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HipHop-Kemp – Hradec Kralove – Tschechien

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HipHop ist die wohl urbanste aller Jugendbewegungen. So urban, dass es auch im Jahr 2013 noch eine echt irritierende Sensation ist, wenn sich Alligatoah offen zu seiner Dorfherkunft bekennt. Umso stranger ist die Tatsache, dass die (von Natur aus eher rustikale) Festivalkultur im HipHop-Diskurs plötzlich eine gewichtige Rolle spielt und eben diese Festivals im ländlichen Umfeld implodieren. Da ist das Paradebeispiel NoStress-Festival, das eine Waldlichtung auf der schwäbischen Alb umcodiert. Da ist der Marktführer Openair frauenfeld, der sich in der ohnehin schon beschaulichen Schweiz eine Pferderennbahn im Kanton Thurgau einverleibt. Und da ist das HipHop-Kemp, irgendwo tief in der tschechischen Provinz, das irgendwie alles bisher gesehene ad absurdum führt.

Normalerweise verbindet ein guter Festivalbericht Atmosphäre und Konzertrückschauen homogen – im Bezug zum Kemp ist das meiner Meinung nicht möglich. Zuviele Details heben sich im tschechischen Festivalkoordinatensystem von unseren gewohnten Parametern ab. Da ist natürlich zunächst die Anreise: Per Bahn werden wir aus der tiefsten schwäbischen Provinz zunächst durch die geleckten deutschen Metropolen Stuttgart und Nürnberg geschleust (Mitreisende mit dem selben Ziel erkennen wir an den klassischen Caps und Wu-Tang-Pullis – manche Dinge ändern sich eben nie), ehe wir an Prager Bahnhof erstmals osteuropäische Luft schnappen und 1,5 Liter Flaschenkanister Zlatopramen kaufen. Damit im Anschlag geht es weiter mit einer tschechischen Bummelbahn durch den orangeroten Sonnenuntergang und durch frisch gemähte tschechische Felder. Dann Shuttlebus, dann Entenmarsch an der viel befahrenen Festivalstraße entlang, dann endlich da, dann Kulturschock von Nackenschellenausmaß.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (4)Das HipHop Kemp findet auf einer Art alten Raketenbasis statt. Etwa 25000 Mann hab die circa 50 Euro für das Dreitagesticket investiert und campieren jetzt auf einen Areal, dass in Deutschland wohl höchstens für 20000 Mann ausgelegt wäre. Trotzdem finden auch wir Spätangekommenen noch einen angenehmen Platz. Trotzdem ist die Stimmung durchgehend friedlich, losgelöst und entspannt (abgesehen von den lautstarken Schreitsunanis, die sich etwa halbstündlich über den Campingplatz ergießen). Und genau in dieser Opposition entspinnt sich der ganz eigene Charme des Kemp. Auf den ersten Blick wirkt das Festival abgefucked, chaotisch, unorganisiert, gefährlich – bei Genaueren Hinsehen offenbart sich aber eine gehörige Portion Charme, Herzblut, Liebe zum Detail und pure ungefilterte Jugendkultur. An zwei Dinge kann man sich als deutscher Festivalbesucher aber nur langsam gewöhnen: Da ist zum einen die sanitäre Situation inklusive vollkommen überschwemmter Wasserstelle, wie Whirpools übersprudelnde Pissblöcken und den komplett zerfetzten Dixieklos (die zudem recht spärlich gesäht sind). Zum anderen ist da der wildromantische durchgehend florierende Drogenflohmarkt entlang der Hauptschlagadern des Campingplatzes: „Weed, Weed, Weed!“

