Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Live’

Fraktus II – Fauststudio – Scheer

dsc_2140

Sie arbeiten seriös. Wirklich. Sie arbeiten ganz seriös an der Zerstörung der Welt.“, sagt Jochen Irmler (Faust), in dessen Klangband-Studios in Scheer Fraktus II am vergangenen Freitag Premiere feierte, vor dem Konzert über Bernd Wand, dessen Mutter und Carsten Meyer. Wenige Minuten später wissen wir, was Irmler mit dieser Beschreibung meinte. Denn Fraktus II sind nicht zu greifen, absolut unfassbar. Zu Beginn der Show platziert sich Irmler selbst am linken Bühnenrand, hinter seinen selbst konstruierten Orgelaufbauten, die rein optisch an die Skyline einer dystopischen Metropole erinnern.

dsc_2141Rechts aber greift Meyer, „der musikalische Leiter der Expedition“, in die Organe seines Flügels. Präparierte Orgel trifft – frei nach John Cage – auf präpariertes Klavier. Zwischen den Klangschüben huscht Mutti Wand schüchtern auf die Bühne und Bernd Wand schiebt sich unter einem riesigen Schildkrötenpanzer aus Eierboxen durch die Publikumsreihen. Es folgt ein minutenlanges Pamphlet des Bandleaders: „…eine absichtlich herbeigeführte Explosion im Klanglabor. Alle Petrischalen platzen unter liebevollen Ohren des Tonkollektivs. Diese Reinigungskosten könnte kein Mensch bezahlen. Das ist das Wunder von Scheer!“

dsc_2134Erst jetzt wirft Meyer die elektronischen Maschinen an und es vermischen sich Neue Deutsche Welle, Schlager, Techno und Krautrock zu einem ganz neuen, auf der Rasierklinge der Realität balancierenden Genre. Das Fraktus II hier im vermeintlichen Nichts das Licht der Welt erblickt ist folgerichtig. Nach dem Ende von Fraktus (aufgearbeitet in der gleichnamigen und längst legendären Mockumentary) war Bernd Wand nach Brunsbüttel zurückgekehrt und hatte nicht nur im Optikergeschäft seiner Eltern gearbeitet, sondern mit ebendiesen auch Fraktus II gegründet. Bereits im Film formulierte Wand den Wunsch einmal auf dem Klangbad-Festival aufspielen zu wollen. Im Sommer wurde diese Sehnsucht zumindest teilweise erfüllt: Fraktus II reisten für eine Woche ins Donautal und setzten gemeinsam mit Klangtüftler Irmler und offiziell gefördert vom Land Baden-Württemberg ihre Debütplatte „Optische Täuschung“ um. Das kann man sich alles nicht ausdenken!

dsc_2168Das Bewusstsein ist nur eine temporäre Haltestelle auf dem Weg in den Wahnsinn!“, erklärt dann auch Bernd Wand und als Zuhörer merkt man deutlich, wie einem die Begriffe wie Sand zwischen den Fingern zerrinnen. Bei „Farben und Verläufe“ schraubt dann Irmler magnetische Klangschrauben aus der Tiefen seines Krautrockgolems, während Wand sich selbst dabei filmt, wie er Farbe auf eine rotierende Papier-Schallplatte träufelt und seine Mutter und Carsten Meyer das Tanzbein schwingen. Und eben weil Musik begrifflos erscheint, erlaubt sie eigentlich keine solche Ironie. Anders als in der bildenden Kunst finden Abstraktion, Karikatur und Naivität nur selten ihren Weg in Bandprojekte, weil die meist für mehr stehen und stehen müssen. Für Politik, für Bewegungen, für das eigene Ego. Fraktus II sprengt diese ewigen Beschränkungen mit Leichtigkeit. Und auch mit Ironie, klar, aber stetig im des Parametersystems der Hoch- und Popkultur und ganz bewusst auf den Moment der aufklappenden Falltüre hin komponiert.

Das Konzert ist schreiend komisch, vollkommen absurd, total gaga auf so vielen Ebenen und dann doch wieder tragisch bis melancholisch in seinen unzähligen kleinen Gesten. Realität und Hyperrealität und Performance und Fiktion und Irrsinn verschmelzen zu einer hybriden Masse und es bleibt dem Rezipient überlassen, wie er diese nun für sich verformt. So muss Dada vor 100 Jahren auf den vormodernen Menschen gewirkt haben. Fraktus II ist Dada hoch 3. Dadadada!

Nach dem Konzert sitzt die Band gemeinsam in den Räumen der ehemaligen Papierfabrik. Ein Besucher verabschiedet sich vom Frontmann: „Tolle Nummer war das, danke, äh, Bernd, oder ähm… Jacques. Ja wie denn jetzt?“ „Jacques Palminger, jetzt hier, da kann ichs ja sagen. Von einer Kunstfigur in die andere…“ Der Druck fällt sichtlich und gemeinsam mit dem jetzt abgezogenen Rollenmantel ab und jetzt erst offenbar sich harte Arbeit, die zermürbenden Denkprozesse im Spiel mit dem Wahnsinn und der Authentizität. Aber Authentizität, springt wenig später ein Meyer ein, ist ja sowieso das größte Unwort überhaupt.

