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„Fantastischer Film ist nicht einfach nur Grusel!“

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Am letzten Novemberwochenende findet im Zebrakino Konstanz ein besonderes Filmhighlight statt: Das Filmfestival SHIVERS hat seinen Schwerpunkt im Bereich Horror und Fantasy. Vorab sprach RisseImAsphalt mit Stefan Schimek, seines Zeichens Co-Festivalleiter und Programmhauptverantwortlicher des Festivals, über seine Leidenschaft zum fantastischen Film, das Festivalprogramm und die Organisation. Das nachfolgende Interview erschien bereits gekürzt im Südkurier.

SHIVERS ist ein Festival des Fantastischen Films. Was bedeutet das genau? Was ist die Faszination an Fantasy- und Horrorstoffen auf der Kinoleinwand?

Stefan Schimek: „Fantastischer Film ist nicht einfach nur Grusel: Das Genre-Kino setzt sich nicht selten auf ziemlich clevere, so subversive wie originelle – und gerne auch überspitzte – Art und Weise mit aktuellen Themen auseinander, denkt sie weiter, verzerrt sie und entwirft dabei oft überaus faszinierende Szenarien. Dabei ist dieses Sujet vor allem für Nachwuchsfilmer reizvoll: Man kann sich mit kleinem Budget im Grunde nach Lust und Laune austoben, sich ausprobieren und experimentieren. Viele bekannte Regisseure haben mit Fantasy- und Genrestoffen ihr Handwerk gelernt. Selbst Legenden wie Fritz Lang, Alfred Hitchcock, Steven Spielberg oder Stanley Kubrick haben den einen oder anderen fantastischen Stoff in ihrer Filmographie stehen.

Wie arbeitet das SHIVERS-Team? Wer gehört dazu? Wer übernimmt welche Aufgaben? Was wäre eine griffige Definition der SHIVERS-Idee?

Das SHIVERS-Team besteht aus Zebramitgliedern, die allesamt ehrenamtlich im Verein engagiert und fast ausschließlich Studenten sind. Es gibt für alle Bereiche – Programmation, Design, Sponsoring usw. – Hauptverantwortliche, aber in der Regel wird am Ende alles basisdemokratisch entschieden.

Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, jedes Jahr aufs Neue ein Programm auf die Beine zu stellen, das dem Konstanzer Publikum viele der Highlights und Geheimtipps des jeweiligen Festivaljahres in ihren Originalversionen präsentiert. Sowohl hinsichtlich der Produktionsländer als auch der behandelten Themen – und natürlich der Genres – soll ein möglichst breites Spektrum abgedeckt und somit für jeden Geschmack etwas dabei sein. Ob nun amerikanischer Neo-Western, italienischer Mafiakrimi, laotischer Mystery-Thriller oder iranisch-jordanisch-britischer Geisterfilm: Hier sollten fast alle Filmfans fündig werden.“

Wie stellt ihr das Programm zusammen – ihr habt viele Filme lange Zeit vor Kinostart im Programm. Wo grabt ihr nach Perlen? Ist es schwierig, bestimmte Kracher ins „LineUp“ zu bekommen?

Viele der Filme sichten wir auf größeren Festivals wie z.B. der Berlinale, dem Filmfest München oder in Locarno. Darüber hinaus sichtet das gesamte Team gemeinsam im Zebra, vor allem die Kurzfilme. Letztes Jahr wurden diese noch allesamt bei den diversen Filmemachern und Kurzfilmagenturen angefragt. Für den Kurzfilmwettbewerb im Rahmen des SHIVERS 2016 gab es erstmals Einreichungen, so dass die Zahl der zu sichtenden Kandidaten auf über 200 stieg, von denen am Ende knapp über 20 ausgesucht werden mussten.

Jedes Jahr gibt es Filme, die man sehr gerne zeigen würde, vom deutschen Verleih oder dem Weltvertrieb jedoch keine Freigabe bekommt. Das kann vielerlei Gründe haben. Manchmal scheitert es an zu hohen Preisvorstellungen des jeweiligen Rechteinhabers, manchmal aber auch daran, dass dieser den Film zu einem späteren Zeitpunkt auf einem größeren, prestigeträchtigeren Festival präsentieren möchte. Mit einer guten Portion Verhandlungsgeschick, viel Geduld und etwas Glück hat man aber doch überraschend oft Erfolg.“

Für Leute, die noch nie ein Filmfestival besucht haben: Wie funktioniert das denn eigentlich?

