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Posts Tagged ‘Arctic Monkeys’

Arcade Fire, Reflektor, Universal

Reflekt Yourself!

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (1)

Arcade Fire, der Inbegriff der Liebhaberband, das Schmuckstück, dass man immer offen und nerdig zur Schau tragen konnte, sind nun ganz oben angekommen. Auf dem Thron. Und zwar nicht als Sidekick, Besucher oder Götterbote, sondern als Boss, als thronende Macht, deren Aura so markant ist, dass die ganze Erde innehält, wenn sie ihre musikalischen Blitze nach unten verballert. „Reflektor“ hielt die Welt in Atem – und enttäuscht. Wieder einmal. Genau wie „The Suburbs“, dass heute vielleicht die beste Scheibe dieser unfassbaren Band ist. Zur groß sind stets die Erwartungen, sodass wir als Fans vergessen, dass Arcade Fire nie und nimmer beim ersten Hördurchgang zünden, dass sich diese Kompositionen entwickeln müssen, dass immer erst nur ein zwei Songs hängen bleiben, ehe der Rest zu Monstern heranwächst, die dich nicht mehr loslassen. Die dich aufressen wollen. Entsprechend ist es für diese Review zu früh. Fragt mich doch in einem Jahr nochmal. Die aktuellen Eindrücke sind noch zu frisch und unverarbeitet und doch zeichnet es sich langsam wieder ab: Die neue Arcade Fire wird auch in diesem Jahr alles in den Schatten stellen, was die Gitarren-Popmusik präsentiert. „Reflektor“ ist bunter und lebendiger als die Vorgänger, ein bisschen Flaming Lips mäßig, aber doch typisch. Hymnisch. Zitatereich. Barock. Göttlich.

Eminem, The Marshall Mathers LP 2, Interscope (Universal)

Zurück im Olymp

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (5)Es dauert genau einen Song, um zu verstehen, dass wir gerade Ohrenzeuge der musikalischen Wiederauferstehung und vollständigen Reinwaschung eines Jahrhunderttalents werden. Die erste Komposition des neuen Eminem Albums „The Marshall Mathers LP 2“ heißt „Bad Guy“ und dauert geschlagene sieben Minuten und vierzehn Sekunden – eine geradezu epische Länge für einen Opener, die wohl 90 % aller HipHop-Veröffentlichungen direkt das Genick brechen würde. Doch „Bad Guy“ ist mehr als ein Song: Er ist Rückbezug und Zitat, HipHop-Oper und Raproman, Ausstellung und Kritik an den eigenen Fähigkeiten, Reflexion und umarmende Klammer um das Schaffen des vielleicht einflussreichsten Popmusikers der vergangenen eineinhalb Dekaden. Der Auftaktsong knüpft an einer entscheidenden Song-Stelle in Eminems Karriere an: „Stan“ war die herausragende Ballade der ersten „Marshall Mathers LP“ und erzählte die Geschichte eines fanatischen Fans, der sein gesamtes Leben auf Eminem ausrichtete – und dabei sich und seine Familie zu Grunde richtete. Der Hit verhalf Sängerin Dido, die damals die Hook einsang, zu einer Weltkarriere und öffnete Eminem (und damit auch HipHop im Allgemeinen) endgültig die Türen zur breiten Masse. In „Bad Guy“ erzählt der Rapper nun Stans Geschichte aus der Perspektive von dessen kleinen Bruder Matthew weiter. Doch damit nicht genug: Eminem versetzt sich nicht nur auf Textebene in die von ihm geschaffene Figur, er begibt sich auch qualitativ auf deren Rapniveau. Das Album beginnt also gewollt mit Eminems wohl miserabelster Performance – erst im Verlauf des Songs steigert der Rapper die Qualität seines Sprechgesangs linear auf ein Höchstlevel, um in einem Finale Furioso das Gesamtkonstrukt in Stücke zu zerreißen. In einem finalen poetologischen Bruch wechselt der Sprachkünstler zurück in seine eigene Haut und entlarvt Matthew als bloßen sprachlichen Kunstgriff, der es ihm möglich macht, die eigenen Schwächen mitzudenken. Wahnsinn! Und vergessen sind die drei zurückliegenden Alben, die zwar allesamt Bestseller waren, aber den Mythos Eminem zunehmend dekonstruierten und den Rapgott wieder zum Menschen machten

