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Posts Tagged ‘Kulturladen’

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Jeder regelmäßige Konzertbesucher legt sich früher oder später eine Art Katalog der Banderinnerungen an, in welchem er seine Erfahrungen und Erinnerungen einspeisen kann. Da reihen sich dann all die Enttäuschungen, Gänsehautmomente, Blockbuster und spät erfüllte Live-Wünsche sauber nebeneinander ein. Besonders in die Erinnerung gräbt sich aber eine ganz besondere Art von Konzert: Jene Shows, in die du vielleicht zufällig reinrutscht, von denen du dir so gar nichts erwartest und die dich komplett kalt erwischen und vollständig wegblasen. Wer am vergangenen Donnerstag in den Konstanzer Kulturladen marschierte, hatte die seltene Gelegenheit ein solches Konzertgefühl zu erleben. Der Grund: Mother´s Cake aus Österreich!

Drei Mann: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Das ist die ursprünglichste, die rohste aller Besetzungen. Eigentlich, so meint man, hat man alles gehört, was diese grundlegenden Parameter hergeben. Von wegen! Ab der ersten Sekunde zündet das psychodelische Punkrock-Potpourri der Österreicher und schiebt den Kula druckvoll in Richtung akustische Kernschmelze.

Mother´s Cake sind eine ganz neue Art von Band, ein Trio, dessen Biografie zwei komplett unterschiedlichen Welten entsprungen ist. Auf der einen Seite ist das die ganz klassische Bandevolution. Der Aufstieg von der kleinen, verplanten Rockgruppe, die sich durch die Jugendhäuser des Tiroler Oberlandes spielte und sich später Stück für Stück nach oben hangelte und sich als Vorgruppe von Größen wie Iggy Pop oder Limp Bizkit ihre Sporen verdiente. Auf der anderen Seite aber präsentiert sich Mother´s Cake aber auch als Bandprojekt 2.0, das sich Zeitgeist-typisch in unzähligen Band Contests duellierte, die Tour mit den Prog-Rockern Anathema auf Youtube dokumentierte und ihre Videoprojekt „Off The Beaten Track“ per Crowdfounding finanzieren ließ. Unterm Strich sind Mother´s Cake also eine hybride Band, die sich sowohl in nach schweiß-stinkenden Konzertclubs, als auch im digitalen Anderen bewegt und diese Kontraste zumindest diskursiv in ihrer Musik umsetzt.

Das Feuerwerk, das der Tiroler-Dreier zündet ist eine Art Next Level Crossover: Da zersprengt es schon mal ein erbarmungsloses Stonerrock-Periodensystem in seine einzelnen Bausteine, ehe das soeben angerichtete Chaos konzentriert von einem Red Hot Chili Peppersesken  Bassbeat zusammen gefrickelt wird, nur um dann – jetzt kommt’s – den scheinbar sicheren Bauplan in einer elektronisch abgespacten Goaekstase aufzudröseln. Und scheinbar sind sich Mother´s Cake gar nicht so richtig bewusst, was sie da gerade mit den guten alten Konventionen des Rock’N’Roll anstellen (nämlich durch den auf den Kopf gestellten Fleischwolf drehen). Seelenruhig spielen sie ihren vor Sprengkraft nur so strotzenden Stiefel herunter.

 

Sänger Yves Krismer richtet ab und an einen trockenen Einzeiler in Richtung vor sich hin schwitzendes Publikum. „Wir sind Mothers Cake – aus Hannover!“ „Unser nächster Song heißt Atemlos!“ „Hat mal einer einen Bieröffner da.“ Dann geht´s weiter. Mit Volldampf. Und vielleicht muss ein Rockband im Jahre 2015 genau so klingen: Unberechenbar, unverortbar, anstrengend, hyperaktiv, vor wilden Zitaten und Verweisen und hypnotischer Sogkraft nur so überbordend, ständig mit dem finalen Kollaps kokettierend. Und natürlich springt bei diesem rasenden Ritt auf Riffrasierklinge die eine oder andere Komposition über die Klippe. Aber das Scheitern ist dem Rock’n’Roll seit jeher immanent und so ist dieser bewusste Blick in den eigenen Abgrund am Ende nur konsequent. Zudem muss definitiv Bassist Benedikt Trenkwalder hervorgehoben werden. Im Normalfall fristen Bassisten ein Schattendasein am Rande der Bühne, aber Trenkwalder ist der heimliche Frontmann der Band, der nicht nur immer wieder den Rhythmus wechselt, sondern klassische Techniken ad absurdum führt und den Bass vor allem im ausufernden Finale ins Zentrum des Klanggebilde verschiebt. Der dabei entstehende Sound gleicht einer scheppernden Achterbahnfahrt, voller Schikanen, Steilfahrten und Loopings. Mother´s Cake – Merkt euch diesen Namen!

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Hundreds – Kulturladen Konstanz

 

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Stille, das vergisst der Zuhörer oftmals angesichts des implizierten Widerspruchs, nimmt noch immer einen ganz entscheidenden Platz innerhalb der zeitgenössischen Popmusik ein. Klar, meistens wird mit ihr gebrochen, wird sie weggeschoben und muss dann Platz für den Sound oder den Krach machen. Aber manchmal wird sie eben bewusst eingesetzt, als kaum wahrnehmbare Spur im Stilmittel der Reduktion. Dieser Umgang mit der Stille ist diffizil, anspruchsvoll und erfordert extremes Feingefühl. Ein Gespür für die Nuance, welche Hundreds, das Geschwisterduo bestehend aus Eva und Phillip Milner, zur stilbildenden Eigenschaft ihres Entwurfs der elektronischen Popmusik gemacht haben und welches sie während ihres Openers „Foam Love“ im Kulturladen offen zur Schau stellen. Dort entspinnt sich ein aufs äußerste reduziertes Zusammenspiel zwischen Phillips vielschichtiger Pianocollage und Evas zunächst so zärtlich zerbrechlicher Stimme.

