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Fraktus II – Fauststudio – Scheer

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Sie arbeiten seriös. Wirklich. Sie arbeiten ganz seriös an der Zerstörung der Welt.“, sagt Jochen Irmler (Faust), in dessen Klangband-Studios in Scheer Fraktus II am vergangenen Freitag Premiere feierte, vor dem Konzert über Bernd Wand, dessen Mutter und Carsten Meyer. Wenige Minuten später wissen wir, was Irmler mit dieser Beschreibung meinte. Denn Fraktus II sind nicht zu greifen, absolut unfassbar. Zu Beginn der Show platziert sich Irmler selbst am linken Bühnenrand, hinter seinen selbst konstruierten Orgelaufbauten, die rein optisch an die Skyline einer dystopischen Metropole erinnern.

dsc_2141Rechts aber greift Meyer, „der musikalische Leiter der Expedition“, in die Organe seines Flügels. Präparierte Orgel trifft – frei nach John Cage – auf präpariertes Klavier. Zwischen den Klangschüben huscht Mutti Wand schüchtern auf die Bühne und Bernd Wand schiebt sich unter einem riesigen Schildkrötenpanzer aus Eierboxen durch die Publikumsreihen. Es folgt ein minutenlanges Pamphlet des Bandleaders: „…eine absichtlich herbeigeführte Explosion im Klanglabor. Alle Petrischalen platzen unter liebevollen Ohren des Tonkollektivs. Diese Reinigungskosten könnte kein Mensch bezahlen. Das ist das Wunder von Scheer!“

dsc_2134Erst jetzt wirft Meyer die elektronischen Maschinen an und es vermischen sich Neue Deutsche Welle, Schlager, Techno und Krautrock zu einem ganz neuen, auf der Rasierklinge der Realität balancierenden Genre. Das Fraktus II hier im vermeintlichen Nichts das Licht der Welt erblickt ist folgerichtig. Nach dem Ende von Fraktus (aufgearbeitet in der gleichnamigen und längst legendären Mockumentary) war Bernd Wand nach Brunsbüttel zurückgekehrt und hatte nicht nur im Optikergeschäft seiner Eltern gearbeitet, sondern mit ebendiesen auch Fraktus II gegründet. Bereits im Film formulierte Wand den Wunsch einmal auf dem Klangbad-Festival aufspielen zu wollen. Im Sommer wurde diese Sehnsucht zumindest teilweise erfüllt: Fraktus II reisten für eine Woche ins Donautal und setzten gemeinsam mit Klangtüftler Irmler und offiziell gefördert vom Land Baden-Württemberg ihre Debütplatte „Optische Täuschung“ um. Das kann man sich alles nicht ausdenken!

dsc_2168Das Bewusstsein ist nur eine temporäre Haltestelle auf dem Weg in den Wahnsinn!“, erklärt dann auch Bernd Wand und als Zuhörer merkt man deutlich, wie einem die Begriffe wie Sand zwischen den Fingern zerrinnen. Bei „Farben und Verläufe“ schraubt dann Irmler magnetische Klangschrauben aus der Tiefen seines Krautrockgolems, während Wand sich selbst dabei filmt, wie er Farbe auf eine rotierende Papier-Schallplatte träufelt und seine Mutter und Carsten Meyer das Tanzbein schwingen. Und eben weil Musik begrifflos erscheint, erlaubt sie eigentlich keine solche Ironie. Anders als in der bildenden Kunst finden Abstraktion, Karikatur und Naivität nur selten ihren Weg in Bandprojekte, weil die meist für mehr stehen und stehen müssen. Für Politik, für Bewegungen, für das eigene Ego. Fraktus II sprengt diese ewigen Beschränkungen mit Leichtigkeit. Und auch mit Ironie, klar, aber stetig im des Parametersystems der Hoch- und Popkultur und ganz bewusst auf den Moment der aufklappenden Falltüre hin komponiert.

Das Konzert ist schreiend komisch, vollkommen absurd, total gaga auf so vielen Ebenen und dann doch wieder tragisch bis melancholisch in seinen unzähligen kleinen Gesten. Realität und Hyperrealität und Performance und Fiktion und Irrsinn verschmelzen zu einer hybriden Masse und es bleibt dem Rezipient überlassen, wie er diese nun für sich verformt. So muss Dada vor 100 Jahren auf den vormodernen Menschen gewirkt haben. Fraktus II ist Dada hoch 3. Dadadada!

Nach dem Konzert sitzt die Band gemeinsam in den Räumen der ehemaligen Papierfabrik. Ein Besucher verabschiedet sich vom Frontmann: „Tolle Nummer war das, danke, äh, Bernd, oder ähm… Jacques. Ja wie denn jetzt?“ „Jacques Palminger, jetzt hier, da kann ichs ja sagen. Von einer Kunstfigur in die andere…“ Der Druck fällt sichtlich und gemeinsam mit dem jetzt abgezogenen Rollenmantel ab und jetzt erst offenbar sich harte Arbeit, die zermürbenden Denkprozesse im Spiel mit dem Wahnsinn und der Authentizität. Aber Authentizität, springt wenig später ein Meyer ein, ist ja sowieso das größte Unwort überhaupt.

