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„Fantastischer Film ist nicht einfach nur Grusel!“

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Am letzten Novemberwochenende findet im Zebrakino Konstanz ein besonderes Filmhighlight statt: Das Filmfestival SHIVERS hat seinen Schwerpunkt im Bereich Horror und Fantasy. Vorab sprach RisseImAsphalt mit Stefan Schimek, seines Zeichens Co-Festivalleiter und Programmhauptverantwortlicher des Festivals, über seine Leidenschaft zum fantastischen Film, das Festivalprogramm und die Organisation. Das nachfolgende Interview erschien bereits gekürzt im Südkurier.

SHIVERS ist ein Festival des Fantastischen Films. Was bedeutet das genau? Was ist die Faszination an Fantasy- und Horrorstoffen auf der Kinoleinwand?

Stefan Schimek: „Fantastischer Film ist nicht einfach nur Grusel: Das Genre-Kino setzt sich nicht selten auf ziemlich clevere, so subversive wie originelle – und gerne auch überspitzte – Art und Weise mit aktuellen Themen auseinander, denkt sie weiter, verzerrt sie und entwirft dabei oft überaus faszinierende Szenarien. Dabei ist dieses Sujet vor allem für Nachwuchsfilmer reizvoll: Man kann sich mit kleinem Budget im Grunde nach Lust und Laune austoben, sich ausprobieren und experimentieren. Viele bekannte Regisseure haben mit Fantasy- und Genrestoffen ihr Handwerk gelernt. Selbst Legenden wie Fritz Lang, Alfred Hitchcock, Steven Spielberg oder Stanley Kubrick haben den einen oder anderen fantastischen Stoff in ihrer Filmographie stehen.

Wie arbeitet das SHIVERS-Team? Wer gehört dazu? Wer übernimmt welche Aufgaben? Was wäre eine griffige Definition der SHIVERS-Idee?

Das SHIVERS-Team besteht aus Zebramitgliedern, die allesamt ehrenamtlich im Verein engagiert und fast ausschließlich Studenten sind. Es gibt für alle Bereiche – Programmation, Design, Sponsoring usw. – Hauptverantwortliche, aber in der Regel wird am Ende alles basisdemokratisch entschieden.

Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, jedes Jahr aufs Neue ein Programm auf die Beine zu stellen, das dem Konstanzer Publikum viele der Highlights und Geheimtipps des jeweiligen Festivaljahres in ihren Originalversionen präsentiert. Sowohl hinsichtlich der Produktionsländer als auch der behandelten Themen – und natürlich der Genres – soll ein möglichst breites Spektrum abgedeckt und somit für jeden Geschmack etwas dabei sein. Ob nun amerikanischer Neo-Western, italienischer Mafiakrimi, laotischer Mystery-Thriller oder iranisch-jordanisch-britischer Geisterfilm: Hier sollten fast alle Filmfans fündig werden.“

Wie stellt ihr das Programm zusammen – ihr habt viele Filme lange Zeit vor Kinostart im Programm. Wo grabt ihr nach Perlen? Ist es schwierig, bestimmte Kracher ins „LineUp“ zu bekommen?

Viele der Filme sichten wir auf größeren Festivals wie z.B. der Berlinale, dem Filmfest München oder in Locarno. Darüber hinaus sichtet das gesamte Team gemeinsam im Zebra, vor allem die Kurzfilme. Letztes Jahr wurden diese noch allesamt bei den diversen Filmemachern und Kurzfilmagenturen angefragt. Für den Kurzfilmwettbewerb im Rahmen des SHIVERS 2016 gab es erstmals Einreichungen, so dass die Zahl der zu sichtenden Kandidaten auf über 200 stieg, von denen am Ende knapp über 20 ausgesucht werden mussten.

Jedes Jahr gibt es Filme, die man sehr gerne zeigen würde, vom deutschen Verleih oder dem Weltvertrieb jedoch keine Freigabe bekommt. Das kann vielerlei Gründe haben. Manchmal scheitert es an zu hohen Preisvorstellungen des jeweiligen Rechteinhabers, manchmal aber auch daran, dass dieser den Film zu einem späteren Zeitpunkt auf einem größeren, prestigeträchtigeren Festival präsentieren möchte. Mit einer guten Portion Verhandlungsgeschick, viel Geduld und etwas Glück hat man aber doch überraschend oft Erfolg.“

Für Leute, die noch nie ein Filmfestival besucht haben: Wie funktioniert das denn eigentlich?

Im Gegensatz zu vielen regulären Kinovorstellungen bieten wir beim SHIVERS wie jedes Jahr ein umfangreiches Rahmenprogramm: Interviews mit Filmemachern, Einführungen zu bestimmten Filmen, ein breites Catering-Angebot und Gewinnspiele zu Beginn vieler Vorführungen. Es wird also eine Menge geboten. Zusätzlich zur Eintrittskarte bekommt man bei den Vorstellungen der aktuellen Filme (Official Selection) außerdem einen Bewertungszettel, in dem man dem jeweiligen Film eine Schulnote geben kann. Am Ende wird dann daraus der Publikumssieger des Festivals ermittelt. Zusätzlich zur Eintrittskarte für einzelne Vorstellungen gibt es – wie bei den meisten Festivals üblich – auch einen SHIVERS-Festivalpass, mit dem man Zugang zu allen 15 Vorführungen hat.“

Zudem gibt es einen Kurzfilmwettbewerb – wer sitzt in der Jury? Was sind die Eigenheiten des fantastischen Kurzfilms? Gibt es da eine erkennbare Entwicklung aufgrund des anhaltenden technischen Fortschritts?

Eine dreiköpfige Jury vergibt auch dieses Jahr wieder den SHIVERS Shorts Award an einen der über 20 Kurzfilme im Wettbewerb. Sebastian Selig frönt freiberuflich seiner großen Leidenschaft, dem Kino, indem er für diverse große deutsche Filmmagazine schreibt und auch öfters für FM4 tätig ist. René Walter betreibt seit vielen Jahren erfolgreich den äußerst beliebten Popkultur-Blog www.nerdcore.de und Dr. Anna Grebe ist neben ihrer Arbeit als Dozentin und Medienschaffende ehrenamtlich u.a. als Prüferin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) tätig.

Durch die rasante Digitalisierung ist es sehr viel einfacher und vor allem günstiger geworden, speziell Kurzfilme zu produzieren, da man nicht mehr zwangsweise auf teures analoges Filmmaterial angewiesen ist. Auch das Einfügen hochwertiger Spezialeffekte ist deutlich erschwinglicher geworden. Dadurch werden Kurzfilme aber kurioserweise tendenziell immer länger.“

Wie steht es deiner Meinung nach um den deutschen Genrefilm – wird viel deutsches Kino beim SHIVERS 2016 zu sehen sein?

Vor allem in diesem Jahr sind sehr viele gelungene deutschsprachige Genre-Produktionen in den Kinos angelaufen. Wir hatten dazu auch eine eigene mehrwöchige Filmreihe, in deren Rahmen wir u.a. Nikias Chryssos‘ DER BUNKER oder Akiz Ikons DER NACHTMAHR gezeigt haben, die beide ganz großartige Beispiele für den aufstrebenden deutschen Genrefilm sind. Es gibt also durchaus einen Aufwärtstrend, und wir sind gespannt, was das nächste Jahr so zu bieten hat.

Aber auch beim SHIVERS 2016 wird es wieder einen deutschsprachigen Beitrag zu sehen geben, und zwar Tobias Nölles beeindruckende, in atmosphärische Bilder getauchte und mit verschrobenem Humor gespickte Charakterstudie ALOYS. Direkt im Anschluss wird der Regisseur via Live-Skype-Schaltung auf der Zebra-Leinwand dem Publikum Rede und Antwort stehen.“

Was sind deine persönlichen Highlights im diesjährigen Programm – welche Filme sollte man auf gar keinen Fall verpassen? Wer ist dein Favorit für den Publikumspreis?

Grundsätzlich sind natürlich alle Filme im Programm toll! Sehr empfehlen kann ich unseren bereits erwähnten deutschsprachigen Spielfilm ALOYS am Freitag, den 25.11., eine erstklassige Mischung aus exzellent gespieltem Drama und eigenwilliger, unaufgeregter Komödie. Aber auch im Nachmittagsprogramm am Wochenende gibt es zwei Geheimtipps: Am Samstag, den 26.11., zeigen wir um 15 Uhr den spannenden italienischen Politkrimi SUBURRA von den Machern der TV-Serie GOMORRHA, die erst kürzlich bei Arte zu sehen war. Am Tag darauf, dem 27.11., beginnen wir den Festivaltag um 14 Uhr mit einer komplett restaurierten Fassung des tschechoslowakischen Historienepos MARKETA LAZAROVÁ (1967) in brillanter Bildqualität. Ein bildgewaltiger, beeindruckender Klassiker des europäischen Kinos, den es in dieser Fassung noch nicht auf deutschen Leinwänden zu sehen gab, und einer meiner persönlichen Favoriten.“

Info:

Das Genrefilm-Festival SHIVERS findet vom 24. bis 28. November im Konstanzer Zebrakino statt und zeigt elf brandaktuelle Highlights und Geheimtipps des Festivaljahres 2016, zwei Kurzfilmblöcke und zwei Filmklassiker. Die Ticketpreise pro Vorstellung liegen bei 7 Euro , respektive 6 Euro (ermäßigt). Der Festivalpass ist für 70 Euro ( 60 Euro ermäßigt) zu haben.

