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Archive for the ‘Anekdoten’ Category

Helden?

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Die Terroranschläge während des „Boston Marathon“ bestimmten zuletzt die weltweiten Schlagzeilen. Der Anschlag auf ein Sportevent war ein Novum, wirkte besonders feige und grausam. Alexander Hipp befindet sich zur Zeit in Boston und berichtete vor dem Hintergrund des Playoff-Spiel zwischen den Boston Celtics und den New York Knicks über Hoffnung, Helden und der einzigartigen Verbindung von Sport, Politik und Alltag in den USA.

 
Von Alexander Hipp

 Time-Out! 82:82. Eine Minute auf der Uhr. Es ist das vierte Playoff-Spiel der ersten Runde zwischen den Boston Celtics und den Knickerbockern aus New York. Vor diesem zweiten Heimspiel im Bostoner TD Garden war die Auswärtsmannschaft aus dem Big Apple fast schon uneinholbar mit 3:0 in Führung gegangen. In der Geschichte des NBA-Basketballs hat noch nie eine Mannschaft einen solchen Rückstand gedreht. Doch heute, hier und jetzt steht es unentschieden und die erfahrenen Kobolde wittern ihre letzte Chance.

Man könnte meinen eine Rivalität könnte nicht größer sein, als die der Celtics und der Knicks. Die Grün-Weißen haben außer der Liebe zum selben Sport wohl nicht viel mit den Orange-Blauen gemeinsam – am Ende von Spiel 3 hat J.R. Smith seinen Ellbogen tief in Jason Terrys Gesicht platziert. Doch inmitten dieser Rivalität, dieser Spannung und dem beiderseitigen unbändigen Willen das Spiel für sich zu entscheiden, keimt ein Funke Einigkeit in der Halle auf. Die Menge grölt und kreischt lauter als im gesamten vorherigen Spielverlauf. Egal ob Anhänger von New York oder Boston, alle stehen auf und geben stehende Ovationen. Die Szenerie wirkt absurd. Die Fans in den oberen Reihen waren sich Minuten zuvor noch beinahe an die Gurgel gegangen. Und jetzt stehen sie fast wie Brüder nebeneinander, jubeln, klatschen und applaudieren. Doch was ist der Grund für 18.624 US-Amerikaner bei diesem Spielstand alle Rivalität abzulegen?

Auf dem riesigen Videowürfel über dem Spielfeld wird ein Mann gezeigt. Er ist vermutlich Anfang 40, trägt einen Cowboyhut und hat einen Vollbart und ein hellblaues T-Shirt. Er scheint sichtlich erfreut über den Jubel und feuert die Menge weiter an. Der Hallensprecher dröhnt in perfektem Bostoner Akzent: „Wir begrüßen heute einen wahren Helden im TD Garden.“ In großen gelben Lettern steht „BOSTON STRONG“ auf seinem T-Shirt. Diesen Slogan präsentiert er dem Publikum euphorisch und voller Stolz und treibt sie dadurch wohl zu einem neuen Lautstärkerekord im TD Garden. Der Mann mit dem Bart heißt Carlos Arredondo. Arredondo, der vor zwei Wochen noch ein„normaler“ Staatsbürger der USA, einer wie du und ich war, wird heute als Held im TD Garden begrüßt.

xlargeDas  Bild, wie er am 15. April Sekunden nach dem Bombenanschlag auf den Bostoner Marathon dem 27 jährigen Jeff Bauman im Rollstuhl sitzend eine Arterie an seinem Beinstummel zudrückte und ihm somit das Leben gerettet hat, ging durch die Weltpresse. Die Tragödie, bei der drei Personen getötet und rund 240 zum Teil schwer verletzt wurden, erschütterte nicht nur Boston, sondern ganz Amerika und damit die ganze Welt. Ein Anschlag auf eines der wohl friedlichsten Events der Welt, mitten ins Herz der USA: In Boston , der sprichwörtlichen Wiege des Landes. Auf einen Marathon, der vielleicht traditionellsten Disziplin der Sportgeschichte. Das hat Symbolcharakter.

Carlos Arrendondo ist ungewollt zu Berühmtheit geworden. Auch er ist ein Symbol, eine Nachricht, ein mediales Ausrufezeichen: BOSTON STRONG, wir halten zusammen, wir sind eins, auch nach einer solchen Tragödie. Seit Tagen nun hört man in New England und in den virtuellen Kanälen Facebook und Twitter nichts anderes mehr. Die virtuelle Welt hat den amerikanischen Geist, dieses Verbünden gegen das Unbekannte, gegendas große Andere, gegendie gesichtslose Gefahr längst aufgesogen wie ein Schwamm. Amerika braucht Helden. Sie werden im Alltag zusammengestellt, in Hollywood produziert und in die Geschichte eingeschrieben. Helden sind überlebenswichtig, sie sind die Heftpflaster auf offene Wunden im System: Nach 9/11 rückte die Feuerwehrmänner ins Blickfeld, im anschließenden Krieg gegen den Terror reifte das Militär zur Heldenschmiede. Und auch das amerikanische Sportsystem ist eine Heldenfabrik – auch darin liegt der große Reiz der NBA.