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Interview mit Langtunes (Iran) und Ramzailech (Israel) im Zuge der Secret Handshake Tour

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Das anhaltende politischen Krisengemenge im Nahen Osten ist 2015 präsenter als je zuvor. Kriege, Krisen, Terror, Jahrhunderte andauernde Fehden und Feindschaften, zerschossene Kultur, wohin das Auge reicht. Positive Meldungen sind kaum zu vermelden oder werden von den allgegenwärtigen Hiobsbotschaften einfach verschluckt. Doch mitten in diesem scheinbar undurchdringbaren Strudel der Gewalt und Unterdrückung, haben sich zwei Bands aus zwei Welten zusammengefunden, um gemeinsam gegen den Strom zu schwimmen, sich die Hände zu reichen und gemeinsam zu „Devil Horns“ zu formieren – als Zeichen des Friedens, aber auch der Rebellion. Ramzeilech aus Israel und Langtunes aus dem Irans gehen im November gemeinsam unter der Fahne „The Secret Handshake“ auf Europatournee und spielem 24.11. auch im Konstaner Kulturladen und präsentieren auch abseits des natürlich präsenten politischen Diskurs, einen außergewöhnlichen, vielschichtigen Konzertabend. Denn während die Langtunes eine eingängigen, konzentrierten Indierock spielen, sind Raumzelech echte Pioniere im Feld des „Electric Hardcore Klezmer“.Im Gespräch mit RisseImAsphalt sprachen Behrooz, Frontmann der Langtunes und Ramzailech Gitarrist Amit über ihre Heimat, kulturelle Unterdrückung und eine einzigartige, musikalische Freundschaft. (Das nachfolgende Interview habe ich in englisch veröffentlicht. Allerdings ist das Gespräch gekürzt und übersetzt im Südkurier erschienen (KLICK!))

 

How does rock music function in your home countries? Is there a real alternative scene?

Langtunes: „There’s no function in which you can describe the way rock music is working Iran. Meaning, there’s no official platform, opportunity or ways, for the musicians to work. But of course, you can’t stop the people from doing what they wanna do! So people go to the underground and start doing what they wanna do under the radar of the government! If there’s not a chance to publish some kind of a music, they do it online. If there’s not a concert allowed, they do it in their basements and private parties. If there’s not a chance to make ssome kind of a movie, you do it illegally and screen it outside of Iran, if there’s not a chance to have a fashion show, you build up your own stage and you invite people around you and do it in private, and it goes on and on…So there is a function sort of , for the alternative scene to say, but it’s all working in the underground.“

Ramzailech: „Rock and heavy music is a big part of our musical language. We, Gal and Amit, grew up together but listened to a lot of different music. So between the two of us there’s anything from traditional Klezmer music like Dave Tarras and Giora Feidman to heavy industrial influences like Das Ich, Ministry and Oomph. That diversity between our influences is a key factor to the sound of Ramzailech. There are some amazing bands here in Israel that play all genres from straight-ahead rock to doom and noise. Some get a chance to go overseas and have some sort of recognition while others stay under the radar. You should check them out!“

 

Especially in Iran it is forbidden to spread Western music – did you often come into conflict with the law? How could the establish the Langtunes under these circumstances? In germany a lot of people recognized the succes of „Taxi Tehran“ – are there many artists who set against the current politcal situation Iran?

Langtunes: „As long as you stay under the radar, you’ll be fine! You need to be smart, and know your way around! Of course, there were some trouble for us with the officials over the years, but nothing that big that could stop us from working. And it all depends on how big you get with your audience inside Iran. If you would catch some big attention inside or outside of Iran, then you might get into trouble, as did the guy who made this “Taxi Tehran” movie, who ended up in jail. So of course there’s trouble on your way, but you never know what the consequences would be!“

 

And what about Israel? What to the people think, when you tell them that you are on tour with a band from Iran?

Ramzailech: „We weren’t sure how people would react to the idea, but the more people we’ve talked to, we we’re happy to learn that people are interested and supportive: We we’re playing a festival in Israel and during the show we told the audience about the tour and we got a round of applause. That was an amazing feeling.“

 

How did the meeting between your two bands go? Did you understand each other immediately? Was there sympathy between your groups from the beginning?

Langtunes: „From our perspective, it was as much unimportant where the guys from Ramzailech are, as it could be! We had the communication, as humans, musicians, with the same goal and same spirits. We were easy together, and later came the thoughts of being from these two “forbidden to meet” nations. So that brought us to the thought of “hey, does it really matter where you come from?” and enjoying this concept of a humanistic relation between two groups of people who are not “supposed” to be friends together, but ended up being so, we thought of working with it, showing it to the other people as well, and promoting this way of thinking. No matter how open minded we are, or whether or not we are super intellectuals, we often see people having these borders in their head. “where are you coming from?” is a question people ask each other everyday, and so follows the tags, the prejudices and thoughts towards each other, depending where we are coming from. That’s what we didn’t feel! That’s what we are trying for the people to realize!“

Ramzailech: „We’re all people, we met each other, got along from the very first moment, had a great concert together and that was that. That’s how easy it was. Maybe we owe some credit to the turkish restaurant we ate at after the show. Food always helps. But that’s all you need, people who want to do something cool and just decide to go for it.“

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Who had the idea to do a tour together and what about the idea to start this whole project over Crowdfounding?

