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Archive for the ‘Literatur’ Category

Normalerweise spricht man bei einer Vernissage über einen Anfang. Über das Beginnen und Starten. Oder aber: über das Ende, das Finale eines jetzt eingefrorenen Prozesses, der sich nun, in sich abgeschlossen, präsentiert und zur Schau stellt. Aber heute soll’s nicht ums Anfangen gehen. Und nicht ums Enden. Sondern um das Dazwischen.

Um konkrete Kerben, um die Risse im Asphalt. Um offenstehende Zahnlücken, die uns breitgrinsend anlächeln.

„I know i was born and i know i will die / the inbetween is mine“, sang einst Pearl Jam Frontmann Eddie Vedder, frei übersetzt: ich weiß, dass ich geboren wurde und ich weiß, dass ich sterben werden, aber das dazwischen gehört mir.

Trotzdem sprechen wir viel zu selten über die Zwischenräume, weil sie uns wahrscheinlich nicht glamourös und dramatisch genug sind. Ein Beginn steckt voller brachliegender Energie, die sogleich in alle Richtungen ausbersten wird – und das Ende fasziniert uns, weil es eben final ist, weil es den Schlusspunkt und die Pointen setzt. Der Anfang entzündet die Erwartungen, das Ende bündelt und (im Fall von Kunst) verrätselt sie. Das Dazwischen aber, naja, da kann man auch darüber hinweg sehen.

Jeder Hollywood-Blockbuster setzt alles daran, dass es besonders zu Beginn und kurz vorm Abspann so richtig scheppert, weil das die Momente sind, in denen die Aufmerksamkeitsspanne am höchsten ist. Der britischen Sprachwissenschaftler Graham Rawlinson entdeckte indes bereits 1976 an der Universität von Nottingham, dass die Reihenfolge der Buchstaben in einem Wort keine besonders große Rolle spielt, solange der erste und der letzte Letter fest verankert stehen. Das Dazwischen aber lässt sich willkürlich durcheinander werfen, ohne dass es für das geübte Gehirn ein Problem darstellen würde.

Warum also überhaupt über Zwischenräume sprechen?

Die Antwort darauf ist einfach: Anfang und Ende sind berechenbar. Langweilig. Tausendfach gehört, besprochen, durchdacht und erlebt. Aber das Dazwischen, das verformte, die Randnotizen und Fußnoten, die bleiben oft verborgen und verschluckt.  Aber wenn sie hier in einer der Wohnungen anfangen den Putz abzukratzen, dann purzeln ihnen die Begriffe nur so entgegen: Überschichtung, Sedimente, Segmentierung, fiktionale Archäologie, Ethnogeologie und Ethnopoesie. Soll heißen: Hier, im Dazwischen, da spielt sich das wahre, greifbare, pulsierende und pumpende Leben ab … und überhaupt: wenn wir das Dazwischen in seine Konnotationsebenen zerlegen, dann landen wir ganz schnell bei dazwischenfunken. Eingreifen. Sich bemerkbar machen.

In der Informatik, das spült mir Wikipedia in die Recherche, steht der Zwischenraum für nicht dargestellte Zeichen. Ein Leerraum. Whitespace. Und von hier aus ist es nicht mehr besonders weit zum weißen Rauschen – sowieso ein Lieblingsbegriff, weil er immer wieder auftaucht und immer wieder passt.  Sie wissen schon: Alles, aber auch nichts. Aber gleichzeitig. Auch hier, in der Romeiasstraße, galt es, den Whitespace mit Bedeutung zu füllen und den Überschuss an Informationen zu filtern, bis sich wieder Kontraste und Konturen abzeichneten. Arte Romeais ist eine Umcodierung, eine Befreiung von Zeichen aus ihrem festen und vielleicht festgefahrenen Rahmen.

Der Sänger der Einstürzenden Neubauten, Blixa Bargeld, bezeichnete Architektur einst als Geiselnahme. Weil sie nach ganz klaren Regeln funktioniert und funktionieren muss.

Parkourläufer, Freerunner, Fassadenkletterer und Graffitikünstler hacken Architektur –

und hier, in der Kunst, da sind wir die Verhandlungsführer und schlussendliche Befreier. Wir stürzen uns ins weiße Rauschen und schwimmen und tauchen und spritzen damit herum wie Bodensee-Badegäste an einem heißen Sommertag. Voller Lust an der Bedeutung und der Nicht-Bedeutung.

Und yes, ja: wir sind Nomaden. Alle Künstler sind Nomaden. Das waren wir schon immer, also im Kopf. Zelte aufbauen, wirken, bauen, denken, malen, schreiben, einreissen, zereissen, zeichnen, formen, hämmern, klopfen, klatschen. Zelte abbauen. Weiterziehen. Und von vorne. Enden. Anfangen. Ende! Neu! einstürzENDE NEUbauten (=passt ja). Und dazwischen? Na, Prozess, was auch sonst! Aber heute, da ist das Nomadentum durchdringender und präsenter geworden. Kunst, die früher endlos schien und stetig nach Unsterblichkeit strebte, agiert heute anders. Schneller, vitaler, energetischer. Gieriger! Die Frage nach Raum wird immer wichtiger. Was aber ist Raum? Für uns in Europa gilt es als Standard und Grundrecht, dass jeder Mensch seinen Raum besitzt. Einen Rückzugsort, an dem er alleine sein kann und darf, abseits aller Kommunikationsstränge und Dialogschlingen.

In der Mongolei, dort wo es die letzten wirklichen Nomaden gibt, spielt Raum keine Rolle. Er ist sowieso überall. Die ewige Weite der Wüste Gobi erstreckt sich in alle Richtungen, soweit das Auge reicht. Und 5, 10, 15 Menschen leben auf engsten Raum in der Jurte, die allzeit verschiebbar ist. Im Umkehrschluss: Raum kann alles sein. Du musst dich nur auf ihn einlassen und ihn für dich definieren, umschreiben und einehmen.

