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Archive for the ‘Kritiken’ Category

Die besten Filme des Jahres

Platz 11 (Die Wildcard): What We Do In The Shadows

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (15)In Sachen Technik, Drehbuch, Schauspiel und zig weiteren Gründen hätte der neuseeländische 80-Minüter wohl nichts in dieser Liste verloren. Und obwohl selbst das Konzept einer Vampir-Mocumentary zunächst nicht aus den Sitzen reißt ist „What We Do In The Shadows“ schlicht und einfach und mit ellenlangen Abstand der witzigste Film, der es dieses Jahr in Kino schaffte. Natürlich schwingt in dieser Bewertung eine Menge „Flight-Of-The-Concords“-Fantum mit, aber alleine Rhys Darby als Anführer eine Werwolf-Gang wischt mit 90% aller US-Komödien den Boden auf. Kein Film auf dieser Seite hat mehr Spaß gemacht.

 

Platz 10: Blau Ist Eine Warme Farbe

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (8)Regisseur Kechiche hält drauf. Immer. In Großaufnahme. Über 187 Minuten. Und als Zuschauer, als Vouyeur, kann man sich förmlich vorstellen, wie die beiden grandiosen Hauptdarstellerinnen bei der ersten Sichtung des finalen Filmes vor Scham in den Sitzen versanken. Der französische Film ist ein Coming-Of-Age-Epos, das nur eine klitzekleine Geschichte erzählt. Das den Mikrokosmos mit den Parametern des Makrokosmos unter die Lupe nimmt und dabei den Überschuss (an Gefühlen, Emotionen) mit Leere (Rohheit, offen stehende Enden) vereint.

 

Platz 9: Inside Llewyn Davis

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (20)Die Coen-Brothers haben ein Faible für Hauptcharaktere, die in anderen Filmuniversen wohl nur bizarre Sidekicks wären. „Inside Llewyn Davis“ bringt dieses Konzept insofern auf die Spitze, da besagter Songwriter im Zentrum zwar als grandioser Musiker daherkommt, darüber hinaus aber vor allem als genervtes Arschloch in Erscheinung tritt. Und trotzdem und genau deshalb ist dieser Film eine wunderbare Reflexion über das Scheitern, über die Liebe zur Kunst, über das Nichts-Tun. Und dazu noch Musikfilm. Zeitportrait. Figurenkabinett.

 

Platz 8: The Wolf Of The Wallstreet

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (16)Eigentlich dachten wir ja irgendwie, Martin Scorsese wäre zur Ruhe gekommen. „Hugo Cabret“ war ein grandioser Märchenfilm, eine kunterbunte, doppelbödige Geschichtsstunde über das Kino. Ein Endpunkt? Die Musikfilme über Bob Dylan, die Rolling Stones und George Harrison wirkten wie die Erfüllung von langersehnten Altersprojekten. Und dann kam „The Wolf Of The Wallstreet“ und warf alles über den Haufen. Radikal. Schnell. Wahnsinnig. Trippy. Der Film wirkte wie die logische Fortführung von „Good Fellas“ und „Casino“. Das sensationelle Ende einer größenwahnsinnigen Trilogie, die das Mainstream-Kino revolutionierte. Scorsese wurde 1942 (!)geboren. Dieses Spätwerk macht ihn zum fünften Mal unsterblich.

 

Platz 7: Grand Budapest Hotel

GRAND BUDAPEST HOTEL_c371.JPGWes Andersen ist ein Nerd. Ein Fetischist. Er liebt die Geometrie. Das Zitat. Das Licht. Und in Grand Budapest treibt er seine Liebe für den geloopten, mit Details überladenen, gemäldeartigen Szenenaufbau auf die Spitze und entwickelt nur mit den medialen Mitteln des Films ein eigenes Universum. Das gelingt nur wenigen Regisseuren und auch wenn Andersens Methoden ab und an ein wenig mit dem Holzhammer daher kommen, sind seine Filme doch Kleinode, denen eine ganz besondere Magie (nämlich der verdammte Zauber des Kinos)  innewohnt. Und „Grand Budapest Hotel“ dürfte einer der Schönsten von ihnen sein.

 

Platz 6: Blue Ruin

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (19)Ein klassischer Revenge-Flick: Hart, brutal, straight, in die Fresse. Kein Schnickschnack. Keine übertriebenen Gesten. Soweit so gut. Darüber hinaus ist das Herzens- und Indieprojekt des Regisseurs Jeremy Saulnier atemberaubend gut und schön gefilmt. Eine simple Autofahrt entwickelt da im Handumdrehen so viele optische Energie, dass es dir die Sprache verschlägt.

 

Platz 5: The Raid 2

 jahresrückblick the raid filme„The Raid 2“ ist ein Epos: Schnell, wild, unberechenbar, dunkel, brutal, eklig, aberwitzig, irre. Und für mich der wohl beste, weil mutigste Actionfilm des vergangenen Jahres – ohne ein bloßer, stumpfer Actionfilm zu sein. Auch die Gangster-Story besitzt ein sauberes Timing und zieht, in Kombination mit den überragenden Kampfsequenzen, den Zuschauer so derartig in seinen Bann, dass selbst die blödesten Smartphonetrottel den Blick durchgehend auf den richtigen Bildschirm richten. Ansonsten droht selbstredend ein Roundhousekick. Die eigentliche Offenbarung der indonesischen Produktion ist aber in jedem Fall die Kameraarbeit, die eine solche Liebe zum Detail ausstellt, das wirklich jede Sekunde der 150-Raid-Minuten irgendwie sehenswert ist. Großes, wildes Kino!

 

Platz 4: Only Lovers Left Alive

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (10)Jim Jarmusch aktuellstes Werk ist vermutlich die strittigste Wahl in dieser Liste. Der Film ist langsam, entschleunigt, hypnotisch. Viele werden ihn mindestens sterbenslangweilig und irgendwie pseudo-irgendwas finden. Die anderen werden ihn regelrecht fressen und lieben. Unterm Strich sehen wir mit „Only Lovers Left Alive“ einen Vampirfilm, in welchen die Vampire nichts von alledem machen, was Vampire als Figuren irgendwie interessant macht. Es wird kaum Menschen ausgesaugt, es gibt keine Kämpfe gegen Werwölfe oder Vampirjäger. Adam und Eve hören experimentelle Mucke, lesen Bücher, schwadronieren. Doch da genau liegt der Reiz. Jarmusch erzählt über Rezipienten und Künstler. Über die Ewigkeit. Über Ängste und Süchte. Gigantisch!

 

Platz 3: Nightcrawler

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (12)„Nightcrawler“ ist ein Film, der dich mit Ekel und Unwohlsein zurücklässt, der dich erschaudern lässt. Viele haben den Film mit „Drive“ verglichen. Doch „Drive“ ist Style und Farbe und Coolnes. Und „Nightcrawler“ ist Dreck, Voyeurismus und Dunkelheit. Jake Gyllenhaal ist überragend und (auch ohne Makeup) kaum wiederzuerkennen: Er spricht anders, er sieht anders aus, er bewegt sich anders. Und ja, das ist sein Job als Schauspieler, aber die Metamorphose gelingt hier beinahe vollendet. Die Performance trägt den Film und lässt auch über die etwas plumpe Medienkritik hinwegsehen. Am Ende müssen wir „Nightcrawler“ aber vermutlich ohnehin als Metapher verstehen. Und als solche entwickelt der Film eine einzigartige Durchschlagskraft.

 

Platz 2: Boyhood

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galaxRichard Linklater ist ein Regisseur, dessen Coming-Of-Age-Erzählfilme komplett ohne filmischen Reize auskommen und dessen Kamerablick oftmals beinahe dokumentarisch daherkommt. Aber Linklater ist eben auch ein Regisseur, der es wie kein zweiter versteht, Zeitgeist, Gefühle und Gespräche einzufangen und damit nichts weiter als die ganze normale, schlichte Normalität aufzuzeigen. Sein Monsterprojekt „Boyhood“ setzte dann alles daran die Wirklichkeit wirklich ins Erzählkino zu übertragen: Wir sehen einem kleinen Jungen tatsächlich beim aufwachsen zu. Linklater drehte über ein Jahrzehnt, immer wieder. Die Schauspieler wachsen mit. Bereits das Konzept sorgte für Hypewellen, die mich extrem nervten. Irgendwann ließ ich mich doch auf „Boyhood“ ein und war schlichtweg begeistert. Für mich persönlich ging der Film beinahe vollkommen auf: Die Narration, die eben auf die großen dramatischen Wendungen verzichtet, offenbart eine ganz  eigene Motivation, die den Zuschauer an die Figuren fesselt. So wird Alltagshorror zum Kinohorror, der dich zusammenzucken lässt. Die meiste Zeit aber hängen wir einfach mit den Hauptcharakteren ab und in Kombination mit der Grundprämisse und den rein optischen Veränderungen der Figuren entsteht ein einzigartiges Kinoerlebniss.  Und selbst die Tatsache, dass aus dem talentierten Kinderdarsteller Ellar Coltrane ein ziemlich miserabler ausgewachsener Schauspieler wird, hat seine Vorteile: „Boyhood“ gibt das vielleicht beste Pubertätsportrait der Geschichte ab, eben weil sich Coltrane wirklich wahnsinnig unwohl in seiner Haut vor der Kamera fühlt.

 

Platz 1: Her

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (23)Ein Typ mit Schnurrbart verliebt sich in sein Betriebssystem. Das klingt strange und irgendwie blöde. Und doch ist „Her“ meiner Meinung nach ein fast perfekter Film. Da ist zunächst die mutige, radikale Idee. Da ist die so clever und grandios durchdachte, zarte, logische Zukunftsvision, die Techniken offenbart, die es geben wird und sogar eine echte Mode und edchten Zeitgeist generiert. Da ist das Drehbuch, das sich auf ebenjener Idee nicht ausruht, sondern immer neue Hakenschlägt. Da sind die fantastischen Darstellerleistungen, obwohl dem einen (Joaquien Phoenix) durchgängig die Kamera direkt in der Fresse klebt und die andere (Scarlett Johansson) keine einzige Sekunde zu sehen ist. Ich lege mich fest: „Her“ ist der bislang großartigste Liebesfilm des neuen Jahrtausend und der beste Film des Jahres 2014. Schlichte, durchdringende Schönheit.

Honourable Mentions

Knapp vorbei ist auch daneben: Dallas Buyers Club war irgendwie schon gut (vor allem aufgrund der Schausspielleistungen), aber der ewige „das-ist-alles-wirklich-passiert-Duktus“ nervte. Für Jean-Pierre Jeunet gilt in der Light-Version das selbe, was ich zuvor über Wes Andersen geschrieben hatte. Die Karte Meiner Träume spielte eindeutig im Jeunet-Universum, erfüllte dessen Regeln aber nicht so lockerleicht wie viele seiner anderen Filme. Trotzdem toll! Gone Girl passt technisch und in Sachen Look fast perfekt in eine Reihe mit „Zodiac“, „The Social Network“ und auch „The Girl With The Dragon Tattoo“, aber auch irgendeinem Grund nimmt sich David Fincher merklich zurück: Der Schnitt ist konservativer, der Look abgespeckt, Trent Reznors Soundtrack irgendwie eingefroren. Schlussendlich spricht es aber vor allem für ein (für mich persönlich) starkes Filmjahr, wenn so ein Fincher Film aus der Topliste rutscht. American Hustle wollte ein Scorsese der 2010er Jahre sein. Dumm nur, dass der Altmeister diese selbst ablieferte und seinen Kollegen David O. Russel Staub fressen ließ. Alleine für die Schauspielerriege lohnt sich das Ding aber allemal. Stromberg – Der Film war selbstfinanziert und eine Kinoversion der Serie und dementsprechend (für einen früheren Fan) supersolide bis sauwitzige Unterhaltung.

