Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Irre’

 „DENN ALLES, ALLES, ALLES GEHT UNS AN!“

1983: Rainald Goetz liest im Zuge des Ingeborg-Bachmann-Preises. Er trägt einen schäbigen Anzug und eine filzige Punk-Frisur. Vor ihm liegen einige Zettel Text. „Subito“. Um ihn herum hocken entspannt aufgereiht die Kritikergrößen der Literaturwelt. Wie die Krähen in Krabat. Dazu der große Zampano, der krächzende Meister. Man ist sich bewusst wer da gleich liest: Ein schreibender Medizinstudent, ein wütendes Talent, ein Rebell. Die Jury kennt seinen Text, sie hat ihn ja eingeladen, ganz bewusst. „Subito“ ist eine Hasstirade – schon klar. Aber so eine Opposition, denkt sich die Jury, die tut doch auch mal gut, dem muss man sich mal stellen, das sorgt für Diskussionsstoff. Auch das Publikum guckt gespannt gelangweilt. Was soll denn schon groß passieren?

Was dann folgt ist der erwartete Affront gegen alles und jeden, gegen sich selbst, gegen Strukturen und Abläufe, gegen die Literatur und den Literaturbetrieb, gegen den Bachmann-Preis und vor allem gegen den Big-Sinn -gegen den blöden Sau-Sinn! Die Jury lächelt vor sich hin – man hat schließlich alles im Griff. Der Punk soll sich ein wenig austoben, danach wird er in Stücke gerissen.

Das ist doch ein Schmarren, sagte Raspe, das ist doch ein Krampf, denen was vorzulesen, was eh in meinen Roman hineingedruckt wird, eine tote Leiche wäre das, die ich mitbringen täte und hier voll tot auf den Tisch hin legen täte, ich bin doch kein Blödel nicht, ich lege denen doch keinen faulig totig stinkenden Kadaver da vor sie hin, von dem sie eine Schlafvergiftung kriegen müssen, es muß doch BLUTEN, ein lebendiges echtes rotes Blut muß fließen, sonst hat es keinen Sinn, wenn kein gescheites Blut nicht fließt, dann ist es bloß ein Pippifax oder ein ausgelutschter Büstenhalterträger, aber logisch nichts Gescheites, ein Blut ein Blut ein Blut, das müßte raus fließen…

Langsam vergeht ihnen das Lächeln. Rainald Goetz hält dem Bachmann-Preis einen Revolver an den Schädel: „Ich schneide ein Loch in meinen Kopf, in die Stirne schneide ich das Loch. Mit meinem Blut soll mir mein Hirn auslaufen.“ heißt es dann irgendwann im Text. Und in diesem Moment wird Literatur zur Wirklichkeit, die Wirklichkeit verschlingt. Rainald Goetz nimmt eine Rasierklinge und zieht sie einmal quer mit Druck über die Stirn. Die Haut platzt auf. Ein Schwall von Blut tropft dickflüssig und dunkelrot aus dem Riss, über das Gesicht und die Hände des Autors und plätschert dann in dicken, runden Tropfen auf den Text selbst. Dort sammelt sich eine widerliche Lache Lebenssaft, ein Tümpel, der sich durch den Text frisst. Und Goetz liest weiter, zuckend, wie von ADS-geplagt. Seine Stimme überschlägt sich, während manch stöckelbeschuhte Literaturliebhaberin ihre Sektfrühstück in einen Klagenfurter Vorgarten erbricht.

-> "In diesem Protest gegen das literarische Leben entlarvt sich Rainald Goetz
    als typischer Literat.
-> "Ich sehe, dass sich einer auskotzt. Ich sehe eine ganz gefährliche Wut."
-> "Er ist selbst, er will das nicht, er ist selbstausgebildeter Arzt
    und er mache das öfters."
-> "Meine Frau hat angefangen zu weinen - und dann diese Kaltschnäuzigkeit,
    wie der da drüber hinweg geht."

Was bleibt ist die anbiedernde Frage: Provakation oder Kalkül? Fakt 1: Goetz Karriere startete durch, vollgas. Irre. Rave. Fakt 2: Von“Subito“, von seiner Lesung, vom gesamten Bachmannpreis 1983 blieb nichts, aber auch gar nichts als ein Schwall von dunklem Blut. Das ist der Punkt. Alles andere ist blöder Sau-Sinn!


Nachtrag:
„Der berühmteste Bachmanntext aller Zeiten ist »Subito« von Rainald Goetz. Es geht dort um Diedrich Diederichsen, der da »Neger Negersen« heißt und in der Hamburger NDW-Bar Subito verkehrt, die auch im Text so heißt. Goetz schneidet sich beim Lesen die Stirn auf. Das dürfte er auch heute noch ungestraft tun. Den Text dürfte er nicht mehr vortragen“
(Joachim Lottmann in der TAZ vom 05.07.2003)
Werbeanzeigen

Read Full Post »