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„Fantastischer Film ist nicht einfach nur Grusel!“

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Am letzten Novemberwochenende findet im Zebrakino Konstanz ein besonderes Filmhighlight statt: Das Filmfestival SHIVERS hat seinen Schwerpunkt im Bereich Horror und Fantasy. Vorab sprach RisseImAsphalt mit Stefan Schimek, seines Zeichens Co-Festivalleiter und Programmhauptverantwortlicher des Festivals, über seine Leidenschaft zum fantastischen Film, das Festivalprogramm und die Organisation. Das nachfolgende Interview erschien bereits gekürzt im Südkurier.

SHIVERS ist ein Festival des Fantastischen Films. Was bedeutet das genau? Was ist die Faszination an Fantasy- und Horrorstoffen auf der Kinoleinwand?

Stefan Schimek: „Fantastischer Film ist nicht einfach nur Grusel: Das Genre-Kino setzt sich nicht selten auf ziemlich clevere, so subversive wie originelle – und gerne auch überspitzte – Art und Weise mit aktuellen Themen auseinander, denkt sie weiter, verzerrt sie und entwirft dabei oft überaus faszinierende Szenarien. Dabei ist dieses Sujet vor allem für Nachwuchsfilmer reizvoll: Man kann sich mit kleinem Budget im Grunde nach Lust und Laune austoben, sich ausprobieren und experimentieren. Viele bekannte Regisseure haben mit Fantasy- und Genrestoffen ihr Handwerk gelernt. Selbst Legenden wie Fritz Lang, Alfred Hitchcock, Steven Spielberg oder Stanley Kubrick haben den einen oder anderen fantastischen Stoff in ihrer Filmographie stehen.

Wie arbeitet das SHIVERS-Team? Wer gehört dazu? Wer übernimmt welche Aufgaben? Was wäre eine griffige Definition der SHIVERS-Idee?

Das SHIVERS-Team besteht aus Zebramitgliedern, die allesamt ehrenamtlich im Verein engagiert und fast ausschließlich Studenten sind. Es gibt für alle Bereiche – Programmation, Design, Sponsoring usw. – Hauptverantwortliche, aber in der Regel wird am Ende alles basisdemokratisch entschieden.

Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, jedes Jahr aufs Neue ein Programm auf die Beine zu stellen, das dem Konstanzer Publikum viele der Highlights und Geheimtipps des jeweiligen Festivaljahres in ihren Originalversionen präsentiert. Sowohl hinsichtlich der Produktionsländer als auch der behandelten Themen – und natürlich der Genres – soll ein möglichst breites Spektrum abgedeckt und somit für jeden Geschmack etwas dabei sein. Ob nun amerikanischer Neo-Western, italienischer Mafiakrimi, laotischer Mystery-Thriller oder iranisch-jordanisch-britischer Geisterfilm: Hier sollten fast alle Filmfans fündig werden.“

Wie stellt ihr das Programm zusammen – ihr habt viele Filme lange Zeit vor Kinostart im Programm. Wo grabt ihr nach Perlen? Ist es schwierig, bestimmte Kracher ins „LineUp“ zu bekommen?

Viele der Filme sichten wir auf größeren Festivals wie z.B. der Berlinale, dem Filmfest München oder in Locarno. Darüber hinaus sichtet das gesamte Team gemeinsam im Zebra, vor allem die Kurzfilme. Letztes Jahr wurden diese noch allesamt bei den diversen Filmemachern und Kurzfilmagenturen angefragt. Für den Kurzfilmwettbewerb im Rahmen des SHIVERS 2016 gab es erstmals Einreichungen, so dass die Zahl der zu sichtenden Kandidaten auf über 200 stieg, von denen am Ende knapp über 20 ausgesucht werden mussten.

Jedes Jahr gibt es Filme, die man sehr gerne zeigen würde, vom deutschen Verleih oder dem Weltvertrieb jedoch keine Freigabe bekommt. Das kann vielerlei Gründe haben. Manchmal scheitert es an zu hohen Preisvorstellungen des jeweiligen Rechteinhabers, manchmal aber auch daran, dass dieser den Film zu einem späteren Zeitpunkt auf einem größeren, prestigeträchtigeren Festival präsentieren möchte. Mit einer guten Portion Verhandlungsgeschick, viel Geduld und etwas Glück hat man aber doch überraschend oft Erfolg.“

Für Leute, die noch nie ein Filmfestival besucht haben: Wie funktioniert das denn eigentlich?

Im Gegensatz zu vielen regulären Kinovorstellungen bieten wir beim SHIVERS wie jedes Jahr ein umfangreiches Rahmenprogramm: Interviews mit Filmemachern, Einführungen zu bestimmten Filmen, ein breites Catering-Angebot und Gewinnspiele zu Beginn vieler Vorführungen. Es wird also eine Menge geboten. Zusätzlich zur Eintrittskarte bekommt man bei den Vorstellungen der aktuellen Filme (Official Selection) außerdem einen Bewertungszettel, in dem man dem jeweiligen Film eine Schulnote geben kann. Am Ende wird dann daraus der Publikumssieger des Festivals ermittelt. Zusätzlich zur Eintrittskarte für einzelne Vorstellungen gibt es – wie bei den meisten Festivals üblich – auch einen SHIVERS-Festivalpass, mit dem man Zugang zu allen 15 Vorführungen hat.“

Zudem gibt es einen Kurzfilmwettbewerb – wer sitzt in der Jury? Was sind die Eigenheiten des fantastischen Kurzfilms? Gibt es da eine erkennbare Entwicklung aufgrund des anhaltenden technischen Fortschritts?

Eine dreiköpfige Jury vergibt auch dieses Jahr wieder den SHIVERS Shorts Award an einen der über 20 Kurzfilme im Wettbewerb. Sebastian Selig frönt freiberuflich seiner großen Leidenschaft, dem Kino, indem er für diverse große deutsche Filmmagazine schreibt und auch öfters für FM4 tätig ist. René Walter betreibt seit vielen Jahren erfolgreich den äußerst beliebten Popkultur-Blog www.nerdcore.de und Dr. Anna Grebe ist neben ihrer Arbeit als Dozentin und Medienschaffende ehrenamtlich u.a. als Prüferin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) tätig.

Durch die rasante Digitalisierung ist es sehr viel einfacher und vor allem günstiger geworden, speziell Kurzfilme zu produzieren, da man nicht mehr zwangsweise auf teures analoges Filmmaterial angewiesen ist. Auch das Einfügen hochwertiger Spezialeffekte ist deutlich erschwinglicher geworden. Dadurch werden Kurzfilme aber kurioserweise tendenziell immer länger.“

Wie steht es deiner Meinung nach um den deutschen Genrefilm – wird viel deutsches Kino beim SHIVERS 2016 zu sehen sein?

Vor allem in diesem Jahr sind sehr viele gelungene deutschsprachige Genre-Produktionen in den Kinos angelaufen. Wir hatten dazu auch eine eigene mehrwöchige Filmreihe, in deren Rahmen wir u.a. Nikias Chryssos‘ DER BUNKER oder Akiz Ikons DER NACHTMAHR gezeigt haben, die beide ganz großartige Beispiele für den aufstrebenden deutschen Genrefilm sind. Es gibt also durchaus einen Aufwärtstrend, und wir sind gespannt, was das nächste Jahr so zu bieten hat.

Aber auch beim SHIVERS 2016 wird es wieder einen deutschsprachigen Beitrag zu sehen geben, und zwar Tobias Nölles beeindruckende, in atmosphärische Bilder getauchte und mit verschrobenem Humor gespickte Charakterstudie ALOYS. Direkt im Anschluss wird der Regisseur via Live-Skype-Schaltung auf der Zebra-Leinwand dem Publikum Rede und Antwort stehen.“

Was sind deine persönlichen Highlights im diesjährigen Programm – welche Filme sollte man auf gar keinen Fall verpassen? Wer ist dein Favorit für den Publikumspreis?

Grundsätzlich sind natürlich alle Filme im Programm toll! Sehr empfehlen kann ich unseren bereits erwähnten deutschsprachigen Spielfilm ALOYS am Freitag, den 25.11., eine erstklassige Mischung aus exzellent gespieltem Drama und eigenwilliger, unaufgeregter Komödie. Aber auch im Nachmittagsprogramm am Wochenende gibt es zwei Geheimtipps: Am Samstag, den 26.11., zeigen wir um 15 Uhr den spannenden italienischen Politkrimi SUBURRA von den Machern der TV-Serie GOMORRHA, die erst kürzlich bei Arte zu sehen war. Am Tag darauf, dem 27.11., beginnen wir den Festivaltag um 14 Uhr mit einer komplett restaurierten Fassung des tschechoslowakischen Historienepos MARKETA LAZAROVÁ (1967) in brillanter Bildqualität. Ein bildgewaltiger, beeindruckender Klassiker des europäischen Kinos, den es in dieser Fassung noch nicht auf deutschen Leinwänden zu sehen gab, und einer meiner persönlichen Favoriten.“

Info:

Das Genrefilm-Festival SHIVERS findet vom 24. bis 28. November im Konstanzer Zebrakino statt und zeigt elf brandaktuelle Highlights und Geheimtipps des Festivaljahres 2016, zwei Kurzfilmblöcke und zwei Filmklassiker. Die Ticketpreise pro Vorstellung liegen bei 7 Euro , respektive 6 Euro (ermäßigt). Der Festivalpass ist für 70 Euro ( 60 Euro ermäßigt) zu haben.

