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„Fantastischer Film ist nicht einfach nur Grusel!“

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Am letzten Novemberwochenende findet im Zebrakino Konstanz ein besonderes Filmhighlight statt: Das Filmfestival SHIVERS hat seinen Schwerpunkt im Bereich Horror und Fantasy. Vorab sprach RisseImAsphalt mit Stefan Schimek, seines Zeichens Co-Festivalleiter und Programmhauptverantwortlicher des Festivals, über seine Leidenschaft zum fantastischen Film, das Festivalprogramm und die Organisation. Das nachfolgende Interview erschien bereits gekürzt im Südkurier.

SHIVERS ist ein Festival des Fantastischen Films. Was bedeutet das genau? Was ist die Faszination an Fantasy- und Horrorstoffen auf der Kinoleinwand?

Stefan Schimek: „Fantastischer Film ist nicht einfach nur Grusel: Das Genre-Kino setzt sich nicht selten auf ziemlich clevere, so subversive wie originelle – und gerne auch überspitzte – Art und Weise mit aktuellen Themen auseinander, denkt sie weiter, verzerrt sie und entwirft dabei oft überaus faszinierende Szenarien. Dabei ist dieses Sujet vor allem für Nachwuchsfilmer reizvoll: Man kann sich mit kleinem Budget im Grunde nach Lust und Laune austoben, sich ausprobieren und experimentieren. Viele bekannte Regisseure haben mit Fantasy- und Genrestoffen ihr Handwerk gelernt. Selbst Legenden wie Fritz Lang, Alfred Hitchcock, Steven Spielberg oder Stanley Kubrick haben den einen oder anderen fantastischen Stoff in ihrer Filmographie stehen.

Wie arbeitet das SHIVERS-Team? Wer gehört dazu? Wer übernimmt welche Aufgaben? Was wäre eine griffige Definition der SHIVERS-Idee?

Das SHIVERS-Team besteht aus Zebramitgliedern, die allesamt ehrenamtlich im Verein engagiert und fast ausschließlich Studenten sind. Es gibt für alle Bereiche – Programmation, Design, Sponsoring usw. – Hauptverantwortliche, aber in der Regel wird am Ende alles basisdemokratisch entschieden.

Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, jedes Jahr aufs Neue ein Programm auf die Beine zu stellen, das dem Konstanzer Publikum viele der Highlights und Geheimtipps des jeweiligen Festivaljahres in ihren Originalversionen präsentiert. Sowohl hinsichtlich der Produktionsländer als auch der behandelten Themen – und natürlich der Genres – soll ein möglichst breites Spektrum abgedeckt und somit für jeden Geschmack etwas dabei sein. Ob nun amerikanischer Neo-Western, italienischer Mafiakrimi, laotischer Mystery-Thriller oder iranisch-jordanisch-britischer Geisterfilm: Hier sollten fast alle Filmfans fündig werden.“

Wie stellt ihr das Programm zusammen – ihr habt viele Filme lange Zeit vor Kinostart im Programm. Wo grabt ihr nach Perlen? Ist es schwierig, bestimmte Kracher ins „LineUp“ zu bekommen?

Viele der Filme sichten wir auf größeren Festivals wie z.B. der Berlinale, dem Filmfest München oder in Locarno. Darüber hinaus sichtet das gesamte Team gemeinsam im Zebra, vor allem die Kurzfilme. Letztes Jahr wurden diese noch allesamt bei den diversen Filmemachern und Kurzfilmagenturen angefragt. Für den Kurzfilmwettbewerb im Rahmen des SHIVERS 2016 gab es erstmals Einreichungen, so dass die Zahl der zu sichtenden Kandidaten auf über 200 stieg, von denen am Ende knapp über 20 ausgesucht werden mussten.

Jedes Jahr gibt es Filme, die man sehr gerne zeigen würde, vom deutschen Verleih oder dem Weltvertrieb jedoch keine Freigabe bekommt. Das kann vielerlei Gründe haben. Manchmal scheitert es an zu hohen Preisvorstellungen des jeweiligen Rechteinhabers, manchmal aber auch daran, dass dieser den Film zu einem späteren Zeitpunkt auf einem größeren, prestigeträchtigeren Festival präsentieren möchte. Mit einer guten Portion Verhandlungsgeschick, viel Geduld und etwas Glück hat man aber doch überraschend oft Erfolg.“

Für Leute, die noch nie ein Filmfestival besucht haben: Wie funktioniert das denn eigentlich?

Im Gegensatz zu vielen regulären Kinovorstellungen bieten wir beim SHIVERS wie jedes Jahr ein umfangreiches Rahmenprogramm: Interviews mit Filmemachern, Einführungen zu bestimmten Filmen, ein breites Catering-Angebot und Gewinnspiele zu Beginn vieler Vorführungen. Es wird also eine Menge geboten. Zusätzlich zur Eintrittskarte bekommt man bei den Vorstellungen der aktuellen Filme (Official Selection) außerdem einen Bewertungszettel, in dem man dem jeweiligen Film eine Schulnote geben kann. Am Ende wird dann daraus der Publikumssieger des Festivals ermittelt. Zusätzlich zur Eintrittskarte für einzelne Vorstellungen gibt es – wie bei den meisten Festivals üblich – auch einen SHIVERS-Festivalpass, mit dem man Zugang zu allen 15 Vorführungen hat.“

Zudem gibt es einen Kurzfilmwettbewerb – wer sitzt in der Jury? Was sind die Eigenheiten des fantastischen Kurzfilms? Gibt es da eine erkennbare Entwicklung aufgrund des anhaltenden technischen Fortschritts?

Eine dreiköpfige Jury vergibt auch dieses Jahr wieder den SHIVERS Shorts Award an einen der über 20 Kurzfilme im Wettbewerb. Sebastian Selig frönt freiberuflich seiner großen Leidenschaft, dem Kino, indem er für diverse große deutsche Filmmagazine schreibt und auch öfters für FM4 tätig ist. René Walter betreibt seit vielen Jahren erfolgreich den äußerst beliebten Popkultur-Blog www.nerdcore.de und Dr. Anna Grebe ist neben ihrer Arbeit als Dozentin und Medienschaffende ehrenamtlich u.a. als Prüferin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) tätig.

Durch die rasante Digitalisierung ist es sehr viel einfacher und vor allem günstiger geworden, speziell Kurzfilme zu produzieren, da man nicht mehr zwangsweise auf teures analoges Filmmaterial angewiesen ist. Auch das Einfügen hochwertiger Spezialeffekte ist deutlich erschwinglicher geworden. Dadurch werden Kurzfilme aber kurioserweise tendenziell immer länger.“

Wie steht es deiner Meinung nach um den deutschen Genrefilm – wird viel deutsches Kino beim SHIVERS 2016 zu sehen sein?

Vor allem in diesem Jahr sind sehr viele gelungene deutschsprachige Genre-Produktionen in den Kinos angelaufen. Wir hatten dazu auch eine eigene mehrwöchige Filmreihe, in deren Rahmen wir u.a. Nikias Chryssos‘ DER BUNKER oder Akiz Ikons DER NACHTMAHR gezeigt haben, die beide ganz großartige Beispiele für den aufstrebenden deutschen Genrefilm sind. Es gibt also durchaus einen Aufwärtstrend, und wir sind gespannt, was das nächste Jahr so zu bieten hat.

Aber auch beim SHIVERS 2016 wird es wieder einen deutschsprachigen Beitrag zu sehen geben, und zwar Tobias Nölles beeindruckende, in atmosphärische Bilder getauchte und mit verschrobenem Humor gespickte Charakterstudie ALOYS. Direkt im Anschluss wird der Regisseur via Live-Skype-Schaltung auf der Zebra-Leinwand dem Publikum Rede und Antwort stehen.“

Was sind deine persönlichen Highlights im diesjährigen Programm – welche Filme sollte man auf gar keinen Fall verpassen? Wer ist dein Favorit für den Publikumspreis?