Die gegenwärtige Tour, die in Konstanz ihren gefeierten Auftakt fand, steht unter dem Motto „Tame The Noise“ („Zähme den Krach“). Akustisch soll es sein, aber eben doch nicht ganz akustisch. „Aber immerhin haben wir eine ganze Menge richtiger Instrumente mitgebracht.“, erklärt Eva direkt zu Beginn. Das Konzert macht in der Folge seine eigene, kleine Evolution durch: Alles beginnt am eingangs beschriebenen Nullpunkt, in der Dunkelheit, der Stille. Im weiteren Verlauf entwickelt sich das Soundgewand kontinuierlich und wird um immer neue, subtile Nuancen erweitert. Phillip beginnt zunächst damit, sein Piano kaum merklich zu verzerren und vergrößert das Gesamtgebilde alsbald durch elektrifizierte Loops. Nach den ersten drei Songs wird das Geschwisterpaar während „Solace“ von Schlagzeuger Florian ergänzt. Dessen erste Anschläge scheppern erbarmungslos durch das Publikum, welchem erst in diesem Moment des Lärms sein wohlig warmer Embryostatus innerhalb der Stille bewusst wird. Dieser Status Quo wird in der Folge konsequent dekonstruiert, die Sicherheit und Vorhersehbarkeit aufgegeben, die eindeutige Dunkelheit weicht nicht nur in den Texten dem ambivalenten Licht.

Die zentrale Energie entspinnt sich aber zwischen den beiden Polen Eva und Phillip. Dabei spielt das Geschwistersein für die Beiden oberflächlich keine wirkliche Rolle. Natürlich sind da die Anekdoten, die von gemeinsamen Auftritten auf Familienfeiern erzählen. Und von Phillips Aufstieg zum renommierten Jazz-Pianisten, der später Inspiration in der Stimme seiner Schwester fand. Darüber hinaus lenken Hundreds den Fokus bewusst in Richtung Musik und treten erst dort, auf musikalischer Ebene, als unheimlich effektive Partner in Erscheinung treten. Denn Live bewegen sich Hundreds nahe an einer technischen Perfektion. Die drei Musiker spielen sich selbst kleinste Soundpartikel präzise zu, erweitern diese, reagieren effektiv auf die Hinweise ihrer Mitmusiker. Da sind unübersehbare Ablaufparallelen zur Klassik und auch zum Jazz, die aber auch immer wieder von der ausreißenden, vielschichtigen Stimme der Frontfrau ad absurdum geführt werden. Am Ende bilanziert Eva Milner glücklich:  „Ich glaube wir spielen heute das längste Konzert unserer Bandgeschichte. Und wir sind so froh, dass ihr uns mit offenen Herzen empfangt! Ihr seid so still.“ Und hier schließt sich der Kreis. In der Stille. Wo auch sonst?

 

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Annenmaykantereit – Kulturladen Konstanz

Das sind also, Annenmaykantereit, Deutschlands wohl gehypteste Nachwuchsband. Da stehen sie aufgereiht, beinahe schüchtern, unsicher, ein wenig eingeknickt, fast so, als wüssten sie nicht, wer oder was sie gerade in dieses bis zum letzten Platz gefüllte Konzerthaus gespült hat. Auch Sänger Henning May macht auf den ersten Blick den Eindruck, als wäre er viel lieber irgendwo anders. Die Arme hat er wie Liam Gallagher hinter dem Rücken verschränkt, aber nicht aus Arroganz, sondern weil er nicht so richtig weiß, was er mit ihnen anfangen soll. Dazu kommen Ansagen der Marke: „Das nächste Lied spielen wir immer. Ist einfach so.“ Und dann beginnt May zu singen und das Momentum im Konstanzer Kulturladen verschiebt in Sekunden um 180 Grat.

Schnitt: Es gibt sie noch, die klassische, unspektakuläre Bandbiografie. Die Geschichte von drei Kumpels, die sich auf der Schule kennenlernen und zusammen Mucke machen. Die sich durch die obligatorischen Vorbandtourneen, Festival-Konzerte am Nachmittag und selbstgedrehte Videos zuerst auf die Notizzettel der Musiknerds und später in die Allgegenwärtigkeit des Internets spielen. Und dort dann plötzlich eine Lawine lostreten. „Viel Aufmerksamkeit für eine so junge Band, die gar nicht versucht hat, jeden Blick auf sich zu ziehen.“, heißt es von Bandseite aus und vielleicht liegt genau hier der Hund begraben: Hinter Annenmaykantereit steht kein ausgebufftes Marketingkonzept, die Kölner Band will eigentlich nur spielen und überzeugt dabei durch schiere Qualität. Und durch ihren Sänger.

Denn Henning Mays Stimme ist so irrsinnig anders, so einnehmend effizient, dass es sie in dieser Form im deutschen Pop vielleicht noch gar nicht gegeben hat. Soviel Superlativ muss hier tatsächlich erlaubt sein. Die einzige Assoziation, die sich angesichts dieses raumfüllenden Reibeisens aufdrängt, ist Rio Reiser. Doch Mays Organ ist noch härter, noch dunkler, wilder, gebrochener. Und sie trägt Annenmaykantereit auf breiten Soundschultern, denn abseits der Stimme, klingt die Band längst nicht so ausgereift.