Im Gegensatz zu vielen regulären Kinovorstellungen bieten wir beim SHIVERS wie jedes Jahr ein umfangreiches Rahmenprogramm: Interviews mit Filmemachern, Einführungen zu bestimmten Filmen, ein breites Catering-Angebot und Gewinnspiele zu Beginn vieler Vorführungen. Es wird also eine Menge geboten. Zusätzlich zur Eintrittskarte bekommt man bei den Vorstellungen der aktuellen Filme (Official Selection) außerdem einen Bewertungszettel, in dem man dem jeweiligen Film eine Schulnote geben kann. Am Ende wird dann daraus der Publikumssieger des Festivals ermittelt. Zusätzlich zur Eintrittskarte für einzelne Vorstellungen gibt es – wie bei den meisten Festivals üblich – auch einen SHIVERS-Festivalpass, mit dem man Zugang zu allen 15 Vorführungen hat.“

Zudem gibt es einen Kurzfilmwettbewerb – wer sitzt in der Jury? Was sind die Eigenheiten des fantastischen Kurzfilms? Gibt es da eine erkennbare Entwicklung aufgrund des anhaltenden technischen Fortschritts?

Eine dreiköpfige Jury vergibt auch dieses Jahr wieder den SHIVERS Shorts Award an einen der über 20 Kurzfilme im Wettbewerb. Sebastian Selig frönt freiberuflich seiner großen Leidenschaft, dem Kino, indem er für diverse große deutsche Filmmagazine schreibt und auch öfters für FM4 tätig ist. René Walter betreibt seit vielen Jahren erfolgreich den äußerst beliebten Popkultur-Blog www.nerdcore.de und Dr. Anna Grebe ist neben ihrer Arbeit als Dozentin und Medienschaffende ehrenamtlich u.a. als Prüferin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) tätig.

Durch die rasante Digitalisierung ist es sehr viel einfacher und vor allem günstiger geworden, speziell Kurzfilme zu produzieren, da man nicht mehr zwangsweise auf teures analoges Filmmaterial angewiesen ist. Auch das Einfügen hochwertiger Spezialeffekte ist deutlich erschwinglicher geworden. Dadurch werden Kurzfilme aber kurioserweise tendenziell immer länger.“

Wie steht es deiner Meinung nach um den deutschen Genrefilm – wird viel deutsches Kino beim SHIVERS 2016 zu sehen sein?

Vor allem in diesem Jahr sind sehr viele gelungene deutschsprachige Genre-Produktionen in den Kinos angelaufen. Wir hatten dazu auch eine eigene mehrwöchige Filmreihe, in deren Rahmen wir u.a. Nikias Chryssos‘ DER BUNKER oder Akiz Ikons DER NACHTMAHR gezeigt haben, die beide ganz großartige Beispiele für den aufstrebenden deutschen Genrefilm sind. Es gibt also durchaus einen Aufwärtstrend, und wir sind gespannt, was das nächste Jahr so zu bieten hat.

Aber auch beim SHIVERS 2016 wird es wieder einen deutschsprachigen Beitrag zu sehen geben, und zwar Tobias Nölles beeindruckende, in atmosphärische Bilder getauchte und mit verschrobenem Humor gespickte Charakterstudie ALOYS. Direkt im Anschluss wird der Regisseur via Live-Skype-Schaltung auf der Zebra-Leinwand dem Publikum Rede und Antwort stehen.“

Was sind deine persönlichen Highlights im diesjährigen Programm – welche Filme sollte man auf gar keinen Fall verpassen? Wer ist dein Favorit für den Publikumspreis?

Grundsätzlich sind natürlich alle Filme im Programm toll! Sehr empfehlen kann ich unseren bereits erwähnten deutschsprachigen Spielfilm ALOYS am Freitag, den 25.11., eine erstklassige Mischung aus exzellent gespieltem Drama und eigenwilliger, unaufgeregter Komödie. Aber auch im Nachmittagsprogramm am Wochenende gibt es zwei Geheimtipps: Am Samstag, den 26.11., zeigen wir um 15 Uhr den spannenden italienischen Politkrimi SUBURRA von den Machern der TV-Serie GOMORRHA, die erst kürzlich bei Arte zu sehen war. Am Tag darauf, dem 27.11., beginnen wir den Festivaltag um 14 Uhr mit einer komplett restaurierten Fassung des tschechoslowakischen Historienepos MARKETA LAZAROVÁ (1967) in brillanter Bildqualität. Ein bildgewaltiger, beeindruckender Klassiker des europäischen Kinos, den es in dieser Fassung noch nicht auf deutschen Leinwänden zu sehen gab, und einer meiner persönlichen Favoriten.“

Info:

Das Genrefilm-Festival SHIVERS findet vom 24. bis 28. November im Konstanzer Zebrakino statt und zeigt elf brandaktuelle Highlights und Geheimtipps des Festivaljahres 2016, zwei Kurzfilmblöcke und zwei Filmklassiker. Die Ticketpreise pro Vorstellung liegen bei 7 Euro , respektive 6 Euro (ermäßigt). Der Festivalpass ist für 70 Euro ( 60 Euro ermäßigt) zu haben.