Grundsätzlich sind natürlich alle Filme im Programm toll! Sehr empfehlen kann ich unseren bereits erwähnten deutschsprachigen Spielfilm ALOYS am Freitag, den 25.11., eine erstklassige Mischung aus exzellent gespieltem Drama und eigenwilliger, unaufgeregter Komödie. Aber auch im Nachmittagsprogramm am Wochenende gibt es zwei Geheimtipps: Am Samstag, den 26.11., zeigen wir um 15 Uhr den spannenden italienischen Politkrimi SUBURRA von den Machern der TV-Serie GOMORRHA, die erst kürzlich bei Arte zu sehen war. Am Tag darauf, dem 27.11., beginnen wir den Festivaltag um 14 Uhr mit einer komplett restaurierten Fassung des tschechoslowakischen Historienepos MARKETA LAZAROVÁ (1967) in brillanter Bildqualität. Ein bildgewaltiger, beeindruckender Klassiker des europäischen Kinos, den es in dieser Fassung noch nicht auf deutschen Leinwänden zu sehen gab, und einer meiner persönlichen Favoriten.“

Info:

Das Genrefilm-Festival SHIVERS findet vom 24. bis 28. November im Konstanzer Zebrakino statt und zeigt elf brandaktuelle Highlights und Geheimtipps des Festivaljahres 2016, zwei Kurzfilmblöcke und zwei Filmklassiker. Die Ticketpreise pro Vorstellung liegen bei 7 Euro , respektive 6 Euro (ermäßigt). Der Festivalpass ist für 70 Euro ( 60 Euro ermäßigt) zu haben.

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Jeder regelmäßige Konzertbesucher legt sich früher oder später eine Art Katalog der Banderinnerungen an, in welchem er seine Erfahrungen und Erinnerungen einspeisen kann. Da reihen sich dann all die Enttäuschungen, Gänsehautmomente, Blockbuster und spät erfüllte Live-Wünsche sauber nebeneinander ein. Besonders in die Erinnerung gräbt sich aber eine ganz besondere Art von Konzert: Jene Shows, in die du vielleicht zufällig reinrutscht, von denen du dir so gar nichts erwartest und die dich komplett kalt erwischen und vollständig wegblasen. Wer am vergangenen Donnerstag in den Konstanzer Kulturladen marschierte, hatte die seltene Gelegenheit ein solches Konzertgefühl zu erleben. Der Grund: Mother´s Cake aus Österreich!

Drei Mann: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Das ist die ursprünglichste, die rohste aller Besetzungen. Eigentlich, so meint man, hat man alles gehört, was diese grundlegenden Parameter hergeben. Von wegen! Ab der ersten Sekunde zündet das psychodelische Punkrock-Potpourri der Österreicher und schiebt den Kula druckvoll in Richtung akustische Kernschmelze.

Mother´s Cake sind eine ganz neue Art von Band, ein Trio, dessen Biografie zwei komplett unterschiedlichen Welten entsprungen ist. Auf der einen Seite ist das die ganz klassische Bandevolution. Der Aufstieg von der kleinen, verplanten Rockgruppe, die sich durch die Jugendhäuser des Tiroler Oberlandes spielte und sich später Stück für Stück nach oben hangelte und sich als Vorgruppe von Größen wie Iggy Pop oder Limp Bizkit ihre Sporen verdiente. Auf der anderen Seite aber präsentiert sich Mother´s Cake aber auch als Bandprojekt 2.0, das sich Zeitgeist-typisch in unzähligen Band Contests duellierte, die Tour mit den Prog-Rockern Anathema auf Youtube dokumentierte und ihre Videoprojekt „Off The Beaten Track“ per Crowdfounding finanzieren ließ. Unterm Strich sind Mother´s Cake also eine hybride Band, die sich sowohl in nach schweiß-stinkenden Konzertclubs, als auch im digitalen Anderen bewegt und diese Kontraste zumindest diskursiv in ihrer Musik umsetzt.

Das Feuerwerk, das der Tiroler-Dreier zündet ist eine Art Next Level Crossover: Da zersprengt es schon mal ein erbarmungsloses Stonerrock-Periodensystem in seine einzelnen Bausteine, ehe das soeben angerichtete Chaos konzentriert von einem Red Hot Chili Peppersesken  Bassbeat zusammen gefrickelt wird, nur um dann – jetzt kommt’s – den scheinbar sicheren Bauplan in einer elektronisch abgespacten Goaekstase aufzudröseln. Und scheinbar sind sich Mother´s Cake gar nicht so richtig bewusst, was sie da gerade mit den guten alten Konventionen des Rock’N’Roll anstellen (nämlich durch den auf den Kopf gestellten Fleischwolf drehen). Seelenruhig spielen sie ihren vor Sprengkraft nur so strotzenden Stiefel herunter.

 

Sänger Yves Krismer richtet ab und an einen trockenen Einzeiler in Richtung vor sich hin schwitzendes Publikum. „Wir sind Mothers Cake – aus Hannover!“ „Unser nächster Song heißt Atemlos!“ „Hat mal einer einen Bieröffner da.“ Dann geht´s weiter. Mit Volldampf. Und vielleicht muss ein Rockband im Jahre 2015 genau so klingen: Unberechenbar, unverortbar, anstrengend, hyperaktiv, vor wilden Zitaten und Verweisen und hypnotischer Sogkraft nur so überbordend, ständig mit dem finalen Kollaps kokettierend. Und natürlich springt bei diesem rasenden Ritt auf Riffrasierklinge die eine oder andere Komposition über die Klippe. Aber das Scheitern ist dem Rock’n’Roll seit jeher immanent und so ist dieser bewusste Blick in den eigenen Abgrund am Ende nur konsequent. Zudem muss definitiv Bassist Benedikt Trenkwalder hervorgehoben werden. Im Normalfall fristen Bassisten ein Schattendasein am Rande der Bühne, aber Trenkwalder ist der heimliche Frontmann der Band, der nicht nur immer wieder den Rhythmus wechselt, sondern klassische Techniken ad absurdum führt und den Bass vor allem im ausufernden Finale ins Zentrum des Klanggebilde verschiebt. Der dabei entstehende Sound gleicht einer scheppernden Achterbahnfahrt, voller Schikanen, Steilfahrten und Loopings. Mother´s Cake – Merkt euch diesen Namen!

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Friska Viljor – Kulturladen Konstanz – 04.11.2013

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Ganz am Ende stürzt sich ein bärtiger verschwitzter schwedischer Mann in das Meer von Musikfans vor ihm, spielt auf seiner leicht verstimmten Ukulele eine aufs nötigste reduzierte Komposition und brüllt dazu in schiefsten Tönen den Refrain seines größten Hits „Shotgun Sister“. Sein Publikum, triefend nass, schmiegt sich förmlich an den behaarten Barden und schreit es ihm nach im Chor: „Lalala“! Dieses prächtige Finale zeigt das was die schwedische Formation Friska Viljor seit jeher auszeichnete: Herzblut und ein so dermaßen charmanter Dilettantismus.

IMG_5563Die Geschichte von der Bandgründung Friska Viljors wurde so oft erzählt, dass selbst die Story, wie oft diese Geschichte doch erzählt wurde, ein alter Hut ist. Deshalb die Kurzversion: Vor einigen Jahren ziehen die beiden Kumpel Daniel Johansson und Joakim Sveningsson jeweils mit frisch gebrochenen Herz frustsaufend durch Stockholm. Irgendwann folgt die Schnapsidee: Lass uns den Liebeskummer in Musik verarbeiten. Problem nur: Die Beiden sind alles andere als Musikvirtuosen. Egal – unter dem Namen Friska Viljor begibt man sich in Studio und Proberaum und spielt sich den verklebten Frust von der Seele. Einige Monate später zieht das Duo ganz im Stile der Beatles musizierend über die Reeperbahn und plötzlich reift Friska Viljor zum Indie-Phänomen.

IMG_5574Zu diesem Zeitpunkt bin ich, damals ein frischgebackener Indie-Hipster (den Begriff hätte damals wohl keine begriffen), über Friska Viljor gestolpert und war absolut hin und weg. Das Projekt hatte die Antriebskraft von Punk, die Verspieltheit von Indie und einen dermaßen immensen Grad der Poppigkeit, der tatsächlich Beatles-Assoziationen hervorrief. Kurzum: Eine innovative, versoffene, wunderbar dilettante, Ohrwurm-züchtende Pop-Kreation. Das Debüt „Bravo“ ist dementsprechend wohl bis heute eins meiner meist gehörten Alben, „Tour De Hearts“ rotierte ebenfalls regelmäßig – doch dann begann ein schleichender Entfernungsprozess. Die Folgealben klangen von mal zu mal glatter und die Band verlor (für mich persönlich) ihre Faszination, ohne etwas dafür zu können. Den Friska Viljor verfielen keinesfalls den Reizen des Mainstreams. Sie wurden einfach bessere Musiker. Ein Paradox.