baseballDie großen vier Sportarten sind in Boston alle erfolgreich vertreten. Die Bruins in der NHL, die New England Patriots in der NFL, die Red Sox in der MLB und die Celtics in der NBA. Alle Clubs haben ihre eigene langjährige und erfolgreiche Historie, und sind tief im sozialen Leben in Boston integriert, wie wohl in keiner anderen Stadt auf der Welt. Es gibt wohl keinen Bostoner der nicht zumindest ein Spiel eines der Teams besucht hat, der nicht eine Celtics-Kappe oder ein Red Sox T-Shirt zu Hause hat. Beileidsbekundungen und Einigkeitsparolen nach dem Anschlag kamen aus ganz Amerika und der Welt, doch die meiste Kraft schöpften die angeschlagenen Bostoner wohl aus ihren Sportmannschaften. Der Red Sox-Spieler David Ortiz alias Big Papi brachte die das Baseball-Publikum durch seine Ansprache vor der Nationalhymne mit „This is our fucking city“ zum grölen. Die beiden Superstars Carmelo Anthony (New York Knicks) und Paul Pierce (Boston Celtics) hielten vor dem ersten Playoffspiel eine sehr bewegende Ansprache. Alle vier Mannschaften druckten Merchandising-Artikel mit BOSTON STRONG und verteilten diese gratis an ihre Fans. Es entwickelte sich eine neuartige Aufbruchsstimmung, ein neues Einigkeitsgefühl unter den Menschen im Nord-Osten der USA. Und diese w nie dagewesene Euphorie entlädt sich nun eben in diesem Basketballspiel, in dieser Auszeit, eben in diesem Moment mitten in Boston, nicht unweit der Marathon-Ziellinie an der das Unglück passierte. Dieser Augenblick ist kaum in Worte zu fassen, er ist auf seine ganz eigene Weise magisch. Menschlich. Elementar. Der Sport selbst schwimmt sich frei und das ist schlussendlich ehrlicher als alles Medienspektakel. Und genau so schnell wie er kam ist er wieder vorüber. Timeout vorbei. Das Spiel geht in die entscheidende Phase. Wie bekannt sein dürfte gewannen die Celtics das Spiel mit 97:90 in der Overtime. Spiel 5 ging ebenfalls an die immer stärker werdenden Grünen um den stark aufspielenden Kevin Garnett.

Am Ende sind die Celtics nicht die erste Mannschaft der Geschichte, die einen 3:0 Rückstand aufholen. In Spiel 6 liegen die Celtics mit 26 Punkten zurück, doch anstatt sich zu ergeben, peitscht Garnett seine angeschlagene Truppe noch zu einem letzten Aufstand. 21 Punkte in Folge sind historisch, am Ende reicht es nicht und die Knicks ziehen in die zweite Runde. Die transmediale Botschaft jedoch ist klar: Boston gibt niemals auf.

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…sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

 

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Dies ist ein bewusster Schlag ins Gesicht eines jeden Stadiongängers, Südkurvenfans oder Public-Viewers: Ihr habt nichts verstanden. Es gibt nur eine einzige Art und Weise, wie man Fußball schauen sollte: Abgefucked charmant muss sie sein, verraucht, hoffnungslos, vollgestellt muss sie sein, mit schalem Bier verklebt, vom kalten Rauch gestrichen, muss sie sein. Mit einem Kundenkreis gesegnet, der zum Inventar gehört, der mit dem Tresen verwachsen ist, muss sie sein.

„Open“ schreit die Leuchtreklame, „Tooooor“ die ganze Besetzung zwei Minuten nach Anpfiff und einer astreinen bayrischen Kombination, die das ehemalige Wunderkind Toni Kroos locker ins linke untere Eck schiebt. 1:0. Das geht ja gut los. „Scheiß Spiel.“, brüllt einer. „Wer will das sehen, wie die Bayern die Italiener zusammen schießt. Des ist doch Scheiße. Sky hat man, alle Möglichkeiten hat man und wir gucken den Scheiß hier. Das wird ein Scheibenschießen. Scheiße!“ Er ist der Nörgler. Ein Fingerschwenk lässt ihn verstummen: Die langen braunen Haare sind nach hinten gegelt, die Dieter-Thomas Heck-Gedächtnisbrille tief auf die Nase gedrückt, die breiten Oberarme tätowiert und mit Nikotinpflastern gepflastert, breites Kreuz und Metzgerschnurrbart. Er ist der Matrose. In der linken Hand hält er den Pflastern zum Trotz einen Oldschool-Zigarettenhalter, an dem er immer wieder hektisch saugt, während die rechte Pranke von einem Rosenkranz umwickelt ist. Nur manchmal löst er die verkrampften Finger und nippt an dem exotisch anmutenden Mixgetränk, dass im die thailändischen Besitzerinnen der Kneipe in schöner regelmäßig füllt. Der Matrose ist Bayernfan, ein Schrank, ein Ultra, mit der Fistelstimme eines Chorknabens: „Los Jungs, haut se weg.