Und natürlich müssen wir über Transformation sprechen. Über Wandlungen und Verwandlungen. Sie wissen: hässliche Entlein und schöne Schwäne. Und viel interessanter: anders herum. Wenn das schneeweiße Gefieder des Schwanes seinen Glanz verliert und plötzlich wieder Graustufen aufweist, das Entlein aber plötzlich funky dasteht – aber davon hatten wir es ja schon. Meistens bedeutet Transformation ohnehin Zerfall! Das ist abhängig vom Blickwinkel. Wenn sich die Natur zurückholt, was ihr sowieso gehört. Und in Metamorphose steckt nicht umsonst das Meta – jede Umformung ist auch ein rückgewandter, poetologischer oder mindestens poetischer Kommentar über die Umformer und über uns selbst. Ich weiss leider nicht, wann Sie sich das letzte Mal verwandelt haben, aber ich kann ihnen nur raten: tun sie es schnellstmöglich wieder, den im Abstreifen des Ichs und Übersteifen eines Anderen liegt ein faszinierender Lustgewinn. Der mittlerweile tausendfach ausgelutschte Internetrohrkrepierer: „Ist das kunst oder kann das weg?“ scheint hier jedenfalls absolut obsolet: Ja, es ist Kunst. Und ja: es kommt weg.

Genau das ist doch das Schöne und Faszinierende, das uns magnetisch in die Zwischenräume zieht. All diese Vorgänge trägt Arte Romeias in seiner DNA und wir alle haben heute das Glück, dass wir wie Molekularforscher durch die Blutbahnen dieses Projektes segeln können. Lasst euch von nichts aufhalten. Von nichts und niemandem. Diskutiert und streitet. Über die Kunst, und all die Rattenschwänze, die sie hinter sich herzieht! Lasst euch euphorisieren und nicht lang langweilen. Ein Hochfest der Vergänglichkeit! Werdet Teil von Arte Romeias!

Werdet Arte! Werdet Romeias!

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Theater Konstanz/ Nanzikambe Arts – „The Story Of The Tiger“

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Die Bestie schreit und kreischt. Die Bestie reißt. Die Bestie frisst. Die Bestie säuft. Und die Bestie kriegt uns alle. Die Bestie geht uns alle an.

the story of the tiger, theater konstanz, afrikanisches theater, werkstatt, malawi, kooperation, grenzen, tiger, schauspieler, inszenierung, krieg, proteste, fantasie, pans labyrinth (1)Und plötzlich befindet sich der Zuschauer inmitten eines politischen Aufstandes. Massen von Demonstranten ziehen schreiend durch Häuserschluchten. „He must go!“ Es scheint ein friedlicher Protest, ein ruhiges Aufbäumen. Dann aber bricht die Hölle los. Schüsse pfeifen durch die Gegend, schlagen in erst in Häuserwände, dann in menschliches Fleisch. Dem namenlosen Erzähler wir der der Oberschenkel durchschossen. In Panik flüchtet er aus der Stadt, springt in einen Fluss und schleppt sich mit letzter Kraft in eine Höhle auf der anderen Seite des Gewässers. Dann der Schock: Die Höhle ist über und über mit Knochen belegt, ein wahrer Friedhof. Eine Vorhölle. Und dann hört er sie. Die Bestie. In der Höhle haus ein weiblicher Tiger mit Sohn und das ausgewachseneRaubtier trottet nun auf den Erzähler los, öffnet seinen tödlichen Schlund und…schleckt seine Wunden. Der Erzähler, gerade noch in Todesangst, beruhigt sich langsam und wird in der Folge zum vollwertigen Familienmitglied. Er trinkt die Milch der Tigerin. Er spielt mit dem Kleinen. Er kredenzt den beiden Tieren meisterlich zubereitetes Fleisch. Frieden. Familie. Eierkuchen.

Dario Fos Ein-Mann-Stück „The Story Of The Tiger“ wurde von Thoko Kapiri mit Geoffrey Mbene in der Hauptrolle inszeniert. Beide Künstler arbeiten am malawischen Theater Nanzikambe Arts, das mit dem Theater Konstanz eine mittlerweile dreijährige, intensive Kooperation verbindet. Eine Kooperation, die Grenzen aufbrechen sollte und Gemeinsamkeiten und Unterschiede innerhalb der europäischen und afrikanischen Theaterkultur aufzeigen und die Grundlage für Annäherungen und Adaptionen schaffen sollte. Mbenes fulminante Leistung packt das im Handumdrehen.

story of the tiger, theater konstanz, afrika, theater, malawi, politik (6)Innerhalb von Sekunden gelingt es dem afrikanischen Schauspieler mit spärlichen Blicken, Geräuschen und Bewegungen, sein Publikum aus der, nur mit einen Holzschnipseln verzierten Werkstatt, direkt in seine Heimat zu verfrachten. Zunächst in Schreckensszenerie des Krieges, dann in die Höhle des Tigers. Mbene spielt dabei anders, als wir es von europäischen Schauspielern gewohnt sind. Er schreckt zu keiner Sekunde vor großen Gesten zurück. Er springt, tanzt, kreischt, johlt, fuchtelt, wedelt, spuckt, fällt, kracht und jodelt. Pantomime. Ausdruckstanz. So wird Mbene gleichermaßen zum Verwundeten, zum Tiger, zum Politiker, aber auch zu den Massen der Demonstranten, zu einem Heer chinesischer Soldaten, zu lästernden Dorfbewohnern. Die Rolle, die Figur, der Schauspieler ist absolut hybrid. Er ist das Stück. Hier gibt es keine Identifikation, nur eine lückenlose Adaption der erzählten Welt. Mbene ist die Matrix, die sich ständig aufs Neue zusammensetzt – und die selbstredend auch auf die Vervollständigung durch die Fantasie der Zuschauer angewiesen wird. So entsteht eine ganz eigene, ungewöhnliche Spielart des Theaters: Ein Traumatorium, eine Anleitung zur Fantasie, eine Aufforderung zu großen Gesten, zum Nachdenken, zum Durchdrehen, zum Unfassbaren.

