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Posts Tagged ‘kritiken’

Kendrick Lamar, Good Kid M.a.a.d. City, Interscope (Universal)

Eine Zeitbombe

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Die HipHop-Szene, das ist nicht neu, sucht ihren Messias, einen Aufspalter, der der neuen digitalen Welt endlich und vollends gerecht wird. Vielerlei Augen erblickten in Kendrick Lamar aus Compton genau dieses Potential. Sein Debüt Section80 war mehr als vielversprechend, die Vorschusslorbeeren indes, die im Vorfeld zu Good Kid M.a.a.d. City in Blogs und Magazinen ausgeschüttet wurden, hätten wohl jeden römischen Cäsar in die Knie gezwungen. Und ja, das Album greift ab der ersten Sekunde und funktioniert als Konzeptalbum, als Aneinanderreihung von Geschichten und Storys aus dem dunklen Herz der amerikanischen Straße. Kendrick Lamar ist ein Poet, der sich viel eher in die Tradition der großen Singer/Songwriter, irgendwo zwischen Dylan und Young einreiht, als ein bahnbrechendes HipHop-Album abzuliefern (das eine schließt das andere selbstredend nicht aus). In seiner Machart bleibt das Album größtenteils in beruhigten Gefilden, vermeidet allzu krasse Brüche und überraschende Effekte. So bleibt festzuhalten: Während die Vorab-Singles „Swimming Pools“ und „The Recipe“ sofort zünden, gleicht der Rest des Albums einer Zeitbombe.

Kaufempfehlung? Du kommst nicht dran vorbei!

 

Godspeed You! Black Emperor, „Allelujah! Don’t Bend! Ascend!“, Constellation (Cargo Records)

Gegen jede Regel

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Godspeed You! Black Emperor wollen mit Musik des 21. Jahrhunderts nichts zu tun haben. Die Band aus Kanada entzieht sich allen gängigen Regeln und Abläufen, allen Schemen und fixen Ideen. Vielleicht, so diskutiert man im Internet, ist das alles Kalkül, immerhin ist der kanadische 10er mittlerweile Vorreiter und Aushängeschild der gesamten Postrock-Szene. Vielleicht aber schafft sich das Postrock-Orchester genau dadurch eine endgültige, totale Freiheit. Fakt ist, dass „Allelujah! Don’t Bend! Ascend!das erste Godspeed (das ist einfacher) Album seit 10 Jahren ist. Ganze vier Songs beinhaltet das Album, zwei davon, „We Drift Like Worried Fire“ und „Mladic“, breiten sich über epische 20 Minuten aus, schichten Schichten übereinander. Streicher, Geräusche, Töne, Knacken, Jaulen. Die Stücke gleiten dahin, brechen aus, frieren ein und zerbersten in tausend Scherben. Die beiden anderen Songs, „Their Helicopters Sing“ und „Strung Like Lights…“, dauern schmale sechs Minuten – das ist Popformat für Godspeed. Und während des Hören sucht man verzweifelt nach passenden Bildern, das Resultat: Diese Band fährt Schaufelbagger im Porzellanladen, streicht mit Pinseln über Flugzeugturbinen.

Kaufempfehlung?Bitte anhören!

Biffy Clyro, „Opposites“, Warner Music International (Warner)

Der süße Ruf des Mainstream

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Als Musikfan verliert man von Zeit zu Zeit eine Lieblingsband. Nicht aus den Augen, sondern an die Seichtheit des Mainstreams. Ein Beispiel hierfür wären die Kings Of Leon, die über Jahre formidablen Blues Rock kredenzten und deren Rockballaden mittlerweile zu den Favoriten der DSDS-Castingteilnehmer zählen. Als Kandidat für ein ähnliches Schicksal hatte die Szene in den vergangenen Jahren Biffy Clyro ausgemacht. Denn das schottische Trio, gesegnet mit immensen Talent und Potential, hatte sich mit einer aberwitzigen Kombination aus Prog-Indie-Avantgarde und bombastischen Live-Auftritten eine überschaubare und treue Anhängerschaft und den Ruf einer Liebhaberband erspielt, ehe „Puzzle“ plötzlich eingängiger funktionierte und „Only Revolutions“ bereits zu großen Teilen dem süßen Ruf des stadionkompatiblen Mainstreamrock erlegen war. Mit „Opposites“ marschiert die Truppe den eingeschlagenen Weg nur konsequent weiter, schafft dabei aber den eleganten Spagat zwischen Eingängigkeit und Progressivität. Klar sind da Keyboard-Sounds, klar spielt da ab und an ein Orchester die erste Geige und klar wartet das Doppelalbum mit gefühlten 15 Radiohits auf – aber die Gesamtkomposition funktioniert und wirkt durch und durch authentisch: Das Schlagzeug pumpt marternd, die Gitarre sägt in prächtiger Prog-Grunge-Manier und Simon Neils Stimme beschwört nuancierte Hymnen. Und so rotiert eine breitschultrige Rockscheibe, die wohl selbst Dave Grohl die Neidesblässe auf die Backen zaubern könnte.

