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Archive for the ‘Konzerte’ Category

Klatsch! Ohrfeige!

Triggerfinger – Kulturladen Konstanz – 28.04.2014

trigg (1)Die ersten 20 Minuten des Triggerfinger-Konzert im Konstanzer Kulturladen sind eine klare Ansage an all jene Konzertbesucher, die das belgische Trio nur mit ihrem Über-Coverhit „I Follow Rivers“ assoziieren: Die Band fegt mit einem 20 minütigen, beinharten Songtornado auf die Bühne und lässt sich und seinem Publikum kaum eine Verschnaufspause. Zu hart, zu schnell, zu laut ist dieser furiose Auftakt – und all jene, die eingängigen Radio-Schmuse-Pop erwartet haben, finden sich jetzt definitiv im falschen Film. Klatsch! Ohrfeige. Und Triggerfinger versuchen auch in der Folge sich in keinster Weise bei ihrem Publikum anzubiedern oder Erwartungen zu erfüllen – und dazu besteht auch keinerlei Bedarf. Denn die Band besitzt eine bewegte, eigenständige, sieben Alben starke Bandvergangenheit und eine außergewöhnliche Livepräsenz.

triggDiese offenbart sich schon in der Präsentation der Truppe. Triggerfinger könnte direkt aus einem Comicuniversum oder aus einem Tarantino-Film stammen: Da steht rechts der hünenhafte Paul Van Bruystegem, den kahlen Schädel poliert, die Sonnenbrille tief im Gesicht und stoisch an den Basssaiten zupfend. Im Zentrum thront das Schlagzeug von Mario Goossens, dem dauergrinsenden Schlaks im kunterbunten Anzug, dem während seiner Schlagzeugsoli zwei weitere Arme zu wachsen scheinen. Und links folgt dann Ruben Block, dessen Gesicht man seit dem Hype direkt mit Triggerfinger verbindet. Er trägt feinen Zwirn und einen mächtigen schwarzen Schnurrbart und hat seine graue Mähne im Vincent-Vega-Style nach hinten geklatscht.

Aber Triggerfinger? Nie gehört! Den meisten Hörern in Deutschland war die belgische Band 2012, dem Jahr als „I Follow Rivers“ die Welt eroberte, kein Begriff. Dabei ist das Trio aus Antwerpen alles andere als ein One-Hit-Wonder und seit seiner Gründung im Jahre 1998 ein fester Bestandteil der aktiven, dynamischen belgischen Indieszene. In der Heimat längst Rockstars, teilten Triggerfinger über Jahre das selbe Schicksal wie ihre belgischen Kollegen von Deus oder Absynthe Minded: Trotz enormer Qualität und obwohl ihre Musik in Indie und Insiderkreisen längst dauerrotierte, blieb der Sprung auf die ganz großen Bühnen zumindest außerhalb von Belgien aus.

Doch dann kam „I Follow Rivers“ und die Welt der Band drehte sich fortan anders herum:

Es macht für uns keinen Unterschied, ob wir diesen Erfolg mit einem unserer eigenen Songs, oder mit einem fremden Stück erreicht haben. Die Leute mögen unsere Interpretation – das ist das Wichtigste.“, meint Sänger und Frontmann Ruben Block. Natürlich hat sich seither auch das Publikum verändert, das zu Triggerfinger-Shows strömt: „Viele Menschen kennen uns nur wegen dieses einen Songs. Wenn sie zu unseren Shows kommen, kann man den Gesichtern entnehmen, dass sie nicht wirklich wissen, was sie erwarten sollen.

triggyMusikalisch erfolgt nach dem Punkrock-Gewitter ein kleiner Bruch – Triggerfinger spielen nun blues- und songlastiger und Ruben Blocks Stimme, die sich zuvor kaum durch den wilden Sturm hindurch beißen konnte, rückt nun stärker ins Zentrum. Das Gesamtkonstrukt indes huldigt auf einem klassischen, oldschool Rock´N´Roll Unterbau so ziemlich jeder Bewegung die Rockmusik in den vergangenen beiden Jahrzehnten geprägt hatte: Wir hören Grunge-Gejaule, Garage-Gejamme, entspannt Stoner-Sounds, ausufernde Prog-Programme. Das Zuhörer-Gehirn baut stetig Brücken und Assoziationen, entdeckt ein bisschen Nirvana, ein wenig The Hives, eine Menge Black Rebel Motorcycle Club, vermischt zu einer eigenständigen, energetischen Mischung, die immer wieder von kleinen, abweichenden Nuancen durchbrochen wird.