Ein Sportler, dem immenses Potential nachgesagt wird, der dieses körperlich aber noch nicht vollständig umzusetzen kann, bezeichnet man gemeinhin als roh. Diese Assoziation poppt auch beim Konzert von Annenmaykantereit auf. Die Band strotzt nur so vor immensen, brach liegenden Talent, weiß dieses aber technisch noch nicht in Perfektion umzusetzen – und das ist auch gut so und in Zeiten von Popakademien und Band Contests eine charmante, wichtige Gegenposition. Tatsächlich befindet sich das Quartett in einer Art Versuchsblase, in der sie aktuell alle Eindrücke und Stile absorbieren und neu durchmischen. Dazu passt auch Mays Ansage in Konstanz: „Das nächste Lied gibt es nicht. Wir spielen einen Haufen unfertiger Lieder und hoffen, dass die irgendwie im Laufe der Tour fertig werden.

Natürlich markieren die Pressetexte das Ergebnis dieses Experiments als Indie, weil eben alles irgendwie Indie ist. Tatsächlich klingt Annenmaykantereit aber eher nach The Clash als nach Oasis und definitiv eher nach Ton Steine Scherben als nach Sportfreunde Stiller. Wir hören durchdachten, weit geöffneten, teilweise tanzbaren Punkrock, angereichert mit Balkan-, Blues- und Jazz-Elementen, Clash-typisch getragen von einem dominanten Schlagzeug Beat, verstärkt mit Reizpunkten aus Mundharmonika oder Melodica. Das alles vermengt sich zu einem vitalen, unausgegorener Strom, der gerade aufgrund seiner Unfertigkeit mitreißt, fasziniert und einen hohen Wiedererkennungswert besitzt.

Die stärksten Sequenzen erlebt das Konzert während der ruhigeren Kompostionen. Songs wie „Neues Zimmer“ oder „Dritter Stock“ stechen hervor, vor allem, weil darin die unbekümmert daher  geschriebenen Texte in den Vordergrund rücken. Hier geht es um Alltagsbeobachtungen, Langeweile, zerrissene Leben, um Kaffe machen, um Heimat und geplatzte Träume. Und ja, das hat man alles schon tausendfach gehört, aber der spielerische Umgang mit Sprache scheint neu und erinnert abermals eher an Punkrock und bessere Hip-Hop-Texter. So heißt es in der Ballade „Barfuß am Klavier“, die May während der Zugabe alleine am Piano zum Besten gibt, so wunderbar unprätentiös und auf dem Punkt: „Du und ich, das war zu wenig.“ Und auch deshalb kann es Ende nur eine Erkenntnis geben: Dieser Hype ist gerechtfertigt. Annenmaykantereit sind die junge deutsche Band der Stunde.

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Vierkanttretlager – Kulturladen Konstanz

Was ist das für eine Band? Nach einem einführenden, marternden Gedicht entert das Quartett die Bühne des Konstanzer Kulturladen: Frontmann Max Leßmann verzieht sein ansonsten verbissenes Gesicht in den Verschnaufpausen zu einem Lausbubenlachen und diktiert dann im Stile eines Theaterbösewichts überlegte, punktgenaue Ansagen. Christian Topf arbeitet sich ohne Erbarmen und ohne einmal aufzublicken an seiner Gitarre ab, während Bassist Momme Friedrichsen wie ein Raubtier über die Bühne rauscht und Schlagzeuger Leif Boe in Gedanken vor sich schlägt. Dabei entsteht ein packender Strudel der Musik und Stile: Punkrock, Hamburger Schule, Indie – wild und durchdacht, pubertär und intellektuell. Das bemerkenswerte: Vierkanttretlager sind blutjung, fast noch eine Schülerband und doch beängstigend ausgereift.

Doch was ist das überhaupt für ein Bandname? Vier-kant-tret-lager! Unausprechbar, unschreibar und unlesbar. Erst die Anekdote bringt Licht ins Dunkel: Sänger Max, damals 13, telefonierte einst solange mit seinem damaligen Schwarm, bis ihm seine Herzdame aus Langeweile die Verpackungsbeilage ihres Einrads rezitiert. Das Gefährt hatte ein „Vierkanttretlager“ und für Max klang das, durch den Schleier seiner pubertären Verliebtheit, wie das schönste Wort auf Erden. Vor diesem wunderbaren Hintergrund macht der Name plötzlich Sinn und selbst das leidige Doppel-T wird zur Referenz. Denn jeder der das formidable Vierkanttretlager-Debüt „Die Natur greift ein“ hört, stolpert über kurz oder lang über ein weiteres Doppel-T: Turbostaat und Tocotronic! Mit der erstgenannten Band teilt die Nachwuchstruppe zum einen die Herkunft (beide Bands stammen ausl Husum) und zum anderen die Wut und die Art und Weise ebendiese musikalisch zu kanalisieren. Tocotronic indes schwebt seit dem Moment, als Vierkanttretlager erstmals auf dem Radar der deutschen Musikszene aufblinkten, wie eine Damoklesschwert über dem Projekt. Denn einerseits ist es für jede neue Band eine Ehre mit den Vordenkern des deutschen Indies verglichen zu werden, andererseits schreckt deren Überintellektualität auch ab. Oder wie Gitarrist Christian es einst ausdrückte: „Ich kann mich mit denen nicht identifizieren, wenn ich sehe, dass die auf der Bühne rosa Hemden tragen.“ Wie dem auch sei: Erweitert man die genannte Liste um Casper, auf dessen Tour der Husumer Vierer als Vorband spielte und Element Of Crime hat man den Rahmen, in dem sich Vierkanttretlager bewegen, wohl punktgenau abgesteckt.