Dass sich Eminem auf seinem Weg zurück nach ganz Oben ausgerechnet (und nur wenig subtil) an der „Marshall Mathers LP“ orientiert ist nur wenig verwunderlich – die 2000 veröffentlichte Scheibe ist das frühe Opus Magnum des Detroiter Rapper, ein moderner Klassiker und Offenbarungseid. Damit die vielfach codierte Wiederbelebung so organisch wie möglich von Statten gehen konnte, hat sich unser Lazarus eine ganze Armada von Produzenten ins Boot geholt. Angeführt wird das Kommando von Eminems Mentor Dr Dre, außerdem gibt sich Rick Rubin die Ehre, der seine Fähigkeiten als Defibrillator für festgefahrene Kreativkarrieren schon zigfach unter Beweis stellte. Analog zu den beiden Masterminds besitzt die Platte zwei Gesichter. Das erste folgt dem Diktum von „Bad Guy“ und verzahnt sich immer wieder mit den antreibenden Song-Zahnrädern aus Eminems Gesamtwerk. Da tönen total abgedrehte Eulenspiegel-Hymnen mit schräg eingesungenen Refrains, dort pumpen heroische Durchalteparolen im Stile des Oscar prämierten „Loose Yourself“. Doch Eminem, heute 41, beschränkt sich nicht aufs bloße Zitieren. Er denkt seine Ursprungs-Ideen entscheidend weiter und reflektiert im Prozess seine eigenen Ängste, sein Scheitern, seine Endlichkeit – als Künstler wie als Mensch. Und dann ist da noch das zweite, das all umfassende Gesicht, das nicht nur die eigene Geschichte begutachtet, sondern das große Ganze in den Blick nimmt. Stellvertretend dafür stehen zum einen die Vorabveröffentlichung „Berzerk“, getrieben von einem Rick Rubinschen Run-DMC-Gedächtnisbeat und zum anderen die futuristische Kollaboration „Love Game“ mit Wunderkind Kendrick Lamar. Und so wird „The Marshall Mathers LP 2“ zum Epos, das erinnert, zitiert, erfindet und voraus blickt. Und zu dem Werk, das Eminem endlich wieder in den Olymp zurück hievt. Oder wie er selbst sagt: „Why be a king when you can be a god!“

Nine Inch Nails, Hesitation Marks, Polydor Records

Den Finger am Puls der Zeit

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (6)Trent Reznor ist ein Berseker. Ein Wahnsinniger. Einer, den du nicht kontrollieren kannst. Dementsprechend agierten die Nine Inch Nails bisher auch im Studio. Mal visionär, bahnbrechend, großartig, mal zu verkopft, zu seltsam, zu wahnsinnig. Fünf Jahre ist es mittlerweile her, dass es neues NIN-Material auf die Ohren gab – fünf Jahre, in denen Reznor fantastische Filmmusik für David Fincher komponierte, die digitale Revolution erforschte und offensichtlich eine Menge elektronischer Musik hörte. Denn genau dort – vor allem im Dubstep – hat Reznor Anleihen gesucht und gefunden und damit einmal mehr den Finger am Puls der Zeit. Als Konsequenz aus dieser Entwicklung – sowie des persönlichen Reifungsprozesses – klingt „Hesitation Marks“ für ein NIN-Album außergewöhnlich poppig. Die musikalischen Brüche sind nicht mehr so brutal, die Riffs nicht mehr so erbarmungslos, Reznors Stimme nicht mehr so gehetzt. Es klingt beinahe so (und hoffentlich erfährt er das nie) als hätte Trent Reznor seinen inneren Frieden gefunden. Am Ende ist das aber kein Widerspruch: Der Unberechenbarkeit liegt auf „Hesitation Marks“ eben in der Berechenbarkeit.