Werbeanzeigen

Read Full Post »

Syndrome/ Alcest/ Mono – Winterthur – Salzhaus

favorit-2-takaakira-goto

Inmitten des Songmonsuns „Pure As Snow“ schnappt sich Gitarrist Takaaira Goto kniend sein Werkzeug und rammt die E-Gitarre wie ein Kruzifix in den Boden. Und da liegt er nun, die neue erschaffene Gottheit anbetend, wie eine soeben gestrandeter Robinson, während die von seinen Bandkollegen losgetretenen Klangwellen über ihn hinüber schwappen. Nach einigen reglosen Sekunden des Innehaltens rafft sich Goto auf und schraubt wie von Sinnen an den vor ihm liegenden Sound-Geräten und jene Welle zucken gespiegelt zurück. Bei aller angesammelter Konzerterfahrungen – einen Moment von solcher Klarheit und Emotion erlebt man nur in den seltensten Fällen. Das japanische Postrock-Quartett Mono ist definitiv keine gewöhnliche Live-Band.

Bei aller digitalen und weltweiten Vernetzung gibt es für uns Mitteleuropäer doch immer noch Länder und Kulturformen, die sich uns mit unserem Wissensschatz und unseren Denkstrukturen nur schwer erschließen. Das Land der aufgehenden Sonne erscheint hier als Paradebeispiel einer Gesellschaft, die zwar hypermodern agiert (zumindest in Tokio), sich aber dennoch für uns so fremd, andersartig und exotisch präsentiert. Das gilt vor allem auch für die Kunst und die Popkultur. Abseits der Regie-Genies Kurosawa, Myasaki und Kitano hat kaum ein Künstler den Weg in den westlichen Mainstream gefunden. Und seien wir ehrlich: Wer nicht gerade einen Hobby-Japanologen in seinem Freundeskreis weiß (oder selber einer ist), der kennt für gewöhnlich auch keine japanischen Popstars. Dabei ist die dortige Musikszene bunt,vielfältig und überbordend. Ein Großteil der bekannteren japanischen Bands wie Dire En Gray oder Babymetal vermischen die Genres J-Pop oder J-Rock mit Visual Key, verbinden also einen absolut abgefahrenen und nicht selten Kitsch überladenen Kaugummi-Pop-Rock oder sogar Heavy Metal mit einer auffallenden und nicht selten an Manga erinnernden Optik. Abseits davon gibt es aber eine Fülle von hochspannenden Bands, die sich in experimentellen und technischen Gefilden wie Post-, Prog- oder Stonerrock austoben und auch im Westen als stilprägend gelten. Wir denken Boris, an Envy und eben auch an Mono. Letztere spielten am vergangenen Dienstag im Salzhaus in Winterthur ein absolut denkwürdiges Konzert.

Eigentlich es ist an dieser Stelle fast ein wenig kurzsichtig den Fokus alleine auf die Japaner zu richten, teilt sich Mono den Zugpferdstatus auf ihrer gegenwärtigen Tour mit den Franzosen von Alcest. Mehr noch: Die niederländische Ein-Mann-Maschine Syndrome erweitert das Ganze zu einer Art Mini-Festival. Alcest, die eine komplett neue Spielart des Shoegaze entwickelten, indem sie ebendiesen mit Metal und Postrock-Waben verklebten, spielen eine straighte Show, die sich gewaschen hat. Laut und durchdringend bis an die Schmerzgrenzen, schälen sich durch das vermeintliche Chaos doch stetig melodische Spurverläufe.

Im monumentalen Mono Opener „Death In Rebirth“ geht es da im Vergleich fast ein wenig harmlos zu: Während Schlagzeuger Yasunori Takada im Hintergrund munter vor sich in werkelt und Bassistin Tamaki Kunishi recht abwesend in die Saiten greift, sitzen die beiden Gitarristen Yoda und der angesprochene Goto zunächst sogar brav und diszipliniert auf Pianohockern. Alles wirkt abgeklärt, sicher, normal und erwartbar. Im weiteren Songverlauf aber entsteht zwischen den beiden Gitarristen ein massiver, wirbelnder Sog, der immer stärker zu vibriert und schon bald gewaltig bis gewaltsam rotiert und rotiert und rotiert.

Monos Postrock, das zeigen unzählige Erfahrungsberichte, hat die Eigenschaft seine Zuhörerschaft in eine Art anderen Zustand (mit den besten Grüßen an Robert Musil) zu versetzen. Das liegt sowohl an den immer schwerer tönenden, sphärisch sägenden Klängen, die sich typischerweise über den Hörer aufschichten und ergießen, aber auch an der konzentriert destruktiven Struktur, die sich nur in den seltensten Fällen an klassischen Songwriting orientiert. Auch in Winterthur zerfließen Zeit und Raum… Monos größte Stärke liegt live in der finalen Ausreizung der Kreisbewegung bis zum Kollaps. Unter dem brachialen Einfluss des marternden Soundgolem „Requiem For Hell“ lösen sich alles sicher geglaubte Formationen auf, die gewohnten Bausteine zerfahren in alle Himmelsrichtungen, zerschellen und ziehen sich doch wieder an wie Magnete. Mono, die vierköpfige Hydra, verschluckt seine Hörer und spuckt sie wieder aus, mittenrein in die ganz normale Welt, die dir mit dröhnenden Trommelfell ein wenig dekonstruiert vorkommt.