Die fehlen noch:

Darüber hinaus gibt es eine Fülle von Filmen, die ich bis dahin leider noch nicht sehen konnte und die vermutlich alle die Chancen hatte, die Liste zu sprengen. Der elephant in the room ist sicher sicherlich Christopher Nolans Interstellar, der einerseits von der Breite überaus positiv aufgenommen wurde (und in den meisten Community gewählten Bestenlisten dominiert) – den andererseits die subjektive Kritik aber auch ordentlich abstrafte. Ich bin in jedem Fall gespannt.  Ein echter Kritikerliebling war indes Under The Skin mit Scarlett Johansson, der so manche Top-Liste anführte und über den ich bis dahin gar nichts weiß. Auf jeden Fall werde ich mir noch die beiden Studio Ghibli Filme When The Wind Rises und Die Legende der Prinzessin Kaguya zu Gemüte führen. Eure Meinungen?

Die Serien:

Platz 6: Review

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (9)…ist eine Comedy-Serie mit strangen Aufbau: Irgendein nullachtfuffzehn-Typ reviewt das Leben. Drei Dinge pro Folge. Von „Ein Sextape drehen“ bis zu „Drogenabhängig sein“. Das macht alles irgendwie keinen Sinn, das Konzept wird (von Beginn an) ständig gebrochen und ist ineffektiv – trotzdem ist das Ding zum Schreien komisch. Supergut!

 

Platz 5: Rick And Morty

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (11)Abgedrehter geht es kaum. Rick and Morty reizt Ideen bis ans Limit aus, es geht drunter und drüber, alles ist bunt und irre und abgefahren und so über-fantasievoll, dass es einfach dermaßen Bock macht, sich die elf Folgen reinzuschauen. Dazu kommt natürlich noch der Humor, der sich ideal an die Optik anlehnt und mit Grandpa Rick eine saugute, dauerbesoffene Hauptfigur.

 

Platz 4: Gomorrha

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (24)Natürlich hat es eine Mafia-Serie im Jahre 2014 nicht einfach. Zuviele bahnbrechende amerikanische Serien hatten sich der Gegenwelt gewidmet, eigentlich scheint alles auserzählt. Nicht aber in Europa, nicht in Italien, wo die Mafia wirklich präsent ist und in der Roberto Savianos Buch „Gomorrha“ echte Schlagkraft entwickelte. Die Serienumsetzung ist  hart, realistisch, erbarmungslos und grandios inszeniert. Alleine die Bilder Neapels sind so überragend eingefangen, dass es sich alleine für diese Shots lohnt den Epos zu schauen. Die Serie hat auch schwache Momente, vor allem wenn sie den realistischen Rahmen zu Gunsten einer beschleunigten Narration verlässt, insgesamt gelingt den Machern aber ein grandioses Stück Fernsehen, das sich zeitweise wirklich mit „The Sopranos“ und „The Wire“ messen kann. Und wieder einmal fragt man sich: Wieso geht sowas nicht in Deutschland!

 

Platz 3: Kindkind

Kindkind-14Die französische Miniserie ist so wahnsinnig gut, dass es sich kaum in Worte fassen lässt. Dabei verknüpft Regisseur Bruno Dumont so viele Dinge, die ich persönlich ganz besondersliebe: Eine Coming-Of-Age-Geschichte, mit dem wohl besten Kindercharakter den es je zu sehen gab, ein ganzes Arsenal an skurrillen Dorfcharakteren, verbunden mit einer Mord-und-Totschlag-Story (der Verweis ist klar: Twin Peaks). Eine echte Sensation! Anschauen!

 

Platz 2: Fargo

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (4)Fargo ist eine Seriensensation: In einem Jahr, in dem gleich reihenweise erfolgreiche Filmkonzepte in das Serienuniversum übertragen wurden, gelang es der Serie nicht nur, den Spirit der Coen-Brothers aufzusaugen sondern darüber hinaus eine außergewöhnliche gefilmte Thriller-Geschichte zu erzählen, die immense Sogkraft entwickelte. Die vielleicht größte Stärke des in sich abgeschlossenen Projekts war die Besetzung: Martin Freeman brillierte als Normalo, der zum Soziopathen mutiert, Billy Bob Thornton erschuf mit Lorne Malvo den vielleicht bester Bösewicht der Seriengeschichte und Allison Tolman schaffte es sogar Francis McDormand legendäre Performance aus dem Original in den Schatten zu stellen.

 

Platz 1: True Detective

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (13)True Detective hatte seine Schwächen: Vor allem die Story, der rote Faden, wurde im Verlauf der Miniserie immer dünner, bis die Auflösung am Ende irgendwie klischeehaft vor sich hin enttäuschte. Aber wie konnte sich True Detective dann trotz der europäischen Perlen und einem Kracher wie Fargo die Pole Position sichern? Zunächst einmal gelang es Cary Fukanaga eine tonnenschwere Atmosphäre (inklusive Hochglanz-Look zu erzeugen), die süchtig macht und dich bereits mit dem (besten Vorspann ever) am Schlawittchen packt und nicht mehr loslässt. Außerdem liefert vor allem Matthew McConaughey aberwitzig ab. Der entscheidende Punkt ist aber das Timing: Immer wieder gelingt es dem Projekt überragende Sequenzen, Momente, Szenen oder auch nur Textfetzen auf den Bildschirm zu knallen, die dich atemlos zurücklassen.

Die Blockbuster:

Platz 5: Drachen Zähmen Leicht Gemacht 2

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (21)Hey, das Ding macht Spaß! Alles ist bunt und wuselt. Und vor allem beweist der Film in Sachen „wichtige Figuren können leiden und sogar den dramatischen Filmtod sterben“ zigfach mehr Eier als alle Marvel-Filme dieses Planeten.

 

Platz 4: Der Hobbit – Die Schlacht der fünf Heere

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (3)Der letzte Teil von Peter Jacksons Mittelerde-Sage ist aufgeblasen und überquillt vor Logiklöchern und Technik-Gewichse. Aber whatever: Das Ding ist halt ein Guilty-Pleasure und zieht dich förmlich in die Kinoleinwand hinein (vor allem in der wirklich gelungenen Auftaktszene). Ansonsten wird kaum einer traurig sein, dass Mittelerde jetzt vollends abgegrast ist.

 

Platz 3: Captain America – The Return Of The First Avanger

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (2)…verbrät seine beste Idee in einer kleinen Zwischensequenz in der Mitte des Films, in welcher irgendein Nazi-Super-Wissenschaftler in einem riesengroßen  Computerraum personalisiert wird. Ansonsten hat Captain America einen sauberen Rhythmus, angenehme Charaktere – leidet aber unter dem Marvel-typischen schwachen Antagonisten und fehlenden Konsequenz in der Narration. Die finale Actionsequenz kickt aber selbstverständlich Ärsche – Riesenraumflugzeugkampfmaschinenkriegswaffenärsche!

 

Platz 2: Snowpiercer

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (18)Bong-Jon Hoo hat mit Memories Of Murder einen der besten Filme der letzten zehn Jahre gemacht. Gemessen an seinen Frühwerken ist Snowpiercer eine Enttäuschung. Gemessen am uninspirierten Blockbuster-Kino Amerikas ist Snowpiercer aber eine Offenbarung. Das Setting, das einem Videospiel-Aufbau folgt und zig verschiedene Welten in Form von Zugwaggons herbeiruft ist wunderbar. Die Action ist typisch-koreanisch. Stylisch, gebrochen, anders. Und das macht Bock – viel mehr aber auch nicht!

 

Platz 1: Guardians Of The Galaxy

guardians-of-the-galaxy-zoe-saldana-chris-pratt…war zweifelsohne der kurzweiligste Blockbuster der Jahres. Weil er so bunt war, wie ein Jahrmarktbesuch. Weil er einen Haufen an sympathische Charaktere erschuf. Weil er trotz des undurchdringlichen, allgegenwärtige Effektegewitters mit Charme und Flow Punkten konte. Und weil er halt einfach unterhaltsam ohne Ende war. Da kam tatsächlich ein wenig Star-Wars-Feeling auf – um ihn dieser Liga mitzuspielen fehlte es aber eindeutig und trotz alledem an ernstzunehmenden Bösewichten und einem doppelten Boden.

 

Die Enttäuschung:

Sin City 2

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (14)Der erste Teil war für mein Teenager-Ich eine Offenbarung in Sachen Optik und Coolnes. 2014 sind Sin City identisch aus, erzählt aber endlos langweilige Storys im immer selben Duktus. Ich hatte wirklich Lust auf diesen Film (zumal die Comic-Vorlage durchaus noch einige gute Storys auf Lager gehabt hätte), aber das Ding war lahm, fad, zäh und glattgebügelt.

 

Dokumentation:

Jodorowsky´s Dune

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galaxy (1)Eins vorweg: Ich habe nicht viele aktuelle Dokumentationen gesehen, Jodorowskys Dune war genau genommen die einzige. Aber die Geschichte eines Films, der nie zustande kam, ist tiptop- und dabei ist es auch völlig egal, ob die vom Altmeister des experimentellen Kinos („El Topo“) aufgetischte Story in allen Details stimmt. Jodorowskys Dune schafft es das irrsinnige Konzept inklusive Orson Welles, Dali, Giger (dessen Auftritte im Film durch seinen  tragischen Tod einen besonderen Wert besitzen) per Imagination auferstehen zu lassen. Und es ist einfach witzig, wenn Jodorowsky in seinem Dialekt die Forderungen Dalis nacherzählt: „I Want Burning Giraffe!“ Ein Film über die vollendete Leidenschaft zur Kunst. Über Irrsinn, Größe und Größenwahn.

 

Deutsches:

Tatort: Im Schmerz Geboren

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (5)Es ist ein wenig bezeichnend für das deutsche Kino, dass ausgerechnet ein Tatort für den aufregendsten deutschen Film des Jahres sorgte. Es ist aber genauso bezeichnend für das deutsche Fernsehen, dass dieser Tatort in Sachen  Intensität und Kreativität, alles andere (und vor allem auch seine Tatort Kollegen) an Fernsehfilmen erbarmungslos knechtete – und „Im Schmerz Geboren“ wohl ein einsamer Ausreißer bleiben wird. Der knallbunte Thriller um Kommissar Murot war ein brachiales, wildes Zitatfeuerwerk, viel mehr als der auf Twitter herbeigezwitscherte  „Tarantino-Tatort“.Ein Stück Film, das seine Liebe zum Film offen und vielfarbig fantastisch zur Schau stellt.

 

Fernsehen:

Die Wirklich Wahre Geschichte von 3Sat

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (22)Das deutsche Fernsehen siecht vor sich hin. Es ist quotenbestimmt und sensationsgeil. Es ist grau in grau. Und es ist feige und eingestaubt. Vor allem aber, und das ist Crux, ist es fantasielos. Ein kleines Stück Fernsehen aber widersetzte sich 2014 all diesen Trends: Wir sprechen über den 30minütigen Kurzfilm/Doku/Mockumentary/Fantasie-Hybrid „Die Wirklich Wahre Geschichte von 3Sat“ von Memo Jeftic. Der auf Celluloid gebackene  Geburtstagskuchen quillt vor Einfällen und Spielformen nur so über, ist gleichermaßen irritierend, wie witzig, wie traurig, wie strange, wie wundervoll. Die Kameraarbeit zieht alle Register an Zooms, Fahrten, One-Shots, oldschool Ausschnitten- und Effekten.  Ein Eiertritt in Richtung Youtubeästhetik. Mehr, mehr, mehr davon!

 

Der Ausblick:

Birdman

Alejandro González Iñárritu dreht einen neuen, tragikomischen Film. Es geht um Superhelden und abgehalfterte Stars. Die Kritik überschlägt sich. Ich bin sowas von gehooked.