Langtunes: „The idea of a common tour actually came from our manager Elnaz Amiraslani who´s also an Iranian and music-promoter in Germany who connectet us 2014. With all of us talking after the one show last year, over the points I mentions above we were positive with that idea right away. And of course, we had two ways to make it happen. Ask for sponsoring and official helps, or go with it on our own. Asking the officials, would mean that we had to take political sides or to send out political messages to the one side or the other, and we wanted to stay away from all these. So the other option was to involve people with it, and ask for them to take part in this peace promoting project.“

Ramzailech: „The tour felt right for everyone. When we met Elnaz, who manages Langtunes, it felt like there’s a team that could make it happen. Booking a tour is a lot of work anyways so why not do it with two bands from Israel and Iran? We keep politics away from the music, so it made more sense to have more support from crowdfunding rather then involving the government.“

 

Two bands from two worlds – with completely different cultural background and who play totallay different musical genres: What can I as a visitor expect from the Secret Handshake Tour? Is it all about music? Or will you also do discussions or lectures?

Ramzailech: „Langtunes is one of the coolest bands in Europe right now. It doesn’t matter if they’re from Iran, Australia of from Mars. They’re a good band. When we play a Ramzailech concert, we do everything we can to play the best show we’ve ever played. That’s what it’s all about for us. We’re more interesting on stage playing our fucking asses off than in a room with a powerpoint slide talking about falafel.“

Langtunes: „Mostly this is about two bands, following up their dreams, no matter where they come from, who they are, and what their cultural backgrounds are. You should expect to see two bands putting all their efforts to rock the shit out of the stage! Of course, after that, you can think about, this rocking off, came from two bands, who are not supposed to be on the same stage, who are not supposed to be friends, who are not supposed to meet each other at their homelands, and who are not supposed to share the same dream, but music, is one thing that could connect people globally to share the same experience and talk the same language!“

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How important is such a symbolic handshake especially in the current political reality?

Langtunes: „People are the ones responsible for making any sort of differences in this world. And of course, if people start moving out of the borders from their heads, removing tags and names and nations from their way of thinking, and connecting with one another, more peacefully and more humane, we would be living in a more beautiful world. And if this tour can make even one person think like this, we can say that we already made some changes.“

Ramzailech: „That’s a very deep question but the answer is very simple: Music. Music is why we do this. Musicians do things that politicians couldn’t dream of: they connect people, they don’t even need words to do so. As long as people can come together and do that, we’re optimistic.“

 

Do you expect restrictions and problems in your home country after the tour?

Langtunes: „Of course the two governments need this conflict to use it for their benefits, politically. And of course if this really begins to make some changes, they will be pissed off, and of course we are thinking of all the risks. Could be lethal for us, or could be nothing in the end. We’ve always been risk takers in what we’ve been doing. Risk, stress, and rebellion has always been a part of rock n’ roll. We’re young, wild, and full of rock n’ roll!“

Ramzailech: „I’m a big fan of ‘club-mate’, so whenever I’m in Germany, I’m hooked. it’s almost impossible to find it Israel so that’s a very possible case of problems and restrictions.“

 

What have you planned for the future?

Langtunes: „A more peaceful world. A more successful career for both of our bands. A great audience who are thinking free and enjoying our shows and spreading our music and sharing our hopes and dreams and passion!“

Ramzailech: „We’re releasing our album “Tsuzamen” in a few weeks, that’s a dream coming true. We’re already in the studio working on more new music. Also, somewhere in the near future, we hope to take a day off and rest, but not yet.“

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Jeder regelmäßige Konzertbesucher legt sich früher oder später eine Art Katalog der Banderinnerungen an, in welchem er seine Erfahrungen und Erinnerungen einspeisen kann. Da reihen sich dann all die Enttäuschungen, Gänsehautmomente, Blockbuster und spät erfüllte Live-Wünsche sauber nebeneinander ein. Besonders in die Erinnerung gräbt sich aber eine ganz besondere Art von Konzert: Jene Shows, in die du vielleicht zufällig reinrutscht, von denen du dir so gar nichts erwartest und die dich komplett kalt erwischen und vollständig wegblasen. Wer am vergangenen Donnerstag in den Konstanzer Kulturladen marschierte, hatte die seltene Gelegenheit ein solches Konzertgefühl zu erleben. Der Grund: Mother´s Cake aus Österreich!

Drei Mann: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Das ist die ursprünglichste, die rohste aller Besetzungen. Eigentlich, so meint man, hat man alles gehört, was diese grundlegenden Parameter hergeben. Von wegen! Ab der ersten Sekunde zündet das psychodelische Punkrock-Potpourri der Österreicher und schiebt den Kula druckvoll in Richtung akustische Kernschmelze.

Mother´s Cake sind eine ganz neue Art von Band, ein Trio, dessen Biografie zwei komplett unterschiedlichen Welten entsprungen ist. Auf der einen Seite ist das die ganz klassische Bandevolution. Der Aufstieg von der kleinen, verplanten Rockgruppe, die sich durch die Jugendhäuser des Tiroler Oberlandes spielte und sich später Stück für Stück nach oben hangelte und sich als Vorgruppe von Größen wie Iggy Pop oder Limp Bizkit ihre Sporen verdiente. Auf der anderen Seite aber präsentiert sich Mother´s Cake aber auch als Bandprojekt 2.0, das sich Zeitgeist-typisch in unzähligen Band Contests duellierte, die Tour mit den Prog-Rockern Anathema auf Youtube dokumentierte und ihre Videoprojekt „Off The Beaten Track“ per Crowdfounding finanzieren ließ. Unterm Strich sind Mother´s Cake also eine hybride Band, die sich sowohl in nach schweiß-stinkenden Konzertclubs, als auch im digitalen Anderen bewegt und diese Kontraste zumindest diskursiv in ihrer Musik umsetzt.