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Interview mit Langtunes (Iran) und Ramzailech (Israel) im Zuge der Secret Handshake Tour

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Das anhaltende politischen Krisengemenge im Nahen Osten ist 2015 präsenter als je zuvor. Kriege, Krisen, Terror, Jahrhunderte andauernde Fehden und Feindschaften, zerschossene Kultur, wohin das Auge reicht. Positive Meldungen sind kaum zu vermelden oder werden von den allgegenwärtigen Hiobsbotschaften einfach verschluckt. Doch mitten in diesem scheinbar undurchdringbaren Strudel der Gewalt und Unterdrückung, haben sich zwei Bands aus zwei Welten zusammengefunden, um gemeinsam gegen den Strom zu schwimmen, sich die Hände zu reichen und gemeinsam zu „Devil Horns“ zu formieren – als Zeichen des Friedens, aber auch der Rebellion. Ramzeilech aus Israel und Langtunes aus dem Irans gehen im November gemeinsam unter der Fahne „The Secret Handshake“ auf Europatournee und spielem 24.11. auch im Konstaner Kulturladen und präsentieren auch abseits des natürlich präsenten politischen Diskurs, einen außergewöhnlichen, vielschichtigen Konzertabend. Denn während die Langtunes eine eingängigen, konzentrierten Indierock spielen, sind Raumzelech echte Pioniere im Feld des „Electric Hardcore Klezmer“.Im Gespräch mit RisseImAsphalt sprachen Behrooz, Frontmann der Langtunes und Ramzailech Gitarrist Amit über ihre Heimat, kulturelle Unterdrückung und eine einzigartige, musikalische Freundschaft. (Das nachfolgende Interview habe ich in englisch veröffentlicht. Allerdings ist das Gespräch gekürzt und übersetzt im Südkurier erschienen (KLICK!))

 

How does rock music function in your home countries? Is there a real alternative scene?

Langtunes: „There’s no function in which you can describe the way rock music is working Iran. Meaning, there’s no official platform, opportunity or ways, for the musicians to work. But of course, you can’t stop the people from doing what they wanna do! So people go to the underground and start doing what they wanna do under the radar of the government! If there’s not a chance to publish some kind of a music, they do it online. If there’s not a concert allowed, they do it in their basements and private parties. If there’s not a chance to make ssome kind of a movie, you do it illegally and screen it outside of Iran, if there’s not a chance to have a fashion show, you build up your own stage and you invite people around you and do it in private, and it goes on and on…So there is a function sort of , for the alternative scene to say, but it’s all working in the underground.“

Ramzailech: „Rock and heavy music is a big part of our musical language. We, Gal and Amit, grew up together but listened to a lot of different music. So between the two of us there’s anything from traditional Klezmer music like Dave Tarras and Giora Feidman to heavy industrial influences like Das Ich, Ministry and Oomph. That diversity between our influences is a key factor to the sound of Ramzailech. There are some amazing bands here in Israel that play all genres from straight-ahead rock to doom and noise. Some get a chance to go overseas and have some sort of recognition while others stay under the radar. You should check them out!“

 

Especially in Iran it is forbidden to spread Western music – did you often come into conflict with the law? How could the establish the Langtunes under these circumstances? In germany a lot of people recognized the succes of „Taxi Tehran“ – are there many artists who set against the current politcal situation Iran?

Langtunes: „As long as you stay under the radar, you’ll be fine! You need to be smart, and know your way around! Of course, there were some trouble for us with the officials over the years, but nothing that big that could stop us from working. And it all depends on how big you get with your audience inside Iran. If you would catch some big attention inside or outside of Iran, then you might get into trouble, as did the guy who made this “Taxi Tehran” movie, who ended up in jail. So of course there’s trouble on your way, but you never know what the consequences would be!“

 

And what about Israel? What to the people think, when you tell them that you are on tour with a band from Iran?

Ramzailech: „We weren’t sure how people would react to the idea, but the more people we’ve talked to, we we’re happy to learn that people are interested and supportive: We we’re playing a festival in Israel and during the show we told the audience about the tour and we got a round of applause. That was an amazing feeling.“

 

How did the meeting between your two bands go? Did you understand each other immediately? Was there sympathy between your groups from the beginning?

Langtunes: „From our perspective, it was as much unimportant where the guys from Ramzailech are, as it could be! We had the communication, as humans, musicians, with the same goal and same spirits. We were easy together, and later came the thoughts of being from these two “forbidden to meet” nations. So that brought us to the thought of “hey, does it really matter where you come from?” and enjoying this concept of a humanistic relation between two groups of people who are not “supposed” to be friends together, but ended up being so, we thought of working with it, showing it to the other people as well, and promoting this way of thinking. No matter how open minded we are, or whether or not we are super intellectuals, we often see people having these borders in their head. “where are you coming from?” is a question people ask each other everyday, and so follows the tags, the prejudices and thoughts towards each other, depending where we are coming from. That’s what we didn’t feel! That’s what we are trying for the people to realize!“

Ramzailech: „We’re all people, we met each other, got along from the very first moment, had a great concert together and that was that. That’s how easy it was. Maybe we owe some credit to the turkish restaurant we ate at after the show. Food always helps. But that’s all you need, people who want to do something cool and just decide to go for it.“

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Who had the idea to do a tour together and what about the idea to start this whole project over Crowdfounding?

Langtunes: „The idea of a common tour actually came from our manager Elnaz Amiraslani who´s also an Iranian and music-promoter in Germany who connectet us 2014. With all of us talking after the one show last year, over the points I mentions above we were positive with that idea right away. And of course, we had two ways to make it happen. Ask for sponsoring and official helps, or go with it on our own. Asking the officials, would mean that we had to take political sides or to send out political messages to the one side or the other, and we wanted to stay away from all these. So the other option was to involve people with it, and ask for them to take part in this peace promoting project.“

Ramzailech: „The tour felt right for everyone. When we met Elnaz, who manages Langtunes, it felt like there’s a team that could make it happen. Booking a tour is a lot of work anyways so why not do it with two bands from Israel and Iran? We keep politics away from the music, so it made more sense to have more support from crowdfunding rather then involving the government.“

 

Two bands from two worlds – with completely different cultural background and who play totallay different musical genres: What can I as a visitor expect from the Secret Handshake Tour? Is it all about music? Or will you also do discussions or lectures?

Ramzailech: „Langtunes is one of the coolest bands in Europe right now. It doesn’t matter if they’re from Iran, Australia of from Mars. They’re a good band. When we play a Ramzailech concert, we do everything we can to play the best show we’ve ever played. That’s what it’s all about for us. We’re more interesting on stage playing our fucking asses off than in a room with a powerpoint slide talking about falafel.“

Langtunes: „Mostly this is about two bands, following up their dreams, no matter where they come from, who they are, and what their cultural backgrounds are. You should expect to see two bands putting all their efforts to rock the shit out of the stage! Of course, after that, you can think about, this rocking off, came from two bands, who are not supposed to be on the same stage, who are not supposed to be friends, who are not supposed to meet each other at their homelands, and who are not supposed to share the same dream, but music, is one thing that could connect people globally to share the same experience and talk the same language!“

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How important is such a symbolic handshake especially in the current political reality?

Langtunes: „People are the ones responsible for making any sort of differences in this world. And of course, if people start moving out of the borders from their heads, removing tags and names and nations from their way of thinking, and connecting with one another, more peacefully and more humane, we would be living in a more beautiful world. And if this tour can make even one person think like this, we can say that we already made some changes.“

Ramzailech: „That’s a very deep question but the answer is very simple: Music. Music is why we do this. Musicians do things that politicians couldn’t dream of: they connect people, they don’t even need words to do so. As long as people can come together and do that, we’re optimistic.“

 

Do you expect restrictions and problems in your home country after the tour?

Langtunes: „Of course the two governments need this conflict to use it for their benefits, politically. And of course if this really begins to make some changes, they will be pissed off, and of course we are thinking of all the risks. Could be lethal for us, or could be nothing in the end. We’ve always been risk takers in what we’ve been doing. Risk, stress, and rebellion has always been a part of rock n’ roll. We’re young, wild, and full of rock n’ roll!“

Ramzailech: „I’m a big fan of ‘club-mate’, so whenever I’m in Germany, I’m hooked. it’s almost impossible to find it Israel so that’s a very possible case of problems and restrictions.“

 

What have you planned for the future?

Langtunes: „A more peaceful world. A more successful career for both of our bands. A great audience who are thinking free and enjoying our shows and spreading our music and sharing our hopes and dreams and passion!“

Ramzailech: „We’re releasing our album “Tsuzamen” in a few weeks, that’s a dream coming true. We’re already in the studio working on more new music. Also, somewhere in the near future, we hope to take a day off and rest, but not yet.“

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 Maifeld-Derby – Vorbericht und Interview

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Aus dem übersättigten Festivalnährboden Deutschlands sprossen in den vergangen Jahren so viele neue Festivals, dass man selbst als geneigter Musikfan schnell Gefahr läuft, den Überblick zu verlieren. 2014 finden wir beinahe in jedem Ort, zumindest jedoch in jedem Landkreis ein eigenes Festival – die Spanne reicht dabei von Giganten wie dem Southside oder Rock am Ring, über Mainstream-Events bis hin zu größeren Dorffeten. Das Problem: Quantität ist nur selten mit Qualität gleichzusetzen! Vielen Veranstaltungen fehlt es an Charme, Risikobereitschaft, Ideenreichtum und vor allem aber an aufregenden Lineups. Zahlreiche Bands überschneiden sich, die Buchungen folgen meist aktuellen Hypes oder dem unabdingbaren Drang nach Party. Vor diesem Hintergrund tut es besonders gut über ein Festival wie das Maifeld-Derby zu stolpern, das ganz bewusst einen anderen Weg geht.

Aber von vorne: Auch das Maifeld-Derby ist noch nicht lange der Kinderwiege entstiegen. 2014 findet das Festival auf dem Mannheimer Maimarkt Gelände nunmehr zum vierten Mal statt. Doch das Derby war von Beginn an anders. Das zeigt alleine ein kleines, aber feines Detail: Das Zeitplan des Festivals offenbart sage und schreibe fünf Bühnen und bietet genau deshalb für alle Arten und Größen von Bands ausgiebige Spielzeiten bei möglichst geringen Überschneidungen. Es wird klar: Hier geht es um Musik – der Hardcore-Festivalgänger könnte sich theoretisch zumindest ein gutes Stück Musik von jeder der insgesamt 60 Bands zu Gemüte führen.

