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Annenmaykantereit – Kulturladen Konstanz

Das sind also, Annenmaykantereit, Deutschlands wohl gehypteste Nachwuchsband. Da stehen sie aufgereiht, beinahe schüchtern, unsicher, ein wenig eingeknickt, fast so, als wüssten sie nicht, wer oder was sie gerade in dieses bis zum letzten Platz gefüllte Konzerthaus gespült hat. Auch Sänger Henning May macht auf den ersten Blick den Eindruck, als wäre er viel lieber irgendwo anders. Die Arme hat er wie Liam Gallagher hinter dem Rücken verschränkt, aber nicht aus Arroganz, sondern weil er nicht so richtig weiß, was er mit ihnen anfangen soll. Dazu kommen Ansagen der Marke: „Das nächste Lied spielen wir immer. Ist einfach so.“ Und dann beginnt May zu singen und das Momentum im Konstanzer Kulturladen verschiebt in Sekunden um 180 Grat.

Schnitt: Es gibt sie noch, die klassische, unspektakuläre Bandbiografie. Die Geschichte von drei Kumpels, die sich auf der Schule kennenlernen und zusammen Mucke machen. Die sich durch die obligatorischen Vorbandtourneen, Festival-Konzerte am Nachmittag und selbstgedrehte Videos zuerst auf die Notizzettel der Musiknerds und später in die Allgegenwärtigkeit des Internets spielen. Und dort dann plötzlich eine Lawine lostreten. „Viel Aufmerksamkeit für eine so junge Band, die gar nicht versucht hat, jeden Blick auf sich zu ziehen.“, heißt es von Bandseite aus und vielleicht liegt genau hier der Hund begraben: Hinter Annenmaykantereit steht kein ausgebufftes Marketingkonzept, die Kölner Band will eigentlich nur spielen und überzeugt dabei durch schiere Qualität. Und durch ihren Sänger.

Denn Henning Mays Stimme ist so irrsinnig anders, so einnehmend effizient, dass es sie in dieser Form im deutschen Pop vielleicht noch gar nicht gegeben hat. Soviel Superlativ muss hier tatsächlich erlaubt sein. Die einzige Assoziation, die sich angesichts dieses raumfüllenden Reibeisens aufdrängt, ist Rio Reiser. Doch Mays Organ ist noch härter, noch dunkler, wilder, gebrochener. Und sie trägt Annenmaykantereit auf breiten Soundschultern, denn abseits der Stimme, klingt die Band längst nicht so ausgereift.

Ein Sportler, dem immenses Potential nachgesagt wird, der dieses körperlich aber noch nicht vollständig umzusetzen kann, bezeichnet man gemeinhin als roh. Diese Assoziation poppt auch beim Konzert von Annenmaykantereit auf. Die Band strotzt nur so vor immensen, brach liegenden Talent, weiß dieses aber technisch noch nicht in Perfektion umzusetzen – und das ist auch gut so und in Zeiten von Popakademien und Band Contests eine charmante, wichtige Gegenposition. Tatsächlich befindet sich das Quartett in einer Art Versuchsblase, in der sie aktuell alle Eindrücke und Stile absorbieren und neu durchmischen. Dazu passt auch Mays Ansage in Konstanz: „Das nächste Lied gibt es nicht. Wir spielen einen Haufen unfertiger Lieder und hoffen, dass die irgendwie im Laufe der Tour fertig werden.

Natürlich markieren die Pressetexte das Ergebnis dieses Experiments als Indie, weil eben alles irgendwie Indie ist. Tatsächlich klingt Annenmaykantereit aber eher nach The Clash als nach Oasis und definitiv eher nach Ton Steine Scherben als nach Sportfreunde Stiller. Wir hören durchdachten, weit geöffneten, teilweise tanzbaren Punkrock, angereichert mit Balkan-, Blues- und Jazz-Elementen, Clash-typisch getragen von einem dominanten Schlagzeug Beat, verstärkt mit Reizpunkten aus Mundharmonika oder Melodica. Das alles vermengt sich zu einem vitalen, unausgegorener Strom, der gerade aufgrund seiner Unfertigkeit mitreißt, fasziniert und einen hohen Wiedererkennungswert besitzt.

Die stärksten Sequenzen erlebt das Konzert während der ruhigeren Kompostionen. Songs wie „Neues Zimmer“ oder „Dritter Stock“ stechen hervor, vor allem, weil darin die unbekümmert daher  geschriebenen Texte in den Vordergrund rücken. Hier geht es um Alltagsbeobachtungen, Langeweile, zerrissene Leben, um Kaffe machen, um Heimat und geplatzte Träume. Und ja, das hat man alles schon tausendfach gehört, aber der spielerische Umgang mit Sprache scheint neu und erinnert abermals eher an Punkrock und bessere Hip-Hop-Texter. So heißt es in der Ballade „Barfuß am Klavier“, die May während der Zugabe alleine am Piano zum Besten gibt, so wunderbar unprätentiös und auf dem Punkt: „Du und ich, das war zu wenig.“ Und auch deshalb kann es Ende nur eine Erkenntnis geben: Dieser Hype ist gerechtfertigt. Annenmaykantereit sind die junge deutsche Band der Stunde.

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Die besten Filme des Jahres

Platz 11 (Die Wildcard): What We Do In The Shadows

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (15)In Sachen Technik, Drehbuch, Schauspiel und zig weiteren Gründen hätte der neuseeländische 80-Minüter wohl nichts in dieser Liste verloren. Und obwohl selbst das Konzept einer Vampir-Mocumentary zunächst nicht aus den Sitzen reißt ist „What We Do In The Shadows“ schlicht und einfach und mit ellenlangen Abstand der witzigste Film, der es dieses Jahr in Kino schaffte. Natürlich schwingt in dieser Bewertung eine Menge „Flight-Of-The-Concords“-Fantum mit, aber alleine Rhys Darby als Anführer eine Werwolf-Gang wischt mit 90% aller US-Komödien den Boden auf. Kein Film auf dieser Seite hat mehr Spaß gemacht.

 

Platz 10: Blau Ist Eine Warme Farbe

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (8)Regisseur Kechiche hält drauf. Immer. In Großaufnahme. Über 187 Minuten. Und als Zuschauer, als Vouyeur, kann man sich förmlich vorstellen, wie die beiden grandiosen Hauptdarstellerinnen bei der ersten Sichtung des finalen Filmes vor Scham in den Sitzen versanken. Der französische Film ist ein Coming-Of-Age-Epos, das nur eine klitzekleine Geschichte erzählt. Das den Mikrokosmos mit den Parametern des Makrokosmos unter die Lupe nimmt und dabei den Überschuss (an Gefühlen, Emotionen) mit Leere (Rohheit, offen stehende Enden) vereint.

 

Platz 9: Inside Llewyn Davis

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (20)Die Coen-Brothers haben ein Faible für Hauptcharaktere, die in anderen Filmuniversen wohl nur bizarre Sidekicks wären. „Inside Llewyn Davis“ bringt dieses Konzept insofern auf die Spitze, da besagter Songwriter im Zentrum zwar als grandioser Musiker daherkommt, darüber hinaus aber vor allem als genervtes Arschloch in Erscheinung tritt. Und trotzdem und genau deshalb ist dieser Film eine wunderbare Reflexion über das Scheitern, über die Liebe zur Kunst, über das Nichts-Tun. Und dazu noch Musikfilm. Zeitportrait. Figurenkabinett.

 

Platz 8: The Wolf Of The Wallstreet

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (16)Eigentlich dachten wir ja irgendwie, Martin Scorsese wäre zur Ruhe gekommen. „Hugo Cabret“ war ein grandioser Märchenfilm, eine kunterbunte, doppelbödige Geschichtsstunde über das Kino. Ein Endpunkt? Die Musikfilme über Bob Dylan, die Rolling Stones und George Harrison wirkten wie die Erfüllung von langersehnten Altersprojekten. Und dann kam „The Wolf Of The Wallstreet“ und warf alles über den Haufen. Radikal. Schnell. Wahnsinnig. Trippy. Der Film wirkte wie die logische Fortführung von „Good Fellas“ und „Casino“. Das sensationelle Ende einer größenwahnsinnigen Trilogie, die das Mainstream-Kino revolutionierte. Scorsese wurde 1942 (!)geboren. Dieses Spätwerk macht ihn zum fünften Mal unsterblich.

 

Platz 7: Grand Budapest Hotel

GRAND BUDAPEST HOTEL_c371.JPGWes Andersen ist ein Nerd. Ein Fetischist. Er liebt die Geometrie. Das Zitat. Das Licht. Und in Grand Budapest treibt er seine Liebe für den geloopten, mit Details überladenen, gemäldeartigen Szenenaufbau auf die Spitze und entwickelt nur mit den medialen Mitteln des Films ein eigenes Universum. Das gelingt nur wenigen Regisseuren und auch wenn Andersens Methoden ab und an ein wenig mit dem Holzhammer daher kommen, sind seine Filme doch Kleinode, denen eine ganz besondere Magie (nämlich der verdammte Zauber des Kinos)  innewohnt. Und „Grand Budapest Hotel“ dürfte einer der Schönsten von ihnen sein.

 

Platz 6: Blue Ruin

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (19)Ein klassischer Revenge-Flick: Hart, brutal, straight, in die Fresse. Kein Schnickschnack. Keine übertriebenen Gesten. Soweit so gut. Darüber hinaus ist das Herzens- und Indieprojekt des Regisseurs Jeremy Saulnier atemberaubend gut und schön gefilmt. Eine simple Autofahrt entwickelt da im Handumdrehen so viele optische Energie, dass es dir die Sprache verschlägt.

 

Platz 5: The Raid 2

 jahresrückblick the raid filme„The Raid 2“ ist ein Epos: Schnell, wild, unberechenbar, dunkel, brutal, eklig, aberwitzig, irre. Und für mich der wohl beste, weil mutigste Actionfilm des vergangenen Jahres – ohne ein bloßer, stumpfer Actionfilm zu sein. Auch die Gangster-Story besitzt ein sauberes Timing und zieht, in Kombination mit den überragenden Kampfsequenzen, den Zuschauer so derartig in seinen Bann, dass selbst die blödesten Smartphonetrottel den Blick durchgehend auf den richtigen Bildschirm richten. Ansonsten droht selbstredend ein Roundhousekick. Die eigentliche Offenbarung der indonesischen Produktion ist aber in jedem Fall die Kameraarbeit, die eine solche Liebe zum Detail ausstellt, das wirklich jede Sekunde der 150-Raid-Minuten irgendwie sehenswert ist. Großes, wildes Kino!