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (3)Das kaum zu überblickende Chaos des Campingplatz formiert sich mit jedem Schritt Richtung Bühne in einer großartigen, reizüberfluteten Festivallandschaft. Zwischen den Bunkern, die gegen Abend durchgehend bespielt werden, gibt es Unzähliges zu entdecken: Da sind Streetballturniere, Pools, Tomatenschlachten, Skatcontests, Breakdancecompetions, Schokocatchen, Jahrmarktachterbahnen, Elektrozelte, Weinproben, Rapbattles, Sprungtürme, Motocrossshows und ein kulinarisches Angebot von Burger King bis zur einheimischen Kartoffelpfanne. Dem ganzen Termitenbau setzt allerdings das wahrhaftige Konzertgelände absolut die Krone auf. Dieses ist zunächst einmal riesig, darüber hinaus umzäunt von einem immensen Wall (teilweise garniert mit ausgeschlachteten Panzern), das dem Konzert-Bereich den Charakter eines antiken Fussballstadions verleiht.

Und jetzt zum Lineup: Dieses ist (subjektiv) in der amerikanischen Spitze vom aller feinsten, im Mittelfeld aber eher so Mittel – das liegt vor allen an der Dichte an osteuropäischen Acts und an der Tatsache, dass die gebuchten deutschen Acts (subjektiv) nur bedingt Gefallen. Jetzt aber ab…

Der Tanz beginnt mit Stalley, aus dem Stall (höhö) von Maybach Music. Zwar hatte ich mir vorgenommen unbedarft und ohne Vorurteile in dieses Konzert zu gehen – und das obwohl ich vor einiger Zeit einem brechreizerregenden Rock Ross-Konzert beiwohnen musste. Die guten Vorsätze sind mit dem ersten M-m-m-aybach Music Geschichte. Stalley ist offensichtlich ein etwas talentiertere Abspeckversion des Herren Ross und damit für mich der qualitative Bodensatz der Hiphop-Welt. Ein M-m-m-aybach Music reiht sich an das andere und zum Glück ist der Bierstand in Griffweite. Sorry, das musste jetzt raus.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (6)Die HipHop-Welt hat das immense Glück das eine ganze Armada von Pionieren der Szene in Würde alterte und bis heute in der Lage ist energetische Shows abzuliefern. Tatsächlich gibt es auf Festivals zwei klassische Lager zu beobachten: Da sind die Oldschooler, die Künstler der ersten Stunde und der ganze Rest (fließender Übergang). In den letzten Jahren war dabei zu beobachten, dass gerade die „alten Säcke“ live oftmals eine ganz andere Präsenz und Energie auf die Bühne zaubern, als der Nachwuchs. Bei Openair Frauenfeld beispielsweise zerlegte der Doppelheader A Tribe Called Quest/ Run DMC im Handumdrehen das gesamte Festival. Ganz in der Liga dieses Championsleague Finale würde ich De La Soul wohl nicht einordnen, nichtsdestotrotz besitzt das Trio aus Long Island weltklasse Livequalitäten und einen Nikolaus-.Sack voller Oldschoolhymnen. Persönliches Highlight ist aber „Feel Good Inc.“, der sensationelle Kollaborationstrack mit den Gorillaz (der De La Soul eins der Grammy einbrachte).

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (2)Murs&Fashawn sind für mich leider die Enttäuschung des Festivals (und um ehrlich zu sein, bin ich daran nicht ganz undschuldig). Fashwans Platte „Boy Meets World“ ist ein lockerflockiger Meilenstein, der eigentlich auch definitiv zu diesem wunderbaren Sommerabend passen würde, aber irgendwie nervt der Sound und irgendwie nervt Murs und irgendwie nervt der Zeitplan der sich total verschoben hat und irgendwie bekommen wir uns nicht von unserem supergemütlichen Hangplatz aufgerafft und so verpufft die Show ein bisschen. Schade.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (8)Guilty Simpson&Apollo Brown. Dice Game is in the house – Bämm! Sorry, für dieses etwas proletenhafte angeteaser, aber dieses Konzert hat die Durchschlagskraft eines Mike Tyson-Hakens. Voll in die Fresse. Apollo Brown baut die besten Beats der Welt, Guilty Simpson besitzt eine kiloweise Bühnenpräsenz. Das Konzert und vor allem die Überhymne „Nasty“ sind eindeutig zu kurz, das sind da aber auch schon die einzigen Kritikpunkte. Besser geht es glaub ich wirklich nicht.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (7)Lords Of The Underground. Der Abend gehört dann wieder der alten Schule. Die Lords machen wirklich richtig Stimmung, abgefahrenes Crossover Geblitze. Stillstehen geht fast nicht. Es folgt: Big Daddy Kane, noch so einer, der damals wie Obelix in die Ursuppe geworfen wurde. Das seltsame: Big Daddy Kanes Konzert wirkt gar nicht so sehr oldschool, die brettharten Beats sind ganz offensichtlich generalüberholt. So bleibt nur der alte General als Relikt und leider wird deutlich, dass Big Daddy Kane im Vergleich mit seinen Weggefährten nicht mehr soviel Luft in der Pumpe hat und auch Skillzmäßig doch ein wenig zurücksteht.