 

Inherent Vice

Vier Faktoren: Paul Thomas Anderson im Regiestuhl. Thomas Pynchon liefert die Vorlage. Johnny Greenwood dudelt den Soundtrack. Und Joaquien Phoenix spielt die Hauptrolle. Inhärent Vice dürfte der beste Film des kommenden Jahres werden.

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Arcade Fire, Reflektor, Universal

Reflekt Yourself!

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (1)

Arcade Fire, der Inbegriff der Liebhaberband, das Schmuckstück, dass man immer offen und nerdig zur Schau tragen konnte, sind nun ganz oben angekommen. Auf dem Thron. Und zwar nicht als Sidekick, Besucher oder Götterbote, sondern als Boss, als thronende Macht, deren Aura so markant ist, dass die ganze Erde innehält, wenn sie ihre musikalischen Blitze nach unten verballert. „Reflektor“ hielt die Welt in Atem – und enttäuscht. Wieder einmal. Genau wie „The Suburbs“, dass heute vielleicht die beste Scheibe dieser unfassbaren Band ist. Zur groß sind stets die Erwartungen, sodass wir als Fans vergessen, dass Arcade Fire nie und nimmer beim ersten Hördurchgang zünden, dass sich diese Kompositionen entwickeln müssen, dass immer erst nur ein zwei Songs hängen bleiben, ehe der Rest zu Monstern heranwächst, die dich nicht mehr loslassen. Die dich aufressen wollen. Entsprechend ist es für diese Review zu früh. Fragt mich doch in einem Jahr nochmal. Die aktuellen Eindrücke sind noch zu frisch und unverarbeitet und doch zeichnet es sich langsam wieder ab: Die neue Arcade Fire wird auch in diesem Jahr alles in den Schatten stellen, was die Gitarren-Popmusik präsentiert. „Reflektor“ ist bunter und lebendiger als die Vorgänger, ein bisschen Flaming Lips mäßig, aber doch typisch. Hymnisch. Zitatereich. Barock. Göttlich.

Eminem, The Marshall Mathers LP 2, Interscope (Universal)

Zurück im Olymp

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (5)Es dauert genau einen Song, um zu verstehen, dass wir gerade Ohrenzeuge der musikalischen Wiederauferstehung und vollständigen Reinwaschung eines Jahrhunderttalents werden. Die erste Komposition des neuen Eminem Albums „The Marshall Mathers LP 2“ heißt „Bad Guy“ und dauert geschlagene sieben Minuten und vierzehn Sekunden – eine geradezu epische Länge für einen Opener, die wohl 90 % aller HipHop-Veröffentlichungen direkt das Genick brechen würde. Doch „Bad Guy“ ist mehr als ein Song: Er ist Rückbezug und Zitat, HipHop-Oper und Raproman, Ausstellung und Kritik an den eigenen Fähigkeiten, Reflexion und umarmende Klammer um das Schaffen des vielleicht einflussreichsten Popmusikers der vergangenen eineinhalb Dekaden. Der Auftaktsong knüpft an einer entscheidenden Song-Stelle in Eminems Karriere an: „Stan“ war die herausragende Ballade der ersten „Marshall Mathers LP“ und erzählte die Geschichte eines fanatischen Fans, der sein gesamtes Leben auf Eminem ausrichtete – und dabei sich und seine Familie zu Grunde richtete. Der Hit verhalf Sängerin Dido, die damals die Hook einsang, zu einer Weltkarriere und öffnete Eminem (und damit auch HipHop im Allgemeinen) endgültig die Türen zur breiten Masse. In „Bad Guy“ erzählt der Rapper nun Stans Geschichte aus der Perspektive von dessen kleinen Bruder Matthew weiter. Doch damit nicht genug: Eminem versetzt sich nicht nur auf Textebene in die von ihm geschaffene Figur, er begibt sich auch qualitativ auf deren Rapniveau. Das Album beginnt also gewollt mit Eminems wohl miserabelster Performance – erst im Verlauf des Songs steigert der Rapper die Qualität seines Sprechgesangs linear auf ein Höchstlevel, um in einem Finale Furioso das Gesamtkonstrukt in Stücke zu zerreißen. In einem finalen poetologischen Bruch wechselt der Sprachkünstler zurück in seine eigene Haut und entlarvt Matthew als bloßen sprachlichen Kunstgriff, der es ihm möglich macht, die eigenen Schwächen mitzudenken. Wahnsinn! Und vergessen sind die drei zurückliegenden Alben, die zwar allesamt Bestseller waren, aber den Mythos Eminem zunehmend dekonstruierten und den Rapgott wieder zum Menschen machten

Dass sich Eminem auf seinem Weg zurück nach ganz Oben ausgerechnet (und nur wenig subtil) an der „Marshall Mathers LP“ orientiert ist nur wenig verwunderlich – die 2000 veröffentlichte Scheibe ist das frühe Opus Magnum des Detroiter Rapper, ein moderner Klassiker und Offenbarungseid. Damit die vielfach codierte Wiederbelebung so organisch wie möglich von Statten gehen konnte, hat sich unser Lazarus eine ganze Armada von Produzenten ins Boot geholt. Angeführt wird das Kommando von Eminems Mentor Dr Dre, außerdem gibt sich Rick Rubin die Ehre, der seine Fähigkeiten als Defibrillator für festgefahrene Kreativkarrieren schon zigfach unter Beweis stellte. Analog zu den beiden Masterminds besitzt die Platte zwei Gesichter. Das erste folgt dem Diktum von „Bad Guy“ und verzahnt sich immer wieder mit den antreibenden Song-Zahnrädern aus Eminems Gesamtwerk. Da tönen total abgedrehte Eulenspiegel-Hymnen mit schräg eingesungenen Refrains, dort pumpen heroische Durchalteparolen im Stile des Oscar prämierten „Loose Yourself“. Doch Eminem, heute 41, beschränkt sich nicht aufs bloße Zitieren. Er denkt seine Ursprungs-Ideen entscheidend weiter und reflektiert im Prozess seine eigenen Ängste, sein Scheitern, seine Endlichkeit – als Künstler wie als Mensch. Und dann ist da noch das zweite, das all umfassende Gesicht, das nicht nur die eigene Geschichte begutachtet, sondern das große Ganze in den Blick nimmt. Stellvertretend dafür stehen zum einen die Vorabveröffentlichung „Berzerk“, getrieben von einem Rick Rubinschen Run-DMC-Gedächtnisbeat und zum anderen die futuristische Kollaboration „Love Game“ mit Wunderkind Kendrick Lamar. Und so wird „The Marshall Mathers LP 2“ zum Epos, das erinnert, zitiert, erfindet und voraus blickt. Und zu dem Werk, das Eminem endlich wieder in den Olymp zurück hievt. Oder wie er selbst sagt: „Why be a king when you can be a god!“

Nine Inch Nails, Hesitation Marks, Polydor Records

Den Finger am Puls der Zeit

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (6)Trent Reznor ist ein Berseker. Ein Wahnsinniger. Einer, den du nicht kontrollieren kannst. Dementsprechend agierten die Nine Inch Nails bisher auch im Studio. Mal visionär, bahnbrechend, großartig, mal zu verkopft, zu seltsam, zu wahnsinnig. Fünf Jahre ist es mittlerweile her, dass es neues NIN-Material auf die Ohren gab – fünf Jahre, in denen Reznor fantastische Filmmusik für David Fincher komponierte, die digitale Revolution erforschte und offensichtlich eine Menge elektronischer Musik hörte. Denn genau dort – vor allem im Dubstep – hat Reznor Anleihen gesucht und gefunden und damit einmal mehr den Finger am Puls der Zeit. Als Konsequenz aus dieser Entwicklung – sowie des persönlichen Reifungsprozesses – klingt „Hesitation Marks“ für ein NIN-Album außergewöhnlich poppig. Die musikalischen Brüche sind nicht mehr so brutal, die Riffs nicht mehr so erbarmungslos, Reznors Stimme nicht mehr so gehetzt. Es klingt beinahe so (und hoffentlich erfährt er das nie) als hätte Trent Reznor seinen inneren Frieden gefunden. Am Ende ist das aber kein Widerspruch: Der Unberechenbarkeit liegt auf „Hesitation Marks“ eben in der Berechenbarkeit.

Arctic Monkeys, AM, Domino Records (Goodtogo)

Das Märchen geht weiter

DieThees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (2) mittlerweile beinahe totzitierte Wandlung der Arctic Monkeys nimmt in der Enzyklopädie des Rock´N´Roll den Status eines Märchens ein. Es war einmal das dreckige, verspielte kleine Garagenpunk Entchen, dass sich unter der Anleitung des legendären Wüstenfuchses Josh Homme zum schönen Stoner-Schwan wandelte. Doch die Arctic Monkeys sind 2013 keinesfalls eine Bilderbuchband, sondern viel eher ein vielköpfiger, vielschichtiger, bissiger, schwarzer Schwan – und (nach der Auflösung von Oasis) Englands Vorzeigeband numero uno. „AM“ führt den eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Oder eben auch nicht. Die Scheibe besinnt sich ein Stück weit auf die alten Tugenden der Band – eingängiges Songgeschepper – und lässt gleichzeitig unfassbare, geheimnisvolle Songmonster von der Kette. Da ist zum Beispiel „Why’d You Only Call Me When You’re High?“ – rauschend, dunkel, trippy, kratzend auf der einen Seite, eingängig, mit hundertprozentigen Wiedererkennungswert auf der anderen. Alex Turners Stimme rückt noch zentraler in der Vordergrund, wird aber immer wieder gepitcht und verdunkelt. Und so werden die Arctic Monkeys auch mit „AM“ einige Fans vergraulen, einige andere dazugewinnen – vor allem aber bleiben sie in Bewegung, in der Diskussion. Und das ist das, was die ganz großen Bands in den vergangenen Jahrzehnten auszeichnete.

Thees Uhlmann, #2, Grand Hotel Van Cleef

Der zweite Streich

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, NeuWenn ein Musiker seine Band verlässt und fortan auf Solopfaden sein eigenes Ding durchzieht kann das mehrere Gründe haben: Künstlerische Freiheit, Selbstinszenierung, die Erschließung neuer musikalischer Räume. Qualitätssprünge sind in den allermeisten Fällen nicht zu erwarten. Meist klingen die Soloprojekte so anders, dass sie keiner mehr einordnen kann und will, oder eben doch genau so wie die ad acta gelegte Band – nur schlechter. Und jetzt das Gegenbeispiel. Mit seinem ersten Soloalbum hievte Thees Uhlmann sein Songwriting auf eine ganz neue Stufe – Uhlmann schien geradezu befreit, übersprudelte förmlich vor Energie und Ideen und spielte mit seinem eigenen Material alles an die Wand, was er zuvor mit Tomte fabriziert hatte. Nun also der zweite Streich: Uhlmann gelingt durch die Betonung von Nuancen der Entwurf eines ganz eigenen, neuen Sounds. Da ist das Grundgerüst im Stile des deutschen Indies, da sind die Heartland-Heimat-Herzblut-Anleihen bei Bruce Springsteen und da ist diese neue merkwürdige Art des Textens und Musizierens, die Uhlmann mit seinem Buddy Casper prägt – inklusive kleiner Beobachtungen, Pianoanschlägen, Chören, Streichern. Heraus kommen Songperlen wie „Am 07. März“ oder „Zerschmettert in Stücke (Im Frieden der Nacht)“.