Read Full Post »

DSC_8277

 

Jeder regelmäßige Konzertbesucher legt sich früher oder später eine Art Katalog der Banderinnerungen an, in welchem er seine Erfahrungen und Erinnerungen einspeisen kann. Da reihen sich dann all die Enttäuschungen, Gänsehautmomente, Blockbuster und spät erfüllte Live-Wünsche sauber nebeneinander ein. Besonders in die Erinnerung gräbt sich aber eine ganz besondere Art von Konzert: Jene Shows, in die du vielleicht zufällig reinrutscht, von denen du dir so gar nichts erwartest und die dich komplett kalt erwischen und vollständig wegblasen. Wer am vergangenen Donnerstag in den Konstanzer Kulturladen marschierte, hatte die seltene Gelegenheit ein solches Konzertgefühl zu erleben. Der Grund: Mother´s Cake aus Österreich!

Drei Mann: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Das ist die ursprünglichste, die rohste aller Besetzungen. Eigentlich, so meint man, hat man alles gehört, was diese grundlegenden Parameter hergeben. Von wegen! Ab der ersten Sekunde zündet das psychodelische Punkrock-Potpourri der Österreicher und schiebt den Kula druckvoll in Richtung akustische Kernschmelze.

Mother´s Cake sind eine ganz neue Art von Band, ein Trio, dessen Biografie zwei komplett unterschiedlichen Welten entsprungen ist. Auf der einen Seite ist das die ganz klassische Bandevolution. Der Aufstieg von der kleinen, verplanten Rockgruppe, die sich durch die Jugendhäuser des Tiroler Oberlandes spielte und sich später Stück für Stück nach oben hangelte und sich als Vorgruppe von Größen wie Iggy Pop oder Limp Bizkit ihre Sporen verdiente. Auf der anderen Seite aber präsentiert sich Mother´s Cake aber auch als Bandprojekt 2.0, das sich Zeitgeist-typisch in unzähligen Band Contests duellierte, die Tour mit den Prog-Rockern Anathema auf Youtube dokumentierte und ihre Videoprojekt „Off The Beaten Track“ per Crowdfounding finanzieren ließ. Unterm Strich sind Mother´s Cake also eine hybride Band, die sich sowohl in nach schweiß-stinkenden Konzertclubs, als auch im digitalen Anderen bewegt und diese Kontraste zumindest diskursiv in ihrer Musik umsetzt.

Das Feuerwerk, das der Tiroler-Dreier zündet ist eine Art Next Level Crossover: Da zersprengt es schon mal ein erbarmungsloses Stonerrock-Periodensystem in seine einzelnen Bausteine, ehe das soeben angerichtete Chaos konzentriert von einem Red Hot Chili Peppersesken  Bassbeat zusammen gefrickelt wird, nur um dann – jetzt kommt’s – den scheinbar sicheren Bauplan in einer elektronisch abgespacten Goaekstase aufzudröseln. Und scheinbar sind sich Mother´s Cake gar nicht so richtig bewusst, was sie da gerade mit den guten alten Konventionen des Rock’N’Roll anstellen (nämlich durch den auf den Kopf gestellten Fleischwolf drehen). Seelenruhig spielen sie ihren vor Sprengkraft nur so strotzenden Stiefel herunter.

 

Sänger Yves Krismer richtet ab und an einen trockenen Einzeiler in Richtung vor sich hin schwitzendes Publikum. „Wir sind Mothers Cake – aus Hannover!“ „Unser nächster Song heißt Atemlos!“ „Hat mal einer einen Bieröffner da.“ Dann geht´s weiter. Mit Volldampf. Und vielleicht muss ein Rockband im Jahre 2015 genau so klingen: Unberechenbar, unverortbar, anstrengend, hyperaktiv, vor wilden Zitaten und Verweisen und hypnotischer Sogkraft nur so überbordend, ständig mit dem finalen Kollaps kokettierend. Und natürlich springt bei diesem rasenden Ritt auf Riffrasierklinge die eine oder andere Komposition über die Klippe. Aber das Scheitern ist dem Rock’n’Roll seit jeher immanent und so ist dieser bewusste Blick in den eigenen Abgrund am Ende nur konsequent. Zudem muss definitiv Bassist Benedikt Trenkwalder hervorgehoben werden. Im Normalfall fristen Bassisten ein Schattendasein am Rande der Bühne, aber Trenkwalder ist der heimliche Frontmann der Band, der nicht nur immer wieder den Rhythmus wechselt, sondern klassische Techniken ad absurdum führt und den Bass vor allem im ausufernden Finale ins Zentrum des Klanggebilde verschiebt. Der dabei entstehende Sound gleicht einer scheppernden Achterbahnfahrt, voller Schikanen, Steilfahrten und Loopings. Mother´s Cake – Merkt euch diesen Namen!

