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SOUTHSIDE-FESTIVAL – Neuhausen Ob Eck – Take Off Gewerbepark

 

So nachdem ich mich hier (KLICK!) ausführlich über das Festival an sich und alles dazu gehört ausgelassen habe, soll es auf Risse im Asphalt nur um Musik gehen…

 Justice sind das Schlachtross der prägenden französischen Elektroszene. Das Album-Monster „Cross-Symbol“ schlug einst ein wie eine Bombe, die Videos zu „Stress“ und „D.A.N.C.E“ brachten die Youtube-Server in Wallung. Am Southside beginnt zum militärischen Intro das obligatorische Kreuz neongrell zu flackern, ehe nach minutenlangen Steigerungen der erste Bass über die Menge brettert. Es folgt ein Elektrokonzert von Blockbuster-Ausmaß (leider mit bescheidenen Sound): Über die eigens installierte Riesenleinwand pumpen Lichteffekte, von der Bühne jagen Laserstrahlen in den Nachthimmel. Und irgendwo ganz klein in diesem Meer aus Effekten, Licht und Musik stehen Gaspard Augé und Xavier de Rosnay, die ihre Songs in unzählige Bruchstücke zerflücken. Das hinterlässt auf der einen Seite viele Enttäuschte, produziert aber eine Menge Euphorie-Berauschte! Später speit die Bühnenkonstruktion ein Neonklavier auf die Bühne, auf welchen der lockenbehaarte Augé ausgelassen vor sich hin klimpert. Eine elektronische Opera Obscura.

Man Other Lives. Was würde passieren wenn man Arcade Fire eine gehörige Dosis Depression in die Venen impft und sie dann direkt als Hauptdarsteller und Saloon-Band in einen der alten italienischen Western stellt – so Ennio Morricone Style: Richtig! Das wären dann die Other Lives. Starker Auftakt, große Melodien, jaulende Momente, große Weite im kleinen Zelt. Immer mal wieder so Post-Rock mäßige Ausschweifungen, dann wieder verkopftes Klavierspiel und verbissener Gesangt. Stark!

Dieses Konzert wird dein Leben verändern! Dies und nicht weniger ist der Anspruch der ShinsAnhänger an die Band, seit deren Hymne „New Slang“ im Kinofilm Garden State eine ebensolche lebensverändernde Schönheit attestiert wurde. Natürlich ist es keine einfache Aufgabe diesen Vorstellungen gerecht zu werden – für keine Band der Welt. Aber die Shins, die nach mehrjähriger Bühnepause in neuer Besetzung antreten, gelingt das Kunststück, die Magie ihrer Songs direkt auf die Bühne zu übertragen. Dabei bewegt sich James Mercers ungewöhnliche hohe Stimme live immer auf einem schmalen Grad zwischen überdrehen und unverwechselbarer Virtuosität. Am Southside meistert der Sänger den Ritt auf der Rasierklinge mit Bravour und nicht ohne Grund recken unzählige Fans ihre zu Herzen geformten Hände in das orangene Licht der Abendsonne. Und wie dann „New Slang“ so halb akkustisch dahin gehaucht wird oder „Caring is Creeping“ so schmerzend hinaus geschrien wird. Schön, wie man die Herzen schmelzen hört! Manche Momente sollte man für immer speichern können.

Eine Woche vor dem Festival brach unter den Musikfans Panik aus: Denn Marcus Mumford, seines Zeichen Mastermind der vielleicht aufregendsten Folk-Band der Welt, hatte sich die Hand – abgesagte Shows waren die Folge. Am Southside beißt Marcus die Zähne zusammen, spielt mit effizient gegipsten Arm und legt fortan seine Seele frei. Mit Inbrunst singt und schreit der gesegnete Sänger seine Songperlen in die untergehende Sonne und weil es aus dem Publikum nicht minder emotional zurück brüllt entsteht eine selten gesehene Gänsehautatmosphäre. Immer wieder sägen epischen Spielereien mit dem Banjo, Kontrabass und Akkordeon durch die Mumford´schen Kompositionen und sorgen für ein ganz spezielles Momentum – das ist die Brise Salz in der Suppe, die die großartigen Bands von den guten unterscheidet. Was für ein Konzert! Was für eine Band! Die bittersüße Prognose: Mumford&Sons werden schon bald jedes Festival dieses Planeten headlinen. Zurecht.