Kaufempfehlung? Für Fans: Na Klar! Für Einsteiger: Lieber Puzzle!

 

Bad Religion, „True North“, Epitaph Europe (Indigo)

Die alte Leier

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Es gibt ein Problem mit dem sich jede Punkband, die länger fünf Jahre besteht früher oder später auseinander setzen muss. Mit zunehmenden Alter ändert sich der Zugriff auf das Leben, die politischen Ansichten und meist auch das musikalische Grundverständnis. Aus diesem Grund entwickelte Joe Strummer The Clash zu einer aufregenden Blues-Rock-Indieband und deshalb warten Green Day Jahr für Jahr mit immer neuen und stetig fragwürdiger werdenden Konzepten und Konzeptalben auf. Bad Religion indes haben ihren ganz eigenen Ansatz zur Lösung der Misere gefunden: Sie ignorieren sie einfach komplett. Die kalifornische Punkkombo besteht nun seit nunmehr 30 Jahren und hat in diesem Zeitraum circa 20 Mal die selbe Scheibe veröffentlicht. Die Blaupause: Ein Haufen Zweiminüter mit politischer Aussage, Ohrwurm-Riffs und choralen Mitgröhlrefrain. Herrlich! Auch „True North“ gestaltet sich nur bedingt anders – für einige Reizpunkte sorgt aber vor allem die Produktion: Produzent Joe Baresi ist eine Legenden des Prog- und Stonerrock und zeichnet sich normalerweise für die Aufnahmen von Bands wie Tool oder Kyuss aus. Er verleiht der alten Bad Religion-Leier eine unberechenbare Brise. So kommt „The Past Is Dead“ zunächst ungewohnt düster daher und erinnert beinahe ein wenig an eine Tool-Light-Version, ehe der Song wieder im Bad Religion-typischen Highspeed lossprintet. „Crisis Time“ folgt einen ähnlichen Aufbau, überrascht aber mit Gesangsvarianten – Ohrwurm inklusive. Und ja: Das macht schon Spaß!

Kaufempfehlung? Ach, entweder „True North“ oder irgendeine andere Bad Religion. Die Unterschiede sind peripher!

Jake Bugg, „Jake Bugg“, Mercury (Universal)

 Stadion und Lagerfeuer

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Es gibt wahrlich einfachere Aufgaben für einen noch nicht mal volljährigen Singer/Songwriter als bei einem Noel Gallagher-Konzert als Voract aufzuspielen. Denn die Fans der Gebrüder Gallagher und deren ehemaliger Formation Oasis ticken zu großen Teilen ähnlich wie ihre Idole: Sie dulden keine anderen Götter (respektive Musiker) neben Oasis. Jake Bugg war das egal, mit dem Selbstvertrauen der Nottinghamer Arbeiterklasse stellte sich der 1994 geborene Musiker vergangenes Jahr den Britpop-Fans und bekehrte die Massen. Ende Januar erscheint Jake Buggs Debüt (das auf der Insel übrigens spielerisch Platz 1 erklomm) endlich auch auf dem deutschen Markt. Jake Buggs Stimme, das liegt auf der Zunge, ist seine größte Waffe. Ein dylaneskes Reibeisen, inklusive Gallagher-Nöligkeit, die sowohl zum Lagerfeuer, in den Ghettoblaster oder das Festivalstadion passt. Gleich die ersten beiden Songs des Albums stellen die eindeutige Wahlverwandschaft zu den großen Vorbildern explizit heraus: „Lightning Bolt“ könnte eine klassische Komposition des jungen, aufmüpfigen Dylan sein: Schrammelgitarre, Highspeed-Strophe, knackiger Ausbruch und ein paar Sekunden Sologejamme. „Two Fingers“ indes ist langsamer, epischer, eingängiger, britischer, arroganter. Eine aufregende Mixtur, die vor allem deshalb Spaß macht, weil die Produktion nichts verschönert und übermalt: Die Aufnahmen sind dreckig, die Kompositionen Jake Buggs teilweise sehr roh – kein Plastik, sondern zitatreiche Musikgeschichte in Proberaumatmosphäre.