Denn „The Story Of The Tiger“ wird nach bitteren, traurigen Auftakt zunehmends fiktional, absurd. Ein Märchen, ein fantastisches Hirngespinst – und erinnert deshalb ist seiner Konzeption an den Guillermo Del Toros wundervollen Fantasyfilm „Pans Labyrinth“. Dort flüchtet sich die zwölfjährige Ofelia angesichts der Schrecken des spanischen Bürgerkrieges in eine märchenhafte Zauberwelt. Fantasie besiegt Krieg. Zumindest im Kopf. In der Geschichte des Tigers ist es indes kein Pan, sondern eben besagter Tiger, der dem Verwundeten eine neue Welt eröffnet. Eine surreale, friedliche, imaginäre Ersatzwelt, die sich eindeutig gegen die kalten, tödlichen, erdrückenden Realität des wahren Lebens absetzt. Die Höhle des Löwens wird zum Rückzugsort, zum Hort der Fantasie.

the story of the tiger, theater konstanz, afrikanisches theater, werkstatt, malawi, kooperation, grenzen, tiger, schauspieler, inszenierung, krieg, proteste, fantasie, pans labyrinth (2)Dabei knüpft Dario Fos Text direkt an historische Ereignisse an: 2011 war der malawische Professor Blessings Chisinga verhaftet worden, nachdem er die Verhältnisse in Malawi bezüglich Kraftstoff-Versorgung und Finanzierung angeprangert und in Bezug zu den Ursachen des Arabischen Frühlings gesetzt hatte. Polizeipräsident Peter Mukhito sah in Chisingas Aussagen eine Provokation und ein Aufruf zu gewaltsamen Widerstand und ließ den Professor festnehmen. Als es in der Folge zu Demonstrationen und Protesten gegen Mukhitos willkürliches Verhalten kam, wurde ebendieser vom (demokratischen gewählten) malawischen Staatsoberhaupt Bingu wa Mutharika in Schutz genommen. Darauf hin eskalierte die Situation und Massen (die jetzt nicht mehr ausschließlich aus dem Universitäts Umfeld stammten) gingen auf die Straße. Ihr Credo: „Wir werden die Arroganz und die Straflosigkeit der Exekutive (gemeint ist die Polizei) nicht dulden. Das Einzige, was wir verlangen, ist eine Garantie unserer Sicherheit. Falls wir aber dadurch, dass wir zu unseren Prinzipien stehen, zu Opfern gemacht werden, so sind wir bereit.“ Und leider gab es Opfer. Die überforderte Polizei feuert willkürlich auf die Demonstranten, am Ende lassen mindestens 18 Menschen ihr Leben. Kinder. Frauen.

story of the tiger, theater konstanz, afrika, theater, malawi, politik (1)He must go. He must go. He must go.“ Immer wieder wiederholt die namenlose Hauptfigur diesen Satz zu Beginn und am Ende des Stückes. „He“, dass wird erst im Kontext deutlich, das ist Mutharika, der die Demokratie in Malawi ad absurdum führte. Dessen Exekutive das Bein durchschoss und unseren Helden ins Exil, in die Höhle des Löwen zwingt. Am Ende kehrt er in die Welt der Menschen zurück. Ein Geist. Ein Zombie. Die beiden Tiger folgen ihm und werden zur mystischen Waffe gegen das brutale Regime. Immer wieder schlagen sie die gewaltbereiten Polizisten in die Flucht – bis einmal mehr die Politik einschreitet und den Tiger, die Fantasie, die Ausflucht als illegal markiert. Aus der Traum. So gleitet das Stück durch die Hintertür aus dem warmen Fantastischen wieder ins kalte Reale. Ein Schlag ins Gesicht. Am Ende die künstlerische Selbstreflektion innerhalb der politischen Aufarbeitung: „In Malawi, when we do protest theatre, we end up here!“ Und „Here“ ist Dunkelheit. Der Keller.Die Hölle. Der Tod.Das Ende. Bestien sind nicht immer Raubtiere.

Alle Bilder aus dem Stück selbst stammen aus dem wunderbaren Flickrstream von Philipp Hamedl (KLICK! Es lohnt sich: http://www.flickr.com/photos/philipphamedl/sets/72157629893639910/). Das Copyright und alle Rechte an den Bildern bleiben vollständig bei ihm.

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Theater Konstanz – „Werther“

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Werther ist glücklich. Und das passt ihm ganz und gar nicht. Denn die eigene Zufriedenheit steht seiner Kunst, seinem Schaffen im Wege. Händeringend sucht der junge Mann nach Themen, Sätzen, Wörtern, die aufwühlen und umwälzen. Die bewegen. Doch seine literarischen Versuche bleiben bloße Beschreibungen von Blüten und Sommertagen. Kitsch. Belanglos. Und man hat gleich zu Beginn das Gefühl, Werther warte nur auf den Einschlag, der seine Welt zerschmettert und den eigenen Schaffensprozess ins Rollen bringt.