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Maifeld-Derby – 01.06.2014 – Mannheim

girls in hawai

Das Maifeld-Derby 2014 ist Geschichte und die Macher des Festivals blicken auf das bis dato erfolgreichste Festivaljahr zurück. Über drei Tage bespielten insgesamt 60 Bands die fünf Bühnen des Festivals und boten dabei einen breiten Einblick in die Welt und den Variantenreichtum der Independent Musik. Außerdem gab es für das Maifeld eine besonders erfreuliche Premiere: Gutes Wetter! Im Gegensatz zum vergangenen Jahr hatte sich die Anordnung der Bühnen marginal verändert. Auch 2014 stand das (vor allem auch atmosphärisch) imposante Palastzelt im Zentrum, die Open Air Stage indes wurde verschoben und bot nun mehr Platz und bessere Sicht für das Publikum. (Soweit die Stakkatomäßige Einleitung, gleich wirds emotionaler. Anmerkung des Korrekturlesers) .Dementsprechend konnte Peter Putz, Mitglied des Veranstalter-Teams, absolut positiv resümieren: „Wir sind mit einer durchschnittlichen Besucherzahl von 4000 pro Tag und ca. 12.000 über das gesamte Festivalwochenende sehr zufrieden.  Das ist noch mal ein ganzes Stück mehr als im letzten Jahr und eine schöne Bestätigung für unsere inhaltliche Arbeit. Auch die Änderungen in der Konzeption und Konstellation des Festivalgeländes wurden sehr positiv aufgenommen.
Vor allem der Festivalsonntag bot ein extrem ausgewogenes und aufregendes musikalisches Programm. Lest unsere Einblicke in einige großartigen Konzerte.

Das Maifeld Derby beginnt für uns mit dem Auftritt von Girls in Hawai. Der Bandtitel alleine klingt zunächst natürlich nach beschwinglichen Indierhythmen, Sommer, Sonne und guter Laune Geklimper. Hawai eben. Und Girls. Falsch gedacht. Girls in Hawai sind eine der spannendsten Band der nach wie vor florierenden belgischen Indieszene und spielen am Festivalsonntag eine energetische Show, die den Zuhörer in einigen Momenten tatsächlich ein wenig an das überragende Headliner-Konzert von The Notwist im vergangenen Jahr erinnert. Das heißt: Wir hören wie sich Soundschicht über Soundschicht legt, ehe sich vor der dunklen Maifeld-Bühne eine regelrechte Lärmwand auftut, die sich dann Tsunami-artig über das Publikum ergießt. Stark! Vor allem die letzte Song, der sich über Minuten aufbaut, verschiedene Stile kombiniert und im Anschluss in einem Jamorkan alles einreißt, überzeugt  und zwar auf ganzer Linie. Von dieser Band werden wir noch einiges hören.

Weiter geht’s draußen mit The Elwins. Und die machen genau die Art von Musik, die man eigentlich (als Namendeuter) von Girls in Hawai erwartet hätte (Beschreibung siehe oben). Das ist ganz nett und passt natürlich wunderbar in den Sonnenschein, aber insgesamt ist diese Art von Musik doch ein wenig zu angenehm und rutscht einem ein zu schnell die Gehörgänge hinunter. Den Kanadiern fehlt ein Ticken an Ecken und Kanten, Sounds, die sich in den Ohrmuscheln festkrallen. Immerhin tanzen unzählige Mädchen mit Blumenkränzen in den Haaren. Denn: Die Sonne scheint. Am Maifeld (!).

Spannender wird es im Anschluss im Palastzelt: Dort marschieren nämlich Temples auf die Bühne, die zuletzt vor allen Dingen in Großbritannien einen ordentlichen Hype erfahren haben (und auch hier darf der Hinweis nicht fehlen, dass sowohl Johnny Marr, als auch Noel Gallagher die Truppe aus Kettering als „die heißeste junge Band der Insel“ bezeichnet haben. Ritterschlag von Atombombenausmaß). Am Maifeld-Derby beweisen „Die Tempel“ (sorry!) wieso: Zunächst einmal besitzt Frontmann James Edward Bagshaw der imposantesten Naturafro der Rock´N´Roll-Szene seit Wolfmother Boss Andrew Stockdale. Des Weiteren ist das Psychodelic-Geschrammel, dass die zierliche Band auf die Bühne klatscht absolut imposant und erfrischend. Zack und Bämm. Vollgas und geradeaus. Einer aus dem Publikum schreit „You Guys Are Amazing.“ Von der Bühne antwortet ein gelangweiltes, kaum wahrnehmbares Nicken der Marke „Wissen wir schon lange“. Rock`N´Roll eben.

Das Bühnenpendeln geht weiter. Als wir uns aus der Dunkelheit des Zeltes schälen erfolgt die wettertechnische Überraschung. Wo uns zuvor blendende Sonnenstrahlen die an die Dunkelheit gewohnten Netzhäute verätzten, klatschen uns jetzt dicke Regentropfen ins Gesicht. Das Maifeld hat eben einen Ruf zu verteidigen. Der Schuldige ist schnell gefunden und gibt das auch noch unverfroren zu: Hozier kommt aus Irland und natürlich hat er den Regen mitgebracht. Eigentlich müsste man ihm dafür böse sein, würde er nicht in der Folge ein Konzert spielen, das absolut in Erinnerung bleibt und den Titel der „Überraschung des Sonntags“ ganz locker einstreicht. Frontmann Andrew Hozier-Byrne hat eine fantastische Stimme und schlägt dunkle, bewegende Töne auf seiner Bluesgitarre an, während seine Band, inklusive Piano und Streicher, den Singer-Songwriter-Kompositionen eine unglaubliche Tiefe und Größe verleiht. Das ist Bluesrock vom Feinsten, irgendwie dunkel und traurig, irgendwie tanzbar und angenehm. Ein wenig erinnert das an die frühen Kings Of Leon gepaart mit irischer Gelassenheit. Vor allem „Take Me To Church“ ist ein Song der genau hier, an diesem Ort, im kalten Regen aber so was von in Erinnerung bleibt.

St. Vincent surfen gerade auf einer ordentlichen Hype-Welle. Die Feuilletons überschlagen sich ob Anne Erin Clark musikalischer Vielseitigkeit. Den Mrs. Clark (und um diese Assoziation kommt man irgendwie nicht herum) ist so etwas wie die Lady Gaga der Independet-Szene und kann genau diesen Vergleich vermutlich absolut nicht mehr hören. Das Konzert ist vor allen Dingen von einem gehörigen Grad der Unberechenbarkeit geprägt: Hier scheppern böse Elektrosequenzen in durchdringende Poprhythmen, die dann wieder in klassischen Indiefrequenzen zergehen. Hm. Wow. Oha. So richtig in Worte fassen lässt sich eine Show von St. Vincent nicht. Und irgendwie ist das ja auch gut so. Clark offenbart vor allen Dingen ein immenses musikalisches Talent und eine beeindruckende Bandbreite, die sie bis zu den letzten Zentimetern ausbreitet und abmarschiert. Und natürlich ist das alles irgendwie noch Experiment, ein Ausloten der Möglichkeiten, das in letzter Konsequenz aber nicht komplett aufgeht, weil die letzte, die finale Radikalität doch ausbleibt.

Wye Oak indes spielen eine wunderbar berechenbar schöne Art von Musik. Die Sonne ist zurück, man stellt sich entspannt in die ellenlange Crepes-Schlange und das Duo aus Baltimore bildet damit das ideale Bindeglied zwischen der wilden, ausufernden St. Vincent Show und….