Und ebendiese 60Truppen bieten eine gehörige Bandbreite. Die grundlegende Ausrichtung des Festivals liegt sicherlich im ungeheuer undefinierten Bereich der Indie-Musik. Wie weit dieses Feld ist, konnte man bereits im vergangenen Jahr feststellen, als man als Maifeld-Gänger bereits am ersten Abend sowohl die Progstoner-Giganten Kadavar, als auch eine denkwürdige Show von The Notwist hören konnte (Hier gehts zu unserem Bericht von letzten Jahr -KLICK-). Auch 2014 gibt es unglaublich viel zu entdecken. Zu den Highlights des Lineups gehören sicherlich die fantastische Future Islands, deren Frontmann Samuel T. Herring wohl zu emotionalsten und außergewöhnlichsten Performern des ganzen Rock´N´Roll-Zirkus gehört. Am Festivalsamstag teilen sich zwei Bands den großen Auftritt im Palastzelt des Festivals: Zunächst entert Lokalmatador Konstantin Gropper a.k.a. Get Well Soon die Bühne. Gropper entstammt der Mannheimer Popakademie und seine orchestraler, vielschichtiger Musikentwurf sucht nach wie vor national wie international seines Gleichen.

Zweiter Samstagsheadliner sind Warpaint, die psychodelische Indie-Elektronik-Experimental-Supergirlgroup, die einst zusammen mit John Frusciante musizierten und Live stetig für offene Münder sorgt. Der ganz große Fisch zappelt aber erst Sonntag-Abend im Netz: The National waren 2013 eine präsentesten und erfolgreichsten Indiebands – das spielt aber eigentlich keine Rolle. Denn The National mit ihrem besessenen und unendlich sympathischen Frontmann Matt Berninger sind schlicht und einfach eine absolut grandiose Liveband mit einen scheinbar unendlichen Fundus an absoluten Hymnen. The National und das Maifeld-Derby – das passt wirklich wie der viel zitierte Arsch auf Eimer!

Knapp eineinhalb Wochen vor dem Festival ergab sich die Möglichkeit einige Fragen an Timo Kumpf, den Veranstalter des Maifeld-Derby und Matthias Rauch (Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Clustermanagement Musikwirtschaft) zu richten. Die Antworten wollen wir euch selbstverständlich nicht vorenthalten.

 

1. Was genau sind eure Aufgaben im Organisationsteam des Maifeld Derby?

Timo Kumpf: „Als Geschäftsführer habe ich die Verantwortung über alle Bereiche, von der Produktion über die Promotion bis hin zum Programm. Die Schwerpunkte verschieben sich im Laufe des Jahres. Zunächst steht neben Partnerakquise das Programm im Vordergrund, bevor es dann an die Details geht. Eine Spezialisierung darüber hinaus ist momentan leider noch nicht möglich, aber langfristig arbeite ich daran, mehr Verantwortung abzugeben.

Matthias Rauch: „Seit diesem Jahr unterstütze ich das Maifeld Derby Team bei der Pressearbeit und der Kommunikation. Ich arbeite als PR-Verantwortlicher für das Clustermanagement Musikwirtschaft Mannheim & Region. Wir sind Netzwerker und Strukturförderer innerhalb der regionalen Musikwirtschaft. Wir haben in den letzten Jahren unter anderem den VIP-Empfang des Maifeld Derbys ausgerichtet. Dieses Jahr unterstützen wir das Festival vor allem personell.

2. Das Maifeld-Derby geht nunmehr in seine vierte Ausgabe – was wird 2014 anders sein? Gibt es Fehler, aus denen ihr gelernt habt? Gibt es Neuerungen?

Timo Kumpf: „Es gibt immer Dinge, die man verbessern kann und daran arbeiten wir nach unseren Möglichkeiten ständig. Aber größtenteils sind das Dinge, die sich hinter den Kulissen abspielen. Für die Besucher versuchen wir natürlich ständig am Konzept zu feilen und dies zu verbessern. Die größte Veränderung ist, dass wir aus den anfänglich 3 Bühnen nunmehr 5 gemacht haben. Es gibt erstmals eine Aftershow Party im Maimarktclub bis 5.00Uhr morgens. Da geht’s dann elektronischer und tanzbarer zur Sache als beim „normalen“ Festivalprogramm.

Matthias Rauch: „Es gibt auch sehr viele Dinge, die wir gerne fortführen wollen. So ist es uns nach wie vor wichtig, die Details nicht aus dem Blick zu verlieren und eine sehr intime und familiäre Atmosphäre während des Festivals zu schaffen. Hier greifen sehr viele Faktoren ineinander, die von der Dramaturgie des Line-Ups bis hin zum Catering und der Gestaltung des Geländes reicht.

3. Wo soll es mit dem Maifeld-Derby hingehen? Gibt es Grenzen?

Timo Kumpf: „Naja, wir sind schon so ziemlich an der Grenze dessen was das aktuelle Konzept hergibt. Spätestens bei 5000 Besuchern ist unser Gelände erschöpft und aktuell ist es nicht angedacht, daran etwas zu verändern. Das würde dann auch das Besondere, familiäre Ambiente gefährden und das wollen wir glaub ich nicht riskieren.

Matthias Rauch: „Wie Timo schon sagte, geht es uns nicht um Wachstum um jeden Preis. Wir haben nichts dagegen zu wachsen und tun dies ja auch, aber nur wenn wir gewährleisten können, dass wir bestimmte Aspekte nicht komprimittieren müssen.

4. Bei der Dichte an Festivals, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, ist die Konkurrenz natürlich groß. Was ist für ein „junges Festival“ besonders wichtig, um sich zu etablieren und sich von der Masse zu unterscheiden?
Timo Kumpf: „Ich denke neben Programm und gekonnter Umsetzung gibt es noch viele weitere Parameter. Zum einen das liebe Wetter, wobei man das ja nicht im Griff hat, zum anderen noch langweilige Themen wie Finanzierung oder ganz banal auch Geländeverfügbarkeiten. Es kann einfach immer alles passieren und damit muss man dann umzugehen wissen. In unserem Fall war die Szeneangehörigkeit als Musiker von Get Well Soon und das daraus resultierende Netzwerk sehr wichtig. Da merken Bands und Besucher, dass wir da kein Businessmodell zusammengeschustert haben, sondern dass wir hier ein Herzensprojekt umsetzen. Das ist dann auch unser Alleinstellungsmerkmal, wir stehen sehr auf Details.

Matthias Rauch: „Ich glaube, die meisten Besucher des Festivals sind sehr inhaltlich interessiert und wollen die Musik genießen und auch neue Bands entdecken. Und wir wollen dafür einen sehr angenehmen Rahmen bieten. Bei uns wird man keine langen Warteschlangen, kein überteuertes Essen sowie keine Dixieklos ertragen müssen. Abgesehen davon, dass Timo auch dieses Jahr wieder ein hervorragendes Programm zusammengezimmert hat.

4. Wie setzt ihr euer Line-Up zusammen? Was ist euch bei der Bandauswahl wichtig?

Timo Kumpf: „Das ist auch immer so eine Bauchentscheidung. Ich buche, was mir gefällt. Klar hat sich im Laufe der Jahre auch der Anspruch entwickelt, möglichst aufstrebende Bands kurz vom Durchbruch zu verpflichten, aber im Endeffekt entscheiden Qualität und der persönliche Geschmack.

5. Was ist deine Meinung zur Headliner Verpflichtung von The National? Ich könnte mir vorstellen, dass da bei der Ausrichtung des Festivals ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen ist?

Timo Kumpf: „Naja, das ist schon eine krasse Sensation. Wir freuen uns auf diese tolle Band und haben lange gebraucht, um das zu glauben! Aber um auch das mal klarzustellen: Die sind im Vorfeld schon so nett und normal, dass sich das alles schon normalisiert hat und auch THE NATIONAL eine ganz normale Band in einem bunten Portfolio toller Musikgruppen sind.

Matthias Rauch: „Wir freuen uns natürlich sehr, dass das mit The National geklappt hat, allerdings muss sich das gesamte Programm keinesfalls verstecken. Ganz im Gegenteil. Die Verpflichtung von The National trägt sicherlich dazu bei, dass das Festival noch stärker als bisher international wahrgenommen wird. Wir haben sehr viele Anfragen aus dem europäischen Ausland, was uns natürlich sehr freut.

6. Hast du Geheimtipps, was man als Besucher auf keinen Fall an kleinen Bands verpassen sollte?

Timo Kumpf: „Das hab ich beim Programm noch vergessen: Alle Bands sind unsere Geheimtipps! In diesem Jahr hervorzuheben sind vielleicht Hozier, Wye Oak, Son Lux, Anna Aaron, Bilderbuch, Lambert und eigentlich auch alle anderen. Also nix verpassen, denn es könnte deine neue Lieblingsband sein!

Matthias Rauch: „Ich freue mich besonders auf Bands wie Future Islands, Sohn, Monochrome, Hundreds oder auch Get Well Soon, die mit Streicher- und Bläserensemble auflaufen werden. Sollte man alles tunlichst nicht verpassen.

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„Wie gestaltet sich ein Leben, bei dem die großen Leidenschaften versteckt werden müssen?“

Hans Bucher

41888Im Zuge des Seminars „Kino und Bild“ der Universität Konstanz hat sich Risse im Asphalt mit der Regisseurin Barbara Teufel (Klick!) getroffen. Sie stammt aus Neuhausen ob Eck, hat unter anderem mit ihrem Film „Die Ritterinnen“ große Erfolge auf nationalen und internationalen Filmfestivals gefeiert, arbeitet an Filmhochschule Köln und plant momentan einen Film über den Fridinger Künstler Hans Bucher (Klick!). Im Gespräch ergaben sich hochinteressante Ansichten über Heimat, das Werk im Verborgenen und vor allem den Dialog der beiden Medien Film und Gemälde. Aber lest selbst:

Also zunächst einmal wäre es sicherlich einige allgemeine Fakten interessant: Wie bist du auf Hans Bucher gestoßen?

Liebe auf den 2. Blick: die Wucht im Museum in Kombination mit dem Ort.

Was hat dich dazu bewogen den Film zu machen?

…hat mich nicht losgelassen. Die Widersprüche…

Widersprüche? 

