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Posts Tagged ‘Folk’

Unscharf und vernebelt

Es ist schon ein erniedrigendes Gefühl, wenn du vor Konzertbeginn im Graben hockst und neben dir ein Nerd nach dem anderen Spaceshuttle-mäßige Hightech-Kameras im Sekundentakt um neue Bauteile erweitert, bis er seinen Todesstern zusammengeschraubt hat und circa 10000 Wahnsinnsbilder in der Sekunde produziert. Und ich daneben: Omas Digicam für den Italienurlaub (54.99 Euro Restposten).

In den vergangenen Jahren habe ich ne menge Konzerte besucht, das Know-How war bescheiden, die Ausrüstung meistens auch. Bilder hab ich trotzdem gemacht. Verwackelt und verschwommen, unscharf und vernebelt.  Und irgendwie allesamt trotzdem schön.

Hier ist also der Atlas der Konzert, die Chronik der Musikbilder. Vielen Dank an alle Bands, Konzertbegleiter, Kameraausleiher und Ersatzfotografen. Und  jetzt klickt euch durch die Galerie! Husch, husch!

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I Am Oak – Kulturladen Konstanz

Den Holländern, wir alle kennen die Klichées, werden ja eine ganze Reihe von Dingen und Angewohnheiten nachgesagt: Sie reisen in Wohnwägen, verkaufen Tulpen und Käse und tragen Holzschuhe. Sie können nicht kicken, spuckten Rudi Völler in die Locken und nerven als Moderatoren in deutschen Fernsehshows. Weniger bekannt waren unsere Nachbarn bislang für Berge (das wird sich in naher Zukunft wohl auch nicht ändern) und aufregende Indie-Folkbands. Letztere Aussage allerdings muss man wohl spätestens seit dem Jahr 2010 mit allem Nachdruck relativieren. Da nämlich brachte die Formation I Am Oak zunächst als Soloprojekt des aus Utrecht stammenden Musikers Thijs Kuijken ihr Debütalbum „On Claws“ auf den Markt und stürzte die gesamte heimische Fachpresse in nicht enden wollende Jubelströme. Die Vergleiche mit Genre-Göttern wie Sufjan Stevens und vor allem Bon Iver folgten auf dem Fuß und man hat bis heute das Gefühl, dass ganz Holland stolz auf seinen schüchternen Helden ist. Zurecht. Nachdem im Kulturladen die Localheros von Music Is Her Boyfried, ein sympathisches Mädchenduo, das umgehend Boy-Assoziationen hervorruft, die Bühne warm gespielt haben, schlurft Thijs Kuijken auf ebendiese. Der Look des Schlaks erinnert ein wenig an Harry Potter, seine Bühnenpräsenz und Arrangements an Zach Condon von Beirut, während seine zärtliche, beinahe zerbrechliche Stimme ein wenig nach Conor Oberst klingt. Alleine die bloße Masse an Referenzen offenbart, inwiefern sich Folk gewandelt hat: Die Musikrichtung, die sich einst aus den Blues und Country-Korsetten schälte, wurde durch die gesamte Musikhistorie hindurch stiefmütterlich behandelt. Heute aber gilt Folkmusik offiziell als „cool“ und ist in Form von Bon Iver oder den Mumford&Sons beinahe beängstigend erfolgreich. Folk ist der Soundtrack der Hipsters (frei jeder Wertung).

 

 

Thijs Kuijken indes kann mit dem ganzen Trubel so gar nichts anfangen (siehe Video) und versteht sich trotz Hornbrille nicht als Hipsteridol und musikalischer Outlaw. Kuijken will Musik machen, nicht mehr und nicht weniger – in seinem eigenen, kleinen, verkopften Universum: „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendwie meine Meinung zu globalen, großen Phänomenen oder politischen Themen formulieren sollte. Global heißt für mich eher: Universelle Gefühle transportieren, mein Mensch-sein beschreiben.“ Thijs singt nicht für die großen Bühnen. Er schreibt den Soundtrack für Mikrokosmen. Für die Welt in der Nussschale. Seit den Aufnahmen zu „Nowhere Or Tammensaari“ irgendwo im finnischen Niemandsland gilt I Am Oak offiziell als Quintett, in Konstanz tritt die Thijs-Truppe allerdings als Trio auf. Gitarre, Schlagzeug, Bass – die klassische Punkrockbesetzung. Das ist für eine Folkband durchaus ungewöhnlich und entsprechend reduziert klingt der Sound der Band. Das ist ein wenig schade, denn auf Platte sind es gerade die Sekunden der gefühlten instrumentellen Variation – Streicher, Hammond-Orgel, Chöre – die für die besonderen I Am Oak-Momente sorgen. Die anfängliche Enttäuschung weicht schnell, als deutlich wird, dass es Thijs Kuijken gelingt eben aus dieser konventionellen Besetzung eine tiefe Sehnsucht und musikalische Schönheit zu schöpfen. Größe durch Verkleinerung.

