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Helden?

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Die Terroranschläge während des „Boston Marathon“ bestimmten zuletzt die weltweiten Schlagzeilen. Der Anschlag auf ein Sportevent war ein Novum, wirkte besonders feige und grausam. Alexander Hipp befindet sich zur Zeit in Boston und berichtete vor dem Hintergrund des Playoff-Spiel zwischen den Boston Celtics und den New York Knicks über Hoffnung, Helden und der einzigartigen Verbindung von Sport, Politik und Alltag in den USA.

 
Von Alexander Hipp

 Time-Out! 82:82. Eine Minute auf der Uhr. Es ist das vierte Playoff-Spiel der ersten Runde zwischen den Boston Celtics und den Knickerbockern aus New York. Vor diesem zweiten Heimspiel im Bostoner TD Garden war die Auswärtsmannschaft aus dem Big Apple fast schon uneinholbar mit 3:0 in Führung gegangen. In der Geschichte des NBA-Basketballs hat noch nie eine Mannschaft einen solchen Rückstand gedreht. Doch heute, hier und jetzt steht es unentschieden und die erfahrenen Kobolde wittern ihre letzte Chance.

Man könnte meinen eine Rivalität könnte nicht größer sein, als die der Celtics und der Knicks. Die Grün-Weißen haben außer der Liebe zum selben Sport wohl nicht viel mit den Orange-Blauen gemeinsam – am Ende von Spiel 3 hat J.R. Smith seinen Ellbogen tief in Jason Terrys Gesicht platziert. Doch inmitten dieser Rivalität, dieser Spannung und dem beiderseitigen unbändigen Willen das Spiel für sich zu entscheiden, keimt ein Funke Einigkeit in der Halle auf. Die Menge grölt und kreischt lauter als im gesamten vorherigen Spielverlauf. Egal ob Anhänger von New York oder Boston, alle stehen auf und geben stehende Ovationen. Die Szenerie wirkt absurd. Die Fans in den oberen Reihen waren sich Minuten zuvor noch beinahe an die Gurgel gegangen. Und jetzt stehen sie fast wie Brüder nebeneinander, jubeln, klatschen und applaudieren. Doch was ist der Grund für 18.624 US-Amerikaner bei diesem Spielstand alle Rivalität abzulegen?

Auf dem riesigen Videowürfel über dem Spielfeld wird ein Mann gezeigt. Er ist vermutlich Anfang 40, trägt einen Cowboyhut und hat einen Vollbart und ein hellblaues T-Shirt. Er scheint sichtlich erfreut über den Jubel und feuert die Menge weiter an. Der Hallensprecher dröhnt in perfektem Bostoner Akzent: „Wir begrüßen heute einen wahren Helden im TD Garden.“ In großen gelben Lettern steht „BOSTON STRONG“ auf seinem T-Shirt. Diesen Slogan präsentiert er dem Publikum euphorisch und voller Stolz und treibt sie dadurch wohl zu einem neuen Lautstärkerekord im TD Garden. Der Mann mit dem Bart heißt Carlos Arredondo. Arredondo, der vor zwei Wochen noch ein„normaler“ Staatsbürger der USA, einer wie du und ich war, wird heute als Held im TD Garden begrüßt.

xlargeDas  Bild, wie er am 15. April Sekunden nach dem Bombenanschlag auf den Bostoner Marathon dem 27 jährigen Jeff Bauman im Rollstuhl sitzend eine Arterie an seinem Beinstummel zudrückte und ihm somit das Leben gerettet hat, ging durch die Weltpresse. Die Tragödie, bei der drei Personen getötet und rund 240 zum Teil schwer verletzt wurden, erschütterte nicht nur Boston, sondern ganz Amerika und damit die ganze Welt. Ein Anschlag auf eines der wohl friedlichsten Events der Welt, mitten ins Herz der USA: In Boston , der sprichwörtlichen Wiege des Landes. Auf einen Marathon, der vielleicht traditionellsten Disziplin der Sportgeschichte. Das hat Symbolcharakter.