Nach der anfänglichen Drangphase wird das Spiel der Bayern zunehmend schlechter. Dem Nörgler, wen wunderts, gefällt das nicht: „So eine scheiße, war doch klar, dass des ein Dreckspiel wird. 1:0 und verwalten. So eine Scheiße und wir haben Sky und wir könnten alles andere sehen. Aber nein, wir schaun diesen Grottenkick.“ Es ist die 25 Minute als ein weiterer Fusballfan-Torerro die Arena betritt. Er trägt einen schwarzen Mantel und einen Krempenhut und wirkt damit ein wie gefallener Mafio aus den 30er Jahren, wie ein Bösewicht aus Schwarz-Weiß-Krimis. Er ist der Behütete und greift nach einem Tannenzäpfle, rückt einen Barhocker zurecht, fällt beim ersten Versuch des Hinausschwingens beinahe auf den Kachelboden, zündet sich ein Malboro an und stimmt ein nuschelndes Loblied auf Frank Ribery an: „Zack weg, JA! Das ist Ribery, wie er leibt und lebt. Und zack und bumm und jaa! Der beste Fußballer auf diesem Planeten. Der ist der beste!“ „Netzer. Der Netzer war noch besser.“ „Der war doch nichts ohne seinen Wimmer.“ Er dreht sich zu uns um. „Kennt ihr Jungen überhaupt noch den Wimmer? Hacki Wimmer?“ Kopfschütteln, bloß nichts falsches sagen – seine Augen drücken bedrohlich aus den Höhlen. „Des war der Kampfhund vom Netzer. „Und wisst ihr wer die beste deutsche Nationalmannschaft gewesen ist?“ Kopfschütteln. „Die Europameister von 1972, nicht die Weltmeister.“ Allgemeines Zustimmen. „So eine Mannschaft gibt’s nicht mehr.“ Der Nörgler scheint fast zu explodieren, der Hass presst ihm aus allen Puren: „Red doch keinen Scheiß, die beste Mannschaft. So ein scheiße, die beste war 1966 vor Wembley, gegen die Russen. Die Russen hatten die Hosen voll.“ Thomas Müller schlägt eine etwas zu lange Flanke quer durch den italienischen Strafraum, dort, links im Halbfeld, lauert Kroos und verzieht. „Der Poldi hätte den gemacht, mit links, hätte der den gemacht. Des ist der beste mit links.“ Die Juniorchefin beginnt ob der vergebenen Chance hysterisch zu Lachen „Bayern puh, Italien super!“ Der Matrose blickt erschrocken durch seine getönten Brillengläser: „Bist du nicht für die Deutschen?“ „Nein, nein. Scheiße Bayern.“ Der Matrose krallt sich noch fester in seinen Rosenkranz.

Doch noch ein weiterer Gast ist Neapel-Sympathisant, doch er lässt sich das nicht anmerken. Nur die Art, wie zusammenzuckt, wenn Ribery zum Dribbling ansetzt und die Weise wie er nach vorne rutscht wenn Hamsik den Ball in Richtung Cavani drescht verraten ihn. Er ist ein Spion im Feindesland, seine Hände schwitzen und seine Angst entdeckt zu werden, hält ihn gar davor an, einen weiteren Halben zu ordern. Sein Dialekt, sein Gestik würden ihn verraten. Er ist der Italiener. Dann der Schock, die Schrecksekunde, der Tritt in die Eier: Philipp Lahm träumt von der Spiegel-Sachbuch-Bestsellerliste und der pfeilschnelle Außenverteidiger Campagnaro entkommt ihm spielend und zieht von rechts in den Strafraum, wo den Ball mutig in die Mitte knallt. Genau dort grätscht der bis dato überragende Badstuber ohne tieferen Sinn in die Mitte und wird vom Ball getroffen, der dann billiardmäßig an Neuer und Van Buyten vorbei in die Maschen hoppelt. „Scheiße. So ein Scheiße. Des war der Neuer.“ Zeitlupe. „Der kann da gar nichts machen.“ „Ja, herrgott nochmal, das sind die Italiener.“ „Guck wie er jubelt, die Ratte. Die Ratte. Die Ratte!“ Der Italiener formt die Lippen zu einem stummen Jubelschrei. Der Nörgler beendet sein Weizen: „So ein Dreck, dass war doch klar, Bayern verliert das Ding. So ein scheiß, was soll das. Und drüben läuft Real. Das ist Fussball. Das hier ist doch scheiße.

Dann ist Halbzeit. Der Italiener schleicht an mir vorbei, den Kopf gesenkt. Der Matrose schickt ein Stoßgebiet an die Decke: „Jungs, das macht ihr. Bitte. Ein Elfmeter. Ein Elfmeter kommt jetzt.“ Seine Stimme ist voller Hoffnung. Wir nicken. Der Behütete will seinen Hut herum gehen lassen, Spenden für Thailand. Für die Flutopfer. Draußen vor der Kneipe setzen sich fünf Jugendliche und blicken fröstelnd durchs Fenster. Alle Sportbars sind voll. Dies ist ihre letzte Hoffnung auf bayrischen Zauberfußball. Einer hängt das blinkende „Openschild“ ab und macht die Bahn frei. „Maradonna, den haben se verehrt wie einen Heiligen. Des war ein Heiliger, ein Fußballheiliger.“ „Dem Kokser haben se ne Statue gebaut. Aus purem Gold.“ „Jaja die konnten immer kicken, aber wir packen des, ein Elfmeter kommt. Ein Elfmeter.