The National. Dieser Name thronte in diesem Maifeld-Jahre über allem – zum einen, weil das Maifeld-Team bis dato noch nie einen Bandfisch von einem solchen Ausmaß an Land gezogen hatte (immerhin gilt The National als Lieblingsband von Barack Obama), zum anderen haben sich die beinahe beängstigenden Livequalitäten der Band mittlerweile nachhaltig herumgesprochen. Und eins vorweg: Die Band um Sänger Matt Berninger enttäuschte trotz gigantischer Erwartungen nicht eine Sekunde und dürften( Stand 2014) wohl wirklich eine der besten (oder halt eben die beste) Live-(Indie)band unseres Planeten sein. Hallo Superlativen. The National live besticht mit zwei verschiedenen Faktoren: Nummer 1 ist das Niveau der Musiker – die beiden Brüderpaare Aaron und Bryce Dessner und Bryan und Scott Devendorf entwerfen grandiose, vielschichtige, wunderbare Klanguniversen, die immer wieder von sensibel eingesetzten Bläserbombast an den Rand der Implosion getrieben werden. Gigantisch! Faktor zwei ist indes Matt Berninger. Der Irre. Berninger ist unberechenbar, superwitzig und meistens (zumindest gefühlt) stockbesoffen. Er zertrümmert Mikrofonständer nach Mikrofonständer, reißt so manchen Flachwitz, marschiert wie ein Tiger über die Bühne und zum Abschluss des Konzertes immer wieder mit ellenlangen Mikrofonkabel ins Publikum. Und egal wie und in welchem Zustand, egal an welchen Ort: Berninger singt sich die Seele aus dem Leib und legt sie dann noch seinem Publikum zum Füßen. Und wir im Publikum möchten mitschreien, wenn Berninger schreit, möchten mit weinen, wenn seine Stimme fast zerschellt. Am Maifeld sind The National zusätzlich mit Lightshow angereist, was das Gesamtkunstwerk noch einmal abrundet und um entscheidende Nuancen erweitert. Zum Abschluss gibt es eine fabulöse Unplugged Version von „Vanderlyle Crybaby Geeks“, die das Publikum zunächst zum Mitsingen aus vollen Kehlen animiert und ebendiese nach Abschluss des Konzerts offen stehen lässt. Mehr geht nicht.

Das ist definitiv der perfekte Festivalabschluss! Eben so wie es sein sollte.
P.S.: Das Maifeld liebte The National – und augenscheinlich beruhte die Wertschätzung auf Gegenseitigkeit. In seiner abschließenden Pressemitteilung berichtet Festivalmacher Timo Kumpf: „The National haben sich noch einmal ganz persönlich bei uns für das tolle, selbstgekochte Essen, die gesamte Betreuung und den hochprofessionellen Ablauf in allen Aspekten bedankt. Der Band hat es bei uns sehr gut gefallen, was man ihrem Auftritt auch durchaus angemerkt hat, denke ich. Für mich und mein Team ist das eine große Bestätigung.

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 Maifeld-Derby – Vorbericht und Interview

maifeld derby

Aus dem übersättigten Festivalnährboden Deutschlands sprossen in den vergangen Jahren so viele neue Festivals, dass man selbst als geneigter Musikfan schnell Gefahr läuft, den Überblick zu verlieren. 2014 finden wir beinahe in jedem Ort, zumindest jedoch in jedem Landkreis ein eigenes Festival – die Spanne reicht dabei von Giganten wie dem Southside oder Rock am Ring, über Mainstream-Events bis hin zu größeren Dorffeten. Das Problem: Quantität ist nur selten mit Qualität gleichzusetzen! Vielen Veranstaltungen fehlt es an Charme, Risikobereitschaft, Ideenreichtum und vor allem aber an aufregenden Lineups. Zahlreiche Bands überschneiden sich, die Buchungen folgen meist aktuellen Hypes oder dem unabdingbaren Drang nach Party. Vor diesem Hintergrund tut es besonders gut über ein Festival wie das Maifeld-Derby zu stolpern, das ganz bewusst einen anderen Weg geht.

Aber von vorne: Auch das Maifeld-Derby ist noch nicht lange der Kinderwiege entstiegen. 2014 findet das Festival auf dem Mannheimer Maimarkt Gelände nunmehr zum vierten Mal statt. Doch das Derby war von Beginn an anders. Das zeigt alleine ein kleines, aber feines Detail: Das Zeitplan des Festivals offenbart sage und schreibe fünf Bühnen und bietet genau deshalb für alle Arten und Größen von Bands ausgiebige Spielzeiten bei möglichst geringen Überschneidungen. Es wird klar: Hier geht es um Musik – der Hardcore-Festivalgänger könnte sich theoretisch zumindest ein gutes Stück Musik von jeder der insgesamt 60 Bands zu Gemüte führen.

Und ebendiese 60Truppen bieten eine gehörige Bandbreite. Die grundlegende Ausrichtung des Festivals liegt sicherlich im ungeheuer undefinierten Bereich der Indie-Musik. Wie weit dieses Feld ist, konnte man bereits im vergangenen Jahr feststellen, als man als Maifeld-Gänger bereits am ersten Abend sowohl die Progstoner-Giganten Kadavar, als auch eine denkwürdige Show von The Notwist hören konnte (Hier gehts zu unserem Bericht von letzten Jahr -KLICK-). Auch 2014 gibt es unglaublich viel zu entdecken. Zu den Highlights des Lineups gehören sicherlich die fantastische Future Islands, deren Frontmann Samuel T. Herring wohl zu emotionalsten und außergewöhnlichsten Performern des ganzen Rock´N´Roll-Zirkus gehört. Am Festivalsamstag teilen sich zwei Bands den großen Auftritt im Palastzelt des Festivals: Zunächst entert Lokalmatador Konstantin Gropper a.k.a. Get Well Soon die Bühne. Gropper entstammt der Mannheimer Popakademie und seine orchestraler, vielschichtiger Musikentwurf sucht nach wie vor national wie international seines Gleichen.

Zweiter Samstagsheadliner sind Warpaint, die psychodelische Indie-Elektronik-Experimental-Supergirlgroup, die einst zusammen mit John Frusciante musizierten und Live stetig für offene Münder sorgt. Der ganz große Fisch zappelt aber erst Sonntag-Abend im Netz: The National waren 2013 eine präsentesten und erfolgreichsten Indiebands – das spielt aber eigentlich keine Rolle. Denn The National mit ihrem besessenen und unendlich sympathischen Frontmann Matt Berninger sind schlicht und einfach eine absolut grandiose Liveband mit einen scheinbar unendlichen Fundus an absoluten Hymnen. The National und das Maifeld-Derby – das passt wirklich wie der viel zitierte Arsch auf Eimer!

Knapp eineinhalb Wochen vor dem Festival ergab sich die Möglichkeit einige Fragen an Timo Kumpf, den Veranstalter des Maifeld-Derby und Matthias Rauch (Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Clustermanagement Musikwirtschaft) zu richten. Die Antworten wollen wir euch selbstverständlich nicht vorenthalten.

 

1. Was genau sind eure Aufgaben im Organisationsteam des Maifeld Derby?

Timo Kumpf: „Als Geschäftsführer habe ich die Verantwortung über alle Bereiche, von der Produktion über die Promotion bis hin zum Programm. Die Schwerpunkte verschieben sich im Laufe des Jahres. Zunächst steht neben Partnerakquise das Programm im Vordergrund, bevor es dann an die Details geht. Eine Spezialisierung darüber hinaus ist momentan leider noch nicht möglich, aber langfristig arbeite ich daran, mehr Verantwortung abzugeben.

Matthias Rauch: „Seit diesem Jahr unterstütze ich das Maifeld Derby Team bei der Pressearbeit und der Kommunikation. Ich arbeite als PR-Verantwortlicher für das Clustermanagement Musikwirtschaft Mannheim & Region. Wir sind Netzwerker und Strukturförderer innerhalb der regionalen Musikwirtschaft. Wir haben in den letzten Jahren unter anderem den VIP-Empfang des Maifeld Derbys ausgerichtet. Dieses Jahr unterstützen wir das Festival vor allem personell.

2. Das Maifeld-Derby geht nunmehr in seine vierte Ausgabe – was wird 2014 anders sein? Gibt es Fehler, aus denen ihr gelernt habt? Gibt es Neuerungen?

Timo Kumpf: „Es gibt immer Dinge, die man verbessern kann und daran arbeiten wir nach unseren Möglichkeiten ständig. Aber größtenteils sind das Dinge, die sich hinter den Kulissen abspielen. Für die Besucher versuchen wir natürlich ständig am Konzept zu feilen und dies zu verbessern. Die größte Veränderung ist, dass wir aus den anfänglich 3 Bühnen nunmehr 5 gemacht haben. Es gibt erstmals eine Aftershow Party im Maimarktclub bis 5.00Uhr morgens. Da geht’s dann elektronischer und tanzbarer zur Sache als beim „normalen“ Festivalprogramm.

Matthias Rauch: „Es gibt auch sehr viele Dinge, die wir gerne fortführen wollen. So ist es uns nach wie vor wichtig, die Details nicht aus dem Blick zu verlieren und eine sehr intime und familiäre Atmosphäre während des Festivals zu schaffen. Hier greifen sehr viele Faktoren ineinander, die von der Dramaturgie des Line-Ups bis hin zum Catering und der Gestaltung des Geländes reicht.