Pearl Jam, Lightning Bolt, Republic/Universal

Der Sturm

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (4)Ein lyrisches Bildelement dominiert die neue Pearl Jam Platte „Lightning Bolt“: Es blitzt und donnert aus allen Richtungen, es wird über- und mitgeschwemmt, niedergebrannt und zerstört und zerschlagen. Die Natur schlägt erbarmungslos zurück und mittendrin, im Auge des Sturms, stehen Pearl Jam und ihre mittlerweile ausgedünnten Grungemähnen wehen nach wie vor im Wind. Die Platte ist offensichtlich ein energetischer Aufschrei: Wir sind immer noch da. Wir sind immer noch relevant. Wir sind immer noch wütend, vital und immer noch Punk! Vor diesem Hintergrund wirkt „Lightning Bolt“ wie ein polarer Gegenentwurf zu Eddie Vedders fantastischen Singer-Songwriter-Experimenten, die den Rückzug in die Natur predigten, aber auch als klares „Nein!“ in Richtung all jener, die Pearl Jam bereits in der Stadion-Mitgröhl-Schublade abgelegt hatten. Insbesondere das Triumvirat zum Auftakt, bestehend aus der fast penetrant Pearl Jam typischen Komposition „Getaway“, der rasanten Punkrock-Nummer „Mind Your Manners“ und der textlastigen Mischung aus diesen beiden Bausteinen („My Fathers Son“) offenbart, diese Band ihren eigenen Ansprüchen immer noch gerecht wird. Und natürlich klingt Pearl Jam immer noch nach Pearl Jam, immer noch nach 90er Grunge und Holzfäller-Hemden. Die Varianten sind spärlich gesät, blühen aber umso auffallender. Und genau das ist der Grund, warum so viele Menschen dieser Band treu geblieben sind. Und treu bleiben werden.

Casper, „Hinterland“, Four Music

Der Messias?

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (8)Bis vor wenigen Jahren war der Ruf des deutschen HipHops denkbar miserabel. Die Öffentlichkeit betrachtete die Szene größtenteils als einen Brei von Nachahmern der unerreichbaren amerikanischen Vorbildern, als Möchtegern-Gangster und Sprachvergewaltiger. Mittlerweile hat sich dieses Bild gedreht, der deutsche HipHop ist hybrid, in stetiger kreativer Bewegung und geprägt von einer supererfolgreichen Genreoffenheit. Das Saarbrücker Duo Genetikk trumpft mit dunklen Beatarbeit und Beastie Boys Flow, Prinz Pi, ehemals Prinz Porno, ist heute Jugendsprachrohr mit Beatles-Anleihen, der Autodidakt Alligatoah spielte ein kunterbuntes Comedy-Pop-Album ein. All diese Künstler enterten dieses Jahr Rang 1 der deutschen Albencharts. Dieses Schicksal wird auch „Hinterland“, die neue Scheibe von Casper mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erreichen – mit einen kleinen Unterschied: Caspers Wandlung vom Battlerapper zum Musiker ist noch radikaler, homogener und intensiver, Caspers Hype und Qualität sind mittlerweile so prägnant, dass man ihn ohne Probleme als Messias dieser 2.0 HipHop-Welt bezeichnen kann.

Das Vorgänger Album XOXO war ein überraschendes Experiment, dass sich beinahe spielerisch Indie und Postrockelemente aneignete. Auf Hinterland wächst diese vorsichtige Annäherung nun zu einer durchdringenden Symbiose. Das liegt vor allen Dingen an der Produktion des Albums: Casper, dem gemeinhin ein unglaublich breites Musikwissen nachgesagt wird, dem allerdings bei der Umsetzung seiner Visionen bis dato das nötige Know-How abging, verstärkte seine Studiomannschaft entscheidend. Zum einen mit Markus Ganter, einem der spannendsten Alternativeproduzenten, zum anderen mit Konstantin Gropper, der mit seinem Bandprojekt Get Well Soon weltweit für offene Münder sorgte. Einen ähnlichen Aha-Effekt erzielt nun auch „Hinterland“ bereits mit dem Intro zum Opener „Im Ascheregen“. Zuerst tönen zarte Orgelanschläge, ehe sich Tastengeklimper und Schlagzeug-Wummern langsam zu einem Rhythmus, zum Beat verformen, der dann in Streicher und Glockenspiel-Wellen implodiert. Und dann kommt Casper: „Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen.“

Die erste Zeile der Scheibe lässt sich problemlos als verbaler Mittelfinger in Richtung des alten HipHop-Regimes deuten. Doch die verstaubten Grenzen sind längst aufgebrochen und Casper zitiert sich wie besessen durch das vergangene Jahrzehnt des Indie. Der Titeltrack ist so penetrant melancholisch-harmonisch, wie wir es eigentlich nur von den Shins kennen, „…nach der Demo gings bergab“ besitzt die Energie und schnöde Schönheit, die einst Ton Steine Scherben auszeichnete und auf „Lux Lisbon“ übernimmt mit Editors Sänger Tom Smith direkt eine prägende Indie-Persönlichkeit die Hook.

Nichtsdestotrotz bleibt der Sprechgesang und damit HipHop der Kit, das tragende Element, eines Albums, dass wohl (in Kombination mit XOXO) das Rüstzeug zu einem modernen Pop-Klassiker besitzt. Denn Casper entwickelt, angetrieben von nerdiger Motivation und als Springer zwischen den Welten, einen eigenen Sound, ein eigenen Art des (teilweise nervigen) Textens und transportiert dabei den irritierenden Zeitgeist, einer Generation, deren Zeitgefühl man eigentlich verloren glaubte.

Volbeat, Outlaw Gentleman & Shady Ladies, Vertigo Berlin (Universal)

Am Ende der Fahnenstange

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (7)Nicht selten sind es die seltsamsten Konzepte, die in der Musikwelt plötzlich unbemerkt offenstehende Löcher stopfen. Volbeat sind so ein seltsames Musikphänomen. Denn wer hätte gedacht, dass ein dänisches Quartett, das eingängigen Heavy-Metal mit Rockabilly- und Westerneinflüssen mixt, zur erfolgreichsten internationalen Heavy-Metal-Band reifen könnte? Doch genau das ist in den vergangenen Jahren passiert: Volbeat haben mit ihrem erfrischenden Konzept den Markt gesprengt und sich durch ungeheure Livepräsenz unter anderem bis zum Rock-Am-Ring-Headliner hochgespielt. Dieser Tage erschien die langersehnte neue Scheibe „Outlaw Gentleman & Shady Ladies“. Nach mehreren Plattendurchläufen bleibt allerdings nur eine bittere Erkenntnis: Das Ende der Fahnenstange scheint erreicht, das Konzept Volbeat hat offenbar sein Ablaufdatum überschritten. Die Scheibe klingt (mit Ausnahme des Italo-Western typischen Intros) wie ein einziger überlanger uninspirierter Song. Michael Schøn Poulsen Stimme, die der Truppe immer einen Schuss Unberechenbarkeit eingeimpft hatte, wirkt regelrecht gezähmt und geglättet. Die messerscharfen Riffs der Erstveröffentlichungen sind aalglatten Poppunk-Kompositionen und Null-Acht-Fuffzehn-Metal-Geschrammel gewichen. Das ist Radiopop der übleren Sorte, mit der Konsistenz eines Kaugummi, der zu lange gekaut wurde. Eine echte Enttäuschung.

 

Gov’t Mule , „Shout“, Provogue / Mascot Records

Im Spagat der Genres

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (3)Gleich zu Beginn der Scheibe schreddert Warren Haynes Gitarre so markant, so kompromisslos durch den Raum, dass man als Hörer reflexartig nach der sicheren Tischkante greift. Der Opener „World Boss“ ist ein klassischer Hallo-Wach-Song, so einer, der dich direkt am Schlafittchen packt und nicht mehr loslässt und damit das klare Programm seiner Urheber aufzeigt. Denn Gov’t Mule verfolgen seit ihrer Gründung 1994 ein kompromissloses Konzept im Spagat zwischen der altehrwürdigen Bluesrockszene, in derer die einzelnen Mitglieder einst ihre Wurzeln schlugen, und der stetigen Auseinandersetzung mit all jenen (post)modernen Genresmutationen, die sich in den vergangen Jahrzehnten mit dem Blues verwoben. So klingen die Songs auf „Shout“ mal nach staubigen Stonerrock, mal nach bierverklebten Punk, mal nach schwermütigen Folk. Aber immer auch nach ausufernden, rifflastigen, dunklen Blues. Richtig spannend wirds aber im zweiten Teil der Scheibe: Dort leihen Superstars wie Steve Winwood, Elvis Costellow oder auch Ben Harper den Shout-Instrumentals für jeweils einen Song ihre Stimme. Und alleine diese Namensliste erklärt die Reichweite von Gov’t Mule besser als jede ausführliche Cd-Besprechung.

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Theater Konstanz – „Werther“

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Werther ist glücklich. Und das passt ihm ganz und gar nicht. Denn die eigene Zufriedenheit steht seiner Kunst, seinem Schaffen im Wege. Händeringend sucht der junge Mann nach Themen, Sätzen, Wörtern, die aufwühlen und umwälzen. Die bewegen. Doch seine literarischen Versuche bleiben bloße Beschreibungen von Blüten und Sommertagen. Kitsch. Belanglos. Und man hat gleich zu Beginn das Gefühl, Werther warte nur auf den Einschlag, der seine Welt zerschmettert und den eigenen Schaffensprozess ins Rollen bringt.

Und ich fühle mich unweigerlich an Conort Oberst erinnert, den Folkpoeten, den, wen man so will, Werther der Popkultur, der seinen Herzschmerz so bedingslos auf Platten presste. Heute fordern die Anhänger, enttäuscht von Oberst´ neueren, seichteren Kompositionen, man solle dem Singer-Songwriter endlich mal wieder das Herz brechen. Doch Depression, das muss Werther mit allem Nachdruck erfahren, offenbart nur selten schöpferische Energie. Als Lotte, die Traumfrau, mit kosmischer Wucht Werthers Sonnensystem in Stücke reißt, bleibt für den Träumer nichts als Schmerz. Erdrückender, alles einnehmender Schmerz, in dessen Umlaufbahn Zeit zur Folter wird.

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Entsprechend taktet die aktuelle Werther-Inszenierung des Theater Konstanz die 120 Minuten Stück im Rhythmus eines Jahres. 1. Mai. 2. Mai. 3. Mai. Die Daten sind der Beat, der Herzschlag des Stücks und der wird im Verlauf immer lauter, nervtötender, bis er zu einem Wummern wird, dem man sich nicht mehr entziehen kann. 29. August. 30. August. 31. August. 32. August. 33. August. Darüber hinaus setzt die Dietrich Trapps Inszenierung auf Reduktion. Es gibt keine Effekthascherei, keine übertriebene Dekoration oder Modernisierung. Nur Text. Und Mensch. Und einen unförmigen Tisch im Zentrum der Werkstatt, der sich einer gespiegelten, ebenso unförmigen Leinwand wiederfindet. Links steht ein Mikrofon und rechts eine Kamera, die verschiedene Versatzstücke auf die Leinwand wirft. Zunächst eine Reclam-Ausgabe des verhandelten Textes. Dann Blüten. Dann die immer wiederkehrende Referenz und Erinnerung an Lotte, eine Styropor-Schaufenster-Puppen-Büste, deren schwarze, ausdruckslose Augen Werther solange anstarren, bis er selbst ins Zentrum des Bildes rückt. Und dann steht er auf der Leinwand, wieder und wieder reproduziert. Hundertfach Werther, der immer weiter verschwimmt, bis er für das menschliche Auge nicht mehr wahrzunehmen ist.

theater, werther, konstanz, werkstatt, theater konstanz, 2013 (1)Dabei blicken wir auf Axel Julius Fündeling, den Alleinunterhalter des Werther-Leierkastens, der zu Beginn nochso adrett gekleidet war, so ehrlich strahlte, fast selbstverliebt agierte. Doch diesen Menschen gibt es nicht mehr. Fündelings Werther zersetzt sich innerhalb des Stückes zum Wrack. Er schwitzt, die Haare kleben in alle Richtungen und sein Blick ist leer. Leer. Leerer. Als Werther seinen letzten Brief an Lotte schreibt, läuft er förmlich aus. Seelisch, klar, aber vor allem körperlich. Fassbar. Der Schweißt läuft in dicken Tropfen aufs Papier und vermischt dort mit der frisch auftragenen Tinte – wird Symbol, Allegorie. Text und Körper verschwimmen und stehen dabei stellvertretend für die anderen Flüssigkeiten des menschlichen Körpers: Blut, Tränen, Kotze.