Das Feuerwerk, das der Tiroler-Dreier zündet ist eine Art Next Level Crossover: Da zersprengt es schon mal ein erbarmungsloses Stonerrock-Periodensystem in seine einzelnen Bausteine, ehe das soeben angerichtete Chaos konzentriert von einem Red Hot Chili Peppersesken  Bassbeat zusammen gefrickelt wird, nur um dann – jetzt kommt’s – den scheinbar sicheren Bauplan in einer elektronisch abgespacten Goaekstase aufzudröseln. Und scheinbar sind sich Mother´s Cake gar nicht so richtig bewusst, was sie da gerade mit den guten alten Konventionen des Rock’N’Roll anstellen (nämlich durch den auf den Kopf gestellten Fleischwolf drehen). Seelenruhig spielen sie ihren vor Sprengkraft nur so strotzenden Stiefel herunter.

 

Sänger Yves Krismer richtet ab und an einen trockenen Einzeiler in Richtung vor sich hin schwitzendes Publikum. „Wir sind Mothers Cake – aus Hannover!“ „Unser nächster Song heißt Atemlos!“ „Hat mal einer einen Bieröffner da.“ Dann geht´s weiter. Mit Volldampf. Und vielleicht muss ein Rockband im Jahre 2015 genau so klingen: Unberechenbar, unverortbar, anstrengend, hyperaktiv, vor wilden Zitaten und Verweisen und hypnotischer Sogkraft nur so überbordend, ständig mit dem finalen Kollaps kokettierend. Und natürlich springt bei diesem rasenden Ritt auf Riffrasierklinge die eine oder andere Komposition über die Klippe. Aber das Scheitern ist dem Rock’n’Roll seit jeher immanent und so ist dieser bewusste Blick in den eigenen Abgrund am Ende nur konsequent. Zudem muss definitiv Bassist Benedikt Trenkwalder hervorgehoben werden. Im Normalfall fristen Bassisten ein Schattendasein am Rande der Bühne, aber Trenkwalder ist der heimliche Frontmann der Band, der nicht nur immer wieder den Rhythmus wechselt, sondern klassische Techniken ad absurdum führt und den Bass vor allem im ausufernden Finale ins Zentrum des Klanggebilde verschiebt. Der dabei entstehende Sound gleicht einer scheppernden Achterbahnfahrt, voller Schikanen, Steilfahrten und Loopings. Mother´s Cake – Merkt euch diesen Namen!

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Hundreds – Kulturladen Konstanz

 

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Stille, das vergisst der Zuhörer oftmals angesichts des implizierten Widerspruchs, nimmt noch immer einen ganz entscheidenden Platz innerhalb der zeitgenössischen Popmusik ein. Klar, meistens wird mit ihr gebrochen, wird sie weggeschoben und muss dann Platz für den Sound oder den Krach machen. Aber manchmal wird sie eben bewusst eingesetzt, als kaum wahrnehmbare Spur im Stilmittel der Reduktion. Dieser Umgang mit der Stille ist diffizil, anspruchsvoll und erfordert extremes Feingefühl. Ein Gespür für die Nuance, welche Hundreds, das Geschwisterduo bestehend aus Eva und Phillip Milner, zur stilbildenden Eigenschaft ihres Entwurfs der elektronischen Popmusik gemacht haben und welches sie während ihres Openers „Foam Love“ im Kulturladen offen zur Schau stellen. Dort entspinnt sich ein aufs äußerste reduziertes Zusammenspiel zwischen Phillips vielschichtiger Pianocollage und Evas zunächst so zärtlich zerbrechlicher Stimme.

Die gegenwärtige Tour, die in Konstanz ihren gefeierten Auftakt fand, steht unter dem Motto „Tame The Noise“ („Zähme den Krach“). Akustisch soll es sein, aber eben doch nicht ganz akustisch. „Aber immerhin haben wir eine ganze Menge richtiger Instrumente mitgebracht.“, erklärt Eva direkt zu Beginn. Das Konzert macht in der Folge seine eigene, kleine Evolution durch: Alles beginnt am eingangs beschriebenen Nullpunkt, in der Dunkelheit, der Stille. Im weiteren Verlauf entwickelt sich das Soundgewand kontinuierlich und wird um immer neue, subtile Nuancen erweitert. Phillip beginnt zunächst damit, sein Piano kaum merklich zu verzerren und vergrößert das Gesamtgebilde alsbald durch elektrifizierte Loops. Nach den ersten drei Songs wird das Geschwisterpaar während „Solace“ von Schlagzeuger Florian ergänzt. Dessen erste Anschläge scheppern erbarmungslos durch das Publikum, welchem erst in diesem Moment des Lärms sein wohlig warmer Embryostatus innerhalb der Stille bewusst wird. Dieser Status Quo wird in der Folge konsequent dekonstruiert, die Sicherheit und Vorhersehbarkeit aufgegeben, die eindeutige Dunkelheit weicht nicht nur in den Texten dem ambivalenten Licht.