Der Kulturladen ist bei weitem nicht ausverkauft, das verwundert, zumal die Band beim BUVISCO einiges Aufsehen erregte und zuletzt nachhaltig diskutiert wurde. Macht aber nichts: Live klingt die Band noch ein wenig getriebener und unfassbarer als auf Platte: Vierkanttretlager strotzen vor Energie und tragen das offen zur Schau (wäre auch schlimm, wenn nicht). Teilweise wirkt das ein wenig zu gewollt-ungewollt – aber das verzeiht man. Einen eindeutige Ausschlag auf dem Barometer ist in der Mitte des Konzerts vermerken: Da spielt Vierkanttretlager ihren sehnsüchtigen, Akkordeon untermalten und Seeluft geschwängerten Hit „Fotoalbum“, gefolgt vom wunderschönen EOC-Cover „Am Ende denk ich immer nur an dich“, in das die Band fast spielerisch frisches Blut pumpen. Am Ende stehen sie da, Arm in Arm und singen zusammen im Seeräuberstyle. Und so bleibt die finale Erkenntnis: Der deutsche Indie hat definitiv einen neuen, aufregenden Blutspender! Endlich.

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I Am Oak – Kulturladen Konstanz

Den Holländern, wir alle kennen die Klichées, werden ja eine ganze Reihe von Dingen und Angewohnheiten nachgesagt: Sie reisen in Wohnwägen, verkaufen Tulpen und Käse und tragen Holzschuhe. Sie können nicht kicken, spuckten Rudi Völler in die Locken und nerven als Moderatoren in deutschen Fernsehshows. Weniger bekannt waren unsere Nachbarn bislang für Berge (das wird sich in naher Zukunft wohl auch nicht ändern) und aufregende Indie-Folkbands. Letztere Aussage allerdings muss man wohl spätestens seit dem Jahr 2010 mit allem Nachdruck relativieren. Da nämlich brachte die Formation I Am Oak zunächst als Soloprojekt des aus Utrecht stammenden Musikers Thijs Kuijken ihr Debütalbum „On Claws“ auf den Markt und stürzte die gesamte heimische Fachpresse in nicht enden wollende Jubelströme. Die Vergleiche mit Genre-Göttern wie Sufjan Stevens und vor allem Bon Iver folgten auf dem Fuß und man hat bis heute das Gefühl, dass ganz Holland stolz auf seinen schüchternen Helden ist. Zurecht. Nachdem im Kulturladen die Localheros von Music Is Her Boyfried, ein sympathisches Mädchenduo, das umgehend Boy-Assoziationen hervorruft, die Bühne warm gespielt haben, schlurft Thijs Kuijken auf ebendiese. Der Look des Schlaks erinnert ein wenig an Harry Potter, seine Bühnenpräsenz und Arrangements an Zach Condon von Beirut, während seine zärtliche, beinahe zerbrechliche Stimme ein wenig nach Conor Oberst klingt. Alleine die bloße Masse an Referenzen offenbart, inwiefern sich Folk gewandelt hat: Die Musikrichtung, die sich einst aus den Blues und Country-Korsetten schälte, wurde durch die gesamte Musikhistorie hindurch stiefmütterlich behandelt. Heute aber gilt Folkmusik offiziell als „cool“ und ist in Form von Bon Iver oder den Mumford&Sons beinahe beängstigend erfolgreich. Folk ist der Soundtrack der Hipsters (frei jeder Wertung).

 

 

Thijs Kuijken indes kann mit dem ganzen Trubel so gar nichts anfangen (siehe Video) und versteht sich trotz Hornbrille nicht als Hipsteridol und musikalischer Outlaw. Kuijken will Musik machen, nicht mehr und nicht weniger – in seinem eigenen, kleinen, verkopften Universum: „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendwie meine Meinung zu globalen, großen Phänomenen oder politischen Themen formulieren sollte. Global heißt für mich eher: Universelle Gefühle transportieren, mein Mensch-sein beschreiben.“ Thijs singt nicht für die großen Bühnen. Er schreibt den Soundtrack für Mikrokosmen. Für die Welt in der Nussschale. Seit den Aufnahmen zu „Nowhere Or Tammensaari“ irgendwo im finnischen Niemandsland gilt I Am Oak offiziell als Quintett, in Konstanz tritt die Thijs-Truppe allerdings als Trio auf. Gitarre, Schlagzeug, Bass – die klassische Punkrockbesetzung. Das ist für eine Folkband durchaus ungewöhnlich und entsprechend reduziert klingt der Sound der Band. Das ist ein wenig schade, denn auf Platte sind es gerade die Sekunden der gefühlten instrumentellen Variation – Streicher, Hammond-Orgel, Chöre – die für die besonderen I Am Oak-Momente sorgen. Die anfängliche Enttäuschung weicht schnell, als deutlich wird, dass es Thijs Kuijken gelingt eben aus dieser konventionellen Besetzung eine tiefe Sehnsucht und musikalische Schönheit zu schöpfen. Größe durch Verkleinerung.

Kuijken greift im Wechsel zur abgeranzten Straßenmusikerklampfe und zur smaragdgrünen Rockstargitarre und dabei schwingt das Konzert zwischen brüchigen Folkkompositionen und kräftig, jaulenden Bluesbrechern. Die Übersongs „Trees and Birds and Fire“ und „Palpable“ bilden dabei eindeutige Ausreißer, die sich vor keiner Konkurrenz verstecken müssen – mehrschichtig, eingängig, fragil.Die letzten Songs zerfließen in einer minutenlangen post-rockigen Explosion, ehe sich Thijs Kuijken mit letzter Kraft und schwer lädiert für eine letzte Solo-Nummer auf die Bühne schleppt. Das Konzert endet eigentlich viel zu früh – doch das muss man I Am Oak nachsehen: Ihr schwächlicher Frontmann ist nicht gemacht für Rock´N´Roll, für große Rahmen – und genau das ist das besondere.

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„Wow – jetzt blästs dich gerade weg!