Etwa wenn Block sich vom Mikrofon entfernt und seine unverstärkte Stimme plötzlich alleine durch den Kula rauscht, wenn Goossens zu einem hyperaktiven, hypnotischen Solo antrommelt und seine Mitstreiter ihn dazu mit Lichtkanonen beschießen oder wenn ein Vollblut-Fan Block eine Songzeile vorweg nimmt – „I lost my faith“- und der Sänger direkt an ihn anknüpft: „Oh, he lost his faith.“

Und dann ist da ja noch der Joker, der Hit, der Dosenöffner. Keine Frage,  „I Follow Rivers“ ist in der Triggerfinger Version ein besonderer Song. Live zergeht er in einer dahin gehauchten ersten Strophe von Falcos „Jeanny“. Das ist absurd. Und seltsam. Und anders. Und schön. Und wir möchten uns bedanken, bei „I Follow Rivers“, weil er uns diese Band hier aufgetischt hat.

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Friska Viljor – Kulturladen Konstanz – 04.11.2013

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Ganz am Ende stürzt sich ein bärtiger verschwitzter schwedischer Mann in das Meer von Musikfans vor ihm, spielt auf seiner leicht verstimmten Ukulele eine aufs nötigste reduzierte Komposition und brüllt dazu in schiefsten Tönen den Refrain seines größten Hits „Shotgun Sister“. Sein Publikum, triefend nass, schmiegt sich förmlich an den behaarten Barden und schreit es ihm nach im Chor: „Lalala“! Dieses prächtige Finale zeigt das was die schwedische Formation Friska Viljor seit jeher auszeichnete: Herzblut und ein so dermaßen charmanter Dilettantismus.

IMG_5563Die Geschichte von der Bandgründung Friska Viljors wurde so oft erzählt, dass selbst die Story, wie oft diese Geschichte doch erzählt wurde, ein alter Hut ist. Deshalb die Kurzversion: Vor einigen Jahren ziehen die beiden Kumpel Daniel Johansson und Joakim Sveningsson jeweils mit frisch gebrochenen Herz frustsaufend durch Stockholm. Irgendwann folgt die Schnapsidee: Lass uns den Liebeskummer in Musik verarbeiten. Problem nur: Die Beiden sind alles andere als Musikvirtuosen. Egal – unter dem Namen Friska Viljor begibt man sich in Studio und Proberaum und spielt sich den verklebten Frust von der Seele. Einige Monate später zieht das Duo ganz im Stile der Beatles musizierend über die Reeperbahn und plötzlich reift Friska Viljor zum Indie-Phänomen.

IMG_5574Zu diesem Zeitpunkt bin ich, damals ein frischgebackener Indie-Hipster (den Begriff hätte damals wohl keine begriffen), über Friska Viljor gestolpert und war absolut hin und weg. Das Projekt hatte die Antriebskraft von Punk, die Verspieltheit von Indie und einen dermaßen immensen Grad der Poppigkeit, der tatsächlich Beatles-Assoziationen hervorrief. Kurzum: Eine innovative, versoffene, wunderbar dilettante, Ohrwurm-züchtende Pop-Kreation. Das Debüt „Bravo“ ist dementsprechend wohl bis heute eins meiner meist gehörten Alben, „Tour De Hearts“ rotierte ebenfalls regelmäßig – doch dann begann ein schleichender Entfernungsprozess. Die Folgealben klangen von mal zu mal glatter und die Band verlor (für mich persönlich) ihre Faszination, ohne etwas dafür zu können. Den Friska Viljor verfielen keinesfalls den Reizen des Mainstreams. Sie wurden einfach bessere Musiker. Ein Paradox.

IMG_5571Heute ist Friska Viljor eine echte Band mit echten Musikern. Das hört man im bist zum letzten Platz ausverkauften Kulturladen vor allem in der Anfangsphase. Die Songs vom neuen Album „Remember Our Name“ klingen im Vergleich zum Frühwerk auch livegeradezu glatt poliert – es fehlt an Ecken und Kanten, Überraschungsmomenten, Irrsinn – kurzum am eingangs beschworenen Charme. Erst im Verlauf des Konzertes bröckelt diese Perfektion, Friska Viljor spielen sich regelrecht frei und zeigen dann in der zweiten Hälfte ihrer Show, welche fantastische Liveband sie doch sind. Da tönen leise Elektroarrangements, da jault eine Trompete, hier tönt ein Glockenspiel – und alles zusammen schweißt sich immer und immer wieder zu mitreißenden Pophymnen zusammen. Highlight (und Kombination aus alter Rohheit und neu entdeckter Technik) ist die epische Version von „Useless“, die Daniel und Joakim im Duo akustisch sezieren, welche sich dann unter ansteigender Bandbeteiligung zum orchestralen Popsong aufschwingt und in den letzten Takten einem zerbrechlichen Trompetensolo zerfließt. Sollte es Friska Viljor in Zukunft gelingen, ihre neu gewonnenen musikalischen Skillz mit ihrer alten Verplantheit und Verspieltheit kombinieren können, hat diese Band noch einiges im Tank. Whatch Out!