3. Wo soll es mit dem Maifeld-Derby hingehen? Gibt es Grenzen?

Timo Kumpf: „Naja, wir sind schon so ziemlich an der Grenze dessen was das aktuelle Konzept hergibt. Spätestens bei 5000 Besuchern ist unser Gelände erschöpft und aktuell ist es nicht angedacht, daran etwas zu verändern. Das würde dann auch das Besondere, familiäre Ambiente gefährden und das wollen wir glaub ich nicht riskieren.

Matthias Rauch: „Wie Timo schon sagte, geht es uns nicht um Wachstum um jeden Preis. Wir haben nichts dagegen zu wachsen und tun dies ja auch, aber nur wenn wir gewährleisten können, dass wir bestimmte Aspekte nicht komprimittieren müssen.

4. Bei der Dichte an Festivals, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, ist die Konkurrenz natürlich groß. Was ist für ein „junges Festival“ besonders wichtig, um sich zu etablieren und sich von der Masse zu unterscheiden?
Timo Kumpf: „Ich denke neben Programm und gekonnter Umsetzung gibt es noch viele weitere Parameter. Zum einen das liebe Wetter, wobei man das ja nicht im Griff hat, zum anderen noch langweilige Themen wie Finanzierung oder ganz banal auch Geländeverfügbarkeiten. Es kann einfach immer alles passieren und damit muss man dann umzugehen wissen. In unserem Fall war die Szeneangehörigkeit als Musiker von Get Well Soon und das daraus resultierende Netzwerk sehr wichtig. Da merken Bands und Besucher, dass wir da kein Businessmodell zusammengeschustert haben, sondern dass wir hier ein Herzensprojekt umsetzen. Das ist dann auch unser Alleinstellungsmerkmal, wir stehen sehr auf Details.

Matthias Rauch: „Ich glaube, die meisten Besucher des Festivals sind sehr inhaltlich interessiert und wollen die Musik genießen und auch neue Bands entdecken. Und wir wollen dafür einen sehr angenehmen Rahmen bieten. Bei uns wird man keine langen Warteschlangen, kein überteuertes Essen sowie keine Dixieklos ertragen müssen. Abgesehen davon, dass Timo auch dieses Jahr wieder ein hervorragendes Programm zusammengezimmert hat.

4. Wie setzt ihr euer Line-Up zusammen? Was ist euch bei der Bandauswahl wichtig?

Timo Kumpf: „Das ist auch immer so eine Bauchentscheidung. Ich buche, was mir gefällt. Klar hat sich im Laufe der Jahre auch der Anspruch entwickelt, möglichst aufstrebende Bands kurz vom Durchbruch zu verpflichten, aber im Endeffekt entscheiden Qualität und der persönliche Geschmack.

5. Was ist deine Meinung zur Headliner Verpflichtung von The National? Ich könnte mir vorstellen, dass da bei der Ausrichtung des Festivals ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen ist?

Timo Kumpf: „Naja, das ist schon eine krasse Sensation. Wir freuen uns auf diese tolle Band und haben lange gebraucht, um das zu glauben! Aber um auch das mal klarzustellen: Die sind im Vorfeld schon so nett und normal, dass sich das alles schon normalisiert hat und auch THE NATIONAL eine ganz normale Band in einem bunten Portfolio toller Musikgruppen sind.

Matthias Rauch: „Wir freuen uns natürlich sehr, dass das mit The National geklappt hat, allerdings muss sich das gesamte Programm keinesfalls verstecken. Ganz im Gegenteil. Die Verpflichtung von The National trägt sicherlich dazu bei, dass das Festival noch stärker als bisher international wahrgenommen wird. Wir haben sehr viele Anfragen aus dem europäischen Ausland, was uns natürlich sehr freut.

6. Hast du Geheimtipps, was man als Besucher auf keinen Fall an kleinen Bands verpassen sollte?

Timo Kumpf: „Das hab ich beim Programm noch vergessen: Alle Bands sind unsere Geheimtipps! In diesem Jahr hervorzuheben sind vielleicht Hozier, Wye Oak, Son Lux, Anna Aaron, Bilderbuch, Lambert und eigentlich auch alle anderen. Also nix verpassen, denn es könnte deine neue Lieblingsband sein!

Matthias Rauch: „Ich freue mich besonders auf Bands wie Future Islands, Sohn, Monochrome, Hundreds oder auch Get Well Soon, die mit Streicher- und Bläserensemble auflaufen werden. Sollte man alles tunlichst nicht verpassen.

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Southside-Festival 2013 – Take-Off-Gewerbepark Neuhausen Ob Eck

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Da sitze ich jetzt. Geduscht. Sauber. Die letzte Dose 5.0 an den Lippen, die Haut schält sich von der Nase. Post-Southside-Depression. Irgendwo im Schädel sind die Konzert-Erinnerungen, Eindrücke vom Boden der Raviolidose!

Eins vorweg: Das Southside-Lineup 2013 wäre um ein Haar das subjektiv beste der Geschichte geworden. Dann hagelte es hochkarätige Absagen (Modest Mouse und Belle&Sebastian) und auch der Timetable fraß einige spannende Acts (allen voran Frightened Rabbit, Tyler The Creator und Modeselektor) erbarmungslos auf. Trotzdem blieb ein bunter, wilder, schmackhafter Eintopf übrig. Greift zu:

Masters Of Reality markieren einen idealen Festivalauftakt: Eine halbe Stunde Stonerrock-Geschrammel der alten Schule. Schmutzige Riffs, versoffene Stimme. Auf der Wiese siffen, Kippe, Bier, Sonne. Herzlich Willkommen Southside-Festival.

Alt-J sind wohl die ultimative, die finale Hipsterband. Locker-, nein federleichter Indie, total überspulte Klimpersounds und elektrisches Rumgeduddel. Und doch ist das klasse. Spannend. Eletrifizierend. Tatsächlich schaffen Alt-J ihren Album-Sound ganz glockenklar zu reproduzieren und schustern ein technisch gigantisches Live-Gebilde. Viele Hippie-Mädchen singen mit geschlossenen Augen. Passt!

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (7)Archive Liveperformances besitzen eine ganz eigene Energie: Die einzelnen Bandbestandteile scheinen regelrecht gegeneinander anzuspielen. Ein Elektrobeat brettert ungebremst gegen eine Gitarrenwand, die hohe Stimme von Sängerin Marie Q zerschellt an dem markanten Organ ihres Gegenübers Dave Penney und die bekannten Songstrukturen implodieren in wilder Improvisation. Selbstredend entladen sich die angesprochenen Spannungen immer wieder in einem harmonischen Miteinander. Zwar gelingt es der Band am Southside nicht ganz, die epische Bandbreite ihrer grandiosen Live-DVD „Live in Athens“ zu reproduzieren (was definitiv auch an der zu knapp bemessenen Spielzeit liegt), trotzdem hinterlässt die Konsequenz, mit der Archive die bekannten Strukturen in furiosen Experimenten ad absurdum führen, offene Münder.

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (29)Zeitreise in die Vergangeneheit: Halbschuh-Dorfpunk in der schwäbischen Provinz. Immer auf den illegal zusammengestellten Mixtapes: NOFX und The Hives. Das ist der Soundtrack meiner Jugend. Und zack: Jetzt gibts endlich das Live-Erlebniss. Zwar abseits der Pogokreise, aber trotzdem angenehm berührt. Hits wie „Stickin In My Eye“ oder „Hate So To Told You So“ sind einfach Alltime-Klassiker. Kulturelles Gedächtnis der Festival-Welt.

 

Billy Corgan war schon immer ein eigenartiger Charakterkopf (und damit meine ich nicht nur den markanten Kahlschädel). Der Frontmann der Smashing Pumpkins war Zeit seines Lebens als Rock´N´Roll-Star arrogant, verschlossen, seltsam. Die einen liebten diese Attitüde, verehrten Corgan wie einen Halbgott, die anderen blickten genervt zur Seite und verschlossen sich auch Corgans Musik. In den letzten Jahren ist der Ruhm der Pumpkins zunehmend verblast (2007 hatte man noch Rock am Ring geheadlined) – und doch ist Corgan der einzige Künstler des gesamten Festivals, der sich nur aus der Ferne fotografieren lässt (obs am eindeutig zu engen T-Shirt lag?). Doch genug Gehate, denn eines ist klar: Corgan ist ein fantastischer Songwriter, ein starker Gitarrist und außergewöhnlicher Sänger. Und das ist schlussendlich was zählt: Das Konzert ist dementsprechend erste Sahne. Zunächst spielt Corgan das verjammte, esoterische neue Material, dann hangelt er sich durch den Lianenwald seiner alten Hits („Disarm“, „Tonight“, „Bullets with Butterfly Wings“ in einer Reihe – woaaah!) und treibt dem Publikum ein breites Joker-Lächeln in Gesicht.