Die zentrale Energie entspinnt sich aber zwischen den beiden Polen Eva und Phillip. Dabei spielt das Geschwistersein für die Beiden oberflächlich keine wirkliche Rolle. Natürlich sind da die Anekdoten, die von gemeinsamen Auftritten auf Familienfeiern erzählen. Und von Phillips Aufstieg zum renommierten Jazz-Pianisten, der später Inspiration in der Stimme seiner Schwester fand. Darüber hinaus lenken Hundreds den Fokus bewusst in Richtung Musik und treten erst dort, auf musikalischer Ebene, als unheimlich effektive Partner in Erscheinung treten. Denn Live bewegen sich Hundreds nahe an einer technischen Perfektion. Die drei Musiker spielen sich selbst kleinste Soundpartikel präzise zu, erweitern diese, reagieren effektiv auf die Hinweise ihrer Mitmusiker. Da sind unübersehbare Ablaufparallelen zur Klassik und auch zum Jazz, die aber auch immer wieder von der ausreißenden, vielschichtigen Stimme der Frontfrau ad absurdum geführt werden. Am Ende bilanziert Eva Milner glücklich:  „Ich glaube wir spielen heute das längste Konzert unserer Bandgeschichte. Und wir sind so froh, dass ihr uns mit offenen Herzen empfangt! Ihr seid so still.“ Und hier schließt sich der Kreis. In der Stille. Wo auch sonst?

 

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Annenmaykantereit – Kulturladen Konstanz

Das sind also, Annenmaykantereit, Deutschlands wohl gehypteste Nachwuchsband. Da stehen sie aufgereiht, beinahe schüchtern, unsicher, ein wenig eingeknickt, fast so, als wüssten sie nicht, wer oder was sie gerade in dieses bis zum letzten Platz gefüllte Konzerthaus gespült hat. Auch Sänger Henning May macht auf den ersten Blick den Eindruck, als wäre er viel lieber irgendwo anders. Die Arme hat er wie Liam Gallagher hinter dem Rücken verschränkt, aber nicht aus Arroganz, sondern weil er nicht so richtig weiß, was er mit ihnen anfangen soll. Dazu kommen Ansagen der Marke: „Das nächste Lied spielen wir immer. Ist einfach so.“ Und dann beginnt May zu singen und das Momentum im Konstanzer Kulturladen verschiebt in Sekunden um 180 Grat.

Schnitt: Es gibt sie noch, die klassische, unspektakuläre Bandbiografie. Die Geschichte von drei Kumpels, die sich auf der Schule kennenlernen und zusammen Mucke machen. Die sich durch die obligatorischen Vorbandtourneen, Festival-Konzerte am Nachmittag und selbstgedrehte Videos zuerst auf die Notizzettel der Musiknerds und später in die Allgegenwärtigkeit des Internets spielen. Und dort dann plötzlich eine Lawine lostreten. „Viel Aufmerksamkeit für eine so junge Band, die gar nicht versucht hat, jeden Blick auf sich zu ziehen.“, heißt es von Bandseite aus und vielleicht liegt genau hier der Hund begraben: Hinter Annenmaykantereit steht kein ausgebufftes Marketingkonzept, die Kölner Band will eigentlich nur spielen und überzeugt dabei durch schiere Qualität. Und durch ihren Sänger.

Denn Henning Mays Stimme ist so irrsinnig anders, so einnehmend effizient, dass es sie in dieser Form im deutschen Pop vielleicht noch gar nicht gegeben hat. Soviel Superlativ muss hier tatsächlich erlaubt sein. Die einzige Assoziation, die sich angesichts dieses raumfüllenden Reibeisens aufdrängt, ist Rio Reiser. Doch Mays Organ ist noch härter, noch dunkler, wilder, gebrochener. Und sie trägt Annenmaykantereit auf breiten Soundschultern, denn abseits der Stimme, klingt die Band längst nicht so ausgereift.

Ein Sportler, dem immenses Potential nachgesagt wird, der dieses körperlich aber noch nicht vollständig umzusetzen kann, bezeichnet man gemeinhin als roh. Diese Assoziation poppt auch beim Konzert von Annenmaykantereit auf. Die Band strotzt nur so vor immensen, brach liegenden Talent, weiß dieses aber technisch noch nicht in Perfektion umzusetzen – und das ist auch gut so und in Zeiten von Popakademien und Band Contests eine charmante, wichtige Gegenposition. Tatsächlich befindet sich das Quartett in einer Art Versuchsblase, in der sie aktuell alle Eindrücke und Stile absorbieren und neu durchmischen. Dazu passt auch Mays Ansage in Konstanz: „Das nächste Lied gibt es nicht. Wir spielen einen Haufen unfertiger Lieder und hoffen, dass die irgendwie im Laufe der Tour fertig werden.

Natürlich markieren die Pressetexte das Ergebnis dieses Experiments als Indie, weil eben alles irgendwie Indie ist. Tatsächlich klingt Annenmaykantereit aber eher nach The Clash als nach Oasis und definitiv eher nach Ton Steine Scherben als nach Sportfreunde Stiller. Wir hören durchdachten, weit geöffneten, teilweise tanzbaren Punkrock, angereichert mit Balkan-, Blues- und Jazz-Elementen, Clash-typisch getragen von einem dominanten Schlagzeug Beat, verstärkt mit Reizpunkten aus Mundharmonika oder Melodica. Das alles vermengt sich zu einem vitalen, unausgegorener Strom, der gerade aufgrund seiner Unfertigkeit mitreißt, fasziniert und einen hohen Wiedererkennungswert besitzt.