theater, werther, konstanz, werkstatt, theater konstanz, 2013 (3)Zunächst gefällt sich Werther in der Rolle des Leidenden. Dann aber verliert er zunehmend die Kontrolle. 34. August. 35. August. 36. August. Dabei verfremdet Fündeling seinen Werther in einigen wenigen Momenten. Etwa wen er die Souffleuse anbrüllt, ins Publikum schreit oder unbeholfen mit einer Zuschauerin flirtet. In diesen Sekunden verschmelzen Zuschauer- und Theaterraum und man erkennt, wie weit Werthers Zersetzung bereits fortgeschritten ist. Der eben noch sympathische, wenn auch arrogante junge Mann ist jetzt ein Gift und Galle spuckender Choleriker und doch, angesichts seines gebrochenen Herzens, unfähig zu jeder Form von Konversation. Außer Stande, Glück zu empfinden. Die Radikalität mit der Fündeling den Zerfall des Werthers mit reduzierten Mitteln darstellt schmerzt selbst im Publikum. Die Performance springt einen regelrecht an und die förmlich fassbare Depression der Figur legt sich wie eine Taucherglocke über den gesamten Theaterraum. Wenn sich ein Basketballer in Amerika einem Ball hinterher schmeißt oder sich ohne Rücksicht auf Verluste ins Publikum stürzt, schreien die Moderatoren meist verzückt auf: „He sacrifies his body!“ Ähnlich kompromisslos geht Fündeling vor. Ein einfaches Konsumverhalten ist für den Zuschauer kaum mehr möglich – zu nah und greifbar ist der Schmerz.

Und natürlich könnte man sich fragen, warum 2013 immer noch diesen alten Schinken durchkauen muss, wenn man sich dem Drama der Jugend annähert. Denn natürlich folgten tausende Werther. Und natürlich folgten unzählige Dramen. Und natürlich gibt es tausende Texte der gleichen Thematik. Doch die schiere Hitze, die Trapp und Fündeling produzieren, führt uns einmal mehr vor Augen, das dieser Text eben doch nichts von seiner Durchschlagskraft verloren hat. Depression. Druck. Burn-Out. Zerrissene Herzen. Gesprengte Erwartungen. Werther ist gleichermaßen Symbol des Sturm und Drang, tragisches Spiegelbild der Moderne, verleugneter Akteur des Punk, wie auch die Schablone eines Opferlamms unserer digitalen, post-postmodernen Gesellschaft. Geschlachtet und zerrissen.  

Weitere Termine für „Werther“ am Theater Konstanz findet ihr hier: http://www.theaterkonstanz.de/tkn/veranstaltung/04975/index.html?events=all

Anschauen!  Karten gibt unter 07531/ 900 150 oder per Mail: theaterkasse@stadt.konstanz.de

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Berlinale Special Teil 3:

 
Von Judith Schuck (http://juscrit.tumblr.com/)
 
Ayer no termina nunca (Yesterday never ends), R.: Isabell Coixet, E 2013, 108´, 63. Berlinale:Panorama.

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2017 in Katalanien. Ein Mann (Javier Cámara) im gut sitzenden Businessanzug und eine Frau (Candela Peña) in Jeans, T-Shirt und Schlangenlederstiefeletten treffen nach 5 Jahren zum ersten wieder aufeinander. Die Atmosphäre ist in Blautöne, Tuffstein und Beton getaucht. Distanz, Traum, Kühle. Hämisch bemerkt sie: „Hugo Boss?“ Der Ort des Wiedersehens ist ein durch die schlichte Architektonik nüchtern anmutendes Geschäftsgebäude. Wie sich bald rausstellt ist die Ursache für die zunächst sehr auf Abstand beruhenden Begegnung ein Brief, auch der im blauen Kuvert. Ferne. Sie schrieb ihn, weil sie ihn Wiedersehen musste. Die beiden waren bis vor fünf Jahren ein glücklich verliebtes Paar mit einem gemeinsamen Sohn namens Dani. Melancholie. Der Schmerz um den Tod ihres Kindes lässt die Mutter bis heute nicht los. Sie ist voller Vorwürfe gegenüber dem Ex-Mann, Universitätsprofessor, der sich im fernen Deutschland, vor Vergangenheit und Wirtschaftskrise geflüchtet, ein neues Leben aufbaute, während ihr Leben seit dem Verlust des Sohnes in Kram und Trauer stagniert.

Es entspinnt sich ein Dialog zwischen den beiden Hauptdarstellern, gespickt von Bitterkeit, Schuldzuweisungen, alten Erinnerungen, die sich im Verlauf der theatralisch anmutenden Szenerie als Hoffnungsschimmer auf eine neue Annäherung herauskristallisieren. Die blaue Blume der Romantik. Doch sie leben in zwei voneinander abgetrennten Realitäten: Er erwartet mit seiner deutschen Frau ein neues Kind. Sie bleibt trotz allen Schwierigkeiten, die das von der Krise gebeutelte Spanien mit sich bringt der Heimaterde treu, treu auch im Angedenken an den verstorbenen Sohn, das ihr Leben regiert. 2008 gelang der Regisseurin Isabell Coixet mit „Elegy“, der Verfilmung von Philip Roth Roman „Das sterbende Tier“, eine eindrucksvolles Drama, in dem Penelope Cruz die Rolle einer jungen, an Brustkrebs erkrankten Frau verkörpert. Ihr neuer Film „Ayer no termina nunca“ ist allerdings nicht durchgängig überzeugend. Der Zuschauer bleibt auf Distanz, was mit der bühnenhaften Inszenierung durchaus beabsichtigt scheint.

Die bisweilen albernen Hexenschreie der leidenden Mutter lassen den Rand des Wahnsinns nicht glaubhaft erscheinen und stellen die an sich starke Frauenrolle in ein unnötig schwaches Licht. Natürlich kann man diesen Aspekt umdrehen: Die Schwäche der Frau ist gewollt, sie versteckt sich hinter ihrem Schmerz. Aber auch dieser Ansatzpunkt wird nicht konsequent durchgesetzt. Ihre Rolle ist nicht nur nicht klar, was sie vielleicht auch gar nicht sein kann, sie kommt erst gar nicht authentisch an, weder in ihrer Zerrissenheit, noch in der Verbohrtheit und Resignation gegenüber dem Weiterleben. Ebenso die Kleider der beiden Darsteller: die modischen Klamotten werden im Dialog und in der mise en scène so aufdringlich betont, dass sie als Verkleidung rüberkommend nerven. Mitreissen kann da noch vor allem die Schlussszene, in der der Vater vor dem Grab seines Sohnes, mit dessen (blauen) Lieblingsdinosaurier konfrontiert, zusammenbricht. Ein Moment der schmerzhaften Erleichterung für das Publikum.

Mes seances de lutte (Love Battle), F, 2013, Jacques Doillon, 103`, 63. Berlinale: Panorama.

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Dem französischen Regisseur Jacques Doillon (Ponette, 1996) gelingt mit Mes seances de lutte eine hochemotionale Schlammschlacht: IHR Vater ist gestorben. Das ist die Ursache für die Rückkehr der jungen Frau (Sara Forestier) in das französisches Heimatdorf. Das Verhältnis zum Vater war schlecht, sie gibt sich beinahe fröhlich über den Tod. Von ihren Geschwistern fühlt sie sich nicht richtig ernstgenommen. Zudem hat sie mit IHM noch eine Rechnung offen. ER (James Thiérée) ist eine alte Liebe. Zu sexuellem Kontakt kam es nie, dafür zu aufreibenden Momenten, die, so SIE, nicht weniger bedeutsam waren als echter Sex. ER fühlt sich von der aufbegehrenden, energiegeladenen Frau bedroht: SIE wirbelt sein ruhiges Leben als Wächter von Haus und Garten und lesender Schriftsteller plötzlich erheblich auf.

Doch SIE lässt ihm seinen Frieden nicht: als Spiel im Spiel rekonstruieren die beiden schließlich eine vergangene Situation, welche die Schlüsselszene ihres Bruchs war und welche in beiden feurige Leidenschaft und gleichzeitig aggressive Abwehr jeglicher Annäherungsversuche begründete. Zwischen IHM und IHR, sie bleiben namenlos, entwickelt sich ein hocherotischer, furioser Kampf, in dem sich starke Gefühle, Anziehung und die große Angst vor Verletzbarkeit materialisieren. Es ist IHRE Unruhe und Klärungsbedarf, welche diese täglichen intensiven, ebenso destruktiven wie konstruktiven Kampfsessions katalysieren. Dabei ist sich der Zuschauer nie sicher ob IHRE Aggression gegen IHN, die in IHM repräsentierte Vaterfigur, die ihr gegenüber keine Liebe aufbrachte oder gar gegen sich selbst gerichtet ist. Der impulsive Kontrast der beiden Kämpfer spiegelt sich nicht nur physisch, SIE zierlich, aber zäh, ER kräftig und bedacht, sondern auch in der Musik wieder: das einzige, was SIE vom Erbe ihres Vaters einfordert ist das Piano: wenn SIE angibt Débussy und Schumann zu spielen, fände ER Bach angemessener. SIE ist die alles umwälzende Moderne, während ER sich in seiner Zurückgezogenheit auf Traditionen besinnt.

SIE weint verzweifelt, er lacht genugtuend. Im Laufe der zum täglichen Ritual werdenden Kampfsessions vermischen sich allmählich ihre einstmaligen Gegensätze. SIE stellt irgendwann Kampfregeln auf, was eine gewisse Ordnung im Chaos der Gefühle schaffen soll. Lange Plansequenzen im Wechsel mit Handkameraaufnahmen lassen den Zuschauer an der elektrisierenden Schlacht teilnehmen. Zerstörungswut und Blutrausch, wenn sich die beiden regelrecht die Köpfe einschlagen, befinden sich in rasantem Wechsel zum kreativen, prometheusschen Akt, beim hochästhetischen Geschlechtsverkehr im Schlamm. Am Enden lacht SIE erleichtert. Er weint. Angst und Attraktion stehen im dialektischen Verhältnis und lösen sich bis zuletzt nicht eindeutig auf. Die Sessions bilden eine Symbiose aus Gewalt, Angst und Sehnsucht nach Geborgenheit. Sie bleiben in all ihren Facetten bis zuletzt spannend und mitreißend.

Boven is het stil (It´s all so quiet), R.: Nanouk Leopold, NL/D, 2013, 94´, Berlinale: offizielles Programm, Panorama

oben ist es still, me seances de lutte, yesterday never ends, berlinale, filmkritiken, bilder, 2013 (2)

Die Unfähigkeit über Gefühle zu sprechen ist den vier Männercharakteren unterschiedlichen Alters in „Boven is het stil“ allen gemeinsam. Nanouk Leopolds Drama beginnt mit einer langen Kameraeinstellung, die Gras und Schilf zeigt, kontrastiv zur Kommunikationslosigkeit der Männer vom lautstarken Quaken und Zwitschern nichtsichtbarer Enten und Vögel begleitet. Helmer (Jeroen Willems), ein niederländischer Bauer mittleren Alters, physisch im vollen Saft des Lebens, kümmert sich neben den Tieren auf dem Hof noch um seinen altersschwachen Vater (Henri Garcin). Die Wortkargheit zwischen Vater und Sohn, Helmers beherztes und mehr funktionelles denn liebesvolles Zupacken bei der Pflege, lässt gleich auf ein schwieriges, abgekühltes Verhältnis schließen. Helmer verfrachtet seinen Vater ins Dachzimmer, als wolle er schon mal ein Stück weit an der Trennung zwischen Leben und Tod arbeiten, ihn vom täglichen Leben fern halten. Besuche für den Vater weist er ab, nur als der junge Henk (Martijn Lakemeier) als Helfer auf den Hof kommt, wird dieser dem noch immer amtierenden Familienoberhaupt vorgestellt. Henks Hände werden vom alten, bettlägerigen Mann genau überprüft.