 

2012 und damit acht Jahre, nachdem die Sportfreunde Stiller bei Rock am See für sein allererste Konzert und Festivalerlebnis gesorgt hatten, trifft der vorliegende Blogger die musikalischen Helden seiner Spätpubertät zum Interview. Die Sportfreunde spielen abermals in Konstanz, der Rahmen ist allerdings ein ganz anderer: Damals auf der mächtigen Festivalbühne, jetzt im Kulturladen. Am Erfolg liegts nicht: Das bayrische Trio ist die wohl erfolgreichste deutschsprachige Indieband überhaupt, Superhits und Nummer 1-Granaten pflastern ihren Weg. Bleibt also die Frage: Warum das Ganze? Die Antwort darauf hat Risse im Asphalt im Gespräch mit Peter Brugger, seines Zeichen Sänger der Kombo gefunden. Darüber hinaus ging es ums Älter werden, live spielen, Songs schreiben, Roque Santa Cruz, Köpfe einschlagen, einen Neustart und die Arbeiten am neuen Album.

Allen Lesefaulen, die sich gerne das Interview eines schwäbischen Interviewers mit einem bayrischen Rockstar unverfäscht und in Originallänge anhören möchten, sei der folgende Link ans Herz gelegt. Für alle anderen heißt es scrollen bis die Finger bluten:

[Risse im Asphalt]: 2004 hab ich euch hier in Konstanz bei Rock am See gesehen. Eigentlich funktioniert das ja anders herum: Man entdeckt ne Band im kleinen Club und sieht sie irgendwann auf der großen Bühne wieder! Vor diesem Hintergrund zwei Fragen: Wie ist das Gefühl, wenn man sein Publikum über Jahre heran wachsen sieht? Und was steckt hinter der Clubtour?

Peter Brugger: „Also darüber freuen wir uns total, dass wir auch merken, dass immer wieder Leute auf die Konzerte kommen, die schon ganz früh da waren. Leute, die vielleicht mal nicht da warn, die aber dann schon mal wieder hinschaun, die uns nicht vergessen haben und für dir musikalisch und damit unsere Musk ne gewisse Bedeutung haben. Oder die zumindest tolle Sachen mit unserer Musik verbinden. Das ist total schön und ein Glücksfall.

Warum wir das machen? Einfach nur weil wir Bock haben. Ich hab mir gestern überlegt: Hä, warum spielen wir jetzt eigentlich heute? Und irgendwie kam mal die Idee auf, lass uns doch mal wieder in Kostanz spielen.

Das Konzert war ja ruckzuck ausverkauft – und im Anschluss habt ihr weitere Clubkonzerte angeschlossen…

Das hat auch die Bewandnis, dass wir einfach auch neue lieder ausprobieren wollen, weil wir grad am Lieder schreiben sind. Da gewinnt man nen guten Eindruck von den Songs. Dann gibts mal en feedback und man merkt ganz schnell ob des hinhaut oder ob des en Schmarrn ist. Des ist auch ganz anders, als wenn wir das so bei uns ihm kleinen Rahmen vor uns hin spielen.

Ihr versucht ja offensichtlich gerade Live immer wieder neue Reize zu setzten: Unplugged-Shows, Bombast Liveauftritte, jetzt die Clubshow. Was steckt da dahinter?

Wie du schon sagst,  wir versuchen die unterschiedlichsten Sachen zu machen, weil wir merken, dass des uns die Freude an der Sache zurück gibt. Dabei gibts niemals einen Trott. Und da war das Southside und das Hurricane, mit diesem fast schon größenwahnsinnige Aufbau.. Da haben wir gedacht halt gedacht: Ja okey, jetzt lass uns einfach mal ein bisschem rumspinnen und des war dann einfach auch total beindruckend, wenn da so von dem Podest auf Publikum guckt. Das hälts halt einfach interessant. Dann warn wir im Mai auf einer kleinen Clubtour in Kroatien, Tschechien und Ungarn. Und das war dann so ein Gefühl wie ganz früher: Nur wir zu dritt auf der Bühne, mit ganz kleiner Mannschaft unterwegs, in Länder wo uns nicht viele Leute kennen. Und das war total wichtig für uns. Wir hatten letztes Jahr ne Pause eingelegt, wir wollten eigentlich erstmal gar nichts machen und durch diese Tour haben wir wieder so richitg Bock bekommen neue Lieder zu schreiben. Da kam so ein Neustart Gefühl auf…

Für uns wars wichtig, grad auch nach dem Unplugged – das war ja unser größter Erfolg – Da wars einfach wichtig, den Kopf freizubekommen und komplett abzuschalten von der Musik, um dann auch mal den Gedanken reifen lassen zu können: Wie solls denn jetzt eigentlich weitergehen. Und jezt merken wir, auch durch diese Clubtour, dass wir einfach auch wieder Lust haben und Inspiration da ist. Wir wollen jetzt einfach selber wieder neue Musik von uns hörn.

Ist auf dieser Tour auch die ein neues Album aufzunehmen aufgekommen oder is einfach gerade die Lust an der Sache das Entscheidende an eurem Neustart?

Das is jetzt grad das Entscheidende. Also wenn wir nen Druck haben, dann sowieso nur den, den wir uns selber machen. Das ist ein Luxus, aber der kann auch ganz schön blockierend sein. Ich kann nur für mich sprechen – für mich war die Zeit in den letzten Jahren irgendwie einfach noch nicht reif. Der Flo war da anders, der wollte gleich wieder was machen. Aber so mit der Zeit, die wir zusammen verbracht haben, das war der Startpunkt. Und prompt ist auf dieser Reise auch ein tolles Lied entstanden und zwar zusammen. Da hat einer eine Zeile rein geworfen, Rüde hat was geschrieben, ich hab paar Akkorde dazu gespielt, hab weitere Zeilen geschrieben und dann kam Flo mit der Melodie. Und dieses Lied, das steht für diesen Neubeginn und es war schön zu sehen, dass es hinhaut. Wenn wir zusammenrücken, dass da sofort Inspiration da ist.