IMG_5571Heute ist Friska Viljor eine echte Band mit echten Musikern. Das hört man im bist zum letzten Platz ausverkauften Kulturladen vor allem in der Anfangsphase. Die Songs vom neuen Album „Remember Our Name“ klingen im Vergleich zum Frühwerk auch livegeradezu glatt poliert – es fehlt an Ecken und Kanten, Überraschungsmomenten, Irrsinn – kurzum am eingangs beschworenen Charme. Erst im Verlauf des Konzertes bröckelt diese Perfektion, Friska Viljor spielen sich regelrecht frei und zeigen dann in der zweiten Hälfte ihrer Show, welche fantastische Liveband sie doch sind. Da tönen leise Elektroarrangements, da jault eine Trompete, hier tönt ein Glockenspiel – und alles zusammen schweißt sich immer und immer wieder zu mitreißenden Pophymnen zusammen. Highlight (und Kombination aus alter Rohheit und neu entdeckter Technik) ist die epische Version von „Useless“, die Daniel und Joakim im Duo akustisch sezieren, welche sich dann unter ansteigender Bandbeteiligung zum orchestralen Popsong aufschwingt und in den letzten Takten einem zerbrechlichen Trompetensolo zerfließt. Sollte es Friska Viljor in Zukunft gelingen, ihre neu gewonnenen musikalischen Skillz mit ihrer alten Verplantheit und Verspieltheit kombinieren können, hat diese Band noch einiges im Tank. Whatch Out!

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Herr Sorge – Theater Konstanz

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Mitten im Konzert von „Dunkelkammermusik“ versteht man als Zuhörer die Welt nicht mehr:Da steht links ein Riesenflügel auf der Bühne, an dem sich der hochdekorierte Jazzpianist Florian Weber virtuos abarbeitet. Da steht rechts ein futuristischer Instrumentenpanzer, aus dessen Inneren Produzentenlegende Jan van de Toorn im Robotoraufzug abgefahrene Elektrosounds abfeuert. Da steht zentral Herr Sorge, besser bekannt als Samy Deluxe, und singt in sich durch Popsong-Fragmente mit depressiv politischen Texten. Und das alles im altehrwürdigen Konstanzer Theater. Eigentlich passt das hinten und vorne nicht zusammen – wie in einem abgefahrenen Traumgebilde, in dem sich verschiedene, kontrastive Realitätsfetzen plötzlich homogenisieren.

Wer oder was ist Herr Sorge? Der HipHop-Kosmos reagierte irritiert als die ersten Gerüchte um ein neues Samy Deluxe Projekt aufkeimten. Der Hamburger HipHop-Urvater setzte konsequent neue Spuren, die aber allesamt im Nichts verliefen. Immerhin offenbarte sich nach ersten Interviews der Genpool des Projekts: Herr Sorge trägt ein abgeranztes, schäbiges Outfit und sieht die Welt mit anderen Augen: Als dunklen, kapitalistischen, korrupten, hoffnungslosen Moloch, den es radikal zu kritisieren gilt. Das Album „Verschwörungstheorien mit schönen Melodien“ setzte dem ganzen Wirrwarr die finale Krone auf: Die Scheibe präsentierte sich sowohl soundtechnisch, als auch thematisch absolut überfrachtet. Herr Sorge entrollte sich einen Dschungel von Effekten, Autotune, Beats und Sounds. Kurzum: Das Album war für jeden, der ein normales Pop-Hörerlebnis erwartete de facto nicht konsumierbar. Die Samy Deluxe Fans reagierte brüskiert, panisch, beleidigend. Ob das von Herr Sorge so geplant war, ist bis heute nicht geklärt.

Für das Live-Produkt hat sich Herr Sorge nun eine komplexe künstlerische Basis geschaffen: Im eingangs beschriebenen Kontrastfeld entwickelt sich live ein ganz ungewöhnlicher, experimenteller Sound, der aber im Gegensatz zum Album wirklich funktionieren will. Van de Toorn lässt es zwitschern, wummern und ziepen, während Herr Sorge (der ganz offensichtlich an seiner gesanglichen Präsenz gearbeitet hat) mit der ihm angeborenen Lockerheit und fast bluesartigen Coolness seine Strophen reproduziert. Der musikalische Kit ist aber Weber, der mit seinem schieren Talent, die anderen Bausteine zusammenflickt und noch Raum für jazzige Improvisation findet.

Natürlich wirft eine derart radikale Metamorphose der musikalischen Identität die Frage auf, ob es nicht vollkommen legitim ist, dass ein Künstler sich verschiedene Alter-Egos, Versionen und Rollen zulegt. Im Hiphop-Kontext funktionierte das nicht: Die Szene konnte Herr Sorge nicht von Samy Deluxe loslösen – das durchaus zahlreich erschienene Publikum in Konstanz schafft diesen Schritt und bietet dem Projekt damit einen kreativen Nährboden für die vollzogene Rekontextualisierung. Und „Dunkelkammermusik“, wie sich das Gesamtprojekt nennt, nutzen diesen Freiraum mit einer überschäumenden Lust am Grenzen aushebeln: Während eines Gedichts klettert Weber in seine Flügel und macht in den Innereien ganz neue Tonabnehmer aus. An einer anderen Stelle setzen die drei Protagonisten ihre Iphones als unberechenbares Instrument ein. Dann übersetzt Keller alte Samy Deluxe-Parts und Wortfetzen in eine jazzige Komposition. Und weil am Ende Herr Sorge noch Samy Deluxe´ legendären Hit „Weck mich auf“ „covert“, schließt sich dann doch noch der Kreis aus Jazz, HipHop, Elektro, Experiment, Politik, Theater und Wahnsinn zu einem runden, merkwürdigen Gesamtkonstrukt.

 

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Theater Konstanz – „Werther“

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Werther ist glücklich. Und das passt ihm ganz und gar nicht. Denn die eigene Zufriedenheit steht seiner Kunst, seinem Schaffen im Wege. Händeringend sucht der junge Mann nach Themen, Sätzen, Wörtern, die aufwühlen und umwälzen. Die bewegen. Doch seine literarischen Versuche bleiben bloße Beschreibungen von Blüten und Sommertagen. Kitsch. Belanglos. Und man hat gleich zu Beginn das Gefühl, Werther warte nur auf den Einschlag, der seine Welt zerschmettert und den eigenen Schaffensprozess ins Rollen bringt.

Und ich fühle mich unweigerlich an Conort Oberst erinnert, den Folkpoeten, den, wen man so will, Werther der Popkultur, der seinen Herzschmerz so bedingslos auf Platten presste. Heute fordern die Anhänger, enttäuscht von Oberst´ neueren, seichteren Kompositionen, man solle dem Singer-Songwriter endlich mal wieder das Herz brechen. Doch Depression, das muss Werther mit allem Nachdruck erfahren, offenbart nur selten schöpferische Energie. Als Lotte, die Traumfrau, mit kosmischer Wucht Werthers Sonnensystem in Stücke reißt, bleibt für den Träumer nichts als Schmerz. Erdrückender, alles einnehmender Schmerz, in dessen Umlaufbahn Zeit zur Folter wird.

