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HipHop-Kemp – Hradec Kralove – Tschechien

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HipHop ist die wohl urbanste aller Jugendbewegungen. So urban, dass es auch im Jahr 2013 noch eine echt irritierende Sensation ist, wenn sich Alligatoah offen zu seiner Dorfherkunft bekennt. Umso stranger ist die Tatsache, dass die (von Natur aus eher rustikale) Festivalkultur im HipHop-Diskurs plötzlich eine gewichtige Rolle spielt und eben diese Festivals im ländlichen Umfeld implodieren. Da ist das Paradebeispiel NoStress-Festival, das eine Waldlichtung auf der schwäbischen Alb umcodiert. Da ist der Marktführer Openair frauenfeld, der sich in der ohnehin schon beschaulichen Schweiz eine Pferderennbahn im Kanton Thurgau einverleibt. Und da ist das HipHop-Kemp, irgendwo tief in der tschechischen Provinz, das irgendwie alles bisher gesehene ad absurdum führt.

Normalerweise verbindet ein guter Festivalbericht Atmosphäre und Konzertrückschauen homogen – im Bezug zum Kemp ist das meiner Meinung nicht möglich. Zuviele Details heben sich im tschechischen Festivalkoordinatensystem von unseren gewohnten Parametern ab. Da ist natürlich zunächst die Anreise: Per Bahn werden wir aus der tiefsten schwäbischen Provinz zunächst durch die geleckten deutschen Metropolen Stuttgart und Nürnberg geschleust (Mitreisende mit dem selben Ziel erkennen wir an den klassischen Caps und Wu-Tang-Pullis – manche Dinge ändern sich eben nie), ehe wir an Prager Bahnhof erstmals osteuropäische Luft schnappen und 1,5 Liter Flaschenkanister Zlatopramen kaufen. Damit im Anschlag geht es weiter mit einer tschechischen Bummelbahn durch den orangeroten Sonnenuntergang und durch frisch gemähte tschechische Felder. Dann Shuttlebus, dann Entenmarsch an der viel befahrenen Festivalstraße entlang, dann endlich da, dann Kulturschock von Nackenschellenausmaß.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (4)Das HipHop Kemp findet auf einer Art alten Raketenbasis statt. Etwa 25000 Mann hab die circa 50 Euro für das Dreitagesticket investiert und campieren jetzt auf einen Areal, dass in Deutschland wohl höchstens für 20000 Mann ausgelegt wäre. Trotzdem finden auch wir Spätangekommenen noch einen angenehmen Platz. Trotzdem ist die Stimmung durchgehend friedlich, losgelöst und entspannt (abgesehen von den lautstarken Schreitsunanis, die sich etwa halbstündlich über den Campingplatz ergießen). Und genau in dieser Opposition entspinnt sich der ganz eigene Charme des Kemp. Auf den ersten Blick wirkt das Festival abgefucked, chaotisch, unorganisiert, gefährlich – bei Genaueren Hinsehen offenbart sich aber eine gehörige Portion Charme, Herzblut, Liebe zum Detail und pure ungefilterte Jugendkultur. An zwei Dinge kann man sich als deutscher Festivalbesucher aber nur langsam gewöhnen: Da ist zum einen die sanitäre Situation inklusive vollkommen überschwemmter Wasserstelle, wie Whirpools übersprudelnde Pissblöcken und den komplett zerfetzten Dixieklos (die zudem recht spärlich gesäht sind). Zum anderen ist da der wildromantische durchgehend florierende Drogenflohmarkt entlang der Hauptschlagadern des Campingplatzes: „Weed, Weed, Weed!“

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (3)Das kaum zu überblickende Chaos des Campingplatz formiert sich mit jedem Schritt Richtung Bühne in einer großartigen, reizüberfluteten Festivallandschaft. Zwischen den Bunkern, die gegen Abend durchgehend bespielt werden, gibt es Unzähliges zu entdecken: Da sind Streetballturniere, Pools, Tomatenschlachten, Skatcontests, Breakdancecompetions, Schokocatchen, Jahrmarktachterbahnen, Elektrozelte, Weinproben, Rapbattles, Sprungtürme, Motocrossshows und ein kulinarisches Angebot von Burger King bis zur einheimischen Kartoffelpfanne. Dem ganzen Termitenbau setzt allerdings das wahrhaftige Konzertgelände absolut die Krone auf. Dieses ist zunächst einmal riesig, darüber hinaus umzäunt von einem immensen Wall (teilweise garniert mit ausgeschlachteten Panzern), das dem Konzert-Bereich den Charakter eines antiken Fussballstadions verleiht.

Und jetzt zum Lineup: Dieses ist (subjektiv) in der amerikanischen Spitze vom aller feinsten, im Mittelfeld aber eher so Mittel – das liegt vor allen an der Dichte an osteuropäischen Acts und an der Tatsache, dass die gebuchten deutschen Acts (subjektiv) nur bedingt Gefallen. Jetzt aber ab…