Eine Ebene dieses vielschichtigen Films sind die Körper: als der Vater ins Bett einnässt und Helmer diesen schließlich unter der Dusche vom Urin befreit, folgt die Handkamera flink den kräftigen, einseifenden Händen, welche im Kontrast zur müden und schlaffen, von Altersflecken übersäten Haut des Vaters stehen. Die Gesichter werden eher zufällig gestreift. Hände bilden ein weiteres Thema: Die pflegenden und gleichzeitig energisch zupackenden Hände Helmers, der auch seine Kühe noch von Hand melkt; die nun verwelkten, aber früher schlagenden Hände der Vaterfigur; die neugierig explorativen Hände Henks; nur beim Milchlieferanten (Wim Opbrouck) liegt der Schwerpunkt stärker auf dem liebevoll begehrenden Blicken für Helmer. Dieser aber, immer noch unter der autoritären Präsenz des nur körperlich stillgelegten Vaters leidend, versucht seinen Wunsch nach Nähe zu unterdrücken, sowohl gegenüber dem Geborgenheit versprechenden Milchmann, als auch gegenüber dem schutzsuchenden jungen Henk. Geprägt von halbnahen und nahen Bildern, bekommt der Zuschauer eher selten eine Großaufnahme zu sehen, wodurch zwar Nähe zu den Charakteren entsteht, sie aber immer noch unbestimmt und schwer analysierbar bleiben. Die selten eingespielte Musik untermalt die ansonsten weitestgehend unausgedrückte Gefühlssituation. Auf visueller Ebene sind es die Tiere, welche als Spiegel der Seelen fungieren und im Verhältnis der Männer zu den Eseln, Schafen und Kälbern wird die Liebessehnsucht von drei Generationen dargestellt, z.B. wenn das Kalb an Henks Fingern saugt, was dieser offensichtlich genüsslich geschehen lässt.

Wie Helmer seinen debilen Vater vor der Aussenwelt zu isolieren versucht, erinnert „Boven is het stil“ ein wenig an Michael Hanekes Film „Liebe“ (2012), obwohl für Georges und Anne wirklich symbiotische Liebe der Beweggrund für die Isolation ist, während Helmer sich mit Hilfe der räumlichen Distanz auf ein neues, glücklicheres Leben befreit vom väterlichen Einfluss vorbereitet.Die Anziehung und dann tabubedingte Abstoßung in den homosexuellen Konstellationen zwischen Helmer-Henk und Helmer-Milchmann lassen an die Liebe der Cowboys aus „Brokeback Mountain“ denken. Gerade die eindrücklichen, fotografischen Bilder und die spärliche Kommunikation bewirken eine unbestimmte Oberfläche, die – ganz im postmodernen Sinne – eine Vielzahl an Lesarten dieses durchaus sehenswerten Films zulässt.

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„Nipple Jesus“ – Theater Konstanz

 Nipple Jesus, Theater Konstanz, Nick Horby, Spiegelhalle (2)

„Sie erwarten von mir, dass ich Ihnen sage, dass ich Ihnen definiere: Was ist Kunst? Wenn ich es wüsste, würde ich es für mich behalten.“ (Pablo Picasso)

Nipple Jesus, Theater Konstanz, Nick Horby, Spiegelhalle (1)

Dave ist Nachtwächter, tätowiert, mit Backenbart, grobschlächtig, einer, der beim Rauswurf auch mal härter zulangt, als es unbedingt nötig wäre. Doch Dave ist eigentlich ein gutmütiger Typ, mit Frau und Kindern und Zukunftsängsten und allem was dazu gehört. Und als er eines abends während seiner Schicht beinahe abgestochen wird, reicht er seine Kündigung ein. Und da steht er jetzt, adrett gekleidet, die Schuhe wippend, nervös auf die Uhr blickend, sich räuspernd. Und der Blick geht in Richtung Publikum, die Lippen bewegen sich, dann zurück in die Ursprungspose. Doch irgendwann hat sich zuviel Gedankenmatsch aufgestaut und es bricht aus Dave heraus: 

Es ist Daves dritter Arbeitstag in der Galerie. Als Aufpasser. Als Museumswächter. Während seine Kollegen klassische Portraits oder moderne, aber harmlose Kunstgegenstände bewachen, wurde Dave als Bodyguard für ein außergewöhnliches Bild ausgewählt: Nipple Jesus – ein Jesusportrait bestehend aus unzähligen, aus Pornoheften ausgeschnittenen Brustwarzen.

 „Kann etwas schön sein, das aus Porno gemacht wurde?“ (Dave)

Nipple Jesus, Theater Konstanz, Nick Horby, Spiegelhalle (3)Das ist die Grundkonstellation der Kurzgeschichte „Nipple Jesus“ des Bestsellerautors Nick Hornby, der seine, zu leicht cholerischen Anfällen neigende Hauptfigur, in der Folge den gesamten Kunstbetrieb durchdenken lässt. Der fantastische Clou dabei: Dave ist kein Intellektueller, kein Hipster, kein Idealist – Dave ist Dave, ungebildet, wütend. Und Dave macht sich nicht aus Kunst, sie ist ihm scheißegal. Was also passiert, wenn ein solcher Typ plötzlich ein Strudel von Kunst- und Theologiediskussionen gerät. Wenn ein solcher Typ zum Zeuge, zum Chronist und Philosophen wird.

 „Nipple Jesus“ springt Dave regelrecht ins Gesicht, er packt ihn an der Elvismähne und lässt ihn nicht mehr los. Er wird sein Bild. Und dabei tun sich plötzlich Fragen auf: Was sehen wir? Was ist Kunst? Welche Rolle spielt Provokation? Muss Kunst provozieren? Wie wird etwas Kunst? Wie wird etwas wichtig? Was ist wichtig? Wo finden wir Jesus? Kann etwas schönes aus Porno entstehen? Hornbys Text ist eigentlich einfach, eine Reflexion in Alltagssprache (das Original quillt von ‚Fucks‘ nur so über), eine Fülle von Anekdoten – und doch ist da mehr, eine zweite Schicht, die nicht aufgesetzt ist, die funktioniert. Und die den Leser, bzw. Zuschauer automatisch zum reflektieren zwingt. Die dem Kunstbetrieb einen gesprungenen, kleinbürgerlichen Spiegel vorhält und dabei nichts und niemanden lächerlich macht, aber Lücken im System nachhaltig aufzeigt. Das macht „Nipple Jesus“ so fantastisch.

„Kunst ist das was übrig bleibt, nachdem alles an ihr bis ins letzte analysiert worden ist.“ (Martin Kessel)

Nipple Jesus, Theater Konstanz, Nick Horby, Spiegelhalle

Unter der Leitung von Regisseur Wolfgang Hagemann, der erstmals am See inszenierte, bringt das Theater Konstanz „Nipple Jesus“ auf die Bühne. Raphael Fülop mimt dabei den Dave und stemmt dabei die Mammutleistung, ein gesamtes Stück alleine zu agieren, einsam auf der Bühne zu stehen. Eine solch reduzierte Konstellation (inklusive Prosatext) könnte schnell zur erweiterten Lesung, zur Stand-Up-Comedy verkommen – tut sie aber nicht: „Nipple Jesus“ wird Theater, ist Theater. Und Text. Zum Greifen. Vor allem weil Fülop einen Dave entwirft, der nicht nur so aussieht, wie sich der Leser ihn vorstellt, sondern der genau so redet. Der über stumpfe Witze lacht und sich verhaspelt und dann plötzlich ohne Grund los schreit. Und der trotz der beinharten Schale, einen weichen, reflektierten Kern offenbart.

Gespielt wird im Foyer der Spiegelhalle, in kleinem Raum. Die Bühne ist reduziert, da ist ein Stuhl und ein Kader, in dem sich auf Video eine Zwiebel entschält. Daneben baut sich Dave auf und marschiert in der Folge, angetrieben von den eigenen Gedanken über jeden Quadratzentimeter der Bühne und dabei gelingt es Hornby, respektive Hagemann, respektive Fülop zunächst die unterhaltsamen Anekdoten lebhaft und witzig aufzuarbeiten und dann auch die ständig verzweigteren Problemkonstellation mit Dave durchzudeklinieren. Das macht unglaublichen Spaß und die 70 Minuten „Nipple Jesus“ gehen runter wie Öl. Das ist Satire, ‚Kunstgeschwafel‘ wie es sein sollte!

Video? Klick!: http://www.theaterkonstanz.de/tkn/index.html?lang=de&multimedia=NHzLpZeg7t,lnJ6IzdeIp96km56VlmtwlphOqdayXbGH7Iuq2Z6epJCIeIFohr2lla2M04au3aWXpI2Yl6OOpuc-.flv

Das Theater Konstanz spielt „Nipple Jesus“ am 14.03., am 18.04. und am 23.04. – Schaut euch das an!  Karten gibt unter 07531/ 900 150 oder per Mail: theaterkasse@stadt.konstanz.de

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Kendrick Lamar, Good Kid M.a.a.d. City, Interscope (Universal)

Eine Zeitbombe

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Die HipHop-Szene, das ist nicht neu, sucht ihren Messias, einen Aufspalter, der der neuen digitalen Welt endlich und vollends gerecht wird. Vielerlei Augen erblickten in Kendrick Lamar aus Compton genau dieses Potential. Sein Debüt Section80 war mehr als vielversprechend, die Vorschusslorbeeren indes, die im Vorfeld zu Good Kid M.a.a.d. City in Blogs und Magazinen ausgeschüttet wurden, hätten wohl jeden römischen Cäsar in die Knie gezwungen. Und ja, das Album greift ab der ersten Sekunde und funktioniert als Konzeptalbum, als Aneinanderreihung von Geschichten und Storys aus dem dunklen Herz der amerikanischen Straße. Kendrick Lamar ist ein Poet, der sich viel eher in die Tradition der großen Singer/Songwriter, irgendwo zwischen Dylan und Young einreiht, als ein bahnbrechendes HipHop-Album abzuliefern (das eine schließt das andere selbstredend nicht aus). In seiner Machart bleibt das Album größtenteils in beruhigten Gefilden, vermeidet allzu krasse Brüche und überraschende Effekte. So bleibt festzuhalten: Während die Vorab-Singles „Swimming Pools“ und „The Recipe“ sofort zünden, gleicht der Rest des Albums einer Zeitbombe.

Kaufempfehlung? Du kommst nicht dran vorbei!

 

Godspeed You! Black Emperor, „Allelujah! Don’t Bend! Ascend!“, Constellation (Cargo Records)

Gegen jede Regel

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Godspeed You! Black Emperor wollen mit Musik des 21. Jahrhunderts nichts zu tun haben. Die Band aus Kanada entzieht sich allen gängigen Regeln und Abläufen, allen Schemen und fixen Ideen. Vielleicht, so diskutiert man im Internet, ist das alles Kalkül, immerhin ist der kanadische 10er mittlerweile Vorreiter und Aushängeschild der gesamten Postrock-Szene. Vielleicht aber schafft sich das Postrock-Orchester genau dadurch eine endgültige, totale Freiheit. Fakt ist, dass „Allelujah! Don’t Bend! Ascend!das erste Godspeed (das ist einfacher) Album seit 10 Jahren ist. Ganze vier Songs beinhaltet das Album, zwei davon, „We Drift Like Worried Fire“ und „Mladic“, breiten sich über epische 20 Minuten aus, schichten Schichten übereinander. Streicher, Geräusche, Töne, Knacken, Jaulen. Die Stücke gleiten dahin, brechen aus, frieren ein und zerbersten in tausend Scherben. Die beiden anderen Songs, „Their Helicopters Sing“ und „Strung Like Lights…“, dauern schmale sechs Minuten – das ist Popformat für Godspeed. Und während des Hören sucht man verzweifelt nach passenden Bildern, das Resultat: Diese Band fährt Schaufelbagger im Porzellanladen, streicht mit Pinseln über Flugzeugturbinen.