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Entsprechend taktet die aktuelle Werther-Inszenierung des Theater Konstanz die 120 Minuten Stück im Rhythmus eines Jahres. 1. Mai. 2. Mai. 3. Mai. Die Daten sind der Beat, der Herzschlag des Stücks und der wird im Verlauf immer lauter, nervtötender, bis er zu einem Wummern wird, dem man sich nicht mehr entziehen kann. 29. August. 30. August. 31. August. 32. August. 33. August. Darüber hinaus setzt die Dietrich Trapps Inszenierung auf Reduktion. Es gibt keine Effekthascherei, keine übertriebene Dekoration oder Modernisierung. Nur Text. Und Mensch. Und einen unförmigen Tisch im Zentrum der Werkstatt, der sich einer gespiegelten, ebenso unförmigen Leinwand wiederfindet. Links steht ein Mikrofon und rechts eine Kamera, die verschiedene Versatzstücke auf die Leinwand wirft. Zunächst eine Reclam-Ausgabe des verhandelten Textes. Dann Blüten. Dann die immer wiederkehrende Referenz und Erinnerung an Lotte, eine Styropor-Schaufenster-Puppen-Büste, deren schwarze, ausdruckslose Augen Werther solange anstarren, bis er selbst ins Zentrum des Bildes rückt. Und dann steht er auf der Leinwand, wieder und wieder reproduziert. Hundertfach Werther, der immer weiter verschwimmt, bis er für das menschliche Auge nicht mehr wahrzunehmen ist.

theater, werther, konstanz, werkstatt, theater konstanz, 2013 (1)Dabei blicken wir auf Axel Julius Fündeling, den Alleinunterhalter des Werther-Leierkastens, der zu Beginn nochso adrett gekleidet war, so ehrlich strahlte, fast selbstverliebt agierte. Doch diesen Menschen gibt es nicht mehr. Fündelings Werther zersetzt sich innerhalb des Stückes zum Wrack. Er schwitzt, die Haare kleben in alle Richtungen und sein Blick ist leer. Leer. Leerer. Als Werther seinen letzten Brief an Lotte schreibt, läuft er förmlich aus. Seelisch, klar, aber vor allem körperlich. Fassbar. Der Schweißt läuft in dicken Tropfen aufs Papier und vermischt dort mit der frisch auftragenen Tinte – wird Symbol, Allegorie. Text und Körper verschwimmen und stehen dabei stellvertretend für die anderen Flüssigkeiten des menschlichen Körpers: Blut, Tränen, Kotze.

theater, werther, konstanz, werkstatt, theater konstanz, 2013 (3)Zunächst gefällt sich Werther in der Rolle des Leidenden. Dann aber verliert er zunehmend die Kontrolle. 34. August. 35. August. 36. August. Dabei verfremdet Fündeling seinen Werther in einigen wenigen Momenten. Etwa wen er die Souffleuse anbrüllt, ins Publikum schreit oder unbeholfen mit einer Zuschauerin flirtet. In diesen Sekunden verschmelzen Zuschauer- und Theaterraum und man erkennt, wie weit Werthers Zersetzung bereits fortgeschritten ist. Der eben noch sympathische, wenn auch arrogante junge Mann ist jetzt ein Gift und Galle spuckender Choleriker und doch, angesichts seines gebrochenen Herzens, unfähig zu jeder Form von Konversation. Außer Stande, Glück zu empfinden. Die Radikalität mit der Fündeling den Zerfall des Werthers mit reduzierten Mitteln darstellt schmerzt selbst im Publikum. Die Performance springt einen regelrecht an und die förmlich fassbare Depression der Figur legt sich wie eine Taucherglocke über den gesamten Theaterraum. Wenn sich ein Basketballer in Amerika einem Ball hinterher schmeißt oder sich ohne Rücksicht auf Verluste ins Publikum stürzt, schreien die Moderatoren meist verzückt auf: „He sacrifies his body!“ Ähnlich kompromisslos geht Fündeling vor. Ein einfaches Konsumverhalten ist für den Zuschauer kaum mehr möglich – zu nah und greifbar ist der Schmerz.

Und natürlich könnte man sich fragen, warum 2013 immer noch diesen alten Schinken durchkauen muss, wenn man sich dem Drama der Jugend annähert. Denn natürlich folgten tausende Werther. Und natürlich folgten unzählige Dramen. Und natürlich gibt es tausende Texte der gleichen Thematik. Doch die schiere Hitze, die Trapp und Fündeling produzieren, führt uns einmal mehr vor Augen, das dieser Text eben doch nichts von seiner Durchschlagskraft verloren hat. Depression. Druck. Burn-Out. Zerrissene Herzen. Gesprengte Erwartungen. Werther ist gleichermaßen Symbol des Sturm und Drang, tragisches Spiegelbild der Moderne, verleugneter Akteur des Punk, wie auch die Schablone eines Opferlamms unserer digitalen, post-postmodernen Gesellschaft. Geschlachtet und zerrissen.  

Weitere Termine für „Werther“ am Theater Konstanz findet ihr hier: http://www.theaterkonstanz.de/tkn/veranstaltung/04975/index.html?events=all

Anschauen!  Karten gibt unter 07531/ 900 150 oder per Mail: theaterkasse@stadt.konstanz.de

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Steaming Satellites – Kulturladen Konstanz – 14.03.2012

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Das Konzert beginnt ohne Musik, ohne erkennbare Songstruktur: Da sind nur Fragmente, ein tiefes, einnehmendes elektrisches Rauschen, das sich hypnotisch zu einem Wirbelsturm der Effekte auftürmt, ehe durch kaum wahrnehmbaren Schlagzeugeinsatz erste Spuren von gängigen Hörmomenten erkennbar werden. Erst dann weht diese wabernde, tiefschwarze Stimme in den Kulturladen, erst dann schwappt der wummernde Puls des Basses dazu, erst dann kriecht die erste Blueskomposition aus den elektrischen Blitzen. Steaming Satellites!

Doch zunächst zur Vorband, denn die hat es in sich: Hustle & Drone sind das neue Bandprojekt des ehemaligen Portugal. The Man Musikers Ryan Neighbors und überraschen bereits in Sachen Bühnenaufbau. Gleich drei Synthesizer prangen zentral auf der Bühne und werden soundtechnisch nur von einer Gitarre und gelegentlichen Tamburin-Geschepper ergänzt. Im dabei entstehenden, brachial basslastigen Sound offenbart sich schnell die Wahlverandtschaft zu Formationen wie Future Islands, aber auch zu Veteranen wie Depeche Mode. Nur die gelegentlichen Kopf-Stimmen-Ausflüge sind wenig to-much. Aber zurück zum Hauptact:

sänger max borchardt (2)_3283x2462Die Liveversion von „Witches“ sticht zunächst heraus: Die erste Schicht ist ein rhythmisches Klatschen, dass schon bald von Elektroeffekten überstrichen und durch Max Borchardts formidable Stimme um eine gehörige Portion 70-Jahre Sehnsüchte erweitert wird. Im Refrain tönt dann alles mit- und gegeneinander an, während kleine Diskostrahler die Bühne von unten herauf in ein abgespacetes Lasernetz verwandeln. Popmusik von solcher Bandbreite wird für gewöhnlich in kreativen Melting Pots wie New York oder Berlin gebraut. Doch was den musikalischen Stammbaum angeht sind die Steaming Satellites ein echter Exot: Denn das Quartett stammt aus Österreich, genauer gesagt aus Salzburg und enterten die Independentszene ohne Zwischenschritt mit einem Paukenschlag. Ihr Debüt „The Mustache Mozart Affaire“ war eine Offenbarung von immenser Bandbreite und einer fast erdrückenden Dichte an Überraschungseffekten, sodass die Reflektion über den ausgereiften Erstling schon bald ein ganz neues Gene heraufbeschwor: Spacerock. Das klingt tonnenschwer und abgehoben und doch erspielten sich die Österreicher schon bald den Ruf einer formidablen Liveband irgendwo im Niemandsland zwischen Pink Floyd, Oasis und Kraftwerk. Spacerock eben. Vor einem Monat legten die Steaming Satellites ihre zweite Scheibe „Slipstream“ nach und präsentierten weitere Nuancen in ihrem ohnehin schon überquellenden Spektrenuniversum. Die Szene ist nach wie vor ein wenig sprachlos.