Read Full Post »

Annenmaykantereit – Kulturladen Konstanz

Das sind also, Annenmaykantereit, Deutschlands wohl gehypteste Nachwuchsband. Da stehen sie aufgereiht, beinahe schüchtern, unsicher, ein wenig eingeknickt, fast so, als wüssten sie nicht, wer oder was sie gerade in dieses bis zum letzten Platz gefüllte Konzerthaus gespült hat. Auch Sänger Henning May macht auf den ersten Blick den Eindruck, als wäre er viel lieber irgendwo anders. Die Arme hat er wie Liam Gallagher hinter dem Rücken verschränkt, aber nicht aus Arroganz, sondern weil er nicht so richtig weiß, was er mit ihnen anfangen soll. Dazu kommen Ansagen der Marke: „Das nächste Lied spielen wir immer. Ist einfach so.“ Und dann beginnt May zu singen und das Momentum im Konstanzer Kulturladen verschiebt in Sekunden um 180 Grat.

Schnitt: Es gibt sie noch, die klassische, unspektakuläre Bandbiografie. Die Geschichte von drei Kumpels, die sich auf der Schule kennenlernen und zusammen Mucke machen. Die sich durch die obligatorischen Vorbandtourneen, Festival-Konzerte am Nachmittag und selbstgedrehte Videos zuerst auf die Notizzettel der Musiknerds und später in die Allgegenwärtigkeit des Internets spielen. Und dort dann plötzlich eine Lawine lostreten. „Viel Aufmerksamkeit für eine so junge Band, die gar nicht versucht hat, jeden Blick auf sich zu ziehen.“, heißt es von Bandseite aus und vielleicht liegt genau hier der Hund begraben: Hinter Annenmaykantereit steht kein ausgebufftes Marketingkonzept, die Kölner Band will eigentlich nur spielen und überzeugt dabei durch schiere Qualität. Und durch ihren Sänger.

Denn Henning Mays Stimme ist so irrsinnig anders, so einnehmend effizient, dass es sie in dieser Form im deutschen Pop vielleicht noch gar nicht gegeben hat. Soviel Superlativ muss hier tatsächlich erlaubt sein. Die einzige Assoziation, die sich angesichts dieses raumfüllenden Reibeisens aufdrängt, ist Rio Reiser. Doch Mays Organ ist noch härter, noch dunkler, wilder, gebrochener. Und sie trägt Annenmaykantereit auf breiten Soundschultern, denn abseits der Stimme, klingt die Band längst nicht so ausgereift.

Ein Sportler, dem immenses Potential nachgesagt wird, der dieses körperlich aber noch nicht vollständig umzusetzen kann, bezeichnet man gemeinhin als roh. Diese Assoziation poppt auch beim Konzert von Annenmaykantereit auf. Die Band strotzt nur so vor immensen, brach liegenden Talent, weiß dieses aber technisch noch nicht in Perfektion umzusetzen – und das ist auch gut so und in Zeiten von Popakademien und Band Contests eine charmante, wichtige Gegenposition. Tatsächlich befindet sich das Quartett in einer Art Versuchsblase, in der sie aktuell alle Eindrücke und Stile absorbieren und neu durchmischen. Dazu passt auch Mays Ansage in Konstanz: „Das nächste Lied gibt es nicht. Wir spielen einen Haufen unfertiger Lieder und hoffen, dass die irgendwie im Laufe der Tour fertig werden.

Natürlich markieren die Pressetexte das Ergebnis dieses Experiments als Indie, weil eben alles irgendwie Indie ist. Tatsächlich klingt Annenmaykantereit aber eher nach The Clash als nach Oasis und definitiv eher nach Ton Steine Scherben als nach Sportfreunde Stiller. Wir hören durchdachten, weit geöffneten, teilweise tanzbaren Punkrock, angereichert mit Balkan-, Blues- und Jazz-Elementen, Clash-typisch getragen von einem dominanten Schlagzeug Beat, verstärkt mit Reizpunkten aus Mundharmonika oder Melodica. Das alles vermengt sich zu einem vitalen, unausgegorener Strom, der gerade aufgrund seiner Unfertigkeit mitreißt, fasziniert und einen hohen Wiedererkennungswert besitzt.

Die stärksten Sequenzen erlebt das Konzert während der ruhigeren Kompostionen. Songs wie „Neues Zimmer“ oder „Dritter Stock“ stechen hervor, vor allem, weil darin die unbekümmert daher  geschriebenen Texte in den Vordergrund rücken. Hier geht es um Alltagsbeobachtungen, Langeweile, zerrissene Leben, um Kaffe machen, um Heimat und geplatzte Träume. Und ja, das hat man alles schon tausendfach gehört, aber der spielerische Umgang mit Sprache scheint neu und erinnert abermals eher an Punkrock und bessere Hip-Hop-Texter. So heißt es in der Ballade „Barfuß am Klavier“, die May während der Zugabe alleine am Piano zum Besten gibt, so wunderbar unprätentiös und auf dem Punkt: „Du und ich, das war zu wenig.“ Und auch deshalb kann es Ende nur eine Erkenntnis geben: Dieser Hype ist gerechtfertigt. Annenmaykantereit sind die junge deutsche Band der Stunde.