 

Platz 4: Only Lovers Left Alive

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (10)Jim Jarmusch aktuellstes Werk ist vermutlich die strittigste Wahl in dieser Liste. Der Film ist langsam, entschleunigt, hypnotisch. Viele werden ihn mindestens sterbenslangweilig und irgendwie pseudo-irgendwas finden. Die anderen werden ihn regelrecht fressen und lieben. Unterm Strich sehen wir mit „Only Lovers Left Alive“ einen Vampirfilm, in welchen die Vampire nichts von alledem machen, was Vampire als Figuren irgendwie interessant macht. Es wird kaum Menschen ausgesaugt, es gibt keine Kämpfe gegen Werwölfe oder Vampirjäger. Adam und Eve hören experimentelle Mucke, lesen Bücher, schwadronieren. Doch da genau liegt der Reiz. Jarmusch erzählt über Rezipienten und Künstler. Über die Ewigkeit. Über Ängste und Süchte. Gigantisch!

 

Platz 3: Nightcrawler

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (12)„Nightcrawler“ ist ein Film, der dich mit Ekel und Unwohlsein zurücklässt, der dich erschaudern lässt. Viele haben den Film mit „Drive“ verglichen. Doch „Drive“ ist Style und Farbe und Coolnes. Und „Nightcrawler“ ist Dreck, Voyeurismus und Dunkelheit. Jake Gyllenhaal ist überragend und (auch ohne Makeup) kaum wiederzuerkennen: Er spricht anders, er sieht anders aus, er bewegt sich anders. Und ja, das ist sein Job als Schauspieler, aber die Metamorphose gelingt hier beinahe vollendet. Die Performance trägt den Film und lässt auch über die etwas plumpe Medienkritik hinwegsehen. Am Ende müssen wir „Nightcrawler“ aber vermutlich ohnehin als Metapher verstehen. Und als solche entwickelt der Film eine einzigartige Durchschlagskraft.

 

Platz 2: Boyhood

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galaxRichard Linklater ist ein Regisseur, dessen Coming-Of-Age-Erzählfilme komplett ohne filmischen Reize auskommen und dessen Kamerablick oftmals beinahe dokumentarisch daherkommt. Aber Linklater ist eben auch ein Regisseur, der es wie kein zweiter versteht, Zeitgeist, Gefühle und Gespräche einzufangen und damit nichts weiter als die ganze normale, schlichte Normalität aufzuzeigen. Sein Monsterprojekt „Boyhood“ setzte dann alles daran die Wirklichkeit wirklich ins Erzählkino zu übertragen: Wir sehen einem kleinen Jungen tatsächlich beim aufwachsen zu. Linklater drehte über ein Jahrzehnt, immer wieder. Die Schauspieler wachsen mit. Bereits das Konzept sorgte für Hypewellen, die mich extrem nervten. Irgendwann ließ ich mich doch auf „Boyhood“ ein und war schlichtweg begeistert. Für mich persönlich ging der Film beinahe vollkommen auf: Die Narration, die eben auf die großen dramatischen Wendungen verzichtet, offenbart eine ganz  eigene Motivation, die den Zuschauer an die Figuren fesselt. So wird Alltagshorror zum Kinohorror, der dich zusammenzucken lässt. Die meiste Zeit aber hängen wir einfach mit den Hauptcharakteren ab und in Kombination mit der Grundprämisse und den rein optischen Veränderungen der Figuren entsteht ein einzigartiges Kinoerlebniss.  Und selbst die Tatsache, dass aus dem talentierten Kinderdarsteller Ellar Coltrane ein ziemlich miserabler ausgewachsener Schauspieler wird, hat seine Vorteile: „Boyhood“ gibt das vielleicht beste Pubertätsportrait der Geschichte ab, eben weil sich Coltrane wirklich wahnsinnig unwohl in seiner Haut vor der Kamera fühlt.

 

Platz 1: Her

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (23)Ein Typ mit Schnurrbart verliebt sich in sein Betriebssystem. Das klingt strange und irgendwie blöde. Und doch ist „Her“ meiner Meinung nach ein fast perfekter Film. Da ist zunächst die mutige, radikale Idee. Da ist die so clever und grandios durchdachte, zarte, logische Zukunftsvision, die Techniken offenbart, die es geben wird und sogar eine echte Mode und edchten Zeitgeist generiert. Da ist das Drehbuch, das sich auf ebenjener Idee nicht ausruht, sondern immer neue Hakenschlägt. Da sind die fantastischen Darstellerleistungen, obwohl dem einen (Joaquien Phoenix) durchgängig die Kamera direkt in der Fresse klebt und die andere (Scarlett Johansson) keine einzige Sekunde zu sehen ist. Ich lege mich fest: „Her“ ist der bislang großartigste Liebesfilm des neuen Jahrtausend und der beste Film des Jahres 2014. Schlichte, durchdringende Schönheit.

Honourable Mentions

Knapp vorbei ist auch daneben: Dallas Buyers Club war irgendwie schon gut (vor allem aufgrund der Schausspielleistungen), aber der ewige „das-ist-alles-wirklich-passiert-Duktus“ nervte. Für Jean-Pierre Jeunet gilt in der Light-Version das selbe, was ich zuvor über Wes Andersen geschrieben hatte. Die Karte Meiner Träume spielte eindeutig im Jeunet-Universum, erfüllte dessen Regeln aber nicht so lockerleicht wie viele seiner anderen Filme. Trotzdem toll! Gone Girl passt technisch und in Sachen Look fast perfekt in eine Reihe mit „Zodiac“, „The Social Network“ und auch „The Girl With The Dragon Tattoo“, aber auch irgendeinem Grund nimmt sich David Fincher merklich zurück: Der Schnitt ist konservativer, der Look abgespeckt, Trent Reznors Soundtrack irgendwie eingefroren. Schlussendlich spricht es aber vor allem für ein (für mich persönlich) starkes Filmjahr, wenn so ein Fincher Film aus der Topliste rutscht. American Hustle wollte ein Scorsese der 2010er Jahre sein. Dumm nur, dass der Altmeister diese selbst ablieferte und seinen Kollegen David O. Russel Staub fressen ließ. Alleine für die Schauspielerriege lohnt sich das Ding aber allemal. Stromberg – Der Film war selbstfinanziert und eine Kinoversion der Serie und dementsprechend (für einen früheren Fan) supersolide bis sauwitzige Unterhaltung.

Die fehlen noch:

Darüber hinaus gibt es eine Fülle von Filmen, die ich bis dahin leider noch nicht sehen konnte und die vermutlich alle die Chancen hatte, die Liste zu sprengen. Der elephant in the room ist sicher sicherlich Christopher Nolans Interstellar, der einerseits von der Breite überaus positiv aufgenommen wurde (und in den meisten Community gewählten Bestenlisten dominiert) – den andererseits die subjektive Kritik aber auch ordentlich abstrafte. Ich bin in jedem Fall gespannt.  Ein echter Kritikerliebling war indes Under The Skin mit Scarlett Johansson, der so manche Top-Liste anführte und über den ich bis dahin gar nichts weiß. Auf jeden Fall werde ich mir noch die beiden Studio Ghibli Filme When The Wind Rises und Die Legende der Prinzessin Kaguya zu Gemüte führen. Eure Meinungen?

Die Serien:

Platz 6: Review

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (9)…ist eine Comedy-Serie mit strangen Aufbau: Irgendein nullachtfuffzehn-Typ reviewt das Leben. Drei Dinge pro Folge. Von „Ein Sextape drehen“ bis zu „Drogenabhängig sein“. Das macht alles irgendwie keinen Sinn, das Konzept wird (von Beginn an) ständig gebrochen und ist ineffektiv – trotzdem ist das Ding zum Schreien komisch. Supergut!

 

Platz 5: Rick And Morty

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (11)Abgedrehter geht es kaum. Rick and Morty reizt Ideen bis ans Limit aus, es geht drunter und drüber, alles ist bunt und irre und abgefahren und so über-fantasievoll, dass es einfach dermaßen Bock macht, sich die elf Folgen reinzuschauen. Dazu kommt natürlich noch der Humor, der sich ideal an die Optik anlehnt und mit Grandpa Rick eine saugute, dauerbesoffene Hauptfigur.

 

Platz 4: Gomorrha

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (24)Natürlich hat es eine Mafia-Serie im Jahre 2014 nicht einfach. Zuviele bahnbrechende amerikanische Serien hatten sich der Gegenwelt gewidmet, eigentlich scheint alles auserzählt. Nicht aber in Europa, nicht in Italien, wo die Mafia wirklich präsent ist und in der Roberto Savianos Buch „Gomorrha“ echte Schlagkraft entwickelte. Die Serienumsetzung ist  hart, realistisch, erbarmungslos und grandios inszeniert. Alleine die Bilder Neapels sind so überragend eingefangen, dass es sich alleine für diese Shots lohnt den Epos zu schauen. Die Serie hat auch schwache Momente, vor allem wenn sie den realistischen Rahmen zu Gunsten einer beschleunigten Narration verlässt, insgesamt gelingt den Machern aber ein grandioses Stück Fernsehen, das sich zeitweise wirklich mit „The Sopranos“ und „The Wire“ messen kann. Und wieder einmal fragt man sich: Wieso geht sowas nicht in Deutschland!

 

Platz 3: Kindkind

Kindkind-14Die französische Miniserie ist so wahnsinnig gut, dass es sich kaum in Worte fassen lässt. Dabei verknüpft Regisseur Bruno Dumont so viele Dinge, die ich persönlich ganz besondersliebe: Eine Coming-Of-Age-Geschichte, mit dem wohl besten Kindercharakter den es je zu sehen gab, ein ganzes Arsenal an skurrillen Dorfcharakteren, verbunden mit einer Mord-und-Totschlag-Story (der Verweis ist klar: Twin Peaks). Eine echte Sensation! Anschauen!