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Herr Sorge – Theater Konstanz

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Mitten im Konzert von „Dunkelkammermusik“ versteht man als Zuhörer die Welt nicht mehr:Da steht links ein Riesenflügel auf der Bühne, an dem sich der hochdekorierte Jazzpianist Florian Weber virtuos abarbeitet. Da steht rechts ein futuristischer Instrumentenpanzer, aus dessen Inneren Produzentenlegende Jan van de Toorn im Robotoraufzug abgefahrene Elektrosounds abfeuert. Da steht zentral Herr Sorge, besser bekannt als Samy Deluxe, und singt in sich durch Popsong-Fragmente mit depressiv politischen Texten. Und das alles im altehrwürdigen Konstanzer Theater. Eigentlich passt das hinten und vorne nicht zusammen – wie in einem abgefahrenen Traumgebilde, in dem sich verschiedene, kontrastive Realitätsfetzen plötzlich homogenisieren.

Wer oder was ist Herr Sorge? Der HipHop-Kosmos reagierte irritiert als die ersten Gerüchte um ein neues Samy Deluxe Projekt aufkeimten. Der Hamburger HipHop-Urvater setzte konsequent neue Spuren, die aber allesamt im Nichts verliefen. Immerhin offenbarte sich nach ersten Interviews der Genpool des Projekts: Herr Sorge trägt ein abgeranztes, schäbiges Outfit und sieht die Welt mit anderen Augen: Als dunklen, kapitalistischen, korrupten, hoffnungslosen Moloch, den es radikal zu kritisieren gilt. Das Album „Verschwörungstheorien mit schönen Melodien“ setzte dem ganzen Wirrwarr die finale Krone auf: Die Scheibe präsentierte sich sowohl soundtechnisch, als auch thematisch absolut überfrachtet. Herr Sorge entrollte sich einen Dschungel von Effekten, Autotune, Beats und Sounds. Kurzum: Das Album war für jeden, der ein normales Pop-Hörerlebnis erwartete de facto nicht konsumierbar. Die Samy Deluxe Fans reagierte brüskiert, panisch, beleidigend. Ob das von Herr Sorge so geplant war, ist bis heute nicht geklärt.

Für das Live-Produkt hat sich Herr Sorge nun eine komplexe künstlerische Basis geschaffen: Im eingangs beschriebenen Kontrastfeld entwickelt sich live ein ganz ungewöhnlicher, experimenteller Sound, der aber im Gegensatz zum Album wirklich funktionieren will. Van de Toorn lässt es zwitschern, wummern und ziepen, während Herr Sorge (der ganz offensichtlich an seiner gesanglichen Präsenz gearbeitet hat) mit der ihm angeborenen Lockerheit und fast bluesartigen Coolness seine Strophen reproduziert. Der musikalische Kit ist aber Weber, der mit seinem schieren Talent, die anderen Bausteine zusammenflickt und noch Raum für jazzige Improvisation findet.

Natürlich wirft eine derart radikale Metamorphose der musikalischen Identität die Frage auf, ob es nicht vollkommen legitim ist, dass ein Künstler sich verschiedene Alter-Egos, Versionen und Rollen zulegt. Im Hiphop-Kontext funktionierte das nicht: Die Szene konnte Herr Sorge nicht von Samy Deluxe loslösen – das durchaus zahlreich erschienene Publikum in Konstanz schafft diesen Schritt und bietet dem Projekt damit einen kreativen Nährboden für die vollzogene Rekontextualisierung. Und „Dunkelkammermusik“, wie sich das Gesamtprojekt nennt, nutzen diesen Freiraum mit einer überschäumenden Lust am Grenzen aushebeln: Während eines Gedichts klettert Weber in seine Flügel und macht in den Innereien ganz neue Tonabnehmer aus. An einer anderen Stelle setzen die drei Protagonisten ihre Iphones als unberechenbares Instrument ein. Dann übersetzt Keller alte Samy Deluxe-Parts und Wortfetzen in eine jazzige Komposition. Und weil am Ende Herr Sorge noch Samy Deluxe´ legendären Hit „Weck mich auf“ „covert“, schließt sich dann doch noch der Kreis aus Jazz, HipHop, Elektro, Experiment, Politik, Theater und Wahnsinn zu einem runden, merkwürdigen Gesamtkonstrukt.

