unterm Strich sind Mother´s Cake also eine hybride Band, die sich sowohl in nach schweiß-stinkenden Konzertclubs, als auch im digitalen Anderen bewegt und diese Kontraste zumindest diskursiv in ihrer Musik umsetzt.

Das Feuerwerk, das der Tiroler-Dreier zündet ist eine Art Next Level Crossover: Da zersprengt es schon mal ein erbarmungsloses Stonerrock-Periodensystem in seine einzelnen Bausteine, ehe das soeben angerichtete Chaos konzentriert von einem Red Hot Chili Peppersesken  Bassbeat zusammen gefrickelt wird, nur um dann – jetzt kommt’s – den scheinbar sicheren Bauplan in einer elektronisch abgespacten Goaekstase aufzudröseln. Und scheinbar sind sich Mother´s Cake gar nicht so richtig bewusst, was sie da gerade mit den guten alten Konventionen des Rock’N’Roll anstellen (nämlich durch den auf den Kopf gestellten Fleischwolf drehen). Seelenruhig spielen sie ihren vor Sprengkraft nur so strotzenden Stiefel herunter.

 

Sänger Yves Krismer richtet ab und an einen trockenen Einzeiler in Richtung vor sich hin schwitzendes Publikum. „Wir sind Mothers Cake – aus Hannover!“ „Unser nächster Song heißt Atemlos!“ „Hat mal einer einen Bieröffner da.“ Dann geht´s weiter. Mit Volldampf. Und vielleicht muss ein Rockband im Jahre 2015 genau so klingen: Unberechenbar, unverortbar, anstrengend, hyperaktiv, vor wilden Zitaten und Verweisen und hypnotischer Sogkraft nur so überbordend, ständig mit dem finalen Kollaps kokettierend. Und natürlich springt bei diesem rasenden Ritt auf Riffrasierklinge die eine oder andere Komposition über die Klippe. Aber das Scheitern ist dem Rock’n’Roll seit jeher immanent und so ist dieser bewusste Blick in den eigenen Abgrund am Ende nur konsequent. Zudem muss definitiv Bassist Benedikt Trenkwalder hervorgehoben werden. Im Normalfall fristen Bassisten ein Schattendasein am Rande der Bühne, aber Trenkwalder ist der heimliche Frontmann der Band, der nicht nur immer wieder den Rhythmus wechselt, sondern klassische Techniken ad absurdum führt und den Bass vor allem im ausufernden Finale ins Zentrum des Klanggebilde verschiebt. Der dabei entstehende Sound gleicht einer scheppernden Achterbahnfahrt, voller Schikanen, Steilfahrten und Loopings. Mother´s Cake – Merkt euch diesen Namen!

Hundreds – Kulturladen Konstanz

 

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Stille, das vergisst der Zuhörer oftmals angesichts des implizierten Widerspruchs, nimmt noch immer einen ganz entscheidenden Platz innerhalb der zeitgenössischen Popmusik ein. Klar, meistens wird mit ihr gebrochen, wird sie weggeschoben und muss dann Platz für den Sound oder den Krach machen. Aber manchmal wird sie eben bewusst eingesetzt, als kaum wahrnehmbare Spur im Stilmittel der Reduktion. Dieser Umgang mit der Stille ist diffizil, anspruchsvoll und erfordert extremes Feingefühl. Ein Gespür für die Nuance, welche Hundreds, das Geschwisterduo bestehend aus Eva und Phillip Milner, zur stilbildenden Eigenschaft ihres Entwurfs der elektronischen Popmusik gemacht haben und welches sie während ihres Openers „Foam Love“ im Kulturladen offen zur Schau stellen. Dort entspinnt sich ein aufs äußerste reduziertes Zusammenspiel zwischen Phillips vielschichtiger Pianocollage und Evas zunächst so zärtlich zerbrechlicher Stimme.

Die gegenwärtige Tour, die in Konstanz ihren gefeierten Auftakt fand, steht unter dem Motto „Tame The Noise“ („Zähme den Krach“). Akustisch soll es sein, aber eben doch nicht ganz akustisch. „Aber immerhin haben wir eine ganze Menge richtiger Instrumente mitgebracht.“, erklärt Eva direkt zu Beginn. Das Konzert macht in der Folge seine eigene, kleine Evolution durch: Alles beginnt am eingangs beschriebenen Nullpunkt, in der Dunkelheit, der Stille. Im weiteren Verlauf entwickelt sich das Soundgewand kontinuierlich und wird um immer neue, subtile Nuancen erweitert. Phillip beginnt zunächst damit, sein Piano kaum merklich zu verzerren und vergrößert das Gesamtgebilde alsbald durch elektrifizierte Loops. Nach den ersten drei Songs wird das Geschwisterpaar während „Solace“ von Schlagzeuger Florian ergänzt. Dessen erste Anschläge scheppern erbarmungslos durch das Publikum, welchem erst in diesem Moment des Lärms sein wohlig warmer Embryostatus innerhalb der Stille bewusst wird. Dieser Status Quo wird in der Folge konsequent dekonstruiert, die Sicherheit und Vorhersehbarkeit aufgegeben, die eindeutige Dunkelheit weicht nicht nur in den Texten dem ambivalenten Licht.

Die zentrale Energie entspinnt sich aber zwischen den beiden Polen Eva und Phillip. Dabei spielt das Geschwistersein für die Beiden oberflächlich keine wirkliche Rolle. Natürlich sind da die Anekdoten, die von gemeinsamen Auftritten auf Familienfeiern erzählen. Und von Phillips Aufstieg zum renommierten Jazz-Pianisten, der später Inspiration in der Stimme seiner Schwester fand. Darüber hinaus lenken Hundreds den Fokus bewusst in Richtung Musik und treten erst dort, auf musikalischer Ebene, als unheimlich effektive Partner in Erscheinung treten. Denn Live bewegen sich Hundreds nahe an einer technischen Perfektion. Die drei Musiker spielen sich selbst kleinste Soundpartikel präzise zu, erweitern diese, reagieren effektiv auf die Hinweise ihrer Mitmusiker. Da sind unübersehbare Ablaufparallelen zur Klassik und auch zum Jazz, die aber auch immer wieder von der ausreißenden, vielschichtigen Stimme der Frontfrau ad absurdum geführt werden. Am Ende bilanziert Eva Milner glücklich:  „Ich glaube wir spielen heute das längste Konzert unserer Bandgeschichte. Und wir sind so froh, dass ihr uns mit offenen Herzen empfangt! Ihr seid so still.“ Und hier schließt sich der Kreis. In der Stille. Wo auch sonst?