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Immer wieder schälen sich live die einzelnen Versatzstücke aus dem bis dato leeren Musikraum und fügen sich trotz unterschiedlicher Ansätze wie Puzzlestücke millimetergenau ineinander. Drummer Matl Weber könnte einer Punktruppe entstammen, sein Spiel ist wild und fundamental, während Keyboarder Emanuel Krimplstätter eher mit dem Habitus eines Krautrockers aufwartet und scheinbar eins mit seinen Gerätschaften wird. Dazu spielen sich Borchardt an der Gitarre und Bassist Manfred Mader über ihre Saiten beinahe bluesartig die Bälle zu und erweitern dabei die Impulse des Gegenübers oder lassen diese brutal entgleisen. Entsprechend breit gespannt ist der Rahmen für Improvisation und Jam, der sich in diesem Zwittergebilde aus dreckigen 70er-Rock, arroganter 80er-Disko und gegenwärtigen Indie zeigt. Und doch scheint ein Funken zur finalen Zündung zu fehlen, das Konzert wirkt mitunter ein wenig unterkühlt.

Am Ende des regulären Sets spielen die Steaming Satellites das aberwitzige „How Dare You“, bei dem Max Borchardts Organ vollends im Mittelpunkt steht und das Publikum regelrecht in sich hineinsaugt, ehe während der Zugabe Hustle & Drone die Band zu einer siebenköpfigen Jam-Hydra anschwellen lassen. Und dann, ganz zum Schluss, wird der Stecker gezogen und die Beatmaschine gegen ein Akkordeon getauscht. Die Salzburger Spacerocker beenden ihr Konzert mit herzzerreißenden Folknummer. Was für ein radikaler, finaler Bruch. Was für ein Moment. Das ist sie, die finale Satelliten-Zündung.

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Vierkanttretlager – Kulturladen Konstanz

Was ist das für eine Band? Nach einem einführenden, marternden Gedicht entert das Quartett die Bühne des Konstanzer Kulturladen: Frontmann Max Leßmann verzieht sein ansonsten verbissenes Gesicht in den Verschnaufpausen zu einem Lausbubenlachen und diktiert dann im Stile eines Theaterbösewichts überlegte, punktgenaue Ansagen. Christian Topf arbeitet sich ohne Erbarmen und ohne einmal aufzublicken an seiner Gitarre ab, während Bassist Momme Friedrichsen wie ein Raubtier über die Bühne rauscht und Schlagzeuger Leif Boe in Gedanken vor sich schlägt. Dabei entsteht ein packender Strudel der Musik und Stile: Punkrock, Hamburger Schule, Indie – wild und durchdacht, pubertär und intellektuell. Das bemerkenswerte: Vierkanttretlager sind blutjung, fast noch eine Schülerband und doch beängstigend ausgereift.

Doch was ist das überhaupt für ein Bandname? Vier-kant-tret-lager! Unausprechbar, unschreibar und unlesbar. Erst die Anekdote bringt Licht ins Dunkel: Sänger Max, damals 13, telefonierte einst solange mit seinem damaligen Schwarm, bis ihm seine Herzdame aus Langeweile die Verpackungsbeilage ihres Einrads rezitiert. Das Gefährt hatte ein „Vierkanttretlager“ und für Max klang das, durch den Schleier seiner pubertären Verliebtheit, wie das schönste Wort auf Erden. Vor diesem wunderbaren Hintergrund macht der Name plötzlich Sinn und selbst das leidige Doppel-T wird zur Referenz. Denn jeder der das formidable Vierkanttretlager-Debüt „Die Natur greift ein“ hört, stolpert über kurz oder lang über ein weiteres Doppel-T: Turbostaat und Tocotronic! Mit der erstgenannten Band teilt die Nachwuchstruppe zum einen die Herkunft (beide Bands stammen ausl Husum) und zum anderen die Wut und die Art und Weise ebendiese musikalisch zu kanalisieren. Tocotronic indes schwebt seit dem Moment, als Vierkanttretlager erstmals auf dem Radar der deutschen Musikszene aufblinkten, wie eine Damoklesschwert über dem Projekt. Denn einerseits ist es für jede neue Band eine Ehre mit den Vordenkern des deutschen Indies verglichen zu werden, andererseits schreckt deren Überintellektualität auch ab. Oder wie Gitarrist Christian es einst ausdrückte: „Ich kann mich mit denen nicht identifizieren, wenn ich sehe, dass die auf der Bühne rosa Hemden tragen.“ Wie dem auch sei: Erweitert man die genannte Liste um Casper, auf dessen Tour der Husumer Vierer als Vorband spielte und Element Of Crime hat man den Rahmen, in dem sich Vierkanttretlager bewegen, wohl punktgenau abgesteckt.


Der Kulturladen ist bei weitem nicht ausverkauft, das verwundert, zumal die Band beim BUVISCO einiges Aufsehen erregte und zuletzt nachhaltig diskutiert wurde. Macht aber nichts: Live klingt die Band noch ein wenig getriebener und unfassbarer als auf Platte: Vierkanttretlager strotzen vor Energie und tragen das offen zur Schau (wäre auch schlimm, wenn nicht). Teilweise wirkt das ein wenig zu gewollt-ungewollt – aber das verzeiht man. Einen eindeutige Ausschlag auf dem Barometer ist in der Mitte des Konzerts vermerken: Da spielt Vierkanttretlager ihren sehnsüchtigen, Akkordeon untermalten und Seeluft geschwängerten Hit „Fotoalbum“, gefolgt vom wunderschönen EOC-Cover „Am Ende denk ich immer nur an dich“, in das die Band fast spielerisch frisches Blut pumpen. Am Ende stehen sie da, Arm in Arm und singen zusammen im Seeräuberstyle. Und so bleibt die finale Erkenntnis: Der deutsche Indie hat definitiv einen neuen, aufregenden Blutspender! Endlich.

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Cro – Stadthalle Singen – 28.10.2012

(Der folgende Artikel ist absichtlich mit Comic Sans verfasst – das sieht zwar scheiße aus, aber passt denk ich ziemlich gut zum Topic)

Die Wände der Singener Stadthalle sind mit einigen freundlichen Hinweisen zugeklastert: „Bitte schützen sie ihr Gehör durch entsprechende Schutzmaßnahmen“. Als erfahrener Konzertveteran ohne Beschwerden sieht man über derlei Warnungen für Weicheier meist schmunzelnd hinweg – was sich beim Cro-Konzert in Singen wenig später als bitterlicher Fehler herausstellt: Denn als der Rapper mit der Pandamaske die Bühne betritt, prescht das euphorische Gekreische im Publikum in Dezibelregionen vor, von denen selbst Metallica nur träumen kann.

Das Phänomen Cro durchkämmte die Musikszene Deutschlands in diesem Sommer wie ein Mähdrescher: Zunächst war da der unfassbare Hype um den Superhit „Easy“des Stuttgarter Rapper, dann bezeichnete Jan Delay den Pandamann als Zukunft des deutschen HipHop, ehe alle Dämme brachen: Titelbilder, Titelstorys, aufgewärmte Mixtapes, Platz 1, „Wetten dass“, Facebook- und Youtubeweltrekorde. Die Figur Cro entwickelte auch angesichts der bewussten Anonymität des Künstlers eine selten gesehene Eigendynamik und Faszination. Das Absurde dabei: Zwar tauchte Cro in der Folge auf den unterschiedlichsten Festivals auf prominenten Positionen auf – seine Musik schien im Diskurs des Hypes aber mehr und mehr eine Nebenrolle zu spielen. Aus diesem Grund schwenkte die Stimmung in der Szene bald um: Zahlreiche Kritiker bemängelten die fehlende Substanz und Produktivität des allgegenwärtigen Rappers, der ja immerhin die Zukunft des Genres auf seinen schmalen Schultern tragen soll. Eine objektive Bewertung des ganzen Phänomens war angesichts der Hypeslawine und den anhaltenden Diskussionen nicht mehr möglich – Seine Fans lieben ihn, die Hater hassen ihn. Alternativen sind ausgeschlossen.

Als Cro dann selbst die Bühne entert erfolgt nach der eingangs beschriebenen Euphorie-Explosion zunächst eine halbe Stunde kurzweiliger Blockbuster-Pop-Unterhaltung: Schon der Bühnenaufbau ist sehenswert. Im XXL-Format blinken ein „C“, ein „R“ und „O“, dazwischen indes leuchten auf quadratischen Bildschirmen immer wieder Textfetzen auf. Cro, gewohnt hackenbreit gekifft reizt ein paar Witzchen und in der ersten Reihe kotzt ein Groupie in den Bühnengraben. Mehrere Mütter tanzen in den hinteren Reihen sowas von oberpervers, dass sie wohl selbst ein Sean-Paul-Video-Regisseur mit Blick auf das potentielle Teenager-Publikum ermahnt hätte. Kurz: Auch als Zuschauer, der nur bedingt Bock auf das Konzert hat, fühlt man sich absolut gut unterhalten!Dann aber, so etwa nach der ersten halben Stunde, in der Cro einen Großteil seiner Hits (die Youtube-Hits „Hi Kids“ und „Kein Benz“ und den Vorab-Singles des Albums „Meine Zeit“ und „Du“) durchspielte und das Publikum kräftig mitintonierte, kippt für mich die Stimmung.