Der Matrose wird zum Propheten. 52 Minute, Gomez ballert aus 18 Metern chancenlos auf das Tor, wird geblockt, verfolgt die konternden Italiener, holt sich den Ball zurück. Pfiff. Elfmeter. Was? Handspiel, beim Blockversuch. In Neapel bricht die Hölle los, man könnte meinen die Mafia habe ein paar tausend Vuvuzelas springen lassen. Der Matrose schwingt wissend den Rosenkranz. Gomez scheitert kläglich und eine Welle des Hasses und der Entäuschung schwabt gegen uralt Fernseher. Die Juniorchefin bricht im Jubel aus, der Matrose nimmt sich ihrer an: „Wieso für Italien?“ „Wieso für Deutschland?“ „Weil du hier lebst.“ „Mir doch egal, schöne Männer in Italien.“ „Du gehst jetzt raus auf den Gang. Du gehst jetzt Radiohören.“ Er zieht an seiner Kippe und presst sein Pflaster auf den Oberarm.

Irgendwann hast du dich an die Umgebung gewohnt, irgendwann wirst du eins mit ihr. Pils für Pils wird das alles hier zur Normalität. Wir gehören jetzt dazu: Der Matrose streicht sichs durchs Haar, der Behütete saugt an seinem Zäpfle und der Nörgler nörgelt. Das Spiel dümpelt vor sich hin. Die Bayern wollen nicht so richtig, die Neapolitaner können nicht so richtig. Das Ding geht 1:1 aus, das ist eigentlich jetzt schon sonnenklar. In diesem Moment der Ruhe, in dieses dahin-dümpeln der Zeit kracht, wie Komet und in einen bunten Anorak gepresst: Renate! Ihr Schorle steht bereit, hinten am Ecktisch, von dem man eigentlich gar nicht auf den Fernseher sieht und doch nimmt Renate einen kräftigen Schluck und lässt, wohlgemerkt gefühlte zehn Sekunden nach dem sie die Szenerie enterte, eine Hasstirade auf den Schiedsrichter los, die einem selbst als langjähriger Aggro-Berlin-Anhänger das Blut in den Adern, nein das Mark in den Knochen gefrieren lässt. „Dem sollte man Seife geben, dem Drecksack, dem *****, dem ******, bis er kotzt, bis er verreckt.“ „Renate, bleib doch mal ruhig.“ „Du Seckel, Frauen haben auch eine Meinung, ich hab ne Meinung und die lass ich mir nicht verbiet…“ Mitten in Renates flammend feministischen Ausraster schiebt sich eine mehr als ordentliche Bayernchance. Schweinsteiger bricht durch und Gomez und er tauchen urplötzlich zentral und alleine gegen einen letzten italienischen Abwehrrecken im Strafraum auf. Offensichtlich hin und hergerissen zwischen möglichen Abschluss und denkbarer Vorlage lässt Schweinsteiger ein harmloses, ein verängstigtes Schüsschen los. „AAAAAAAAAAH.“ und „OHHHHHHH.“ Resignation, ehe Renate ihr Glas nach einem kräftigen Schluck absetzt: „Heilandzack, *****, scheiße. Schieß doch selber Schweini, du kannst des doch. Muss doch nicht immer der Gomez die Tore schießen. Des ist doch eh so ein arroganter ****.“ Zum Glück sind keine Kinder anwesend.

Es bricht die 86 Minute an und das ist für den Matrosen ein finaler Grund seine Fingernägel noch tiefer in den Holzschemel zu graben. Denn seit dem Elfmeter predigt er im Minutentackt: „In der 86te, da sind se fällig, die Ithaker. Da sind se fällig.“ Natürlich glauben wir ihm. Doch die 86te tickt langsam herunter. 86.58, 86.59, 87.00 – und der Matrose klappt zusammen, circa fünf Sekunden in Demut, ein nikotin-gefülltes Säckchen Elend, dann schießt sein Kopf nach oben, die Haare werden zurück geschmiert und die beiden Pranken krachen aufeinander. Standing Ovation ohne auch nur auf zu stehen: „Gutes Spiel Jungs, ein Punkt ist ok. War gut. War super.“ Acht Minuten später pfeift der Schiri ab. „So eine scheiße, so ein vergeudeter Abend. So ein Drecksspiel. Bis Samstag, ihr Seckel.

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Im Jahre 1672 wird der im österreichischen Beamtenadel verwurzelte Franz Zoller zum Obervogt der Obervogtei Fridingen ernannt.  Schnell vermehren sich jedoch die Beschwerden gegen Zoller, der einen spektakulären Lebensstil frönt und sich offensichtlich an seinen Untertanen bereichert.

„Fast ein halbes Jahr ist der Franz Zoller jetzt Obervogt in Fridingen und hat sich mittlerweile einen fürchterlichen Ruf erarbeitet. Die Abgaben pro Kopf, die erhöht er Monat für Monat aufs Neue und dabei ist es ihm grad egal, dass die Leute bei uns in der Herrschaft nicht einmal mehr was zu Fressen haben. Er saugt uns aus wie ein Parasit und wer sich wehrt, wird weggesperrt.“

Der von der Regierung ernannte Untersuchungskommissar Dr. Johann Schmidtlein kümmert sich nicht großartig um die Missetaten des Obervogts, verbietet allerdings die Zusammenkünfte aller Ausschüsse in der Vogtei.