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Erstmal die Bilder: sein malerisches Werk zerfällt in 2 Teile, die stilistisch nichts miteinander zutun haben, komplett verschieden sind. Zum einen die Landschaften, egal mit welcher Technik homogen, ganz anders die Portraits junger Männer. Beide Teile könnten jeweils ganze Archive füllen. Von den Landschaften wusste ich, die vielen Jungs haben mich überrascht. Sie waren, außer in seinen privaten Räumen, so gut wie nie zu sehen. ‚Sein künstlerisches Schaffen geschah gewissermaßen im Verborgenen‘ las ich. Da kommt das schwäbische Dorf ins Spiel, das anders funktioniert als Stuttgart oder München und anders als Kunstakademie.

In so einem Dorf ist das Handwerk angesehen, die Kunst ist ein überflüssiger Luxus, braucht kein Mensch. Höchstens mal was dekoratives mit Heimatgefühlen übers Sofa, aber wahrheitsgetreu sotts scho sei– sauberes Handwerk ist da wieder gefragt. Ein „Künstler“ ist – oder war zumindest – einer, der nix schafft. Eher ein Schimpfwort. Das macht man besser heimlich. Und dann diese unzähligen Jungs, teils orgiastisch, oft erotisch und meist nackt dargestellt: worin bestand die Faszination, was hat den Maler zu dieser Fülle getrieben? Die Frage nach der sexuellen Orientierung drängt sich förmlich auf. Und das ist das Tabu schlechthin. Unabhängig davon, ob diese Faszination jenseits von Leinwand oder Papier gelebt wurde:

Wie gestaltet sich ein Leben, bei dem die großen Leidenschaften versteckt werden müssen?  Seine Leidenschaft spratzelt wie ein Feuerwerk aus den Ölgemälden. Hans Bucher musste als junger Mann zurück kommen, aber er musste nicht bleiben… warum ist er geblieben? Was war stärker als die Widersprüche? Diese Dinge waren es, die mich nicht losließen. Könnte mir im Prinzip scheißegal sein, aber es berührt etwas, das direkt mit mir selbst zu tun hat: die „Heimatfrage“ im weitesten Sinn… Klar kann man Filme über alles mögliche machen, aber Kunst kann nur entstehen, wenn man berührt ist.

Und wie wird der Film im Groben aussehen?

Kann ich noch nicht sagen. Ich werde eine subjektive Perspektive einnehmen, es wird kein Versuch, ein definitives/objektives Portrait zu schaffen. Keine Reportage. Da werde ich es mit dem Maler halten, dessen Ziel ja auch nicht war, seine Umgebung objektiv zu dokumentieren.

Was hast du bislang gefilmt (für dieses Projekt)?

Vor allem Reportage! Viel Langeweile. Ein paar wenige Perlen. Das wenigste davon wird in den Film eingehen.

Wie gehst du vor?

Ich habe mit den Dreharbeiten begonnen, weil letztes Jahr zum 10. Todestag eine Reihe von Veranstaltungen stattfanden, von denen ich erwartete, die wichtigen Menschen aus Buchers Leben zu treffen, ich war neugierig auf die Leute, wie sie über ihn sprechen. Wie öffentlich über ihn gesprochen wird, heute. Wie seine Kunst wahrgenommen wird. Es ist ein Herantasten an die Leerstelle, ich kann ihn ja nicht fragen. Aber es gibt immer noch kein wirkliches Konzept.

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Welche Rolle haben dabei die Bilder von Hans Bucher gespielt?

Sie waren die Initialzündung! Der Grund und Motor, mich auf diesen hermetischen Wahnsinn einzulassen!

Wo zeigt sich der „hermetische Wahnsinn“ von dem du sprichst?

Hans Bucher war eine hoch komplexe Persönlichkeit mit einem ebensolchem, nicht nur malerischen Werk, wie du weißt. Da ich ihn ja nicht fragen, ihm nicht zusehen kann, bin ich auf Infos und Material seiner Verwalter angewiesen. Wenn sie meinem Vorhaben auch grundsätzlich positiv gegenüber stehen, gibt es doch eine Furcht um die Deutungshoheit. Und damit ein zögerlicher Umgang in der Herausgabe des privaten Nachlasses.“

Sind die Bilder der Hauptgrund einen Film zu machen oder sind sie zwar Bedeutungsträger – aber treten dabei hinter die Geschichte zurück.

Die Wucht der Bilder in diesem engen Kontext provozieren Fragen. Zu seinem Leben, seiner Persönlichkeit, seiner Positionierung. Abgesehen davon wird aus abgefilmten Gemälden niemals ein Film.

Aber es gibt noch eine andere Frage, die mich in diesem Zusammenhang auch persönlich treibt: wie ist es möglich, nachdem man in großen Städten gelebt und künstlerisch oder wissenschaftlich gearbeitet hat, zurückzukehren ins Dorf? Komplett andere Strukturen, andere Kultur, andere Maßstäbe, andere Themen. Bedeutet, falls man sich nicht völlig isoliert, dass zumindest ein Teil der Persönlichkeit abgespalten werden muss…

Hast du dir schon überlegt, wie du die Bilder selbst in den Film einbauen wirst?

Nein, weiß ich noch nicht, das ist was vom Schwierigsten, das 3-dimensionale ins 2-dimensionale zu bringen, ohne dass es an Kraft verliert. Ich weiß nur, dass ich nichts als meine Lieblingsbilder zeigen werde. Wie bei jedem Künstler oder gar Genie ist nicht jede Arbeit herausragend. Mit einer Negativ- oder Mischauswahl kann man jedes Werk diskreditieren. Das passiert Bucher auch. Ich möchte nachvollziehbar machen, was mich an den Bildern fasziniert, warum sie trotz ihrem angeblichen Mangel an Modernität nicht auf den Misthaufen der Geschichte gehören.

Oder hast du selbst schon einmal mit Gemälden, Bildern gearbeitet?

Ja, ich hab vor vielen Jahren in Paris einen Film (‚Männer in Öl‘) über die Bilder einer jungen Malerin gemacht. Der Unterschied: ich konnte mit ihr reden. Die Parallele: sie weigerte sich, über ihre Bilder, ihre Kunst zu sprechen. Das war eine sehr kreative Herausforderung.

Wie bist du damals mit den Bildern umgegangen? Wirst du das ähnlich machen?

Damals konnte ich ihr bei der Arbeit zusehen, hab sie begleitet, konnte ihren Blick auf die Motive nachvollziehen und ihnen eine weitere Ebene geben, die die Malerin mit einschloss… ich hab auch viele Situationen herbeigeführt/inszeniert, war (sichtbarer) Teil des Prozesses. Die Voraussetzungen beim Hans-Bucher-Film sind ganz anders. Ich bin noch auf der Suche nach dem filmischen Schlüssel. Man weiß es nie, ob man ihn findet. Wie der Schriftsteller vorm weißen Blatt…

Welche Möglichkeiten liegen in der Kombination von Bewegtbild und „starrem“ Gemälde? Und inwiefern sollen / können diese beiden verschiedenen Medien in Beziehung treten?

Wir experimentieren mit der Kamera, versuchen, Emotionen, Bewegung, Auflösung der Form in Farbe, herzustellen, nachzuvollziehen. Wir suchen auch nach den Perspektiven des Malers, Originalschauplätze. So idyllisch schön sie für die Kamera sein mögen: die Diskrepanz zwischen dem Auge/filmischem Naturalismus und Buchers malerischem realistischem Expressionismus zeigt seine Kunst, lässt Rückschlüsse auf den Verdichtungs-/Gerinnungsprozess. Das ist die Idee, keine Ahnung, ob das aufgeht.

Bucher Hans

Nimmt man sich den Dialog, den Umgang von Bewegtbild- vs. starres Bild vor, oder passiert so etwas automatisch?

Jeder (dokumentarische) Stoff verlangt seine spezielle Form als filmische Übersetzung. Die zu finden ist die wesentliche künstlerische Arbeit. Man muss die Materie ganz und gar durchdringen, um dem Geist, der sie tränkt, auf die Spur zu kommen. So entstehen Assoziationen, Querverweise, eigene Bilder, eine neue Ebene. Es gibt, jedenfalls in meiner Arbeit, keinen automatischen formalen technischen Zugang, sondern immer die neue Frage: was braucht der Stoff, um sinnlich erfahrbar zu werden. Man kann es natürlich auch anders machen, viel einfacher, in dem man die Reportage wählt: man dreht ein paar Originalschauplätze, eine Ausstellung, ein paar Bilder ausführlicher, kommentiert von einem Experten und Musik, macht noch ein paar Interviews, fertig. Interessiert mich aber nicht. Das wäre das Notprogramm.

Mit welcher (speziellen) Technik wirst du versuchen Bild und Bewegtbild in Einklang, Kontrast, dialog zu setzen?

Schwierige Frage. Zum Beispiel malen mit der Kamera: wir fahren im Auto mit der Kamera durchs Donautal, beschleunigen immer mehr, bis sich die Form vollständig in Farbe auflöst. Das bildet einen inneren Prozess ab, den der Maler durch seinen Blick vollzieht. Ich strebe an, seiner Wahrnehmung so nah wie möglich zu kommen, in sein Universum einzutauchen. Bedeutet für die Textebene, dass ich vor allem mit seinen Worten (Tagebücher, Briefe etc.) arbeiten möchte.

Welches Gesamtbild soll bzw. wird im Idealfall – im Rahmen zwischen Gemälde, Film, Geschichte, Bild – entstehen?

Man soll eintauchen in diesen Kosmos. Man soll sich an Punkten identifizieren können. Das Geheimnis, das bleiben wird, soll neugierig machen auf Buchers Bilder. Vielleicht passiert ja auch sowas, dass die eigene Wahrnehmung des Alltäglichen andere Farben kriegt…

Tritt der Film automatisch zurück – hinter Erzählung/ Geschichte und die Bilder/ Gemälde?

Nein, nicht unbedingt. Da würde die Film-Kunst beginnen. Ob das gelingt, was man vorher nie…“

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„Wow – jetzt blästs dich gerade weg!