Der Tanz beginnt mit Stalley, aus dem Stall (höhö) von Maybach Music. Zwar hatte ich mir vorgenommen unbedarft und ohne Vorurteile in dieses Konzert zu gehen – und das obwohl ich vor einiger Zeit einem brechreizerregenden Rock Ross-Konzert beiwohnen musste. Die guten Vorsätze sind mit dem ersten M-m-m-aybach Music Geschichte. Stalley ist offensichtlich ein etwas talentiertere Abspeckversion des Herren Ross und damit für mich der qualitative Bodensatz der Hiphop-Welt. Ein M-m-m-aybach Music reiht sich an das andere und zum Glück ist der Bierstand in Griffweite. Sorry, das musste jetzt raus.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (6)Die HipHop-Welt hat das immense Glück das eine ganze Armada von Pionieren der Szene in Würde alterte und bis heute in der Lage ist energetische Shows abzuliefern. Tatsächlich gibt es auf Festivals zwei klassische Lager zu beobachten: Da sind die Oldschooler, die Künstler der ersten Stunde und der ganze Rest (fließender Übergang). In den letzten Jahren war dabei zu beobachten, dass gerade die „alten Säcke“ live oftmals eine ganz andere Präsenz und Energie auf die Bühne zaubern, als der Nachwuchs. Bei Openair Frauenfeld beispielsweise zerlegte der Doppelheader A Tribe Called Quest/ Run DMC im Handumdrehen das gesamte Festival. Ganz in der Liga dieses Championsleague Finale würde ich De La Soul wohl nicht einordnen, nichtsdestotrotz besitzt das Trio aus Long Island weltklasse Livequalitäten und einen Nikolaus-.Sack voller Oldschoolhymnen. Persönliches Highlight ist aber „Feel Good Inc.“, der sensationelle Kollaborationstrack mit den Gorillaz (der De La Soul eins der Grammy einbrachte).

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (2)Murs&Fashawn sind für mich leider die Enttäuschung des Festivals (und um ehrlich zu sein, bin ich daran nicht ganz undschuldig). Fashwans Platte „Boy Meets World“ ist ein lockerflockiger Meilenstein, der eigentlich auch definitiv zu diesem wunderbaren Sommerabend passen würde, aber irgendwie nervt der Sound und irgendwie nervt Murs und irgendwie nervt der Zeitplan der sich total verschoben hat und irgendwie bekommen wir uns nicht von unserem supergemütlichen Hangplatz aufgerafft und so verpufft die Show ein bisschen. Schade.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (8)Guilty Simpson&Apollo Brown. Dice Game is in the house – Bämm! Sorry, für dieses etwas proletenhafte angeteaser, aber dieses Konzert hat die Durchschlagskraft eines Mike Tyson-Hakens. Voll in die Fresse. Apollo Brown baut die besten Beats der Welt, Guilty Simpson besitzt eine kiloweise Bühnenpräsenz. Das Konzert und vor allem die Überhymne „Nasty“ sind eindeutig zu kurz, das sind da aber auch schon die einzigen Kritikpunkte. Besser geht es glaub ich wirklich nicht.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (7)Lords Of The Underground. Der Abend gehört dann wieder der alten Schule. Die Lords machen wirklich richtig Stimmung, abgefahrenes Crossover Geblitze. Stillstehen geht fast nicht. Es folgt: Big Daddy Kane, noch so einer, der damals wie Obelix in die Ursuppe geworfen wurde. Das seltsame: Big Daddy Kanes Konzert wirkt gar nicht so sehr oldschool, die brettharten Beats sind ganz offensichtlich generalüberholt. So bleibt nur der alte General als Relikt und leider wird deutlich, dass Big Daddy Kane im Vergleich mit seinen Weggefährten nicht mehr soviel Luft in der Pumpe hat und auch Skillzmäßig doch ein wenig zurücksteht.

Organized Threat feat. Gavelyn ist für meine Mitreisenden ein absolutes Highlight, mir selbst ist es im vollbesetzten Bunker schlichtweg zu schwitzig und zu warm. Auf jeden Fall gibt es hyperaktives HipHop-Gebretter inklusive Punk und Elektroeinflüssen und mit absoluter Frauenpower. Das hat definitiv was. Ich weiß nur nicht genau was. Was? Was?

Der letzte Konzerttag beginnt für uns sehr spät, nimmt gegen Ende aber noch einmal so richtig Fahrt auf. El-P beweist leider, dass es nicht jedem HipHop-Act gut bekommt, mit einer Band zu spielen. Das musikalische Gerüst wirkt zu gewollt, zu aggressiv und nervt.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, pragDer König ist tot, es lebe der König. Seit einigen Jahren lässt sich trefflich darüber diskutieren, ob der alte König (das wäre wohl Eminem) angesichts einer unglaublich agilen Szene bereits für tot erklärt werden kann und wen man in diesem Fall zu seinen Nachfolger ernennen sollte. Kendrick Lamar machte keine Faxen und erhob sich wenige Tage vor dem Kemp selbst zum Oberhaupt der Szene. Die Krux hierbei: Irgendeiner hat irgendwann das Gerücht in die Welt gesetzt, dass der gute Kendrick ein miserabler Livekünstler sei. Das ist Quatsch. Am HipHop-Kemp ist der Rapper in großartiger Form, spielt ein absolut kurzweiliges Set mit klar gesetzten Reizpunkten. „Bitch Don´t Kill My Vibe“ und „Swimming Pools“ zergehen in experimentellen Beats, „Fuckin Problems“ kommt in einer Crossover-Version mit Atombomben-Power daher und zusammen mit Fashwan freestyled sich Kendrick durch die Control-Debatte. Einziger Kritikpunkt: Die Playlist ist zum einen viel zu kurz und beschränkt sich komplett auf „Good Kid Maaaad City“.