Und ich fühle mich unweigerlich an Conort Oberst erinnert, den Folkpoeten, den, wen man so will, Werther der Popkultur, der seinen Herzschmerz so bedingslos auf Platten presste. Heute fordern die Anhänger, enttäuscht von Oberst´ neueren, seichteren Kompositionen, man solle dem Singer-Songwriter endlich mal wieder das Herz brechen. Doch Depression, das muss Werther mit allem Nachdruck erfahren, offenbart nur selten schöpferische Energie. Als Lotte, die Traumfrau, mit kosmischer Wucht Werthers Sonnensystem in Stücke reißt, bleibt für den Träumer nichts als Schmerz. Erdrückender, alles einnehmender Schmerz, in dessen Umlaufbahn Zeit zur Folter wird.

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Entsprechend taktet die aktuelle Werther-Inszenierung des Theater Konstanz die 120 Minuten Stück im Rhythmus eines Jahres. 1. Mai. 2. Mai. 3. Mai. Die Daten sind der Beat, der Herzschlag des Stücks und der wird im Verlauf immer lauter, nervtötender, bis er zu einem Wummern wird, dem man sich nicht mehr entziehen kann. 29. August. 30. August. 31. August. 32. August. 33. August. Darüber hinaus setzt die Dietrich Trapps Inszenierung auf Reduktion. Es gibt keine Effekthascherei, keine übertriebene Dekoration oder Modernisierung. Nur Text. Und Mensch. Und einen unförmigen Tisch im Zentrum der Werkstatt, der sich einer gespiegelten, ebenso unförmigen Leinwand wiederfindet. Links steht ein Mikrofon und rechts eine Kamera, die verschiedene Versatzstücke auf die Leinwand wirft. Zunächst eine Reclam-Ausgabe des verhandelten Textes. Dann Blüten. Dann die immer wiederkehrende Referenz und Erinnerung an Lotte, eine Styropor-Schaufenster-Puppen-Büste, deren schwarze, ausdruckslose Augen Werther solange anstarren, bis er selbst ins Zentrum des Bildes rückt. Und dann steht er auf der Leinwand, wieder und wieder reproduziert. Hundertfach Werther, der immer weiter verschwimmt, bis er für das menschliche Auge nicht mehr wahrzunehmen ist.

theater, werther, konstanz, werkstatt, theater konstanz, 2013 (1)Dabei blicken wir auf Axel Julius Fündeling, den Alleinunterhalter des Werther-Leierkastens, der zu Beginn nochso adrett gekleidet war, so ehrlich strahlte, fast selbstverliebt agierte. Doch diesen Menschen gibt es nicht mehr. Fündelings Werther zersetzt sich innerhalb des Stückes zum Wrack. Er schwitzt, die Haare kleben in alle Richtungen und sein Blick ist leer. Leer. Leerer. Als Werther seinen letzten Brief an Lotte schreibt, läuft er förmlich aus. Seelisch, klar, aber vor allem körperlich. Fassbar. Der Schweißt läuft in dicken Tropfen aufs Papier und vermischt dort mit der frisch auftragenen Tinte – wird Symbol, Allegorie. Text und Körper verschwimmen und stehen dabei stellvertretend für die anderen Flüssigkeiten des menschlichen Körpers: Blut, Tränen, Kotze.

theater, werther, konstanz, werkstatt, theater konstanz, 2013 (3)Zunächst gefällt sich Werther in der Rolle des Leidenden. Dann aber verliert er zunehmend die Kontrolle. 34. August. 35. August. 36. August. Dabei verfremdet Fündeling seinen Werther in einigen wenigen Momenten. Etwa wen er die Souffleuse anbrüllt, ins Publikum schreit oder unbeholfen mit einer Zuschauerin flirtet. In diesen Sekunden verschmelzen Zuschauer- und Theaterraum und man erkennt, wie weit Werthers Zersetzung bereits fortgeschritten ist. Der eben noch sympathische, wenn auch arrogante junge Mann ist jetzt ein Gift und Galle spuckender Choleriker und doch, angesichts seines gebrochenen Herzens, unfähig zu jeder Form von Konversation. Außer Stande, Glück zu empfinden. Die Radikalität mit der Fündeling den Zerfall des Werthers mit reduzierten Mitteln darstellt schmerzt selbst im Publikum. Die Performance springt einen regelrecht an und die förmlich fassbare Depression der Figur legt sich wie eine Taucherglocke über den gesamten Theaterraum. Wenn sich ein Basketballer in Amerika einem Ball hinterher schmeißt oder sich ohne Rücksicht auf Verluste ins Publikum stürzt, schreien die Moderatoren meist verzückt auf: „He sacrifies his body!“ Ähnlich kompromisslos geht Fündeling vor. Ein einfaches Konsumverhalten ist für den Zuschauer kaum mehr möglich – zu nah und greifbar ist der Schmerz.

Und natürlich könnte man sich fragen, warum 2013 immer noch diesen alten Schinken durchkauen muss, wenn man sich dem Drama der Jugend annähert. Denn natürlich folgten tausende Werther. Und natürlich folgten unzählige Dramen. Und natürlich gibt es tausende Texte der gleichen Thematik. Doch die schiere Hitze, die Trapp und Fündeling produzieren, führt uns einmal mehr vor Augen, das dieser Text eben doch nichts von seiner Durchschlagskraft verloren hat. Depression. Druck. Burn-Out. Zerrissene Herzen. Gesprengte Erwartungen. Werther ist gleichermaßen Symbol des Sturm und Drang, tragisches Spiegelbild der Moderne, verleugneter Akteur des Punk, wie auch die Schablone eines Opferlamms unserer digitalen, post-postmodernen Gesellschaft. Geschlachtet und zerrissen.  