Arctic Monkeys, AM, Domino Records (Goodtogo)

Das Märchen geht weiter

DieThees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (2) mittlerweile beinahe totzitierte Wandlung der Arctic Monkeys nimmt in der Enzyklopädie des Rock´N´Roll den Status eines Märchens ein. Es war einmal das dreckige, verspielte kleine Garagenpunk Entchen, dass sich unter der Anleitung des legendären Wüstenfuchses Josh Homme zum schönen Stoner-Schwan wandelte. Doch die Arctic Monkeys sind 2013 keinesfalls eine Bilderbuchband, sondern viel eher ein vielköpfiger, vielschichtiger, bissiger, schwarzer Schwan – und (nach der Auflösung von Oasis) Englands Vorzeigeband numero uno. „AM“ führt den eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Oder eben auch nicht. Die Scheibe besinnt sich ein Stück weit auf die alten Tugenden der Band – eingängiges Songgeschepper – und lässt gleichzeitig unfassbare, geheimnisvolle Songmonster von der Kette. Da ist zum Beispiel „Why’d You Only Call Me When You’re High?“ – rauschend, dunkel, trippy, kratzend auf der einen Seite, eingängig, mit hundertprozentigen Wiedererkennungswert auf der anderen. Alex Turners Stimme rückt noch zentraler in der Vordergrund, wird aber immer wieder gepitcht und verdunkelt. Und so werden die Arctic Monkeys auch mit „AM“ einige Fans vergraulen, einige andere dazugewinnen – vor allem aber bleiben sie in Bewegung, in der Diskussion. Und das ist das, was die ganz großen Bands in den vergangenen Jahrzehnten auszeichnete.

Thees Uhlmann, #2, Grand Hotel Van Cleef

Der zweite Streich

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, NeuWenn ein Musiker seine Band verlässt und fortan auf Solopfaden sein eigenes Ding durchzieht kann das mehrere Gründe haben: Künstlerische Freiheit, Selbstinszenierung, die Erschließung neuer musikalischer Räume. Qualitätssprünge sind in den allermeisten Fällen nicht zu erwarten. Meist klingen die Soloprojekte so anders, dass sie keiner mehr einordnen kann und will, oder eben doch genau so wie die ad acta gelegte Band – nur schlechter. Und jetzt das Gegenbeispiel. Mit seinem ersten Soloalbum hievte Thees Uhlmann sein Songwriting auf eine ganz neue Stufe – Uhlmann schien geradezu befreit, übersprudelte förmlich vor Energie und Ideen und spielte mit seinem eigenen Material alles an die Wand, was er zuvor mit Tomte fabriziert hatte. Nun also der zweite Streich: Uhlmann gelingt durch die Betonung von Nuancen der Entwurf eines ganz eigenen, neuen Sounds. Da ist das Grundgerüst im Stile des deutschen Indies, da sind die Heartland-Heimat-Herzblut-Anleihen bei Bruce Springsteen und da ist diese neue merkwürdige Art des Textens und Musizierens, die Uhlmann mit seinem Buddy Casper prägt – inklusive kleiner Beobachtungen, Pianoanschlägen, Chören, Streichern. Heraus kommen Songperlen wie „Am 07. März“ oder „Zerschmettert in Stücke (Im Frieden der Nacht)“.

Pearl Jam, Lightning Bolt, Republic/Universal

Der Sturm

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (4)Ein lyrisches Bildelement dominiert die neue Pearl Jam Platte „Lightning Bolt“: Es blitzt und donnert aus allen Richtungen, es wird über- und mitgeschwemmt, niedergebrannt und zerstört und zerschlagen. Die Natur schlägt erbarmungslos zurück und mittendrin, im Auge des Sturms, stehen Pearl Jam und ihre mittlerweile ausgedünnten Grungemähnen wehen nach wie vor im Wind. Die Platte ist offensichtlich ein energetischer Aufschrei: Wir sind immer noch da. Wir sind immer noch relevant. Wir sind immer noch wütend, vital und immer noch Punk! Vor diesem Hintergrund wirkt „Lightning Bolt“ wie ein polarer Gegenentwurf zu Eddie Vedders fantastischen Singer-Songwriter-Experimenten, die den Rückzug in die Natur predigten, aber auch als klares „Nein!“ in Richtung all jener, die Pearl Jam bereits in der Stadion-Mitgröhl-Schublade abgelegt hatten. Insbesondere das Triumvirat zum Auftakt, bestehend aus der fast penetrant Pearl Jam typischen Komposition „Getaway“, der rasanten Punkrock-Nummer „Mind Your Manners“ und der textlastigen Mischung aus diesen beiden Bausteinen („My Fathers Son“) offenbart, diese Band ihren eigenen Ansprüchen immer noch gerecht wird. Und natürlich klingt Pearl Jam immer noch nach Pearl Jam, immer noch nach 90er Grunge und Holzfäller-Hemden. Die Varianten sind spärlich gesät, blühen aber umso auffallender. Und genau das ist der Grund, warum so viele Menschen dieser Band treu geblieben sind. Und treu bleiben werden.