Carlos Arrendondo ist ungewollt zu Berühmtheit geworden. Auch er ist ein Symbol, eine Nachricht, ein mediales Ausrufezeichen: BOSTON STRONG, wir halten zusammen, wir sind eins, auch nach einer solchen Tragödie. Seit Tagen nun hört man in New England und in den virtuellen Kanälen Facebook und Twitter nichts anderes mehr. Die virtuelle Welt hat den amerikanischen Geist, dieses Verbünden gegen das Unbekannte, gegendas große Andere, gegendie gesichtslose Gefahr längst aufgesogen wie ein Schwamm. Amerika braucht Helden. Sie werden im Alltag zusammengestellt, in Hollywood produziert und in die Geschichte eingeschrieben. Helden sind überlebenswichtig, sie sind die Heftpflaster auf offene Wunden im System: Nach 9/11 rückte die Feuerwehrmänner ins Blickfeld, im anschließenden Krieg gegen den Terror reifte das Militär zur Heldenschmiede. Und auch das amerikanische Sportsystem ist eine Heldenfabrik – auch darin liegt der große Reiz der NBA.

baseballDie großen vier Sportarten sind in Boston alle erfolgreich vertreten. Die Bruins in der NHL, die New England Patriots in der NFL, die Red Sox in der MLB und die Celtics in der NBA. Alle Clubs haben ihre eigene langjährige und erfolgreiche Historie, und sind tief im sozialen Leben in Boston integriert, wie wohl in keiner anderen Stadt auf der Welt. Es gibt wohl keinen Bostoner der nicht zumindest ein Spiel eines der Teams besucht hat, der nicht eine Celtics-Kappe oder ein Red Sox T-Shirt zu Hause hat. Beileidsbekundungen und Einigkeitsparolen nach dem Anschlag kamen aus ganz Amerika und der Welt, doch die meiste Kraft schöpften die angeschlagenen Bostoner wohl aus ihren Sportmannschaften. Der Red Sox-Spieler David Ortiz alias Big Papi brachte die das Baseball-Publikum durch seine Ansprache vor der Nationalhymne mit „This is our fucking city“ zum grölen. Die beiden Superstars Carmelo Anthony (New York Knicks) und Paul Pierce (Boston Celtics) hielten vor dem ersten Playoffspiel eine sehr bewegende Ansprache. Alle vier Mannschaften druckten Merchandising-Artikel mit BOSTON STRONG und verteilten diese gratis an ihre Fans. Es entwickelte sich eine neuartige Aufbruchsstimmung, ein neues Einigkeitsgefühl unter den Menschen im Nord-Osten der USA. Und diese w nie dagewesene Euphorie entlädt sich nun eben in diesem Basketballspiel, in dieser Auszeit, eben in diesem Moment mitten in Boston, nicht unweit der Marathon-Ziellinie an der das Unglück passierte. Dieser Augenblick ist kaum in Worte zu fassen, er ist auf seine ganz eigene Weise magisch. Menschlich. Elementar. Der Sport selbst schwimmt sich frei und das ist schlussendlich ehrlicher als alles Medienspektakel. Und genau so schnell wie er kam ist er wieder vorüber. Timeout vorbei. Das Spiel geht in die entscheidende Phase. Wie bekannt sein dürfte gewannen die Celtics das Spiel mit 97:90 in der Overtime. Spiel 5 ging ebenfalls an die immer stärker werdenden Grünen um den stark aufspielenden Kevin Garnett.

Am Ende sind die Celtics nicht die erste Mannschaft der Geschichte, die einen 3:0 Rückstand aufholen. In Spiel 6 liegen die Celtics mit 26 Punkten zurück, doch anstatt sich zu ergeben, peitscht Garnett seine angeschlagene Truppe noch zu einem letzten Aufstand. 21 Punkte in Folge sind historisch, am Ende reicht es nicht und die Knicks ziehen in die zweite Runde. Die transmediale Botschaft jedoch ist klar: Boston gibt niemals auf.

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