Kuijken greift im Wechsel zur abgeranzten Straßenmusikerklampfe und zur smaragdgrünen Rockstargitarre und dabei schwingt das Konzert zwischen brüchigen Folkkompositionen und kräftig, jaulenden Bluesbrechern. Die Übersongs „Trees and Birds and Fire“ und „Palpable“ bilden dabei eindeutige Ausreißer, die sich vor keiner Konkurrenz verstecken müssen – mehrschichtig, eingängig, fragil.Die letzten Songs zerfließen in einer minutenlangen post-rockigen Explosion, ehe sich Thijs Kuijken mit letzter Kraft und schwer lädiert für eine letzte Solo-Nummer auf die Bühne schleppt. Das Konzert endet eigentlich viel zu früh – doch das muss man I Am Oak nachsehen: Ihr schwächlicher Frontmann ist nicht gemacht für Rock´N´Roll, für große Rahmen – und genau das ist das besondere.

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Maria Taylor – Kulturladen Konstanz – 24.01.2012

Natürlich ist es eine schöne Sache, wenn zwei so astreine Künstler wie Conor Oberst und Maria Taylor zum Liebespaar verschmelzen – noch fruchtbarer ist es allerdings – und das schreibe ich aus purem Fan-Egoismus heraus, wenn sich die beiden dann trennen. Denn gebrochene Folk Herzen bedeuten entsprechende Musik, solche die einem die Tränen in die Augen treibt. Wenn schon leiden, dann aber richtig. Abgesehen von Maria Taylors wispernden Stimme herrscht im Kulturladen Totenstille. Und blickt man in die Gesichter der Konzertbesucher, erkennt man wirklich zu spüren wie jedem einzelnen so eine kratzige Sehnsucht in die Gehörgänge kriecht, bis tief runter ins Herz.

Der Support ist kein Support. Eigentlich ist das eher ein Festival. Den Anfang macht die „Flare Acoustic Arts League”, die eine Wolke unheilschwangeren Pop heraufbeschwören, die einem das Blut gefrieren lässt, gefolgt von „Unbunny“, einer geplagten Seele von Songwriter, der mit glockenheller Stimme der verflossene Liebe ein Denkmal ersingt. Ja, passender könnte man Hauptact wohl kaum den Weg breit treten.

Die Formulierung wirkt, angesichts der, trotz angedeuteten Babybauch so zierlichen Person, die sich da mittig auf der Kulturladenbühne einnistet, beinahe absurd, aber Maria Taylor ist ein echtes Schwergewicht der amerikanischen Folkszene.

Die Biografie der Sängerin, die sich vor allem als 50 % des weiblichen Duos Azure Ray einen Namen ersang, schreit dabei förmlich nach exzessiven Name-Dropping: Taylor ist eine Schwester im Geiste des REM-Frontmann Michael Stipe, sie musizierte mit den Bright Eyes (zu deren Mastermind Conor Oberst Maria eine zeitweilige Beziehung führte) und wurde von Elektro-König Moby regelrecht um eine Zusammenarbeit angefleht.

Die großen Namen pflastern zwar die Karriere der aus Alabama stammenden Künstlerin und trotzdem wandte sich Maria Taylor zu keiner Zeit von ihrem sperrigen Verständnis von Musik und Songwriting ab. Wohl aber vom Mainstream-Markt. Mehr noch: Wer mit dem Werk Azure Rays vertraut ist, reagiert oftmals einigermaßen irritiert auf Taylors Solostücke. Denn dort regiert das Experiment und der Erfindergeist. Taylor spielt mit Elektronik, werkelt an neuen Soundarten und lebte zuletzt die Möglichkeiten ihres Multiinstrumentalismus vollends aus.

Live ist dann wieder alles anders. Was für ein Hin und Her, ey! Kein Schnickschnack, kein elektronischen Versuche. Das verwundert zunächst, begeistert dann aber in seiner Klarheit und Abwechslung zusehends. Die Balladen zum schreien schön, dazu tonnenschwere Blues-Rock Nummern, so White Stripes“ mäßig, die dann wiederrum beinahe post-rock mäßig zerschellen und offene Münder hinterlassen. Und natürlich darf die Hommage an die weit entfernte Heimat nicht fehlen. Mit „Sweet Home Alabama“ hat das freilich wenig gemein. Taylors Kompositionen besitzen eine unbändigere Sehnsucht als der alte Schunken. Eine wilde Schönheit, die berührt.

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