„Da wäscht eine Hand die andere, doch für den Dreck unter den Fingernägeln  interessiert sich keine Sau.“

Als die Gemeinden auch noch für die Unkosten der Untersuchungskommission aufkommen sollen, eskaliert die Situation. In Spaichingen und Denkingen kommt es zu Aufständen,  die Beamten in Hohenberg weigern sich Franz Zoller wichtige Papiere für dessen Amtsausführung auszuhändigen und in Fridingen drohen die Bürger Franz Zoller zu erschiessen. Zoller flieht aus der Herrschaft.

„eine sach von ainem grossen und gefehrlichen aussehen“

In der Folge soll Regimentsrat Adrian von Theuring alle Seiten befragen und eine Lösung finden. Die Fridinger sind jedoch misstrauisch und bereiten ihm einen alles andere als herzlichen Empfang.

„Zu meiner ankufft wurde in Fridingen außtruckhlich spargiert, sie wollen es der comission und dem obervogten also machen, das es unß der teuffel gesegnen solle.  Auch zu dem ende sich der mehrere theil mit ihren gezogenen zihlrohren befast gemacht und in beraitschafft gestellt.“

Auch in der Folge wird Theurings Arbeit boykottiert und der eingeschüchterte Beamte sieht sich gezwungen, die Wortführer mit Gewalt festzusetzen. Zusammen mit 120 aus Nellenburg angeforderten Soldaten zieht Theuring gegen Fridingen. Die Fridinger Bürger denken jedoch gar nicht daran, ihre Anführer auszuliefern und schlagen die erfahrene Armee, trotz baufälliger Stadtmauern und Unterzahl in die Flucht.

„über d breitwies übers härle/
überall druckt rei der feind

und innerhalb von stunden/
war umziengelt die ganz gemeind

doch sie kämpfen wie die helden/
und drum gibt es zu vermelden

übrig bleibet als bezwinger/
richtig, unsere fridinger“

Damit sind die Fridinger allerdings zu weit gegangen: Innsbruck mobilisiert zwei Kompanien aus der Garnisionsstadt Konstanz, die die Fridinger Aufständischen ohne große Mühe entwaffnen.

Franz Zoller kehrt zurück und treibt sein böses Spiel nun endgültig auf die Spitze. Er manipuliert die Bürgermeisterwahl, lässt die Untertanen seine Flucht bezahlen und setzt beliebig Vögte und Gerichtsleute ein. Unter anderem wird Valentin Marquart („der allerschlimmbste Mann der ganzen Herrschaft“,), der auch unter Verdacht stand, Magie zu betreiben zum Herrschaftsvogt ernannt.

Zwischen Zoller und seiner Haushälterin besteht indes eine undurchsichtige Beziehung: Sie bekommt den besten Platz in der Kirche und in Prozessionen, später schickt sie Zoller in die Schweiz, wo er sie öfters besucht und sie reich beschenkt. In dieser Zeit vermehren sich jedoch die Verdachtsmomente gegen Zoller, der sich einen regelrechten Hofstaat hält, den er alleine von seinem normalen Gehalt keinesfalls bezahlen kann.

„Nirgendwo sind die Abgaben höher als hier in Oberhohenberg, nur kommt von dem ganzen Geld weder beim Kaiser noch beim Volk ein einziger Gulden an. Wie auch, wenn alles in die Taschen des Obervogtes wandert.“

„wohin aber all anders von disen armben undterthonen schwais erpressten obervogtlichen imposten hinkommen, wisse gott und er obervogt.“

Die Kommissare Dionysius von Rost und Dionysius Treyer suspendieren Zoller, der seinen adligen Bruder in Österreich und damit seine gesamte Rückendeckung verliert und im Anschluss zusammenbricht und in Haft dann stirbt. Am Ende wird die Strafe gegen Fridingen erlassen – klassischer Fall von Happy End.

Die Bilder stammen entweder vom  Twitter Account von Tschdaeff oder sind auf www.szon.de zu finden.

Wer mehr über die „Fridingische Unruhe“ erfahren möchte, dem sei der gleichnamige Aufsatz des Historikers Franz Quarthal empfohlen, der hier (Klick!) zum Download bereitsteht.

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 „DENN ALLES, ALLES, ALLES GEHT UNS AN!“

1983: Rainald Goetz liest im Zuge des Ingeborg-Bachmann-Preises. Er trägt einen schäbigen Anzug und eine filzige Punk-Frisur. Vor ihm liegen einige Zettel Text. „Subito“. Um ihn herum hocken entspannt aufgereiht die Kritikergrößen der Literaturwelt. Wie die Krähen in Krabat. Dazu der große Zampano, der krächzende Meister. Man ist sich bewusst wer da gleich liest: Ein schreibender Medizinstudent, ein wütendes Talent, ein Rebell. Die Jury kennt seinen Text, sie hat ihn ja eingeladen, ganz bewusst. „Subito“ ist eine Hasstirade – schon klar. Aber so eine Opposition, denkt sich die Jury, die tut doch auch mal gut, dem muss man sich mal stellen, das sorgt für Diskussionsstoff. Auch das Publikum guckt gespannt gelangweilt. Was soll denn schon groß passieren?