Kein Plan wohin, doch bist jetzt war es fett!“ Cro bewegt sich durchgehend zwischen einer Überdosis guter Laune und dem Anspruch, fast krampfhaft den Zeitgeist seiner Generation aufschnappen zu wollen (was ihm ja augenscheinlich komplett gelang) – das nervte schon auf Platte spätestens nach dem dritten oder vierten Track.Cros Ideen und Konzept sind definitiv erfrischend, aber auf lange Sicht gelingt es dem Rapper (noch) nicht auf durchgehend hohem Niveau vielschichtig zu unterhalten. Das Raop-Gebilde klingt zu eindimensional, es fehlt an Variationen – und man muss definitiv gespannt sein, wohin die Reise in Zukunft gehen wird.

Schlussendlich noch ein kleines Plädoyer: Liebe Cro-Die-Hard-Fans, eure Begeisterung in allen Ehren, wirklich, aber blickt ein wenig über den Tellerrand. Hör euch andere HipHop-Künstler an, es gibt unendlich viel zu entdecken. Cro ist nicht der Messias. Liebe Cro-Meuchelmörder, entspannt euch. Hype ist Hype, zollt ein wenig Respekt und schaut über das Gedudel hinweg. Jede Welle ebbt irgendwann ab. Cro ist nicht der Satan.

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I Am Oak – Kulturladen Konstanz

Den Holländern, wir alle kennen die Klichées, werden ja eine ganze Reihe von Dingen und Angewohnheiten nachgesagt: Sie reisen in Wohnwägen, verkaufen Tulpen und Käse und tragen Holzschuhe. Sie können nicht kicken, spuckten Rudi Völler in die Locken und nerven als Moderatoren in deutschen Fernsehshows. Weniger bekannt waren unsere Nachbarn bislang für Berge (das wird sich in naher Zukunft wohl auch nicht ändern) und aufregende Indie-Folkbands. Letztere Aussage allerdings muss man wohl spätestens seit dem Jahr 2010 mit allem Nachdruck relativieren. Da nämlich brachte die Formation I Am Oak zunächst als Soloprojekt des aus Utrecht stammenden Musikers Thijs Kuijken ihr Debütalbum „On Claws“ auf den Markt und stürzte die gesamte heimische Fachpresse in nicht enden wollende Jubelströme. Die Vergleiche mit Genre-Göttern wie Sufjan Stevens und vor allem Bon Iver folgten auf dem Fuß und man hat bis heute das Gefühl, dass ganz Holland stolz auf seinen schüchternen Helden ist. Zurecht. Nachdem im Kulturladen die Localheros von Music Is Her Boyfried, ein sympathisches Mädchenduo, das umgehend Boy-Assoziationen hervorruft, die Bühne warm gespielt haben, schlurft Thijs Kuijken auf ebendiese. Der Look des Schlaks erinnert ein wenig an Harry Potter, seine Bühnenpräsenz und Arrangements an Zach Condon von Beirut, während seine zärtliche, beinahe zerbrechliche Stimme ein wenig nach Conor Oberst klingt. Alleine die bloße Masse an Referenzen offenbart, inwiefern sich Folk gewandelt hat: Die Musikrichtung, die sich einst aus den Blues und Country-Korsetten schälte, wurde durch die gesamte Musikhistorie hindurch stiefmütterlich behandelt. Heute aber gilt Folkmusik offiziell als „cool“ und ist in Form von Bon Iver oder den Mumford&Sons beinahe beängstigend erfolgreich. Folk ist der Soundtrack der Hipsters (frei jeder Wertung).

 

 

Thijs Kuijken indes kann mit dem ganzen Trubel so gar nichts anfangen (siehe Video) und versteht sich trotz Hornbrille nicht als Hipsteridol und musikalischer Outlaw. Kuijken will Musik machen, nicht mehr und nicht weniger – in seinem eigenen, kleinen, verkopften Universum: „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendwie meine Meinung zu globalen, großen Phänomenen oder politischen Themen formulieren sollte. Global heißt für mich eher: Universelle Gefühle transportieren, mein Mensch-sein beschreiben.“ Thijs singt nicht für die großen Bühnen. Er schreibt den Soundtrack für Mikrokosmen. Für die Welt in der Nussschale. Seit den Aufnahmen zu „Nowhere Or Tammensaari“ irgendwo im finnischen Niemandsland gilt I Am Oak offiziell als Quintett, in Konstanz tritt die Thijs-Truppe allerdings als Trio auf. Gitarre, Schlagzeug, Bass – die klassische Punkrockbesetzung. Das ist für eine Folkband durchaus ungewöhnlich und entsprechend reduziert klingt der Sound der Band. Das ist ein wenig schade, denn auf Platte sind es gerade die Sekunden der gefühlten instrumentellen Variation – Streicher, Hammond-Orgel, Chöre – die für die besonderen I Am Oak-Momente sorgen. Die anfängliche Enttäuschung weicht schnell, als deutlich wird, dass es Thijs Kuijken gelingt eben aus dieser konventionellen Besetzung eine tiefe Sehnsucht und musikalische Schönheit zu schöpfen. Größe durch Verkleinerung.

Kuijken greift im Wechsel zur abgeranzten Straßenmusikerklampfe und zur smaragdgrünen Rockstargitarre und dabei schwingt das Konzert zwischen brüchigen Folkkompositionen und kräftig, jaulenden Bluesbrechern. Die Übersongs „Trees and Birds and Fire“ und „Palpable“ bilden dabei eindeutige Ausreißer, die sich vor keiner Konkurrenz verstecken müssen – mehrschichtig, eingängig, fragil.Die letzten Songs zerfließen in einer minutenlangen post-rockigen Explosion, ehe sich Thijs Kuijken mit letzter Kraft und schwer lädiert für eine letzte Solo-Nummer auf die Bühne schleppt. Das Konzert endet eigentlich viel zu früh – doch das muss man I Am Oak nachsehen: Ihr schwächlicher Frontmann ist nicht gemacht für Rock´N´Roll, für große Rahmen – und genau das ist das besondere.

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„Wow – jetzt blästs dich gerade weg!

 

2012 und damit acht Jahre, nachdem die Sportfreunde Stiller bei Rock am See für sein allererste Konzert und Festivalerlebnis gesorgt hatten, trifft der vorliegende Blogger die musikalischen Helden seiner Spätpubertät zum Interview. Die Sportfreunde spielen abermals in Konstanz, der Rahmen ist allerdings ein ganz anderer: Damals auf der mächtigen Festivalbühne, jetzt im Kulturladen. Am Erfolg liegts nicht: Das bayrische Trio ist die wohl erfolgreichste deutschsprachige Indieband überhaupt, Superhits und Nummer 1-Granaten pflastern ihren Weg. Bleibt also die Frage: Warum das Ganze? Die Antwort darauf hat Risse im Asphalt im Gespräch mit Peter Brugger, seines Zeichen Sänger der Kombo gefunden. Darüber hinaus ging es ums Älter werden, live spielen, Songs schreiben, Roque Santa Cruz, Köpfe einschlagen, einen Neustart und die Arbeiten am neuen Album.

Allen Lesefaulen, die sich gerne das Interview eines schwäbischen Interviewers mit einem bayrischen Rockstar unverfäscht und in Originallänge anhören möchten, sei der folgende Link ans Herz gelegt. Für alle anderen heißt es scrollen bis die Finger bluten:

[Risse im Asphalt]: 2004 hab ich euch hier in Konstanz bei Rock am See gesehen. Eigentlich funktioniert das ja anders herum: Man entdeckt ne Band im kleinen Club und sieht sie irgendwann auf der großen Bühne wieder! Vor diesem Hintergrund zwei Fragen: Wie ist das Gefühl, wenn man sein Publikum über Jahre heran wachsen sieht? Und was steckt hinter der Clubtour?