Weitere Termine für „Werther“ am Theater Konstanz findet ihr hier: http://www.theaterkonstanz.de/tkn/veranstaltung/04975/index.html?events=all

Anschauen!  Karten gibt unter 07531/ 900 150 oder per Mail: theaterkasse@stadt.konstanz.de

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Und wies einem das Herz verissen hat, da hat der erstmal einen schrei losgelassen, dass mindestens drei leute gedacht haben: Trommelfellriss. Und dann ist er an die Bar und hat sich drei Jägermeister und ein Bier bestellt und sich den Hals runter geleert und wie die Bedienung grad nach links geguckt hat, schnappt er sich die wodkaflasche und zieht dran rum ein kälbe. Gierig. Und Lippen abgeleckt.Und dann nochmal von vorn. Und drei kippen dazu. there is a light somewhere. it may not be much light but it beats the darkness. „was guckst du denn so, als wenn die welt heute noch untergeht.“ sagt der eine der links von ihm hockt. Mit seiner zerfressenen fresse und den narben und ganz aufgedunsen. Und den hat er ignoriert. „kopf hoch. weißt du, es gibt immer einen weg. Du musst dich halt durchschlängeln irgendwie.“ und natürlich hats der suffkopf gut gemeint mit seinen ausgelatschten theorien und dem underberg, den er ihm rübergeschoben hat. Aber gebracht hat des halt gar nichts, denn wie ihm der underberg die speiseröhre runterrinnt und er kurz an kotzen denkt, da sagt er sich: du musst mir grad was von schlängeln erzählen, wie du hier hockst und das ganze hirn versoffen.

Und da hats ihn wieder gestochen in der herzgegend. richtig verschüttelt hats ihn und dann ist er zum schiffen. Raus. Raus! Und wie er dann da steht vor spiegel und mit sich selber spricht und die klatschnassen haare nach hinten schmiert und plötzlich eine wut auf sich bekommt, denkt er sich: jetzt bist du unten. Jetzt hält dich gar nix mehr. und da schlägt er seinen schädel mit voller wucht ihr richtung spiegelbild. Aber der spiegel: panzerglas. Oder so. weil nicht ein riss, nicht eine schramme. Der riss war nur am schädel und da ist ihm gleich ein strahl blut das gesicht runtergerieselt und direkt in den mund. Und das schmeckt dann so nach eisen und ganz und gar widerwärtig. Wobei seltsam eigentlich. Komisch eigentlich. Im ganzen körper pumpt doch das zeug. Und jetzt wars verschmiert wie eine kriegsbemalung. Und wieder rein. Rein. Weil Wirklich saufen kannst du doch eh nur in bars. I feel the same way about disco as I do about herpes. Und wie er dann rein ist hört er nur: „geh du mal nach hause, du versoffener volltrottl.“ und ohne groß zum überlegen, fischt er sich seine bierflasche, die war jetzt noch so halbdreiviertelvoll und ist immer noch auf dem tresen gestanden. und brettert sie in richtung des großmauls und verwischt ihn aber nur an der schulter. Und der hat ihm dann gleich die nase gebrochen. Builder vermutlich. Bodybuilder. Und da hat er sich auf ihn gestürzt und den hünen vom barhocker gefällt. und wie der dann da liegt. auf dem boden halt, da macht er nix wie dem muskelprotz das ganze dickflüßige nasenblut ins gesicht tropfen zu lassen.

und dann hockt er draussen (hausverbot und platzverweis) mit seinem gebrochenen herz und der gebrochenen nase und auch noch sein magen zu brechen anfängt. Also erbrechen. Dann schüttelt es ihn vor lachen und dann rennen ihm die tränen übers gesicht. Und dann schreit er ein bisschen und lacht dann wieder und kotzt dann nochmal. und dazu denkt er sich. Heute musst du ja schon froh sein, wenn du überhaupt irgendetwas spürst. irgendwas Der Irrsinn ist bei einzelnen etwas Seltenes – Und dazu biegt er sich die nase grade – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern und Zeiten. die Regel.

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Das ist jetzt bald hundert Jahre her, da hat einer 30 Teenagern (Knaben hieß das damals) die Kehle durchgebissen. im Blutrausch. Ein Werwolf haben sie gesagt. Ich muß doch ein Mensch mit zwei Seelen sein, wenn ich so etwas tue, ich bin sonst so gut. Hat er dann gesagt. Und ich würde sagen: Das passiert wohl ab und an in der Natur, dass einem die Sicherungen durchbrennen. Dass einer zum Raubtier mutiert. Denn Raubtiere sind wir ja eigentlich alle. Homo homini lupus. So ist das halt nun mal und da können wir noch solange auf unseren Iphones und Ipads und Ipods und Facebookaccounts reinhämmern, am Ende zieht einer am Faden der Gesellschaft und es macht RAAAAAAAATSCH und der ganze schöne Pullover zieht sich auf. Laufmasche. Rückentwicklung. Raubtier im Großstadtdschungel. Im Datendschungel. Das passiert wohl ab und an, dass einem die nerven ausrutschen. Und auf irgendeiner Insel ist ein Affe (also wirklich ein wahrhaftiger Affe) auch mal durchgeknallt und hat eine ganze andere Affenart ausgelöscht. Köpfe abgerissen – ganz so wie wir äpfel vom baum pflücken. hm. hm. Erschreckend ist das, dass das die Viecher machen, weil eigentlich sind die doch schon süß. So Unser Charlie-mäßig. im film ist das auch immer schlimmer, wenn ein tier stirbt oder gequält wird, als wenn es einen mensch erwischt. wir primaten. Egal.

