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206 – Interview

Eigentlich dachten wir ja, die Zeit des hasserfüllten „in-die-Fresse-Punks“ sei schon lange vorbei. Und eigentlich waren wir uns auch sicher, dass eine Anti-Haltung, speziell im deutschsprachigen Pop, längst angestaubt und unbedeutend ist. Doch dann rotzten 206 „Republik der Heiserkeit“ ins Gesicht der deutschen Szene. Das Feuilleton zuckte erschrocken zusammen und zermartert sich seither das Hirn über den unfassbaren Hass und die unberechenbare Wut der Band aus Leipzig. „Risse im Asphalt“ traf 206 im Vorfeld ihres Konzertes in der Kantine Konstanz. Sänger Timm Völker und Bassist Leif Ziemann pumpen gerade ein Bild vom vergangenen Freiburg-Konzert auf Facebook, Schlagzeuger Florian Funke angelt sich ein Zäpfle aus dem Kühlschrank.

Timm Völker: „Hast du eine Frage zu unserem Bandnamen dabei?“

Risse im Asphalt: „Nö.“

Leif Ziemann: „Sehr gut. Erste Prüfung bestanden.“

Risse im Asphalt: „Ich fang dann mal an: Selbst wenn man sich nur oberflächlich mit euch beschäftigt, kommt man um den Begriff „Wut“ nicht herum. Ganz Deutschland zerbricht sich den Kopf über eure Wut – Wart ihr euch bewusst, dass ihr eine derartige Diskussion lostreten werdet? Und war Wut nicht immer ein elementares Element in der Pop Musik? Was unterscheidet eure Wut von der Wut des Rests?“

Timm Völker: „Dabei ist die Wut doch nur ein Aspekt unserer Musik. Die geht immer einher mit einer Unzufriedenheit und einem Drängen. Wir hatten dabei nie den Masterplan eine Diskussion loszutreten und wir haben uns auch nie Gedanken darüber gemacht, was unsere Wut denn jetzt ausmacht. Das ist einfach das was uns bewegt -der Unmut – das ist wie wir uns fühlen. Wir wollen keine Belanglosigkeiten thematisieren, wir wollen auf Missstände hinweisen. Was mich dabei immer verwundert, dass keiner den Sarkasmus aus meinen Texten raushört. Oder die Komik. Aber ich denke das liegt dann vor allen Dingen an mir selbst. Dass ich das nicht deutlich genug mache.“

Leif Ziemann: „In den vergangenen Jahren hat der Unmut einfach keine Rolle gespielt. Keiner hat wirklich seine Meinung formuliert. Ich meine darin immer eine Art Eskapismus zu erkennen.“

Timm Völker: „Hm, ich weiß nicht ob das ein Eskapismus ist…“

Leif Ziemann: „In jedem Fall ist niemand in den letzten Jahren ein wirkliches Risiko eingegangen. Bei uns ist das anders: Wir wollen nicht krampfhaft allen gefallen.“

Timm Völker: „Ich finde das ist schon ein Trend zu erkennen, im speziellen im Indie. Zu viele Leute haben in den letzten Jahren wenig gesagt. Jetzt gibt es Bedarf an Bands wie uns, oder 1000 Robota oder Ja, Panik. Die machen das aber ein wenig intellektueller als wir, die sind hipper. Ich sag immer: Wir sind die Band die nach Schweiß riecht.“

Florian Funke: „Da ist nichts mit Männerparfum.“

Risse im Asphalt: „Im Hip-Hop indes ist das formulieren der Wut gang und gäbe, aber eine wütende Gitarrenband scheint heutzutage zu verwirren.“

Timm Völker: „Ja, da ist das irgendwie was anderes. In der Popmusik gings in den letzten Jahren immer nur um die Freude an der Sache. Aber Musik sollte doch auch Meinungen und Ideen, einfach einen Zeitgeist transportieren. Die ist doch der Spiegel der Zeit. Da hat sich in der deutschen Szene so eine Art Gleichgültigkeit eingestellt. Wir sagen: Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei, auch wenn uns klar ist, dass das viele überfordert.“

