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Posts Tagged ‘Kurzgeschichte’

Haarige Sachen, Haarige Angelegenheiten, Haare, Kurzgeschichte, Jeremias Heppeler

Gleich vorweg: Dieses wunderschön wallende Symbolbild vermittelt einen vollkommen falschen Eindruck des nachfolgenden Textes. Der ist nämlich nicht schön oder so. Da tun sich Abgründe auf. Alter Online-Medien-Trick. Sorry!

Als ich heute Nachmittag gedankenverloren und abgestumpft dumpf aus dem Busfenster blickte, stach mir urplötzlich der vielleicht sensationellste Frisuren-Fail meines bisherigen Lebens in die Augäpfel: Da an der Bushaltestelle saß, in urtypischer Oma-Bushaltestellen-Haltung und in alle Spektren der Farbe grau gehüllt und damit in urtypischen Oma-Outfit: Eine Oma! Über den dicken Brillengläsern entfesselte sich eine fast schon unglaublich typische Oma-Matte, ein gut gekämmter Lockenboschen, mit einer wahnwitzigen, halsbrecherischen Eigenschaft. Tatsächlich: Die Haare dieser Oma waren, unter einer unterdrückten Schicht von Grautönen, blau. Vollkommen blau. Und damit meine ich nicht etwa grau-blau, oder angenehm bodenseeblau oder freundlich marineblau, sondern hochaggressiv neonblau. Sofort dachte ich an eine provokante Street-Art-Protest-Aktion. „Ihr nehmt uns die Brücken – Wir nehmen uns die Oma!“. Doch nein – das war nicht das Werk von Spraydosen. Aber was dann? Als nächstes kam mir die Möglichkeit in den Sinn, dass die eventuell rassistische Oma ihren türkischen Friseur beleidigt hatte – oder einfach farbenblind war und sich die falsche Selbstfärbepackung aus dem Regel gefischt hatte. Oder hatte ich zufällig den einzigen Menschen mit natürlich neonblau Haupthaar entdeckt – eine Sensation, ein wissenschaftlicher Durchbruch? Meine Gedanken pulsierten schneller und beinahe schmerzhaft: Vielleicht war die Oma ein Spätentwickler und Rentner-Rebell und hatte sich auf die alten Tage dem Punk verschrieben. Oder hatte sie gar Zeit ihres Lebens als Zirkusclowns auf Kindergeburtstagen gearbeitet…

Mein Gehirn rotierte, als der Bus ganz langsam davon fuhr. Die Oma blickte betrübt hinterher und ich erinnerte mich an meinen eigenen und größten Farben-Fail. Damals war ich in etwa 15, Schmalspur-Punk und Nirvana-Fanboy. Im Cover von „In Utero“ entdeckte ich ein ultra-starkes Foto von Kurt Cobain mit pinken Haaren und entschloss mich, wütend und zu allem bereit, meine Matte in derselben Farbe erstrahlen zu lassen. Meine Mutter fuhr mich zum Friseur meines Vertrauens (oder viel eher ihres Vertrauens) und als sie selbst dann unter einer tönenden Trockenhaube verschwunden war, zeigte ich mit zitternden Fingern auf das Bild des zu diesem Zeitpunkt seit zehn Jahren verstorbenen Rockgotts. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: 1. Eine solche Farbkreation passte zu meinem runden Kopf und den dünnen Büscheln, die daraus hervorwuchsen, in etwa so gut wie Angela Merkel auf eine Bunga-Bunga-Party und 2. Beinhaltete die Farbpalette des Friseurs meiner Mutter selbstredend kein punkpink. „Aber da finden wir ne Lösung, lass mich nur machen.“, sprach der Friseur und entschwandin seiner von Chemikalien verseuchten Hexenküche, ehe er mir fünf Minuten später eine nasskalte Pampe auf Schädel schmierte. Als sich die Haube öffnete, spielten sich in dem kleinen Friseursaloon Szenen ab, die man sonst nur nach dem Schären bei „Germanys Next Topmodell“ kennt.

Der langen Rede kurzer Sinn: In den nächsten Wochen erstrahlten meine Haare in aubergine.

Ja, in aubergine, dieser kotzreizwürgenden Farbe, die ihren Namen einer unförmigen Frucht verdankt (oder andersherum?). IN AUBERGINE! Das war nicht Punk, das war ZDF-Hitparade und ich spielte fortan nicht mehr mit den coolen Kids. Erst heute erkenne ich den tieferen Sinn dieser tragischen Geschichte: Denn aubergine als Haarfarbe findet man genau genommen nur in einem Biotop: Richtig! In Altersheimen. Man sieht sich immer zweimal im Leben.

Übrigens: Das Freilichtmuseum Neuhausen Ob Eck hat dem Thema „Haare“ eine eigene Ausstellung gewidmet. „Haarige Sachen“ heißt das Ganze und beginnt am 6. Mai:

Alles Infos hier: http://www.freilichtmuseum-neuhausen.de/mcms.php?_oid=5d3abd6-57c3-1994-38b3-e320312b277f3 (das mit der Werbung ist mir übrigens erst während des Schreibens eingefallen!)

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