Casper, „Hinterland“, Four Music

Der Messias?

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (8)Bis vor wenigen Jahren war der Ruf des deutschen HipHops denkbar miserabel. Die Öffentlichkeit betrachtete die Szene größtenteils als einen Brei von Nachahmern der unerreichbaren amerikanischen Vorbildern, als Möchtegern-Gangster und Sprachvergewaltiger. Mittlerweile hat sich dieses Bild gedreht, der deutsche HipHop ist hybrid, in stetiger kreativer Bewegung und geprägt von einer supererfolgreichen Genreoffenheit. Das Saarbrücker Duo Genetikk trumpft mit dunklen Beatarbeit und Beastie Boys Flow, Prinz Pi, ehemals Prinz Porno, ist heute Jugendsprachrohr mit Beatles-Anleihen, der Autodidakt Alligatoah spielte ein kunterbuntes Comedy-Pop-Album ein. All diese Künstler enterten dieses Jahr Rang 1 der deutschen Albencharts. Dieses Schicksal wird auch „Hinterland“, die neue Scheibe von Casper mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erreichen – mit einen kleinen Unterschied: Caspers Wandlung vom Battlerapper zum Musiker ist noch radikaler, homogener und intensiver, Caspers Hype und Qualität sind mittlerweile so prägnant, dass man ihn ohne Probleme als Messias dieser 2.0 HipHop-Welt bezeichnen kann.

Das Vorgänger Album XOXO war ein überraschendes Experiment, dass sich beinahe spielerisch Indie und Postrockelemente aneignete. Auf Hinterland wächst diese vorsichtige Annäherung nun zu einer durchdringenden Symbiose. Das liegt vor allen Dingen an der Produktion des Albums: Casper, dem gemeinhin ein unglaublich breites Musikwissen nachgesagt wird, dem allerdings bei der Umsetzung seiner Visionen bis dato das nötige Know-How abging, verstärkte seine Studiomannschaft entscheidend. Zum einen mit Markus Ganter, einem der spannendsten Alternativeproduzenten, zum anderen mit Konstantin Gropper, der mit seinem Bandprojekt Get Well Soon weltweit für offene Münder sorgte. Einen ähnlichen Aha-Effekt erzielt nun auch „Hinterland“ bereits mit dem Intro zum Opener „Im Ascheregen“. Zuerst tönen zarte Orgelanschläge, ehe sich Tastengeklimper und Schlagzeug-Wummern langsam zu einem Rhythmus, zum Beat verformen, der dann in Streicher und Glockenspiel-Wellen implodiert. Und dann kommt Casper: „Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen.“

Die erste Zeile der Scheibe lässt sich problemlos als verbaler Mittelfinger in Richtung des alten HipHop-Regimes deuten. Doch die verstaubten Grenzen sind längst aufgebrochen und Casper zitiert sich wie besessen durch das vergangene Jahrzehnt des Indie. Der Titeltrack ist so penetrant melancholisch-harmonisch, wie wir es eigentlich nur von den Shins kennen, „…nach der Demo gings bergab“ besitzt die Energie und schnöde Schönheit, die einst Ton Steine Scherben auszeichnete und auf „Lux Lisbon“ übernimmt mit Editors Sänger Tom Smith direkt eine prägende Indie-Persönlichkeit die Hook.

Nichtsdestotrotz bleibt der Sprechgesang und damit HipHop der Kit, das tragende Element, eines Albums, dass wohl (in Kombination mit XOXO) das Rüstzeug zu einem modernen Pop-Klassiker besitzt. Denn Casper entwickelt, angetrieben von nerdiger Motivation und als Springer zwischen den Welten, einen eigenen Sound, ein eigenen Art des (teilweise nervigen) Textens und transportiert dabei den irritierenden Zeitgeist, einer Generation, deren Zeitgefühl man eigentlich verloren glaubte.