Ben Howard. Zelthead. Tausende verliebte Fan-Mädchen. Über sensibles Gitarren-Geklimper. Dahin gesurfte Singer-Songwriter-Mucke. Mitgesinge. Genuschel dazwischen. Ohrenbetäubende „Woooooooooooh“´s. So schön! Am Zeltplatz Slayer gegen die Überdosis!

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (17)Als Macklemore vergangenes Jahr auf dem Frauenfeld vor fast leeren Gelände und um gefühlt halb sieben Uhr morgens eine dermaßen inbrünstige Show spielte, dass einem die Ohren schlackerten, hatte alle Anwesenden das merkwürdige Gefühl, Zeuge eines denkwürdigen Moments geworden zu sein. Auch das Southside war überzeugt, buchte den Rapper und seinen kongenialen DJ Ryan Lewis kurzerhand für die erste Bandwelle und bewies damit absoluten Schäferhund Spürsinn. Denn ein Jahr später ist Macklemore ein allgegenwärtige Superstar. Erist überall. Der geplante Auftritt auf der Zeltbühne wäre wohl in einer Katastrophe geendet, aber auch die Verlegung auf die Bluestage ist grenzwertig. Bereits gegen 13 Uhr beginnen die Massen im „Herr der Ringe“-Schlachtenstyle gen Festivalgelände zu marschieren. Und der Strom bricht über gefühlte Stunden nicht ab. Absoluter Nachmittagsrekord! Das Konzert selbst ist aber enttäuschend. Ungefähr ein Drittel der gerade einmal 35 Minuten Spielzeit wird leider von Macklemore verlabert (alles gut und recht, aber wenn du doch eh nur ne halbe Stunde auf der Uhr hast, Mensch, dann spiel Songs. Dann spiel verdammt nochmal „Otherside“), der Bass ist übersteuert, sowohl Beat als auch MC bewegen sich teilweiseneben der Spur. Wollen wir hoffen, dass die Southside-Macher Backstage mit einem Headliner-Vertrag wedelten.

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (32)The National spielten – und hier ist der Superlativ und alle Euphorie einfach mal dermaßen angebracht – das beste Konzert des Wochenendes, vielleicht der Festivalgeschichte. Was Sänger Matt Berninger da abzieht, lässt sich metaphorisch nur mit einem Hattrick im Championsleague-Finale oder einem Quadruple-Double in den NBA-Finals vergleichen. Nicht nur dass der Frontmann seinen schon auf Platte allmächtigen Bariton mit literweise Kraft, Emotion und Energie auffüllt, darüber hinaus ist Berninger einfach ein begnadeter Entertainer, der vielleicht beste Frontmann der Welt. Berninger besingt zwar tieftraurige, magisch-melodische Hymnen, killt während des Konzertes im Vorbeigehen aber eine Flasche Weißwein und ist spätestens zum Ende seiner Show besoffener als alle versammelten Punks, Metal-Heads und Rapper. Der Show selbst tut das keinen Abbruch, weil Berninger einfach immer weiter singt und immer noch besser wird. Weil er schreit und jault und schlägt und zu guter Letzt durchs gesamte Publikum marschiert. Da geht selbst dem Wettergott das Herz auf, weg mit dem Wolken-Pulli. The National wird in warmes Gold getaucht. Gänsehaut. „Conversation 16“ überbordet vor Schönheit, „Terrible Love“ ist schlichter Wahnsinn und über „Fake Empire“ wurde schon alles geschrieben. Größer geht’s nicht. Ach halt, einen kleinen Wermuttropfen gabs dann doch noch zu verschmerzen. „The Rains Of Castamere“ vom Game of Thrones-Soundtrack wurde trotz Aufforderung nicht gespielt. Dafür reissts Berningers Erklärung raus: „We can´t play it. It will start a war out there. I´m a fucking lannister!

 

Die Angst, dass Rammsteins brachialen, erbarmungslosen Metalsounds das fragile Portishead-Gebilde zerfetzen würde, ließ die Southside-Tontechniker die Boxen auf der blauen Bühne in Richtung Anschlag drehen. Das Resultat: Der Sound beim Auftritt von Portishead ist sensationell gut, das Konzert toppt die Show von vor zwei Jahren um Längen. RATRATRATRATRAT! Machine Gun! Sound-LKWS. Massenkarambolage. Dazwischen Beth Gibbons im Stile einer Prozellanvase, die ständig hin und her wippt. Die Gefahr der Zerschellens ist allgegenwärtig, gegen die Angst wird die TripHop-Ursuppe in dicken Kellen ausgeschenkt. Und am Ende waren alle Sorgen umsonst. Das Rammstein-Feuerwerk am Himmel ist die ideale Ergänzung zum furiosen Portishead-Finale.

Rammstein der unbestrittene Headliner und Mainstream-Aushängeschild lässt es nach allen Regeln der Kunst krachen: Die Bühne brennt, meterhohe Flammen schießen aus den unterschiedlichsten Gerätschaften und dazu sägt Sänger Till Lindemann seine markante Stimme in die jaulende Metalvorhölle. Rammstein ist gleichermaßen verzerrtes Konzert und größenwahnsinniges Theater. Lindemann gibt den muskelbepackten Mephisto, der martialisch seine Band durch den Fleischwolf dreht, mit dem Flammenwerfer röstet und unterwirft. Und schlussendlich ist Rammstein die Definition eines Blockbusters, der vor allem eines liefert: Erstklassige Unterhaltung mit überschaubaren Anspruch,Popcorn-Kino eben – zurücklehnen (sofern das in der Festivalmenge möglich ist) – genießen! Da klappen gefühlte 10000 Mundwinkel synchron nach unten.

 

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (39)Als wären Postrock und Isländisch nicht jeweils für sich schon kompliziert genug. Sigur Rós erweitern das Ganze um eine eigens entwickelten Fantasiesprache und einer abgefahrenen Gitarren-Technik: Sänger Jónsi Birgisson streicht mit einem Geigenbogen zärtlich über die vibrierenden E-Gitarrensaiten. Diese feine Nuancen machen Sigur Rós zum absoluten Must-See, zu einem Liveact von Orkanstärke. Zunächst bläst da nur ein warmes Streicherlüftchen, das Jónsi zerbrechliche Stimme ein Stück umweht. Dann werden die Einschläge massiver: Dunkler, dumpfer Trommeldonner und wummernde Herzschlagbeats pusten ins Publikum, ehe der isländische Postrock-Sturm um sich greift und alles mit sich reißt. Poetry in Music, Sound, Motion. Pure, vertonte Schönheit.

Little Talk“ von Of Monsters And Men ist ein ultimativer Radiohit. Ein Ohrwurm, den jeder mitsingen kann, den man eigentlich mögen muss. Entsprechend eng gestaltet sich auch die Situation vor der Green-Stage: Of Monsters And Men spielen vor einer Menschentraube, für die sich selbst ein Headliner nicht schämen müsste. Dazu schält sich die Sonne langsam aus einer dichten Wolkenschicht und sorgt für eine fast perfekte Festivalstimmung. Man sollte die Isis auf keinen Fall auf ihren Überhit reduzieren. Das Debtalbum „My Head Is An Animal“ schuf eine losgelöste Atmosphäre und auch live haben die jungen Isländer bereits eine hohe Qualität. Keyboardsounds, Trompetensolos, Streicherelemente, das Spiel mit zwei Stimmen – der Konzerttisch ist reichlich gedeckt und trägt Referenzen wie Arcade Fire oder The Decemberists offen zur Schau. Trotz allem wirkt das Konzert ein wenig zu abgeklärt, es fehlt ein Funken Enthusiasmus. Das kann an der Tagesform liegen, vielleicht hätten Of Monsters And Men ein homogenerer Aufstieg und ein, zwei Jahre mehr in den kleinen Clubs gut getan. 

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (42)Editors schalten beinahe mit jedem Song einen Gang nach oben und bezeugen im fälligen Beschleunigungsvorgang ihr Gespür für hymnische Songstrukuren und magische Sekunden. Besonders besonders sind die Editors immer dann, wenn sich Smith ans Piano setzt und inbrünstig losklimpert. Das musikalische Repertoire des Birmingham-Quintett reicht indes von formidablen, vielschichtigen Alternative-Bauten („Smokers Outside The Hospital Doors“), über eingängige, überbordende Post-Punk-Granaten („An End Has A Start“) bis zu elektronischen, wummernden New-Wave-Perlen („Papillon“), die live allesamt noch eine Spur mehr Würze besitzen. Hit an Hit.