 

Platz 2: Fargo

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (4)Fargo ist eine Seriensensation: In einem Jahr, in dem gleich reihenweise erfolgreiche Filmkonzepte in das Serienuniversum übertragen wurden, gelang es der Serie nicht nur, den Spirit der Coen-Brothers aufzusaugen sondern darüber hinaus eine außergewöhnliche gefilmte Thriller-Geschichte zu erzählen, die immense Sogkraft entwickelte. Die vielleicht größte Stärke des in sich abgeschlossenen Projekts war die Besetzung: Martin Freeman brillierte als Normalo, der zum Soziopathen mutiert, Billy Bob Thornton erschuf mit Lorne Malvo den vielleicht bester Bösewicht der Seriengeschichte und Allison Tolman schaffte es sogar Francis McDormand legendäre Performance aus dem Original in den Schatten zu stellen.

 

Platz 1: True Detective

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (13)True Detective hatte seine Schwächen: Vor allem die Story, der rote Faden, wurde im Verlauf der Miniserie immer dünner, bis die Auflösung am Ende irgendwie klischeehaft vor sich hin enttäuschte. Aber wie konnte sich True Detective dann trotz der europäischen Perlen und einem Kracher wie Fargo die Pole Position sichern? Zunächst einmal gelang es Cary Fukanaga eine tonnenschwere Atmosphäre (inklusive Hochglanz-Look zu erzeugen), die süchtig macht und dich bereits mit dem (besten Vorspann ever) am Schlawittchen packt und nicht mehr loslässt. Außerdem liefert vor allem Matthew McConaughey aberwitzig ab. Der entscheidende Punkt ist aber das Timing: Immer wieder gelingt es dem Projekt überragende Sequenzen, Momente, Szenen oder auch nur Textfetzen auf den Bildschirm zu knallen, die dich atemlos zurücklassen.

Die Blockbuster:

Platz 5: Drachen Zähmen Leicht Gemacht 2

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (21)Hey, das Ding macht Spaß! Alles ist bunt und wuselt. Und vor allem beweist der Film in Sachen „wichtige Figuren können leiden und sogar den dramatischen Filmtod sterben“ zigfach mehr Eier als alle Marvel-Filme dieses Planeten.

 

Platz 4: Der Hobbit – Die Schlacht der fünf Heere

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (3)Der letzte Teil von Peter Jacksons Mittelerde-Sage ist aufgeblasen und überquillt vor Logiklöchern und Technik-Gewichse. Aber whatever: Das Ding ist halt ein Guilty-Pleasure und zieht dich förmlich in die Kinoleinwand hinein (vor allem in der wirklich gelungenen Auftaktszene). Ansonsten wird kaum einer traurig sein, dass Mittelerde jetzt vollends abgegrast ist.

 

Platz 3: Captain America – The Return Of The First Avanger

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (2)…verbrät seine beste Idee in einer kleinen Zwischensequenz in der Mitte des Films, in welcher irgendein Nazi-Super-Wissenschaftler in einem riesengroßen  Computerraum personalisiert wird. Ansonsten hat Captain America einen sauberen Rhythmus, angenehme Charaktere – leidet aber unter dem Marvel-typischen schwachen Antagonisten und fehlenden Konsequenz in der Narration. Die finale Actionsequenz kickt aber selbstverständlich Ärsche – Riesenraumflugzeugkampfmaschinenkriegswaffenärsche!

 

Platz 2: Snowpiercer

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (18)Bong-Jon Hoo hat mit Memories Of Murder einen der besten Filme der letzten zehn Jahre gemacht. Gemessen an seinen Frühwerken ist Snowpiercer eine Enttäuschung. Gemessen am uninspirierten Blockbuster-Kino Amerikas ist Snowpiercer aber eine Offenbarung. Das Setting, das einem Videospiel-Aufbau folgt und zig verschiedene Welten in Form von Zugwaggons herbeiruft ist wunderbar. Die Action ist typisch-koreanisch. Stylisch, gebrochen, anders. Und das macht Bock – viel mehr aber auch nicht!

 

Platz 1: Guardians Of The Galaxy

guardians-of-the-galaxy-zoe-saldana-chris-pratt…war zweifelsohne der kurzweiligste Blockbuster der Jahres. Weil er so bunt war, wie ein Jahrmarktbesuch. Weil er einen Haufen an sympathische Charaktere erschuf. Weil er trotz des undurchdringlichen, allgegenwärtige Effektegewitters mit Charme und Flow Punkten konte. Und weil er halt einfach unterhaltsam ohne Ende war. Da kam tatsächlich ein wenig Star-Wars-Feeling auf – um ihn dieser Liga mitzuspielen fehlte es aber eindeutig und trotz alledem an ernstzunehmenden Bösewichten und einem doppelten Boden.

 

Die Enttäuschung:

Sin City 2

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (14)Der erste Teil war für mein Teenager-Ich eine Offenbarung in Sachen Optik und Coolnes. 2014 sind Sin City identisch aus, erzählt aber endlos langweilige Storys im immer selben Duktus. Ich hatte wirklich Lust auf diesen Film (zumal die Comic-Vorlage durchaus noch einige gute Storys auf Lager gehabt hätte), aber das Ding war lahm, fad, zäh und glattgebügelt.

 

Dokumentation:

Jodorowsky´s Dune

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galaxy (1)Eins vorweg: Ich habe nicht viele aktuelle Dokumentationen gesehen, Jodorowskys Dune war genau genommen die einzige. Aber die Geschichte eines Films, der nie zustande kam, ist tiptop- und dabei ist es auch völlig egal, ob die vom Altmeister des experimentellen Kinos („El Topo“) aufgetischte Story in allen Details stimmt. Jodorowskys Dune schafft es das irrsinnige Konzept inklusive Orson Welles, Dali, Giger (dessen Auftritte im Film durch seinen  tragischen Tod einen besonderen Wert besitzen) per Imagination auferstehen zu lassen. Und es ist einfach witzig, wenn Jodorowsky in seinem Dialekt die Forderungen Dalis nacherzählt: „I Want Burning Giraffe!“ Ein Film über die vollendete Leidenschaft zur Kunst. Über Irrsinn, Größe und Größenwahn.

 

Deutsches:

Tatort: Im Schmerz Geboren

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (5)Es ist ein wenig bezeichnend für das deutsche Kino, dass ausgerechnet ein Tatort für den aufregendsten deutschen Film des Jahres sorgte. Es ist aber genauso bezeichnend für das deutsche Fernsehen, dass dieser Tatort in Sachen  Intensität und Kreativität, alles andere (und vor allem auch seine Tatort Kollegen) an Fernsehfilmen erbarmungslos knechtete – und „Im Schmerz Geboren“ wohl ein einsamer Ausreißer bleiben wird. Der knallbunte Thriller um Kommissar Murot war ein brachiales, wildes Zitatfeuerwerk, viel mehr als der auf Twitter herbeigezwitscherte  „Tarantino-Tatort“.Ein Stück Film, das seine Liebe zum Film offen und vielfarbig fantastisch zur Schau stellt.

 

Fernsehen:

Die Wirklich Wahre Geschichte von 3Sat

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (22)Das deutsche Fernsehen siecht vor sich hin. Es ist quotenbestimmt und sensationsgeil. Es ist grau in grau. Und es ist feige und eingestaubt. Vor allem aber, und das ist Crux, ist es fantasielos. Ein kleines Stück Fernsehen aber widersetzte sich 2014 all diesen Trends: Wir sprechen über den 30minütigen Kurzfilm/Doku/Mockumentary/Fantasie-Hybrid „Die Wirklich Wahre Geschichte von 3Sat“ von Memo Jeftic. Der auf Celluloid gebackene  Geburtstagskuchen quillt vor Einfällen und Spielformen nur so über, ist gleichermaßen irritierend, wie witzig, wie traurig, wie strange, wie wundervoll. Die Kameraarbeit zieht alle Register an Zooms, Fahrten, One-Shots, oldschool Ausschnitten- und Effekten.  Ein Eiertritt in Richtung Youtubeästhetik. Mehr, mehr, mehr davon!

 

Der Ausblick:

Birdman

Alejandro González Iñárritu dreht einen neuen, tragikomischen Film. Es geht um Superhelden und abgehalfterte Stars. Die Kritik überschlägt sich. Ich bin sowas von gehooked.

 

Inherent Vice

Vier Faktoren: Paul Thomas Anderson im Regiestuhl. Thomas Pynchon liefert die Vorlage. Johnny Greenwood dudelt den Soundtrack. Und Joaquien Phoenix spielt die Hauptrolle. Inhärent Vice dürfte der beste Film des kommenden Jahres werden.

Shakespeare – Der Sturm – Theater Konstanz

Theater Konstanz – DER STURM

„Der Sturm“ startet – wen wunderts – stürmisch. Die Bühne des Konstanzer Theater wird niedergemäht, es pfeift und kreischt von der Bühne herunter, wo wir von der Darstellerriege nur wild durch das Dunkel fliegende Gliedmaßen sehen. Da ein Kopf, da ein Arm, hier ein Hilfeschrei, dort bricht Panik aus. Das Schiff des Königs von Neapel ist dem Untergang geweiht, keiner wird dieses Inferno überleben. Was bleibt ist Zerstörung und Leere. Und eine leere Bühne. Der Auftakt der Inszenierung von William Shakesspeares Klassiker „Der Sturm“ ist eindrucksvoll und zieht den Zuschauer ab der ersten Sekunde mitten in den Text hinein und auf die Bühne hinauf. Das Setting erinnert in seiner spielerischen Darstellung des Sturmes an ein Filmset des Regiepioniers Georges Méliès – das Theater wird in den ersten Minuten des Stücks zum Frühzeit-Kino, mutiert aber alsbald zurück auf die Textebene.