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Jeder regelmäßige Konzertbesucher legt sich früher oder später eine Art Katalog der Banderinnerungen an, in welchem er seine Erfahrungen und Erinnerungen einspeisen kann. Da reihen sich dann all die Enttäuschungen, Gänsehautmomente, Blockbuster und spät erfüllte Live-Wünsche sauber nebeneinander ein. Besonders in die Erinnerung gräbt sich aber eine ganz besondere Art von Konzert: Jene Shows, in die du vielleicht zufällig reinrutscht, von denen du dir so gar nichts erwartest und die dich komplett kalt erwischen und vollständig wegblasen. Wer am vergangenen Donnerstag in den Konstanzer Kulturladen marschierte, hatte die seltene Gelegenheit ein solches Konzertgefühl zu erleben. Der Grund: Mother´s Cake aus Österreich!

Drei Mann: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Das ist die ursprünglichste, die rohste aller Besetzungen. Eigentlich, so meint man, hat man alles gehört, was diese grundlegenden Parameter hergeben. Von wegen! Ab der ersten Sekunde zündet das psychodelische Punkrock-Potpourri der Österreicher und schiebt den Kula druckvoll in Richtung akustische Kernschmelze.

Mother´s Cake sind eine ganz neue Art von Band, ein Trio, dessen Biografie zwei komplett unterschiedlichen Welten entsprungen ist. Auf der einen Seite ist das die ganz klassische Bandevolution. Der Aufstieg von der kleinen, verplanten Rockgruppe, die sich durch die Jugendhäuser des Tiroler Oberlandes spielte und sich später Stück für Stück nach oben hangelte und sich als Vorgruppe von Größen wie Iggy Pop oder Limp Bizkit ihre Sporen verdiente. Auf der anderen Seite aber präsentiert sich Mother´s Cake aber auch als Bandprojekt 2.0, das sich Zeitgeist-typisch in unzähligen Band Contests duellierte, die Tour mit den Prog-Rockern Anathema auf Youtube dokumentierte und ihre Videoprojekt „Off The Beaten Track“ per Crowdfounding finanzieren ließ. Unterm Strich sind Mother´s Cake also eine hybride Band, die sich sowohl in nach schweiß-stinkenden Konzertclubs, als auch im digitalen Anderen bewegt und diese Kontraste zumindest diskursiv in ihrer Musik umsetzt.

Das Feuerwerk, das der Tiroler-Dreier zündet ist eine Art Next Level Crossover: Da zersprengt es schon mal ein erbarmungsloses Stonerrock-Periodensystem in seine einzelnen Bausteine, ehe das soeben angerichtete Chaos konzentriert von einem Red Hot Chili Peppersesken  Bassbeat zusammen gefrickelt wird, nur um dann – jetzt kommt’s – den scheinbar sicheren Bauplan in einer elektronisch abgespacten Goaekstase aufzudröseln. Und scheinbar sind sich Mother´s Cake gar nicht so richtig bewusst, was sie da gerade mit den guten alten Konventionen des Rock’N’Roll anstellen (nämlich durch den auf den Kopf gestellten Fleischwolf drehen). Seelenruhig spielen sie ihren vor Sprengkraft nur so strotzenden Stiefel herunter.

 

Sänger Yves Krismer richtet ab und an einen trockenen Einzeiler in Richtung vor sich hin schwitzendes Publikum. „Wir sind Mothers Cake – aus Hannover!“ „Unser nächster Song heißt Atemlos!“ „Hat mal einer einen Bieröffner da.“ Dann geht´s weiter. Mit Volldampf. Und vielleicht muss ein Rockband im Jahre 2015 genau so klingen: Unberechenbar, unverortbar, anstrengend, hyperaktiv, vor wilden Zitaten und Verweisen und hypnotischer Sogkraft nur so überbordend, ständig mit dem finalen Kollaps kokettierend. Und natürlich springt bei diesem rasenden Ritt auf Riffrasierklinge die eine oder andere Komposition über die Klippe. Aber das Scheitern ist dem Rock’n’Roll seit jeher immanent und so ist dieser bewusste Blick in den eigenen Abgrund am Ende nur konsequent. Zudem muss definitiv Bassist Benedikt Trenkwalder hervorgehoben werden. Im Normalfall fristen Bassisten ein Schattendasein am Rande der Bühne, aber Trenkwalder ist der heimliche Frontmann der Band, der nicht nur immer wieder den Rhythmus wechselt, sondern klassische Techniken ad absurdum führt und den Bass vor allem im ausufernden Finale ins Zentrum des Klanggebilde verschiebt. Der dabei entstehende Sound gleicht einer scheppernden Achterbahnfahrt, voller Schikanen, Steilfahrten und Loopings. Mother´s Cake – Merkt euch diesen Namen!