Zum Abschluss geht es noch einmal in die Bunker. Wer allerdings Retrogott&Hulk Hodn und Oddisee am letzten Tag mitten in der Nacht auf den Turntable knallte weiß ich nicht. Jedenfalls ist der Bunker bei den deutschen Sprachvirtuosen komplett gefüllt – das führt dazu, dass wir uns das entspannt vor der Bunkertüre geben. Mehr gibt’s (aus Mangel an Eindrücken) aber nicht zu sagen. Aus Panik vor einem ähnlichen Ansturm bei Oddisee pressen wir uns nach Konzertende durch die kleine Tür – nur um dann festzustellen, dass um 2 Uhr nachts nicht mehr sooooviele superentspannten und superintelligenten Rap hören wollen. Dementsprechend surreal erscheint die Oddisee-Show, der Künstler selbst hatte wohl genau das gewollt und pumpt sein ganzes Herzblut in das Konzert. Wunderbar. Perfektes Ende. Hört mehr Oddisee!

Die wunderbaren Videos und Bilder sind allesamt von der offziellen Facebook-Präsenz des HipHop-Kemp entlehnt. Merci!
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Herr Sorge – Theater Konstanz

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Mitten im Konzert von „Dunkelkammermusik“ versteht man als Zuhörer die Welt nicht mehr:Da steht links ein Riesenflügel auf der Bühne, an dem sich der hochdekorierte Jazzpianist Florian Weber virtuos abarbeitet. Da steht rechts ein futuristischer Instrumentenpanzer, aus dessen Inneren Produzentenlegende Jan van de Toorn im Robotoraufzug abgefahrene Elektrosounds abfeuert. Da steht zentral Herr Sorge, besser bekannt als Samy Deluxe, und singt in sich durch Popsong-Fragmente mit depressiv politischen Texten. Und das alles im altehrwürdigen Konstanzer Theater. Eigentlich passt das hinten und vorne nicht zusammen – wie in einem abgefahrenen Traumgebilde, in dem sich verschiedene, kontrastive Realitätsfetzen plötzlich homogenisieren.

Wer oder was ist Herr Sorge? Der HipHop-Kosmos reagierte irritiert als die ersten Gerüchte um ein neues Samy Deluxe Projekt aufkeimten. Der Hamburger HipHop-Urvater setzte konsequent neue Spuren, die aber allesamt im Nichts verliefen. Immerhin offenbarte sich nach ersten Interviews der Genpool des Projekts: Herr Sorge trägt ein abgeranztes, schäbiges Outfit und sieht die Welt mit anderen Augen: Als dunklen, kapitalistischen, korrupten, hoffnungslosen Moloch, den es radikal zu kritisieren gilt. Das Album „Verschwörungstheorien mit schönen Melodien“ setzte dem ganzen Wirrwarr die finale Krone auf: Die Scheibe präsentierte sich sowohl soundtechnisch, als auch thematisch absolut überfrachtet. Herr Sorge entrollte sich einen Dschungel von Effekten, Autotune, Beats und Sounds. Kurzum: Das Album war für jeden, der ein normales Pop-Hörerlebnis erwartete de facto nicht konsumierbar. Die Samy Deluxe Fans reagierte brüskiert, panisch, beleidigend. Ob das von Herr Sorge so geplant war, ist bis heute nicht geklärt.

Für das Live-Produkt hat sich Herr Sorge nun eine komplexe künstlerische Basis geschaffen: Im eingangs beschriebenen Kontrastfeld entwickelt sich live ein ganz ungewöhnlicher, experimenteller Sound, der aber im Gegensatz zum Album wirklich funktionieren will. Van de Toorn lässt es zwitschern, wummern und ziepen, während Herr Sorge (der ganz offensichtlich an seiner gesanglichen Präsenz gearbeitet hat) mit der ihm angeborenen Lockerheit und fast bluesartigen Coolness seine Strophen reproduziert. Der musikalische Kit ist aber Weber, der mit seinem schieren Talent, die anderen Bausteine zusammenflickt und noch Raum für jazzige Improvisation findet.

Natürlich wirft eine derart radikale Metamorphose der musikalischen Identität die Frage auf, ob es nicht vollkommen legitim ist, dass ein Künstler sich verschiedene Alter-Egos, Versionen und Rollen zulegt. Im Hiphop-Kontext funktionierte das nicht: Die Szene konnte Herr Sorge nicht von Samy Deluxe loslösen – das durchaus zahlreich erschienene Publikum in Konstanz schafft diesen Schritt und bietet dem Projekt damit einen kreativen Nährboden für die vollzogene Rekontextualisierung. Und „Dunkelkammermusik“, wie sich das Gesamtprojekt nennt, nutzen diesen Freiraum mit einer überschäumenden Lust am Grenzen aushebeln: Während eines Gedichts klettert Weber in seine Flügel und macht in den Innereien ganz neue Tonabnehmer aus. An einer anderen Stelle setzen die drei Protagonisten ihre Iphones als unberechenbares Instrument ein. Dann übersetzt Keller alte Samy Deluxe-Parts und Wortfetzen in eine jazzige Komposition. Und weil am Ende Herr Sorge noch Samy Deluxe´ legendären Hit „Weck mich auf“ „covert“, schließt sich dann doch noch der Kreis aus Jazz, HipHop, Elektro, Experiment, Politik, Theater und Wahnsinn zu einem runden, merkwürdigen Gesamtkonstrukt.