Risse im Asphalt: „Stichwort Zeitgeist: Ich hab letztens beim Busfahren ganz zufällig „Freiburg“ von Tocotronic gehört. „Ich weiß nicht warum ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt.“ Ein klares Statement gegen Verbrüderung und Vernetzung. In Zeiten von Facebook spielt dieser ganze Komplex ja eine noch stärkere Rolle. Inwiefern seht ihr euch selbst als Gegenentwurf oder gar als Produkt des digitalen Zeitalters?“

Leif Ziemann: „Ich denke da muss man zwischen privat und Band unterscheiden. Als Band kommt man ja praktisch nicht drum herum. Ich meine da gibt es ja unzählige großartige Möglichkeiten Menschen zu erreichen.“

Florian Funke: „Zu Hause hab ich zum Beispiel gar kein Internet. Ich denke es sollte sich immer die Waage halten – warum sollte jeder immer wissen, was ich gerade mache.“

Timm Völker: „Wir verstehen uns aber definitiv nicht als Gegenentwurf. Wir posten auch bei Facebook. Bilder von den Konzerten. Und meine Blogeinträge. Natürlich wissen wir um die guten Seiten der ganzen Vernetzung, betrachten den ganzen Komplex aber auch mit Skepsis. Besonders gefährlich ist die Selbstüberwachung, die dabei entsteht. Ich meine jeder gibt sich in der digitalen Welt total individuell – aber ist man das wirklich? Zum Beispiel gibt es tausende identische Bilder, die verschiedene Mädchen mit einer weißen Sonnenbrille und einem roten Rock zeigt. Individualität wird vorgegaukelt.“

Leif Ziemann: „Wem?“

Timm Völker: „Na sich selbst.“

Leif Ziemann: „Zu diesem Thema kam letztens ein deutscher Film in die Kinos. Ich hab den aber gar nicht gesehen. Jedenfalls geht’s dabei darum, dass irgendwann das Fernsehen und einfach alles von einem sozialen Netzwerk ersetzt wird. Und wer keine Clicks generiert, der wird gelöscht. Identität gibt es also nur noch im Netz. Und genau das denke ich ist die große Gefahr. Die zunehmende Nicht-Existenz der Wirklichkeit“

Florian Funke: „Viele verlieren einfach das Bedürfnis nach Verstand und Seele.“

Risse im Asphalt: „Auf eurem Album scheint die Musik aufs Elementare reduziert. Der Gesang rückt dabei in den Vordergrund. Wie entstehen eure Songs? Wie textet ihr?“

Timm Völker: „Das Grundgerüst entwerfe ich und dann geht das eigentlich Hand in Hand und fließt zusammen. Ich denke das funktioniert bei den meisten Bands ähnlich. Was mich nur wundert, dass sich so viele Leute so auf die Text einschießen. Die Musik spiegelt das Ganze doch noch intensiver wieder. Vielleicht liegt das auch an der Produktion“

Leif Ziemann: „Naja, ich denke das liegt vor allem auch daran, dass wir deutsch singen. Das zwingt die Leute ja regelrecht dazu zuzuhören und auch zum Verstehen. An uns ziehen Massen von englischen Songs vorbei, da interessiert der Text ja nur in seltenen Fällen. In den 70er Jahren hat jeder die Stones hoch und runter gehört, aber nur in England kennt man den Inhalt der Songs. Es ist ja auch seltsamerweise so, wenn du deutsch singt, dann fragt dich jeder „Wieso macht ihr das?“, dabei ist es doch eigentlich das Naheliegendste.“