Volbeat, Outlaw Gentleman & Shady Ladies, Vertigo Berlin (Universal)

Am Ende der Fahnenstange

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (7)Nicht selten sind es die seltsamsten Konzepte, die in der Musikwelt plötzlich unbemerkt offenstehende Löcher stopfen. Volbeat sind so ein seltsames Musikphänomen. Denn wer hätte gedacht, dass ein dänisches Quartett, das eingängigen Heavy-Metal mit Rockabilly- und Westerneinflüssen mixt, zur erfolgreichsten internationalen Heavy-Metal-Band reifen könnte? Doch genau das ist in den vergangenen Jahren passiert: Volbeat haben mit ihrem erfrischenden Konzept den Markt gesprengt und sich durch ungeheure Livepräsenz unter anderem bis zum Rock-Am-Ring-Headliner hochgespielt. Dieser Tage erschien die langersehnte neue Scheibe „Outlaw Gentleman & Shady Ladies“. Nach mehreren Plattendurchläufen bleibt allerdings nur eine bittere Erkenntnis: Das Ende der Fahnenstange scheint erreicht, das Konzept Volbeat hat offenbar sein Ablaufdatum überschritten. Die Scheibe klingt (mit Ausnahme des Italo-Western typischen Intros) wie ein einziger überlanger uninspirierter Song. Michael Schøn Poulsen Stimme, die der Truppe immer einen Schuss Unberechenbarkeit eingeimpft hatte, wirkt regelrecht gezähmt und geglättet. Die messerscharfen Riffs der Erstveröffentlichungen sind aalglatten Poppunk-Kompositionen und Null-Acht-Fuffzehn-Metal-Geschrammel gewichen. Das ist Radiopop der übleren Sorte, mit der Konsistenz eines Kaugummi, der zu lange gekaut wurde. Eine echte Enttäuschung.

 

Gov’t Mule , „Shout“, Provogue / Mascot Records

Im Spagat der Genres

Thees Uhlmann, Arcade Fire, Casper, Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, Eminem, Neue Alben, Reviews, Besprechungen, Pearl Jam, Volbeat, Gov´t Mule, Cds, Bilder, Neu (3)Gleich zu Beginn der Scheibe schreddert Warren Haynes Gitarre so markant, so kompromisslos durch den Raum, dass man als Hörer reflexartig nach der sicheren Tischkante greift. Der Opener „World Boss“ ist ein klassischer Hallo-Wach-Song, so einer, der dich direkt am Schlafittchen packt und nicht mehr loslässt und damit das klare Programm seiner Urheber aufzeigt. Denn Gov’t Mule verfolgen seit ihrer Gründung 1994 ein kompromissloses Konzept im Spagat zwischen der altehrwürdigen Bluesrockszene, in derer die einzelnen Mitglieder einst ihre Wurzeln schlugen, und der stetigen Auseinandersetzung mit all jenen (post)modernen Genresmutationen, die sich in den vergangen Jahrzehnten mit dem Blues verwoben. So klingen die Songs auf „Shout“ mal nach staubigen Stonerrock, mal nach bierverklebten Punk, mal nach schwermütigen Folk. Aber immer auch nach ausufernden, rifflastigen, dunklen Blues. Richtig spannend wirds aber im zweiten Teil der Scheibe: Dort leihen Superstars wie Steve Winwood, Elvis Costellow oder auch Ben Harper den Shout-Instrumentals für jeweils einen Song ihre Stimme. Und alleine diese Namensliste erklärt die Reichweite von Gov’t Mule besser als jede ausführliche Cd-Besprechung.

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Southside-Festival – Take Off Gewerbepark Neuhausen Ob Eck – 17.-19.06.2011

Alles was nun folgt, ist alkoholgeschwängerter Raviolijournalismus:

Auf dem Southside riecht es anders. Erst wenn dir die warme, wabernde Mischung aus Kippenrauch, Moder, Gaskochergas, Essen, Bier, Körperausdünstungen, Asphalt, Dixieklos, Urin und Dosenfraß in die Nase steigt, bist du wirklich (und meist nach stundenlangen Warten im Wolkenbruch) auf dem Gelände angekommen.