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Friska Viljor – Kulturladen Konstanz – 04.11.2013

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Ganz am Ende stürzt sich ein bärtiger verschwitzter schwedischer Mann in das Meer von Musikfans vor ihm, spielt auf seiner leicht verstimmten Ukulele eine aufs nötigste reduzierte Komposition und brüllt dazu in schiefsten Tönen den Refrain seines größten Hits „Shotgun Sister“. Sein Publikum, triefend nass, schmiegt sich förmlich an den behaarten Barden und schreit es ihm nach im Chor: „Lalala“! Dieses prächtige Finale zeigt das was die schwedische Formation Friska Viljor seit jeher auszeichnete: Herzblut und ein so dermaßen charmanter Dilettantismus.

IMG_5563Die Geschichte von der Bandgründung Friska Viljors wurde so oft erzählt, dass selbst die Story, wie oft diese Geschichte doch erzählt wurde, ein alter Hut ist. Deshalb die Kurzversion: Vor einigen Jahren ziehen die beiden Kumpel Daniel Johansson und Joakim Sveningsson jeweils mit frisch gebrochenen Herz frustsaufend durch Stockholm. Irgendwann folgt die Schnapsidee: Lass uns den Liebeskummer in Musik verarbeiten. Problem nur: Die Beiden sind alles andere als Musikvirtuosen. Egal – unter dem Namen Friska Viljor begibt man sich in Studio und Proberaum und spielt sich den verklebten Frust von der Seele. Einige Monate später zieht das Duo ganz im Stile der Beatles musizierend über die Reeperbahn und plötzlich reift Friska Viljor zum Indie-Phänomen.

IMG_5574Zu diesem Zeitpunkt bin ich, damals ein frischgebackener Indie-Hipster (den Begriff hätte damals wohl keine begriffen), über Friska Viljor gestolpert und war absolut hin und weg. Das Projekt hatte die Antriebskraft von Punk, die Verspieltheit von Indie und einen dermaßen immensen Grad der Poppigkeit, der tatsächlich Beatles-Assoziationen hervorrief. Kurzum: Eine innovative, versoffene, wunderbar dilettante, Ohrwurm-züchtende Pop-Kreation. Das Debüt „Bravo“ ist dementsprechend wohl bis heute eins meiner meist gehörten Alben, „Tour De Hearts“ rotierte ebenfalls regelmäßig – doch dann begann ein schleichender Entfernungsprozess. Die Folgealben klangen von mal zu mal glatter und die Band verlor (für mich persönlich) ihre Faszination, ohne etwas dafür zu können. Den Friska Viljor verfielen keinesfalls den Reizen des Mainstreams. Sie wurden einfach bessere Musiker. Ein Paradox.

IMG_5571Heute ist Friska Viljor eine echte Band mit echten Musikern. Das hört man im bist zum letzten Platz ausverkauften Kulturladen vor allem in der Anfangsphase. Die Songs vom neuen Album „Remember Our Name“ klingen im Vergleich zum Frühwerk auch livegeradezu glatt poliert – es fehlt an Ecken und Kanten, Überraschungsmomenten, Irrsinn – kurzum am eingangs beschworenen Charme. Erst im Verlauf des Konzertes bröckelt diese Perfektion, Friska Viljor spielen sich regelrecht frei und zeigen dann in der zweiten Hälfte ihrer Show, welche fantastische Liveband sie doch sind. Da tönen leise Elektroarrangements, da jault eine Trompete, hier tönt ein Glockenspiel – und alles zusammen schweißt sich immer und immer wieder zu mitreißenden Pophymnen zusammen. Highlight (und Kombination aus alter Rohheit und neu entdeckter Technik) ist die epische Version von „Useless“, die Daniel und Joakim im Duo akustisch sezieren, welche sich dann unter ansteigender Bandbeteiligung zum orchestralen Popsong aufschwingt und in den letzten Takten einem zerbrechlichen Trompetensolo zerfließt. Sollte es Friska Viljor in Zukunft gelingen, ihre neu gewonnenen musikalischen Skillz mit ihrer alten Verplantheit und Verspieltheit kombinieren können, hat diese Band noch einiges im Tank. Whatch Out!

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Herr Sorge – Theater Konstanz

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Mitten im Konzert von „Dunkelkammermusik“ versteht man als Zuhörer die Welt nicht mehr:Da steht links ein Riesenflügel auf der Bühne, an dem sich der hochdekorierte Jazzpianist Florian Weber virtuos abarbeitet. Da steht rechts ein futuristischer Instrumentenpanzer, aus dessen Inneren Produzentenlegende Jan van de Toorn im Robotoraufzug abgefahrene Elektrosounds abfeuert. Da steht zentral Herr Sorge, besser bekannt als Samy Deluxe, und singt in sich durch Popsong-Fragmente mit depressiv politischen Texten. Und das alles im altehrwürdigen Konstanzer Theater. Eigentlich passt das hinten und vorne nicht zusammen – wie in einem abgefahrenen Traumgebilde, in dem sich verschiedene, kontrastive Realitätsfetzen plötzlich homogenisieren.