Risse im Asphalt: „Ich bin mir bewusst, dass es eigentlich recht dämlich ist folgende Frage einer Band zu stellen, die gerade erst ihr Debütalbum veröffentlicht hat. Aber habt ihr schon eine Vorstellung wie es mit 206 weitergehen soll? Gibt’s irgendwelche seltsame Idee, die ihr noch in die Tat umsetzen wollt?“

Florian Funke: „Momentan sind wir einfach nur glücklich da zu sein wo wir gerade sind. Wir freuen uns jetzt hier in Konstanz hocken zu dürfen und halt einfach das zu machen, was wir machen. Der Moment zählt da schon. Trotzdem haben wir natürlich Pläne, aber wir planen nicht unseren Sound.“

Timm Völker: „Da gibt’s ein sehr empfehlenswertes Buch von Tino Hanekamp: „Sowas von da.“ So heißt das Buch und so fühl ich mich gerade. Das passt unglaublich gut. Wie gesagt, der Bedarf an solchen Bands wie uns, den gibt es und es ist richtig, dass wir da sind. Bei Konzerten hoffe ich dann immer, dass wir das Publikum auf der einen Seite überrumpeln, aber ich hab auch immer den Wunsch, dass die Leute mit einem Wachheitsgefühl nach Hause fahren und sich denken: „Man, jetzt hab ich das gecheckt.“

Risse im Asphalt: „Ich habe deinen letzten Blog-Eintrag gelesen. Darin geht’s so grob gesagt um Ufos und Nazis. Was fasziniert dich an Ufos?“

Timm Völker: „Dafür habe ich mich schon als Kind interessiert. Akte X, Science Fiction – das hat eine ungeheure Anziehungskraft und Faszination auf mich ausgeübt. Und als ich dann da den Nazi mit dem aufgenähten Ufo gesehen habe, das hat mich einfach gestört. Das ist doch scheiße, wenn die sich jetzt da auch dafür begeistern. Und auch gefährlich.“

Leif Ziemann: „Dabei geht es ja irgendwie auch um das verteidigen von geistigen Territorium. Bei uns suchen sich die Nazis immer mehr solche Themenbereiche, kümmern sich um die Jugendarbeit.“

Timm Völker: „Das ist der Punkt. Die Nazis haben sich ja schon immer mit der Raumfahrt auseinander gesetzt. Da gab es jede Menge Antigravitationsexperimente. Ganz wilde Verschwörungstheorien besagen, dass Hitler Zeitreisen konnte.“

Risse im Asphalt: „Kurze Anekdote dazu: Hier ganz in der Nähe, in Stetten am kalten Markt gabs den ersten bemannten Raumflug, tatsächlich unter dem Hakenkreuz. Das Ganze ging aber gehörig schief, die Leichenteile des Astronauten wurde laut Akten von einem SS-Schäferhund gegessen.“

Timm Völker: „Es ist schon Wahnsinn, was da an obskuren Storys gibt. Okkultismus, Hexenkult. Jedenfalls scheint es mir so, als wenn sich die Rechten nicht nur immer weiter in die Mitte drängen, sondern sich auch heute wieder in solchen Randgebieten einnisten.“

Florian Funke: „Das hat sich wirklich sehr geändert. Früher, in Halle, wo wir aufgewachsen sind, da hats dann halt mal was auf die Fresse gegeben. Da musste man immer schauen, ob ein Auto nicht nochmal umdreht. Aber heute tauchen die Nazis speziell im Osten halt einfach überall auf. Vor allem in den Provinzen. Dort gibt es unglaubliche Brachgebiete. Die beschäftigen sich mit Immobiliengeschäften, Biolandbau und der Vereins- und Jugendarbeit. Das ist viel gefährlich, als die punktuelle, dumpfe Gewalt. Das ist alles viel feiner geworden.“