Als die Arctic Monkeys 2006 erstmals auf dem Southside-Festival aufspielten, hätte nach dem Auftritt wohl kaum einer einen Pfifferling darauf gesetzt, dass diese Band irgendwann als Headliner nach Neuhausen zurück kommen würde. Die Monkeys waren zu diesem Zeitpunkt als erste Band weltweit durch einen Internet-Hype in Sekundenschnelle zu Superstars mutiert und zeigten bei ihren ersten Konzerten auf deutschen Boden nicht viel mehr als Arroganz und technisch unausgereifte Livepräsenz. In der Folge nahm die Band aber eine ganz und gar außergewöhnliche Wandlung: Aus dem eingängigen (und zweifelsohne noch heute bahnbrechenden) Garagenpunk des Erstlings hat sich mittlerweile ein dunkler, unberechenbarer Blues entwickelt. So entsteht zwischen den beiden Spielarten ein furioses, anspruchsvolles und vor allen Dingen kurzweiliges Konzert. Leadsänger Alex Turner (im gestreiften Jacket, mit Elvismatte) hat sich zu einem Frontmann von Weltformat entwickelt, der am Bühnenrand Gitarrensoli jaulen lässt und vor allen Dingen stimmlich eine ganze Farbpalette von Stimmungen abstreichen kann. Nicht auszudenken, wohin die Reise der Arctic Monkeys hinführt, wenn ihre Entwicklung ungebremst weiter schießt.

 

Die durchweg fantastischen Bilder hat mein werter Kollege Olli Hanser geschossen. Ich bedanke mich ganz herzlich für die Bereitstellung! Weitere seiner Bildergalerien (auch von Rammstein), sowie Texte meinerseits findet ihr unter http://www.suedkurier.de/southside./

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Maifeld-Derby – Maimarkt Mannheim – 30.05.2013

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (5)

Der Diskurs „Festival“ hat sich in den letzten Jahren erheblich erweitert, verändert, rekontextualisiert. Unter einem zunehmenden Hype entwickelten sich vor allen Dingen die Branchenführer wie Rock am Ring/ Rock im Park und auch Southside/ Hurricane mehr und mehr zu absoluten und stetig wachsenden Massenevents. Am Southside trifft man mittlerweile unzählige Abiabschlussfahrten: Hier steht die Party im Vordergrund, das Festival wird zum Mallorca-Ersatz – während Bands wie „New Order“ vor leeren Feldern spielen. Doch Stop! Das hier soll keinesfalls ein esoterisches, besserwisserisches „Früher-war-alles-besser-Plädoyer“ werden – das wäre fehl am Platz und lesen will das auch keiner (zumal das Southside mit dem Greencamping Alternativen bietet und nach wie vor tolle Lineups zusammenbucht). Die Zeiten ändern sich eben, so war es immer und so wird es immer sein. Nichtsdestotrotz ist man vor dem Hintergrund dieser Überlegungen und Tatsachen besonders froh, glücklich und dankbar, dass es im Kontrast zu den genannten Giganten auch noch Festivals wie das Maifeld-Derby gibt. Drei Tage, 50 Bands, vier Bühnen – die Zahlen sind schnell genannt und verdeutlichen vor allen Dingen eines: Die Musik steht hier absolut und eindeutig im Vordergrund.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (10)Im Speziellen die viergliedrige Bühnenkonstellation auf dem Mannheimer Maimarkt bietet für Besucher und Musiker einen absolute Luxussituation: Jeder einzelne Künstler – sei es Newcomer, Singer-Songwriter oder bombastisches Soundkollektiv –  erhält eine angemessene Spielzeit, eine passende Bühne und einen sauberen Sound. Da ist der Parcours d´Amours, die Singer-Songwriterbühne, die direkt im Pferde-und Reitstadion steht, während das Publikum von der Tribüne der Rennbahn wie im Kino auf die Künstler blickt. Da ist die Brückenaward-Bühne, die auf engstem Raum eine passende Atmosphäre für den Nachwuchs bietet. Da steht die kleine Openairbühne im Zentrum des Geländes, die aufgrund ihrer Lage in alle Richtungen schallt und einem – egal ob zum Essen oder Pinkeln – einen wunderbaren Soundtrack liefert. Und da ist die Hauptbühne, in Zeltform, die angesichts der niederschmetternden Sintflut einen idealen Rückzugsort markiert und darüber hinaus mit außergewöhnlicher Soundqualität punktet. Das Maifeld-Derby fand dieses Jahr erstmals über drei Tage statt und offenbarte ein aufregendes, abwechslungsreiches Indie-Lineup (inklusive einer ungewöhnlicher Reizpunkte), dass man in Deutschland bis dato nur vom mittlerweile legendären Haldern-Pop gewohnt war. Speziell der Festival-Freitag ließ den gängigen Musikliebhaber vor Vorfreude mit den Ohren schlackern, konnte man doch von 16 bis 3 Uhr doch eigentlich durchgehend erstklassige Musik verputzen. 3000 Menschen folgten dem Ruf der guten Musik. Gehen wir in die verschlammten Details.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (9)Herons! aus Irland sind eigentlich ein stetig wechselndes Kollektiv, am Maifeld spielt Mastermind Ben Kritikos aber alleine im Parcours d´Amours. Passend dazu covert er „Girls Just Wanna Have Fun“ im Folkgewand. Ein angenehmer Warmmacher zum Auftakt. Garda sind eine junge deutsche Band, die bei mir leichte „The National“-Assoziationen hervorruft. Meine Mithörer quittieren das mit Kopfschütteln. Young Rival sind eine ganz klassische Indieband aus Skandinavien, der es ein bisschen an Überraschungsmomenten fehlt. Ab und an klingen ein wenig „Vampire Weekend“-mäßige Dschungelsounds durch – ansonsten bleibt es bei „ganz nett“.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (1)Scout Niblett ist das erste richtige Highlight im Line-Up. Die Singer-Songwriterin erinnert ziemlich direkt an eine folkige Janis Joplin. Wie sie da steht, die zersausten Haare im Wind, ein schüchtern vor sich hin säuselnd. Die E-Gitarre bricht mit dem klassischen Singer-Songwriter-Bild. Nach dahin gehauchten Beginn, erweitert sich das Band-Lineup stetig um weitere Musiker und parallel dazu bauen sich auch Nibletts-Songstrukturen immer weiter und in alle Himmelsrichtungen aus. Leider schießt der Himmel da direkt zurück und der zarte Sonnenschein der ersten Songs mutiert alsbald zu einem handfesten Platzregen. Doch so einfach gibt sich Niblett ihrerseits nicht geschlagen und kontert kurzerhand mit ihrem ganz eigenen, bluesigen Unwetter. Ein spannendes Duell!

Daughter spielen leider eine sehr zurückgenommene und insgesamt enttäuschende Show. Gerade im Vergleich zu anderen Indie-Acts des Tages fehlt es der Live-Perfomance meiner Meinung nach ein wenig an Durchschlagskraft und Überraschungseffekten, um den umgreifenden Hype gerecht zu werden. Das Konzert erinnert sehr stark an The XX – nur das dort eine männliche Stimme eben immer wieder dazwischenfährt und einen Dialog initiiert. Das Gesamt-Publikum reagiert jedoch mit Euphorie, die ich nur in einem ganz bestimmten lyrischen Moment nachvollziehen kann: „We Are The Reckless, We Are The Wild Youth“.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (7)Was für ein erbarmungsloses Brett. Was für eine Band. Kadavar machen keine Kompromisse. Zu keiner Sekunde Es scheppert und brettert und jault und kreischt und schlägt und schreit und schwitzt und brennt und knallt. Grandiose Gitarrensoli, meterlange Haare, Schlagzeug-Schreddern. Bombe! Und jeder der meint, die Band als bloße Kopisten zu bezeichnen, die 40 Jahre zu spät in die Seite greifen, soll sich doch bitte in ein stilles Kämmerlein zurückziehen und auf seinem Flachbildschirm die „Best-Of-Neue-Deutsche-Welle“-DVD seiner Mutti einverleiben. Zum Glück gibt es diese Musik. Noch. Wieder. Und zum Glück gibt es Kadaver.