Kaufempfehlung? Na klar, ein bisschen Taschengeldaufbesserung für den Herrn Bugg sollte schon drin sein!

Universal New Order, Lost Sirens, Warner Bros

Gemischte Gefühle

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„Lost Sirens“, soviel steht fest, ist definitiv ein Album der gemischten Gefühle: „Das muss doch nicht sein. Reine Geldmacherei?“, motzt der Nörgler im Hörer, mit Blick auf den Entstehungsprozess des Albums. Denn die verlorenen Lieder stammen allesamt aus dem langwierigen Schaffensprozess zur letzten New Order-Scheibe „Waiting for the Siren‘s Call“. Reste also, die es damals nicht auf das Album geschafft haben (die aber, will man den offiziellen Aussagen trauen zusammen mit weiteren Songs schon immer als Albummaterial angesehen worden waren). „Ein einzigartiges Zeitdokument, die vielleicht letzten richtigen, gewichtigen Aufnahmen aus dem New Order-Kosmos.“, antwortet der melancholische Musikfan im Hörer, angesichts der Geschichte der Band, die eben nach der Veröffentlichung von „Waiting for the Siren‘s Call“ zerbrach und nie wieder in der Originalbesetzung zusammengefunden hat. All das Vorabwissen verstellt einen objektiven Zugang zu „Lost Sirens“. Das achtteilige Album wirkt zu Beginn recht glatt und beinahe übertrieben poppig: Melancholisches Keyboardgeklimper, angenehme Stimmung, einfache, wenn auch sehr schöne Radiomusik. Der zweite Teil der Scheibe rückt das Gesamtgebilde in einen etwas anderen Rahmen: „Hellbent“, der aufregendste Song der Scheibe, zitiert ein wenig Bluesrock und ein bisschen Britpop, ehe beides in klassisch, elektronischen New Order Kompositionen auseinanderbröselt. „Shake It Up“ im Anschluss überrascht mit 80er Jahre Disko-Mentalität.

Kaufempfehlung? Naja. Hm.

Nick Cave And The Bad Seeds, Push The Sky Away, Bad Seed Ltd. (rough trade)

Es brennt auf der Haut

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Als „Push The Sky Away“ zu rotieren beginnt, ist das ein bisschen so, wie wenn man bei einem echten Sauwetter endlich zu Hause ankommt. Da ist eine vertraute Wärme, ein wohliges Gefühl – abseits allen Kitsches. Die Platte beginnt mit einem kaum wahrzunehmenden Paukenschlag: Eine komplett verrauschte, eletrifizierte Pianospur ebnet den Weg für Nick Cave Stimme. Dessen dunkel-düsteres Organ ist mit Hall verstärkt und wird bald von Background-Sängern unterstützt. Dann sind da Fetzen von Streicherarrangements, ein bisschen Glockenspiel. Und das alles legt sich übereinander, ehe der Opener in wenigen, sich in Spiralen wiederholenden Wörtern ausklingt: „We Know Who U R“. Ein großartiger, weil aufs nötigste, aufs elementarste reduzierter Beginn und als Hörer kann man sich den folgenden acht Kompositionen nicht mehr entziehen.

Die neue Nick Cave-Platte klingt alt. Als hätte sie Minimum 20 Jahre auf dem Buckel. Sowohl physisch (es rauscht, scheppert und kratzt), als auch psychisch, historisch: Fast so, als hätte man eine alte Nick Cave Version aufgetaut: Vor all den Metamorphosen, die der einst dürre australische Teenager nach seiner Reise nach Europa durch- und mitgemacht hat. Als aus dem „Birthday-Party“-Post-Punker ein melancholischer Geschichtenerzähler wurde, als er sich in all seinen tragischen Balladen verfing und sich dann mit seinem Anti-Projekt Grinderman an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zog. Caves offizielles Statement lautet: „Diese Platte fühlt sich irgendwie neu an, aber neu in einem ‚old school‘ Sinn.“ Dabei passt es ins Bild, dass der Altmeister seinen alten Gitarristen Blixa Bargeld zu den Bad Seeds zurückholen wollte – und obwohl das nicht klappte geht das Soundexperiment auf. Ein fantastisches Beispiel ist „Water´s Edge“, der ungefähr alles beinhaltet, was den Nick Cave der 80er ausgemacht hat: Eine destruktive Komposition, abgehackte Streicher- und Pianomomente, Verschiebungen und diese unheilschwangere Stimme, die flüstert, schleicht, streichelt, schreit, wegrennt, weint. Und einen doppelbödigen, tragischen, fast absurden Text.