Timm Völker: „Ich hab das in meinem Blog-Eintrag auch das erste mal so eindeutig angesprochen. Aber das bloße Schwarz-Weiß denken funktioniert nicht mehr. Mir geht es auch nicht darum, den Leuten die sich ohnehin schon mit dem Thema beschäftigt haben, zu erklären, dass Nazis scheiße sind. Mir geht es da viel eher um die Leute die weniger reflektiert sind. Viel zu viele Menschen gleichen ihre Meinung stetig gegenüber anderen ab, unserer ganzen Gesellschaft fehlt es da an Selbstbewusstsein.“

Leif Ziemann: „Damit sind wir wieder bei der Internet-Debatte. Was die Leute da betreiben, ist viel mehr Selbstinszenierung als eine Auseinandersetzung mit sich selbst.“

Timm Völker: „Ich will, dass die Leute „Ich“-Denken.“

Risse im Asphalt: „Letzte Frage: Ihr selbst kommt aus dem Osten, befindet euch grad an einem der südlichsten Zipfel der Republik. Könnt ihr irgendwelche entscheidenden Unterschiede ausmachen?“

Timm Völker: „Klar, hier ist es wärmer. Und bergiger. Und die Leute machen glaub ich öfter einfach das was sie wollen. So war mein Eindruck.“

Leif Ziemann: „Ich finde schon, dass man merkt, dass man in Richtung Äquator reist. Die Leute sind hier gemütlicher, zufriedener. Ganz anders das Ruhrgebiet. Das ist der Osten des Westens.“

Timm Völker: „Bei uns weht der Wind ein Stück eisiger in den Herzen.“

Ende.

206 – Kantine Konstanz – 27.05.2011

Das Konzert funktioniert wie ein Song der Band: Kurz, kompromisslos, unberechenbar. „Wir kommen aus dem Land der Dunkelheit.“ , sagt Timm Völker und verschwindet in wabernden Nebelschwaden. „Kratzer To The Top“ prescht symptomatisch, konzentriert und rhythmisch nach vorne und explodiert dann in einem gnadenlosen Feuerwerk. Völkers Stimme überschlägt sich in schrillen Schreien, Florian Funke malträtiert dazu erbarmungslos sein Schlagzeug und Leif Ziemann reißt sich an den Saiten seines Basses die Fingerkuppen blutig. Der Sound ist dabei wirklich bombastisch. Das Trommelfell vibriert zum Post-Garage-Punk. 206 – Eine Band, wie eine Handgranate. Wie ein fehlgezündeter Feuerwerkskörper im Land der Dunkelheit.


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Up in Smoke – Kantine Konstanz – 07.02.2011

Stonerrock ist die entstellte Frühgeburt Musik, die Anfang der 90er unter der gnadenlosen Sonne Nevadas in den Wüstensand geworfen wurde (geworfen im Sinne von geboren, versteht sich von selbst?). Elemente des Grunge, verschweißt mit Bruchstücken des Blues und Kniefällen vor „Black Sabbath“ oder „Led Zeppelin“ → Eine schweißtreibende, tonnenschwere Spielart des Rock´N´Roll, die in der Folge von Bands wie „Kyuss“ oder später den „Queens Of The Stoneage“ in die Welt getragen wurde.

Holland hat zwar keine Berge und schon gar keine Wüste. Aber eine erstklassige Stonerrock-Kapelle: Sungrazer, „Hollands Finest“, ein Widerspruch in sich – geografisch. Massiger Sound, jaulender Sänger. Ein abgerundeter Arschtritt gleich zu Beginn.

Rotor gehen in die Vollen. Das bläst es einem die Wut aus dem Schädel, ungefähr so wie ein gepflegter Wüstensturm dir die Haut von den Knochen schabt. Hautloses Lauschen, das brennt.Ordentlich.

Colour Haze lassen ein wenig Dampf aus der Kantine. Da wird gejammed und gejammed und geja… und irgendwann ist dein Hirn in so einem merkwürdigen Trott, dass es einfach nur so vor sich hin existiert, während die Musik vor sich hinplätschert.


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