Read Full Post »

Maifeld-Derby – 01.06.2014 – Mannheim

girls in hawai

Das Maifeld-Derby 2014 ist Geschichte und die Macher des Festivals blicken auf das bis dato erfolgreichste Festivaljahr zurück. Über drei Tage bespielten insgesamt 60 Bands die fünf Bühnen des Festivals und boten dabei einen breiten Einblick in die Welt und den Variantenreichtum der Independent Musik. Außerdem gab es für das Maifeld eine besonders erfreuliche Premiere: Gutes Wetter! Im Gegensatz zum vergangenen Jahr hatte sich die Anordnung der Bühnen marginal verändert. Auch 2014 stand das (vor allem auch atmosphärisch) imposante Palastzelt im Zentrum, die Open Air Stage indes wurde verschoben und bot nun mehr Platz und bessere Sicht für das Publikum. (Soweit die Stakkatomäßige Einleitung, gleich wirds emotionaler. Anmerkung des Korrekturlesers) .Dementsprechend konnte Peter Putz, Mitglied des Veranstalter-Teams, absolut positiv resümieren: „Wir sind mit einer durchschnittlichen Besucherzahl von 4000 pro Tag und ca. 12.000 über das gesamte Festivalwochenende sehr zufrieden.  Das ist noch mal ein ganzes Stück mehr als im letzten Jahr und eine schöne Bestätigung für unsere inhaltliche Arbeit. Auch die Änderungen in der Konzeption und Konstellation des Festivalgeländes wurden sehr positiv aufgenommen.
Vor allem der Festivalsonntag bot ein extrem ausgewogenes und aufregendes musikalisches Programm. Lest unsere Einblicke in einige großartigen Konzerte.

Das Maifeld Derby beginnt für uns mit dem Auftritt von Girls in Hawai. Der Bandtitel alleine klingt zunächst natürlich nach beschwinglichen Indierhythmen, Sommer, Sonne und guter Laune Geklimper. Hawai eben. Und Girls. Falsch gedacht. Girls in Hawai sind eine der spannendsten Band der nach wie vor florierenden belgischen Indieszene und spielen am Festivalsonntag eine energetische Show, die den Zuhörer in einigen Momenten tatsächlich ein wenig an das überragende Headliner-Konzert von The Notwist im vergangenen Jahr erinnert. Das heißt: Wir hören wie sich Soundschicht über Soundschicht legt, ehe sich vor der dunklen Maifeld-Bühne eine regelrechte Lärmwand auftut, die sich dann Tsunami-artig über das Publikum ergießt. Stark! Vor allem die letzte Song, der sich über Minuten aufbaut, verschiedene Stile kombiniert und im Anschluss in einem Jamorkan alles einreißt, überzeugt  und zwar auf ganzer Linie. Von dieser Band werden wir noch einiges hören.

Weiter geht’s draußen mit The Elwins. Und die machen genau die Art von Musik, die man eigentlich (als Namendeuter) von Girls in Hawai erwartet hätte (Beschreibung siehe oben). Das ist ganz nett und passt natürlich wunderbar in den Sonnenschein, aber insgesamt ist diese Art von Musik doch ein wenig zu angenehm und rutscht einem ein zu schnell die Gehörgänge hinunter. Den Kanadiern fehlt ein Ticken an Ecken und Kanten, Sounds, die sich in den Ohrmuscheln festkrallen. Immerhin tanzen unzählige Mädchen mit Blumenkränzen in den Haaren. Denn: Die Sonne scheint. Am Maifeld (!).

Spannender wird es im Anschluss im Palastzelt: Dort marschieren nämlich Temples auf die Bühne, die zuletzt vor allen Dingen in Großbritannien einen ordentlichen Hype erfahren haben (und auch hier darf der Hinweis nicht fehlen, dass sowohl Johnny Marr, als auch Noel Gallagher die Truppe aus Kettering als „die heißeste junge Band der Insel“ bezeichnet haben. Ritterschlag von Atombombenausmaß). Am Maifeld-Derby beweisen „Die Tempel“ (sorry!) wieso: Zunächst einmal besitzt Frontmann James Edward Bagshaw der imposantesten Naturafro der Rock´N´Roll-Szene seit Wolfmother Boss Andrew Stockdale. Des Weiteren ist das Psychodelic-Geschrammel, dass die zierliche Band auf die Bühne klatscht absolut imposant und erfrischend. Zack und Bämm. Vollgas und geradeaus. Einer aus dem Publikum schreit „You Guys Are Amazing.“ Von der Bühne antwortet ein gelangweiltes, kaum wahrnehmbares Nicken der Marke „Wissen wir schon lange“. Rock`N´Roll eben.