Auf den Landebahnen herrscht ab Donnerstagabend Zirkus, Woodstock und Karneval. Ein einstöckiges „Haus, das Verrückte macht“ wird aus dem Boden gestampft – nur den Passierschein A 38, das Ticket nach draußen, das gibt es nicht. Ein römischer Streitwagen heizt Spaghetti-schwenkend an uns vorbei, wenige Minuten später teilt sich die Menschenmasse und motorisierter Miniatur-Plesiosaurus wälzt sich über die Landebahn. An einer anderen Stelle stolziert eine (wohlgemerkt echte) Hochzeitsgesellschaft durch den Morast. Liebe in Gummistiefeln, Ja-Wort im Schweißgeruch. Einer aber bringt es auf den Punkt. Splitterfasernackt, Pfeife rauchend, von Groupies umringt! Es ist Niemand Geringeres als Vorstandsvorsitzende des Festivalkontinenten.

Arctic Monkeys: Patenonkel Josh Homme hat den Arctic Monkeys wohl kräftig den Hintern versohlt. 2006 waren sie noch Rotzbengel mit einigen Tanzflächenhits, die arrogant vor sich hin spielten und sich irgendwann zum WM-Spiel der Three Lions verpissten. Heute, nachdem sie durch Homme´sche Stahlbad gegangen sind, spielen sie ein schnörkelloses, tonnenschweres Set. Mächtige Indiehymnen und ein Schuss kalifornische Stonerrock-Attitüde. Alex Turner blickt gequält ins Leere. So muss das sein!

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Bright Eyes: Die Bright Eyes sind auf Abschiedstour. Conor Oberst, das Jahrhunderttalent, der Wolfang Amadeus Mozart des Folk, erscheint in Mönchskutte und poltert über die Bühne. Seine Band beschwört dazu ein wütendes Klanggewitter und einen eindeutigen Kontrast zu den wahrlich depressiven Balladen der ersten Stunde. Conor Oberst inszeniert sich dazu als Rockstar und natürlich das ist ironisch gemeint. Im Laufe des Konzerts nimmt sich die Band zunehmends zurück und die charakteristische Stimme des Frontmanns, die man einmal hört und dann dann nie wieder vergisst, rückt mehr und mehr in den Vordergrund. Oberst haucht und jault und schreit und krächzt jede Menge Kleinode aus seiner imposanten Diskografie und am Ende „Lover I don´t have to love“, „Four Winds“ und „Shell Games“ in die Redstage, dass es einem heiß und kalt den Rücken runter läuft. Es ist ein krachende Abschied eines Wunderkindes. Die Bright Eyes sind tot, es lebe Conor Oberst.



Portishead: Drei Alben in 20 Jahren haben Portishead gereicht um musikalischen Weltruhm zu erlangen. Kaum ein Musiker, der die britische Trip-Hop Formation nicht als Einfluss und Vorbild listet, kaum ein Kritiker, der der Band nicht den Legendenstatus zuschreibt. Das Erscheinen der Band in einem deutschen Lineup war also an sich schon eine Sensation, der Auftritt selbst ein konzertgewordener Superlativ. Beth Gibbons steht fröstelnd in der Mitte der Bühne, sie erscheint schüchtern, winkt ein wenig in die Menge und nickt in Richtung Band und Mastermind Geoff Barrow lässt den Beat von der Leine. „The Rip“, vom aktuellsten Album „Third“ ist ein Wispern, ein verwehtes Stück Musik, von einer Intensität, die ein komplettes Festival zum Schweigen bringt. Dann Stille. Komplett. Dann frenetische Jubelstürme.

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Arcade Fire: Es müsste schon mit dem Teufel zu gehen, wenn Arcade Fire nicht in absehbarer Zeit, zur größten Band dieses Planeten aufsteigt. Ihr aktuelles Album „The Suburbs“ (das zwar nicht ganz die ungeheuerliche Qualität der Vorgänger erreichte, dennoch 2010 so ziemlich alles pulverisierte – spätestens jetzt outet sich der Autor dieser Zeilen als hemmungsloser Fanboy) machte die Band um das kanadische Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne im Handumdrehen zu Chartstürmern und zu Formation von Headlinerstatus. Arcade Fire sind fast zu perfekt für diese Musikwelt: das Gespür für den entscheidenden, für den großen Moment zelebriert momentan niemand auf dem Globus so intensiv wie der Kanada-Achter und diese Pole Position wussten Will Butler und Co. auch am Southside zu verteidigen. Butler selbst ist dabei ein Frontmann der alten Schule, der im Zentrum steht wie ein Dompteur und die Ruhe bewahrt, wenn um ihn herum die Hölle losbricht. Erst im zweiten Teil zieht er sich zurück an die Orgel und überlässt seiner Ehefrau das Mikrofon. Madame Régine besitzt eine ungewöhnlich hohe, fast überdrehte Stimme, die sich aber punktgenau an das musikalische Gerüst schmiegt. Drumherum wirbeln die restlichen Mitglieder, hämmern im Wechsel auf Orgeln und Schlagzeug, Violinen und Orgeln. „Rebellion (Lies)“, „Intervention“, „Wake Up“ und. und. und. Die Setlist lässt keine Wünsche, Arcade Fire keine Fragen offen…Und achja, damit sich der Kreis schließt, bitte gucken:

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Converge: Es ist wohl die vollendete Hingabe an die eigene Leidenschaft. Kurt Ballou, Gitarrist und musikalisches Mastermind der Hardcore Legenden Converge leidet an einer chronische Sehnenscheidenentzündung, jeder Auftritt bereitet ihm höllisches Qualen. Doch Ballou kann es nicht lassen an den Saiten zu frickeln, auch nicht am Southside, wo sich Converge eigentlich wie ein Fremdkörper im Lineup festsaugen. Entsprechend dankbar zeigt sich Sänger Eric Bannon angesichts der erschienenen Zuschauer und entsprechend legt sich die Formation ins Zeug. Bannon grast jeden Milimeter der Bühne ab, Ben Koller drischt seine Sticks zu Sägemehl. Groß!



Sublime With Rome: Es ist das ultimative Rock`Roll`Märchen: Rome Ramirez 1988 geboren, im selben Jahr gründet sich die Ska/Alternativeband Sublime um den charismatischen Frontmann Brad Nowell. Die Band wird Kult, doch Nowell jagt 1996 eine goldene Dosis durch die Adern. Sublime sterben mit ihrem Frontmann. Rome wird erst Jahre später zum Fanboy und fast 15 Jahre nach der Tragödie singt Rome seinen Idolen ein Ständchen. Das muss ganz gut gewesen sein → Sublime werden zu Sublime With Rome! Am Southside spielen die alten Haudegen Bud Gaugh und Eric Wilson kettenrauchend und tiefenentspannt vor sich hin, während Rome etwas enthusiastischer sich ins Zeug legt. Die Sonne blitzt erst zur Zugabe durch die Wolkenschichten. Reicht vollkommen: Santeria!



Gogol Bordello: Gäbe es eine Weltauswahl der größten Rampensäue, Eugene Hütz würde die Mannschaft wohl als Teamkapitän aufs Feld führen. Der Frontmann der Gypsy-Punk Formation Gogol Bordello ist ein Derwisch und Partisane, ein langhaariger Clown und Zigeuner. Gogol Bordello spielen Punk aus New York mit osteuropäischen und südamerikanischen Einflüssen. Auf der Bühne herrscht sofort ein unglaubliches Gewusel und Gespringe und man würde wohl sofort den Überblick verlieren, wäre da nicht Hütz, der in der Mitte thront. Er ist der unbestrittene König dieser strangen Party, der King Louie des Green Stage.


Am Ende übernimmt das Chaos das Ruder. Der Campingplatz erinnert mehr und mehr an das Setting eines Zombiefilms. Es knallt und schreit aus Ecken. Feuer bricht aus, Ein Dixieklo wird gekippt. Die Mennchen sammeln sich im Müll, in kreisrunde Grüppchen oder ziehen in Horden, mit Pavillon Stangen bewaffnet durch die Ruinen der Zeltstadt. Während des letzte Konzerts wird ein Pfosten der White-Stage von einem Raver erklommen. Minuten später kraxeln die Security hinterher. Das Publikum tönt und grölt im Chor, die Scheinwerfer flackern Marineblau und Digitalism pumpt ein anarchischen Beat zur Festivalversion von Tom und Jerry. Irgendwann hängt der Raver mit zwei Armen langgestreckt und mit nacktem Arsch am Gerüst. Ein denkwürdiger, ein finaler Moment.


Alle Fotos (bis auf Converge -> Quelle: Myspace) hat mein Kollege Olli Hanser geschossen! Vielen Dank!

Ende? Nicht ganz! Damit das Gesamtpaket gehörig melancholisch endet, gibts zum Abschluss das wohl traurigste Festivalvideo der Welt (Klick!)!

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