Kaufempfehlung?Bitte anhören!

Biffy Clyro, „Opposites“, Warner Music International (Warner)

Der süße Ruf des Mainstream

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Als Musikfan verliert man von Zeit zu Zeit eine Lieblingsband. Nicht aus den Augen, sondern an die Seichtheit des Mainstreams. Ein Beispiel hierfür wären die Kings Of Leon, die über Jahre formidablen Blues Rock kredenzten und deren Rockballaden mittlerweile zu den Favoriten der DSDS-Castingteilnehmer zählen. Als Kandidat für ein ähnliches Schicksal hatte die Szene in den vergangenen Jahren Biffy Clyro ausgemacht. Denn das schottische Trio, gesegnet mit immensen Talent und Potential, hatte sich mit einer aberwitzigen Kombination aus Prog-Indie-Avantgarde und bombastischen Live-Auftritten eine überschaubare und treue Anhängerschaft und den Ruf einer Liebhaberband erspielt, ehe „Puzzle“ plötzlich eingängiger funktionierte und „Only Revolutions“ bereits zu großen Teilen dem süßen Ruf des stadionkompatiblen Mainstreamrock erlegen war. Mit „Opposites“ marschiert die Truppe den eingeschlagenen Weg nur konsequent weiter, schafft dabei aber den eleganten Spagat zwischen Eingängigkeit und Progressivität. Klar sind da Keyboard-Sounds, klar spielt da ab und an ein Orchester die erste Geige und klar wartet das Doppelalbum mit gefühlten 15 Radiohits auf – aber die Gesamtkomposition funktioniert und wirkt durch und durch authentisch: Das Schlagzeug pumpt marternd, die Gitarre sägt in prächtiger Prog-Grunge-Manier und Simon Neils Stimme beschwört nuancierte Hymnen. Und so rotiert eine breitschultrige Rockscheibe, die wohl selbst Dave Grohl die Neidesblässe auf die Backen zaubern könnte.

Kaufempfehlung? Für Fans: Na Klar! Für Einsteiger: Lieber Puzzle!

 

Bad Religion, „True North“, Epitaph Europe (Indigo)

Die alte Leier

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Es gibt ein Problem mit dem sich jede Punkband, die länger fünf Jahre besteht früher oder später auseinander setzen muss. Mit zunehmenden Alter ändert sich der Zugriff auf das Leben, die politischen Ansichten und meist auch das musikalische Grundverständnis. Aus diesem Grund entwickelte Joe Strummer The Clash zu einer aufregenden Blues-Rock-Indieband und deshalb warten Green Day Jahr für Jahr mit immer neuen und stetig fragwürdiger werdenden Konzepten und Konzeptalben auf. Bad Religion indes haben ihren ganz eigenen Ansatz zur Lösung der Misere gefunden: Sie ignorieren sie einfach komplett. Die kalifornische Punkkombo besteht nun seit nunmehr 30 Jahren und hat in diesem Zeitraum circa 20 Mal die selbe Scheibe veröffentlicht. Die Blaupause: Ein Haufen Zweiminüter mit politischer Aussage, Ohrwurm-Riffs und choralen Mitgröhlrefrain. Herrlich! Auch „True North“ gestaltet sich nur bedingt anders – für einige Reizpunkte sorgt aber vor allem die Produktion: Produzent Joe Baresi ist eine Legenden des Prog- und Stonerrock und zeichnet sich normalerweise für die Aufnahmen von Bands wie Tool oder Kyuss aus. Er verleiht der alten Bad Religion-Leier eine unberechenbare Brise. So kommt „The Past Is Dead“ zunächst ungewohnt düster daher und erinnert beinahe ein wenig an eine Tool-Light-Version, ehe der Song wieder im Bad Religion-typischen Highspeed lossprintet. „Crisis Time“ folgt einen ähnlichen Aufbau, überrascht aber mit Gesangsvarianten – Ohrwurm inklusive. Und ja: Das macht schon Spaß!

Kaufempfehlung? Ach, entweder „True North“ oder irgendeine andere Bad Religion. Die Unterschiede sind peripher!

Jake Bugg, „Jake Bugg“, Mercury (Universal)

 Stadion und Lagerfeuer

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Es gibt wahrlich einfachere Aufgaben für einen noch nicht mal volljährigen Singer/Songwriter als bei einem Noel Gallagher-Konzert als Voract aufzuspielen. Denn die Fans der Gebrüder Gallagher und deren ehemaliger Formation Oasis ticken zu großen Teilen ähnlich wie ihre Idole: Sie dulden keine anderen Götter (respektive Musiker) neben Oasis. Jake Bugg war das egal, mit dem Selbstvertrauen der Nottinghamer Arbeiterklasse stellte sich der 1994 geborene Musiker vergangenes Jahr den Britpop-Fans und bekehrte die Massen. Ende Januar erscheint Jake Buggs Debüt (das auf der Insel übrigens spielerisch Platz 1 erklomm) endlich auch auf dem deutschen Markt. Jake Buggs Stimme, das liegt auf der Zunge, ist seine größte Waffe. Ein dylaneskes Reibeisen, inklusive Gallagher-Nöligkeit, die sowohl zum Lagerfeuer, in den Ghettoblaster oder das Festivalstadion passt. Gleich die ersten beiden Songs des Albums stellen die eindeutige Wahlverwandschaft zu den großen Vorbildern explizit heraus: „Lightning Bolt“ könnte eine klassische Komposition des jungen, aufmüpfigen Dylan sein: Schrammelgitarre, Highspeed-Strophe, knackiger Ausbruch und ein paar Sekunden Sologejamme. „Two Fingers“ indes ist langsamer, epischer, eingängiger, britischer, arroganter. Eine aufregende Mixtur, die vor allem deshalb Spaß macht, weil die Produktion nichts verschönert und übermalt: Die Aufnahmen sind dreckig, die Kompositionen Jake Buggs teilweise sehr roh – kein Plastik, sondern zitatreiche Musikgeschichte in Proberaumatmosphäre.

Kaufempfehlung? Na klar, ein bisschen Taschengeldaufbesserung für den Herrn Bugg sollte schon drin sein!

Universal New Order, Lost Sirens, Warner Bros

Gemischte Gefühle

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„Lost Sirens“, soviel steht fest, ist definitiv ein Album der gemischten Gefühle: „Das muss doch nicht sein. Reine Geldmacherei?“, motzt der Nörgler im Hörer, mit Blick auf den Entstehungsprozess des Albums. Denn die verlorenen Lieder stammen allesamt aus dem langwierigen Schaffensprozess zur letzten New Order-Scheibe „Waiting for the Siren‘s Call“. Reste also, die es damals nicht auf das Album geschafft haben (die aber, will man den offiziellen Aussagen trauen zusammen mit weiteren Songs schon immer als Albummaterial angesehen worden waren). „Ein einzigartiges Zeitdokument, die vielleicht letzten richtigen, gewichtigen Aufnahmen aus dem New Order-Kosmos.“, antwortet der melancholische Musikfan im Hörer, angesichts der Geschichte der Band, die eben nach der Veröffentlichung von „Waiting for the Siren‘s Call“ zerbrach und nie wieder in der Originalbesetzung zusammengefunden hat. All das Vorabwissen verstellt einen objektiven Zugang zu „Lost Sirens“. Das achtteilige Album wirkt zu Beginn recht glatt und beinahe übertrieben poppig: Melancholisches Keyboardgeklimper, angenehme Stimmung, einfache, wenn auch sehr schöne Radiomusik. Der zweite Teil der Scheibe rückt das Gesamtgebilde in einen etwas anderen Rahmen: „Hellbent“, der aufregendste Song der Scheibe, zitiert ein wenig Bluesrock und ein bisschen Britpop, ehe beides in klassisch, elektronischen New Order Kompositionen auseinanderbröselt. „Shake It Up“ im Anschluss überrascht mit 80er Jahre Disko-Mentalität.

Kaufempfehlung? Naja. Hm.

Nick Cave And The Bad Seeds, Push The Sky Away, Bad Seed Ltd. (rough trade)

Es brennt auf der Haut

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Als „Push The Sky Away“ zu rotieren beginnt, ist das ein bisschen so, wie wenn man bei einem echten Sauwetter endlich zu Hause ankommt. Da ist eine vertraute Wärme, ein wohliges Gefühl – abseits allen Kitsches. Die Platte beginnt mit einem kaum wahrzunehmenden Paukenschlag: Eine komplett verrauschte, eletrifizierte Pianospur ebnet den Weg für Nick Cave Stimme. Dessen dunkel-düsteres Organ ist mit Hall verstärkt und wird bald von Background-Sängern unterstützt. Dann sind da Fetzen von Streicherarrangements, ein bisschen Glockenspiel. Und das alles legt sich übereinander, ehe der Opener in wenigen, sich in Spiralen wiederholenden Wörtern ausklingt: „We Know Who U R“. Ein großartiger, weil aufs nötigste, aufs elementarste reduzierter Beginn und als Hörer kann man sich den folgenden acht Kompositionen nicht mehr entziehen.

Die neue Nick Cave-Platte klingt alt. Als hätte sie Minimum 20 Jahre auf dem Buckel. Sowohl physisch (es rauscht, scheppert und kratzt), als auch psychisch, historisch: Fast so, als hätte man eine alte Nick Cave Version aufgetaut: Vor all den Metamorphosen, die der einst dürre australische Teenager nach seiner Reise nach Europa durch- und mitgemacht hat. Als aus dem „Birthday-Party“-Post-Punker ein melancholischer Geschichtenerzähler wurde, als er sich in all seinen tragischen Balladen verfing und sich dann mit seinem Anti-Projekt Grinderman an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zog. Caves offizielles Statement lautet: „Diese Platte fühlt sich irgendwie neu an, aber neu in einem ‚old school‘ Sinn.“ Dabei passt es ins Bild, dass der Altmeister seinen alten Gitarristen Blixa Bargeld zu den Bad Seeds zurückholen wollte – und obwohl das nicht klappte geht das Soundexperiment auf. Ein fantastisches Beispiel ist „Water´s Edge“, der ungefähr alles beinhaltet, was den Nick Cave der 80er ausgemacht hat: Eine destruktive Komposition, abgehackte Streicher- und Pianomomente, Verschiebungen und diese unheilschwangere Stimme, die flüstert, schleicht, streichelt, schreit, wegrennt, weint. Und einen doppelbödigen, tragischen, fast absurden Text.

Fünf Jahre Zeit hat sich Nick Cave für diese neun Songs genommen. Fünf Jahre, in denen er, mit Ausnahme seiner Touren, jeden Morgen zur gleichen Zeit aufstand, sich in seine Büro mit Seeblick in Brighton setzte und akribisch arbeitete, komponierte, schrieb und das Internet nach Absurditäten durchforstete. „Push The Sky Away“, aufgenommen in einem Herrenhaus in Südfrankreich, ist also die Quintessenz dieser fast besessenen Arbeiteinstellung. Die Platte ist so dicht, dass sie ihren Rezipienten kaum Platz zum atmen lässt, dass sie auf der Haut und in den Gehörgängen brennt. Und dass sind schlussendlich die beste Nick Cave And The Bad Seeds Veröffentlichung seit „No More Shall We Part“ markiert.

Kaufalbum? Das ist jetzt ne rhetorische Frage, oder?