Theater Konstanz – DER STURMDenn dem Ende wohnt natürlich ein Anfang inne. Und jetzt sehen wir Prospero, den eigentlichen Autoren und Strippenzieher des Sturms. Der verschmähte Herzog von Mailand strandete einst mit seiner Tochter Miranda auf dieser magischen Insel, an der nun das Schiff seines Konkurrenten zerschellte. Doch Prospero, der weltliche Herrscher, der in diesem Wunderland eigentlich dem Untergang geweiht schien, begann die magische Luft zu atmen und besiegte in der Folge die Hexe Sycorax (die wir als Zuschauer gar nie zu Gesicht bekommen), machte sich ihren Sohn Caliban zum Sklaven und befreite zusätzlich den Geist Ariel, der im fortan immer wieder zur Hand geht. Mit den Mitteln dieser neuen Welt macht sich Prospero nun daran, seine Schulden aus der alten Welt zu begleichen. Und jetzt wird klar: Er steckt hinter dem Sturm, der wie durch Zufall all seine Feinde auf die Insel schwemmt. Was nun folgt ist ein Alptraum von einem Schachspiel, in welchen Prospero alle Akteure gegeneinander ausspielt und die geordnete, politische Welt in einem Schwall von unberechenbaren, kunterbunten Faktoren zerschellen lässt.

Theater Konstanz – DER STURMShakespeares letztes Stück wirkt angesichts der Zeit und des darüberhinausgehenden Werkes des Autors beinahe wie ein postmoderner Flickenteppich, der mystische Elemente mit Bezügen zur Antike, Ideen zur Zauberei und Zitaten aus Abenteuergeschichten durch den Fleischwolf dreht. Der Text ist verwirrt und verwirrend, Traum und Experiment, eine kunterbunte, kaum fassbare Robinsonade, die aber auch gleichermaßen politische wie mystische Bilder durchdenkt und sowohl zu Beginn in einem Sturm sowie zum Ende in einer finalen Konfrontation explodiert.

Theater Konstanz – DER STURMChristine Eders Inszenierung am Theater Konstanz gelingt es genau diesen Flow und Charakter der Vorlage perfekt zu treffen. Die Konstanzer Version ist unglaublich kurzweilig, die sieben Darsteller sind durchgehend in Bewegung, nutzen jeden Winkel, jedes Schlupfloch der Bühne. Bemerkenswert ist vor allen Dingen der absolute homogene Wechseln der Rollen – ein Großteil der Darsteller übernimmt mehrere Rollen, die dann teilweise parallel auf der Bühne zu finden sind. Einzig Ralf Beckords (er mimt den Prospero), besonnenes und doch doppelbödiges Schauspiel, lässt ab und an Zeit zum verschnaufen. Ansonsten steht der Zuschauer unter einem wunderbaren Dauerbeschuss, der vollste Aufmerksamkeit fordert.

Theater Konstanz – DER STURMDer Zuschauer verfolgt mehrere Erzählstränge, in denen unterschiedliche Gestrandete zusammenfinden und die dann im Verlauf des Stückes Stück für Stück wieder zueinander geführt werden. Zwischendurch bläst immer wieder dicker Nebel auf die Bühne, ein surreales, alles in sich hinein fressendes Bild, das die Szenen zurücksetzt, das Stück scheinbar restartet. Das dabei entstehende Gewusel ist absolut kurzweilig und durchzogen von kleinen, aber feinen Happen, die das Publikum wie der (inszenierte) Liebesgeschichte der beiden Sprösslinge der Monarchen, einer total überraschende Tanzeinlage, einem ausufernden Trinkgelage, Ariels Interaktion mit den Zuschauern und, und und. „Der Sturm“ gleicht in dieser Version einem surrealen Trip, einem Traumgebilde, das sich perfekt im Motto des Theater Konstanz „Damit ich dich besser fressen kann…Märchen, Mythen und Europa“ verordnen lässt.

Und dann, zack, ist der Traum aus. Das Stück endet nach 70 Minuten, die sich effektiv wie 15 anfühlen. Was bleibt ist ein Gefühl, wie wen gewaltsam aus einem Traum gerissen wird. Der Kopf ist voller Bilder und Sprachfetzen, die alle nicht so richtig zusammenpassen und an denen man noch Stunden später zu knabbern hat, weil man sie einordnen will und weiterdenken – aber dazu nicht so richtig in der Lage ist. Oder doch?

 

Maifeld-Derby – 01.06.2014 – Mannheim

girls in hawai

Das Maifeld-Derby 2014 ist Geschichte und die Macher des Festivals blicken auf das bis dato erfolgreichste Festivaljahr zurück. Über drei Tage bespielten insgesamt 60 Bands die fünf Bühnen des Festivals und boten dabei einen breiten Einblick in die Welt und den Variantenreichtum der Independent Musik. Außerdem gab es für das Maifeld eine besonders erfreuliche Premiere: Gutes Wetter! Im Gegensatz zum vergangenen Jahr hatte sich die Anordnung der Bühnen marginal verändert. Auch 2014 stand das (vor allem auch atmosphärisch) imposante Palastzelt im Zentrum, die Open Air Stage indes wurde verschoben und bot nun mehr Platz und bessere Sicht für das Publikum. (Soweit die Stakkatomäßige Einleitung, gleich wirds emotionaler. Anmerkung des Korrekturlesers) .Dementsprechend konnte Peter Putz, Mitglied des Veranstalter-Teams, absolut positiv resümieren: „Wir sind mit einer durchschnittlichen Besucherzahl von 4000 pro Tag und ca. 12.000 über das gesamte Festivalwochenende sehr zufrieden.  Das ist noch mal ein ganzes Stück mehr als im letzten Jahr und eine schöne Bestätigung für unsere inhaltliche Arbeit. Auch die Änderungen in der Konzeption und Konstellation des Festivalgeländes wurden sehr positiv aufgenommen.
Vor allem der Festivalsonntag bot ein extrem ausgewogenes und aufregendes musikalisches Programm. Lest unsere Einblicke in einige großartigen Konzerte.

Das Maifeld Derby beginnt für uns mit dem Auftritt von Girls in Hawai. Der Bandtitel alleine klingt zunächst natürlich nach beschwinglichen Indierhythmen, Sommer, Sonne und guter Laune Geklimper. Hawai eben. Und Girls. Falsch gedacht. Girls in Hawai sind eine der spannendsten Band der nach wie vor florierenden belgischen Indieszene und spielen am Festivalsonntag eine energetische Show, die den Zuhörer in einigen Momenten tatsächlich ein wenig an das überragende Headliner-Konzert von The Notwist im vergangenen Jahr erinnert. Das heißt: Wir hören wie sich Soundschicht über Soundschicht legt, ehe sich vor der dunklen Maifeld-Bühne eine regelrechte Lärmwand auftut, die sich dann Tsunami-artig über das Publikum ergießt. Stark! Vor allem die letzte Song, der sich über Minuten aufbaut, verschiedene Stile kombiniert und im Anschluss in einem Jamorkan alles einreißt, überzeugt  und zwar auf ganzer Linie. Von dieser Band werden wir noch einiges hören.

Weiter geht’s draußen mit The Elwins. Und die machen genau die Art von Musik, die man eigentlich (als Namendeuter) von Girls in Hawai erwartet hätte (Beschreibung siehe oben). Das ist ganz nett und passt natürlich wunderbar in den Sonnenschein, aber insgesamt ist diese Art von Musik doch ein wenig zu angenehm und rutscht einem ein zu schnell die Gehörgänge hinunter. Den Kanadiern fehlt ein Ticken an Ecken und Kanten, Sounds, die sich in den Ohrmuscheln festkrallen. Immerhin tanzen unzählige Mädchen mit Blumenkränzen in den Haaren. Denn: Die Sonne scheint. Am Maifeld (!).

Spannender wird es im Anschluss im Palastzelt: Dort marschieren nämlich Temples auf die Bühne, die zuletzt vor allen Dingen in Großbritannien einen ordentlichen Hype erfahren haben (und auch hier darf der Hinweis nicht fehlen, dass sowohl Johnny Marr, als auch Noel Gallagher die Truppe aus Kettering als „die heißeste junge Band der Insel“ bezeichnet haben. Ritterschlag von Atombombenausmaß). Am Maifeld-Derby beweisen „Die Tempel“ (sorry!) wieso: Zunächst einmal besitzt Frontmann James Edward Bagshaw der imposantesten Naturafro der Rock´N´Roll-Szene seit Wolfmother Boss Andrew Stockdale. Des Weiteren ist das Psychodelic-Geschrammel, dass die zierliche Band auf die Bühne klatscht absolut imposant und erfrischend. Zack und Bämm. Vollgas und geradeaus. Einer aus dem Publikum schreit „You Guys Are Amazing.“ Von der Bühne antwortet ein gelangweiltes, kaum wahrnehmbares Nicken der Marke „Wissen wir schon lange“. Rock`N´Roll eben.

Das Bühnenpendeln geht weiter. Als wir uns aus der Dunkelheit des Zeltes schälen erfolgt die wettertechnische Überraschung. Wo uns zuvor blendende Sonnenstrahlen die an die Dunkelheit gewohnten Netzhäute verätzten, klatschen uns jetzt dicke Regentropfen ins Gesicht. Das Maifeld hat eben einen Ruf zu verteidigen. Der Schuldige ist schnell gefunden und gibt das auch noch unverfroren zu: Hozier kommt aus Irland und natürlich hat er den Regen mitgebracht. Eigentlich müsste man ihm dafür böse sein, würde er nicht in der Folge ein Konzert spielen, das absolut in Erinnerung bleibt und den Titel der „Überraschung des Sonntags“ ganz locker einstreicht. Frontmann Andrew Hozier-Byrne hat eine fantastische Stimme und schlägt dunkle, bewegende Töne auf seiner Bluesgitarre an, während seine Band, inklusive Piano und Streicher, den Singer-Songwriter-Kompositionen eine unglaubliche Tiefe und Größe verleiht. Das ist Bluesrock vom Feinsten, irgendwie dunkel und traurig, irgendwie tanzbar und angenehm. Ein wenig erinnert das an die frühen Kings Of Leon gepaart mit irischer Gelassenheit. Vor allem „Take Me To Church“ ist ein Song der genau hier, an diesem Ort, im kalten Regen aber so was von in Erinnerung bleibt.