Was dann folgt ist der erwartete Affront gegen alles und jeden, gegen sich selbst, gegen Strukturen und Abläufe, gegen die Literatur und den Literaturbetrieb, gegen den Bachmann-Preis und vor allem gegen den Big-Sinn -gegen den blöden Sau-Sinn! Die Jury lächelt vor sich hin – man hat schließlich alles im Griff. Der Punk soll sich ein wenig austoben, danach wird er in Stücke gerissen.

Das ist doch ein Schmarren, sagte Raspe, das ist doch ein Krampf, denen was vorzulesen, was eh in meinen Roman hineingedruckt wird, eine tote Leiche wäre das, die ich mitbringen täte und hier voll tot auf den Tisch hin legen täte, ich bin doch kein Blödel nicht, ich lege denen doch keinen faulig totig stinkenden Kadaver da vor sie hin, von dem sie eine Schlafvergiftung kriegen müssen, es muß doch BLUTEN, ein lebendiges echtes rotes Blut muß fließen, sonst hat es keinen Sinn, wenn kein gescheites Blut nicht fließt, dann ist es bloß ein Pippifax oder ein ausgelutschter Büstenhalterträger, aber logisch nichts Gescheites, ein Blut ein Blut ein Blut, das müßte raus fließen…

Langsam vergeht ihnen das Lächeln. Rainald Goetz hält dem Bachmann-Preis einen Revolver an den Schädel: „Ich schneide ein Loch in meinen Kopf, in die Stirne schneide ich das Loch. Mit meinem Blut soll mir mein Hirn auslaufen.“ heißt es dann irgendwann im Text. Und in diesem Moment wird Literatur zur Wirklichkeit, die Wirklichkeit verschlingt. Rainald Goetz nimmt eine Rasierklinge und zieht sie einmal quer mit Druck über die Stirn. Die Haut platzt auf. Ein Schwall von Blut tropft dickflüssig und dunkelrot aus dem Riss, über das Gesicht und die Hände des Autors und plätschert dann in dicken, runden Tropfen auf den Text selbst. Dort sammelt sich eine widerliche Lache Lebenssaft, ein Tümpel, der sich durch den Text frisst. Und Goetz liest weiter, zuckend, wie von ADS-geplagt. Seine Stimme überschlägt sich, während manch stöckelbeschuhte Literaturliebhaberin ihre Sektfrühstück in einen Klagenfurter Vorgarten erbricht.

-> "In diesem Protest gegen das literarische Leben entlarvt sich Rainald Goetz
    als typischer Literat.
-> "Ich sehe, dass sich einer auskotzt. Ich sehe eine ganz gefährliche Wut."
-> "Er ist selbst, er will das nicht, er ist selbstausgebildeter Arzt
    und er mache das öfters."
-> "Meine Frau hat angefangen zu weinen - und dann diese Kaltschnäuzigkeit,
    wie der da drüber hinweg geht."

Was bleibt ist die anbiedernde Frage: Provakation oder Kalkül? Fakt 1: Goetz Karriere startete durch, vollgas. Irre. Rave. Fakt 2: Von“Subito“, von seiner Lesung, vom gesamten Bachmannpreis 1983 blieb nichts, aber auch gar nichts als ein Schwall von dunklem Blut. Das ist der Punkt. Alles andere ist blöder Sau-Sinn!


Nachtrag:
„Der berühmteste Bachmanntext aller Zeiten ist »Subito« von Rainald Goetz. Es geht dort um Diedrich Diederichsen, der da »Neger Negersen« heißt und in der Hamburger NDW-Bar Subito verkehrt, die auch im Text so heißt. Goetz schneidet sich beim Lesen die Stirn auf. Das dürfte er auch heute noch ungestraft tun. Den Text dürfte er nicht mehr vortragen“
(Joachim Lottmann in der TAZ vom 05.07.2003)

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Southside-Festival – Take Off Gewerbepark Neuhausen Ob Eck – 17.-19.06.2011

Alles was nun folgt, ist alkoholgeschwängerter Raviolijournalismus:

Auf dem Southside riecht es anders. Erst wenn dir die warme, wabernde Mischung aus Kippenrauch, Moder, Gaskochergas, Essen, Bier, Körperausdünstungen, Asphalt, Dixieklos, Urin und Dosenfraß in die Nase steigt, bist du wirklich (und meist nach stundenlangen Warten im Wolkenbruch) auf dem Gelände angekommen.