 

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Southside-Festival 2013 – Take-Off-Gewerbepark Neuhausen Ob Eck

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Da sitze ich jetzt. Geduscht. Sauber. Die letzte Dose 5.0 an den Lippen, die Haut schält sich von der Nase. Post-Southside-Depression. Irgendwo im Schädel sind die Konzert-Erinnerungen, Eindrücke vom Boden der Raviolidose!

Eins vorweg: Das Southside-Lineup 2013 wäre um ein Haar das subjektiv beste der Geschichte geworden. Dann hagelte es hochkarätige Absagen (Modest Mouse und Belle&Sebastian) und auch der Timetable fraß einige spannende Acts (allen voran Frightened Rabbit, Tyler The Creator und Modeselektor) erbarmungslos auf. Trotzdem blieb ein bunter, wilder, schmackhafter Eintopf übrig. Greift zu:

Masters Of Reality markieren einen idealen Festivalauftakt: Eine halbe Stunde Stonerrock-Geschrammel der alten Schule. Schmutzige Riffs, versoffene Stimme. Auf der Wiese siffen, Kippe, Bier, Sonne. Herzlich Willkommen Southside-Festival.

Alt-J sind wohl die ultimative, die finale Hipsterband. Locker-, nein federleichter Indie, total überspulte Klimpersounds und elektrisches Rumgeduddel. Und doch ist das klasse. Spannend. Eletrifizierend. Tatsächlich schaffen Alt-J ihren Album-Sound ganz glockenklar zu reproduzieren und schustern ein technisch gigantisches Live-Gebilde. Viele Hippie-Mädchen singen mit geschlossenen Augen. Passt!

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (7)Archive Liveperformances besitzen eine ganz eigene Energie: Die einzelnen Bandbestandteile scheinen regelrecht gegeneinander anzuspielen. Ein Elektrobeat brettert ungebremst gegen eine Gitarrenwand, die hohe Stimme von Sängerin Marie Q zerschellt an dem markanten Organ ihres Gegenübers Dave Penney und die bekannten Songstrukturen implodieren in wilder Improvisation. Selbstredend entladen sich die angesprochenen Spannungen immer wieder in einem harmonischen Miteinander. Zwar gelingt es der Band am Southside nicht ganz, die epische Bandbreite ihrer grandiosen Live-DVD „Live in Athens“ zu reproduzieren (was definitiv auch an der zu knapp bemessenen Spielzeit liegt), trotzdem hinterlässt die Konsequenz, mit der Archive die bekannten Strukturen in furiosen Experimenten ad absurdum führen, offene Münder.

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (29)Zeitreise in die Vergangeneheit: Halbschuh-Dorfpunk in der schwäbischen Provinz. Immer auf den illegal zusammengestellten Mixtapes: NOFX und The Hives. Das ist der Soundtrack meiner Jugend. Und zack: Jetzt gibts endlich das Live-Erlebniss. Zwar abseits der Pogokreise, aber trotzdem angenehm berührt. Hits wie „Stickin In My Eye“ oder „Hate So To Told You So“ sind einfach Alltime-Klassiker. Kulturelles Gedächtnis der Festival-Welt.

 

Billy Corgan war schon immer ein eigenartiger Charakterkopf (und damit meine ich nicht nur den markanten Kahlschädel). Der Frontmann der Smashing Pumpkins war Zeit seines Lebens als Rock´N´Roll-Star arrogant, verschlossen, seltsam. Die einen liebten diese Attitüde, verehrten Corgan wie einen Halbgott, die anderen blickten genervt zur Seite und verschlossen sich auch Corgans Musik. In den letzten Jahren ist der Ruhm der Pumpkins zunehmend verblast (2007 hatte man noch Rock am Ring geheadlined) – und doch ist Corgan der einzige Künstler des gesamten Festivals, der sich nur aus der Ferne fotografieren lässt (obs am eindeutig zu engen T-Shirt lag?). Doch genug Gehate, denn eines ist klar: Corgan ist ein fantastischer Songwriter, ein starker Gitarrist und außergewöhnlicher Sänger. Und das ist schlussendlich was zählt: Das Konzert ist dementsprechend erste Sahne. Zunächst spielt Corgan das verjammte, esoterische neue Material, dann hangelt er sich durch den Lianenwald seiner alten Hits („Disarm“, „Tonight“, „Bullets with Butterfly Wings“ in einer Reihe – woaaah!) und treibt dem Publikum ein breites Joker-Lächeln in Gesicht.

Ben Howard. Zelthead. Tausende verliebte Fan-Mädchen. Über sensibles Gitarren-Geklimper. Dahin gesurfte Singer-Songwriter-Mucke. Mitgesinge. Genuschel dazwischen. Ohrenbetäubende „Woooooooooooh“´s. So schön! Am Zeltplatz Slayer gegen die Überdosis!