St. Vincent surfen gerade auf einer ordentlichen Hype-Welle. Die Feuilletons überschlagen sich ob Anne Erin Clark musikalischer Vielseitigkeit. Den Mrs. Clark (und um diese Assoziation kommt man irgendwie nicht herum) ist so etwas wie die Lady Gaga der Independet-Szene und kann genau diesen Vergleich vermutlich absolut nicht mehr hören. Das Konzert ist vor allen Dingen von einem gehörigen Grad der Unberechenbarkeit geprägt: Hier scheppern böse Elektrosequenzen in durchdringende Poprhythmen, die dann wieder in klassischen Indiefrequenzen zergehen. Hm. Wow. Oha. So richtig in Worte fassen lässt sich eine Show von St. Vincent nicht. Und irgendwie ist das ja auch gut so. Clark offenbart vor allen Dingen ein immenses musikalisches Talent und eine beeindruckende Bandbreite, die sie bis zu den letzten Zentimetern ausbreitet und abmarschiert. Und natürlich ist das alles irgendwie noch Experiment, ein Ausloten der Möglichkeiten, das in letzter Konsequenz aber nicht komplett aufgeht, weil die letzte, die finale Radikalität doch ausbleibt.

Wye Oak indes spielen eine wunderbar berechenbar schöne Art von Musik. Die Sonne ist zurück, man stellt sich entspannt in die ellenlange Crepes-Schlange und das Duo aus Baltimore bildet damit das ideale Bindeglied zwischen der wilden, ausufernden St. Vincent Show und….

The National. Dieser Name thronte in diesem Maifeld-Jahre über allem – zum einen, weil das Maifeld-Team bis dato noch nie einen Bandfisch von einem solchen Ausmaß an Land gezogen hatte (immerhin gilt The National als Lieblingsband von Barack Obama), zum anderen haben sich die beinahe beängstigenden Livequalitäten der Band mittlerweile nachhaltig herumgesprochen. Und eins vorweg: Die Band um Sänger Matt Berninger enttäuschte trotz gigantischer Erwartungen nicht eine Sekunde und dürften( Stand 2014) wohl wirklich eine der besten (oder halt eben die beste) Live-(Indie)band unseres Planeten sein. Hallo Superlativen. The National live besticht mit zwei verschiedenen Faktoren: Nummer 1 ist das Niveau der Musiker – die beiden Brüderpaare Aaron und Bryce Dessner und Bryan und Scott Devendorf entwerfen grandiose, vielschichtige, wunderbare Klanguniversen, die immer wieder von sensibel eingesetzten Bläserbombast an den Rand der Implosion getrieben werden. Gigantisch! Faktor zwei ist indes Matt Berninger. Der Irre. Berninger ist unberechenbar, superwitzig und meistens (zumindest gefühlt) stockbesoffen. Er zertrümmert Mikrofonständer nach Mikrofonständer, reißt so manchen Flachwitz, marschiert wie ein Tiger über die Bühne und zum Abschluss des Konzertes immer wieder mit ellenlangen Mikrofonkabel ins Publikum. Und egal wie und in welchem Zustand, egal an welchen Ort: Berninger singt sich die Seele aus dem Leib und legt sie dann noch seinem Publikum zum Füßen. Und wir im Publikum möchten mitschreien, wenn Berninger schreit, möchten mit weinen, wenn seine Stimme fast zerschellt. Am Maifeld sind The National zusätzlich mit Lightshow angereist, was das Gesamtkunstwerk noch einmal abrundet und um entscheidende Nuancen erweitert. Zum Abschluss gibt es eine fabulöse Unplugged Version von „Vanderlyle Crybaby Geeks“, die das Publikum zunächst zum Mitsingen aus vollen Kehlen animiert und ebendiese nach Abschluss des Konzerts offen stehen lässt. Mehr geht nicht.

Das ist definitiv der perfekte Festivalabschluss! Eben so wie es sein sollte.
P.S.: Das Maifeld liebte The National – und augenscheinlich beruhte die Wertschätzung auf Gegenseitigkeit. In seiner abschließenden Pressemitteilung berichtet Festivalmacher Timo Kumpf: „The National haben sich noch einmal ganz persönlich bei uns für das tolle, selbstgekochte Essen, die gesamte Betreuung und den hochprofessionellen Ablauf in allen Aspekten bedankt. Der Band hat es bei uns sehr gut gefallen, was man ihrem Auftritt auch durchaus angemerkt hat, denke ich. Für mich und mein Team ist das eine große Bestätigung.

 Maifeld-Derby – Vorbericht und Interview

maifeld derby

Aus dem übersättigten Festivalnährboden Deutschlands sprossen in den vergangen Jahren so viele neue Festivals, dass man selbst als geneigter Musikfan schnell Gefahr läuft, den Überblick zu verlieren. 2014 finden wir beinahe in jedem Ort, zumindest jedoch in jedem Landkreis ein eigenes Festival – die Spanne reicht dabei von Giganten wie dem Southside oder Rock am Ring, über Mainstream-Events bis hin zu größeren Dorffeten. Das Problem: Quantität ist nur selten mit Qualität gleichzusetzen! Vielen Veranstaltungen fehlt es an Charme, Risikobereitschaft, Ideenreichtum und vor allem aber an aufregenden Lineups. Zahlreiche Bands überschneiden sich, die Buchungen folgen meist aktuellen Hypes oder dem unabdingbaren Drang nach Party. Vor diesem Hintergrund tut es besonders gut über ein Festival wie das Maifeld-Derby zu stolpern, das ganz bewusst einen anderen Weg geht.

Aber von vorne: Auch das Maifeld-Derby ist noch nicht lange der Kinderwiege entstiegen. 2014 findet das Festival auf dem Mannheimer Maimarkt Gelände nunmehr zum vierten Mal statt. Doch das Derby war von Beginn an anders. Das zeigt alleine ein kleines, aber feines Detail: Das Zeitplan des Festivals offenbart sage und schreibe fünf Bühnen und bietet genau deshalb für alle Arten und Größen von Bands ausgiebige Spielzeiten bei möglichst geringen Überschneidungen. Es wird klar: Hier geht es um Musik – der Hardcore-Festivalgänger könnte sich theoretisch zumindest ein gutes Stück Musik von jeder der insgesamt 60 Bands zu Gemüte führen.

Und ebendiese 60Truppen bieten eine gehörige Bandbreite. Die grundlegende Ausrichtung des Festivals liegt sicherlich im ungeheuer undefinierten Bereich der Indie-Musik. Wie weit dieses Feld ist, konnte man bereits im vergangenen Jahr feststellen, als man als Maifeld-Gänger bereits am ersten Abend sowohl die Progstoner-Giganten Kadavar, als auch eine denkwürdige Show von The Notwist hören konnte (Hier gehts zu unserem Bericht von letzten Jahr -KLICK-). Auch 2014 gibt es unglaublich viel zu entdecken. Zu den Highlights des Lineups gehören sicherlich die fantastische Future Islands, deren Frontmann Samuel T. Herring wohl zu emotionalsten und außergewöhnlichsten Performern des ganzen Rock´N´Roll-Zirkus gehört. Am Festivalsamstag teilen sich zwei Bands den großen Auftritt im Palastzelt des Festivals: Zunächst entert Lokalmatador Konstantin Gropper a.k.a. Get Well Soon die Bühne. Gropper entstammt der Mannheimer Popakademie und seine orchestraler, vielschichtiger Musikentwurf sucht nach wie vor national wie international seines Gleichen.

Zweiter Samstagsheadliner sind Warpaint, die psychodelische Indie-Elektronik-Experimental-Supergirlgroup, die einst zusammen mit John Frusciante musizierten und Live stetig für offene Münder sorgt. Der ganz große Fisch zappelt aber erst Sonntag-Abend im Netz: The National waren 2013 eine präsentesten und erfolgreichsten Indiebands – das spielt aber eigentlich keine Rolle. Denn The National mit ihrem besessenen und unendlich sympathischen Frontmann Matt Berninger sind schlicht und einfach eine absolut grandiose Liveband mit einen scheinbar unendlichen Fundus an absoluten Hymnen. The National und das Maifeld-Derby – das passt wirklich wie der viel zitierte Arsch auf Eimer!

Knapp eineinhalb Wochen vor dem Festival ergab sich die Möglichkeit einige Fragen an Timo Kumpf, den Veranstalter des Maifeld-Derby und Matthias Rauch (Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Clustermanagement Musikwirtschaft) zu richten. Die Antworten wollen wir euch selbstverständlich nicht vorenthalten.

 

1. Was genau sind eure Aufgaben im Organisationsteam des Maifeld Derby?

Timo Kumpf: „Als Geschäftsführer habe ich die Verantwortung über alle Bereiche, von der Produktion über die Promotion bis hin zum Programm. Die Schwerpunkte verschieben sich im Laufe des Jahres. Zunächst steht neben Partnerakquise das Programm im Vordergrund, bevor es dann an die Details geht. Eine Spezialisierung darüber hinaus ist momentan leider noch nicht möglich, aber langfristig arbeite ich daran, mehr Verantwortung abzugeben.

Matthias Rauch: „Seit diesem Jahr unterstütze ich das Maifeld Derby Team bei der Pressearbeit und der Kommunikation. Ich arbeite als PR-Verantwortlicher für das Clustermanagement Musikwirtschaft Mannheim & Region. Wir sind Netzwerker und Strukturförderer innerhalb der regionalen Musikwirtschaft. Wir haben in den letzten Jahren unter anderem den VIP-Empfang des Maifeld Derbys ausgerichtet. Dieses Jahr unterstützen wir das Festival vor allem personell.

2. Das Maifeld-Derby geht nunmehr in seine vierte Ausgabe – was wird 2014 anders sein? Gibt es Fehler, aus denen ihr gelernt habt? Gibt es Neuerungen?

Timo Kumpf: „Es gibt immer Dinge, die man verbessern kann und daran arbeiten wir nach unseren Möglichkeiten ständig. Aber größtenteils sind das Dinge, die sich hinter den Kulissen abspielen. Für die Besucher versuchen wir natürlich ständig am Konzept zu feilen und dies zu verbessern. Die größte Veränderung ist, dass wir aus den anfänglich 3 Bühnen nunmehr 5 gemacht haben. Es gibt erstmals eine Aftershow Party im Maimarktclub bis 5.00Uhr morgens. Da geht’s dann elektronischer und tanzbarer zur Sache als beim „normalen“ Festivalprogramm.