Die stärksten Sequenzen erlebt das Konzert während der ruhigeren Kompostionen. Songs wie „Neues Zimmer“ oder „Dritter Stock“ stechen hervor, vor allem, weil darin die unbekümmert daher  geschriebenen Texte in den Vordergrund rücken. Hier geht es um Alltagsbeobachtungen, Langeweile, zerrissene Leben, um Kaffe machen, um Heimat und geplatzte Träume. Und ja, das hat man alles schon tausendfach gehört, aber der spielerische Umgang mit Sprache scheint neu und erinnert abermals eher an Punkrock und bessere Hip-Hop-Texter. So heißt es in der Ballade „Barfuß am Klavier“, die May während der Zugabe alleine am Piano zum Besten gibt, so wunderbar unprätentiös und auf dem Punkt: „Du und ich, das war zu wenig.“ Und auch deshalb kann es Ende nur eine Erkenntnis geben: Dieser Hype ist gerechtfertigt. Annenmaykantereit sind die junge deutsche Band der Stunde.

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Maifeld-Derby – 01.06.2014 – Mannheim

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Das Maifeld-Derby 2014 ist Geschichte und die Macher des Festivals blicken auf das bis dato erfolgreichste Festivaljahr zurück. Über drei Tage bespielten insgesamt 60 Bands die fünf Bühnen des Festivals und boten dabei einen breiten Einblick in die Welt und den Variantenreichtum der Independent Musik. Außerdem gab es für das Maifeld eine besonders erfreuliche Premiere: Gutes Wetter! Im Gegensatz zum vergangenen Jahr hatte sich die Anordnung der Bühnen marginal verändert. Auch 2014 stand das (vor allem auch atmosphärisch) imposante Palastzelt im Zentrum, die Open Air Stage indes wurde verschoben und bot nun mehr Platz und bessere Sicht für das Publikum. (Soweit die Stakkatomäßige Einleitung, gleich wirds emotionaler. Anmerkung des Korrekturlesers) .Dementsprechend konnte Peter Putz, Mitglied des Veranstalter-Teams, absolut positiv resümieren: „Wir sind mit einer durchschnittlichen Besucherzahl von 4000 pro Tag und ca. 12.000 über das gesamte Festivalwochenende sehr zufrieden.  Das ist noch mal ein ganzes Stück mehr als im letzten Jahr und eine schöne Bestätigung für unsere inhaltliche Arbeit. Auch die Änderungen in der Konzeption und Konstellation des Festivalgeländes wurden sehr positiv aufgenommen.
Vor allem der Festivalsonntag bot ein extrem ausgewogenes und aufregendes musikalisches Programm. Lest unsere Einblicke in einige großartigen Konzerte.

Das Maifeld Derby beginnt für uns mit dem Auftritt von Girls in Hawai. Der Bandtitel alleine klingt zunächst natürlich nach beschwinglichen Indierhythmen, Sommer, Sonne und guter Laune Geklimper. Hawai eben. Und Girls. Falsch gedacht. Girls in Hawai sind eine der spannendsten Band der nach wie vor florierenden belgischen Indieszene und spielen am Festivalsonntag eine energetische Show, die den Zuhörer in einigen Momenten tatsächlich ein wenig an das überragende Headliner-Konzert von The Notwist im vergangenen Jahr erinnert. Das heißt: Wir hören wie sich Soundschicht über Soundschicht legt, ehe sich vor der dunklen Maifeld-Bühne eine regelrechte Lärmwand auftut, die sich dann Tsunami-artig über das Publikum ergießt. Stark! Vor allem die letzte Song, der sich über Minuten aufbaut, verschiedene Stile kombiniert und im Anschluss in einem Jamorkan alles einreißt, überzeugt  und zwar auf ganzer Linie. Von dieser Band werden wir noch einiges hören.

Weiter geht’s draußen mit The Elwins. Und die machen genau die Art von Musik, die man eigentlich (als Namendeuter) von Girls in Hawai erwartet hätte (Beschreibung siehe oben). Das ist ganz nett und passt natürlich wunderbar in den Sonnenschein, aber insgesamt ist diese Art von Musik doch ein wenig zu angenehm und rutscht einem ein zu schnell die Gehörgänge hinunter. Den Kanadiern fehlt ein Ticken an Ecken und Kanten, Sounds, die sich in den Ohrmuscheln festkrallen. Immerhin tanzen unzählige Mädchen mit Blumenkränzen in den Haaren. Denn: Die Sonne scheint. Am Maifeld (!).

Spannender wird es im Anschluss im Palastzelt: Dort marschieren nämlich Temples auf die Bühne, die zuletzt vor allen Dingen in Großbritannien einen ordentlichen Hype erfahren haben (und auch hier darf der Hinweis nicht fehlen, dass sowohl Johnny Marr, als auch Noel Gallagher die Truppe aus Kettering als „die heißeste junge Band der Insel“ bezeichnet haben. Ritterschlag von Atombombenausmaß). Am Maifeld-Derby beweisen „Die Tempel“ (sorry!) wieso: Zunächst einmal besitzt Frontmann James Edward Bagshaw der imposantesten Naturafro der Rock´N´Roll-Szene seit Wolfmother Boss Andrew Stockdale. Des Weiteren ist das Psychodelic-Geschrammel, dass die zierliche Band auf die Bühne klatscht absolut imposant und erfrischend. Zack und Bämm. Vollgas und geradeaus. Einer aus dem Publikum schreit „You Guys Are Amazing.“ Von der Bühne antwortet ein gelangweiltes, kaum wahrnehmbares Nicken der Marke „Wissen wir schon lange“. Rock`N´Roll eben.