Wer oder was ist Herr Sorge? Der HipHop-Kosmos reagierte irritiert als die ersten Gerüchte um ein neues Samy Deluxe Projekt aufkeimten. Der Hamburger HipHop-Urvater setzte konsequent neue Spuren, die aber allesamt im Nichts verliefen. Immerhin offenbarte sich nach ersten Interviews der Genpool des Projekts: Herr Sorge trägt ein abgeranztes, schäbiges Outfit und sieht die Welt mit anderen Augen: Als dunklen, kapitalistischen, korrupten, hoffnungslosen Moloch, den es radikal zu kritisieren gilt. Das Album „Verschwörungstheorien mit schönen Melodien“ setzte dem ganzen Wirrwarr die finale Krone auf: Die Scheibe präsentierte sich sowohl soundtechnisch, als auch thematisch absolut überfrachtet. Herr Sorge entrollte sich einen Dschungel von Effekten, Autotune, Beats und Sounds. Kurzum: Das Album war für jeden, der ein normales Pop-Hörerlebnis erwartete de facto nicht konsumierbar. Die Samy Deluxe Fans reagierte brüskiert, panisch, beleidigend. Ob das von Herr Sorge so geplant war, ist bis heute nicht geklärt.

Für das Live-Produkt hat sich Herr Sorge nun eine komplexe künstlerische Basis geschaffen: Im eingangs beschriebenen Kontrastfeld entwickelt sich live ein ganz ungewöhnlicher, experimenteller Sound, der aber im Gegensatz zum Album wirklich funktionieren will. Van de Toorn lässt es zwitschern, wummern und ziepen, während Herr Sorge (der ganz offensichtlich an seiner gesanglichen Präsenz gearbeitet hat) mit der ihm angeborenen Lockerheit und fast bluesartigen Coolness seine Strophen reproduziert. Der musikalische Kit ist aber Weber, der mit seinem schieren Talent, die anderen Bausteine zusammenflickt und noch Raum für jazzige Improvisation findet.

Natürlich wirft eine derart radikale Metamorphose der musikalischen Identität die Frage auf, ob es nicht vollkommen legitim ist, dass ein Künstler sich verschiedene Alter-Egos, Versionen und Rollen zulegt. Im Hiphop-Kontext funktionierte das nicht: Die Szene konnte Herr Sorge nicht von Samy Deluxe loslösen – das durchaus zahlreich erschienene Publikum in Konstanz schafft diesen Schritt und bietet dem Projekt damit einen kreativen Nährboden für die vollzogene Rekontextualisierung. Und „Dunkelkammermusik“, wie sich das Gesamtprojekt nennt, nutzen diesen Freiraum mit einer überschäumenden Lust am Grenzen aushebeln: Während eines Gedichts klettert Weber in seine Flügel und macht in den Innereien ganz neue Tonabnehmer aus. An einer anderen Stelle setzen die drei Protagonisten ihre Iphones als unberechenbares Instrument ein. Dann übersetzt Keller alte Samy Deluxe-Parts und Wortfetzen in eine jazzige Komposition. Und weil am Ende Herr Sorge noch Samy Deluxe´ legendären Hit „Weck mich auf“ „covert“, schließt sich dann doch noch der Kreis aus Jazz, HipHop, Elektro, Experiment, Politik, Theater und Wahnsinn zu einem runden, merkwürdigen Gesamtkonstrukt.

 

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Theater Konstanz – „Werther“

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Werther ist glücklich. Und das passt ihm ganz und gar nicht. Denn die eigene Zufriedenheit steht seiner Kunst, seinem Schaffen im Wege. Händeringend sucht der junge Mann nach Themen, Sätzen, Wörtern, die aufwühlen und umwälzen. Die bewegen. Doch seine literarischen Versuche bleiben bloße Beschreibungen von Blüten und Sommertagen. Kitsch. Belanglos. Und man hat gleich zu Beginn das Gefühl, Werther warte nur auf den Einschlag, der seine Welt zerschmettert und den eigenen Schaffensprozess ins Rollen bringt.

Und ich fühle mich unweigerlich an Conort Oberst erinnert, den Folkpoeten, den, wen man so will, Werther der Popkultur, der seinen Herzschmerz so bedingslos auf Platten presste. Heute fordern die Anhänger, enttäuscht von Oberst´ neueren, seichteren Kompositionen, man solle dem Singer-Songwriter endlich mal wieder das Herz brechen. Doch Depression, das muss Werther mit allem Nachdruck erfahren, offenbart nur selten schöpferische Energie. Als Lotte, die Traumfrau, mit kosmischer Wucht Werthers Sonnensystem in Stücke reißt, bleibt für den Träumer nichts als Schmerz. Erdrückender, alles einnehmender Schmerz, in dessen Umlaufbahn Zeit zur Folter wird.