 

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Thees Uhlmann und Band – Kulturladen Konstanz

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Mutti, wir habens bis zum Bodensee geschafft!“ 

So wie Thees Uhlmann in den vollbesetzten Kulturladen stürmt, die Mundharmonika zwischen die Zähne geklemmt, ins Mikrofon knarzend und dann beinahe verbissen zu spielen beginnt, erfüllt das zunächst die Erwartungen all jener, die noch nie zuvor ein Konzert des ehemaligen Tomte-Sängers erlebt hatten. Die nämlich rechneten mit einer klassische Folkshow, einem sperrigen Singer-Songwriter-Konzert der alten Schule. Mit Mundharmonika, Gitarre und einer Band als dekorative Zugabe. Sie ahnen es: Es kam ganz anders.

thees uhlmann, konzert, live, bilder, kulturladen konstanz, album, casper, bericht, tomte, zum laichen und sterben ziehen die lachse den fluss hinauf, jay-z (4)Wer sich intensiv mit dem famosen Thees Uhlmann Solo-Debüt beschäftigt hat, dem drängte sich eine markante, fast gehetzte Spannung zwischen der niedersächsischen Heimat des Sängers und der weiten, urbanen Großstadtwelt auf. „Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten/ Und ich weiß nicht wirklich, was soll es bedeuten.“ heißt es in „Lat: 53.7 Lon: 9.11667“ und im Kontrast dazu nur einen Song später: „Ich hab das schönste der Welt gesehen: Paris im Herbst“. Natürlich wurde der Rock´N´Roll an einigen einschneidenden Momenten seines Lebenslaufs von innovativen Entdeckungen aus ebendiesem Niemandsland zwischen dörflicher Heimat und restlicher Welt geprägt – man denke alleine an die Geburtsstunde des Triphop und die fast mütterliche Rolle die das Städtchen Portishead dabei spielte. Thees Uhlmann versteht sich in diesem Kontext aber eher in der Tradition des amerikanischen Country und Folk und Künstlern wie Conor Oberst, der ständig die engmaschige Beziehung zu seiner Heimat Nebraska rekurriert. Stichwort: Heartland. Herzensangelegenheit Niedersachsen. Den Vorbildern folgend öffnete Uhlmann, der mit Tomte stets solide Indie-Platten entwarf, die im Speziellen auf den letzten Jahren der Bandgeschichte ein wenig die Überraschungsmomente vermissen ließen, den Blick für neue heimatliche Einflüsse und weitschweifige Horizonte. So ließ es der Maestro auf seiner Platte aus allen Rohren streichen, klimpern, blasen und auf die Pauke hauen und schaffte tatsächlich das Kunststück, dass die instrumentellen Momente stellenweise die markanten Texte in den Schatten stellten. Entsprechend gespannt ist der unerfahrene Uhlmann-Konzertgänger im Vorfeld der Show auf ebendiese Varianten. Doch nun zurück zum Anfang.

Denn die klassische Singer-Songwriter-Masche hält Thees gerade mal eine Songlänge aufrecht. Dann offenbart sich: Der Liveact „Thees Uhlmann und Band“ ist als waschechte Rockband zu verstehen. Und hier regiert einzig und allein handfester, schweißtreibender Rock´N´Roll: Sägende Gitarren, massive Bassanschläge und Highspeed-Schlagzeuggehämmer. Selbstredend lässt sich in dieser Konstellation kein fragiler Folk reproduzieren – und das ist in diesem Fall total egal.

thees uhlmann, konzert, live, bilder, kulturladen konstanz, album, casper, bericht, tomte, zum laichen und sterben ziehen die lachse den fluss hinauf, jay-z (2)Denn Thees Uhlmann hat mächtig Lust auf energetisches, ungezähmtes Konzert. Und in der vergilbten Lederjacke, mit den nach hinten geklatschten Haaren und auf großartig schummrig ausgeleuchteten Bühne, wirkt der Sänger beinahe so, als wäre er direkt aus der Zeitkapsel gestiegen. Nicht wie der junge Dylan, sondern wie der elektrifizierte Dylan, der gerade den Verstärker für sich entdeckt hat. Die angesprochenen Instrumental-Erlebnisse bleiben glücklicherweise nicht ganz auf der Strecke. Das liegt in erster Linie an der famosen Pianistin Julia Hügel, die, ganz Frau, immer wieder beinahe zärtlich zwischen die Testosteron geschwängerte Performance dazwischenfährt. Besonders den Hit „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ schiebt das Klavierthema konzentriert an, ehe die Komposition in einem wilden Gitarren-Orkan und Uhlmannschen Brüllen zerberstet. Überragendes Highlight das Konzert sind aber jene beiden Songs, die Thees zusammen mit dem Rap-Aufsteiger Casper eingespielt hat: Der eine, „Und Jay-Z singt uns ein Lied“, wird immer schneller und schneller und dreht sich um den Refrain, der zum mitgröhlen einlädt, der andere „XOXO“, schwingt sich aus dem nichts zu einer regelrechte Postrock-Wand mit HipHopanstrich auf, die einem im Publikum förmlich erdrückt. Paradox: HipHop gilt als die urbanste aller Jugendbewegungen – mit diesen zarten Brüchen spielt das Konzert immer wieder.

