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Friska Viljor – Kulturladen Konstanz – 04.11.2013

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Ganz am Ende stürzt sich ein bärtiger verschwitzter schwedischer Mann in das Meer von Musikfans vor ihm, spielt auf seiner leicht verstimmten Ukulele eine aufs nötigste reduzierte Komposition und brüllt dazu in schiefsten Tönen den Refrain seines größten Hits „Shotgun Sister“. Sein Publikum, triefend nass, schmiegt sich förmlich an den behaarten Barden und schreit es ihm nach im Chor: „Lalala“! Dieses prächtige Finale zeigt das was die schwedische Formation Friska Viljor seit jeher auszeichnete: Herzblut und ein so dermaßen charmanter Dilettantismus.

IMG_5563Die Geschichte von der Bandgründung Friska Viljors wurde so oft erzählt, dass selbst die Story, wie oft diese Geschichte doch erzählt wurde, ein alter Hut ist. Deshalb die Kurzversion: Vor einigen Jahren ziehen die beiden Kumpel Daniel Johansson und Joakim Sveningsson jeweils mit frisch gebrochenen Herz frustsaufend durch Stockholm. Irgendwann folgt die Schnapsidee: Lass uns den Liebeskummer in Musik verarbeiten. Problem nur: Die Beiden sind alles andere als Musikvirtuosen. Egal – unter dem Namen Friska Viljor begibt man sich in Studio und Proberaum und spielt sich den verklebten Frust von der Seele. Einige Monate später zieht das Duo ganz im Stile der Beatles musizierend über die Reeperbahn und plötzlich reift Friska Viljor zum Indie-Phänomen.

IMG_5574Zu diesem Zeitpunkt bin ich, damals ein frischgebackener Indie-Hipster (den Begriff hätte damals wohl keine begriffen), über Friska Viljor gestolpert und war absolut hin und weg. Das Projekt hatte die Antriebskraft von Punk, die Verspieltheit von Indie und einen dermaßen immensen Grad der Poppigkeit, der tatsächlich Beatles-Assoziationen hervorrief. Kurzum: Eine innovative, versoffene, wunderbar dilettante, Ohrwurm-züchtende Pop-Kreation. Das Debüt „Bravo“ ist dementsprechend wohl bis heute eins meiner meist gehörten Alben, „Tour De Hearts“ rotierte ebenfalls regelmäßig – doch dann begann ein schleichender Entfernungsprozess. Die Folgealben klangen von mal zu mal glatter und die Band verlor (für mich persönlich) ihre Faszination, ohne etwas dafür zu können. Den Friska Viljor verfielen keinesfalls den Reizen des Mainstreams. Sie wurden einfach bessere Musiker. Ein Paradox.

IMG_5571Heute ist Friska Viljor eine echte Band mit echten Musikern. Das hört man im bist zum letzten Platz ausverkauften Kulturladen vor allem in der Anfangsphase. Die Songs vom neuen Album „Remember Our Name“ klingen im Vergleich zum Frühwerk auch livegeradezu glatt poliert – es fehlt an Ecken und Kanten, Überraschungsmomenten, Irrsinn – kurzum am eingangs beschworenen Charme. Erst im Verlauf des Konzertes bröckelt diese Perfektion, Friska Viljor spielen sich regelrecht frei und zeigen dann in der zweiten Hälfte ihrer Show, welche fantastische Liveband sie doch sind. Da tönen leise Elektroarrangements, da jault eine Trompete, hier tönt ein Glockenspiel – und alles zusammen schweißt sich immer und immer wieder zu mitreißenden Pophymnen zusammen. Highlight (und Kombination aus alter Rohheit und neu entdeckter Technik) ist die epische Version von „Useless“, die Daniel und Joakim im Duo akustisch sezieren, welche sich dann unter ansteigender Bandbeteiligung zum orchestralen Popsong aufschwingt und in den letzten Takten einem zerbrechlichen Trompetensolo zerfließt. Sollte es Friska Viljor in Zukunft gelingen, ihre neu gewonnenen musikalischen Skillz mit ihrer alten Verplantheit und Verspieltheit kombinieren können, hat diese Band noch einiges im Tank. Whatch Out!