 

2012 und damit acht Jahre, nachdem die Sportfreunde Stiller bei Rock am See für sein allererste Konzert und Festivalerlebnis gesorgt hatten, trifft der vorliegende Blogger die musikalischen Helden seiner Spätpubertät zum Interview. Die Sportfreunde spielen abermals in Konstanz, der Rahmen ist allerdings ein ganz anderer: Damals auf der mächtigen Festivalbühne, jetzt im Kulturladen. Am Erfolg liegts nicht: Das bayrische Trio ist die wohl erfolgreichste deutschsprachige Indieband überhaupt, Superhits und Nummer 1-Granaten pflastern ihren Weg. Bleibt also die Frage: Warum das Ganze? Die Antwort darauf hat Risse im Asphalt im Gespräch mit Peter Brugger, seines Zeichen Sänger der Kombo gefunden. Darüber hinaus ging es ums Älter werden, live spielen, Songs schreiben, Roque Santa Cruz, Köpfe einschlagen, einen Neustart und die Arbeiten am neuen Album.

Allen Lesefaulen, die sich gerne das Interview eines schwäbischen Interviewers mit einem bayrischen Rockstar unverfäscht und in Originallänge anhören möchten, sei der folgende Link ans Herz gelegt. Für alle anderen heißt es scrollen bis die Finger bluten:

[Risse im Asphalt]: 2004 hab ich euch hier in Konstanz bei Rock am See gesehen. Eigentlich funktioniert das ja anders herum: Man entdeckt ne Band im kleinen Club und sieht sie irgendwann auf der großen Bühne wieder! Vor diesem Hintergrund zwei Fragen: Wie ist das Gefühl, wenn man sein Publikum über Jahre heran wachsen sieht? Und was steckt hinter der Clubtour?

Peter Brugger: „Also darüber freuen wir uns total, dass wir auch merken, dass immer wieder Leute auf die Konzerte kommen, die schon ganz früh da waren. Leute, die vielleicht mal nicht da warn, die aber dann schon mal wieder hinschaun, die uns nicht vergessen haben und für dir musikalisch und damit unsere Musk ne gewisse Bedeutung haben. Oder die zumindest tolle Sachen mit unserer Musik verbinden. Das ist total schön und ein Glücksfall.

Warum wir das machen? Einfach nur weil wir Bock haben. Ich hab mir gestern überlegt: Hä, warum spielen wir jetzt eigentlich heute? Und irgendwie kam mal die Idee auf, lass uns doch mal wieder in Kostanz spielen.

Das Konzert war ja ruckzuck ausverkauft – und im Anschluss habt ihr weitere Clubkonzerte angeschlossen…

Das hat auch die Bewandnis, dass wir einfach auch neue lieder ausprobieren wollen, weil wir grad am Lieder schreiben sind. Da gewinnt man nen guten Eindruck von den Songs. Dann gibts mal en feedback und man merkt ganz schnell ob des hinhaut oder ob des en Schmarrn ist. Des ist auch ganz anders, als wenn wir das so bei uns ihm kleinen Rahmen vor uns hin spielen.

Ihr versucht ja offensichtlich gerade Live immer wieder neue Reize zu setzten: Unplugged-Shows, Bombast Liveauftritte, jetzt die Clubshow. Was steckt da dahinter?

Wie du schon sagst,  wir versuchen die unterschiedlichsten Sachen zu machen, weil wir merken, dass des uns die Freude an der Sache zurück gibt. Dabei gibts niemals einen Trott. Und da war das Southside und das Hurricane, mit diesem fast schon größenwahnsinnige Aufbau.. Da haben wir gedacht halt gedacht: Ja okey, jetzt lass uns einfach mal ein bisschem rumspinnen und des war dann einfach auch total beindruckend, wenn da so von dem Podest auf Publikum guckt. Das hälts halt einfach interessant. Dann warn wir im Mai auf einer kleinen Clubtour in Kroatien, Tschechien und Ungarn. Und das war dann so ein Gefühl wie ganz früher: Nur wir zu dritt auf der Bühne, mit ganz kleiner Mannschaft unterwegs, in Länder wo uns nicht viele Leute kennen. Und das war total wichtig für uns. Wir hatten letztes Jahr ne Pause eingelegt, wir wollten eigentlich erstmal gar nichts machen und durch diese Tour haben wir wieder so richitg Bock bekommen neue Lieder zu schreiben. Da kam so ein Neustart Gefühl auf…

Für uns wars wichtig, grad auch nach dem Unplugged – das war ja unser größter Erfolg – Da wars einfach wichtig, den Kopf freizubekommen und komplett abzuschalten von der Musik, um dann auch mal den Gedanken reifen lassen zu können: Wie solls denn jetzt eigentlich weitergehen. Und jezt merken wir, auch durch diese Clubtour, dass wir einfach auch wieder Lust haben und Inspiration da ist. Wir wollen jetzt einfach selber wieder neue Musik von uns hörn.

Ist auf dieser Tour auch die ein neues Album aufzunehmen aufgekommen oder is einfach gerade die Lust an der Sache das Entscheidende an eurem Neustart?

Das is jetzt grad das Entscheidende. Also wenn wir nen Druck haben, dann sowieso nur den, den wir uns selber machen. Das ist ein Luxus, aber der kann auch ganz schön blockierend sein. Ich kann nur für mich sprechen – für mich war die Zeit in den letzten Jahren irgendwie einfach noch nicht reif. Der Flo war da anders, der wollte gleich wieder was machen. Aber so mit der Zeit, die wir zusammen verbracht haben, das war der Startpunkt. Und prompt ist auf dieser Reise auch ein tolles Lied entstanden und zwar zusammen. Da hat einer eine Zeile rein geworfen, Rüde hat was geschrieben, ich hab paar Akkorde dazu gespielt, hab weitere Zeilen geschrieben und dann kam Flo mit der Melodie. Und dieses Lied, das steht für diesen Neubeginn und es war schön zu sehen, dass es hinhaut. Wenn wir zusammenrücken, dass da sofort Inspiration da ist.

Was mich als musikalische Nulpe interessiert: Wir schreibt ihr eure Songs, ich meine ihr habt Superhits und Hymnen, die schon fast zum popkulturellen Gedächtnis gehören. Sagt man sich da, jetzt schreib ich mal ne große Ballade?

Meine Erfahrung: Wenn man was Besonders, was Großes machen will, dann geht das in die Hose.

Weil so dieses Vorhaben, jetzt schreibe ich des und des, das mündet dann immer so in einer Kopfgeburt. Das Tollste is eigentlich so immer wenn was beiläufig kommt und des sind dann auch die Lieder die geblieben sind, die wir 10 Jahre oder länger. Des sind so Momente, wo man ein intensives Gefühl wahrnimmt oder ne Zeile aufschnappt und die dann irgendwie umsetzt. Klar, wenn die Zeile da is, muss man sie ausfeilen, wegwerfen, ruhen lassen. Das ist dann schon Arbeit.Und dann hilft uns heute auch die Erfahrung. Andererseits haben wir jetzt auch unglaublich viele Songs geschrieben und dann merkt man manchmal auch: Sowas haben wir ja schon mal geschrieben und dann muss mal halt schaun, wie man des mit dem Alter wieder anders beschreibt.

 

Interessant, dass du das mit der Erfahrung ansprichst. Ich habe mit die Frage notiert, ob du, als Sänger der größten Fußballband Deutschlands  Parallelen zwischen der Karriere eines Fußballspielers und der deinigen als Rockstar siehst? Hilft die Erfahrung?

Jetzt bin ich natürlich leider nicht in der Lage zu sagen wie sich ne Fussballkarriere anfühlt. Das wäre mein Traum gewesen, aber ich war halt leider nicht in der Lage. Aber es hat ja mit der Musik hingehauen, das ist ja auch ganz toll. Es ist einerseits toll auf einen Erfahrungsschatz zurückzugreifen, aber man muss aufpassen, dass man nicht zu abgeklärt rangeht. Weil Musik in erster Linie reines Gefühl ist. Und darum ist Musik doch auch einfach so etwas tolles, weils direkt in die Leute reingeht. Manchmal wünsch ich mir auch, wieder die Unbedarftheit von früher zu haben. Aber das geht ja leider nicht. Aber dieses ‚Wow – jetzt blästs dich gerade weg‘, des gibts immer noch und da ist man voll in dem Moment drin und macht das was am liebsten macht. Ein Riesegeschenk. Das empfinde ich nach wir vor so. Ich versuch also nicht so verkopft ranzugehen, die Erfahrung mit reinzunehmen, mir aber trotzdem ne gewisse Naivität zu erhalten.

Da fällt mir gerade auf, dass es Gerüchte um Roque Santa Cruz und ein Bundesligacomback gibt…

Wirklich? Den hab cih neulich in München getroffen, das war ganz schön. Ich steh da so und dann ist da plötzlich der Roque. Wir hatten ewig keinen Kontakt mehr, seit er nicht mehr in München ist. Ich hoff, ich wünsch ihm, dass er nochmal richtig einschlägt. So ganz hats ja nicht hingehaun, da hat immer ein bisschen was gefehlt.

Gibt es bei euch in dieser ganzen langen Zeit des Zusammenlebens, nicht auch mal Momente, wo ihr euch am liebsten auf die Fresse hauen würdet?

Klar logo, das gibt es bei uns auch. Aber, es ist so, dass ist ja wie eine enge Beziehung die wir zu dritt führen und weil wir uns mit unsere Leidenschaft beschäftigen, ist jeder mit viel Herzblut dabei und entsprechend ist da jeder von uns auch sehr verletzlich. Am intensivsten ist es einfach immer, wenn wir im Dreierverbund diskutieren. Der erste Moment, wo jemand eine Idee vorstellt, das ist einfach sehr intensiv und entsprechend kann das auch total enttäuschend sein. Und natürlich gibt es da auch den Moment, da würde ich den anderen am liebsten die Zähne ausreissen und die Jahre ausrupfen. Aber wir wissen natürlich auch, was wir voneinander haben und wir sind durch so viele Situationen gegangen und natürlich haben wir da großen Respekt voreinander. Wir können es ja selbst kaum glauben, dass wir das schon 16 Jahre lang machen und das es irgendwie immer weiter geht. Es ist wirklich was sehr schönes, da ist aus so einer jugendlich Freundschaft und der Liebe zu der Musik echt was ganz Großes geworden.