Die Phase zwischen den Songs gehört dann wieder voll und ganz der Heimat. Etwa wenn Thees über seine Jugend als Dorf-Heavy-Metaller referiert, von der Identitätssuche, die den Dorfschmerz übertünchen sollte. Oder wenn er von der Postkarte nach Hause erzählt: „Hallo Mutti, wir habens bis zum Bodensee geschafft.“ Und dann wird wieder gespielt, mit voller Inbrunst. Gegen den Dorfschmerz.

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The Busters – Eurokonstantia – Konstanz

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Es gibt weltweit ziemlich genau zwei Perimeter, die alle Völker und Länder gleichermaßen verstehen, akzeptieren und zusammenbringen: Sport und Musik. Natürlich gibt es dabei je nach Kultur elementare Einschnitte und Unterschiede, unterschiedlichste Geschmäcker und Konstellation, der Grundtenor bleibt aber immer ein ähnlicher. Sport und Musik sind die beiden Bausteine, die immer in der Lage sind, einen Dialog (und seien lautstarke bis handgreifliche Fachsimpeleien oder schweißtreibende Pogo-Kreise) zu fördern. Vergangenes Wochenende offenbarte sich im Umfeld der Uni-Konstanz eine bemerkenswerte Verzahnung der verhandelten Diskurse: Die Eurokonstantia.

Die Eurokonstantia ist ein internationales Hochschulsportturnier, bei welchem sich Unimannschaften aus der ganzen Welt und insgesamt 900 Sportler in den verschiedensten Sportarten messen. Dabei präsentierten sich sowohl die Klassiker wie Handball, Basketball und Fußball, aber auch Trendsportarten wie Beachvolleyball oder exotische Wettkämpfe wie Rugby oder Lacrosse. 2013 waren unter anderem Mannschaften aus dem Libanon und der Türkei nach Konstanz gereist. Mittags gilt es im (mal mehr, mal weniger) beinharten Wettkampf Konstanzer Dreck zu fressen, abends geht es zusammen ans Wasser, in die Kneipen, in die Clubs. Der internationale Austausch steht hier absolut im Vordergrund.Neu war heuer die sogenannte „Rocknacht“, die Samstagabend in akuter Nähe zu Spielstätten stattfand. Während in den letzten Jahren Coverbands das Turnier bespielten, hatte 2013 ein studentisches Projektteam ein professionelles Konzertprogramm gestaltet und die altehrwürdigen Busters gebucht.

Die Verpflichtung von Deutschlands prägendster Skaband machte aus den ganz verschiedenen Gesichtspunkten Sinn: Zum einen liefern Skabands in der Regel einen tanzbaren und partytauglichen Soundtrack – zum anderen ist Ska ein absolut globales Phänomen. Entstanden ist die Musikrichtung in der Karibik, genauer auf Jamaika. Dort, im positiven Kraftfeld der frisch erlangten musikalischen Freiheit, entstand ein Sound, der sich zunächst ein unverkrampfter, lockerer Gegenentwurf zum amerikanischen Rock`N`Roll verstand. Während die Insel in der Folge in erster Linie für Reggae bekannt wurde, schwappte das Phänomen Ska mit der sogenannten zweiten Welle nach Großbritannien, in ein Umfeld, das sich kaum krasser von entspannten Sommerklima in der Karibik unterscheiden könnte. Ende der 70er Jahre entstand im verregneten England der bis heute legendäre 2-Tone, der die jamaikanischen Ansätze ansatzlos durch der Mixer trieb und mit deftigen Portionen der aufkommenden Punk-Bewegung würzte. In der Folge waren es eben diese beiden Pole (die Leichtigkeit des jamaikanischen Skas und die Härte und Kompromisslosigkeit der britischen Version) die die große Anziehungskraft des Ska ausmachten und dazu führten, dass auf der ganzen Welt Ska-Bands wie Pilze aus dem Boden schossen. In der Tat gibt es kaum ein Land, dass nicht sein eigenes Ska-Flagschiff produziert hat: Italien hat Persiana Jones, Spanien hat Ska-P, Frankreich hat Babylon Circus, die Türkei hat Athena, Argentinien hat Karamelo Santo, Russland hat Leningrad. Und Deutschland hat eben die Busters.