Peter Brugger: „Also darüber freuen wir uns total, dass wir auch merken, dass immer wieder Leute auf die Konzerte kommen, die schon ganz früh da waren. Leute, die vielleicht mal nicht da warn, die aber dann schon mal wieder hinschaun, die uns nicht vergessen haben und für dir musikalisch und damit unsere Musk ne gewisse Bedeutung haben. Oder die zumindest tolle Sachen mit unserer Musik verbinden. Das ist total schön und ein Glücksfall.

Warum wir das machen? Einfach nur weil wir Bock haben. Ich hab mir gestern überlegt: Hä, warum spielen wir jetzt eigentlich heute? Und irgendwie kam mal die Idee auf, lass uns doch mal wieder in Kostanz spielen.

Das Konzert war ja ruckzuck ausverkauft – und im Anschluss habt ihr weitere Clubkonzerte angeschlossen…

Das hat auch die Bewandnis, dass wir einfach auch neue lieder ausprobieren wollen, weil wir grad am Lieder schreiben sind. Da gewinnt man nen guten Eindruck von den Songs. Dann gibts mal en feedback und man merkt ganz schnell ob des hinhaut oder ob des en Schmarrn ist. Des ist auch ganz anders, als wenn wir das so bei uns ihm kleinen Rahmen vor uns hin spielen.

Ihr versucht ja offensichtlich gerade Live immer wieder neue Reize zu setzten: Unplugged-Shows, Bombast Liveauftritte, jetzt die Clubshow. Was steckt da dahinter?

Wie du schon sagst,  wir versuchen die unterschiedlichsten Sachen zu machen, weil wir merken, dass des uns die Freude an der Sache zurück gibt. Dabei gibts niemals einen Trott. Und da war das Southside und das Hurricane, mit diesem fast schon größenwahnsinnige Aufbau.. Da haben wir gedacht halt gedacht: Ja okey, jetzt lass uns einfach mal ein bisschem rumspinnen und des war dann einfach auch total beindruckend, wenn da so von dem Podest auf Publikum guckt. Das hälts halt einfach interessant. Dann warn wir im Mai auf einer kleinen Clubtour in Kroatien, Tschechien und Ungarn. Und das war dann so ein Gefühl wie ganz früher: Nur wir zu dritt auf der Bühne, mit ganz kleiner Mannschaft unterwegs, in Länder wo uns nicht viele Leute kennen. Und das war total wichtig für uns. Wir hatten letztes Jahr ne Pause eingelegt, wir wollten eigentlich erstmal gar nichts machen und durch diese Tour haben wir wieder so richitg Bock bekommen neue Lieder zu schreiben. Da kam so ein Neustart Gefühl auf…

Für uns wars wichtig, grad auch nach dem Unplugged – das war ja unser größter Erfolg – Da wars einfach wichtig, den Kopf freizubekommen und komplett abzuschalten von der Musik, um dann auch mal den Gedanken reifen lassen zu können: Wie solls denn jetzt eigentlich weitergehen. Und jezt merken wir, auch durch diese Clubtour, dass wir einfach auch wieder Lust haben und Inspiration da ist. Wir wollen jetzt einfach selber wieder neue Musik von uns hörn.

Ist auf dieser Tour auch die ein neues Album aufzunehmen aufgekommen oder is einfach gerade die Lust an der Sache das Entscheidende an eurem Neustart?

Das is jetzt grad das Entscheidende. Also wenn wir nen Druck haben, dann sowieso nur den, den wir uns selber machen. Das ist ein Luxus, aber der kann auch ganz schön blockierend sein. Ich kann nur für mich sprechen – für mich war die Zeit in den letzten Jahren irgendwie einfach noch nicht reif. Der Flo war da anders, der wollte gleich wieder was machen. Aber so mit der Zeit, die wir zusammen verbracht haben, das war der Startpunkt. Und prompt ist auf dieser Reise auch ein tolles Lied entstanden und zwar zusammen. Da hat einer eine Zeile rein geworfen, Rüde hat was geschrieben, ich hab paar Akkorde dazu gespielt, hab weitere Zeilen geschrieben und dann kam Flo mit der Melodie. Und dieses Lied, das steht für diesen Neubeginn und es war schön zu sehen, dass es hinhaut. Wenn wir zusammenrücken, dass da sofort Inspiration da ist.

Was mich als musikalische Nulpe interessiert: Wir schreibt ihr eure Songs, ich meine ihr habt Superhits und Hymnen, die schon fast zum popkulturellen Gedächtnis gehören. Sagt man sich da, jetzt schreib ich mal ne große Ballade?

Meine Erfahrung: Wenn man was Besonders, was Großes machen will, dann geht das in die Hose.

Weil so dieses Vorhaben, jetzt schreibe ich des und des, das mündet dann immer so in einer Kopfgeburt. Das Tollste is eigentlich so immer wenn was beiläufig kommt und des sind dann auch die Lieder die geblieben sind, die wir 10 Jahre oder länger. Des sind so Momente, wo man ein intensives Gefühl wahrnimmt oder ne Zeile aufschnappt und die dann irgendwie umsetzt. Klar, wenn die Zeile da is, muss man sie ausfeilen, wegwerfen, ruhen lassen. Das ist dann schon Arbeit.Und dann hilft uns heute auch die Erfahrung. Andererseits haben wir jetzt auch unglaublich viele Songs geschrieben und dann merkt man manchmal auch: Sowas haben wir ja schon mal geschrieben und dann muss mal halt schaun, wie man des mit dem Alter wieder anders beschreibt.

 

Interessant, dass du das mit der Erfahrung ansprichst. Ich habe mit die Frage notiert, ob du, als Sänger der größten Fußballband Deutschlands  Parallelen zwischen der Karriere eines Fußballspielers und der deinigen als Rockstar siehst? Hilft die Erfahrung?

Jetzt bin ich natürlich leider nicht in der Lage zu sagen wie sich ne Fussballkarriere anfühlt. Das wäre mein Traum gewesen, aber ich war halt leider nicht in der Lage. Aber es hat ja mit der Musik hingehauen, das ist ja auch ganz toll. Es ist einerseits toll auf einen Erfahrungsschatz zurückzugreifen, aber man muss aufpassen, dass man nicht zu abgeklärt rangeht. Weil Musik in erster Linie reines Gefühl ist. Und darum ist Musik doch auch einfach so etwas tolles, weils direkt in die Leute reingeht. Manchmal wünsch ich mir auch, wieder die Unbedarftheit von früher zu haben. Aber das geht ja leider nicht. Aber dieses ‚Wow – jetzt blästs dich gerade weg‘, des gibts immer noch und da ist man voll in dem Moment drin und macht das was am liebsten macht. Ein Riesegeschenk. Das empfinde ich nach wir vor so. Ich versuch also nicht so verkopft ranzugehen, die Erfahrung mit reinzunehmen, mir aber trotzdem ne gewisse Naivität zu erhalten.

Da fällt mir gerade auf, dass es Gerüchte um Roque Santa Cruz und ein Bundesligacomback gibt…

Wirklich? Den hab cih neulich in München getroffen, das war ganz schön. Ich steh da so und dann ist da plötzlich der Roque. Wir hatten ewig keinen Kontakt mehr, seit er nicht mehr in München ist. Ich hoff, ich wünsch ihm, dass er nochmal richtig einschlägt. So ganz hats ja nicht hingehaun, da hat immer ein bisschen was gefehlt.

Gibt es bei euch in dieser ganzen langen Zeit des Zusammenlebens, nicht auch mal Momente, wo ihr euch am liebsten auf die Fresse hauen würdet?