Gibt es Sachen die ihr bewusst alleine macht?

Nach ner längeren Tour braucht jeder seine Freiheit ich bin dann ganz gern mit mir alleine und ich genieße die Zeit. Und treff mich mit anderen Freunde und versuch dann so nen normalen Alltag herzustellen. Da Tourleben is ganz anders und in der Tat nur wenig inspirierend, man hängt halt in irgendwelchen Clubs und bekommt nicht viel drumherum mit. Entsprechend geb ich mir Mühe, in ein normales, gesundes Leben zurückzufinden!

So als letzte finale, zusammenfassende Frage: Wo solls denn jetzt hingehen?

Das kann ich dir zum jetzigen Zeitpunkt leider echt nicht sagen. Was wir versuchen ist einfach, wir sind ja keine 18 mehr und es geht jetzt auf die 40 zu, wir versuchen jetzt auf jeden Fall unsere Themen altersgemäß zu behandeln. Aber trotzdem merken wir, dass wir nach wie vor Bock haben auf der Bühne abzugehen. Und das ist echt ne wichtige Erfahrung, weil früher hat man halt gedacht, jemand der 35 Jahre alt ist, der ist ja uralt. Aber wir fühlen uns teilweise gar nicht älter. Und in dem Komplex, da sind einfach viele Facetten drin und dieses Gefühl würd ich echt gern in die Musik mit rein nehmen. Wie sich das anhört? Keine Ahnung, wir beginnen im Herbst mit den Aufnahmen. Was mich auch beschäftigt, ist die Sache wie sich die Wahrnehmung von einem selbst ändert und auch die von außen – und dass das irgendwie gar nichts miteinander zu tun hat. Des ist auch so ein Thema, das ich unbedingt noch angehen möchte…

Ende.

Noch nicht genug? Dann gebt euch halt noch den Konzertbericht, der zuvor schon vollständig beim Südkurier /Klick!/ erschienen ist:

Großes Kino im kleinen Saal –

Sportfreunde Stiller – Kulturladen Konstanz

 

Habt ihr euch schon einmal im Kino in den falschen Raum gesetzt? In einen kleinen, schnuckligen Indiependent-Saal, in dem plötzlich und zur großen Überraschung ein echter Blockbuster gespielt wurde? Nein? Natürlich ist das ein unrealistisches Szenario, doch ungefähr so haben sich wohl die Kulturladen-Konzertbesucher am vergangen Mittwoch gefühlt, als dort die Sportfreunde Stiller die Bühne enterten. Denn eigentlich funktioniert der Rock´N´Roll-Zirkus genau anders herum: Man entdeckt eine junge Band in einem kleinen Club und sieht sie, falls alles ideal läuft, Jahre später auf einer großen Bühne. Auch die Sportfreunde haben schon in Konstanz gespielt – 2004 und 2007 – jeweils bei Rock am See und jeweils von zehntausenden Fans. Im hier und heute spielt das Trio aber im KULA und damit vor ein paar hundert Verrückten. Wie kommt es dazu? „Warum wir das machen? Ganz einfach weil wir unglaubliche Lust drauf haben.“, erklärt Sänger Peter Brugger im Gespräch vor dem Konzert. Lust, das ist das große Stichwort, dass den Sportfreunde-Kosmos momentan bestimmt: Die erfolgreichste deutsche Indieband schien nach ihrem Nummer 1 Album „La Bum“ und dem unglaublichen Erfolg ihrer Unplugged-Tour müde und ausgelaugt. Ein Jahr Pause erschien als logische Konsequenz, dann aber startete die Band eine Clubtour durch Osteuropa: „Und da war das plötzlich so ein Gefühl wie ganz früher. Nur wir drei auf der Bühne, in Ländern, in denen uns kaum einer kennt. Und da kam so ein Neustart-Gefühl auf.“ Der Neustart mündete umgehend in neuen Kompositionen und im Bestreben, auch in Deutschland kleinere Clubs zu bespielen und die neue Lust offen zu präsentieren. Als Startpunkt erschien den Sportfreunden Konstanz und der KULA ideal – das Konzert war innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Und da stehen sie dann: Aus der bayrischen Idylle in die große Welt, aus der Welt zurück auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Peter, ganz links, der immer ein wenig unscheinbar wirkt bis er zu singen beginnt, Rüdiger, genannt Rüde, langhaarig und abgeklärt, der musikalische Kit der Band und Flo, hyperaktiver Romanautor, Schlagzeug-Derwisch, der Unberechenbare. Nach einer kurzen Abtast-Phase springt der Funken ruckzuck über. Der typische Sportfreunde-Sound, dieses Konstrukt aus Deutschrock, Indie, Punk und bayrischen Charme, funktioniert definitiv im kleinen Rahmen und die Sportfreunde schrammeln ausgelassen vor sich hin, ehe ihre Hymnen nicht selten in eingängigen Keyboard-Sounds und mitreißenden Refrains zerbersten. Das Dauergrinsen in den Gesichtern des Trios offenbart, dass die Sportfreunde Stiller ganz offensichtlich jede Sekunde des Konzertes genießen. Peter springt in den Graben, schält sich durch die verschwitzte Menge, um sich dort ein Bier zu genehmigen, Rüde schüttet gefühlte fünf Kisten Wasser in die Menge, während Flo einen Stagediver augenzwinkernd für dessen Tanzeinlage kritisiert: „Mir hat einfach Gefühl, Rhythmus und Ausdrucksstärke gefehlt!“ Überhaupt gewinnt man zunehmend den Eindruck das sich die Sportfreunde mit diesem Konzert freischwimmen von all dem orchestralen Unpluggedbombast und ihren Festivalshows im XXL-Format. Drei Mann: Gitarre, Bass, Schlagzeug und ein bisschen Keyboard. Das ist Rock`N´Roll „wie ganz früher“ und das geht mächtig nach vorne.

Das Aufregende ist dabei die Tatsache, dass auch die Songs selbst ihr ursprüngliches Gewand überstreifen. Kompositionen wie „Wellenreiten“, „Fast Wie Von Allein“ oder „Wunderbaren Jahren“ haben teilweise ein Jahrzehnt auf dem Buckel und für viele ehemalige Teenie-Fans bilden sie den Soundtrack des Erwachsenwerdens. Vor diesem Hintergrund entsteht im Kulturladen ein besonderes Momentum zwischen Perplexität, Euphorie und Erinnerung. „Es kommen immer wieder Leute auf unsere Konzerte, die ganz früher schon mal da waren und dann irgendwie gar nicht mehr und die dann doch mal wieder vorbeischauen. Die haben uns nicht vergessen, für die hat unsere Musik eine gewisse Bedeutung oder sie verbinden irgendwie tolle Sachen und Erinnerungen damit. Das ist total schön und für uns ein Glücksfall.“, versucht Peter Brugger die besondere Verbindung von Fans und Band zu skizzieren.

Der Konzertsaal reift indes zu mehr als sprichwörtlichen Sauna, das Publikum springt und schwitzt und tanzt und gröhlt die Sportfreunde Hits, die längst dem popkulturellen Gedächtnis angehören. „Ich wollte dir, nur mal eben sagen, dass du das…“ Man versteht sich von selbst. Das Ereignis endet nach knappen zwei Stunden Spielzeit, zwei Zugaben und Temperaturen an der Kollapsgrenze – so muss es sein, meint auch Peter: „Dieses ‚Wow – jetzt blästs dich gerade um!‘, das gibt’s nur auf der Bühne. Und deshalb ist Musik halt was so tolles, weils einfach direkt in die Leute reingeht.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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„Niemand ist abhängig von Walt Disney!“

Der Aufschrei der Internetgemeinde war immens: Als der erste Trailer zum vierten Fluch der Karibik Film Abenteuer auf Youtube flimmerte, rutschte dem Filmfan eine Tatsache umgehend in die Gehörgänge: Captain Jack Sparrow, die tragende Figur der Reihe, von Johnny Depp bravourös eingespielt, klang anders. Ungewohnt. Schräg. Erzwungen. Keine groggeschwängerte Tuntigkeit, keine unterschwellige Arroganz. Es folgten Fragen, Proteste, Aufschreie und nach und nach kam ein Synchronsprecher-Krimi ans Licht, der dem neusten Piraten-Streifen in Sachen Dramatik definitiv das Wasser reichte.

Alles beginnt 2003 im Vorfeld der Veröffentlichung des Walt Disney Blockbusters „Fluch der Karibik“. Der Megakonzern erscheint hypernervös, offensichtlich fehlt das Vertrauen in die zig millionenschwere Verfilmung einer Disney-Land Achterbahnattraktion. Nachdem die Macher bereits Johnny Depp beinahe aus dem Projekt gestrichen worden wäre, zeigte man sich auch in Deutschland mit der Arbeit von Johnny Depps regulären Synchronsprecher David Nathan nicht zufrieden und wirft ihn kurzerhand über Bord. „Wir sind nur Roboter, die reinkommen, mäpmäpmäp machen und wieder rausgehen; völlig austauschbar!“, wetterte Nathan, dessen Arbeit als Sprecher bis dato Maßstäbe gesetzt hatte, damals (siehe Merkur-Online: „Warum Captain Jack seine Stimme verlor!“). In der Folge übernahm Marcus Off  (hier (Klick!) bei der Arbeit) den Job und brillierte auf ganzer Linie. Fluch der Karibik und auch die beiden Fortsetzungen wurde weltweit und in Deutschland nicht zuletzt aufgrund seiner Leistung zum Megaseller. Marcus Off indes bekam vom Erfolgskuchen nichts ab: Während der Film Milliarden einspielte sprach Off Jack Sparrow Klingeltöne und DVD-Extras ein. 9306,14 Euro erhielt er für seine Synchronarbeit. Das ist zwar deutlich mehr als den Synchronsprechern normalerweise gezahlt wird, doch angesichts des immensen Erfolgs wurde Marcus Off nachdenklich und meuterte – immerhin hatten 20 Millionen Fans seinen Jack Sparrow gefeiert.