Interessant ist auch die Tatsache, dass Ska in Deutschland keinesfalls ein urbanes Phänomen ist: Die bekanntesten Formationen des Landes entstammen oft aus einem dörflichen Umfeld. Und auch die Busters haben ihre Wurzeln im beschaulichen Wiesloch bei Heidelberg. 1987 gründeten sich das Ska-Orchester, in der Folge kam es über die Jahre zu zahlreichen Personalwechseln, bis sich die aktuelle Besetzung bei zehn Mann einpendelte. Die große Konstante blieb die Musik. 16 Platten haben die Busters mittlerweile mit brettharten, eingängigen Skasound gefüllt, die volle Energiepalette liefern aber die Liveauftritte. Das offenbart sich auch definitiv in Konstanz. Nachdem die angenehme Vorband „Acombo“ im feinen Zwirn den Abend eröffnet hat, schleichen die Turnierteilnehmer (darunter ein Rugby-Team in hautengen Cheerleading-Outfits) verhalten in Richtung Bühne. Vor allem die internationalen Sportler wissen zunächst nicht so richtig, wie ihnen geschieht – bezeichnenderweise zeigt eine spontane Kurzumfrage von Sänger Ron Marsman, das zu Beginn des Konzertes gefühlte neun Zehntel des Publikums deutsch sprechen. Das ändert sich aber schnell. Die Busters spielen eine absolut solide Show: Die grundlegenden, langsame Schlagzeugbeats explodieren immer wieder in konzentrierten Gesangsparts, ehe die dominante, erbarmungslose Bläserformation das Kommando übernimmt. Diese Bläserarrangements sind es auch, die die Energie zünden, ausformulieren und aufs Publikum übertragen. Und bei aller berechtigter Kritik und allen unberechtigten Vorurteilen, die sich die Eintönigkeit des Skas und auch der Busters vorknöpfen, in diesem Rahmen, an diesem internationalen, lauwarmen Vorsommerabend am Bodensee, passt Ska wie die allegorischer Faust aufs Auge. Völlig egal ob Cheerleader, Rugbyspieler, Handballer, Türke, Libanese, Italiener, Aktiver, Passiver, Organisator, Barkeeper, Sportler, Trinker: Am Ende springt das ganze Zelt – wen interessiert da der musikalische Mehrwert?

Und so entsteht eine einzigartige Symbiose aus Musik, Sport und Party. Ein Sportfestival, ein Skaturnier, ein internationaler Austausch, das Grenzn überbrückt, Brücken schlägt. Erste Sahne.

Als finales sportliches Schmankerl gibts noch das Video vom Rugby-Finale der Eurokonstantia, das vor allen Dingen in den letzten Minuten ganz wunderbar Fairness und Spaß transportiert:

Die Bilder in der Galerie stammen von Christian Harz (Genuss-Fotografie). Weitere Bilder von den Sportevents und auch vom Konzert findet ihr auf der Facebook-Präsenz der Eurokonstantia (Klick!)

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Steaming Satellites – Kulturladen Konstanz – 14.03.2012

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Das Konzert beginnt ohne Musik, ohne erkennbare Songstruktur: Da sind nur Fragmente, ein tiefes, einnehmendes elektrisches Rauschen, das sich hypnotisch zu einem Wirbelsturm der Effekte auftürmt, ehe durch kaum wahrnehmbaren Schlagzeugeinsatz erste Spuren von gängigen Hörmomenten erkennbar werden. Erst dann weht diese wabernde, tiefschwarze Stimme in den Kulturladen, erst dann schwappt der wummernde Puls des Basses dazu, erst dann kriecht die erste Blueskomposition aus den elektrischen Blitzen. Steaming Satellites!

Doch zunächst zur Vorband, denn die hat es in sich: Hustle & Drone sind das neue Bandprojekt des ehemaligen Portugal. The Man Musikers Ryan Neighbors und überraschen bereits in Sachen Bühnenaufbau. Gleich drei Synthesizer prangen zentral auf der Bühne und werden soundtechnisch nur von einer Gitarre und gelegentlichen Tamburin-Geschepper ergänzt. Im dabei entstehenden, brachial basslastigen Sound offenbart sich schnell die Wahlverandtschaft zu Formationen wie Future Islands, aber auch zu Veteranen wie Depeche Mode. Nur die gelegentlichen Kopf-Stimmen-Ausflüge sind wenig to-much. Aber zurück zum Hauptact:

sänger max borchardt (2)_3283x2462Die Liveversion von „Witches“ sticht zunächst heraus: Die erste Schicht ist ein rhythmisches Klatschen, dass schon bald von Elektroeffekten überstrichen und durch Max Borchardts formidable Stimme um eine gehörige Portion 70-Jahre Sehnsüchte erweitert wird. Im Refrain tönt dann alles mit- und gegeneinander an, während kleine Diskostrahler die Bühne von unten herauf in ein abgespacetes Lasernetz verwandeln. Popmusik von solcher Bandbreite wird für gewöhnlich in kreativen Melting Pots wie New York oder Berlin gebraut. Doch was den musikalischen Stammbaum angeht sind die Steaming Satellites ein echter Exot: Denn das Quartett stammt aus Österreich, genauer gesagt aus Salzburg und enterten die Independentszene ohne Zwischenschritt mit einem Paukenschlag. Ihr Debüt „The Mustache Mozart Affaire“ war eine Offenbarung von immenser Bandbreite und einer fast erdrückenden Dichte an Überraschungseffekten, sodass die Reflektion über den ausgereiften Erstling schon bald ein ganz neues Gene heraufbeschwor: Spacerock. Das klingt tonnenschwer und abgehoben und doch erspielten sich die Österreicher schon bald den Ruf einer formidablen Liveband irgendwo im Niemandsland zwischen Pink Floyd, Oasis und Kraftwerk. Spacerock eben. Vor einem Monat legten die Steaming Satellites ihre zweite Scheibe „Slipstream“ nach und präsentierten weitere Nuancen in ihrem ohnehin schon überquellenden Spektrenuniversum. Die Szene ist nach wie vor ein wenig sprachlos.

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Immer wieder schälen sich live die einzelnen Versatzstücke aus dem bis dato leeren Musikraum und fügen sich trotz unterschiedlicher Ansätze wie Puzzlestücke millimetergenau ineinander. Drummer Matl Weber könnte einer Punktruppe entstammen, sein Spiel ist wild und fundamental, während Keyboarder Emanuel Krimplstätter eher mit dem Habitus eines Krautrockers aufwartet und scheinbar eins mit seinen Gerätschaften wird. Dazu spielen sich Borchardt an der Gitarre und Bassist Manfred Mader über ihre Saiten beinahe bluesartig die Bälle zu und erweitern dabei die Impulse des Gegenübers oder lassen diese brutal entgleisen. Entsprechend breit gespannt ist der Rahmen für Improvisation und Jam, der sich in diesem Zwittergebilde aus dreckigen 70er-Rock, arroganter 80er-Disko und gegenwärtigen Indie zeigt. Und doch scheint ein Funken zur finalen Zündung zu fehlen, das Konzert wirkt mitunter ein wenig unterkühlt.

Am Ende des regulären Sets spielen die Steaming Satellites das aberwitzige „How Dare You“, bei dem Max Borchardts Organ vollends im Mittelpunkt steht und das Publikum regelrecht in sich hineinsaugt, ehe während der Zugabe Hustle & Drone die Band zu einer siebenköpfigen Jam-Hydra anschwellen lassen. Und dann, ganz zum Schluss, wird der Stecker gezogen und die Beatmaschine gegen ein Akkordeon getauscht. Die Salzburger Spacerocker beenden ihr Konzert mit herzzerreißenden Folknummer. Was für ein radikaler, finaler Bruch. Was für ein Moment. Das ist sie, die finale Satelliten-Zündung.

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Cosmo Jarvis – Kulturladen Konstanz – 05.02.2013

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Als seine Bandkollegen die Bühne entern, sitzt Cosmo Jarvis noch am Bühnenrand und schafft sich an den abstehenden Saiten seiner Mandoline ab. Das ist typisch. Mit seinem kurzgeschorenen Schädel und dem kantigen Habitus sieht der Singer-Songwriter ziemlich genau so aus, wie man sich einen südenglischen Malocher vorstellt. Doch wer Cosmo Jarvis unterschätzt macht einen gewichtigen Fehler: Bereits die ersten Minuten Konzert offenbaren seine ungeheure Bandbreite: Cosmo intoniert mit „Love This“ und „She Doesn´t Mind“ sein wohl eingängigsten Songs. Ersterer beginnt mit einem entspannten Ska-Beat-Gerüst und treibenden, fröhlichen Gesangszeilen, aus dem sich dann mehr und mehr ein herrlicher Popsong schält, der in einem, von Streicheranspielungen unterstrichenen Ohrwurm-Refrain ausufert. „You Don´t Know How Much I Love This.“ Eindeutige Aussage, klares Signal: Leidenschaft ist das Stichwort! Zweiterer entspinnt sich im Reggae-Gewand, dazu versucht Cosmo in einer sensationellen lyrischen Argumentation seinen Songeltern die neue Herzensdame schmackhaft zu machen. Zwischendurch wird (im Songkonzept) geschrien, gejohlt, gejammt und als verdutzter Hörer hat man kurz das Gefühl einem ganzen Albummedley beizuwohnen. Fantastisch!