Fünf Jahre Zeit hat sich Nick Cave für diese neun Songs genommen. Fünf Jahre, in denen er, mit Ausnahme seiner Touren, jeden Morgen zur gleichen Zeit aufstand, sich in seine Büro mit Seeblick in Brighton setzte und akribisch arbeitete, komponierte, schrieb und das Internet nach Absurditäten durchforstete. „Push The Sky Away“, aufgenommen in einem Herrenhaus in Südfrankreich, ist also die Quintessenz dieser fast besessenen Arbeiteinstellung. Die Platte ist so dicht, dass sie ihren Rezipienten kaum Platz zum atmen lässt, dass sie auf der Haut und in den Gehörgängen brennt. Und dass sind schlussendlich die beste Nick Cave And The Bad Seeds Veröffentlichung seit „No More Shall We Part“ markiert.

Kaufalbum? Das ist jetzt ne rhetorische Frage, oder?

Tocotronic, Wie Wir Leben Wollen, Vertigo

Reflexion der Zeitlichkeit

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20 Jahren ist es nunmehr her, dass sich Tocotronic urplötzlich aus den untersten Schichten der Hamburger Musikszene freischaufelten. Das Publikum reagierte befremdet und irritiert: Das damalige Trio schrammelte in besetzten Häusern, trug aber Seitenscheitel und benutzte das Vokabular der Geisteswissenschaft und sang doch von Untergang, linker Bewegung und Umsturz. Widerspruch reihte sich an Widerspruch.

War Wut bis dato vor allen Dingen in der Dahingerotztheit, dem „Zwei Akkorde, einstecken und los“ des Punkrock manifestiert, erweiterte Tocotronic das Spektrum um einen intellektuellen, ironischen, poppigen Umgang mit der Thematik und wurde zum elementaren Bestandteil des Hamburger Schule, jener Bandbewegung, die den deutschsprachigen Indie bis heute prägt. Wunderbare Wut und prachtvoller Protest. Das Feuilleton liebte die Band, der Mainstream verlieh ihnen den VIVA-Comet – doch Tocotronic verschloss sich: Der Comet wurde abgelehnt und ihre durchschlagskräftigen eingängigen Protestsongs um Streicher-Arrangements und elektronisch-introvertierte Sequenzen erweitert, während die Zeiträume zwischen den Albumveröffentlichungen stetig länger wurden. Mit der legendären Berlin-Trilogie verankerte sich Tocotronic dann endgültig als beißender, unfassbarer und doppelbödiger Spiegel der deutschsprachigen Popmusik. Mit „Wie Wir Leben Wollen“ schließt sich nun der Kreis der Bandgeschichte – und Tocotronic wäre nicht Tocotronic, wenn dieses Jubiläum nicht performativ und zitatreich gestaltet werden würde.

Der fantastische Opener „Im Keller“ streift sogleich die unzähligen Sphären des tocotronischen Kosmos und zitiert all die Kontexte die sich über die Jahre diskursiv um die Band angeordnet haben: Das Lied beginnt mit wenig rhythmischen, vor sich hin plänkelnden Gitarrengezupfe, welches dann spielerisch in einem „HeyHeyHey“-Refrain mündet. Das ist beinahe aufreizend poppig, ehe Dirk von Lowtzoow schwermütige ironische Lyrics in den Song hineinwehen und die eigenen Zeitlichkeit vor-und rückreflektieren: „Ich hab mich nie bemüht/ Und jetzt bin ich verblüht/ Im Keller wartet schon/ die Version, die mich dann ersetzt“. Am Ende sprengt ein Chormoment das bis dahin glasklare Poperlebnis. Es zeigt sich: Tocotronic sind mittlerweile Mitvierziger und entsprechend weniger parolen-geschwängert ist die neue Scheibe, wenn auch nicht weniger politisch: „Das Album ist trotzdem die Antithese zum herrschenden Denk-Mainstream…“, meinte von Lowtzow unlängst in einem DPA-Interview. Im Song „Exil“ bringt er die gesamte Konzeption mit einem einzigen Satzframent auf den Punkt: „Exil vom Mailstream!“, das ist gleichermaßen musikhistorische Referenz (auf die legendäre Rolling Stones-LP „Exil On Main Street“ – Sowohl als Wortspiel, wie auch in der musikalischen Komposition.), wie textliches Programm (Motiv: Der digitalen Welt entkommen!). Passend dazu klingt die Platte auf Soundebene absolut retro und schmeckt intensiv nach den 70er Jahren: Es rauscht und rattert, man wartet beinahe auf den Sprung in der Schallplatte. Und weil das Quartett darüber hinaus mit ihrem „Lied der Jugend“ ein regelrechtes Elektrogewitter entlädt und dazu so manche große Rockhymne entblättern, entsteht ein Sound, eine Platte, die dieses Mal nicht nur den Pop der Weltgeschichte und die deutsche Sprache im Kreuz zitiert, sondern darüber hinaus auch die eigene Bandgeschichte erbarmungslos durchkurbelt. Der Hörer muss dies erst einmal entwirren, Schichten freilegen, ehe klar wird, was hier vorliegt: Ein ganz großer Popwurf.