Oasis sind meine persönliche Konzert-Nemesis. 2005 war ich zu dumm und pubertär, um mir ein solch ruhiges Konzert zu genehmigen und stapfte also dumm grinsend an der blauen Southside-Bühne vorbei. Vor drei Jahren wollte ich diesen idiotischen Fehler ausmerzen und Oasis – jetzt als Fanboy – bei Rock am See abfeiern. Und was machen die Gallagher-Brüder? Sie schlagen sich die Köpfe ein und zwar EINEN Tag bevor ich sie gesehen hätte. Noel Gallagher verließ die Band und ich verkaufe meine Karte. Die Wunden sind noch nicht geheilt, selbst für Kraftclub stellte die Trennung die Grenze zwischen den guten und den schlechten Zeiten da („Und wenn du mich küsst, schreibt Noel wieder Songs für Liam!“). Freitag Abend gabs dann endlich ein Heftpflaster auf den offenen Bruch. Da stand er, der gute Noel. Ganz in echt. Und spielte „Don´t Look Back In Anger“. Hach.

Eigentlich müssten hier Jubelstürme stehen. Freudentränen fließen. Jubelsprünge gehüpft werden. Geht aber nicht. Der Geist war willig, der Körper zu schwach. Das Konzert war toll, keine Frage aber nicht so ganz für mich! Zum Glück hatte ich schon meinen Beirut Beirut-Moment.

Am Samstagabend wird ein entscheidendes Kapitel der Rock´N´Roll-Geschichte aufgeschlagen. Robert Smith und seine Truppe bilden das Kontrast-Programm zu den spaßigen Headliner-Kollegen von den Ärzten und Blink 182. Dabei ist es fast unglaublich, mit welcher aufrichtigen Ehrlichkeit der mittlerweile 53-Jährige Robert Smith seine teilweise jahrzehnte-alten Songs schmettert, sodass man als Konzertbesucher auch noch heute den tieftraurigen Jugendlichen von einst vor Augen hat. Hier wird klar: Smith lebt seine Songs und auf der Bühne wird er eins mit ihnen. Überhaupt sind The Cure Konzerte eine Institution: Robert Smith wird nicht müde zwei bis drei Stunden zu spielen und dabei grundsätzlich ungewöhnlichste Playlists aus vereinzelten Superhits, B-Seiten und neuen Songs zu mischen. Für alle, die jedoch keine Die-Hard-The-Cure fands sind, ist das natürlich sowas von anstrengend, dass sich das Konzert im weiteren Verlauft langsam aber sicher leert. Trotzdem: Von soviel Einsatz, Spielfreude und Motivation könnte sich so manche Band des Lineups eine dicke Scheibe abschneiden. Chapeau, Mr. Smith!

Wenn es so etwas wie einen Rock´N`Roll-Gott gibt, dann ist er Jesse Hughes auf direktem Wege in den Arsch gefahren. Kaum einer verkörpert das Rock`N`Roll-Gen eindrucksvoller als Hughes, der sich wohl genau aus diesem Grund schlicht und einfach „The Devil“ nennt. Am Southside marschiert Jesse also breit grinsend, die Kippe in den Mundwinkel geklemmt und den mächtigen Oberlippenbart zurecht frisiert auf die Bühne, wo er zunächst einmal einige Frauen im Publikum mit Kusshänden und Augenzwinkern begrüßt, eher zu einer unglaublich unästhetischen, übergroßen Gitarre greift und das Eagles Of Death Metal-Konzert beginnt. Und wie: Jesse lässt den Teufel von der Leine, während sich seine Mitmusiker um den sensationellen Queens Of The Stoneage-Drummer Joey Castello um den musikalischen Grundbausatz des Konzerts kümmern. Denn bei aller Liebe: Jesses Hughes ist viel eher Rock`N`Roller als Musiker und die Geschichte wie er seine Band gründete ist eine wunderbare Anekdote: Wir schreiben das Jahr 1998, Jesse Hughes, Familienvater und Arbeiter, wird von seiner Frau verlassen. Bei seinem High-School-Freund Josh Homme, der zu diesem Zeitpunkt längst ein Rockstar ist, sucht Jesse Trost. Und Josh Homme hat einen entscheidenden Rat auf Lager: Schmeiß´alles hin, gründe eine Band und lebe Rock`N`Roll. Gesagt getan. Heute sind die Eagles Of Death Metal absolut Kult und bringen am Southside die Menge ordentlich in Bewegung. Songs der Marke „Cherry Cola“ oder „I Want You So Hard“ sind sonnenbebrillte Hymnen an die Liebe, die Sonne und das Leben und machen die EoDM zu einer idealen Festivalband. Geil!

