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Syndrome/ Alcest/ Mono – Winterthur – Salzhaus

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Inmitten des Songmonsuns „Pure As Snow“ schnappt sich Gitarrist Takaaira Goto kniend sein Werkzeug und rammt die E-Gitarre wie ein Kruzifix in den Boden. Und da liegt er nun, die neue erschaffene Gottheit anbetend, wie eine soeben gestrandeter Robinson, während die von seinen Bandkollegen losgetretenen Klangwellen über ihn hinüber schwappen. Nach einigen reglosen Sekunden des Innehaltens rafft sich Goto auf und schraubt wie von Sinnen an den vor ihm liegenden Sound-Geräten und jene Welle zucken gespiegelt zurück. Bei aller angesammelter Konzerterfahrungen – einen Moment von solcher Klarheit und Emotion erlebt man nur in den seltensten Fällen. Das japanische Postrock-Quartett Mono ist definitiv keine gewöhnliche Live-Band.

Bei aller digitalen und weltweiten Vernetzung gibt es für uns Mitteleuropäer doch immer noch Länder und Kulturformen, die sich uns mit unserem Wissensschatz und unseren Denkstrukturen nur schwer erschließen. Das Land der aufgehenden Sonne erscheint hier als Paradebeispiel einer Gesellschaft, die zwar hypermodern agiert (zumindest in Tokio), sich aber dennoch für uns so fremd, andersartig und exotisch präsentiert. Das gilt vor allem auch für die Kunst und die Popkultur. Abseits der Regie-Genies Kurosawa, Myasaki und Kitano hat kaum ein Künstler den Weg in den westlichen Mainstream gefunden. Und seien wir ehrlich: Wer nicht gerade einen Hobby-Japanologen in seinem Freundeskreis weiß (oder selber einer ist), der kennt für gewöhnlich auch keine japanischen Popstars. Dabei ist die dortige Musikszene bunt,vielfältig und überbordend. Ein Großteil der bekannteren japanischen Bands wie Dire En Gray oder Babymetal vermischen die Genres J-Pop oder J-Rock mit Visual Key, verbinden also einen absolut abgefahrenen und nicht selten Kitsch überladenen Kaugummi-Pop-Rock oder sogar Heavy Metal mit einer auffallenden und nicht selten an Manga erinnernden Optik. Abseits davon gibt es aber eine Fülle von hochspannenden Bands, die sich in experimentellen und technischen Gefilden wie Post-, Prog- oder Stonerrock austoben und auch im Westen als stilprägend gelten. Wir denken Boris, an Envy und eben auch an Mono. Letztere spielten am vergangenen Dienstag im Salzhaus in Winterthur ein absolut denkwürdiges Konzert.

Eigentlich es ist an dieser Stelle fast ein wenig kurzsichtig den Fokus alleine auf die Japaner zu richten, teilt sich Mono den Zugpferdstatus auf ihrer gegenwärtigen Tour mit den Franzosen von Alcest. Mehr noch: Die niederländische Ein-Mann-Maschine Syndrome erweitert das Ganze zu einer Art Mini-Festival. Alcest, die eine komplett neue Spielart des Shoegaze entwickelten, indem sie ebendiesen mit Metal und Postrock-Waben verklebten, spielen eine straighte Show, die sich gewaschen hat. Laut und durchdringend bis an die Schmerzgrenzen, schälen sich durch das vermeintliche Chaos doch stetig melodische Spurverläufe.

Im monumentalen Mono Opener „Death In Rebirth“ geht es da im Vergleich fast ein wenig harmlos zu: Während Schlagzeuger Yasunori Takada im Hintergrund munter vor sich in werkelt und Bassistin Tamaki Kunishi recht abwesend in die Saiten greift, sitzen die beiden Gitarristen Yoda und der angesprochene Goto zunächst sogar brav und diszipliniert auf Pianohockern. Alles wirkt abgeklärt, sicher, normal und erwartbar. Im weiteren Songverlauf aber entsteht zwischen den beiden Gitarristen ein massiver, wirbelnder Sog, der immer stärker zu vibriert und schon bald gewaltig bis gewaltsam rotiert und rotiert und rotiert.

Monos Postrock, das zeigen unzählige Erfahrungsberichte, hat die Eigenschaft seine Zuhörerschaft in eine Art anderen Zustand (mit den besten Grüßen an Robert Musil) zu versetzen. Das liegt sowohl an den immer schwerer tönenden, sphärisch sägenden Klängen, die sich typischerweise über den Hörer aufschichten und ergießen, aber auch an der konzentriert destruktiven Struktur, die sich nur in den seltensten Fällen an klassischen Songwriting orientiert. Auch in Winterthur zerfließen Zeit und Raum… Monos größte Stärke liegt live in der finalen Ausreizung der Kreisbewegung bis zum Kollaps. Unter dem brachialen Einfluss des marternden Soundgolem „Requiem For Hell“ lösen sich alles sicher geglaubte Formationen auf, die gewohnten Bausteine zerfahren in alle Himmelsrichtungen, zerschellen und ziehen sich doch wieder an wie Magnete. Mono, die vierköpfige Hydra, verschluckt seine Hörer und spuckt sie wieder aus, mittenrein in die ganz normale Welt, die dir mit dröhnenden Trommelfell ein wenig dekonstruiert vorkommt.

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