Tocotronic, Wie Wir Leben Wollen, Vertigo

Reflexion der Zeitlichkeit

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20 Jahren ist es nunmehr her, dass sich Tocotronic urplötzlich aus den untersten Schichten der Hamburger Musikszene freischaufelten. Das Publikum reagierte befremdet und irritiert: Das damalige Trio schrammelte in besetzten Häusern, trug aber Seitenscheitel und benutzte das Vokabular der Geisteswissenschaft und sang doch von Untergang, linker Bewegung und Umsturz. Widerspruch reihte sich an Widerspruch.

War Wut bis dato vor allen Dingen in der Dahingerotztheit, dem „Zwei Akkorde, einstecken und los“ des Punkrock manifestiert, erweiterte Tocotronic das Spektrum um einen intellektuellen, ironischen, poppigen Umgang mit der Thematik und wurde zum elementaren Bestandteil des Hamburger Schule, jener Bandbewegung, die den deutschsprachigen Indie bis heute prägt. Wunderbare Wut und prachtvoller Protest. Das Feuilleton liebte die Band, der Mainstream verlieh ihnen den VIVA-Comet – doch Tocotronic verschloss sich: Der Comet wurde abgelehnt und ihre durchschlagskräftigen eingängigen Protestsongs um Streicher-Arrangements und elektronisch-introvertierte Sequenzen erweitert, während die Zeiträume zwischen den Albumveröffentlichungen stetig länger wurden. Mit der legendären Berlin-Trilogie verankerte sich Tocotronic dann endgültig als beißender, unfassbarer und doppelbödiger Spiegel der deutschsprachigen Popmusik. Mit „Wie Wir Leben Wollen“ schließt sich nun der Kreis der Bandgeschichte – und Tocotronic wäre nicht Tocotronic, wenn dieses Jubiläum nicht performativ und zitatreich gestaltet werden würde.

Der fantastische Opener „Im Keller“ streift sogleich die unzähligen Sphären des tocotronischen Kosmos und zitiert all die Kontexte die sich über die Jahre diskursiv um die Band angeordnet haben: Das Lied beginnt mit wenig rhythmischen, vor sich hin plänkelnden Gitarrengezupfe, welches dann spielerisch in einem „HeyHeyHey“-Refrain mündet. Das ist beinahe aufreizend poppig, ehe Dirk von Lowtzoow schwermütige ironische Lyrics in den Song hineinwehen und die eigenen Zeitlichkeit vor-und rückreflektieren: „Ich hab mich nie bemüht/ Und jetzt bin ich verblüht/ Im Keller wartet schon/ die Version, die mich dann ersetzt“. Am Ende sprengt ein Chormoment das bis dahin glasklare Poperlebnis. Es zeigt sich: Tocotronic sind mittlerweile Mitvierziger und entsprechend weniger parolen-geschwängert ist die neue Scheibe, wenn auch nicht weniger politisch: „Das Album ist trotzdem die Antithese zum herrschenden Denk-Mainstream…“, meinte von Lowtzow unlängst in einem DPA-Interview. Im Song „Exil“ bringt er die gesamte Konzeption mit einem einzigen Satzframent auf den Punkt: „Exil vom Mailstream!“, das ist gleichermaßen musikhistorische Referenz (auf die legendäre Rolling Stones-LP „Exil On Main Street“ – Sowohl als Wortspiel, wie auch in der musikalischen Komposition.), wie textliches Programm (Motiv: Der digitalen Welt entkommen!). Passend dazu klingt die Platte auf Soundebene absolut retro und schmeckt intensiv nach den 70er Jahren: Es rauscht und rattert, man wartet beinahe auf den Sprung in der Schallplatte. Und weil das Quartett darüber hinaus mit ihrem „Lied der Jugend“ ein regelrechtes Elektrogewitter entlädt und dazu so manche große Rockhymne entblättern, entsteht ein Sound, eine Platte, die dieses Mal nicht nur den Pop der Weltgeschichte und die deutsche Sprache im Kreuz zitiert, sondern darüber hinaus auch die eigene Bandgeschichte erbarmungslos durchkurbelt. Der Hörer muss dies erst einmal entwirren, Schichten freilegen, ehe klar wird, was hier vorliegt: Ein ganz großer Popwurf.

Kaufempfehlung? Andrea Berg darf niemals siegen!

 

Soundgarden, King Animal, Universal

Das Tier beißt zu

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Vor nunmehr 16 Jahren trugen Chris Cornell und seine Bandkollegen das Projekt Soundgarden zu Grabe. Zwei Jahre ist es indes her, dass sich die Bandmitglieder in den Augen vieler Fans als Grabschänder betätigten: Zwei lasche Singles und recht uninspirierte Liveauftritte schürten alsbald die Meinung, dass sich Soundgarden mal lieber im Rock´N´Roll Altersheim auf ihren Lorbeeren ausgeruht hätten. Und jetzt? King Animal! Das königliche Tier starrt uns bereits vom Plattencover heraus an, ein Haufen alter Knochen, der doch bedrohlich wirkt. Und ja: Soundgarden beißen noch einmal zu, das Album ist die langersehnte, die wirkliche Wiederauferstehung. Der Opener „Been Away To Long“ fungiert als Eisbrecher: Das Stück ist purer Rock´N`Roll und startet mit einem übermächtigen Riff, ehe Cornell sich verbissen durch das Stück kaut und ein kurzer Chor in den Song hineinschreit, der am Ende Soundgarden-typisch auseinander bricht. Yeah!Willkommen zurück. Überhaupt vermischt das Album durchgehend Soundgarden-typische Elemente mit Zitaten der jüngeren Rock´N´Roll-Geschichte: „Blood On The Valley Floor“ ist ein tonnenschwerer, psychodelischer Stonerrock-Brocken, „Rowing“ indes entwickelt sich zur ultra-smoothe Blues-Nummer. So reiht sich King Animal verspätet aber nahtlos in die Reihe der großen Soundgarden-Scheiben ein. Und das ist eigentlich Kompliment genug.

Kaufempfehlung: Jo!

Green Day, Tré, Reprise Records (Warner)

Ab ins Mittelmaß

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Verstehe einmal einer die Rockstars dieser Welt: Da veröffentlichen Green Day, ihres Zeichens die erfolgreichste Punk-Rock-Kombi des gesamten amerikanischen Kontinents, im gesamten neuen Jahrtausend gerade einmal drei Alben, nur um sich dann im Jahre 2012 als echte Workaholics zu präsentieren und den Markt mit drei Platten in einem Jahr zu fluten. Kann das gut gehen? Um es kurz zu machen: Nein! „Uno“, „Dos“ und „Tré“ – so stinklangweilig wie die Betitelung der Platten ist auch die Idee, mit jeder Scheibe einer Sternstunde der eigenen Plattengeschichte zu huldigen. Während „Uno“ noch ziemlich erfrischend daherkam, enttäuschte „Dos“ auf ganzer Linie – „Tré“ indes schafft es, den endgültigen Green-Day-Overkill gerade noch so abzuwenden. Das Album orientiert sich am übererfolgreichen „American Idiot“ und ist mit „Brutal Love“ und „The Forgotten“ von zwei fürchterlichen Schnulzen eingeklammert. Der Mittelteil der Scheibe macht aber durchaus Spaß. Der Sechs-Minuter „Dirty Rotten Basterds“ prescht ordentlich nach vorne, spielt mit Tempo und Soli und krallt sich hartnäckig in der Ohrläppchenregion fest. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Die besten Songs aus „Uno“, „Dos“ und „Tré“ wären vermutlich eine ordentliche Scheibe geworden. So aber driftet Green Day ins hintere Mittelfeld der Rock-’n‘-Roll-Liga.

Kaufempfehlung? Finger weg!

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Berlinale Special – Teil 1

 

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Ein Text von Judith Schuck (Klick!)
 

Pardé (Closed Curtains), Iran 2013, R.: Jafar Panahi, Kamboziya Partovi, 106´, 63. Berlinale Wettbewerb.

Das Meer hinter Gittern. Iran. Ein einsames Haus an der Küste, das schmiedeeiserne Tor versperrt die freie Sicht zum Meer. Aus einem Auto steigt ein Mann um die 60 mit Koffer und einem Pack Wasserflaschen, geht ins Haus. Er öffnet eine große schwarze Tasche. Aus dieser springt ein Hund, erleichtert, aus der dunklen, stickigen Gefangenschaft befreit zu sein. Man merkt gleich: die Beziehung zwischen Hund und Herrchen ist von besonderer Intensität; der Mann, Drehbuchautor, gespielt von und als sich selbst Co-Regisseur Kamboziya Partovi verriegelt sich mit seinem Hund im Haus, in dem er alle Fenster mit dicken schwarzen Vorhängen abdichtet und erschafft sich so eine Enklave völlig abgelöst von der Aussenwelt.

Der Grund? Hunde werden im Islam als unrein angesehen und verstümmelt, eine Information aus den Fernsehnachrichten. Bis hierhin scheint dem Zuschauer noch alles einleuchtend. Als bald ein junger Mann und eine Frau (Maryam Moghadam) nachts ins Haus eindringen, ist Partovi verwirrt. Hatte er die Tür nicht verriegelt, nachdem er das Hundeklo geleert hatte? Wer sind diese jungen Menschen und was wollen sie bei ihm? Werden sie ihn und seinen treuen Gefährten verraten? Die Story wird immer vertrackter und vielschichtiger. Verfolgung und Versteckspiel paaren sich mit immer neu aufgeworfenen Fragen. Menschen kommen aus heiterem Himmel und verschwinden, gehen mit suizidaler Absicht ins Meer und tauchen nachher wieder in der Villa auf, so dass man bald nur noch an Hand der vorbereiteten Teetassen erahnen kann, wie viele Personen sich aktuell im Haus befinden müssten. Was ist denn nun real bzw. wie viele Möglichkeiten von Realitäten werden hier durchgespielt? Wo ist die Gefahr? drinnen? Ins Haus wurde eingebrochen. Oder draußen? Dort suchen die Verfolgungstrupps nach den Flüchtigen. Gibt es überhaupt Sicherheit? Wem kann man noch vertrauen?

Das gesellschaftskritische Drama mit Film Noir-Einschüssen in Metafilmmanier spielt mit vielfältigen intermedialen Verweisstrategien: Spiel im Spiel, wenn Patovi eine Szenerie nachspielt, um zu verstehen, wie Melika, die junge Frau, und ihr Bruder ins Haus gekommen sein müssen. Videoaufnahmen per Telefon. Regisseur Jafar Panahi stößt dazu und spielt sich selbst. Die an den Wänden hängenden Filmplakate seiner großen Filme wie sein Debutfilm “Der weiße Ballon“, mit dem er in Cannes 1995 die Goldenen Palme gewann; mit „Der Spiegel“ holte er sich in Locarno einen Preis sowie mit „Der Kreis“, der 2000 einen Goldenen Löwen in Venedig bekam. Diese Autoreflexivität wird nicht nur mittels der Plakate, sondern zudem durch im Spiegelbild abgefilmte Szenen symbolisiert. Totale wechseln sich mit Halbtotalen um einen Überblick über die Situation zu geben, einige Nahaufnahmen ermöglichen einen kurzen Blick auf die Charaktere und vor allem auf Boy, den Hund des Drehbuchautors, der die repräsentative Rolle eines unschuldig betroffenen verkörpert. Am Ende des Films verlassen alle wieder den Schauplatz Haus, die gefährliche Periode scheint vorüber. Nur Melika, die einzige Frau, bleibt allein im Haus zurück und wird sinnbildlich hinterm Eisengitter mit Blick aufs Meer eingeschlossen.

 

Epilog: Regisseur Panahi ist im eigenen Land gefangen und darf keine Film drehen. „Pardé“ ist die Selbstreflexion seiner eigenen, für einen Künstler unerträglichen, Situation.

 

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