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Entsprechend taktet die aktuelle Werther-Inszenierung des Theater Konstanz die 120 Minuten Stück im Rhythmus eines Jahres. 1. Mai. 2. Mai. 3. Mai. Die Daten sind der Beat, der Herzschlag des Stücks und der wird im Verlauf immer lauter, nervtötender, bis er zu einem Wummern wird, dem man sich nicht mehr entziehen kann. 29. August. 30. August. 31. August. 32. August. 33. August. Darüber hinaus setzt die Dietrich Trapps Inszenierung auf Reduktion. Es gibt keine Effekthascherei, keine übertriebene Dekoration oder Modernisierung. Nur Text. Und Mensch. Und einen unförmigen Tisch im Zentrum der Werkstatt, der sich einer gespiegelten, ebenso unförmigen Leinwand wiederfindet. Links steht ein Mikrofon und rechts eine Kamera, die verschiedene Versatzstücke auf die Leinwand wirft. Zunächst eine Reclam-Ausgabe des verhandelten Textes. Dann Blüten. Dann die immer wiederkehrende Referenz und Erinnerung an Lotte, eine Styropor-Schaufenster-Puppen-Büste, deren schwarze, ausdruckslose Augen Werther solange anstarren, bis er selbst ins Zentrum des Bildes rückt. Und dann steht er auf der Leinwand, wieder und wieder reproduziert. Hundertfach Werther, der immer weiter verschwimmt, bis er für das menschliche Auge nicht mehr wahrzunehmen ist.

theater, werther, konstanz, werkstatt, theater konstanz, 2013 (1)Dabei blicken wir auf Axel Julius Fündeling, den Alleinunterhalter des Werther-Leierkastens, der zu Beginn nochso adrett gekleidet war, so ehrlich strahlte, fast selbstverliebt agierte. Doch diesen Menschen gibt es nicht mehr. Fündelings Werther zersetzt sich innerhalb des Stückes zum Wrack. Er schwitzt, die Haare kleben in alle Richtungen und sein Blick ist leer. Leer. Leerer. Als Werther seinen letzten Brief an Lotte schreibt, läuft er förmlich aus. Seelisch, klar, aber vor allem körperlich. Fassbar. Der Schweißt läuft in dicken Tropfen aufs Papier und vermischt dort mit der frisch auftragenen Tinte – wird Symbol, Allegorie. Text und Körper verschwimmen und stehen dabei stellvertretend für die anderen Flüssigkeiten des menschlichen Körpers: Blut, Tränen, Kotze.

theater, werther, konstanz, werkstatt, theater konstanz, 2013 (3)Zunächst gefällt sich Werther in der Rolle des Leidenden. Dann aber verliert er zunehmend die Kontrolle. 34. August. 35. August. 36. August. Dabei verfremdet Fündeling seinen Werther in einigen wenigen Momenten. Etwa wen er die Souffleuse anbrüllt, ins Publikum schreit oder unbeholfen mit einer Zuschauerin flirtet. In diesen Sekunden verschmelzen Zuschauer- und Theaterraum und man erkennt, wie weit Werthers Zersetzung bereits fortgeschritten ist. Der eben noch sympathische, wenn auch arrogante junge Mann ist jetzt ein Gift und Galle spuckender Choleriker und doch, angesichts seines gebrochenen Herzens, unfähig zu jeder Form von Konversation. Außer Stande, Glück zu empfinden. Die Radikalität mit der Fündeling den Zerfall des Werthers mit reduzierten Mitteln darstellt schmerzt selbst im Publikum. Die Performance springt einen regelrecht an und die förmlich fassbare Depression der Figur legt sich wie eine Taucherglocke über den gesamten Theaterraum. Wenn sich ein Basketballer in Amerika einem Ball hinterher schmeißt oder sich ohne Rücksicht auf Verluste ins Publikum stürzt, schreien die Moderatoren meist verzückt auf: „He sacrifies his body!“ Ähnlich kompromisslos geht Fündeling vor. Ein einfaches Konsumverhalten ist für den Zuschauer kaum mehr möglich – zu nah und greifbar ist der Schmerz.

Und natürlich könnte man sich fragen, warum 2013 immer noch diesen alten Schinken durchkauen muss, wenn man sich dem Drama der Jugend annähert. Denn natürlich folgten tausende Werther. Und natürlich folgten unzählige Dramen. Und natürlich gibt es tausende Texte der gleichen Thematik. Doch die schiere Hitze, die Trapp und Fündeling produzieren, führt uns einmal mehr vor Augen, das dieser Text eben doch nichts von seiner Durchschlagskraft verloren hat. Depression. Druck. Burn-Out. Zerrissene Herzen. Gesprengte Erwartungen. Werther ist gleichermaßen Symbol des Sturm und Drang, tragisches Spiegelbild der Moderne, verleugneter Akteur des Punk, wie auch die Schablone eines Opferlamms unserer digitalen, post-postmodernen Gesellschaft. Geschlachtet und zerrissen.  