Das Bühnenpendeln geht weiter. Als wir uns aus der Dunkelheit des Zeltes schälen erfolgt die wettertechnische Überraschung. Wo uns zuvor blendende Sonnenstrahlen die an die Dunkelheit gewohnten Netzhäute verätzten, klatschen uns jetzt dicke Regentropfen ins Gesicht. Das Maifeld hat eben einen Ruf zu verteidigen. Der Schuldige ist schnell gefunden und gibt das auch noch unverfroren zu: Hozier kommt aus Irland und natürlich hat er den Regen mitgebracht. Eigentlich müsste man ihm dafür böse sein, würde er nicht in der Folge ein Konzert spielen, das absolut in Erinnerung bleibt und den Titel der „Überraschung des Sonntags“ ganz locker einstreicht. Frontmann Andrew Hozier-Byrne hat eine fantastische Stimme und schlägt dunkle, bewegende Töne auf seiner Bluesgitarre an, während seine Band, inklusive Piano und Streicher, den Singer-Songwriter-Kompositionen eine unglaubliche Tiefe und Größe verleiht. Das ist Bluesrock vom Feinsten, irgendwie dunkel und traurig, irgendwie tanzbar und angenehm. Ein wenig erinnert das an die frühen Kings Of Leon gepaart mit irischer Gelassenheit. Vor allem „Take Me To Church“ ist ein Song der genau hier, an diesem Ort, im kalten Regen aber so was von in Erinnerung bleibt.

St. Vincent surfen gerade auf einer ordentlichen Hype-Welle. Die Feuilletons überschlagen sich ob Anne Erin Clark musikalischer Vielseitigkeit. Den Mrs. Clark (und um diese Assoziation kommt man irgendwie nicht herum) ist so etwas wie die Lady Gaga der Independet-Szene und kann genau diesen Vergleich vermutlich absolut nicht mehr hören. Das Konzert ist vor allen Dingen von einem gehörigen Grad der Unberechenbarkeit geprägt: Hier scheppern böse Elektrosequenzen in durchdringende Poprhythmen, die dann wieder in klassischen Indiefrequenzen zergehen. Hm. Wow. Oha. So richtig in Worte fassen lässt sich eine Show von St. Vincent nicht. Und irgendwie ist das ja auch gut so. Clark offenbart vor allen Dingen ein immenses musikalisches Talent und eine beeindruckende Bandbreite, die sie bis zu den letzten Zentimetern ausbreitet und abmarschiert. Und natürlich ist das alles irgendwie noch Experiment, ein Ausloten der Möglichkeiten, das in letzter Konsequenz aber nicht komplett aufgeht, weil die letzte, die finale Radikalität doch ausbleibt.

Wye Oak indes spielen eine wunderbar berechenbar schöne Art von Musik. Die Sonne ist zurück, man stellt sich entspannt in die ellenlange Crepes-Schlange und das Duo aus Baltimore bildet damit das ideale Bindeglied zwischen der wilden, ausufernden St. Vincent Show und….

The National. Dieser Name thronte in diesem Maifeld-Jahre über allem – zum einen, weil das Maifeld-Team bis dato noch nie einen Bandfisch von einem solchen Ausmaß an Land gezogen hatte (immerhin gilt The National als Lieblingsband von Barack Obama), zum anderen haben sich die beinahe beängstigenden Livequalitäten der Band mittlerweile nachhaltig herumgesprochen. Und eins vorweg: Die Band um Sänger Matt Berninger enttäuschte trotz gigantischer Erwartungen nicht eine Sekunde und dürften( Stand 2014) wohl wirklich eine der besten (oder halt eben die beste) Live-(Indie)band unseres Planeten sein. Hallo Superlativen. The National live besticht mit zwei verschiedenen Faktoren: Nummer 1 ist das Niveau der Musiker – die beiden Brüderpaare Aaron und Bryce Dessner und Bryan und Scott Devendorf entwerfen grandiose, vielschichtige, wunderbare Klanguniversen, die immer wieder von sensibel eingesetzten Bläserbombast an den Rand der Implosion getrieben werden. Gigantisch! Faktor zwei ist indes Matt Berninger. Der Irre. Berninger ist unberechenbar, superwitzig und meistens (zumindest gefühlt) stockbesoffen. Er zertrümmert Mikrofonständer nach Mikrofonständer, reißt so manchen Flachwitz, marschiert wie ein Tiger über die Bühne und zum Abschluss des Konzertes immer wieder mit ellenlangen Mikrofonkabel ins Publikum. Und egal wie und in welchem Zustand, egal an welchen Ort: Berninger singt sich die Seele aus dem Leib und legt sie dann noch seinem Publikum zum Füßen. Und wir im Publikum möchten mitschreien, wenn Berninger schreit, möchten mit weinen, wenn seine Stimme fast zerschellt. Am Maifeld sind The National zusätzlich mit Lightshow angereist, was das Gesamtkunstwerk noch einmal abrundet und um entscheidende Nuancen erweitert. Zum Abschluss gibt es eine fabulöse Unplugged Version von „Vanderlyle Crybaby Geeks“, die das Publikum zunächst zum Mitsingen aus vollen Kehlen animiert und ebendiese nach Abschluss des Konzerts offen stehen lässt. Mehr geht nicht.