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Steaming Satellites – Kulturladen Konstanz – 14.03.2012

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Das Konzert beginnt ohne Musik, ohne erkennbare Songstruktur: Da sind nur Fragmente, ein tiefes, einnehmendes elektrisches Rauschen, das sich hypnotisch zu einem Wirbelsturm der Effekte auftürmt, ehe durch kaum wahrnehmbaren Schlagzeugeinsatz erste Spuren von gängigen Hörmomenten erkennbar werden. Erst dann weht diese wabernde, tiefschwarze Stimme in den Kulturladen, erst dann schwappt der wummernde Puls des Basses dazu, erst dann kriecht die erste Blueskomposition aus den elektrischen Blitzen. Steaming Satellites!

Doch zunächst zur Vorband, denn die hat es in sich: Hustle & Drone sind das neue Bandprojekt des ehemaligen Portugal. The Man Musikers Ryan Neighbors und überraschen bereits in Sachen Bühnenaufbau. Gleich drei Synthesizer prangen zentral auf der Bühne und werden soundtechnisch nur von einer Gitarre und gelegentlichen Tamburin-Geschepper ergänzt. Im dabei entstehenden, brachial basslastigen Sound offenbart sich schnell die Wahlverandtschaft zu Formationen wie Future Islands, aber auch zu Veteranen wie Depeche Mode. Nur die gelegentlichen Kopf-Stimmen-Ausflüge sind wenig to-much. Aber zurück zum Hauptact:

sänger max borchardt (2)_3283x2462Die Liveversion von „Witches“ sticht zunächst heraus: Die erste Schicht ist ein rhythmisches Klatschen, dass schon bald von Elektroeffekten überstrichen und durch Max Borchardts formidable Stimme um eine gehörige Portion 70-Jahre Sehnsüchte erweitert wird. Im Refrain tönt dann alles mit- und gegeneinander an, während kleine Diskostrahler die Bühne von unten herauf in ein abgespacetes Lasernetz verwandeln. Popmusik von solcher Bandbreite wird für gewöhnlich in kreativen Melting Pots wie New York oder Berlin gebraut. Doch was den musikalischen Stammbaum angeht sind die Steaming Satellites ein echter Exot: Denn das Quartett stammt aus Österreich, genauer gesagt aus Salzburg und enterten die Independentszene ohne Zwischenschritt mit einem Paukenschlag. Ihr Debüt „The Mustache Mozart Affaire“ war eine Offenbarung von immenser Bandbreite und einer fast erdrückenden Dichte an Überraschungseffekten, sodass die Reflektion über den ausgereiften Erstling schon bald ein ganz neues Gene heraufbeschwor: Spacerock. Das klingt tonnenschwer und abgehoben und doch erspielten sich die Österreicher schon bald den Ruf einer formidablen Liveband irgendwo im Niemandsland zwischen Pink Floyd, Oasis und Kraftwerk. Spacerock eben. Vor einem Monat legten die Steaming Satellites ihre zweite Scheibe „Slipstream“ nach und präsentierten weitere Nuancen in ihrem ohnehin schon überquellenden Spektrenuniversum. Die Szene ist nach wie vor ein wenig sprachlos.