Auf den Landebahnen herrscht ab Donnerstagabend Zirkus, Woodstock und Karneval. Ein einstöckiges „Haus, das Verrückte macht“ wird aus dem Boden gestampft – nur den Passierschein A 38, das Ticket nach draußen, das gibt es nicht. Ein römischer Streitwagen heizt Spaghetti-schwenkend an uns vorbei, wenige Minuten später teilt sich die Menschenmasse und motorisierter Miniatur-Plesiosaurus wälzt sich über die Landebahn. An einer anderen Stelle stolziert eine (wohlgemerkt echte) Hochzeitsgesellschaft durch den Morast. Liebe in Gummistiefeln, Ja-Wort im Schweißgeruch. Einer aber bringt es auf den Punkt. Splitterfasernackt, Pfeife rauchend, von Groupies umringt! Es ist Niemand Geringeres als Vorstandsvorsitzende des Festivalkontinenten.

Arctic Monkeys: Patenonkel Josh Homme hat den Arctic Monkeys wohl kräftig den Hintern versohlt. 2006 waren sie noch Rotzbengel mit einigen Tanzflächenhits, die arrogant vor sich hin spielten und sich irgendwann zum WM-Spiel der Three Lions verpissten. Heute, nachdem sie durch Homme´sche Stahlbad gegangen sind, spielen sie ein schnörkelloses, tonnenschweres Set. Mächtige Indiehymnen und ein Schuss kalifornische Stonerrock-Attitüde. Alex Turner blickt gequält ins Leere. So muss das sein!

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Bright Eyes: Die Bright Eyes sind auf Abschiedstour. Conor Oberst, das Jahrhunderttalent, der Wolfang Amadeus Mozart des Folk, erscheint in Mönchskutte und poltert über die Bühne. Seine Band beschwört dazu ein wütendes Klanggewitter und einen eindeutigen Kontrast zu den wahrlich depressiven Balladen der ersten Stunde. Conor Oberst inszeniert sich dazu als Rockstar und natürlich das ist ironisch gemeint. Im Laufe des Konzerts nimmt sich die Band zunehmends zurück und die charakteristische Stimme des Frontmanns, die man einmal hört und dann dann nie wieder vergisst, rückt mehr und mehr in den Vordergrund. Oberst haucht und jault und schreit und krächzt jede Menge Kleinode aus seiner imposanten Diskografie und am Ende „Lover I don´t have to love“, „Four Winds“ und „Shell Games“ in die Redstage, dass es einem heiß und kalt den Rücken runter läuft. Es ist ein krachende Abschied eines Wunderkindes. Die Bright Eyes sind tot, es lebe Conor Oberst.



Portishead: Drei Alben in 20 Jahren haben Portishead gereicht um musikalischen Weltruhm zu erlangen. Kaum ein Musiker, der die britische Trip-Hop Formation nicht als Einfluss und Vorbild listet, kaum ein Kritiker, der der Band nicht den Legendenstatus zuschreibt. Das Erscheinen der Band in einem deutschen Lineup war also an sich schon eine Sensation, der Auftritt selbst ein konzertgewordener Superlativ. Beth Gibbons steht fröstelnd in der Mitte der Bühne, sie erscheint schüchtern, winkt ein wenig in die Menge und nickt in Richtung Band und Mastermind Geoff Barrow lässt den Beat von der Leine. „The Rip“, vom aktuellsten Album „Third“ ist ein Wispern, ein verwehtes Stück Musik, von einer Intensität, die ein komplettes Festival zum Schweigen bringt. Dann Stille. Komplett. Dann frenetische Jubelstürme.

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Arcade Fire: Es müsste schon mit dem Teufel zu gehen, wenn Arcade Fire nicht in absehbarer Zeit, zur größten Band dieses Planeten aufsteigt. Ihr aktuelles Album „The Suburbs“ (das zwar nicht ganz die ungeheuerliche Qualität der Vorgänger erreichte, dennoch 2010 so ziemlich alles pulverisierte – spätestens jetzt outet sich der Autor dieser Zeilen als hemmungsloser Fanboy) machte die Band um das kanadische Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne im Handumdrehen zu Chartstürmern und zu Formation von Headlinerstatus. Arcade Fire sind fast zu perfekt für diese Musikwelt: das Gespür für den entscheidenden, für den großen Moment zelebriert momentan niemand auf dem Globus so intensiv wie der Kanada-Achter und diese Pole Position wussten Will Butler und Co. auch am Southside zu verteidigen. Butler selbst ist dabei ein Frontmann der alten Schule, der im Zentrum steht wie ein Dompteur und die Ruhe bewahrt, wenn um ihn herum die Hölle losbricht. Erst im zweiten Teil zieht er sich zurück an die Orgel und überlässt seiner Ehefrau das Mikrofon. Madame Régine besitzt eine ungewöhnlich hohe, fast überdrehte Stimme, die sich aber punktgenau an das musikalische Gerüst schmiegt. Drumherum wirbeln die restlichen Mitglieder, hämmern im Wechsel auf Orgeln und Schlagzeug, Violinen und Orgeln. „Rebellion (Lies)“, „Intervention“, „Wake Up“ und. und. und. Die Setlist lässt keine Wünsche, Arcade Fire keine Fragen offen…Und achja, damit sich der Kreis schließt, bitte gucken:

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Converge: Es ist wohl die vollendete Hingabe an die eigene Leidenschaft. Kurt Ballou, Gitarrist und musikalisches Mastermind der Hardcore Legenden Converge leidet an einer chronische Sehnenscheidenentzündung, jeder Auftritt bereitet ihm höllisches Qualen. Doch Ballou kann es nicht lassen an den Saiten zu frickeln, auch nicht am Southside, wo sich Converge eigentlich wie ein Fremdkörper im Lineup festsaugen. Entsprechend dankbar zeigt sich Sänger Eric Bannon angesichts der erschienenen Zuschauer und entsprechend legt sich die Formation ins Zeug. Bannon grast jeden Milimeter der Bühne ab, Ben Koller drischt seine Sticks zu Sägemehl. Groß!