Weitere Termine für „Werther“ am Theater Konstanz findet ihr hier: http://www.theaterkonstanz.de/tkn/veranstaltung/04975/index.html?events=all

Anschauen!  Karten gibt unter 07531/ 900 150 oder per Mail: theaterkasse@stadt.konstanz.de

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Steaming Satellites – Kulturladen Konstanz – 14.03.2012

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Das Konzert beginnt ohne Musik, ohne erkennbare Songstruktur: Da sind nur Fragmente, ein tiefes, einnehmendes elektrisches Rauschen, das sich hypnotisch zu einem Wirbelsturm der Effekte auftürmt, ehe durch kaum wahrnehmbaren Schlagzeugeinsatz erste Spuren von gängigen Hörmomenten erkennbar werden. Erst dann weht diese wabernde, tiefschwarze Stimme in den Kulturladen, erst dann schwappt der wummernde Puls des Basses dazu, erst dann kriecht die erste Blueskomposition aus den elektrischen Blitzen. Steaming Satellites!

Doch zunächst zur Vorband, denn die hat es in sich: Hustle & Drone sind das neue Bandprojekt des ehemaligen Portugal. The Man Musikers Ryan Neighbors und überraschen bereits in Sachen Bühnenaufbau. Gleich drei Synthesizer prangen zentral auf der Bühne und werden soundtechnisch nur von einer Gitarre und gelegentlichen Tamburin-Geschepper ergänzt. Im dabei entstehenden, brachial basslastigen Sound offenbart sich schnell die Wahlverandtschaft zu Formationen wie Future Islands, aber auch zu Veteranen wie Depeche Mode. Nur die gelegentlichen Kopf-Stimmen-Ausflüge sind wenig to-much. Aber zurück zum Hauptact:

sänger max borchardt (2)_3283x2462Die Liveversion von „Witches“ sticht zunächst heraus: Die erste Schicht ist ein rhythmisches Klatschen, dass schon bald von Elektroeffekten überstrichen und durch Max Borchardts formidable Stimme um eine gehörige Portion 70-Jahre Sehnsüchte erweitert wird. Im Refrain tönt dann alles mit- und gegeneinander an, während kleine Diskostrahler die Bühne von unten herauf in ein abgespacetes Lasernetz verwandeln. Popmusik von solcher Bandbreite wird für gewöhnlich in kreativen Melting Pots wie New York oder Berlin gebraut. Doch was den musikalischen Stammbaum angeht sind die Steaming Satellites ein echter Exot: Denn das Quartett stammt aus Österreich, genauer gesagt aus Salzburg und enterten die Independentszene ohne Zwischenschritt mit einem Paukenschlag. Ihr Debüt „The Mustache Mozart Affaire“ war eine Offenbarung von immenser Bandbreite und einer fast erdrückenden Dichte an Überraschungseffekten, sodass die Reflektion über den ausgereiften Erstling schon bald ein ganz neues Gene heraufbeschwor: Spacerock. Das klingt tonnenschwer und abgehoben und doch erspielten sich die Österreicher schon bald den Ruf einer formidablen Liveband irgendwo im Niemandsland zwischen Pink Floyd, Oasis und Kraftwerk. Spacerock eben. Vor einem Monat legten die Steaming Satellites ihre zweite Scheibe „Slipstream“ nach und präsentierten weitere Nuancen in ihrem ohnehin schon überquellenden Spektrenuniversum. Die Szene ist nach wie vor ein wenig sprachlos.

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Immer wieder schälen sich live die einzelnen Versatzstücke aus dem bis dato leeren Musikraum und fügen sich trotz unterschiedlicher Ansätze wie Puzzlestücke millimetergenau ineinander. Drummer Matl Weber könnte einer Punktruppe entstammen, sein Spiel ist wild und fundamental, während Keyboarder Emanuel Krimplstätter eher mit dem Habitus eines Krautrockers aufwartet und scheinbar eins mit seinen Gerätschaften wird. Dazu spielen sich Borchardt an der Gitarre und Bassist Manfred Mader über ihre Saiten beinahe bluesartig die Bälle zu und erweitern dabei die Impulse des Gegenübers oder lassen diese brutal entgleisen. Entsprechend breit gespannt ist der Rahmen für Improvisation und Jam, der sich in diesem Zwittergebilde aus dreckigen 70er-Rock, arroganter 80er-Disko und gegenwärtigen Indie zeigt. Und doch scheint ein Funken zur finalen Zündung zu fehlen, das Konzert wirkt mitunter ein wenig unterkühlt.