Kaufempfehlung? Andrea Berg darf niemals siegen!

 

Soundgarden, King Animal, Universal

Das Tier beißt zu

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Vor nunmehr 16 Jahren trugen Chris Cornell und seine Bandkollegen das Projekt Soundgarden zu Grabe. Zwei Jahre ist es indes her, dass sich die Bandmitglieder in den Augen vieler Fans als Grabschänder betätigten: Zwei lasche Singles und recht uninspirierte Liveauftritte schürten alsbald die Meinung, dass sich Soundgarden mal lieber im Rock´N´Roll Altersheim auf ihren Lorbeeren ausgeruht hätten. Und jetzt? King Animal! Das königliche Tier starrt uns bereits vom Plattencover heraus an, ein Haufen alter Knochen, der doch bedrohlich wirkt. Und ja: Soundgarden beißen noch einmal zu, das Album ist die langersehnte, die wirkliche Wiederauferstehung. Der Opener „Been Away To Long“ fungiert als Eisbrecher: Das Stück ist purer Rock´N`Roll und startet mit einem übermächtigen Riff, ehe Cornell sich verbissen durch das Stück kaut und ein kurzer Chor in den Song hineinschreit, der am Ende Soundgarden-typisch auseinander bricht. Yeah!Willkommen zurück. Überhaupt vermischt das Album durchgehend Soundgarden-typische Elemente mit Zitaten der jüngeren Rock´N´Roll-Geschichte: „Blood On The Valley Floor“ ist ein tonnenschwerer, psychodelischer Stonerrock-Brocken, „Rowing“ indes entwickelt sich zur ultra-smoothe Blues-Nummer. So reiht sich King Animal verspätet aber nahtlos in die Reihe der großen Soundgarden-Scheiben ein. Und das ist eigentlich Kompliment genug.

Kaufempfehlung: Jo!

Green Day, Tré, Reprise Records (Warner)

Ab ins Mittelmaß

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Verstehe einmal einer die Rockstars dieser Welt: Da veröffentlichen Green Day, ihres Zeichens die erfolgreichste Punk-Rock-Kombi des gesamten amerikanischen Kontinents, im gesamten neuen Jahrtausend gerade einmal drei Alben, nur um sich dann im Jahre 2012 als echte Workaholics zu präsentieren und den Markt mit drei Platten in einem Jahr zu fluten. Kann das gut gehen? Um es kurz zu machen: Nein! „Uno“, „Dos“ und „Tré“ – so stinklangweilig wie die Betitelung der Platten ist auch die Idee, mit jeder Scheibe einer Sternstunde der eigenen Plattengeschichte zu huldigen. Während „Uno“ noch ziemlich erfrischend daherkam, enttäuschte „Dos“ auf ganzer Linie – „Tré“ indes schafft es, den endgültigen Green-Day-Overkill gerade noch so abzuwenden. Das Album orientiert sich am übererfolgreichen „American Idiot“ und ist mit „Brutal Love“ und „The Forgotten“ von zwei fürchterlichen Schnulzen eingeklammert. Der Mittelteil der Scheibe macht aber durchaus Spaß. Der Sechs-Minuter „Dirty Rotten Basterds“ prescht ordentlich nach vorne, spielt mit Tempo und Soli und krallt sich hartnäckig in der Ohrläppchenregion fest. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Die besten Songs aus „Uno“, „Dos“ und „Tré“ wären vermutlich eine ordentliche Scheibe geworden. So aber driftet Green Day ins hintere Mittelfeld der Rock-’n‘-Roll-Liga.

Kaufempfehlung? Finger weg!