Das Bühnenpendeln geht weiter. Als wir uns aus der Dunkelheit des Zeltes schälen erfolgt die wettertechnische Überraschung. Wo uns zuvor blendende Sonnenstrahlen die an die Dunkelheit gewohnten Netzhäute verätzten, klatschen uns jetzt dicke Regentropfen ins Gesicht. Das Maifeld hat eben einen Ruf zu verteidigen. Der Schuldige ist schnell gefunden und gibt das auch noch unverfroren zu: Hozier kommt aus Irland und natürlich hat er den Regen mitgebracht. Eigentlich müsste man ihm dafür böse sein, würde er nicht in der Folge ein Konzert spielen, das absolut in Erinnerung bleibt und den Titel der „Überraschung des Sonntags“ ganz locker einstreicht. Frontmann Andrew Hozier-Byrne hat eine fantastische Stimme und schlägt dunkle, bewegende Töne auf seiner Bluesgitarre an, während seine Band, inklusive Piano und Streicher, den Singer-Songwriter-Kompositionen eine unglaubliche Tiefe und Größe verleiht. Das ist Bluesrock vom Feinsten, irgendwie dunkel und traurig, irgendwie tanzbar und angenehm. Ein wenig erinnert das an die frühen Kings Of Leon gepaart mit irischer Gelassenheit. Vor allem „Take Me To Church“ ist ein Song der genau hier, an diesem Ort, im kalten Regen aber so was von in Erinnerung bleibt.

St. Vincent surfen gerade auf einer ordentlichen Hype-Welle. Die Feuilletons überschlagen sich ob Anne Erin Clark musikalischer Vielseitigkeit. Den Mrs. Clark (und um diese Assoziation kommt man irgendwie nicht herum) ist so etwas wie die Lady Gaga der Independet-Szene und kann genau diesen Vergleich vermutlich absolut nicht mehr hören. Das Konzert ist vor allen Dingen von einem gehörigen Grad der Unberechenbarkeit geprägt: Hier scheppern böse Elektrosequenzen in durchdringende Poprhythmen, die dann wieder in klassischen Indiefrequenzen zergehen. Hm. Wow. Oha. So richtig in Worte fassen lässt sich eine Show von St. Vincent nicht. Und irgendwie ist das ja auch gut so. Clark offenbart vor allen Dingen ein immenses musikalisches Talent und eine beeindruckende Bandbreite, die sie bis zu den letzten Zentimetern ausbreitet und abmarschiert. Und natürlich ist das alles irgendwie noch Experiment, ein Ausloten der Möglichkeiten, das in letzter Konsequenz aber nicht komplett aufgeht, weil die letzte, die finale Radikalität doch ausbleibt.

Wye Oak indes spielen eine wunderbar berechenbar schöne Art von Musik. Die Sonne ist zurück, man stellt sich entspannt in die ellenlange Crepes-Schlange und das Duo aus Baltimore bildet damit das ideale Bindeglied zwischen der wilden, ausufernden St. Vincent Show und….

The National. Dieser Name thronte in diesem Maifeld-Jahre über allem – zum einen, weil das Maifeld-Team bis dato noch nie einen Bandfisch von einem solchen Ausmaß an Land gezogen hatte (immerhin gilt The National als Lieblingsband von Barack Obama), zum anderen haben sich die beinahe beängstigenden Livequalitäten der Band mittlerweile nachhaltig herumgesprochen. Und eins vorweg: Die Band um Sänger Matt Berninger enttäuschte trotz gigantischer Erwartungen nicht eine Sekunde und dürften( Stand 2014) wohl wirklich eine der besten (oder halt eben die beste) Live-(Indie)band unseres Planeten sein. Hallo Superlativen. The National live besticht mit zwei verschiedenen Faktoren: Nummer 1 ist das Niveau der Musiker – die beiden Brüderpaare Aaron und Bryce Dessner und Bryan und Scott Devendorf entwerfen grandiose, vielschichtige, wunderbare Klanguniversen, die immer wieder von sensibel eingesetzten Bläserbombast an den Rand der Implosion getrieben werden. Gigantisch! Faktor zwei ist indes Matt Berninger. Der Irre. Berninger ist unberechenbar, superwitzig und meistens (zumindest gefühlt) stockbesoffen. Er zertrümmert Mikrofonständer nach Mikrofonständer, reißt so manchen Flachwitz, marschiert wie ein Tiger über die Bühne und zum Abschluss des Konzertes immer wieder mit ellenlangen Mikrofonkabel ins Publikum. Und egal wie und in welchem Zustand, egal an welchen Ort: Berninger singt sich die Seele aus dem Leib und legt sie dann noch seinem Publikum zum Füßen. Und wir im Publikum möchten mitschreien, wenn Berninger schreit, möchten mit weinen, wenn seine Stimme fast zerschellt. Am Maifeld sind The National zusätzlich mit Lightshow angereist, was das Gesamtkunstwerk noch einmal abrundet und um entscheidende Nuancen erweitert. Zum Abschluss gibt es eine fabulöse Unplugged Version von „Vanderlyle Crybaby Geeks“, die das Publikum zunächst zum Mitsingen aus vollen Kehlen animiert und ebendiese nach Abschluss des Konzerts offen stehen lässt. Mehr geht nicht.

