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Theater Konstanz/ Nanzikambe Arts – „The Story Of The Tiger“

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Die Bestie schreit und kreischt. Die Bestie reißt. Die Bestie frisst. Die Bestie säuft. Und die Bestie kriegt uns alle. Die Bestie geht uns alle an.

the story of the tiger, theater konstanz, afrikanisches theater, werkstatt, malawi, kooperation, grenzen, tiger, schauspieler, inszenierung, krieg, proteste, fantasie, pans labyrinth (1)Und plötzlich befindet sich der Zuschauer inmitten eines politischen Aufstandes. Massen von Demonstranten ziehen schreiend durch Häuserschluchten. „He must go!“ Es scheint ein friedlicher Protest, ein ruhiges Aufbäumen. Dann aber bricht die Hölle los. Schüsse pfeifen durch die Gegend, schlagen in erst in Häuserwände, dann in menschliches Fleisch. Dem namenlosen Erzähler wir der der Oberschenkel durchschossen. In Panik flüchtet er aus der Stadt, springt in einen Fluss und schleppt sich mit letzter Kraft in eine Höhle auf der anderen Seite des Gewässers. Dann der Schock: Die Höhle ist über und über mit Knochen belegt, ein wahrer Friedhof. Eine Vorhölle. Und dann hört er sie. Die Bestie. In der Höhle haus ein weiblicher Tiger mit Sohn und das ausgewachseneRaubtier trottet nun auf den Erzähler los, öffnet seinen tödlichen Schlund und…schleckt seine Wunden. Der Erzähler, gerade noch in Todesangst, beruhigt sich langsam und wird in der Folge zum vollwertigen Familienmitglied. Er trinkt die Milch der Tigerin. Er spielt mit dem Kleinen. Er kredenzt den beiden Tieren meisterlich zubereitetes Fleisch. Frieden. Familie. Eierkuchen.

Dario Fos Ein-Mann-Stück „The Story Of The Tiger“ wurde von Thoko Kapiri mit Geoffrey Mbene in der Hauptrolle inszeniert. Beide Künstler arbeiten am malawischen Theater Nanzikambe Arts, das mit dem Theater Konstanz eine mittlerweile dreijährige, intensive Kooperation verbindet. Eine Kooperation, die Grenzen aufbrechen sollte und Gemeinsamkeiten und Unterschiede innerhalb der europäischen und afrikanischen Theaterkultur aufzeigen und die Grundlage für Annäherungen und Adaptionen schaffen sollte. Mbenes fulminante Leistung packt das im Handumdrehen.

story of the tiger, theater konstanz, afrika, theater, malawi, politik (6)Innerhalb von Sekunden gelingt es dem afrikanischen Schauspieler mit spärlichen Blicken, Geräuschen und Bewegungen, sein Publikum aus der, nur mit einen Holzschnipseln verzierten Werkstatt, direkt in seine Heimat zu verfrachten. Zunächst in Schreckensszenerie des Krieges, dann in die Höhle des Tigers. Mbene spielt dabei anders, als wir es von europäischen Schauspielern gewohnt sind. Er schreckt zu keiner Sekunde vor großen Gesten zurück. Er springt, tanzt, kreischt, johlt, fuchtelt, wedelt, spuckt, fällt, kracht und jodelt. Pantomime. Ausdruckstanz. So wird Mbene gleichermaßen zum Verwundeten, zum Tiger, zum Politiker, aber auch zu den Massen der Demonstranten, zu einem Heer chinesischer Soldaten, zu lästernden Dorfbewohnern. Die Rolle, die Figur, der Schauspieler ist absolut hybrid. Er ist das Stück. Hier gibt es keine Identifikation, nur eine lückenlose Adaption der erzählten Welt. Mbene ist die Matrix, die sich ständig aufs Neue zusammensetzt – und die selbstredend auch auf die Vervollständigung durch die Fantasie der Zuschauer angewiesen wird. So entsteht eine ganz eigene, ungewöhnliche Spielart des Theaters: Ein Traumatorium, eine Anleitung zur Fantasie, eine Aufforderung zu großen Gesten, zum Nachdenken, zum Durchdrehen, zum Unfassbaren.