Matthias Rauch: „Es gibt auch sehr viele Dinge, die wir gerne fortführen wollen. So ist es uns nach wie vor wichtig, die Details nicht aus dem Blick zu verlieren und eine sehr intime und familiäre Atmosphäre während des Festivals zu schaffen. Hier greifen sehr viele Faktoren ineinander, die von der Dramaturgie des Line-Ups bis hin zum Catering und der Gestaltung des Geländes reicht.

3. Wo soll es mit dem Maifeld-Derby hingehen? Gibt es Grenzen?

Timo Kumpf: „Naja, wir sind schon so ziemlich an der Grenze dessen was das aktuelle Konzept hergibt. Spätestens bei 5000 Besuchern ist unser Gelände erschöpft und aktuell ist es nicht angedacht, daran etwas zu verändern. Das würde dann auch das Besondere, familiäre Ambiente gefährden und das wollen wir glaub ich nicht riskieren.

Matthias Rauch: „Wie Timo schon sagte, geht es uns nicht um Wachstum um jeden Preis. Wir haben nichts dagegen zu wachsen und tun dies ja auch, aber nur wenn wir gewährleisten können, dass wir bestimmte Aspekte nicht komprimittieren müssen.

4. Bei der Dichte an Festivals, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, ist die Konkurrenz natürlich groß. Was ist für ein „junges Festival“ besonders wichtig, um sich zu etablieren und sich von der Masse zu unterscheiden?
Timo Kumpf: „Ich denke neben Programm und gekonnter Umsetzung gibt es noch viele weitere Parameter. Zum einen das liebe Wetter, wobei man das ja nicht im Griff hat, zum anderen noch langweilige Themen wie Finanzierung oder ganz banal auch Geländeverfügbarkeiten. Es kann einfach immer alles passieren und damit muss man dann umzugehen wissen. In unserem Fall war die Szeneangehörigkeit als Musiker von Get Well Soon und das daraus resultierende Netzwerk sehr wichtig. Da merken Bands und Besucher, dass wir da kein Businessmodell zusammengeschustert haben, sondern dass wir hier ein Herzensprojekt umsetzen. Das ist dann auch unser Alleinstellungsmerkmal, wir stehen sehr auf Details.

Matthias Rauch: „Ich glaube, die meisten Besucher des Festivals sind sehr inhaltlich interessiert und wollen die Musik genießen und auch neue Bands entdecken. Und wir wollen dafür einen sehr angenehmen Rahmen bieten. Bei uns wird man keine langen Warteschlangen, kein überteuertes Essen sowie keine Dixieklos ertragen müssen. Abgesehen davon, dass Timo auch dieses Jahr wieder ein hervorragendes Programm zusammengezimmert hat.

4. Wie setzt ihr euer Line-Up zusammen? Was ist euch bei der Bandauswahl wichtig?

Timo Kumpf: „Das ist auch immer so eine Bauchentscheidung. Ich buche, was mir gefällt. Klar hat sich im Laufe der Jahre auch der Anspruch entwickelt, möglichst aufstrebende Bands kurz vom Durchbruch zu verpflichten, aber im Endeffekt entscheiden Qualität und der persönliche Geschmack.

5. Was ist deine Meinung zur Headliner Verpflichtung von The National? Ich könnte mir vorstellen, dass da bei der Ausrichtung des Festivals ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen ist?

Timo Kumpf: „Naja, das ist schon eine krasse Sensation. Wir freuen uns auf diese tolle Band und haben lange gebraucht, um das zu glauben! Aber um auch das mal klarzustellen: Die sind im Vorfeld schon so nett und normal, dass sich das alles schon normalisiert hat und auch THE NATIONAL eine ganz normale Band in einem bunten Portfolio toller Musikgruppen sind.

Matthias Rauch: „Wir freuen uns natürlich sehr, dass das mit The National geklappt hat, allerdings muss sich das gesamte Programm keinesfalls verstecken. Ganz im Gegenteil. Die Verpflichtung von The National trägt sicherlich dazu bei, dass das Festival noch stärker als bisher international wahrgenommen wird. Wir haben sehr viele Anfragen aus dem europäischen Ausland, was uns natürlich sehr freut.

6. Hast du Geheimtipps, was man als Besucher auf keinen Fall an kleinen Bands verpassen sollte?

Timo Kumpf: „Das hab ich beim Programm noch vergessen: Alle Bands sind unsere Geheimtipps! In diesem Jahr hervorzuheben sind vielleicht Hozier, Wye Oak, Son Lux, Anna Aaron, Bilderbuch, Lambert und eigentlich auch alle anderen. Also nix verpassen, denn es könnte deine neue Lieblingsband sein!

Matthias Rauch: „Ich freue mich besonders auf Bands wie Future Islands, Sohn, Monochrome, Hundreds oder auch Get Well Soon, die mit Streicher- und Bläserensemble auflaufen werden. Sollte man alles tunlichst nicht verpassen.

Triggerfinger – Kulturladen Konstanz – 28.04.2014

trigg (1)Die ersten 20 Minuten des Triggerfinger-Konzert im Konstanzer Kulturladen sind eine klare Ansage an all jene Konzertbesucher, die das belgische Trio nur mit ihrem Über-Coverhit „I Follow Rivers“ assoziieren: Die Band fegt mit einem 20 minütigen, beinharten Songtornado auf die Bühne und lässt sich und seinem Publikum kaum eine Verschnaufspause. Zu hart, zu schnell, zu laut ist dieser furiose Auftakt – und all jene, die eingängigen Radio-Schmuse-Pop erwartet haben, finden sich jetzt definitiv im falschen Film. Klatsch! Ohrfeige. Und Triggerfinger versuchen auch in der Folge sich in keinster Weise bei ihrem Publikum anzubiedern oder Erwartungen zu erfüllen – und dazu besteht auch keinerlei Bedarf. Denn die Band besitzt eine bewegte, eigenständige, sieben Alben starke Bandvergangenheit und eine außergewöhnliche Livepräsenz.

triggDiese offenbart sich schon in der Präsentation der Truppe. Triggerfinger könnte direkt aus einem Comicuniversum oder aus einem Tarantino-Film stammen: Da steht rechts der hünenhafte Paul Van Bruystegem, den kahlen Schädel poliert, die Sonnenbrille tief im Gesicht und stoisch an den Basssaiten zupfend. Im Zentrum thront das Schlagzeug von Mario Goossens, dem dauergrinsenden Schlaks im kunterbunten Anzug, dem während seiner Schlagzeugsoli zwei weitere Arme zu wachsen scheinen. Und links folgt dann Ruben Block, dessen Gesicht man seit dem Hype direkt mit Triggerfinger verbindet. Er trägt feinen Zwirn und einen mächtigen schwarzen Schnurrbart und hat seine graue Mähne im Vincent-Vega-Style nach hinten geklatscht.

Aber Triggerfinger? Nie gehört! Den meisten Hörern in Deutschland war die belgische Band 2012, dem Jahr als „I Follow Rivers“ die Welt eroberte, kein Begriff. Dabei ist das Trio aus Antwerpen alles andere als ein One-Hit-Wonder und seit seiner Gründung im Jahre 1998 ein fester Bestandteil der aktiven, dynamischen belgischen Indieszene. In der Heimat längst Rockstars, teilten Triggerfinger über Jahre das selbe Schicksal wie ihre belgischen Kollegen von Deus oder Absynthe Minded: Trotz enormer Qualität und obwohl ihre Musik in Indie und Insiderkreisen längst dauerrotierte, blieb der Sprung auf die ganz großen Bühnen zumindest außerhalb von Belgien aus.

Doch dann kam „I Follow Rivers“ und die Welt der Band drehte sich fortan anders herum:

Es macht für uns keinen Unterschied, ob wir diesen Erfolg mit einem unserer eigenen Songs, oder mit einem fremden Stück erreicht haben. Die Leute mögen unsere Interpretation – das ist das Wichtigste.“, meint Sänger und Frontmann Ruben Block. Natürlich hat sich seither auch das Publikum verändert, das zu Triggerfinger-Shows strömt: „Viele Menschen kennen uns nur wegen dieses einen Songs. Wenn sie zu unseren Shows kommen, kann man den Gesichtern entnehmen, dass sie nicht wirklich wissen, was sie erwarten sollen.

triggyMusikalisch erfolgt nach dem Punkrock-Gewitter ein kleiner Bruch – Triggerfinger spielen nun blues- und songlastiger und Ruben Blocks Stimme, die sich zuvor kaum durch den wilden Sturm hindurch beißen konnte, rückt nun stärker ins Zentrum. Das Gesamtkonstrukt indes huldigt auf einem klassischen, oldschool Rock´N´Roll Unterbau so ziemlich jeder Bewegung die Rockmusik in den vergangenen beiden Jahrzehnten geprägt hatte: Wir hören Grunge-Gejaule, Garage-Gejamme, entspannt Stoner-Sounds, ausufernde Prog-Programme. Das Zuhörer-Gehirn baut stetig Brücken und Assoziationen, entdeckt ein bisschen Nirvana, ein wenig The Hives, eine Menge Black Rebel Motorcycle Club, vermischt zu einer eigenständigen, energetischen Mischung, die immer wieder von kleinen, abweichenden Nuancen durchbrochen wird.

Etwa wenn Block sich vom Mikrofon entfernt und seine unverstärkte Stimme plötzlich alleine durch den Kula rauscht, wenn Goossens zu einem hyperaktiven, hypnotischen Solo antrommelt und seine Mitstreiter ihn dazu mit Lichtkanonen beschießen oder wenn ein Vollblut-Fan Block eine Songzeile vorweg nimmt – „I lost my faith“- und der Sänger direkt an ihn anknüpft: „Oh, he lost his faith.“

Und dann ist da ja noch der Joker, der Hit, der Dosenöffner. Keine Frage,  „I Follow Rivers“ ist in der Triggerfinger Version ein besonderer Song. Live zergeht er in einer dahin gehauchten ersten Strophe von Falcos „Jeanny“. Das ist absurd. Und seltsam. Und anders. Und schön. Und wir möchten uns bedanken, bei „I Follow Rivers“, weil er uns diese Band hier aufgetischt hat.