Sublime With Rome: Es ist das ultimative Rock`Roll`Märchen: Rome Ramirez 1988 geboren, im selben Jahr gründet sich die Ska/Alternativeband Sublime um den charismatischen Frontmann Brad Nowell. Die Band wird Kult, doch Nowell jagt 1996 eine goldene Dosis durch die Adern. Sublime sterben mit ihrem Frontmann. Rome wird erst Jahre später zum Fanboy und fast 15 Jahre nach der Tragödie singt Rome seinen Idolen ein Ständchen. Das muss ganz gut gewesen sein → Sublime werden zu Sublime With Rome! Am Southside spielen die alten Haudegen Bud Gaugh und Eric Wilson kettenrauchend und tiefenentspannt vor sich hin, während Rome etwas enthusiastischer sich ins Zeug legt. Die Sonne blitzt erst zur Zugabe durch die Wolkenschichten. Reicht vollkommen: Santeria!



Gogol Bordello: Gäbe es eine Weltauswahl der größten Rampensäue, Eugene Hütz würde die Mannschaft wohl als Teamkapitän aufs Feld führen. Der Frontmann der Gypsy-Punk Formation Gogol Bordello ist ein Derwisch und Partisane, ein langhaariger Clown und Zigeuner. Gogol Bordello spielen Punk aus New York mit osteuropäischen und südamerikanischen Einflüssen. Auf der Bühne herrscht sofort ein unglaubliches Gewusel und Gespringe und man würde wohl sofort den Überblick verlieren, wäre da nicht Hütz, der in der Mitte thront. Er ist der unbestrittene König dieser strangen Party, der King Louie des Green Stage.


Am Ende übernimmt das Chaos das Ruder. Der Campingplatz erinnert mehr und mehr an das Setting eines Zombiefilms. Es knallt und schreit aus Ecken. Feuer bricht aus, Ein Dixieklo wird gekippt. Die Mennchen sammeln sich im Müll, in kreisrunde Grüppchen oder ziehen in Horden, mit Pavillon Stangen bewaffnet durch die Ruinen der Zeltstadt. Während des letzte Konzerts wird ein Pfosten der White-Stage von einem Raver erklommen. Minuten später kraxeln die Security hinterher. Das Publikum tönt und grölt im Chor, die Scheinwerfer flackern Marineblau und Digitalism pumpt ein anarchischen Beat zur Festivalversion von Tom und Jerry. Irgendwann hängt der Raver mit zwei Armen langgestreckt und mit nacktem Arsch am Gerüst. Ein denkwürdiger, ein finaler Moment.


Alle Fotos (bis auf Converge -> Quelle: Myspace) hat mein Kollege Olli Hanser geschossen! Vielen Dank!

Ende? Nicht ganz! Damit das Gesamtpaket gehörig melancholisch endet, gibts zum Abschluss das wohl traurigste Festivalvideo der Welt (Klick!)!

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Charles Bukowski verabscheute sein Leben. Alkohol, Weiber, abfucken, schreiben, Magenblutungen, kotzen, versagen, vergessen – mit gebrochenem Herz und zerfressener Leber. Er war der grandiose Chronist des eigenen Verfalls und seine Leser sind bis heute Schaulustige, Katastrophentouristen. Der dunkle Rausch stand dabei stets im Zentrum („I have the feeling that drinking is a form of suicide where you’re allowed to return to life and begin all over the next day. It’s like killing yourself, and then you’re reborn. I guess I’ve lived about ten or fifteen thousand lives now.“) und nur das Schreiben bewahrte das rostige Wrack vor dem endgültigen Untergang („Ich brauchte das Schreiben als Ventil, als Unterhaltung, als Befreiung. Als Sicherheit. Ich brauchte sogar die verdammte Arbeit, die es mir machte.„). Bukowskis Welt erscheint trist und hoffnungslos – doch auch „Buck“, auf dessen Grabstein „Don´t Try“ prangt,  erfuhr stille Momente des Glücks. „The laughing Heart“, das lachende Herz,  zeugt davon. 99 Wörter lang lichtet sich der alkoholgeschwängerte Nebel für einen Moment der Klarheit, für Sekunden der Hoffnung. „there is a light somewhere. it may not be much light, but it beats the darkness.“ Und gerade weil wir uns bewusst sind, wer diese Zeilen kritzelte, wirken sie noch wahrhaftiger, noch ehrlicher. Irgendwann hat sich Tom Waits diesem Gedicht angenommen. Ich weiß nicht wann und ich weiß nicht wieso. Im Hintergrund hängt ein urhässliches Holzgeflecht und irgendeiner hält drauf,  als Waits sein Reibeisen über Bukowski schabt. Eine Minute und fünf Sekunden. Licht am Horizont.

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