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Mumford&Sons, Babel, Cooperative Music (Universal)

Die Welt ist in Ordnung

 

Eigentlich klingt die Geschichte der Mumford&Sons wie ein Märchen aus Zeiten, in denen es noch kein Youtube gab. Da ist also die Truppe aus London, ohne Skandale, ohne Glanz und Gloria, aber mit einer tonnenschweren Portion Musik im Vollblut und einem Musikverständnis, aus einer Zeit, in der selbst Bob Dylan noch akustisch spielte. Da ist also der Frontmann, Marcus Mumford, mit einer Stimme, wie du sie noch nie gehört hast: Voller Schmerz und gerade soviel Hoffnung, dass es nicht weh tut. Mit der Möglichkeit für Lagerfeuermomente, mit der Möglichkeit zu schreien und kurz darauf zu flüstern. Und da ist also dieses musikalische Grundgerüst: Da sind die traurigen Streicher, da ist der launige Kontrabass und da ist das ratternde Banjo. Das alles formte schlicht und einfach umwerfende Debüt, das zunächst die Folkheads liebten und dann plötzlich alle anderen. Und jetzt wird’s ungewöhnlich: Denn Mumford&Sons wurden zur erfolgreichsten britischen Band seit Coldplay. Mit Folk-Musik. Das neue Album heißt „Babel“ und Marcus´Mannen finden die perfekte Formel für ein zweites Album. Sie brechen nur bedingt mit dem Sound des Debüts und sie ahmen dessen Erfolgsformel nur bedingt nach: Das Banjo rückt ein bisschen weiter in den Mittelpunkt, das epochale rückt ein wenig zurück, der Sound wirkt insgesamt ein bisschen beschleunigt (das Ausnahme-Kleinod heißt „Reminder“ und trieft nur so vor schlichter Schönheit). Dabei wird der Hörer zum Perlentaucher, der mit jedem Durchgang eine neue Songperle, einen neuen Gänsehaut-Moment aus dem zunächst noch dunklen Folk-Sumpf ans Tageslicht befördert. Highlights sind „Holland Road“ (das zunächst ein wenig dahin dümpelt, ehe es in alle Richtungen ausschert) und „Lover Of The Light“ (in welchen Marcus Stimme jede Sekunde dominiert) und „I Will Wait“ (das, gehetzt vom Banjo, zur Hymne reift) und…ach lassen wir das! Man gibt das ja wirklich nicht gerne zu – aber an manchen Stellen ist unsere Musik-Welt eben doch noch voll in Ordnung.

Kaufempfehlung? Es ist eine Frechheit überhaupt zu fragen…

 

Seeed, Seeed, Warner Music International (Warner)

Sand im Getriebe

Die Spannung ist riesig: Seeed, Kultband aus Berlin, deren letzte Scheibe mittlerweile sieben Jahre zurückliegt und deren Sänger Peter Fox eine unglaublich erfolgreiche Solokarriere hinklatschte, haben eine neue Platte eingespielt. Jetzt liegt sie also da, die Scheibe und rotiert alsbald im CD-Player: „Beautiful“, das beim Bundesvision Songcontest so manchen Jubelstrom auslöste, ist auch auf Platte ein echter Brecher mit elektronischen Beginn, mächtigen Bläsern und 50er Jahre-Orchestersound. Und doch fällt auf: Der Song wirkt trotz allem irgendwie glattgebügelt, ohne die altbekannten Hauptstadtecken und Songwriting-Kanten. Und ohne die Entspranntheit des Peter Fox-Albums – vielleicht ist das ein Statement: Seeed können auch Hochglanzpop – und er nervt. Der Rest des Albums funktioniert dann eher nach alten Rezept: Der gemeinsame Nenner der meisten Songs heißt Reggae, respektive Dancehall und so dominiert entweder ein drönend entspannter Beat oder eben die Midtempo-Version, die schneller nach vorne prescht und sich immer mehr in elektronischen Sphären auslebt. Hinzu kommt der stetige Wechsel der Tempi, Stimmen und der Sprache. Insgesamt fehlt es jedoch sowohl an eindeutigen Enttäuschungen, als auch an echten Hits, an den klassischen echt Brechern. Sieben Jahre Pause scheinen ihre Spuren hinterlassen zu haben, es ist Sand ist im Seeed-Getriebe. Irgendwie belanglos.

Kaufempfehlung? Vielleicht als Folterwerkzeug.