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (17)Als Macklemore vergangenes Jahr auf dem Frauenfeld vor fast leeren Gelände und um gefühlt halb sieben Uhr morgens eine dermaßen inbrünstige Show spielte, dass einem die Ohren schlackerten, hatte alle Anwesenden das merkwürdige Gefühl, Zeuge eines denkwürdigen Moments geworden zu sein. Auch das Southside war überzeugt, buchte den Rapper und seinen kongenialen DJ Ryan Lewis kurzerhand für die erste Bandwelle und bewies damit absoluten Schäferhund Spürsinn. Denn ein Jahr später ist Macklemore ein allgegenwärtige Superstar. Erist überall. Der geplante Auftritt auf der Zeltbühne wäre wohl in einer Katastrophe geendet, aber auch die Verlegung auf die Bluestage ist grenzwertig. Bereits gegen 13 Uhr beginnen die Massen im „Herr der Ringe“-Schlachtenstyle gen Festivalgelände zu marschieren. Und der Strom bricht über gefühlte Stunden nicht ab. Absoluter Nachmittagsrekord! Das Konzert selbst ist aber enttäuschend. Ungefähr ein Drittel der gerade einmal 35 Minuten Spielzeit wird leider von Macklemore verlabert (alles gut und recht, aber wenn du doch eh nur ne halbe Stunde auf der Uhr hast, Mensch, dann spiel Songs. Dann spiel verdammt nochmal „Otherside“), der Bass ist übersteuert, sowohl Beat als auch MC bewegen sich teilweiseneben der Spur. Wollen wir hoffen, dass die Southside-Macher Backstage mit einem Headliner-Vertrag wedelten.

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (32)The National spielten – und hier ist der Superlativ und alle Euphorie einfach mal dermaßen angebracht – das beste Konzert des Wochenendes, vielleicht der Festivalgeschichte. Was Sänger Matt Berninger da abzieht, lässt sich metaphorisch nur mit einem Hattrick im Championsleague-Finale oder einem Quadruple-Double in den NBA-Finals vergleichen. Nicht nur dass der Frontmann seinen schon auf Platte allmächtigen Bariton mit literweise Kraft, Emotion und Energie auffüllt, darüber hinaus ist Berninger einfach ein begnadeter Entertainer, der vielleicht beste Frontmann der Welt. Berninger besingt zwar tieftraurige, magisch-melodische Hymnen, killt während des Konzertes im Vorbeigehen aber eine Flasche Weißwein und ist spätestens zum Ende seiner Show besoffener als alle versammelten Punks, Metal-Heads und Rapper. Der Show selbst tut das keinen Abbruch, weil Berninger einfach immer weiter singt und immer noch besser wird. Weil er schreit und jault und schlägt und zu guter Letzt durchs gesamte Publikum marschiert. Da geht selbst dem Wettergott das Herz auf, weg mit dem Wolken-Pulli. The National wird in warmes Gold getaucht. Gänsehaut. „Conversation 16“ überbordet vor Schönheit, „Terrible Love“ ist schlichter Wahnsinn und über „Fake Empire“ wurde schon alles geschrieben. Größer geht’s nicht. Ach halt, einen kleinen Wermuttropfen gabs dann doch noch zu verschmerzen. „The Rains Of Castamere“ vom Game of Thrones-Soundtrack wurde trotz Aufforderung nicht gespielt. Dafür reissts Berningers Erklärung raus: „We can´t play it. It will start a war out there. I´m a fucking lannister!

 

Die Angst, dass Rammsteins brachialen, erbarmungslosen Metalsounds das fragile Portishead-Gebilde zerfetzen würde, ließ die Southside-Tontechniker die Boxen auf der blauen Bühne in Richtung Anschlag drehen. Das Resultat: Der Sound beim Auftritt von Portishead ist sensationell gut, das Konzert toppt die Show von vor zwei Jahren um Längen. RATRATRATRATRAT! Machine Gun! Sound-LKWS. Massenkarambolage. Dazwischen Beth Gibbons im Stile einer Prozellanvase, die ständig hin und her wippt. Die Gefahr der Zerschellens ist allgegenwärtig, gegen die Angst wird die TripHop-Ursuppe in dicken Kellen ausgeschenkt. Und am Ende waren alle Sorgen umsonst. Das Rammstein-Feuerwerk am Himmel ist die ideale Ergänzung zum furiosen Portishead-Finale.

Rammstein der unbestrittene Headliner und Mainstream-Aushängeschild lässt es nach allen Regeln der Kunst krachen: Die Bühne brennt, meterhohe Flammen schießen aus den unterschiedlichsten Gerätschaften und dazu sägt Sänger Till Lindemann seine markante Stimme in die jaulende Metalvorhölle. Rammstein ist gleichermaßen verzerrtes Konzert und größenwahnsinniges Theater. Lindemann gibt den muskelbepackten Mephisto, der martialisch seine Band durch den Fleischwolf dreht, mit dem Flammenwerfer röstet und unterwirft. Und schlussendlich ist Rammstein die Definition eines Blockbusters, der vor allem eines liefert: Erstklassige Unterhaltung mit überschaubaren Anspruch,Popcorn-Kino eben – zurücklehnen (sofern das in der Festivalmenge möglich ist) – genießen! Da klappen gefühlte 10000 Mundwinkel synchron nach unten.

 

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (39)Als wären Postrock und Isländisch nicht jeweils für sich schon kompliziert genug. Sigur Rós erweitern das Ganze um eine eigens entwickelten Fantasiesprache und einer abgefahrenen Gitarren-Technik: Sänger Jónsi Birgisson streicht mit einem Geigenbogen zärtlich über die vibrierenden E-Gitarrensaiten. Diese feine Nuancen machen Sigur Rós zum absoluten Must-See, zu einem Liveact von Orkanstärke. Zunächst bläst da nur ein warmes Streicherlüftchen, das Jónsi zerbrechliche Stimme ein Stück umweht. Dann werden die Einschläge massiver: Dunkler, dumpfer Trommeldonner und wummernde Herzschlagbeats pusten ins Publikum, ehe der isländische Postrock-Sturm um sich greift und alles mit sich reißt. Poetry in Music, Sound, Motion. Pure, vertonte Schönheit.