Arcade Fire, Reflektor, Universal

Reflekt Yourself!

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (1)

Arcade Fire, der Inbegriff der Liebhaberband, das Schmuckstück, dass man immer offen und nerdig zur Schau tragen konnte, sind nun ganz oben angekommen. Auf dem Thron. Und zwar nicht als Sidekick, Besucher oder Götterbote, sondern als Boss, als thronende Macht, deren Aura so markant ist, dass die ganze Erde innehält, wenn sie ihre musikalischen Blitze nach unten verballert. „Reflektor“ hielt die Welt in Atem – und enttäuscht. Wieder einmal. Genau wie „The Suburbs“, dass heute vielleicht die beste Scheibe dieser unfassbaren Band ist. Zur groß sind stets die Erwartungen, sodass wir als Fans vergessen, dass Arcade Fire nie und nimmer beim ersten Hördurchgang zünden, dass sich diese Kompositionen entwickeln müssen, dass immer erst nur ein zwei Songs hängen bleiben, ehe der Rest zu Monstern heranwächst, die dich nicht mehr loslassen. Die dich aufressen wollen. Entsprechend ist es für diese Review zu früh. Fragt mich doch in einem Jahr nochmal. Die aktuellen Eindrücke sind noch zu frisch und unverarbeitet und doch zeichnet es sich langsam wieder ab: Die neue Arcade Fire wird auch in diesem Jahr alles in den Schatten stellen, was die Gitarren-Popmusik präsentiert. „Reflektor“ ist bunter und lebendiger als die Vorgänger, ein bisschen Flaming Lips mäßig, aber doch typisch. Hymnisch. Zitatereich. Barock. Göttlich.

Eminem, The Marshall Mathers LP 2, Interscope (Universal)

Zurück im Olymp

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (5)Es dauert genau einen Song, um zu verstehen, dass wir gerade Ohrenzeuge der musikalischen Wiederauferstehung und vollständigen Reinwaschung eines Jahrhunderttalents werden. Die erste Komposition des neuen Eminem Albums „The Marshall Mathers LP 2“ heißt „Bad Guy“ und dauert geschlagene sieben Minuten und vierzehn Sekunden – eine geradezu epische Länge für einen Opener, die wohl 90 % aller HipHop-Veröffentlichungen direkt das Genick brechen würde. Doch „Bad Guy“ ist mehr als ein Song: Er ist Rückbezug und Zitat, HipHop-Oper und Raproman, Ausstellung und Kritik an den eigenen Fähigkeiten, Reflexion und umarmende Klammer um das Schaffen des vielleicht einflussreichsten Popmusikers der vergangenen eineinhalb Dekaden. Der Auftaktsong knüpft an einer entscheidenden Song-Stelle in Eminems Karriere an: „Stan“ war die herausragende Ballade der ersten „Marshall Mathers LP“ und erzählte die Geschichte eines fanatischen Fans, der sein gesamtes Leben auf Eminem ausrichtete – und dabei sich und seine Familie zu Grunde richtete. Der Hit verhalf Sängerin Dido, die damals die Hook einsang, zu einer Weltkarriere und öffnete Eminem (und damit auch HipHop im Allgemeinen) endgültig die Türen zur breiten Masse. In „Bad Guy“ erzählt der Rapper nun Stans Geschichte aus der Perspektive von dessen kleinen Bruder Matthew weiter. Doch damit nicht genug: Eminem versetzt sich nicht nur auf Textebene in die von ihm geschaffene Figur, er begibt sich auch qualitativ auf deren Rapniveau. Das Album beginnt also gewollt mit Eminems wohl miserabelster Performance – erst im Verlauf des Songs steigert der Rapper die Qualität seines Sprechgesangs linear auf ein Höchstlevel, um in einem Finale Furioso das Gesamtkonstrukt in Stücke zu zerreißen. In einem finalen poetologischen Bruch wechselt der Sprachkünstler zurück in seine eigene Haut und entlarvt Matthew als bloßen sprachlichen Kunstgriff, der es ihm möglich macht, die eigenen Schwächen mitzudenken. Wahnsinn! Und vergessen sind die drei zurückliegenden Alben, die zwar allesamt Bestseller waren, aber den Mythos Eminem zunehmend dekonstruierten und den Rapgott wieder zum Menschen machten

Dass sich Eminem auf seinem Weg zurück nach ganz Oben ausgerechnet (und nur wenig subtil) an der „Marshall Mathers LP“ orientiert ist nur wenig verwunderlich – die 2000 veröffentlichte Scheibe ist das frühe Opus Magnum des Detroiter Rapper, ein moderner Klassiker und Offenbarungseid. Damit die vielfach codierte Wiederbelebung so organisch wie möglich von Statten gehen konnte, hat sich unser Lazarus eine ganze Armada von Produzenten ins Boot geholt. Angeführt wird das Kommando von Eminems Mentor Dr Dre, außerdem gibt sich Rick Rubin die Ehre, der seine Fähigkeiten als Defibrillator für festgefahrene Kreativkarrieren schon zigfach unter Beweis stellte. Analog zu den beiden Masterminds besitzt die Platte zwei Gesichter. Das erste folgt dem Diktum von „Bad Guy“ und verzahnt sich immer wieder mit den antreibenden Song-Zahnrädern aus Eminems Gesamtwerk. Da tönen total abgedrehte Eulenspiegel-Hymnen mit schräg eingesungenen Refrains, dort pumpen heroische Durchalteparolen im Stile des Oscar prämierten „Loose Yourself“. Doch Eminem, heute 41, beschränkt sich nicht aufs bloße Zitieren. Er denkt seine Ursprungs-Ideen entscheidend weiter und reflektiert im Prozess seine eigenen Ängste, sein Scheitern, seine Endlichkeit – als Künstler wie als Mensch. Und dann ist da noch das zweite, das all umfassende Gesicht, das nicht nur die eigene Geschichte begutachtet, sondern das große Ganze in den Blick nimmt. Stellvertretend dafür stehen zum einen die Vorabveröffentlichung „Berzerk“, getrieben von einem Rick Rubinschen Run-DMC-Gedächtnisbeat und zum anderen die futuristische Kollaboration „Love Game“ mit Wunderkind Kendrick Lamar. Und so wird „The Marshall Mathers LP 2“ zum Epos, das erinnert, zitiert, erfindet und voraus blickt. Und zu dem Werk, das Eminem endlich wieder in den Olymp zurück hievt. Oder wie er selbst sagt: „Why be a king when you can be a god!“

Nine Inch Nails, Hesitation Marks, Polydor Records

Den Finger am Puls der Zeit

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (6)Trent Reznor ist ein Berseker. Ein Wahnsinniger. Einer, den du nicht kontrollieren kannst. Dementsprechend agierten die Nine Inch Nails bisher auch im Studio. Mal visionär, bahnbrechend, großartig, mal zu verkopft, zu seltsam, zu wahnsinnig. Fünf Jahre ist es mittlerweile her, dass es neues NIN-Material auf die Ohren gab – fünf Jahre, in denen Reznor fantastische Filmmusik für David Fincher komponierte, die digitale Revolution erforschte und offensichtlich eine Menge elektronischer Musik hörte. Denn genau dort – vor allem im Dubstep – hat Reznor Anleihen gesucht und gefunden und damit einmal mehr den Finger am Puls der Zeit. Als Konsequenz aus dieser Entwicklung – sowie des persönlichen Reifungsprozesses – klingt „Hesitation Marks“ für ein NIN-Album außergewöhnlich poppig. Die musikalischen Brüche sind nicht mehr so brutal, die Riffs nicht mehr so erbarmungslos, Reznors Stimme nicht mehr so gehetzt. Es klingt beinahe so (und hoffentlich erfährt er das nie) als hätte Trent Reznor seinen inneren Frieden gefunden. Am Ende ist das aber kein Widerspruch: Der Unberechenbarkeit liegt auf „Hesitation Marks“ eben in der Berechenbarkeit.

Arctic Monkeys, AM, Domino Records (Goodtogo)

Das Märchen geht weiter

DieThees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (2) mittlerweile beinahe totzitierte Wandlung der Arctic Monkeys nimmt in der Enzyklopädie des Rock´N´Roll den Status eines Märchens ein. Es war einmal das dreckige, verspielte kleine Garagenpunk Entchen, dass sich unter der Anleitung des legendären Wüstenfuchses Josh Homme zum schönen Stoner-Schwan wandelte. Doch die Arctic Monkeys sind 2013 keinesfalls eine Bilderbuchband, sondern viel eher ein vielköpfiger, vielschichtiger, bissiger, schwarzer Schwan – und (nach der Auflösung von Oasis) Englands Vorzeigeband numero uno. „AM“ führt den eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Oder eben auch nicht. Die Scheibe besinnt sich ein Stück weit auf die alten Tugenden der Band – eingängiges Songgeschepper – und lässt gleichzeitig unfassbare, geheimnisvolle Songmonster von der Kette. Da ist zum Beispiel „Why’d You Only Call Me When You’re High?“ – rauschend, dunkel, trippy, kratzend auf der einen Seite, eingängig, mit hundertprozentigen Wiedererkennungswert auf der anderen. Alex Turners Stimme rückt noch zentraler in der Vordergrund, wird aber immer wieder gepitcht und verdunkelt. Und so werden die Arctic Monkeys auch mit „AM“ einige Fans vergraulen, einige andere dazugewinnen – vor allem aber bleiben sie in Bewegung, in der Diskussion. Und das ist das, was die ganz großen Bands in den vergangenen Jahrzehnten auszeichnete.