Das gibt’s halt ab und an, dass irgend ein hirn fehlfunktioniert. Oder! einmal sind auch zwei Jaguare aufeinander getroffen. Revierkampf. Da macht man normal so bisschen einen auf dicke Hose, klichée-ghettomäßig, bis einer dann halt aufgibt (der klügere und oder der schwächere) und dann hat sich das. War aber nicht so. die beiden sind zu weit gegangen und dann gabs kein zurück mehr da draußen am abgrund. eigentlich ist das gegen die Natur und der eine hat dem anderen so richtig in den kopf gebissen und der andere hat dann die chance grad ausgenutzt und hat dem einen dann ohne groß zu überlegen seine zähne in die Kehle gerammt. Und mit den krallen an allen vier gliedern haben die aufeinander eingeschlitzt, dass da nachher nur noch flankenhackfleisch war. Am ende sind dann beide verreckt, da im staub im revier, wo dann gar kein jaguar mehr war. „… und da war alles tot.“ Laufmasche.

Und wir geifern nach all den schlachtfesten und ekeleien Und schweinereien. Weil es gibt halt dinge, die ändern sich nie. Und das macht uns angst. Und fasziniert uns. Was aber fühlen die entgleisten? „Die Haut wird so steif, daß sie nur grobe Bewegungen erlaubt, selbst wenn man zärtliche machen wollte, und unter einer solchen Kruste erstarrt die lebendige Seele.“ die lebendige seele friert denen ein wie ein magnum mandel und taut dann auf mit aller gewalt, wie wenn du den stecker an der gefriertruhe ziesch, du halbhirn. Dann verläuft alles in schokosoße, mit einem haufen mandelsplittern drin. Und das in einer welt, die viell. Schon ein bisschen blade runner mäßig ausschaut, und wo sie alle das popcorn in die luft werfen, wenn im kino einer von einer foltermaschine in zweitausend teilchen zerlegt wird, da schreit dann alles todesstrafe – dem guten gewissen wegen (liebe grüße an Ulrike Meinhof)… und am ende des kreises: „Bin ich ein Mensch für den Zoo?“

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Die Erde ist gewaltig schön, sicher aber ist sie nicht!

2012 portraitiert der Soundkünstler und Blogger (Zweiviereins) „Das Gegenteil“ den Bildhauer und Künstler Hans-Jürgen Kossack. Soviele Risse in soviel Asphalt – da wird der Betreiber des vorliegenden Blogs selbstredend hellhörig. Entsprechend ist der nachfolgende Blog-Eintrag also ein Experiment: ein Bastard aus Kunst, Musik und Literatur. Idealerweise schmeißt ihr die nachfolgende Sounddatei an, verfolgt die fiktive Lebensgeschichte des Künstlers und vergesst dabei nicht einen intensiven Blick auf die Kunstwerke.


mitte der 1980er jahre entschied sich Hans-Jürgen Kossack für das nachtleben. er woll­te un­ter den tag. so schloss er sich der höhlenforschergruppe an, welche die damals größte be­kannte höhle der schwäbischen alb erforschte, die wulfbachhöle in mühlheim an der do­nau.

wer sich da hineinwagt, muss auf die höchsten schwierigkeiten vorbereitet sein, die eine höh­lenfahrt ober- und unterhalb des wasserspiegels möglich macht. immer wieder ent­fernte Kos­sack sich von der gruppe. während die anderen forscher eher den sportlichen erfolg vor au­gen hatten, begab sich er in kleine seitengänge und räume, die man nicht stolz „dome“ tau­fen konnte, die man eher als „stuben“ oder „kojen“ übersah. ihm war es um die hinterlassen­schaften zu tun, die sich in den ritzen angesammelt hatten; er nahm witterung auf wie ein eiszeitlicher spurenleser. zu­nächst nur schwemmgut und bodensatz. nachdem die wulfbachhöhle sich kossacks streben klar gemacht hatte, öffnete sie ihm zonen, die vorher nicht dagewesen zu sein schienen und nun jedoch unglaubliche inhal­te freigaben.

darunter das skelett eines höhlenforschers oder verirrten, vielleicht auch einfach irren, aus dem 18ten jahrhundert. ein aufgegebenes lager keltischer gerber. fischbüchsen aus den 50er jah­ren. vier tier­friedhöfe, unmengen knochen und versteinerte häute mehrerer spezien, an deren be­stimmung sich kryptozoologen bis in unsere tage abarbeiten. tauchergerätschaf­ten aus den frühen 19ten jahrhun­dert. das gesicht eines mordopfers, eines schwedischen soldaten, in zweiter lage, der kurz meinte, dem massaker vom 21. februar 1633 entspringen zu können. sieben kinderskelette, genauer drei unterleiber und vier rümpfe. neuen jakobsmus­cheln. frühneuzeitliches sexspielzeug. an den wänden eines fast quadratischen felssturzes reste von tapeten und fresken. den noch immer wedelnden schwanz eines sprechenden hundes. zwei sensen, die ihm heute wichtig sind und die nur seelenverwandte zu sehen bekommen.

Hans-Jürgen Kossack begann, abklatsche von den fundstücken zu machen.

 

was das vorgehen Hans-Jürgen Kossacks beim abklatschen angeht: er ließ tücher we­ben – in der letzten handweberrei auf der Schwäbischen Alb auf einem weiler zwischen lo­chem und altin­gen. dem gewebe byzantinischen heiltücher nachempfunden, waren sie einer­seits hauch­dünn und dennoch saugfähiger als jedes papier. mühevoll schleppte er sie in die höhle. unter den widrigsten bedingungen entstanden durch zuhilfenahme von naturfarben nie gesehene kontaktabzüge. stück für stück brachte er die abklatsche aus der ewigen dun­kelheit nach oben, wo tageslichtstrahlen erstmals an ihnen züngelten. aus dem vollgesogenen verbandsmaterial, das sichtbares und unsichtbares in sich trug, erschuf Hans-Jüren Kossack skulpturen und reliefe, punktgenaue über­tragungen, transformatio­nen und serielle vervielfältigungen – mit seiner metho­de könnte er aus dem tu­riner grabtuch oder aus dem volto santo von manoppello einen golem er­wecken. dazu aber später.