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Immer wieder schälen sich live die einzelnen Versatzstücke aus dem bis dato leeren Musikraum und fügen sich trotz unterschiedlicher Ansätze wie Puzzlestücke millimetergenau ineinander. Drummer Matl Weber könnte einer Punktruppe entstammen, sein Spiel ist wild und fundamental, während Keyboarder Emanuel Krimplstätter eher mit dem Habitus eines Krautrockers aufwartet und scheinbar eins mit seinen Gerätschaften wird. Dazu spielen sich Borchardt an der Gitarre und Bassist Manfred Mader über ihre Saiten beinahe bluesartig die Bälle zu und erweitern dabei die Impulse des Gegenübers oder lassen diese brutal entgleisen. Entsprechend breit gespannt ist der Rahmen für Improvisation und Jam, der sich in diesem Zwittergebilde aus dreckigen 70er-Rock, arroganter 80er-Disko und gegenwärtigen Indie zeigt. Und doch scheint ein Funken zur finalen Zündung zu fehlen, das Konzert wirkt mitunter ein wenig unterkühlt.

Am Ende des regulären Sets spielen die Steaming Satellites das aberwitzige „How Dare You“, bei dem Max Borchardts Organ vollends im Mittelpunkt steht und das Publikum regelrecht in sich hineinsaugt, ehe während der Zugabe Hustle & Drone die Band zu einer siebenköpfigen Jam-Hydra anschwellen lassen. Und dann, ganz zum Schluss, wird der Stecker gezogen und die Beatmaschine gegen ein Akkordeon getauscht. Die Salzburger Spacerocker beenden ihr Konzert mit herzzerreißenden Folknummer. Was für ein radikaler, finaler Bruch. Was für ein Moment. Das ist sie, die finale Satelliten-Zündung.

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I Am Oak – Kulturladen Konstanz

Den Holländern, wir alle kennen die Klichées, werden ja eine ganze Reihe von Dingen und Angewohnheiten nachgesagt: Sie reisen in Wohnwägen, verkaufen Tulpen und Käse und tragen Holzschuhe. Sie können nicht kicken, spuckten Rudi Völler in die Locken und nerven als Moderatoren in deutschen Fernsehshows. Weniger bekannt waren unsere Nachbarn bislang für Berge (das wird sich in naher Zukunft wohl auch nicht ändern) und aufregende Indie-Folkbands. Letztere Aussage allerdings muss man wohl spätestens seit dem Jahr 2010 mit allem Nachdruck relativieren. Da nämlich brachte die Formation I Am Oak zunächst als Soloprojekt des aus Utrecht stammenden Musikers Thijs Kuijken ihr Debütalbum „On Claws“ auf den Markt und stürzte die gesamte heimische Fachpresse in nicht enden wollende Jubelströme. Die Vergleiche mit Genre-Göttern wie Sufjan Stevens und vor allem Bon Iver folgten auf dem Fuß und man hat bis heute das Gefühl, dass ganz Holland stolz auf seinen schüchternen Helden ist. Zurecht. Nachdem im Kulturladen die Localheros von Music Is Her Boyfried, ein sympathisches Mädchenduo, das umgehend Boy-Assoziationen hervorruft, die Bühne warm gespielt haben, schlurft Thijs Kuijken auf ebendiese. Der Look des Schlaks erinnert ein wenig an Harry Potter, seine Bühnenpräsenz und Arrangements an Zach Condon von Beirut, während seine zärtliche, beinahe zerbrechliche Stimme ein wenig nach Conor Oberst klingt. Alleine die bloße Masse an Referenzen offenbart, inwiefern sich Folk gewandelt hat: Die Musikrichtung, die sich einst aus den Blues und Country-Korsetten schälte, wurde durch die gesamte Musikhistorie hindurch stiefmütterlich behandelt. Heute aber gilt Folkmusik offiziell als „cool“ und ist in Form von Bon Iver oder den Mumford&Sons beinahe beängstigend erfolgreich. Folk ist der Soundtrack der Hipsters (frei jeder Wertung).