Als Charles Baudelaire einst die Künstlerfigur des Flaneurs manifestierte, verlangte er von ebendiesem die Welt mit den Augen eines Kleinkinds zu sehen. Das Kinderauge selektiert nur bedingt, nimmt alles auf und in den Blick. Jede Kleinigkeit kann die Welt erschüttern, als ist wichtig. Beim Konzert von CocoRosie zeigt sich, dass das Schwesternduo offensichtlich mit einer ganz ähnlichen Heransgehensweise musizieren. Die Interaktion zwischen den Cassidy-Schwestern erscheint spielerisch und erinnert an kindliche Rollenspiele: Alles wirkt ein wenig überzogen, überladen,jede Idee wird in großen Gesten umgesetzt und die Fantasie sprudelt nur so von der Bühne. Manchmal indes kippt das Spiel in Sekundenschnelle: Es wird gezickt und geschmollt und sich an den musikalischen Haaren gezogen. Man könnte fast den Eindruck gewinnen Bianca und Sierra, die über 10 Jahre getrennt aufwuchsen und ihre Kindheit nur bedingt zusammen erlebten, würden hier den öffentlichen Versuch starten, diese verlorenen Momente nachzuholen. Und in diesem Kraftfeld, entsteht etwas Besonderes, ein absolut ungewohnter Ansatz, der nichts ausschließt und sich offen für alles zeigt. Egal ob Beatboxer, Harfe, jodelnder Nymphengesang, Spielzeug-Sounds – CocoRosie  saugen alles auf und setzen die Bruchteile in ihrer eigenen, abgeschlossenen Welt neu zusammen.

Dry The River sind immer dann am Besten, wenns ihnen eigentlich egal ist. Der englische Fünfer ist ohne Frage eine ganz fantastische Band mit unglaublichen Potential und es finden sich in dunklen Youtube-Gefilden Unplugged-Fetzen, die einem das Blut in den Adern zu Gänsehaut gefrieren lassen. Aber irgendwie wolle Dry The River mehr. Ihre aktuelle Scheibe „Shallow Bed“ klang eindeutig zu überfrachtet und überproduziert – die dazugehörige Akkustik-Scheibe indes wusste vollkommen zu überzeugen. So transportiert die Band ihren Klangentwurf auch am Maifeld auf einem schmalen Grad: Die lauten, jammenden, experimentellen Momente (meist unterstützt durch überspitzte Gesangseinlagen) greifen irgendwie nicht so richtig, die ruhigen Momente indes hauen einen durchaus aus den Socken.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (8)Ein absolut unglaubliches Konzert lassen The Notwist auf das Palastzelt los. Die Band könnte man getrost als Gründungsväter des deutschen Indies bezeichnen – auf dem Maifeld-Derby beweist das Quintett aber definitiv, dass es auch heute noch in der Lage ist, brandheiße Reizpunkte zu setzen und mit experimentellen Sounds schier erdrückende Energiewellen auszulösen. Ein Notwist-Konzert offenbar ganz eigenes, teilweise irritierendes Hörerlebnis: Da ist zunächst einmal die Tatsache, dass die Band unterm Strich zwei Frontmänner besitzt. Am rechten Bühnenrand steht Markus Acher, dessen glasklare Stimme sich immer wieder aus dem mächtigen Musik-Chaos schält und sich direkt in den Hörgängen festkrallt. Das Pendant dazu steht links, Martin Gretschmann, der sich als Console einen Namen in der Elektroszene machte und dessen elektronische Soundblitze immer wieder das geerdete Soundgebäude erschüttert. Zwischen diesen beiden Polen entfacht sich eine regelrecht magnetische Noise-Kraft, die auch den Rest der Band durch die Luft wirbelt, hin und her reißt und Schichten über Schichten malen lässt.

Da sind zunächst die eingängigen, gängigen Indie-Songstrukturen, die dann immer wieder aufs neue von ausgefallenen Beats auseinander geschraubt werden, ehe das Produkt The Notwist in erbarmungslosen Jam-Sessions implodiert. Mittendrin steht dann plötzlich Gretschmann mit zwei Nintendo-Wi-Drückern in der Hand, schlägt durch die Luft und tritt damit erneute Soundlawinen los. Und als Zuschauer/Zuhörer weiß man gar nicht mehr, wie einem gerade geschieht. Erst am Ende nehmen The Notwist ihre eigene Musik wieder an die kürzere Leine und entlassen ihr Publikum mit der ihrer Überballade „Consequence“.Das ist großes Kino. Das ist einzigartig. Das ist futuristisch und klassisch zugleich.

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The Brew/ Popa Chubby – Honberg-Sommer – Tuttlingen

The Brew:

Als der Vollblutmusiker Tim Smith zusammen mit seinem Sohn Kurtis und dessen Kumpel Jason Barwick jammte, hätte er sich wohl kaum gedacht, dass sich dieses Trio circa zehn Jahre später den Ruf als eine aufregendsten frischen Bluesrockbands des Planeten erspielen sollte. Zack – genau das ist aus der Patchworkband geworden. Tim, der Bandvater, greift in die Basssaiten und untermauert das Gesamtgebilde mit dunklem Bass, dazu drescht sein Sohn Tim erbarmungslos auf die übergroße Schlagzeugburg. Das Herz der Band ist aber das Gitarrenspiel des Frontmanns, der in der vergangenen Jahren mehr und mehr die Gesangspart übernommen hat. Jason Barwick, dem der Lockenschopf tief ins Gesicht hängt, springt wie ein Derwisch am linken Bühnenrand und setzt dann seine Gitarrenakzente punktgenau ins offene Puzzle seiner Mitmusiker. Dieses Zusammenspiel, dieses aufeinander reagieren und abreagieren ist heute eine echte Rarität, junge Bluesrockbands der Marke The Brew sind eine Seltenheit.

 

Popa Chubby:

Popa Chubby entert mit einem Tribut an den vielleicht größten Gitarristen der Rockgeschichte die Bühne: „Hey Joe“, ganz im Geiste von Jimmi Hendrix. Mr. Chubby grölt regelrecht ins Mikrofon, stellt sich dann in die Bühnenmitte und fällt gleich zu Beginn über seine Gitarre her, dass es eine wahre Freude ist: Das Solo geht seine eigenen Wege, sägt und jault und kreischt und wispert, ehe es der Ausnahmegitarrist einfängt, beruhigt und in ruhigere Sphären zurückführt. Dazu rotzt und schwitzt und leidet menschliche Bluesrock-Bowlingkugel. Was für ein Beginn! Popa Chubby ist ohne Frage eine imposante Figur: Der 1960 unter dem bürgerlichen Namen Theodore Joseph Horowitz geborene Bluesmusiker ist ein Koloss von Mann, trägt am Honberg nur eine dünne Lederweste und ist über und über mit Tattoos bedeckt. Dazu greift er derartig inbrünstig in die Saiten, dass seine Finger bluten und seine Gitarre zerfleddert – seinem Publikum geht es indes nicht anders. Der Funke, die Elektrizität springt über und dehnt sich mit zunehmender Konzertdauer zu einem gehörigen Spannungsteppich aus. Popa Chubby, der einst als sechsjähriger Stöpsel von seinem Vater zum Chuck Berry-Konzert geschleppt wurde und sich Hals über Kopf in den Rock´N´Roll verliebte. Eine Liebe die bis heute glüht, aber auch schon so manche Beziehungskrise zu bewältigen hatte. In den 1980er Jahren erspielte sich Popa Chubby seinen Lebensunterhalt in der New Yorker U-Bahn. Dort, im Schmutz, im Dunkeln lehrte er sich selber Kniffe, Tricks und fand seinen eigenen Stil, den er später in verschiedenen Blueskneipen zur Schau trug. Hier wurde Popa Chubby entdeckt und reist seither um die Welt und verkündet seine hippieske Botschaft: „Ich glaube Musik ist die ursprünglichste Sprache. Eine Sprache die wir alle verstehen. Musik ist Liebe. Wir alle glauben an die Liebe.“ Das Konzert setzt ganz bewusste Akzente, mal spielt Popa Chubby ruhig vor sich hin (das Hallelujah-Cover hätte aber wirklich nicht sein müssen) und genießt den Moment der Ruhe, der Andächtigkeit. Dann dreht er wieder am Rad durch, brüllt seinen Emotionen ins Publikum und wird eins mit den Saiten. Intensiver geht es kaum!


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Openair Frauenfeld – Große Allmend – 08-10.07.2011

Zunächst einmal ein kleiner Aufschrei der Empörung: Nachdem bereits SAT 1 im Anschluss an das Southside-Festival eine haarsträubend unobjektive Doku in die deutsche Fernsehlandschaft knallte, zeigte nun das Schweizer Fernsehen ein ähnlich miserables Verständnis für die Faszination Festival. Saufen, Feiern, Saufen, so die Quintessenz des SF 2 Berichts über das Openair Frauenfeld. Und: „Weniger Topacts, dafür mehr Partyzelte.“ Nichts verstanden, Zitate in den flaschen, äh falschen Kontext gestellt, den Stones hintergeflennt und die eigene Unkenntnis wie der Kaiser ohne Kleider zur Schau getragen. Angesichts des Line-Ups eine Farce, denn das ist 2011 in Frauenfeld tiefer als je zuvor und bietet Perlen wie Blockbuster. Dazu ermöglicht der Timetable dem trainierten Musikfan wirklich jedes Konzert sehen zu können – von 11 Uhr morgens bis in die Nacht. Aber naja, wofür gibt’s denn Risse im Asphalt:

Atmosphere ist ein wunderbarer Festival-Opener. Die Formation aus Minneapolis besteht seit 1994 und beweist seither ein ausgesprochenes Gespür für ausgewogene Songs und exzellente Beats. Natürlich funktioniert das besser im Club als auf der ganz großen Bühne. Trotzdem: Sonne&Atmosphere. Läuft.