Hans-Jürgen Kossack stand in diesen jahren in verbindung mit einer reihe von kriegsarbeit­ern, selbstfriseuren, alltagsauguren, soundschlägern, getränkemixern, texttraceuren, skulptur­schneidern, elektrowerkern, farbtechnikern und urbanen höhlenmenschen, die eine neue fin de sie­cle-haltung lebten, zugspitzt, denn es ging ja um das ende eines jahrtausends. aus allem gebroche­nen, angeschlagenen, verfallenden, unsicheren, unruhigen, unzufriedenen, unüberlebbaren, aus al­lem un-u­nen entsafteten sie ihre ideale.

also amalgamieren wir selbst die schnipsel aus den laboren der hamburger schule und der berliner krankheit und angrenzender kampfzo­nen.

wir skandieren beim zitieren, um die würde dieser gebilde aus sound zu wahren:

krieg unter autos – es wird hell – draußen ist feindlich

im zweifel für den zweifel – das zaudern und den zorn

für immer krank, das möcht ich sein

gibt es ein verlangen? freiheit ohne sicherheit

UN! VOLL! STÄN! DIG! KEIT!

 

seine aus abklatschen geschaffene skulpturen und reliefe empfand Hans-Jürgen Kossack nicht eigentlich als von ihm geschaf­fen. eher wie ein acheiropoíeton in der antike, in den worten ciceros non humana manu factum, nicht von men­schen hand geschaffen – von wem denn dann? von gott? egal, es ging darum, rui­nen von ausge­leierten zeichen ihres restsinnes zu entleeren, alte erkaltete tuchfühlungen aufzuschlagen, alles freizulassen, wie einen golem (jetzt erinnern wir uns) ohne be­fehl grad mal so losmarschieren zu lassen, neue verflech­tungen nach eige­nen regeln eingehen lassen, mal sehen, wo er sich verhängt, nur um sofort wieder dazwischen zufahren, Walter Benjamin auf je­der zunge …

Der destruktive Charakter kennt nur eine Parole: Platz schaffen; nur eine Tätig­keit: räumen.

Der destruktive Charakter ist jung und heiter.

alles vertsunamisie­ren im lärmschritt hochglühen aber erst herzblut verflüssigende substanzen einnehmen sich selbst verheizend aber ganz weg zu ende und immer wie­der kunstwer­ke die keine mehr sind gefälligst weil nur noch pfludderhüllen darum alles re um über formulieren formen und wie sperrgut morgens nach unendli­chen nächten in unterirdischen hochöfen quer in die gegend stellen und „ra­wums“ in die wände gemeißelt dann bedeutungslose unordnung verbreiten einmal noch kurz bevor alles den bach run­ter geht soviel „zur lage der detonation“

die letzten jahrzehnte vor dem jahrtausendwechsel, hauptsächlich das vorletzte, hatten inner­halb der beschriebenen kulturellen rissregionen die aufgabe, nicht überlebt zu werden. wer als wie auch gezeichneter lebend daraus hervorgegangen war, blieb für die nächsten 1, 2 jahre pa­ralysiert, aus überraschung genau darüber.

Hans-Jürgen Kossack kam in hamburg zu sich. hier traf er auf den flämischen zeichner, militanten reisenden, absturzschriftsteller und leidenschaftlichen seemann jan ueli buch. schnell be­merkten sie, dass sie soundverwandt waren. jan ueli buchs mutter stammte aus schaffhau­sen, und so verbogen sie ihre zungen genüsslich im bewegungsrepertoire süddeutscher idio­me. ihrem um­feld konnte das nicht anders denn als eine art rotwelsch erscheinen, eine tatsa­che, die ihnen sehr zu pass kam, da sie sich ständig über irgendwie geheime dinge aus­tauschten.

viel ist nicht bekannt über die kurze intensive begegnung. was wir wissen können: als jan ueli buch ein halbes jahr nach dem ersten zusammentreffen mit hans-jürgen kossack als 82-jähri­ger und schwer lungenkrebskrank auf seinem hausboot starb, hinterließ er seinem jun­gen künstler­freund tagebücher, taschentücher und seine tätowierungen. kurz darauf stach hans-jürgen kossack in see.

er sprach nie über diese seefahrt. sicher ist nur, dass sie viereinhalb jahre dauerte, über die nördliche halbkugel führte und dies auf ei­ner art forschungsschoner names „edmund hal­ley“. der name des kometenvorhersagers gibt denn auch den hinweis auf das ziel der reise. Halley hatte 1691 auf wissenschaftlicher grundlage eine theorie vorgeschlagen, nach der die erde hohl und an den polen offen sei. die theorie gilt im bes­ten fall als veraltet. unseriös, im bildungssegment der frau, für realisten einfach durchgeknallt.

bleibt also anzunehmen, reich durch indizien gestützt, dass unser künstler zu einer Fremden Kultur im bauch des planeten, die – so wird gemunkelt – we­sentlich äl­ter ist als die erdkrustenzivilisaionen – vorgedrungen ist, um dort als ethno-artist weitere abklat­sche in großer zahl zu nehmen.

diese abklatsche speisen noch heute die kunst Hans-Jürgen Kossacks. alle heute ausge­stellten reliefe geben zeugnis davon und führen die wulfbachhöhlenphase in eine neue dimension. der eigentliche anknüpfungspunkt aber an frühere techniken und programme buchstabiert sich so: ereignis.

kossacks nachhohlweltliche kunstwerke hatten begonnen, bei den betrachtern und in derem umfeld, neutral formuliert, ereignisse zu auszulösen. manche objekte verströmten vorher nie gero­chene ge­rüche – bezaubernde und entzaubernde. andere lösten das unerklärliche schlagverl­ieben aus. wie oft dies passierte, wissen wir nicht. drei ehen aber sollen auf das konto von relief nummer vier gehen. auch wurden leute beiderlei geschlechts, nachdem sie zufällig im radius eine kunst­werks auf­einander getroffen waren und ungeachtet ihrer mitgebrachten geschichte, dabei beobacht­et, wie sie in den unappetitlichsten nasszellen verschwanden, um, wie man sagt, „es zu tun“.

die grabtücher beschränken sich auf übernatürliche heilungen, die wundermonster, die uns hier heute umringen, wollen nichts, tun es aber. wir gehören längst ihnen. .