Was mich als musikalische Nulpe interessiert: Wir schreibt ihr eure Songs, ich meine ihr habt Superhits und Hymnen, die schon fast zum popkulturellen Gedächtnis gehören. Sagt man sich da, jetzt schreib ich mal ne große Ballade?

Meine Erfahrung: Wenn man was Besonders, was Großes machen will, dann geht das in die Hose.

Weil so dieses Vorhaben, jetzt schreibe ich des und des, das mündet dann immer so in einer Kopfgeburt. Das Tollste is eigentlich so immer wenn was beiläufig kommt und des sind dann auch die Lieder die geblieben sind, die wir 10 Jahre oder länger. Des sind so Momente, wo man ein intensives Gefühl wahrnimmt oder ne Zeile aufschnappt und die dann irgendwie umsetzt. Klar, wenn die Zeile da is, muss man sie ausfeilen, wegwerfen, ruhen lassen. Das ist dann schon Arbeit.Und dann hilft uns heute auch die Erfahrung. Andererseits haben wir jetzt auch unglaublich viele Songs geschrieben und dann merkt man manchmal auch: Sowas haben wir ja schon mal geschrieben und dann muss mal halt schaun, wie man des mit dem Alter wieder anders beschreibt.

 

Interessant, dass du das mit der Erfahrung ansprichst. Ich habe mit die Frage notiert, ob du, als Sänger der größten Fußballband Deutschlands  Parallelen zwischen der Karriere eines Fußballspielers und der deinigen als Rockstar siehst? Hilft die Erfahrung?

Jetzt bin ich natürlich leider nicht in der Lage zu sagen wie sich ne Fussballkarriere anfühlt. Das wäre mein Traum gewesen, aber ich war halt leider nicht in der Lage. Aber es hat ja mit der Musik hingehauen, das ist ja auch ganz toll. Es ist einerseits toll auf einen Erfahrungsschatz zurückzugreifen, aber man muss aufpassen, dass man nicht zu abgeklärt rangeht. Weil Musik in erster Linie reines Gefühl ist. Und darum ist Musik doch auch einfach so etwas tolles, weils direkt in die Leute reingeht. Manchmal wünsch ich mir auch, wieder die Unbedarftheit von früher zu haben. Aber das geht ja leider nicht. Aber dieses ‚Wow – jetzt blästs dich gerade weg‘, des gibts immer noch und da ist man voll in dem Moment drin und macht das was am liebsten macht. Ein Riesegeschenk. Das empfinde ich nach wir vor so. Ich versuch also nicht so verkopft ranzugehen, die Erfahrung mit reinzunehmen, mir aber trotzdem ne gewisse Naivität zu erhalten.

Da fällt mir gerade auf, dass es Gerüchte um Roque Santa Cruz und ein Bundesligacomback gibt…

Wirklich? Den hab cih neulich in München getroffen, das war ganz schön. Ich steh da so und dann ist da plötzlich der Roque. Wir hatten ewig keinen Kontakt mehr, seit er nicht mehr in München ist. Ich hoff, ich wünsch ihm, dass er nochmal richtig einschlägt. So ganz hats ja nicht hingehaun, da hat immer ein bisschen was gefehlt.

Gibt es bei euch in dieser ganzen langen Zeit des Zusammenlebens, nicht auch mal Momente, wo ihr euch am liebsten auf die Fresse hauen würdet?

Klar logo, das gibt es bei uns auch. Aber, es ist so, dass ist ja wie eine enge Beziehung die wir zu dritt führen und weil wir uns mit unsere Leidenschaft beschäftigen, ist jeder mit viel Herzblut dabei und entsprechend ist da jeder von uns auch sehr verletzlich. Am intensivsten ist es einfach immer, wenn wir im Dreierverbund diskutieren. Der erste Moment, wo jemand eine Idee vorstellt, das ist einfach sehr intensiv und entsprechend kann das auch total enttäuschend sein. Und natürlich gibt es da auch den Moment, da würde ich den anderen am liebsten die Zähne ausreissen und die Jahre ausrupfen. Aber wir wissen natürlich auch, was wir voneinander haben und wir sind durch so viele Situationen gegangen und natürlich haben wir da großen Respekt voreinander. Wir können es ja selbst kaum glauben, dass wir das schon 16 Jahre lang machen und das es irgendwie immer weiter geht. Es ist wirklich was sehr schönes, da ist aus so einer jugendlich Freundschaft und der Liebe zu der Musik echt was ganz Großes geworden.

Gibt es Sachen die ihr bewusst alleine macht?

Nach ner längeren Tour braucht jeder seine Freiheit ich bin dann ganz gern mit mir alleine und ich genieße die Zeit. Und treff mich mit anderen Freunde und versuch dann so nen normalen Alltag herzustellen. Da Tourleben is ganz anders und in der Tat nur wenig inspirierend, man hängt halt in irgendwelchen Clubs und bekommt nicht viel drumherum mit. Entsprechend geb ich mir Mühe, in ein normales, gesundes Leben zurückzufinden!

So als letzte finale, zusammenfassende Frage: Wo solls denn jetzt hingehen?