OFWGKTA – Odd Future Wolf Gang Kill Them All, ein Name wie in Stein gemeiselt. Hyperaktiv und gewaltig. Krank und Tripyy. Futuristisch. Rückständig. Gehyped. Kaputt. Die Ahnungslosen halten Tyler The Creator für Großmaul, ein verzogenes Kind. Sie sollten mal schleunigst die Scheiben rotieren lassen. Leider ist der Sound zu Beginn nicht optimal, zu verschwommen für die aufgespaltenen Beats der Gang. Dann stolpert allerdings Tyler himself mit riesigen Krücken auf die Bühne, platziert sich wie eine alte Jazz-Diva auf einem Barstuhl in der Mitte, während der Rest der Entourage komplett am Henkel dreht. Wolf Gang!

Zwar zeigt sich der Schauspieler Ice Cube für hanebüchene Meilensteine der Marke „xXx 2 – The Next Level“ oder den sechsfach für die Goldene Himbeere nominierten „Anaconda“ verantwortlich, den HipHop-Legendenstatus wird man ihn wohl trotzdem Zeit seines Lebens nicht aberkennen. Zu bahnbrechend war einst sein Schaffen bei N.W.A. – Niggers With Attitude an der Seite von Dr. Dre. Nach deren Auflösung folgten sechs Soloalben, keines erreichte auch nur anähernd das ursprüngliche Niveau. Egal! Am Frauenfeld gibt sich Ice Cube dann genau so wie man es erwartet. Ein bisschen zu prollig, ein bisschen zu klischeehaft, aber mit heftigen Beats und guter Stimmung. Passt doch!

Verjagt von der deutschen Festivallandschaft verkommt Bushidos Konzert leider zur akuten Lobhudelei und Dankbarkeitsbekundung an das schweizer Publikum. Das nervt. Gegen später spielt er seine brauchbaren alten Songs, da stehen wir aber schon an der Pommes Bude.

2011 ist Snoop Dogg immer noch omnipräsent im HipHop-Business. Er ist Filmstar, Produzent, gefragter Feature-Partner für aufkommende Superstars, Moderator und Modemacher. Snoop ist eine große Konstante, die selten überrascht und auch selten total enttäuscht – man weiß eben was man von Snoop zu erwarten hat! Entsprechend routiniert funktioniert auch Snoop Doggs Auftritt am Openair Frauenfeld. Die Bühnenshow ist auf Hochglanz getrimmt und eine überdimensionale Leinwand prangt mittig in der Bühne. Sie dient dem DJ als größenwahnsinniges DJ Pult und wird darüber hinaus mit Filmchen bespielt, die Snoop einmal mehr als den weltgrößten Pimp und Gangster zeigen. Er spielt sich souverän durch seine Listen von Hits, ein bisschen Oldschool von früher, ein wenig House von heute – und das Publikum hat definitiv Grund zu feiern.

Kool Savas Auftritt lässt Bushidos Konzert noch ein wenig schlechter da stehen. Denn der King zieht alle Register und zeigt all seine Skillz. Als Sahnehäubchen gibt’s noch Olli Banjo (praktisch als Kay One Gegenpart – mehr muss man eigentlich nicht sagen). Und damit eine geballte Faust deutsche HipHop Geschichte. Gegen Ende darf das Frauenfeld noch einen Part fürs kommende Soloalbum einsingen und das zementiert dann endgültig die großartige Klangkulisse. Das tut man sich auch mal komplett durchnässt mit Reißwolf an.

Yelawolf ist ein Derwisch. Ein Punk. Eine tätowierte Acidversion von Eminem. So schnell, dass einem die Ohren wackeln, so präzise, dass deine Pupillen pumpen. Keine Frage: Die Überraschung des Festivals. (Da hat er sich auch das Titelbild allemal verdient! – Den Aufruf: REINHÖREN ja sowieso).

Bämm! Big Boi spielt Outcast Klassiker. Damit ist eigentlich alles gesagt. Der kleine Mann gibt sich alle Mühe und spielt ein ordentliches Konzert, aber insgesamt ist das dann halt doch ein wenig so, wie wenn man sich Chris Cornell oder Serj Tankian anschaut. Da fehlt was und zwar einiges. Unser Vorschlag: Nächstes Jahr wiedervereinigen und ab auf den Headliner-Slot.

Meine Fresse, wie oft haben wir alle schon auf „Ante Up“ gefeiert. Entsprechend wartet ein Großteil der Crowd natürlich auf den Überhit von M.O.P., die sich an einer großen Kulisse erfreuen dürfen. Solide Nummer.

Ich gestehe reumütig. The Roots haben wir im Sitzen genossen. Weit hinten, mitten in den trockenen Holzschnitzeln, gewasted, aber glücklich. Deshalb gibt’s zum Konzert leider nicht allzu viel zu sagen. Außer: Das Gehörte war natürlich großartig und aller Respekt geht an Questlove für sein Talent und sein übertriebenes Arbeitspensum.

Der Wu-Tang Clan ist so etwas wie die Ursuppe der Ostküste. RZA, Method Man, Raekwon, Ghostface Killah und wie sie alle heißen, sie alle haben mächtige Karrieren hingelegt. Vereint ist der Wu-Tang Clan aber nach wie vor die mächtigse Dynastie der HipHop-Welt. Der Clan liefert auch am Frauenfeld spielerisch seine ureigene Interpretation des HipHop-Konstrukts ab, inklusive einer fast zeremoniellen Huldigung an die verstorbenen Helden der Szene (und natürlich an Ol´ Dirty Bastard) – zehntausende Hände sprießen zum obligatorischen „W“ in die Höhe. „Wu-tang Clan ain’t nothing to fuck with!“

Nach der Absage von Mos Def blieb von Blackstar leider nur Talib Kweli übrig. Der spielt zwar eine tolle Show, schafft es aber freilich nicht ganz den Schatten seines eigenen Projektes hinter sich zu lassen. Der Sound ist kristallklar, der Künstler top gelaunt. Zumindest bis ihm Cypress Hill den Saft abdreht und das Mikro auf dem Bühnenboden aufschlägt.

Zum Abschluss gibt es dann noch Cypress Hill, die großen Experimenteure und Brückenbauer. Die Formation um die beiden Rappern B-Real und Sen Dog streckt seit ihrer Gründung 1991 stetig ihre Fühler in die unterschiedlichsten Richtungen aus und zelebriert im speziellen eine einzigartige Verbrüderung des HipHops mit dem Rock. Die Kalifornier arbeiteten bereits mit Größen wie Rage Against The Machine oder auch Pearl Jam und so nimmt die Gitarre bei Cypress Hill einen ähnlichen Stellenwert wie der klassische Beat ein. Zwar spielt Cypress Hill in Frauenfeld ohne Live-Band, dafür haben sie mit DJ Muggs einen echten Meister seines Fachs in ihren Reihen, der aktiv von Perkussionist Eric Bobo unterstützt wird. „Insane In The Brain“, „How I Just Killed A Man“, „Dr. Greenthumb“ – Cypress Hill spielen ihre All-Time Klassiker und zeigen sich überwältigt von der spektakuläre Kulisse. Und das beruht auf Gegenseitigkeit.

Bereits am Samstag latschte Azad mit eine Gruppe muskelbepackter Muskelmänner übers Gelände. Das macht ihn auf jeden Fall nahbar und auch sympathisch, genau wie die an seinen Auftritt anschließende Autogrammstunde. Das Konzert bietet zwar nichts neues, trotzdem ist ein Slot um 11 ein wenig undankbar für einen Musiker, der mit Sido und Savas gerappt und einst Chartposition 1 erklomm.

Curren(Dollarzeichen)y! Ein bisschen Größenwahnsinn kann man dem MC aus New Orleans nicht absprechen, sein vernebelter Auftritt rechtfertigt diesen aber durchaus. KING KONG AIN’T GOT SHIT ON ME!

Unser Endgegner heißt Marteria! Das gibt dir den Rest.

Mieses Video, aber die Dimensionen werden ersichtlich:

Alle Bilder habe ich dank der freundlichen Genehmigung der schweizer Kollegen der Seite: www.tilllate.ch entnommen. Dort findet ihr noch jede Menge weiterer Schnappschnüsse, reinschauen lohnt!

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