Denn „The Story Of The Tiger“ wird nach bitteren, traurigen Auftakt zunehmends fiktional, absurd. Ein Märchen, ein fantastisches Hirngespinst – und erinnert deshalb ist seiner Konzeption an den Guillermo Del Toros wundervollen Fantasyfilm „Pans Labyrinth“. Dort flüchtet sich die zwölfjährige Ofelia angesichts der Schrecken des spanischen Bürgerkrieges in eine märchenhafte Zauberwelt. Fantasie besiegt Krieg. Zumindest im Kopf. In der Geschichte des Tigers ist es indes kein Pan, sondern eben besagter Tiger, der dem Verwundeten eine neue Welt eröffnet. Eine surreale, friedliche, imaginäre Ersatzwelt, die sich eindeutig gegen die kalten, tödlichen, erdrückenden Realität des wahren Lebens absetzt. Die Höhle des Löwens wird zum Rückzugsort, zum Hort der Fantasie.

the story of the tiger, theater konstanz, afrikanisches theater, werkstatt, malawi, kooperation, grenzen, tiger, schauspieler, inszenierung, krieg, proteste, fantasie, pans labyrinth (2)Dabei knüpft Dario Fos Text direkt an historische Ereignisse an: 2011 war der malawische Professor Blessings Chisinga verhaftet worden, nachdem er die Verhältnisse in Malawi bezüglich Kraftstoff-Versorgung und Finanzierung angeprangert und in Bezug zu den Ursachen des Arabischen Frühlings gesetzt hatte. Polizeipräsident Peter Mukhito sah in Chisingas Aussagen eine Provokation und ein Aufruf zu gewaltsamen Widerstand und ließ den Professor festnehmen. Als es in der Folge zu Demonstrationen und Protesten gegen Mukhitos willkürliches Verhalten kam, wurde ebendieser vom (demokratischen gewählten) malawischen Staatsoberhaupt Bingu wa Mutharika in Schutz genommen. Darauf hin eskalierte die Situation und Massen (die jetzt nicht mehr ausschließlich aus dem Universitäts Umfeld stammten) gingen auf die Straße. Ihr Credo: „Wir werden die Arroganz und die Straflosigkeit der Exekutive (gemeint ist die Polizei) nicht dulden. Das Einzige, was wir verlangen, ist eine Garantie unserer Sicherheit. Falls wir aber dadurch, dass wir zu unseren Prinzipien stehen, zu Opfern gemacht werden, so sind wir bereit.“ Und leider gab es Opfer. Die überforderte Polizei feuert willkürlich auf die Demonstranten, am Ende lassen mindestens 18 Menschen ihr Leben. Kinder. Frauen.

story of the tiger, theater konstanz, afrika, theater, malawi, politik (1)He must go. He must go. He must go.“ Immer wieder wiederholt die namenlose Hauptfigur diesen Satz zu Beginn und am Ende des Stückes. „He“, dass wird erst im Kontext deutlich, das ist Mutharika, der die Demokratie in Malawi ad absurdum führte. Dessen Exekutive das Bein durchschoss und unseren Helden ins Exil, in die Höhle des Löwen zwingt. Am Ende kehrt er in die Welt der Menschen zurück. Ein Geist. Ein Zombie. Die beiden Tiger folgen ihm und werden zur mystischen Waffe gegen das brutale Regime. Immer wieder schlagen sie die gewaltbereiten Polizisten in die Flucht – bis einmal mehr die Politik einschreitet und den Tiger, die Fantasie, die Ausflucht als illegal markiert. Aus der Traum. So gleitet das Stück durch die Hintertür aus dem warmen Fantastischen wieder ins kalte Reale. Ein Schlag ins Gesicht. Am Ende die künstlerische Selbstreflektion innerhalb der politischen Aufarbeitung: „In Malawi, when we do protest theatre, we end up here!“ Und „Here“ ist Dunkelheit. Der Keller.Die Hölle. Der Tod.Das Ende. Bestien sind nicht immer Raubtiere.

Alle Bilder aus dem Stück selbst stammen aus dem wunderbaren Flickrstream von Philipp Hamedl (KLICK! Es lohnt sich: http://www.flickr.com/photos/philipphamedl/sets/72157629893639910/). Das Copyright und alle Rechte an den Bildern bleiben vollständig bei ihm.

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