Das ist definitiv der perfekte Festivalabschluss! Eben so wie es sein sollte.
P.S.: Das Maifeld liebte The National – und augenscheinlich beruhte die Wertschätzung auf Gegenseitigkeit. In seiner abschließenden Pressemitteilung berichtet Festivalmacher Timo Kumpf: „The National haben sich noch einmal ganz persönlich bei uns für das tolle, selbstgekochte Essen, die gesamte Betreuung und den hochprofessionellen Ablauf in allen Aspekten bedankt. Der Band hat es bei uns sehr gut gefallen, was man ihrem Auftritt auch durchaus angemerkt hat, denke ich. Für mich und mein Team ist das eine große Bestätigung.

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Friska Viljor – Kulturladen Konstanz – 04.11.2013

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Ganz am Ende stürzt sich ein bärtiger verschwitzter schwedischer Mann in das Meer von Musikfans vor ihm, spielt auf seiner leicht verstimmten Ukulele eine aufs nötigste reduzierte Komposition und brüllt dazu in schiefsten Tönen den Refrain seines größten Hits „Shotgun Sister“. Sein Publikum, triefend nass, schmiegt sich förmlich an den behaarten Barden und schreit es ihm nach im Chor: „Lalala“! Dieses prächtige Finale zeigt das was die schwedische Formation Friska Viljor seit jeher auszeichnete: Herzblut und ein so dermaßen charmanter Dilettantismus.

IMG_5563Die Geschichte von der Bandgründung Friska Viljors wurde so oft erzählt, dass selbst die Story, wie oft diese Geschichte doch erzählt wurde, ein alter Hut ist. Deshalb die Kurzversion: Vor einigen Jahren ziehen die beiden Kumpel Daniel Johansson und Joakim Sveningsson jeweils mit frisch gebrochenen Herz frustsaufend durch Stockholm. Irgendwann folgt die Schnapsidee: Lass uns den Liebeskummer in Musik verarbeiten. Problem nur: Die Beiden sind alles andere als Musikvirtuosen. Egal – unter dem Namen Friska Viljor begibt man sich in Studio und Proberaum und spielt sich den verklebten Frust von der Seele. Einige Monate später zieht das Duo ganz im Stile der Beatles musizierend über die Reeperbahn und plötzlich reift Friska Viljor zum Indie-Phänomen.

IMG_5574Zu diesem Zeitpunkt bin ich, damals ein frischgebackener Indie-Hipster (den Begriff hätte damals wohl keine begriffen), über Friska Viljor gestolpert und war absolut hin und weg. Das Projekt hatte die Antriebskraft von Punk, die Verspieltheit von Indie und einen dermaßen immensen Grad der Poppigkeit, der tatsächlich Beatles-Assoziationen hervorrief. Kurzum: Eine innovative, versoffene, wunderbar dilettante, Ohrwurm-züchtende Pop-Kreation. Das Debüt „Bravo“ ist dementsprechend wohl bis heute eins meiner meist gehörten Alben, „Tour De Hearts“ rotierte ebenfalls regelmäßig – doch dann begann ein schleichender Entfernungsprozess. Die Folgealben klangen von mal zu mal glatter und die Band verlor (für mich persönlich) ihre Faszination, ohne etwas dafür zu können. Den Friska Viljor verfielen keinesfalls den Reizen des Mainstreams. Sie wurden einfach bessere Musiker. Ein Paradox.

IMG_5571Heute ist Friska Viljor eine echte Band mit echten Musikern. Das hört man im bist zum letzten Platz ausverkauften Kulturladen vor allem in der Anfangsphase. Die Songs vom neuen Album „Remember Our Name“ klingen im Vergleich zum Frühwerk auch livegeradezu glatt poliert – es fehlt an Ecken und Kanten, Überraschungsmomenten, Irrsinn – kurzum am eingangs beschworenen Charme. Erst im Verlauf des Konzertes bröckelt diese Perfektion, Friska Viljor spielen sich regelrecht frei und zeigen dann in der zweiten Hälfte ihrer Show, welche fantastische Liveband sie doch sind. Da tönen leise Elektroarrangements, da jault eine Trompete, hier tönt ein Glockenspiel – und alles zusammen schweißt sich immer und immer wieder zu mitreißenden Pophymnen zusammen. Highlight (und Kombination aus alter Rohheit und neu entdeckter Technik) ist die epische Version von „Useless“, die Daniel und Joakim im Duo akustisch sezieren, welche sich dann unter ansteigender Bandbeteiligung zum orchestralen Popsong aufschwingt und in den letzten Takten einem zerbrechlichen Trompetensolo zerfließt. Sollte es Friska Viljor in Zukunft gelingen, ihre neu gewonnenen musikalischen Skillz mit ihrer alten Verplantheit und Verspieltheit kombinieren können, hat diese Band noch einiges im Tank. Whatch Out!

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