Little Talk“ von Of Monsters And Men ist ein ultimativer Radiohit. Ein Ohrwurm, den jeder mitsingen kann, den man eigentlich mögen muss. Entsprechend eng gestaltet sich auch die Situation vor der Green-Stage: Of Monsters And Men spielen vor einer Menschentraube, für die sich selbst ein Headliner nicht schämen müsste. Dazu schält sich die Sonne langsam aus einer dichten Wolkenschicht und sorgt für eine fast perfekte Festivalstimmung. Man sollte die Isis auf keinen Fall auf ihren Überhit reduzieren. Das Debtalbum „My Head Is An Animal“ schuf eine losgelöste Atmosphäre und auch live haben die jungen Isländer bereits eine hohe Qualität. Keyboardsounds, Trompetensolos, Streicherelemente, das Spiel mit zwei Stimmen – der Konzerttisch ist reichlich gedeckt und trägt Referenzen wie Arcade Fire oder The Decemberists offen zur Schau. Trotz allem wirkt das Konzert ein wenig zu abgeklärt, es fehlt ein Funken Enthusiasmus. Das kann an der Tagesform liegen, vielleicht hätten Of Monsters And Men ein homogenerer Aufstieg und ein, zwei Jahre mehr in den kleinen Clubs gut getan. 

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (42)Editors schalten beinahe mit jedem Song einen Gang nach oben und bezeugen im fälligen Beschleunigungsvorgang ihr Gespür für hymnische Songstrukuren und magische Sekunden. Besonders besonders sind die Editors immer dann, wenn sich Smith ans Piano setzt und inbrünstig losklimpert. Das musikalische Repertoire des Birmingham-Quintett reicht indes von formidablen, vielschichtigen Alternative-Bauten („Smokers Outside The Hospital Doors“), über eingängige, überbordende Post-Punk-Granaten („An End Has A Start“) bis zu elektronischen, wummernden New-Wave-Perlen („Papillon“), die live allesamt noch eine Spur mehr Würze besitzen. Hit an Hit.

Als die Arctic Monkeys 2006 erstmals auf dem Southside-Festival aufspielten, hätte nach dem Auftritt wohl kaum einer einen Pfifferling darauf gesetzt, dass diese Band irgendwann als Headliner nach Neuhausen zurück kommen würde. Die Monkeys waren zu diesem Zeitpunkt als erste Band weltweit durch einen Internet-Hype in Sekundenschnelle zu Superstars mutiert und zeigten bei ihren ersten Konzerten auf deutschen Boden nicht viel mehr als Arroganz und technisch unausgereifte Livepräsenz. In der Folge nahm die Band aber eine ganz und gar außergewöhnliche Wandlung: Aus dem eingängigen (und zweifelsohne noch heute bahnbrechenden) Garagenpunk des Erstlings hat sich mittlerweile ein dunkler, unberechenbarer Blues entwickelt. So entsteht zwischen den beiden Spielarten ein furioses, anspruchsvolles und vor allen Dingen kurzweiliges Konzert. Leadsänger Alex Turner (im gestreiften Jacket, mit Elvismatte) hat sich zu einem Frontmann von Weltformat entwickelt, der am Bühnenrand Gitarrensoli jaulen lässt und vor allen Dingen stimmlich eine ganze Farbpalette von Stimmungen abstreichen kann. Nicht auszudenken, wohin die Reise der Arctic Monkeys hinführt, wenn ihre Entwicklung ungebremst weiter schießt.

 

Die durchweg fantastischen Bilder hat mein werter Kollege Olli Hanser geschossen. Ich bedanke mich ganz herzlich für die Bereitstellung! Weitere seiner Bildergalerien (auch von Rammstein), sowie Texte meinerseits findet ihr unter http://www.suedkurier.de/southside./

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Madlib, J-Rocc, Freddie Gibbs –

Zoom Club Frankfurt – 10.10.2012

(Kein Bandbild, keine Bühne – nur ein Sweater. Später mehr!)

Die Kids verblöden und hängen nur noch im Internet ab. Schon klar. Aber: Die Lesen dort. Und schreiben auch. Meistens nonsens und bullshit, schon klar. blablabla typische Einleitung. Hier ist er: Der erste Facebook-Konzertbericht auf Risse im Asphalt:

Jo, ich muss dir noch berichten.

Wowiewas?

Frankfurt, madlib usw.

der abend hat eigentlich gut angefangen

mit nem superben dj-set von j-rocc

der stand immer mit j dilla zusammen an den turntables

also auch n großer namen

da hat der laden eigentlich ziemlich gekocht

danach kam dann madlib

und am anfang waren alle total verwirrt

der hat nur extrem komische beats gespielt

0 stimmung aufgekommen

keine interaktion mitm publikum

unds publikum?

so ca. 1/3 des publikums ist während dem madlib dj-set abgehauen

so schlimm wars

nach ca. 40 minuten hat er dann beleidigt das handtuch geschmissen

danach kam dann ja noch freddie gibbs

da sollte dann eigentlich madlib hinter den turntables stehen

der hatte aber wohl keinen bock mehr

den part musste dann j rocc übernehmen

also alles in allem brutal enttäuschend

freddie gibbs war ganz ok

also rappen kann der typ auf jeden fall

aber ist halt schon brutal der g

wie warn die leute so?