Klar logo, das gibt es bei uns auch. Aber, es ist so, dass ist ja wie eine enge Beziehung die wir zu dritt führen und weil wir uns mit unsere Leidenschaft beschäftigen, ist jeder mit viel Herzblut dabei und entsprechend ist da jeder von uns auch sehr verletzlich. Am intensivsten ist es einfach immer, wenn wir im Dreierverbund diskutieren. Der erste Moment, wo jemand eine Idee vorstellt, das ist einfach sehr intensiv und entsprechend kann das auch total enttäuschend sein. Und natürlich gibt es da auch den Moment, da würde ich den anderen am liebsten die Zähne ausreissen und die Jahre ausrupfen. Aber wir wissen natürlich auch, was wir voneinander haben und wir sind durch so viele Situationen gegangen und natürlich haben wir da großen Respekt voreinander. Wir können es ja selbst kaum glauben, dass wir das schon 16 Jahre lang machen und das es irgendwie immer weiter geht. Es ist wirklich was sehr schönes, da ist aus so einer jugendlich Freundschaft und der Liebe zu der Musik echt was ganz Großes geworden.

Gibt es Sachen die ihr bewusst alleine macht?

Nach ner längeren Tour braucht jeder seine Freiheit ich bin dann ganz gern mit mir alleine und ich genieße die Zeit. Und treff mich mit anderen Freunde und versuch dann so nen normalen Alltag herzustellen. Da Tourleben is ganz anders und in der Tat nur wenig inspirierend, man hängt halt in irgendwelchen Clubs und bekommt nicht viel drumherum mit. Entsprechend geb ich mir Mühe, in ein normales, gesundes Leben zurückzufinden!

So als letzte finale, zusammenfassende Frage: Wo solls denn jetzt hingehen?

Das kann ich dir zum jetzigen Zeitpunkt leider echt nicht sagen. Was wir versuchen ist einfach, wir sind ja keine 18 mehr und es geht jetzt auf die 40 zu, wir versuchen jetzt auf jeden Fall unsere Themen altersgemäß zu behandeln. Aber trotzdem merken wir, dass wir nach wie vor Bock haben auf der Bühne abzugehen. Und das ist echt ne wichtige Erfahrung, weil früher hat man halt gedacht, jemand der 35 Jahre alt ist, der ist ja uralt. Aber wir fühlen uns teilweise gar nicht älter. Und in dem Komplex, da sind einfach viele Facetten drin und dieses Gefühl würd ich echt gern in die Musik mit rein nehmen. Wie sich das anhört? Keine Ahnung, wir beginnen im Herbst mit den Aufnahmen. Was mich auch beschäftigt, ist die Sache wie sich die Wahrnehmung von einem selbst ändert und auch die von außen – und dass das irgendwie gar nichts miteinander zu tun hat. Des ist auch so ein Thema, das ich unbedingt noch angehen möchte…

Ende.

Noch nicht genug? Dann gebt euch halt noch den Konzertbericht, der zuvor schon vollständig beim Südkurier /Klick!/ erschienen ist:

Großes Kino im kleinen Saal –

Sportfreunde Stiller – Kulturladen Konstanz

 

Habt ihr euch schon einmal im Kino in den falschen Raum gesetzt? In einen kleinen, schnuckligen Indiependent-Saal, in dem plötzlich und zur großen Überraschung ein echter Blockbuster gespielt wurde? Nein? Natürlich ist das ein unrealistisches Szenario, doch ungefähr so haben sich wohl die Kulturladen-Konzertbesucher am vergangen Mittwoch gefühlt, als dort die Sportfreunde Stiller die Bühne enterten. Denn eigentlich funktioniert der Rock´N´Roll-Zirkus genau anders herum: Man entdeckt eine junge Band in einem kleinen Club und sieht sie, falls alles ideal läuft, Jahre später auf einer großen Bühne. Auch die Sportfreunde haben schon in Konstanz gespielt – 2004 und 2007 – jeweils bei Rock am See und jeweils von zehntausenden Fans. Im hier und heute spielt das Trio aber im KULA und damit vor ein paar hundert Verrückten. Wie kommt es dazu? „Warum wir das machen? Ganz einfach weil wir unglaubliche Lust drauf haben.“, erklärt Sänger Peter Brugger im Gespräch vor dem Konzert. Lust, das ist das große Stichwort, dass den Sportfreunde-Kosmos momentan bestimmt: Die erfolgreichste deutsche Indieband schien nach ihrem Nummer 1 Album „La Bum“ und dem unglaublichen Erfolg ihrer Unplugged-Tour müde und ausgelaugt. Ein Jahr Pause erschien als logische Konsequenz, dann aber startete die Band eine Clubtour durch Osteuropa: „Und da war das plötzlich so ein Gefühl wie ganz früher. Nur wir drei auf der Bühne, in Ländern, in denen uns kaum einer kennt. Und da kam so ein Neustart-Gefühl auf.“ Der Neustart mündete umgehend in neuen Kompositionen und im Bestreben, auch in Deutschland kleinere Clubs zu bespielen und die neue Lust offen zu präsentieren. Als Startpunkt erschien den Sportfreunden Konstanz und der KULA ideal – das Konzert war innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Und da stehen sie dann: Aus der bayrischen Idylle in die große Welt, aus der Welt zurück auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Peter, ganz links, der immer ein wenig unscheinbar wirkt bis er zu singen beginnt, Rüdiger, genannt Rüde, langhaarig und abgeklärt, der musikalische Kit der Band und Flo, hyperaktiver Romanautor, Schlagzeug-Derwisch, der Unberechenbare. Nach einer kurzen Abtast-Phase springt der Funken ruckzuck über. Der typische Sportfreunde-Sound, dieses Konstrukt aus Deutschrock, Indie, Punk und bayrischen Charme, funktioniert definitiv im kleinen Rahmen und die Sportfreunde schrammeln ausgelassen vor sich hin, ehe ihre Hymnen nicht selten in eingängigen Keyboard-Sounds und mitreißenden Refrains zerbersten. Das Dauergrinsen in den Gesichtern des Trios offenbart, dass die Sportfreunde Stiller ganz offensichtlich jede Sekunde des Konzertes genießen. Peter springt in den Graben, schält sich durch die verschwitzte Menge, um sich dort ein Bier zu genehmigen, Rüde schüttet gefühlte fünf Kisten Wasser in die Menge, während Flo einen Stagediver augenzwinkernd für dessen Tanzeinlage kritisiert: „Mir hat einfach Gefühl, Rhythmus und Ausdrucksstärke gefehlt!“ Überhaupt gewinnt man zunehmend den Eindruck das sich die Sportfreunde mit diesem Konzert freischwimmen von all dem orchestralen Unpluggedbombast und ihren Festivalshows im XXL-Format. Drei Mann: Gitarre, Bass, Schlagzeug und ein bisschen Keyboard. Das ist Rock`N´Roll „wie ganz früher“ und das geht mächtig nach vorne.

Das Aufregende ist dabei die Tatsache, dass auch die Songs selbst ihr ursprüngliches Gewand überstreifen. Kompositionen wie „Wellenreiten“, „Fast Wie Von Allein“ oder „Wunderbaren Jahren“ haben teilweise ein Jahrzehnt auf dem Buckel und für viele ehemalige Teenie-Fans bilden sie den Soundtrack des Erwachsenwerdens. Vor diesem Hintergrund entsteht im Kulturladen ein besonderes Momentum zwischen Perplexität, Euphorie und Erinnerung. „Es kommen immer wieder Leute auf unsere Konzerte, die ganz früher schon mal da waren und dann irgendwie gar nicht mehr und die dann doch mal wieder vorbeischauen. Die haben uns nicht vergessen, für die hat unsere Musik eine gewisse Bedeutung oder sie verbinden irgendwie tolle Sachen und Erinnerungen damit. Das ist total schön und für uns ein Glücksfall.“, versucht Peter Brugger die besondere Verbindung von Fans und Band zu skizzieren.

Der Konzertsaal reift indes zu mehr als sprichwörtlichen Sauna, das Publikum springt und schwitzt und tanzt und gröhlt die Sportfreunde Hits, die längst dem popkulturellen Gedächtnis angehören. „Ich wollte dir, nur mal eben sagen, dass du das…“ Man versteht sich von selbst. Das Ereignis endet nach knappen zwei Stunden Spielzeit, zwei Zugaben und Temperaturen an der Kollapsgrenze – so muss es sein, meint auch Peter: „Dieses ‚Wow – jetzt blästs dich gerade um!‘, das gibt’s nur auf der Bühne. Und deshalb ist Musik halt was so tolles, weils einfach direkt in die Leute reingeht.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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