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Einstürzende Neubauten – Muffathalle München – 30.05.2011

Über Musik zu Schreiben ist wie über Architektur zu tanzen.“ Frank Zappas Fratze hängt wie ein Damokles Schwert über jedem Musikjournalisten. Noch schlimmer wird es eigentlich nur, wenn man sich die Einstürzenden Neubauten vorknöpft. Denn die Berliner Band verschweißt genau die Begriffe Musik, Architektur und auch Literatur zu einem unüberschaubaren Diskurs-Monstrum voller Zerstörungs- und Schöpfungsmythen. 30 Jahren sind vergangen, seit der mittlerweile legendär gewordene Blixa Bargeld die Neubauten aus der Ursuppe des Berliner Untergrund fischte. Am Anfang war der Presslufthammer: Gründungsmitglied Andrew Unruh verschächert sein Schlagzeug. Doch Not macht erfinderisch. Unruh stellt sich in der Folge auf Baustellen ein neues Instrumentarium zusammen und die Neubauten schaffen aus Presslufthammer, Backsteinen und Vorschlaghammer ein Klangkonstrukt irgendwo zwischen Geräusch, Krach, Musik, Experiment, Industrial, DaDa, Avantgarde, Punk und bloßer Zerstörung. FM Einheit, Alex Hacke und Mark Chung vervollständigen das Lineup. Unter all den innovativen Formationen Berlins ist die Band schon bald als die innovativste. Und die radikalste. Und die gefährlichste. Regelmäßig fängt die Bühne Feuer und die Bandmitglieder rammen ihre Presslufthämmer rücksichtslos in die Wände der Konzerthäuser. Die Löcher werden bei Bedarf mit Korken gestopft – Architekturveränderungsmaßnahmen nennt das die Band:
Die Konzerte sind für Publikum und Band gleichermaßen unberechenbar: Unruh treibt auf einem Skandinavienkonzert das Publikum mit kleinen Molotowcocktails vor sich her, Einheit flext sich in den Schädel, Bargeld kennt zu jeder Narbe den Konzerttermin. Die Alben „Halber Mensch“, „Haus der Lüge“ und „Tabula Rasa“ machen die Neubauten indes zu international anerkannten Anti-Stars einer nicht existenten Szene. 1997 implodiert die Band: Mark Chung konzentriert sich auf seine Arbeit als Produzent und der geniale Klangmetzger FM Einheit überwirft sich mit Bargeld. Die Neubauten sind abgebrannt und ausgeblutet. Ende Neu! Blixa Bargeld schlägt den entscheidenden Karrierehaken. „Silence is Sexy“ erfüllt keine einzige Erwartung. Laut-Leise, Chaos-Melodie – das sind die Oppositionen, die die Neubauten nun noch stärker umtreiben. 3 Decades, Muffathalle München: Blixa Bargeld steht im Anzug, Weißwein schlürfend und Goethe-gleich „Mehr Licht!“ wetternd im Zentrum, zu seiner Rechten drescht der tätowierte Hüne Alex Hacke martialisch auf seinen Bass. Dazu Jochen Arbeit, der hagere Hawai-Punk, Live-Keyboarder Ash Wednesday, immer noch Postpunk, Rudolf Moser, den sie den „schönen Rudi“ nennen und Andrew Unruh, das Herz, der Zappelphilipp. Bereits das „Menschmaterial“ der Band ist imposant. Ansonsten blicken wir auf einen genialen Schrotthaufen: Mini-Maschinen, Baggerschaufel (aus der Stahlteile auf die Bühne prasseln), „Engel“ (einem Stahlrohrkonstrukt), Turbine (aus einem Flugzeug herausgefunden), Stahl, Stahl, Stahl, meterlang gespannte Federn – das ganze im ständigen Umbauprozess. Es entsteht Krieg, gegen sich selbst, gegen Architektur. Andrew Unruh und Rudolf Moser (Ex-„Die Haut“) bearbeiten dieses Panoptikum an skurrilen Gerätschaften mit allerlei Schlagwerkzeug, Bohr- und Flexmaschinen. Stahlgewitter und Stahlbad und beissende Stille. Unruh trommelt auf der rotierenden Turbine, wie Musikschüler auf dem Marimbafon, Bargeld diktiert die spartanischen Verse. Zweieinhalb Stunden geht das so, die Jubiläumssetlist bietet alles. Auch „Halber Mensch“ und „Haus der Lüge“, um endlich die Rufe danach verstummen zu lassen. „Headcleaner“ fährt direkt durch Mark und Bein fährt, nein, „Headcleaner“ schabt einem das Mark aus den Knochen:
Und im Publikum fragt man sich mit offenen Mund, vibrierenden Gehirn und unter Tinnitus, ob das eigene Gehör bereits gestürzt ist oder die Anlage oder ob das alles noch zum Programm gehört. Höre mit Schmerzen! Im Anschluss das scheinbar balsamierende Gegenprogramm. „Silence is sexy“, Blixa raucht ins Mikrofon, rastet aus. Dann raucht er wieder, dann Stille. Die Einstürzenden Neubauten sind die unfassbarste Band unseres Kosmos. Und Blixa Bargeld, vor Hybris strotzend, ist sich dessen bewusst: „Wenn ihr vor euren Schöpfer tretet, sagt ihm, ihr habt seine Lieblingsband gesehen.“

 

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