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Thees Uhlmann und Band – Kulturladen Konstanz

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Mutti, wir habens bis zum Bodensee geschafft!“ 

So wie Thees Uhlmann in den vollbesetzten Kulturladen stürmt, die Mundharmonika zwischen die Zähne geklemmt, ins Mikrofon knarzend und dann beinahe verbissen zu spielen beginnt, erfüllt das zunächst die Erwartungen all jener, die noch nie zuvor ein Konzert des ehemaligen Tomte-Sängers erlebt hatten. Die nämlich rechneten mit einer klassische Folkshow, einem sperrigen Singer-Songwriter-Konzert der alten Schule. Mit Mundharmonika, Gitarre und einer Band als dekorative Zugabe. Sie ahnen es: Es kam ganz anders.

thees uhlmann, konzert, live, bilder, kulturladen konstanz, album, casper, bericht, tomte, zum laichen und sterben ziehen die lachse den fluss hinauf, jay-z (4)Wer sich intensiv mit dem famosen Thees Uhlmann Solo-Debüt beschäftigt hat, dem drängte sich eine markante, fast gehetzte Spannung zwischen der niedersächsischen Heimat des Sängers und der weiten, urbanen Großstadtwelt auf. „Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten/ Und ich weiß nicht wirklich, was soll es bedeuten.“ heißt es in „Lat: 53.7 Lon: 9.11667“ und im Kontrast dazu nur einen Song später: „Ich hab das schönste der Welt gesehen: Paris im Herbst“. Natürlich wurde der Rock´N´Roll an einigen einschneidenden Momenten seines Lebenslaufs von innovativen Entdeckungen aus ebendiesem Niemandsland zwischen dörflicher Heimat und restlicher Welt geprägt – man denke alleine an die Geburtsstunde des Triphop und die fast mütterliche Rolle die das Städtchen Portishead dabei spielte. Thees Uhlmann versteht sich in diesem Kontext aber eher in der Tradition des amerikanischen Country und Folk und Künstlern wie Conor Oberst, der ständig die engmaschige Beziehung zu seiner Heimat Nebraska rekurriert. Stichwort: Heartland. Herzensangelegenheit Niedersachsen. Den Vorbildern folgend öffnete Uhlmann, der mit Tomte stets solide Indie-Platten entwarf, die im Speziellen auf den letzten Jahren der Bandgeschichte ein wenig die Überraschungsmomente vermissen ließen, den Blick für neue heimatliche Einflüsse und weitschweifige Horizonte. So ließ es der Maestro auf seiner Platte aus allen Rohren streichen, klimpern, blasen und auf die Pauke hauen und schaffte tatsächlich das Kunststück, dass die instrumentellen Momente stellenweise die markanten Texte in den Schatten stellten. Entsprechend gespannt ist der unerfahrene Uhlmann-Konzertgänger im Vorfeld der Show auf ebendiese Varianten. Doch nun zurück zum Anfang.

Denn die klassische Singer-Songwriter-Masche hält Thees gerade mal eine Songlänge aufrecht. Dann offenbart sich: Der Liveact „Thees Uhlmann und Band“ ist als waschechte Rockband zu verstehen. Und hier regiert einzig und allein handfester, schweißtreibender Rock´N´Roll: Sägende Gitarren, massive Bassanschläge und Highspeed-Schlagzeuggehämmer. Selbstredend lässt sich in dieser Konstellation kein fragiler Folk reproduzieren – und das ist in diesem Fall total egal.

thees uhlmann, konzert, live, bilder, kulturladen konstanz, album, casper, bericht, tomte, zum laichen und sterben ziehen die lachse den fluss hinauf, jay-z (2)Denn Thees Uhlmann hat mächtig Lust auf energetisches, ungezähmtes Konzert. Und in der vergilbten Lederjacke, mit den nach hinten geklatschten Haaren und auf großartig schummrig ausgeleuchteten Bühne, wirkt der Sänger beinahe so, als wäre er direkt aus der Zeitkapsel gestiegen. Nicht wie der junge Dylan, sondern wie der elektrifizierte Dylan, der gerade den Verstärker für sich entdeckt hat. Die angesprochenen Instrumental-Erlebnisse bleiben glücklicherweise nicht ganz auf der Strecke. Das liegt in erster Linie an der famosen Pianistin Julia Hügel, die, ganz Frau, immer wieder beinahe zärtlich zwischen die Testosteron geschwängerte Performance dazwischenfährt. Besonders den Hit „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ schiebt das Klavierthema konzentriert an, ehe die Komposition in einem wilden Gitarren-Orkan und Uhlmannschen Brüllen zerberstet. Überragendes Highlight das Konzert sind aber jene beiden Songs, die Thees zusammen mit dem Rap-Aufsteiger Casper eingespielt hat: Der eine, „Und Jay-Z singt uns ein Lied“, wird immer schneller und schneller und dreht sich um den Refrain, der zum mitgröhlen einlädt, der andere „XOXO“, schwingt sich aus dem nichts zu einer regelrechte Postrock-Wand mit HipHopanstrich auf, die einem im Publikum förmlich erdrückt. Paradox: HipHop gilt als die urbanste aller Jugendbewegungen – mit diesen zarten Brüchen spielt das Konzert immer wieder.

Die Phase zwischen den Songs gehört dann wieder voll und ganz der Heimat. Etwa wenn Thees über seine Jugend als Dorf-Heavy-Metaller referiert, von der Identitätssuche, die den Dorfschmerz übertünchen sollte. Oder wenn er von der Postkarte nach Hause erzählt: „Hallo Mutti, wir habens bis zum Bodensee geschafft.“ Und dann wird wieder gespielt, mit voller Inbrunst. Gegen den Dorfschmerz.

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