Walt Disney indes machte keine Gefangenen, kündigte den einstigen Goldesel ohne großes Federlesen und ersetzte ihn durch den mittlerweile handzahmen und seither in der Öffentlichkeit schweigenden Nathan. Off jedoch ging auf die Barrikaden und klagte gegen den Megakonzern (Hintergründe zum Rechtsstreit hat die Süddeutsche Zeitung hier (klick!) zusammengefasst). Und plötzlich ging es um viel mehr. Um die Rechte der Sprecher, um Kunst oder Nicht-Kunst und um die Macht der Stimme. Risse im Asphalt sprach mit Marcus Off über seinen Beruf, Jack Sparrow und natürlich über seinen verbitterten Kampf für seinen Berufstand und gegen die vergoldeten Windmühlen des Disney-Konzerns.

Herr Off, Könnten sie kurz schildern, wie und als was sie vor den Fluch der Karibik-Teilen gearbeitet haben?

Marcus Off: „Ich arbeite seit 1985 als Schauspieler in allen drei Bereichen Theater, Film und Fernsehen und seit den Neunzigern auch im Synchron und Hörspielbereich. Man stellt sich bei den Synchronfirmen vor, bewirbt sich, Castings, genauso wie in den anderen Bereichen.“

Wie kam es dann dazu, dass sie als Jack Sparrow besetzt wurden?

Marcus Off: „Walt Disney war mit der bereits in deutsch aufgenommenen Rolle Jack Sparrow im ersten Teil nicht zufrieden und fragten mich ob ich es denn probieren möchte. Sie waren von meiner Arbeit begeistert.“

Wie hoch schätzen sie ihren Anteil am Erfolg der Filme (bzw. allgemein den Anteil eines Synchronsprechers auf die jeweilige Rolle/ Film)?

Marcus Off: „Nicht synchronisierte Filme spielen nicht mal die Hälfte des Umsatzes ein als synchronisierte Filme. Und natürlich versucht man wie bei der Originalbesetzung auch beim Synchron die idealste Besetzung zu finden. Sonst wäre es ja vollkommen egal wer was spielt beziehungsweise in diesem Falle spricht.“

Sehen sie sich eher als Sprecher einer Rolle oder als Sprecher eines Schauspielers. Sprich: Haben sie Jack Sparrow oder Johnny Depp gesprochen?

Marcus Off: „Johnny Depp hat einen großartigen Charakter entwickelt. Mittlerweile bestimmt der bekannteste Pirat weltweit. Meiner Ansicht nach geht es beim synchronisieren immer darum einem Charakter sprachlich das gleiche Leben einzuhauchen wie dem Original, nur eben in einer anderen Sprache. Soweit das überhaupt möglich ist. Hätte ein anderer Schauspieler Jack Sparrow gespielt, wäre auch die Herausforderung eine andere. Ich sehe mich also immer als Synchronschauspieler einer definierten Rolle. Es handelt sich hier aber nicht einfach um ein Nachahmen der Rolle Herrn Depps sondern um eine kreativen Prozess. So wie ich als Schauspieler im Theater oder im Film Vorstellungen eines Regisseurs und Autors umsetze, setze ich hier die Vorstellungen Johnny Depps, dem Regisseur und seinem Autor um.“

Vor Gericht ist genau die Frage ob sie etwas neues, etwas Eigenständiges geschaffen haben, oder ob sie als eine Art Nachrichtensprecher/Nachsprecher agieren, entscheidend…

Marcus Off: „Walt Disney ist der Ansicht, selbst ein Nachrichtensprecher sei kreativer als ein Synchronschauspieler. Da stellt sich natürlich die Frage warum Walt Disney keine Nachrichtensprecher sondern Synchronschauspieler engagiert. Das Gericht ist dieser Ansicht in der ersten Instanz nicht gefolgt und hat klar herausgestellt das zumindest in diesem Fall Fluch der Karibik meine Arbeit sehr wohl als kreativ und damit eigenständig zubewerten ist.“

Wann haben sie den Entschluss gefasst, mehr Geld zu verlangen? Wie haben die Macher dann reagiert?

Marcus Off: „Aufgrund des außergewöhnlichen Erfolges von Fluch der Karibik, den Walt Disney übrigens bestreitet, habe ich Walt Disney auf die Rechtssituation hingewiesen. Der Paragraph 32a  (der hier (klick!) nachzulesen ist, Anm. der Redaktion), der Fairnessparagraph regelt das. Ich habe nichts weiter getan als auf ein Recht zu verweisen. Da sich Walt Disney nicht kooperativ zeigte, habe ich mein Recht eingeklagt.“

Was ist der aktuelle Stand der Verhandlungen?

Marcus Off: „Ich habe in der zweiten Instanz nicht Recht bekommen, da das Gericht die Ansicht vertrat , der sprachliche Anteil der Rolle Jack Sparrow, im Verhältnis zum Film (Action,Musik,etc,) flapsig ausgedrückt, zu vernachlässigen sei. Ich bin da völlig anderer Ansicht und werde deshalb mit diesem Fall vor`s BGH gehen. Meine Kollegen können diese Begründung des Urteils genauso wenig nachvollziehen wie ich.“

Wie wird es mit ihnen weitergehen? Gab es über die Sparrow-Kündigung hinaus weitere Konsequenzen?

Marcus Off: „Ich werde meinen Beruf weiterhin ausüben, wie bisher. Niemand ist abhängig von Walt Disney“

Gibt es sonst noch irgendwas, was sind unbedingt los werden möchten?

Marcus Off: „Ich war sehr völlig überrascht, wie viele Zuschauer auf diese Umbesetzung reagiert haben. Ich finde das großartig. Überall im Netz kann man lesen wie empört die Fans auf diese Umbesetzung reagiert haben. Fans haben sogar eine Unterschriftenpetition im Netz angelegt. Ich habe viele tausende enttäuschte Fanbriefe und E-Mails bezüglich der Umbesetzung des vierten Teiles bekommen. Walt Disney tut das als Strohfeuer ab.“

Nachtrag: Im Verlauf des Streits bot Marcus Off Disney sogar an, den vierten Teil der Serie für einen Bruchteil seiner ursprünglichen Gage einzusprechen, um den Fans die große Enttäuschung des Stimmenwechsels zu ersparen. Disney nahm dieses Angebot nicht an.

Der Fall ist noch nicht abgeschlossen und wird in jedem Fall ein Exempel in der Stimmbranche statuieren.

Die Stimmen im Vergleich:

Marcus Off:

David Nathan:

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206 – Interview

Eigentlich dachten wir ja, die Zeit des hasserfüllten „in-die-Fresse-Punks“ sei schon lange vorbei. Und eigentlich waren wir uns auch sicher, dass eine Anti-Haltung, speziell im deutschsprachigen Pop, längst angestaubt und unbedeutend ist. Doch dann rotzten 206 „Republik der Heiserkeit“ ins Gesicht der deutschen Szene. Das Feuilleton zuckte erschrocken zusammen und zermartert sich seither das Hirn über den unfassbaren Hass und die unberechenbare Wut der Band aus Leipzig. „Risse im Asphalt“ traf 206 im Vorfeld ihres Konzertes in der Kantine Konstanz. Sänger Timm Völker und Bassist Leif Ziemann pumpen gerade ein Bild vom vergangenen Freiburg-Konzert auf Facebook, Schlagzeuger Florian Funke angelt sich ein Zäpfle aus dem Kühlschrank.

Timm Völker: „Hast du eine Frage zu unserem Bandnamen dabei?“

Risse im Asphalt: „Nö.“

Leif Ziemann: „Sehr gut. Erste Prüfung bestanden.“

Risse im Asphalt: „Ich fang dann mal an: Selbst wenn man sich nur oberflächlich mit euch beschäftigt, kommt man um den Begriff „Wut“ nicht herum. Ganz Deutschland zerbricht sich den Kopf über eure Wut – Wart ihr euch bewusst, dass ihr eine derartige Diskussion lostreten werdet? Und war Wut nicht immer ein elementares Element in der Pop Musik? Was unterscheidet eure Wut von der Wut des Rests?“

Timm Völker: „Dabei ist die Wut doch nur ein Aspekt unserer Musik. Die geht immer einher mit einer Unzufriedenheit und einem Drängen. Wir hatten dabei nie den Masterplan eine Diskussion loszutreten und wir haben uns auch nie Gedanken darüber gemacht, was unsere Wut denn jetzt ausmacht. Das ist einfach das was uns bewegt -der Unmut – das ist wie wir uns fühlen. Wir wollen keine Belanglosigkeiten thematisieren, wir wollen auf Missstände hinweisen. Was mich dabei immer verwundert, dass keiner den Sarkasmus aus meinen Texten raushört. Oder die Komik. Aber ich denke das liegt dann vor allen Dingen an mir selbst. Dass ich das nicht deutlich genug mache.“

Leif Ziemann: „In den vergangenen Jahren hat der Unmut einfach keine Rolle gespielt. Keiner hat wirklich seine Meinung formuliert. Ich meine darin immer eine Art Eskapismus zu erkennen.“

Timm Völker: „Hm, ich weiß nicht ob das ein Eskapismus ist…“

Leif Ziemann: „In jedem Fall ist niemand in den letzten Jahren ein wirkliches Risiko eingegangen. Bei uns ist das anders: Wir wollen nicht krampfhaft allen gefallen.“

Timm Völker: „Ich finde das ist schon ein Trend zu erkennen, im speziellen im Indie. Zu viele Leute haben in den letzten Jahren wenig gesagt. Jetzt gibt es Bedarf an Bands wie uns, oder 1000 Robota oder Ja, Panik. Die machen das aber ein wenig intellektueller als wir, die sind hipper. Ich sag immer: Wir sind die Band die nach Schweiß riecht.“

Florian Funke: „Da ist nichts mit Männerparfum.“

Risse im Asphalt: „Im Hip-Hop indes ist das formulieren der Wut gang und gäbe, aber eine wütende Gitarrenband scheint heutzutage zu verwirren.“