 

Muse, The 2nd Law, Warner Music International (Warner)

Bombast aus allen Rohren

Muse sind definitiv eine Band die polarisiert und über die die Musiknerds stundenlang diskutieren könnten. Für die Fanatiker schuf die Band einen einzigartigen Sound, irgendwo zwischen Radiohead und Placebo, für die Liebhaber hat das Trio seit ihrem Überalbum „Absolution“ nur noch Mainstream-Müll produziert und die ewigen Kritiker läuft bereits ein Schauer über den Rücken, wenn sie nur an Matt Bellamys Gesang denken. Und auch über „The 2nd Law“ wird diskutiert werden, soviel ist sicher. Drei Jahre ist nun her, dass Muse mit „The Resistance“ den Sprung in den Rock´N´Roll-Himmel schafften und unzählige Musikmärkte dieser Erde pulverisierten. Wie Legosteine baut „The 2nd Law“ nun genau darauf auf: Muse feuern Bombast aus allen Rohren. Coldplay Herzschmerz, U2 Pathos. Das beste Beispiel ist der Eröffnungssong „Supremacy“: Zuerst brettert da ein minutenlanges Schlagzeugsoli, dass dann beinahe nebenbei von typischen Muse-Gitarren und Elektrogewitter untermalt wird. Dann erfolgt der Bruch, der Sound wird komplett entschleunigt und formiert sich zeitweise zu einem kurzen Ennio Morricone-Tribute. Tiefe Trommelschläge, angedeutete Trompetenklänge, ehe Bellamys Gesang einsetzt und sich zu einem kreischenden Werwolfheulen aufschwingt. Der nachfolgende Song „Madness“ ist vielleicht die seltsamste Komposition der Bandgeschichte: Elektronisches Intro, hypnotischer Backgroundgesang, Bellamy in Pop-Stimmung. Und so funktioniert das Album wie eine Achterbahnfahrt: Man wartet bis aufs äußerste gespannt auf den Höhepunkt, die Spannung baut sich Schicht für Schicht auf, dann wird man brutal in alle Richtungen durchgeschüttelt, ehe die enttäuschende Fahrt langsam ausgleitet. Eines ist sicher: Nach dem Genuss von „The 2nd Law“ wünscht man sich definitiv noch ein bisschen stärker die alten „Absolution“-Zeiten zurück.

Kaufempfehlung? Ne! Absolution für nen 5er!

 

Max Herre, Hallo Welt, Nesola Universal Music (Universal)

Ein Schritt zurück

 

Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum: Der beste Song des neuen Max Herre Albums heißt „Berlin-Tel Aviv“. Ein Stück Pop-Oper, dem die Schweizer Wunderstimme Sophie Hunger die perfekte Würze verleiht. Anhören. Sofort! Doch Halt! So ein Album besteht ja glücklicherweise nicht nur aus einem Song. Also: Kommando zurück: Eine alte Großmutter-Weisheit lautet: Manchmal muss man eben einen Schritt zurück gehen, um seinen Weg wieder in die richtige Richtung auszurichten. Und genau das hat sich wohl auch Max Herre gedacht, als er sich in einer ruhigen Minute intensiv mit seinen ersten beiden Soloalben beschäftigte. Denn die Solo-Karriere des Stuttgarter, der Anfang des neuen Jahrtausends mit Freundeskreis dem deutschsprachigen Rap so viele Pforten öffnete, hat zwei grundverschiedene Knospen ausgetrieben: Auf der einen Seite ist das verspielte, von vielschichtiger Bandbreite geprägte Debüt und auf der anderen Seite ist das nachfolgende total verkrampfte Singer-Songwriter-Album. Herre wählte den richtigen Anknüpfungspunkt und so kann „Hallo Welt“ eine immense Wahlverwandtschaft zum Erstling nicht verstecken. Die Scheibe scheppert angenehm vor sich hin und Max Herre wirft konzentriert die unterschiedlichsten Zutaten in sein musikalisches Potpourri: Ein bisschen Reggae, ein wenig Soul, ordentlich HipHop, eine Brise Indie. Dazu hat der Chefkoch eine Fülle von namhaften Küchenhilfen verpflichtet: Reggae-Head Patrice sorgt für Tiefenentspannung mit politischer Note, Samy Deluxe steht für die alte, Marteria für eine neue Generation des HipHop, Aloe Blacc verleiht der Mixtur ein internationales Flair, während Cro und Clueso mit dem luftigleichten „Fühlt sich wie fliegen an“ wohl zurück auf den Teenie-Radar befördern werden. Insgesamt wirkt das Gesamtbild vielleicht ein wenig zu gewollt, die Phillip-Poisel-Schmonzette „Wolke 7“ hätte nun wirklich nicht sein müssen und den klassischen Rapper nimmt man Herre sowieso nicht mehr wirklich ab – und doch ist „Hallo Welt“ irgendwie doch eine gelungene Auferstehung eines Pioniers.