Thees Uhlmann, #2, Grand Hotel Van Cleef

Der zweite Streich

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, NeuWenn ein Musiker seine Band verlässt und fortan auf Solopfaden sein eigenes Ding durchzieht kann das mehrere Gründe haben: Künstlerische Freiheit, Selbstinszenierung, die Erschließung neuer musikalischer Räume. Qualitätssprünge sind in den allermeisten Fällen nicht zu erwarten. Meist klingen die Soloprojekte so anders, dass sie keiner mehr einordnen kann und will, oder eben doch genau so wie die ad acta gelegte Band – nur schlechter. Und jetzt das Gegenbeispiel. Mit seinem ersten Soloalbum hievte Thees Uhlmann sein Songwriting auf eine ganz neue Stufe – Uhlmann schien geradezu befreit, übersprudelte förmlich vor Energie und Ideen und spielte mit seinem eigenen Material alles an die Wand, was er zuvor mit Tomte fabriziert hatte. Nun also der zweite Streich: Uhlmann gelingt durch die Betonung von Nuancen der Entwurf eines ganz eigenen, neuen Sounds. Da ist das Grundgerüst im Stile des deutschen Indies, da sind die Heartland-Heimat-Herzblut-Anleihen bei Bruce Springsteen und da ist diese neue merkwürdige Art des Textens und Musizierens, die Uhlmann mit seinem Buddy Casper prägt – inklusive kleiner Beobachtungen, Pianoanschlägen, Chören, Streichern. Heraus kommen Songperlen wie „Am 07. März“ oder „Zerschmettert in Stücke (Im Frieden der Nacht)“.

Pearl Jam, Lightning Bolt, Republic/Universal

Der Sturm

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (4)Ein lyrisches Bildelement dominiert die neue Pearl Jam Platte „Lightning Bolt“: Es blitzt und donnert aus allen Richtungen, es wird über- und mitgeschwemmt, niedergebrannt und zerstört und zerschlagen. Die Natur schlägt erbarmungslos zurück und mittendrin, im Auge des Sturms, stehen Pearl Jam und ihre mittlerweile ausgedünnten Grungemähnen wehen nach wie vor im Wind. Die Platte ist offensichtlich ein energetischer Aufschrei: Wir sind immer noch da. Wir sind immer noch relevant. Wir sind immer noch wütend, vital und immer noch Punk! Vor diesem Hintergrund wirkt „Lightning Bolt“ wie ein polarer Gegenentwurf zu Eddie Vedders fantastischen Singer-Songwriter-Experimenten, die den Rückzug in die Natur predigten, aber auch als klares „Nein!“ in Richtung all jener, die Pearl Jam bereits in der Stadion-Mitgröhl-Schublade abgelegt hatten. Insbesondere das Triumvirat zum Auftakt, bestehend aus der fast penetrant Pearl Jam typischen Komposition „Getaway“, der rasanten Punkrock-Nummer „Mind Your Manners“ und der textlastigen Mischung aus diesen beiden Bausteinen („My Fathers Son“) offenbart, diese Band ihren eigenen Ansprüchen immer noch gerecht wird. Und natürlich klingt Pearl Jam immer noch nach Pearl Jam, immer noch nach 90er Grunge und Holzfäller-Hemden. Die Varianten sind spärlich gesät, blühen aber umso auffallender. Und genau das ist der Grund, warum so viele Menschen dieser Band treu geblieben sind. Und treu bleiben werden.

Casper, „Hinterland“, Four Music

Der Messias?

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (8)Bis vor wenigen Jahren war der Ruf des deutschen HipHops denkbar miserabel. Die Öffentlichkeit betrachtete die Szene größtenteils als einen Brei von Nachahmern der unerreichbaren amerikanischen Vorbildern, als Möchtegern-Gangster und Sprachvergewaltiger. Mittlerweile hat sich dieses Bild gedreht, der deutsche HipHop ist hybrid, in stetiger kreativer Bewegung und geprägt von einer supererfolgreichen Genreoffenheit. Das Saarbrücker Duo Genetikk trumpft mit dunklen Beatarbeit und Beastie Boys Flow, Prinz Pi, ehemals Prinz Porno, ist heute Jugendsprachrohr mit Beatles-Anleihen, der Autodidakt Alligatoah spielte ein kunterbuntes Comedy-Pop-Album ein. All diese Künstler enterten dieses Jahr Rang 1 der deutschen Albencharts. Dieses Schicksal wird auch „Hinterland“, die neue Scheibe von Casper mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erreichen – mit einen kleinen Unterschied: Caspers Wandlung vom Battlerapper zum Musiker ist noch radikaler, homogener und intensiver, Caspers Hype und Qualität sind mittlerweile so prägnant, dass man ihn ohne Probleme als Messias dieser 2.0 HipHop-Welt bezeichnen kann.

Das Vorgänger Album XOXO war ein überraschendes Experiment, dass sich beinahe spielerisch Indie und Postrockelemente aneignete. Auf Hinterland wächst diese vorsichtige Annäherung nun zu einer durchdringenden Symbiose. Das liegt vor allen Dingen an der Produktion des Albums: Casper, dem gemeinhin ein unglaublich breites Musikwissen nachgesagt wird, dem allerdings bei der Umsetzung seiner Visionen bis dato das nötige Know-How abging, verstärkte seine Studiomannschaft entscheidend. Zum einen mit Markus Ganter, einem der spannendsten Alternativeproduzenten, zum anderen mit Konstantin Gropper, der mit seinem Bandprojekt Get Well Soon weltweit für offene Münder sorgte. Einen ähnlichen Aha-Effekt erzielt nun auch „Hinterland“ bereits mit dem Intro zum Opener „Im Ascheregen“. Zuerst tönen zarte Orgelanschläge, ehe sich Tastengeklimper und Schlagzeug-Wummern langsam zu einem Rhythmus, zum Beat verformen, der dann in Streicher und Glockenspiel-Wellen implodiert. Und dann kommt Casper: „Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen.“

Die erste Zeile der Scheibe lässt sich problemlos als verbaler Mittelfinger in Richtung des alten HipHop-Regimes deuten. Doch die verstaubten Grenzen sind längst aufgebrochen und Casper zitiert sich wie besessen durch das vergangene Jahrzehnt des Indie. Der Titeltrack ist so penetrant melancholisch-harmonisch, wie wir es eigentlich nur von den Shins kennen, „…nach der Demo gings bergab“ besitzt die Energie und schnöde Schönheit, die einst Ton Steine Scherben auszeichnete und auf „Lux Lisbon“ übernimmt mit Editors Sänger Tom Smith direkt eine prägende Indie-Persönlichkeit die Hook.

Nichtsdestotrotz bleibt der Sprechgesang und damit HipHop der Kit, das tragende Element, eines Albums, dass wohl (in Kombination mit XOXO) das Rüstzeug zu einem modernen Pop-Klassiker besitzt. Denn Casper entwickelt, angetrieben von nerdiger Motivation und als Springer zwischen den Welten, einen eigenen Sound, ein eigenen Art des (teilweise nervigen) Textens und transportiert dabei den irritierenden Zeitgeist, einer Generation, deren Zeitgefühl man eigentlich verloren glaubte.

Volbeat, Outlaw Gentleman & Shady Ladies, Vertigo Berlin (Universal)

Am Ende der Fahnenstange

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (7)Nicht selten sind es die seltsamsten Konzepte, die in der Musikwelt plötzlich unbemerkt offenstehende Löcher stopfen. Volbeat sind so ein seltsames Musikphänomen. Denn wer hätte gedacht, dass ein dänisches Quartett, das eingängigen Heavy-Metal mit Rockabilly- und Westerneinflüssen mixt, zur erfolgreichsten internationalen Heavy-Metal-Band reifen könnte? Doch genau das ist in den vergangenen Jahren passiert: Volbeat haben mit ihrem erfrischenden Konzept den Markt gesprengt und sich durch ungeheure Livepräsenz unter anderem bis zum Rock-Am-Ring-Headliner hochgespielt. Dieser Tage erschien die langersehnte neue Scheibe „Outlaw Gentleman & Shady Ladies“. Nach mehreren Plattendurchläufen bleibt allerdings nur eine bittere Erkenntnis: Das Ende der Fahnenstange scheint erreicht, das Konzept Volbeat hat offenbar sein Ablaufdatum überschritten. Die Scheibe klingt (mit Ausnahme des Italo-Western typischen Intros) wie ein einziger überlanger uninspirierter Song. Michael Schøn Poulsen Stimme, die der Truppe immer einen Schuss Unberechenbarkeit eingeimpft hatte, wirkt regelrecht gezähmt und geglättet. Die messerscharfen Riffs der Erstveröffentlichungen sind aalglatten Poppunk-Kompositionen und Null-Acht-Fuffzehn-Metal-Geschrammel gewichen. Das ist Radiopop der übleren Sorte, mit der Konsistenz eines Kaugummi, der zu lange gekaut wurde. Eine echte Enttäuschung.

 

Gov’t Mule , „Shout“, Provogue / Mascot Records

Im Spagat der Genres

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (3)Gleich zu Beginn der Scheibe schreddert Warren Haynes Gitarre so markant, so kompromisslos durch den Raum, dass man als Hörer reflexartig nach der sicheren Tischkante greift. Der Opener „World Boss“ ist ein klassischer Hallo-Wach-Song, so einer, der dich direkt am Schlafittchen packt und nicht mehr loslässt und damit das klare Programm seiner Urheber aufzeigt. Denn Gov’t Mule verfolgen seit ihrer Gründung 1994 ein kompromissloses Konzept im Spagat zwischen der altehrwürdigen Bluesrockszene, in derer die einzelnen Mitglieder einst ihre Wurzeln schlugen, und der stetigen Auseinandersetzung mit all jenen (post)modernen Genresmutationen, die sich in den vergangen Jahrzehnten mit dem Blues verwoben. So klingen die Songs auf „Shout“ mal nach staubigen Stonerrock, mal nach bierverklebten Punk, mal nach schwermütigen Folk. Aber immer auch nach ausufernden, rifflastigen, dunklen Blues. Richtig spannend wirds aber im zweiten Teil der Scheibe: Dort leihen Superstars wie Steve Winwood, Elvis Costellow oder auch Ben Harper den Shout-Instrumentals für jeweils einen Song ihre Stimme. Und alleine diese Namensliste erklärt die Reichweite von Gov’t Mule besser als jede ausführliche Cd-Besprechung.