Das kann ich dir zum jetzigen Zeitpunkt leider echt nicht sagen. Was wir versuchen ist einfach, wir sind ja keine 18 mehr und es geht jetzt auf die 40 zu, wir versuchen jetzt auf jeden Fall unsere Themen altersgemäß zu behandeln. Aber trotzdem merken wir, dass wir nach wie vor Bock haben auf der Bühne abzugehen. Und das ist echt ne wichtige Erfahrung, weil früher hat man halt gedacht, jemand der 35 Jahre alt ist, der ist ja uralt. Aber wir fühlen uns teilweise gar nicht älter. Und in dem Komplex, da sind einfach viele Facetten drin und dieses Gefühl würd ich echt gern in die Musik mit rein nehmen. Wie sich das anhört? Keine Ahnung, wir beginnen im Herbst mit den Aufnahmen. Was mich auch beschäftigt, ist die Sache wie sich die Wahrnehmung von einem selbst ändert und auch die von außen – und dass das irgendwie gar nichts miteinander zu tun hat. Des ist auch so ein Thema, das ich unbedingt noch angehen möchte…

Ende.

Noch nicht genug? Dann gebt euch halt noch den Konzertbericht, der zuvor schon vollständig beim Südkurier /Klick!/ erschienen ist:

Großes Kino im kleinen Saal –

Sportfreunde Stiller – Kulturladen Konstanz

 

Habt ihr euch schon einmal im Kino in den falschen Raum gesetzt? In einen kleinen, schnuckligen Indiependent-Saal, in dem plötzlich und zur großen Überraschung ein echter Blockbuster gespielt wurde? Nein? Natürlich ist das ein unrealistisches Szenario, doch ungefähr so haben sich wohl die Kulturladen-Konzertbesucher am vergangen Mittwoch gefühlt, als dort die Sportfreunde Stiller die Bühne enterten. Denn eigentlich funktioniert der Rock´N´Roll-Zirkus genau anders herum: Man entdeckt eine junge Band in einem kleinen Club und sieht sie, falls alles ideal läuft, Jahre später auf einer großen Bühne. Auch die Sportfreunde haben schon in Konstanz gespielt – 2004 und 2007 – jeweils bei Rock am See und jeweils von zehntausenden Fans. Im hier und heute spielt das Trio aber im KULA und damit vor ein paar hundert Verrückten. Wie kommt es dazu? „Warum wir das machen? Ganz einfach weil wir unglaubliche Lust drauf haben.“, erklärt Sänger Peter Brugger im Gespräch vor dem Konzert. Lust, das ist das große Stichwort, dass den Sportfreunde-Kosmos momentan bestimmt: Die erfolgreichste deutsche Indieband schien nach ihrem Nummer 1 Album „La Bum“ und dem unglaublichen Erfolg ihrer Unplugged-Tour müde und ausgelaugt. Ein Jahr Pause erschien als logische Konsequenz, dann aber startete die Band eine Clubtour durch Osteuropa: „Und da war das plötzlich so ein Gefühl wie ganz früher. Nur wir drei auf der Bühne, in Ländern, in denen uns kaum einer kennt. Und da kam so ein Neustart-Gefühl auf.“ Der Neustart mündete umgehend in neuen Kompositionen und im Bestreben, auch in Deutschland kleinere Clubs zu bespielen und die neue Lust offen zu präsentieren. Als Startpunkt erschien den Sportfreunden Konstanz und der KULA ideal – das Konzert war innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Und da stehen sie dann: Aus der bayrischen Idylle in die große Welt, aus der Welt zurück auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Peter, ganz links, der immer ein wenig unscheinbar wirkt bis er zu singen beginnt, Rüdiger, genannt Rüde, langhaarig und abgeklärt, der musikalische Kit der Band und Flo, hyperaktiver Romanautor, Schlagzeug-Derwisch, der Unberechenbare. Nach einer kurzen Abtast-Phase springt der Funken ruckzuck über. Der typische Sportfreunde-Sound, dieses Konstrukt aus Deutschrock, Indie, Punk und bayrischen Charme, funktioniert definitiv im kleinen Rahmen und die Sportfreunde schrammeln ausgelassen vor sich hin, ehe ihre Hymnen nicht selten in eingängigen Keyboard-Sounds und mitreißenden Refrains zerbersten. Das Dauergrinsen in den Gesichtern des Trios offenbart, dass die Sportfreunde Stiller ganz offensichtlich jede Sekunde des Konzertes genießen. Peter springt in den Graben, schält sich durch die verschwitzte Menge, um sich dort ein Bier zu genehmigen, Rüde schüttet gefühlte fünf Kisten Wasser in die Menge, während Flo einen Stagediver augenzwinkernd für dessen Tanzeinlage kritisiert: „Mir hat einfach Gefühl, Rhythmus und Ausdrucksstärke gefehlt!“ Überhaupt gewinnt man zunehmend den Eindruck das sich die Sportfreunde mit diesem Konzert freischwimmen von all dem orchestralen Unpluggedbombast und ihren Festivalshows im XXL-Format. Drei Mann: Gitarre, Bass, Schlagzeug und ein bisschen Keyboard. Das ist Rock`N´Roll „wie ganz früher“ und das geht mächtig nach vorne.

Das Aufregende ist dabei die Tatsache, dass auch die Songs selbst ihr ursprüngliches Gewand überstreifen. Kompositionen wie „Wellenreiten“, „Fast Wie Von Allein“ oder „Wunderbaren Jahren“ haben teilweise ein Jahrzehnt auf dem Buckel und für viele ehemalige Teenie-Fans bilden sie den Soundtrack des Erwachsenwerdens. Vor diesem Hintergrund entsteht im Kulturladen ein besonderes Momentum zwischen Perplexität, Euphorie und Erinnerung. „Es kommen immer wieder Leute auf unsere Konzerte, die ganz früher schon mal da waren und dann irgendwie gar nicht mehr und die dann doch mal wieder vorbeischauen. Die haben uns nicht vergessen, für die hat unsere Musik eine gewisse Bedeutung oder sie verbinden irgendwie tolle Sachen und Erinnerungen damit. Das ist total schön und für uns ein Glücksfall.“, versucht Peter Brugger die besondere Verbindung von Fans und Band zu skizzieren.