Timm Völker: „Ja, da ist das irgendwie was anderes. In der Popmusik gings in den letzten Jahren immer nur um die Freude an der Sache. Aber Musik sollte doch auch Meinungen und Ideen, einfach einen Zeitgeist transportieren. Die ist doch der Spiegel der Zeit. Da hat sich in der deutschen Szene so eine Art Gleichgültigkeit eingestellt. Wir sagen: Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei, auch wenn uns klar ist, dass das viele überfordert.“

Risse im Asphalt: „Stichwort Zeitgeist: Ich hab letztens beim Busfahren ganz zufällig „Freiburg“ von Tocotronic gehört. „Ich weiß nicht warum ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt.“ Ein klares Statement gegen Verbrüderung und Vernetzung. In Zeiten von Facebook spielt dieser ganze Komplex ja eine noch stärkere Rolle. Inwiefern seht ihr euch selbst als Gegenentwurf oder gar als Produkt des digitalen Zeitalters?“

Leif Ziemann: „Ich denke da muss man zwischen privat und Band unterscheiden. Als Band kommt man ja praktisch nicht drum herum. Ich meine da gibt es ja unzählige großartige Möglichkeiten Menschen zu erreichen.“

Florian Funke: „Zu Hause hab ich zum Beispiel gar kein Internet. Ich denke es sollte sich immer die Waage halten – warum sollte jeder immer wissen, was ich gerade mache.“

Timm Völker: „Wir verstehen uns aber definitiv nicht als Gegenentwurf. Wir posten auch bei Facebook. Bilder von den Konzerten. Und meine Blogeinträge. Natürlich wissen wir um die guten Seiten der ganzen Vernetzung, betrachten den ganzen Komplex aber auch mit Skepsis. Besonders gefährlich ist die Selbstüberwachung, die dabei entsteht. Ich meine jeder gibt sich in der digitalen Welt total individuell – aber ist man das wirklich? Zum Beispiel gibt es tausende identische Bilder, die verschiedene Mädchen mit einer weißen Sonnenbrille und einem roten Rock zeigt. Individualität wird vorgegaukelt.“

Leif Ziemann: „Wem?“

Timm Völker: „Na sich selbst.“

Leif Ziemann: „Zu diesem Thema kam letztens ein deutscher Film in die Kinos. Ich hab den aber gar nicht gesehen. Jedenfalls geht’s dabei darum, dass irgendwann das Fernsehen und einfach alles von einem sozialen Netzwerk ersetzt wird. Und wer keine Clicks generiert, der wird gelöscht. Identität gibt es also nur noch im Netz. Und genau das denke ich ist die große Gefahr. Die zunehmende Nicht-Existenz der Wirklichkeit“

Florian Funke: „Viele verlieren einfach das Bedürfnis nach Verstand und Seele.“

Risse im Asphalt: „Auf eurem Album scheint die Musik aufs Elementare reduziert. Der Gesang rückt dabei in den Vordergrund. Wie entstehen eure Songs? Wie textet ihr?“

Timm Völker: „Das Grundgerüst entwerfe ich und dann geht das eigentlich Hand in Hand und fließt zusammen. Ich denke das funktioniert bei den meisten Bands ähnlich. Was mich nur wundert, dass sich so viele Leute so auf die Text einschießen. Die Musik spiegelt das Ganze doch noch intensiver wieder. Vielleicht liegt das auch an der Produktion“

Leif Ziemann: „Naja, ich denke das liegt vor allem auch daran, dass wir deutsch singen. Das zwingt die Leute ja regelrecht dazu zuzuhören und auch zum Verstehen. An uns ziehen Massen von englischen Songs vorbei, da interessiert der Text ja nur in seltenen Fällen. In den 70er Jahren hat jeder die Stones hoch und runter gehört, aber nur in England kennt man den Inhalt der Songs. Es ist ja auch seltsamerweise so, wenn du deutsch singt, dann fragt dich jeder „Wieso macht ihr das?“, dabei ist es doch eigentlich das Naheliegendste.“

Risse im Asphalt: „Ich bin mir bewusst, dass es eigentlich recht dämlich ist folgende Frage einer Band zu stellen, die gerade erst ihr Debütalbum veröffentlicht hat. Aber habt ihr schon eine Vorstellung wie es mit 206 weitergehen soll? Gibt’s irgendwelche seltsame Idee, die ihr noch in die Tat umsetzen wollt?“

Florian Funke: „Momentan sind wir einfach nur glücklich da zu sein wo wir gerade sind. Wir freuen uns jetzt hier in Konstanz hocken zu dürfen und halt einfach das zu machen, was wir machen. Der Moment zählt da schon. Trotzdem haben wir natürlich Pläne, aber wir planen nicht unseren Sound.“

Timm Völker: „Da gibt’s ein sehr empfehlenswertes Buch von Tino Hanekamp: „Sowas von da.“ So heißt das Buch und so fühl ich mich gerade. Das passt unglaublich gut. Wie gesagt, der Bedarf an solchen Bands wie uns, den gibt es und es ist richtig, dass wir da sind. Bei Konzerten hoffe ich dann immer, dass wir das Publikum auf der einen Seite überrumpeln, aber ich hab auch immer den Wunsch, dass die Leute mit einem Wachheitsgefühl nach Hause fahren und sich denken: „Man, jetzt hab ich das gecheckt.“

Risse im Asphalt: „Ich habe deinen letzten Blog-Eintrag gelesen. Darin geht’s so grob gesagt um Ufos und Nazis. Was fasziniert dich an Ufos?“

Timm Völker: „Dafür habe ich mich schon als Kind interessiert. Akte X, Science Fiction – das hat eine ungeheure Anziehungskraft und Faszination auf mich ausgeübt. Und als ich dann da den Nazi mit dem aufgenähten Ufo gesehen habe, das hat mich einfach gestört. Das ist doch scheiße, wenn die sich jetzt da auch dafür begeistern. Und auch gefährlich.“

Leif Ziemann: „Dabei geht es ja irgendwie auch um das verteidigen von geistigen Territorium. Bei uns suchen sich die Nazis immer mehr solche Themenbereiche, kümmern sich um die Jugendarbeit.“

Timm Völker: „Das ist der Punkt. Die Nazis haben sich ja schon immer mit der Raumfahrt auseinander gesetzt. Da gab es jede Menge Antigravitationsexperimente. Ganz wilde Verschwörungstheorien besagen, dass Hitler Zeitreisen konnte.“

Risse im Asphalt: „Kurze Anekdote dazu: Hier ganz in der Nähe, in Stetten am kalten Markt gabs den ersten bemannten Raumflug, tatsächlich unter dem Hakenkreuz. Das Ganze ging aber gehörig schief, die Leichenteile des Astronauten wurde laut Akten von einem SS-Schäferhund gegessen.“

Timm Völker: „Es ist schon Wahnsinn, was da an obskuren Storys gibt. Okkultismus, Hexenkult. Jedenfalls scheint es mir so, als wenn sich die Rechten nicht nur immer weiter in die Mitte drängen, sondern sich auch heute wieder in solchen Randgebieten einnisten.“

Florian Funke: „Das hat sich wirklich sehr geändert. Früher, in Halle, wo wir aufgewachsen sind, da hats dann halt mal was auf die Fresse gegeben. Da musste man immer schauen, ob ein Auto nicht nochmal umdreht. Aber heute tauchen die Nazis speziell im Osten halt einfach überall auf. Vor allem in den Provinzen. Dort gibt es unglaubliche Brachgebiete. Die beschäftigen sich mit Immobiliengeschäften, Biolandbau und der Vereins- und Jugendarbeit. Das ist viel gefährlich, als die punktuelle, dumpfe Gewalt. Das ist alles viel feiner geworden.“

Timm Völker: „Ich hab das in meinem Blog-Eintrag auch das erste mal so eindeutig angesprochen. Aber das bloße Schwarz-Weiß denken funktioniert nicht mehr. Mir geht es auch nicht darum, den Leuten die sich ohnehin schon mit dem Thema beschäftigt haben, zu erklären, dass Nazis scheiße sind. Mir geht es da viel eher um die Leute die weniger reflektiert sind. Viel zu viele Menschen gleichen ihre Meinung stetig gegenüber anderen ab, unserer ganzen Gesellschaft fehlt es da an Selbstbewusstsein.“

Leif Ziemann: „Damit sind wir wieder bei der Internet-Debatte. Was die Leute da betreiben, ist viel mehr Selbstinszenierung als eine Auseinandersetzung mit sich selbst.“

Timm Völker: „Ich will, dass die Leute „Ich“-Denken.“

Risse im Asphalt: „Letzte Frage: Ihr selbst kommt aus dem Osten, befindet euch grad an einem der südlichsten Zipfel der Republik. Könnt ihr irgendwelche entscheidenden Unterschiede ausmachen?“

Timm Völker: „Klar, hier ist es wärmer. Und bergiger. Und die Leute machen glaub ich öfter einfach das was sie wollen. So war mein Eindruck.“

Leif Ziemann: „Ich finde schon, dass man merkt, dass man in Richtung Äquator reist. Die Leute sind hier gemütlicher, zufriedener. Ganz anders das Ruhrgebiet. Das ist der Osten des Westens.“

Timm Völker: „Bei uns weht der Wind ein Stück eisiger in den Herzen.“

Ende.

206 – Kantine Konstanz – 27.05.2011

Das Konzert funktioniert wie ein Song der Band: Kurz, kompromisslos, unberechenbar. „Wir kommen aus dem Land der Dunkelheit.“ , sagt Timm Völker und verschwindet in wabernden Nebelschwaden. „Kratzer To The Top“ prescht symptomatisch, konzentriert und rhythmisch nach vorne und explodiert dann in einem gnadenlosen Feuerwerk. Völkers Stimme überschlägt sich in schrillen Schreien, Florian Funke malträtiert dazu erbarmungslos sein Schlagzeug und Leif Ziemann reißt sich an den Saiten seines Basses die Fingerkuppen blutig. Der Sound ist dabei wirklich bombastisch. Das Trommelfell vibriert zum Post-Garage-Punk. 206 – Eine Band, wie eine Handgranate. Wie ein fehlgezündeter Feuerwerkskörper im Land der Dunkelheit.


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