Kaufempfehlung? Muss nicht sein…

 

Macklemore&Ryan Lewis, The Heist, Macklemore (Sub Pop)

Brutal gut!

 

Es gibt sie noch, die perfekten Musikmomente. Da latschte ich ordentlich verstrahlt über das Openair Frauenfeld -Gelände, als mir plötzlich das wohl markanteste Riff meines Aufwachsens entgegenschrammelte: „Otherside“ von den Red Hot Chilli Peppers. Also, Richtung Bühne gelatscht und dort direkt wegeblasen: Macklemore heißt der Rapper, Ryan Lewis sein Produzent, der mit Vorliebe auch mal The National und Arcade Fire sampled. Soweit so gut, zu Hause das Zeug zu Tode gefeiert, dauerrotiert und dann kapiert, dass es auch abseits von meiner Welt einen Macklemore-Hype gibt. Egal, „The Heist“ ist das Debütalbum und es kann ungefähr alles und enttäuscht doch ein bisschen: Die besten Songs der Scheibe waren schon vorab bekannt: „Wings“ → WoW! „Make The Money“ → Brutal! Angesichts der astronomischen Erwartungen fällt der Rest ein wenig ab. Der ein oder andere Song ist mir zu Hook-lastig, die unglaublichen Stärken von Macklemore (sprich seine Texte, seine Emotionalität und natürlich die Ryan Lewis Beats) rutschen zugunsten von mittelmäßigen R´N´B-Hooks ins zweite Glied. Mensch. Aber gut, meckern auf Mount Everest-Nivau (vergesst nicht: Ich bin Fanboy!). Aber natürlich gibt es Songperlen: „Same Love“ → wunderschön! „Jimmy Iovine“ → Highspeed und mächtiges Ab-Soul Feature. „White Walls“ → wunderbar nerdig, dazu mächtiges Schoolboy Feature. Insgesamt ist das Album also wirklich ein kreatives Feuerwerk, das es mächtig scheppern lässt. Macklemore ist ganz bestimmt eine der großartigsten HipHop-Experimenteure. Brutal gut!

Kaufempfehlung? Aber sofort!

 

The XX, Coexist, Young Turks/Xl Recordings/Beggars (Indigo)

Die Kunst der Reduktion

 

Die Kunst der Reduktion ist immer ein schmaler Grad. Denn etwas (und dabei ist es völlig egal ob Film, Musik oder eine Rahmsoße) aufs seine elementaren Bestandteile zu reduzieren, kann sich immer auf zwei unterschiedliche Arten und Weisen auswirken: Entweder das Ergebnis ist langweilig und fad, weil eine entscheidende Zutat fehlt oder das finale Produkt überzeugt in seiner Schlichtheit und Abgeschlossenheit. Seinen festen Platz in der Rock´N´Roll-Geschichte erreichte die Reduktion Ende der 80er, als das Künstlerkollektiv The Wild Bunch Truppen wie Massive Attack und Portishead formte und den sogenannten TripHop aus den Angeln hieb – die Bands aus Bristol wurden zu Legenden und irgendwie traute sich keiner mehr so Recht an diese Art von Musik. Bis, ja bis die Teenagertruppe The XX 2009 mit ihrem Hit „Crystalised“ das Internet auf den Kopf stellten. Eine Sensation, die einen wahnwitzigen Hype hinter sich zog. So, jetzt folgt natürlich die alte Geschichte vom Durchbruch-Debüt-Album, der langen Pause und dem Riesendruck auf dem Nachfolger. Und tatsächlich: „Coexist“, das neue XX-Album, wird wegweisend für das Londoner-Trio sein. Das Album beginnt mit „Angels“ und einem supermonotonen Orgelbeat, ergänzt durch den ein oder anderen Trommelschlag und dazu singt Romy Medley Crow – konzentriert hypnotisch. Weniger ist hier definitiv mehr. Jede Sekunde, jeder Moment, jede kleinste Kleinigkeit brennt sich ins Ohr! Zack, Song zwei: „Chained“: Jetzt Oliver Sim, Männerstimme und das ist der nächste Coup im XX-Universum, das Zusammenspiel der Stimmen – als hätte man Beth Gibbons und Tricky in eine Band verfrachtet. Mit „Try“ und „Sunset“ folgen weitere Perlen. „Coexist“ ist ein Album in Ultrazeitlupe, das in seiner Gesamtlänge ein wenig einschläfert, aber großartige Songmomente produziert. Musik zum aus dem fahrenden Zug starren, Musik, die man mit riesengroßen Kopfhörern hören sollte.

Kaufempfehlung: Jo!

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