Cosmo Jarvis, Live, Konstanz, Kulturladen, Live, Bilder, Videos (2)_2189x2918Will man einem Unwissenden in wenigen Worten die Musik Cosmo Jarvis erklären, kommt man automatisch ins Stottern: „Ja, der macht so Singer-Songwriter-Zeugs, aber irgendwie mit Reggae und so bisschen Punk. Und eigentlich auch HipHop. Aber seine die bekanntesten Songs sind klassische Popnummern.“ Cosmo Jarvis ist wirklich ein Phänomen. Ein Tausendsassa, ein Schnell-, Quer- und Vordenker, der irgendwie alles ein bisschen und alles gleichzeitig machen möchte. Mit gerade mal 23 Lenzen hat der Sohn einer armenisch-amerikanischen Mutter und eines englischen Vaters nicht nur einen Kinofilm mit sich selbst in der Hauptrolle abgedreht, sondern vor allem und in Eigenregie drei geradezu überquellende Alben aufgenommen. Dabei ging Cosmo Jarvis mit den Stilarten und Einflüssen des britischen Popgewürzregals ungefähr so feinfühlig um, wie ein englischer Eintopf-Koch: Ein bisschen Clash, Monks und Beatles, dazu Oasis, The Streets und HipHop- und Elektrozeugs. Das Bemerkenswerte dabei: Der exotische Stilmix ist zwar ein bisschen anstrengend, aber homogen und die Platten funktionieren als „Melting-Pot“ und idealer Soundtrack zum multikulturellen Londoner Großstadtgewusel. Dabei wurde Cosmo Jarvis 1989 in New Jersey geboren, ehe sein Eltern in den Süden Englands zogen, nach Devon – ins Dorf, ins Nichts. Die Isolation der Dorfgemeinschaft spornte Cosmo nach eigener Aussage nachhaltig an und bereits von klein auf sagte er sich immer wieder: „Ich werde nicht hier sterben.“ Während sich seine Mitschüler auf der Sportschule in erster Linie für Rugby interessieren, stürzt sich Cosmo wie ein Vielfraß auf Musik und Film und inhaliert ohne Filter Jahrzehnte britischer Popgeschichte. Heute sehen selbst Legenden wie Brian Eno in Herrn Jarvis „…eine neue Art von Künstler.“

 

Live tritt die Abwechslung allerdings ein wenig zurück: Vielleicht liegt es an der Besetzung, den Skillz der Band, vielleicht an der Tatsache, dass eine strukturierte Konzeption für Band wie Rezipienten ein geradliniges, unterhaltsames Musikerlebnis ermöglicht. In jedem Fall dominiert ein tanzbarer Bass und smoothes Bluesgeschrammel, dass immer wieder mit Punkelementen gebrochen wird. Dabei scheppert das Konzert zwar durchgehend kurzweilig, erinnert aber in manchen Momenten ein wenig zu sehr an die kanadischen gute Laune Rocker von Danko Jones. Cosmos Stimme indes ist ein Faszinosum: Der Brite ist keinesfalls ein feinfühliger, technisch sauberer Vokalist. Sein Organ ist ein grobes Reibeisen, ein leidenschaftlicher Dampfhammer, der ausbricht, losschreit, ausschreitet, weghämmert. Nur mit aller Kraft gelingt es Cosmo sie zu bändigen und ins passende Gewand zu rücken – das erzeugt wunderbare Spannung, die auf Konzertlänge von kurzen Kontrastpunkten gelöst wird. Eben dann wenn Cosmo zur Mandoline greift und wunderbare Folkmomente aufruft und fast wie ein Moritatsänger seine Geschichten erzählt.

Und am Ende überlagern sich eben doch die Assoziationen: Da ist die Funktion als spielerischer Chronist des britischen Popgeschichte (in Fragmenten und Momenten), da ist der postmoderne Ansatz (Zitat reiht sich an Zitat), da ist die Dopplung in Filmer und Musiker (die selbstproduzierten Videos seien jedem wärmstens empfohlen), da ist die, dem HipHop und Punk entliehene Arbeitsweise (Einstecken und loslegen!) und da ist die Großstadtatmosphäre trotz Kleinstadtbackground. So bleibt schlussendlich eines festzuhalten: Die (Ver)mischung machts im Cosmo Jarvis Kosmos – und zwar zu einer abgefahrenen Blüte der britischen Musikwelt. 

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