 

 

Thijs Kuijken indes kann mit dem ganzen Trubel so gar nichts anfangen (siehe Video) und versteht sich trotz Hornbrille nicht als Hipsteridol und musikalischer Outlaw. Kuijken will Musik machen, nicht mehr und nicht weniger – in seinem eigenen, kleinen, verkopften Universum: „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendwie meine Meinung zu globalen, großen Phänomenen oder politischen Themen formulieren sollte. Global heißt für mich eher: Universelle Gefühle transportieren, mein Mensch-sein beschreiben.“ Thijs singt nicht für die großen Bühnen. Er schreibt den Soundtrack für Mikrokosmen. Für die Welt in der Nussschale. Seit den Aufnahmen zu „Nowhere Or Tammensaari“ irgendwo im finnischen Niemandsland gilt I Am Oak offiziell als Quintett, in Konstanz tritt die Thijs-Truppe allerdings als Trio auf. Gitarre, Schlagzeug, Bass – die klassische Punkrockbesetzung. Das ist für eine Folkband durchaus ungewöhnlich und entsprechend reduziert klingt der Sound der Band. Das ist ein wenig schade, denn auf Platte sind es gerade die Sekunden der gefühlten instrumentellen Variation – Streicher, Hammond-Orgel, Chöre – die für die besonderen I Am Oak-Momente sorgen. Die anfängliche Enttäuschung weicht schnell, als deutlich wird, dass es Thijs Kuijken gelingt eben aus dieser konventionellen Besetzung eine tiefe Sehnsucht und musikalische Schönheit zu schöpfen. Größe durch Verkleinerung.

Kuijken greift im Wechsel zur abgeranzten Straßenmusikerklampfe und zur smaragdgrünen Rockstargitarre und dabei schwingt das Konzert zwischen brüchigen Folkkompositionen und kräftig, jaulenden Bluesbrechern. Die Übersongs „Trees and Birds and Fire“ und „Palpable“ bilden dabei eindeutige Ausreißer, die sich vor keiner Konkurrenz verstecken müssen – mehrschichtig, eingängig, fragil.Die letzten Songs zerfließen in einer minutenlangen post-rockigen Explosion, ehe sich Thijs Kuijken mit letzter Kraft und schwer lädiert für eine letzte Solo-Nummer auf die Bühne schleppt. Das Konzert endet eigentlich viel zu früh – doch das muss man I Am Oak nachsehen: Ihr schwächlicher Frontmann ist nicht gemacht für Rock´N´Roll, für große Rahmen – und genau das ist das besondere.

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The Bewitched Hands – Kulturladen Konstanz – 24.02.2011


Arcade Fire, The Shins, Pixies – die stetig begleitenden Vergleiche und Referenzen gehen „The Bewitched Hands“so langsam aber sicher auf den Zeiger. Dabei spiegeln sie nur die verzweifelten Versuche der weltweiten Musikjournaille wieder, das von Ideen geradezu übersprudelnde Debütalbum „Birds&Drums“ des französischen Sechsers irgendwie einzuordnen. Klappt nicht: Schon klar!

Am Bühnenrand stehen dann adrett aufgereiht die beiden Gitarristen Benjamin Pinard und Anthonin Ternant, sowie Marianne Merillon. Das sind die Hauptvokalisten der „Bewitched Hands“ und ihre Stimmen verhalten sich wie drei schlecht dressierte Kampfhund-Welpen. Während sie sich im einen Moment umschmeicheln, liebkosen und gegenseitig mit Speichel einsauen, fallen sie im nächsten übereinander her. Das verleiht dem Indie-Eintopf einen guten Schuss blutige Unberechenbarkeit. Der Ballade „Staying Around“ nimmt sich Mademoiselle Merillon ganz unverblümt allein zur Brust und der aufmerksame Zuhörer hört die Herzen im Publikum reihenweise knacken. Im Handumdrehen flechten „The Bewitched Hands“ aus den Vorschusslorbeeren imposante Kränze und man kommt um die Frage nicht herum: Ist das jetzt hier die französische Revolution, oder was? Oder nur Mischmasch? Oder halt einfach nur richtig gut? Eine Referenz, keine Frage! Vielleicht schon bald ganz ohne Referenzen?

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