Am Ende des regulären Sets spielen die Steaming Satellites das aberwitzige „How Dare You“, bei dem Max Borchardts Organ vollends im Mittelpunkt steht und das Publikum regelrecht in sich hineinsaugt, ehe während der Zugabe Hustle & Drone die Band zu einer siebenköpfigen Jam-Hydra anschwellen lassen. Und dann, ganz zum Schluss, wird der Stecker gezogen und die Beatmaschine gegen ein Akkordeon getauscht. Die Salzburger Spacerocker beenden ihr Konzert mit herzzerreißenden Folknummer. Was für ein radikaler, finaler Bruch. Was für ein Moment. Das ist sie, die finale Satelliten-Zündung.

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Vierkanttretlager – Kulturladen Konstanz

Was ist das für eine Band? Nach einem einführenden, marternden Gedicht entert das Quartett die Bühne des Konstanzer Kulturladen: Frontmann Max Leßmann verzieht sein ansonsten verbissenes Gesicht in den Verschnaufpausen zu einem Lausbubenlachen und diktiert dann im Stile eines Theaterbösewichts überlegte, punktgenaue Ansagen. Christian Topf arbeitet sich ohne Erbarmen und ohne einmal aufzublicken an seiner Gitarre ab, während Bassist Momme Friedrichsen wie ein Raubtier über die Bühne rauscht und Schlagzeuger Leif Boe in Gedanken vor sich schlägt. Dabei entsteht ein packender Strudel der Musik und Stile: Punkrock, Hamburger Schule, Indie – wild und durchdacht, pubertär und intellektuell. Das bemerkenswerte: Vierkanttretlager sind blutjung, fast noch eine Schülerband und doch beängstigend ausgereift.

Doch was ist das überhaupt für ein Bandname? Vier-kant-tret-lager! Unausprechbar, unschreibar und unlesbar. Erst die Anekdote bringt Licht ins Dunkel: Sänger Max, damals 13, telefonierte einst solange mit seinem damaligen Schwarm, bis ihm seine Herzdame aus Langeweile die Verpackungsbeilage ihres Einrads rezitiert. Das Gefährt hatte ein „Vierkanttretlager“ und für Max klang das, durch den Schleier seiner pubertären Verliebtheit, wie das schönste Wort auf Erden. Vor diesem wunderbaren Hintergrund macht der Name plötzlich Sinn und selbst das leidige Doppel-T wird zur Referenz. Denn jeder der das formidable Vierkanttretlager-Debüt „Die Natur greift ein“ hört, stolpert über kurz oder lang über ein weiteres Doppel-T: Turbostaat und Tocotronic! Mit der erstgenannten Band teilt die Nachwuchstruppe zum einen die Herkunft (beide Bands stammen ausl Husum) und zum anderen die Wut und die Art und Weise ebendiese musikalisch zu kanalisieren. Tocotronic indes schwebt seit dem Moment, als Vierkanttretlager erstmals auf dem Radar der deutschen Musikszene aufblinkten, wie eine Damoklesschwert über dem Projekt. Denn einerseits ist es für jede neue Band eine Ehre mit den Vordenkern des deutschen Indies verglichen zu werden, andererseits schreckt deren Überintellektualität auch ab. Oder wie Gitarrist Christian es einst ausdrückte: „Ich kann mich mit denen nicht identifizieren, wenn ich sehe, dass die auf der Bühne rosa Hemden tragen.“ Wie dem auch sei: Erweitert man die genannte Liste um Casper, auf dessen Tour der Husumer Vierer als Vorband spielte und Element Of Crime hat man den Rahmen, in dem sich Vierkanttretlager bewegen, wohl punktgenau abgesteckt.


Der Kulturladen ist bei weitem nicht ausverkauft, das verwundert, zumal die Band beim BUVISCO einiges Aufsehen erregte und zuletzt nachhaltig diskutiert wurde. Macht aber nichts: Live klingt die Band noch ein wenig getriebener und unfassbarer als auf Platte: Vierkanttretlager strotzen vor Energie und tragen das offen zur Schau (wäre auch schlimm, wenn nicht). Teilweise wirkt das ein wenig zu gewollt-ungewollt – aber das verzeiht man. Einen eindeutige Ausschlag auf dem Barometer ist in der Mitte des Konzerts vermerken: Da spielt Vierkanttretlager ihren sehnsüchtigen, Akkordeon untermalten und Seeluft geschwängerten Hit „Fotoalbum“, gefolgt vom wunderschönen EOC-Cover „Am Ende denk ich immer nur an dich“, in das die Band fast spielerisch frisches Blut pumpen. Am Ende stehen sie da, Arm in Arm und singen zusammen im Seeräuberstyle. Und so bleibt die finale Erkenntnis: Der deutsche Indie hat definitiv einen neuen, aufregenden Blutspender! Endlich.

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