Die ungekürzte Version des Textes gibts hier:

das_gegenteil

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Haarige Sachen, Haarige Angelegenheiten, Haare, Kurzgeschichte, Jeremias Heppeler

Gleich vorweg: Dieses wunderschön wallende Symbolbild vermittelt einen vollkommen falschen Eindruck des nachfolgenden Textes. Der ist nämlich nicht schön oder so. Da tun sich Abgründe auf. Alter Online-Medien-Trick. Sorry!

Als ich heute Nachmittag gedankenverloren und abgestumpft dumpf aus dem Busfenster blickte, stach mir urplötzlich der vielleicht sensationellste Frisuren-Fail meines bisherigen Lebens in die Augäpfel: Da an der Bushaltestelle saß, in urtypischer Oma-Bushaltestellen-Haltung und in alle Spektren der Farbe grau gehüllt und damit in urtypischen Oma-Outfit: Eine Oma! Über den dicken Brillengläsern entfesselte sich eine fast schon unglaublich typische Oma-Matte, ein gut gekämmter Lockenboschen, mit einer wahnwitzigen, halsbrecherischen Eigenschaft. Tatsächlich: Die Haare dieser Oma waren, unter einer unterdrückten Schicht von Grautönen, blau. Vollkommen blau. Und damit meine ich nicht etwa grau-blau, oder angenehm bodenseeblau oder freundlich marineblau, sondern hochaggressiv neonblau. Sofort dachte ich an eine provokante Street-Art-Protest-Aktion. „Ihr nehmt uns die Brücken – Wir nehmen uns die Oma!“. Doch nein – das war nicht das Werk von Spraydosen. Aber was dann? Als nächstes kam mir die Möglichkeit in den Sinn, dass die eventuell rassistische Oma ihren türkischen Friseur beleidigt hatte – oder einfach farbenblind war und sich die falsche Selbstfärbepackung aus dem Regel gefischt hatte. Oder hatte ich zufällig den einzigen Menschen mit natürlich neonblau Haupthaar entdeckt – eine Sensation, ein wissenschaftlicher Durchbruch? Meine Gedanken pulsierten schneller und beinahe schmerzhaft: Vielleicht war die Oma ein Spätentwickler und Rentner-Rebell und hatte sich auf die alten Tage dem Punk verschrieben. Oder hatte sie gar Zeit ihres Lebens als Zirkusclowns auf Kindergeburtstagen gearbeitet…

Mein Gehirn rotierte, als der Bus ganz langsam davon fuhr. Die Oma blickte betrübt hinterher und ich erinnerte mich an meinen eigenen und größten Farben-Fail. Damals war ich in etwa 15, Schmalspur-Punk und Nirvana-Fanboy. Im Cover von „In Utero“ entdeckte ich ein ultra-starkes Foto von Kurt Cobain mit pinken Haaren und entschloss mich, wütend und zu allem bereit, meine Matte in derselben Farbe erstrahlen zu lassen. Meine Mutter fuhr mich zum Friseur meines Vertrauens (oder viel eher ihres Vertrauens) und als sie selbst dann unter einer tönenden Trockenhaube verschwunden war, zeigte ich mit zitternden Fingern auf das Bild des zu diesem Zeitpunkt seit zehn Jahren verstorbenen Rockgotts. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: 1. Eine solche Farbkreation passte zu meinem runden Kopf und den dünnen Büscheln, die daraus hervorwuchsen, in etwa so gut wie Angela Merkel auf eine Bunga-Bunga-Party und 2. Beinhaltete die Farbpalette des Friseurs meiner Mutter selbstredend kein punkpink. „Aber da finden wir ne Lösung, lass mich nur machen.“, sprach der Friseur und entschwandin seiner von Chemikalien verseuchten Hexenküche, ehe er mir fünf Minuten später eine nasskalte Pampe auf Schädel schmierte. Als sich die Haube öffnete, spielten sich in dem kleinen Friseursaloon Szenen ab, die man sonst nur nach dem Schären bei „Germanys Next Topmodell“ kennt.

Der langen Rede kurzer Sinn: In den nächsten Wochen erstrahlten meine Haare in aubergine.

Ja, in aubergine, dieser kotzreizwürgenden Farbe, die ihren Namen einer unförmigen Frucht verdankt (oder andersherum?). IN AUBERGINE! Das war nicht Punk, das war ZDF-Hitparade und ich spielte fortan nicht mehr mit den coolen Kids. Erst heute erkenne ich den tieferen Sinn dieser tragischen Geschichte: Denn aubergine als Haarfarbe findet man genau genommen nur in einem Biotop: Richtig! In Altersheimen. Man sieht sich immer zweimal im Leben.

Übrigens: Das Freilichtmuseum Neuhausen Ob Eck hat dem Thema „Haare“ eine eigene Ausstellung gewidmet. „Haarige Sachen“ heißt das Ganze und beginnt am 6. Mai:

Alles Infos hier: http://www.freilichtmuseum-neuhausen.de/mcms.php?_oid=5d3abd6-57c3-1994-38b3-e320312b277f3 (das mit der Werbung ist mir übrigens erst während des Schreibens eingefallen!)

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