Das ist definitiv der perfekte Festivalabschluss! Eben so wie es sein sollte.
P.S.: Das Maifeld liebte The National – und augenscheinlich beruhte die Wertschätzung auf Gegenseitigkeit. In seiner abschließenden Pressemitteilung berichtet Festivalmacher Timo Kumpf: „The National haben sich noch einmal ganz persönlich bei uns für das tolle, selbstgekochte Essen, die gesamte Betreuung und den hochprofessionellen Ablauf in allen Aspekten bedankt. Der Band hat es bei uns sehr gut gefallen, was man ihrem Auftritt auch durchaus angemerkt hat, denke ich. Für mich und mein Team ist das eine große Bestätigung.

Read Full Post »

 Maifeld-Derby – Vorbericht und Interview

maifeld derby

Aus dem übersättigten Festivalnährboden Deutschlands sprossen in den vergangen Jahren so viele neue Festivals, dass man selbst als geneigter Musikfan schnell Gefahr läuft, den Überblick zu verlieren. 2014 finden wir beinahe in jedem Ort, zumindest jedoch in jedem Landkreis ein eigenes Festival – die Spanne reicht dabei von Giganten wie dem Southside oder Rock am Ring, über Mainstream-Events bis hin zu größeren Dorffeten. Das Problem: Quantität ist nur selten mit Qualität gleichzusetzen! Vielen Veranstaltungen fehlt es an Charme, Risikobereitschaft, Ideenreichtum und vor allem aber an aufregenden Lineups. Zahlreiche Bands überschneiden sich, die Buchungen folgen meist aktuellen Hypes oder dem unabdingbaren Drang nach Party. Vor diesem Hintergrund tut es besonders gut über ein Festival wie das Maifeld-Derby zu stolpern, das ganz bewusst einen anderen Weg geht.

Aber von vorne: Auch das Maifeld-Derby ist noch nicht lange der Kinderwiege entstiegen. 2014 findet das Festival auf dem Mannheimer Maimarkt Gelände nunmehr zum vierten Mal statt. Doch das Derby war von Beginn an anders. Das zeigt alleine ein kleines, aber feines Detail: Das Zeitplan des Festivals offenbart sage und schreibe fünf Bühnen und bietet genau deshalb für alle Arten und Größen von Bands ausgiebige Spielzeiten bei möglichst geringen Überschneidungen. Es wird klar: Hier geht es um Musik – der Hardcore-Festivalgänger könnte sich theoretisch zumindest ein gutes Stück Musik von jeder der insgesamt 60 Bands zu Gemüte führen.

Und ebendiese 60Truppen bieten eine gehörige Bandbreite. Die grundlegende Ausrichtung des Festivals liegt sicherlich im ungeheuer undefinierten Bereich der Indie-Musik. Wie weit dieses Feld ist, konnte man bereits im vergangenen Jahr feststellen, als man als Maifeld-Gänger bereits am ersten Abend sowohl die Progstoner-Giganten Kadavar, als auch eine denkwürdige Show von The Notwist hören konnte (Hier gehts zu unserem Bericht von letzten Jahr -KLICK-). Auch 2014 gibt es unglaublich viel zu entdecken. Zu den Highlights des Lineups gehören sicherlich die fantastische Future Islands, deren Frontmann Samuel T. Herring wohl zu emotionalsten und außergewöhnlichsten Performern des ganzen Rock´N´Roll-Zirkus gehört. Am Festivalsamstag teilen sich zwei Bands den großen Auftritt im Palastzelt des Festivals: Zunächst entert Lokalmatador Konstantin Gropper a.k.a. Get Well Soon die Bühne. Gropper entstammt der Mannheimer Popakademie und seine orchestraler, vielschichtiger Musikentwurf sucht nach wie vor national wie international seines Gleichen.

Zweiter Samstagsheadliner sind Warpaint, die psychodelische Indie-Elektronik-Experimental-Supergirlgroup, die einst zusammen mit John Frusciante musizierten und Live stetig für offene Münder sorgt. Der ganz große Fisch zappelt aber erst Sonntag-Abend im Netz: The National waren 2013 eine präsentesten und erfolgreichsten Indiebands – das spielt aber eigentlich keine Rolle. Denn The National mit ihrem besessenen und unendlich sympathischen Frontmann Matt Berninger sind schlicht und einfach eine absolut grandiose Liveband mit einen scheinbar unendlichen Fundus an absoluten Hymnen. The National und das Maifeld-Derby – das passt wirklich wie der viel zitierte Arsch auf Eimer!

Knapp eineinhalb Wochen vor dem Festival ergab sich die Möglichkeit einige Fragen an Timo Kumpf, den Veranstalter des Maifeld-Derby und Matthias Rauch (Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Clustermanagement Musikwirtschaft) zu richten. Die Antworten wollen wir euch selbstverständlich nicht vorenthalten.