Organized Threat feat. Gavelyn ist für meine Mitreisenden ein absolutes Highlight, mir selbst ist es im vollbesetzten Bunker schlichtweg zu schwitzig und zu warm. Auf jeden Fall gibt es hyperaktives HipHop-Gebretter inklusive Punk und Elektroeinflüssen und mit absoluter Frauenpower. Das hat definitiv was. Ich weiß nur nicht genau was. Was? Was?

Der letzte Konzerttag beginnt für uns sehr spät, nimmt gegen Ende aber noch einmal so richtig Fahrt auf. El-P beweist leider, dass es nicht jedem HipHop-Act gut bekommt, mit einer Band zu spielen. Das musikalische Gerüst wirkt zu gewollt, zu aggressiv und nervt.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, pragDer König ist tot, es lebe der König. Seit einigen Jahren lässt sich trefflich darüber diskutieren, ob der alte König (das wäre wohl Eminem) angesichts einer unglaublich agilen Szene bereits für tot erklärt werden kann und wen man in diesem Fall zu seinen Nachfolger ernennen sollte. Kendrick Lamar machte keine Faxen und erhob sich wenige Tage vor dem Kemp selbst zum Oberhaupt der Szene. Die Krux hierbei: Irgendeiner hat irgendwann das Gerücht in die Welt gesetzt, dass der gute Kendrick ein miserabler Livekünstler sei. Das ist Quatsch. Am HipHop-Kemp ist der Rapper in großartiger Form, spielt ein absolut kurzweiliges Set mit klar gesetzten Reizpunkten. „Bitch Don´t Kill My Vibe“ und „Swimming Pools“ zergehen in experimentellen Beats, „Fuckin Problems“ kommt in einer Crossover-Version mit Atombomben-Power daher und zusammen mit Fashwan freestyled sich Kendrick durch die Control-Debatte. Einziger Kritikpunkt: Die Playlist ist zum einen viel zu kurz und beschränkt sich komplett auf „Good Kid Maaaad City“.

Zum Abschluss geht es noch einmal in die Bunker. Wer allerdings Retrogott&Hulk Hodn und Oddisee am letzten Tag mitten in der Nacht auf den Turntable knallte weiß ich nicht. Jedenfalls ist der Bunker bei den deutschen Sprachvirtuosen komplett gefüllt – das führt dazu, dass wir uns das entspannt vor der Bunkertüre geben. Mehr gibt’s (aus Mangel an Eindrücken) aber nicht zu sagen. Aus Panik vor einem ähnlichen Ansturm bei Oddisee pressen wir uns nach Konzertende durch die kleine Tür – nur um dann festzustellen, dass um 2 Uhr nachts nicht mehr sooooviele superentspannten und superintelligenten Rap hören wollen. Dementsprechend surreal erscheint die Oddisee-Show, der Künstler selbst hatte wohl genau das gewollt und pumpt sein ganzes Herzblut in das Konzert. Wunderbar. Perfektes Ende. Hört mehr Oddisee!

Die wunderbaren Videos und Bilder sind allesamt von der offziellen Facebook-Präsenz des HipHop-Kemp entlehnt. Merci!
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