teilweise ganz cool

bi j rocc stand ich noch vorne drin

da waren dann paar us soldaten aus kaiserslautern vor uns

alle im stones throw t-shirt

die habens brutal gefeiert

egal was er gespielt hat

die kannten alle texte

gegen ende kamen dann so atzen

und haben gemeint sie müssten rumpogen

die sind mir brutal aufn sack gegangen

hab mir dann nochmal n bier geholt und mir das geschehen von weiter hinten angeguckt

Wo war das nochmal genau?

in frankfurt

keine ahnung wie der club hieß

sobald sich im publikum einer ne kippeoder nen joint angezündet hat ist sofort die security ins

publikum gesprungen

mit taschenlampe

jedem ins gesicht geleuchtet

etc

und auf der bühne haben die sich einen blunt nach dem anderen angezündet

also in dem laden konntest echt passiv kiffen

aber insgesamt. jo. Enttäuschend.

okey schade man, ich dachte auch dass die den laden abreissen in der kombi!

ja das hatte ich mir auch erhofft.

was noch nice war

freddie gibbs hat seinen sweater ins publikum geworfen

und mein kumpel hat ihn gefangen

der rennt jetzt immer mit freddie gibbs sweater durch die gegend

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Openair Frauenfeld – Große Allmend – 08-10.07.2011

Zunächst einmal ein kleiner Aufschrei der Empörung: Nachdem bereits SAT 1 im Anschluss an das Southside-Festival eine haarsträubend unobjektive Doku in die deutsche Fernsehlandschaft knallte, zeigte nun das Schweizer Fernsehen ein ähnlich miserables Verständnis für die Faszination Festival. Saufen, Feiern, Saufen, so die Quintessenz des SF 2 Berichts über das Openair Frauenfeld. Und: „Weniger Topacts, dafür mehr Partyzelte.“ Nichts verstanden, Zitate in den flaschen, äh falschen Kontext gestellt, den Stones hintergeflennt und die eigene Unkenntnis wie der Kaiser ohne Kleider zur Schau getragen. Angesichts des Line-Ups eine Farce, denn das ist 2011 in Frauenfeld tiefer als je zuvor und bietet Perlen wie Blockbuster. Dazu ermöglicht der Timetable dem trainierten Musikfan wirklich jedes Konzert sehen zu können – von 11 Uhr morgens bis in die Nacht. Aber naja, wofür gibt’s denn Risse im Asphalt:

Atmosphere ist ein wunderbarer Festival-Opener. Die Formation aus Minneapolis besteht seit 1994 und beweist seither ein ausgesprochenes Gespür für ausgewogene Songs und exzellente Beats. Natürlich funktioniert das besser im Club als auf der ganz großen Bühne. Trotzdem: Sonne&Atmosphere. Läuft.

OFWGKTA – Odd Future Wolf Gang Kill Them All, ein Name wie in Stein gemeiselt. Hyperaktiv und gewaltig. Krank und Tripyy. Futuristisch. Rückständig. Gehyped. Kaputt. Die Ahnungslosen halten Tyler The Creator für Großmaul, ein verzogenes Kind. Sie sollten mal schleunigst die Scheiben rotieren lassen. Leider ist der Sound zu Beginn nicht optimal, zu verschwommen für die aufgespaltenen Beats der Gang. Dann stolpert allerdings Tyler himself mit riesigen Krücken auf die Bühne, platziert sich wie eine alte Jazz-Diva auf einem Barstuhl in der Mitte, während der Rest der Entourage komplett am Henkel dreht. Wolf Gang!

Zwar zeigt sich der Schauspieler Ice Cube für hanebüchene Meilensteine der Marke „xXx 2 – The Next Level“ oder den sechsfach für die Goldene Himbeere nominierten „Anaconda“ verantwortlich, den HipHop-Legendenstatus wird man ihn wohl trotzdem Zeit seines Lebens nicht aberkennen. Zu bahnbrechend war einst sein Schaffen bei N.W.A. – Niggers With Attitude an der Seite von Dr. Dre. Nach deren Auflösung folgten sechs Soloalben, keines erreichte auch nur anähernd das ursprüngliche Niveau. Egal! Am Frauenfeld gibt sich Ice Cube dann genau so wie man es erwartet. Ein bisschen zu prollig, ein bisschen zu klischeehaft, aber mit heftigen Beats und guter Stimmung. Passt doch!

Verjagt von der deutschen Festivallandschaft verkommt Bushidos Konzert leider zur akuten Lobhudelei und Dankbarkeitsbekundung an das schweizer Publikum. Das nervt. Gegen später spielt er seine brauchbaren alten Songs, da stehen wir aber schon an der Pommes Bude.

2011 ist Snoop Dogg immer noch omnipräsent im HipHop-Business. Er ist Filmstar, Produzent, gefragter Feature-Partner für aufkommende Superstars, Moderator und Modemacher. Snoop ist eine große Konstante, die selten überrascht und auch selten total enttäuscht – man weiß eben was man von Snoop zu erwarten hat! Entsprechend routiniert funktioniert auch Snoop Doggs Auftritt am Openair Frauenfeld. Die Bühnenshow ist auf Hochglanz getrimmt und eine überdimensionale Leinwand prangt mittig in der Bühne. Sie dient dem DJ als größenwahnsinniges DJ Pult und wird darüber hinaus mit Filmchen bespielt, die Snoop einmal mehr als den weltgrößten Pimp und Gangster zeigen. Er spielt sich souverän durch seine Listen von Hits, ein bisschen Oldschool von früher, ein wenig House von heute – und das Publikum hat definitiv Grund zu feiern.