Wolfmother spaltete bereits in den ersten Momenten ihrer Bandgeschichte die Musikszene in zwei Lager: Die eine Seite verpönte die australischen Rocker als bloßen Led Zeppelin-Verschnitt, während die Wolfmother-Anhänger eben diese Parallelen, die in erster Linie auf Andrew Stockdales sägenden Gesang gründen, feierten. Ob nun aufgekocht oder nicht – Bands wie Wolfmother braucht das Land. Wolfmother gräbt sich zurück zu den Wurzeln und macht daraus absolut keinen Hehl: Große Rock-Gesten, breitgefächerten Songstrukturen und die ausufernden Soli. Keine Lasershow, keine Videoeffekte, keine übertriebenen Ansagen – Nur handfester Arschkick-Hardrock. 2006 eine Offenbarung, 2012 immer noch, ähm, gut!

Das  Stone Roses-Konzert ist vermutlich eines der bizarrsten, die das Southside-Festival je erlebt hat. Da steht eine Band auf der Bühne, die die englische Musikszene wohl wie kaum eine andere geprägt hat, die die Fußstapfen für Oasis vorgetreten hatte, die nach 15 Jahren Trennung 2011 ihre Reunion bekannt gegeben und damit die ganze Insel in Freudentränen getränkt hatte. Da steht also dieser potentielle Headliner aller britischen Festivals auf der Bühne und spielt vor ein paar tausend Besuchern. Stell dir vor, es spielen die Stone Roses und keiner geht hin. Eine explosive Situation: Denn die ausufernde Arroganz von Sänger Ian Brown und seine wenig begeisternden Live-Qualitäten sind mindestens genau so legendär, wie die beiden einzigen Stone Roses Alben und das lässt böses erahnen. Es folgt jedoch die positive Überraschung. Ian Brown trotzt der spärlichen Kulisse und zeigt sich – für seine Verhältnisse – publikumsnah und sympathisch. Und tatsächlich liefert Brown eine – für seine Verhältnisse – starke Gesangsperfomance ab. Und weil die restlichen Bandmitglieder der Stone Roses mehr als nur passable Musiker sind besitzt das Konzert einen ganz eigenen Charme und Flow. Klar, würde man sich bei den großen Hits wie „I Wanna Be Adored“ oder „She Bangs The Drums“ 50 000 euphorisch gröhlende Engländer als chorale Unterstützung wünschen, aber angesichts der einzigartigen Erfahrung eines Stone Roses-Konzerts mit Wohnzimmer-Atmosphäre sieht man darüber doch gerne hinweg.

 Nach Beirut schleppe ich meinen Kadaver in Richtung  New Order, wo erschreckend wenig lost ist. Vielleicht liegt das auch daran, dass sich der Spirit der Band, die einst Joy Division hieß und nach dem Tod des Ian Curtis unter New Order weiter machte, entscheidend verändert hat. Denn New Order sind eigentlich gar nicht mehr so richtig New Order: Nur noch Bernard Sumner und Stephen Morris sind übrig und so mag man das Konzert irgendwie von sich aus nicht gut finden. Tut es aber trotzdem. Und so will man eigentlich auch nicht „Love Will Tear Us Apart hören“. Tut es aber trotzdem. Inklusive Gänsehaut.