Der Konzertsaal reift indes zu mehr als sprichwörtlichen Sauna, das Publikum springt und schwitzt und tanzt und gröhlt die Sportfreunde Hits, die längst dem popkulturellen Gedächtnis angehören. „Ich wollte dir, nur mal eben sagen, dass du das…“ Man versteht sich von selbst. Das Ereignis endet nach knappen zwei Stunden Spielzeit, zwei Zugaben und Temperaturen an der Kollapsgrenze – so muss es sein, meint auch Peter: „Dieses ‚Wow – jetzt blästs dich gerade um!‘, das gibt’s nur auf der Bühne. Und deshalb ist Musik halt was so tolles, weils einfach direkt in die Leute reingeht.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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Boy – Kulturladen Konstanz – 02. April 2012

Erstmal schwelgen: Boy klingen nach Sommer und nach Sommerregen wenn es dann doch zu heiß wird, nach Tagen, die eigentlich niemals enden sollten, nach durchzechten Nächten und der aufgehenden Sonne und nach Zeiten, an die man sich ewig zurückerinnert.

Zu Beginn des Konzerts gibt’s aber erst mal ordentlich auf die Glocken: Zwei Schlagzeuger schlägern mit voller Kraft auf mächtig Klangbauten, während am linken Bühnenrand eine Oldschool-Orgelburg den wacker auf sich klimpernden Keyboard-“boy“ (sorry!) beinahe komplett verschluckt. Ganz schön düster, denkt man sich da, als zwei Schatten aus der Bühne wachsen. Und plötzlich ist da so ein zärtliches Licht im Dunkel. Und es klingen die Melodien, die im vergangen Jahr so nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht haben…

Jeder Popjahrgang wird von Fachjournaille unweigerlich in Rollenbilder gequetscht, die einen umgehend an die Grundschulzeit erinnern: Da gibt es die strebsamen Aufsteiger, die hartnäckigen Oldies, die krampfhaft Experimentellen, die One-Hit-Wonders und die stylischen Kultfiguren. Doch in jedem Musikjahr schält sich im Laufe der Monate dann meist Akt besonders hervor: Der Klassenprimus, „Die Popsensation des Jahres!“. Und so waren es 2011 die eingangs erwähnten Damen, die unter dem Namen „Boy“ irgendwie urplötzlich allgegenwärtig waren und gleichermaßen zu Feuilleton- wie auch Fanlieblingen avancierten. Zurecht. Denn zu ausgereift und verspielt klang ihr Debüt „Mutual Friends“, als dass man es hätte überhören können, zu sympathisch präsentierten Valeska und Sonja in der Folge ihren Folk-Pop, als dass man sie hätte übersehen können. Es entstand ein Erfolgstsunami, die auch nach Konstanz schwappte. Das Boy-Konzert im Kulturladen war in Rekordzeit ausverkauft.

Kurzer Einwurf der besorgten Elternpartei deutscher Hausfrauen (BEPdH):

Zum Beweis, welchen angsteinflössenden Einfluß Bands wie „Boy“ auf die heutige Jugend haben.

Mein Tagesablauf (*):

6:458:15 Aufstehen-Boy hören

8:1512:00 Schule

12:0013:00 Boy hören

13:0016:45 Schule

16:45 17:00 nach Hause fahren- Boy hören

17:0018:30 Songs von Boy spielen *essen*

19:0019:30 Videos von Boy anschauen

19:3021:30 Songs von Boy lernen

22:306:45 Von Boy träumen!

(*) Zitat: Guitarsurfgirl1, Youtube Kommentar unter dem Musikvideo zu „Waitress“, insgesamt geliked von 157 Personen. (Stand: 03.04.2012)

 

Und so drängt sich das Publikum bereits vor Konzertbeginn in allen Ecken, stellt sich auf Bierkisten oder blinzelt zwischen zwei Boxen hindurch, um irgendwie einen Blick auf die Bühne erhaschen zu können. Selten hat man derartig viele junge Frauen auf so wenigen Quadratmetern zusammengequetscht gesehen.

Die federleichten Kompositionen des zum Sextett erweiterten Duos kommen live ein wenig verbissener daher. Das liegt zu einem am mächtigen orchestralen Unterbau, zum anderen an Bühnenaufbau-Atmosphere: Zunächst zergeht die Band in dunklen Schatten, dann ist die komplette Bühne in blutrot getaucht, ehe nackte Glühbirnen den Kulturladen im Stile von Horrorfilmen auslodern.

  

Im weiteren Verlauf gewinnt das Konzert mehr und mehr an Dynamik, der Funke springt endgültig über. Auch den lautstarken Dialog mit einigen angetrunkenen Hipsters meistern die beiden Ladys mehr als charmant. Ganz alleine, also eigentlich zu zweit wissen Boy dann irgendwie noch besser zu gefallen und müssen sich in dieser Form und mit Hits der Marke „Waitress“ und „Seven Little Numbers“ vor keiner Folkband der Welt verstecken (um das Ganze mal im Fussballerjargon aufzuzeigen). Tatsächlich müssten Boy, falls Folk in den nächsten Wochen olympisch wird, wohl definitiv im Sommer für Deutschland gen London ziehen.

Und dann am Ende, nachdem „Boy“ ihre Vorzeigeballade „Skin“ in einem akustischen Überzug inklusive Melodika-Solo in den Kula hauchen, erstrahlt nicht nur die Kulturladen-Bühne in flackernden Glühbirnenlicht. Nein, alles ist erleuchtet. Und als Zuhörer tritt man mit wohlig erwärmten Herzen den Heimweg an.

Weitere erstklassige (und garantiert professionellere Bilder) könnt ihr euch hier: http://bjoernjansen.com/blog/2012/04/03/boy-live-im-kula-konstanz-2012/ anschauen!

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