Kool Savas Auftritt lässt Bushidos Konzert noch ein wenig schlechter da stehen. Denn der King zieht alle Register und zeigt all seine Skillz. Als Sahnehäubchen gibt’s noch Olli Banjo (praktisch als Kay One Gegenpart – mehr muss man eigentlich nicht sagen). Und damit eine geballte Faust deutsche HipHop Geschichte. Gegen Ende darf das Frauenfeld noch einen Part fürs kommende Soloalbum einsingen und das zementiert dann endgültig die großartige Klangkulisse. Das tut man sich auch mal komplett durchnässt mit Reißwolf an.

Yelawolf ist ein Derwisch. Ein Punk. Eine tätowierte Acidversion von Eminem. So schnell, dass einem die Ohren wackeln, so präzise, dass deine Pupillen pumpen. Keine Frage: Die Überraschung des Festivals. (Da hat er sich auch das Titelbild allemal verdient! – Den Aufruf: REINHÖREN ja sowieso).

Bämm! Big Boi spielt Outcast Klassiker. Damit ist eigentlich alles gesagt. Der kleine Mann gibt sich alle Mühe und spielt ein ordentliches Konzert, aber insgesamt ist das dann halt doch ein wenig so, wie wenn man sich Chris Cornell oder Serj Tankian anschaut. Da fehlt was und zwar einiges. Unser Vorschlag: Nächstes Jahr wiedervereinigen und ab auf den Headliner-Slot.

Meine Fresse, wie oft haben wir alle schon auf „Ante Up“ gefeiert. Entsprechend wartet ein Großteil der Crowd natürlich auf den Überhit von M.O.P., die sich an einer großen Kulisse erfreuen dürfen. Solide Nummer.

Ich gestehe reumütig. The Roots haben wir im Sitzen genossen. Weit hinten, mitten in den trockenen Holzschnitzeln, gewasted, aber glücklich. Deshalb gibt’s zum Konzert leider nicht allzu viel zu sagen. Außer: Das Gehörte war natürlich großartig und aller Respekt geht an Questlove für sein Talent und sein übertriebenes Arbeitspensum.

Der Wu-Tang Clan ist so etwas wie die Ursuppe der Ostküste. RZA, Method Man, Raekwon, Ghostface Killah und wie sie alle heißen, sie alle haben mächtige Karrieren hingelegt. Vereint ist der Wu-Tang Clan aber nach wie vor die mächtigse Dynastie der HipHop-Welt. Der Clan liefert auch am Frauenfeld spielerisch seine ureigene Interpretation des HipHop-Konstrukts ab, inklusive einer fast zeremoniellen Huldigung an die verstorbenen Helden der Szene (und natürlich an Ol´ Dirty Bastard) – zehntausende Hände sprießen zum obligatorischen „W“ in die Höhe. „Wu-tang Clan ain’t nothing to fuck with!“

Nach der Absage von Mos Def blieb von Blackstar leider nur Talib Kweli übrig. Der spielt zwar eine tolle Show, schafft es aber freilich nicht ganz den Schatten seines eigenen Projektes hinter sich zu lassen. Der Sound ist kristallklar, der Künstler top gelaunt. Zumindest bis ihm Cypress Hill den Saft abdreht und das Mikro auf dem Bühnenboden aufschlägt.

Zum Abschluss gibt es dann noch Cypress Hill, die großen Experimenteure und Brückenbauer. Die Formation um die beiden Rappern B-Real und Sen Dog streckt seit ihrer Gründung 1991 stetig ihre Fühler in die unterschiedlichsten Richtungen aus und zelebriert im speziellen eine einzigartige Verbrüderung des HipHops mit dem Rock. Die Kalifornier arbeiteten bereits mit Größen wie Rage Against The Machine oder auch Pearl Jam und so nimmt die Gitarre bei Cypress Hill einen ähnlichen Stellenwert wie der klassische Beat ein. Zwar spielt Cypress Hill in Frauenfeld ohne Live-Band, dafür haben sie mit DJ Muggs einen echten Meister seines Fachs in ihren Reihen, der aktiv von Perkussionist Eric Bobo unterstützt wird. „Insane In The Brain“, „How I Just Killed A Man“, „Dr. Greenthumb“ – Cypress Hill spielen ihre All-Time Klassiker und zeigen sich überwältigt von der spektakuläre Kulisse. Und das beruht auf Gegenseitigkeit.

Bereits am Samstag latschte Azad mit eine Gruppe muskelbepackter Muskelmänner übers Gelände. Das macht ihn auf jeden Fall nahbar und auch sympathisch, genau wie die an seinen Auftritt anschließende Autogrammstunde. Das Konzert bietet zwar nichts neues, trotzdem ist ein Slot um 11 ein wenig undankbar für einen Musiker, der mit Sido und Savas gerappt und einst Chartposition 1 erklomm.

Curren(Dollarzeichen)y! Ein bisschen Größenwahnsinn kann man dem MC aus New Orleans nicht absprechen, sein vernebelter Auftritt rechtfertigt diesen aber durchaus. KING KONG AIN’T GOT SHIT ON ME!

Unser Endgegner heißt Marteria! Das gibt dir den Rest.

Mieses Video, aber die Dimensionen werden ersichtlich:

Alle Bilder habe ich dank der freundlichen Genehmigung der schweizer Kollegen der Seite: www.tilllate.ch entnommen. Dort findet ihr noch jede Menge weiterer Schnappschnüsse, reinschauen lohnt!

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