Woaaaah. Die Antwoord. Was ist denn das? Bizarrster Abriss. Starker Sound, derbe Beats, durchgeknallte Show. Willkommen in Crack-City! Die Antwoord spielen das abgedrehteste Konzert des Festivals, nein, vermutlich der Southsidegeschichte. Seit sie ihren afrikaans Trash-Rap irgendwo in die Südafrikanische Landschaft rotzten, sorgen Die Antwoord für offene Münder. Die meisten belächelten das undurchsichtige Projekt als stumpfe Provokation, am Southside beweist das Duo aber definitiv Qualität – eine beängstigende Qualität. Das Sauna-Zelt wird in Rekordzeit voll gespielt. Yolandis Stimme, dieses schmerzend hohe Krächzen, diese Helium-Bombe wird zum meist diskutiertesten Thema des Wochenendes. Dazu Ninja, ein afrikanischer, abgefuckter Eminem-Speedcore Rapper der auf die Elektropunkbeats seine Tracks pumpt. Der helle Wahnsinn! Zum Beweis: Ein miserables Handyvideo:

Es gibt wohl nur wenige Formationen, in denen die Livequalitäten innerhalb der Band so horrende Unterschiede aufweisen wie bei Blink 182. Denn während sich Mark Hoppus und Tom DeLonge gesanglich meist mehr als schwer tun, gilt Travis Barker als einer der aufregendsten Drummer der jüngeren Popgeschichte. Entsprechend ungewöhnlich funktionieren die Auftritte der Spaß-Punker: Das Schlagzeug dominiert das Konzert von Beginn an, Barker brettert mit unglaublicher Geschwindigkeit und Gespür und zieht dabei seine beiden Kollegen förmlich hinter sich her. In den Pausen haut das Trio ein paar Ärzte-mäßige Sprüche raus. Klar, das hat alles einen ganz netten Nostalgie-Faktor, wenn dann mal „Whats My Age Again“ und zigzwanzig weitere Songs laufen, die man eins auf voller Dröhnung in Jugendräumen hört. Alles in Allem blockieren Blink 182 aber definitiv einen Headliner-Slot.

SPLITTER:

Florence And The Machine: Da steht also diese Stimmensensation auf der Bühne und jodelt ins Mikrofon und tanzt dazu so zauberhaft hippieesque über die Bühne. Irgendwie hört man keine Musik, nur Stimme und Stimme und Stimme. Naja.

Casper: Die Sensation des vergangenen Jahres. Die Blue-Stage ist überlaufen, der Sound leider bescheiden – wie sooft an diesem Wochenende auf der blauen Bühne. Das trübt die Stimmung – zumindest bei den neutralen Musikfans. Die Casper-Crowd dreht trotzdem durch, auch wenn Songperlen wie „Michael X“ leider vom Winde verweht werden. Casper, keine Frage gibt sich Mühe und ist zweifelsohne ein richtig starker Livekünstler. Unter diesen Umständen macht das aber nur bedingt Spaß, die Kehrseite des Hypes.

Bombay Bicycle Club: Total verspielte Melodien, total dämlich grinsender Sänger. Das zwingt die Hipsters und Indiegirls in die Ausdruckstanz-Hölle. Da fehlt echt noch einiges – die Akkustikversionen dieser Dudelhymnen können ja eigentlich so einiges.

Kurt Vile: Sieht wohl aus wie der junge Jimmy Page und klingt ein wenig wie Bob Dylan. Passend dazu fragt mich einer nach dem Timetable und verwechselt dann die Stone Roses mit Guns&Roses und Rage Against The Machine mit Rise Against. Kurzzeitig liegt etwas besonderes, etwas großes liegt in der Luft. Viles Konzert ist schlussendlich aber nur solide.

Pennywise: Alles wartet auf Bro Hymn, um mit dem Song im Ohr locker in die Normalität hinaus zu marschieren. Dann geht’s los, voll gut: oooooooooooooooooohooooooooooooohohhhhhhhhhhhhhhhhhhoooooooooooooooohhhhhhhhhohhhhhhhhhhohhhohhhhh!

Kleines Video:

Die großartigen Bilder hat mein geschätzter Kollege Olli Hanser geschossen. Großes Lob und vielen Dank. Mehr Bilder von Olli findet ihr hier: (KLICK!). Schaut rein! Aber sofort!

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