 

1. Was genau sind eure Aufgaben im Organisationsteam des Maifeld Derby?

Timo Kumpf: „Als Geschäftsführer habe ich die Verantwortung über alle Bereiche, von der Produktion über die Promotion bis hin zum Programm. Die Schwerpunkte verschieben sich im Laufe des Jahres. Zunächst steht neben Partnerakquise das Programm im Vordergrund, bevor es dann an die Details geht. Eine Spezialisierung darüber hinaus ist momentan leider noch nicht möglich, aber langfristig arbeite ich daran, mehr Verantwortung abzugeben.

Matthias Rauch: „Seit diesem Jahr unterstütze ich das Maifeld Derby Team bei der Pressearbeit und der Kommunikation. Ich arbeite als PR-Verantwortlicher für das Clustermanagement Musikwirtschaft Mannheim & Region. Wir sind Netzwerker und Strukturförderer innerhalb der regionalen Musikwirtschaft. Wir haben in den letzten Jahren unter anderem den VIP-Empfang des Maifeld Derbys ausgerichtet. Dieses Jahr unterstützen wir das Festival vor allem personell.

2. Das Maifeld-Derby geht nunmehr in seine vierte Ausgabe – was wird 2014 anders sein? Gibt es Fehler, aus denen ihr gelernt habt? Gibt es Neuerungen?

Timo Kumpf: „Es gibt immer Dinge, die man verbessern kann und daran arbeiten wir nach unseren Möglichkeiten ständig. Aber größtenteils sind das Dinge, die sich hinter den Kulissen abspielen. Für die Besucher versuchen wir natürlich ständig am Konzept zu feilen und dies zu verbessern. Die größte Veränderung ist, dass wir aus den anfänglich 3 Bühnen nunmehr 5 gemacht haben. Es gibt erstmals eine Aftershow Party im Maimarktclub bis 5.00Uhr morgens. Da geht’s dann elektronischer und tanzbarer zur Sache als beim „normalen“ Festivalprogramm.

Matthias Rauch: „Es gibt auch sehr viele Dinge, die wir gerne fortführen wollen. So ist es uns nach wie vor wichtig, die Details nicht aus dem Blick zu verlieren und eine sehr intime und familiäre Atmosphäre während des Festivals zu schaffen. Hier greifen sehr viele Faktoren ineinander, die von der Dramaturgie des Line-Ups bis hin zum Catering und der Gestaltung des Geländes reicht.

3. Wo soll es mit dem Maifeld-Derby hingehen? Gibt es Grenzen?

Timo Kumpf: „Naja, wir sind schon so ziemlich an der Grenze dessen was das aktuelle Konzept hergibt. Spätestens bei 5000 Besuchern ist unser Gelände erschöpft und aktuell ist es nicht angedacht, daran etwas zu verändern. Das würde dann auch das Besondere, familiäre Ambiente gefährden und das wollen wir glaub ich nicht riskieren.

Matthias Rauch: „Wie Timo schon sagte, geht es uns nicht um Wachstum um jeden Preis. Wir haben nichts dagegen zu wachsen und tun dies ja auch, aber nur wenn wir gewährleisten können, dass wir bestimmte Aspekte nicht komprimittieren müssen.

4. Bei der Dichte an Festivals, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, ist die Konkurrenz natürlich groß. Was ist für ein „junges Festival“ besonders wichtig, um sich zu etablieren und sich von der Masse zu unterscheiden?
Timo Kumpf: „Ich denke neben Programm und gekonnter Umsetzung gibt es noch viele weitere Parameter. Zum einen das liebe Wetter, wobei man das ja nicht im Griff hat, zum anderen noch langweilige Themen wie Finanzierung oder ganz banal auch Geländeverfügbarkeiten. Es kann einfach immer alles passieren und damit muss man dann umzugehen wissen. In unserem Fall war die Szeneangehörigkeit als Musiker von Get Well Soon und das daraus resultierende Netzwerk sehr wichtig. Da merken Bands und Besucher, dass wir da kein Businessmodell zusammengeschustert haben, sondern dass wir hier ein Herzensprojekt umsetzen. Das ist dann auch unser Alleinstellungsmerkmal, wir stehen sehr auf Details.

Matthias Rauch: „Ich glaube, die meisten Besucher des Festivals sind sehr inhaltlich interessiert und wollen die Musik genießen und auch neue Bands entdecken. Und wir wollen dafür einen sehr angenehmen Rahmen bieten. Bei uns wird man keine langen Warteschlangen, kein überteuertes Essen sowie keine Dixieklos ertragen müssen. Abgesehen davon, dass Timo auch dieses Jahr wieder ein hervorragendes Programm zusammengezimmert hat.

4. Wie setzt ihr euer Line-Up zusammen? Was ist euch bei der Bandauswahl wichtig?

Timo Kumpf: „Das ist auch immer so eine Bauchentscheidung. Ich buche, was mir gefällt. Klar hat sich im Laufe der Jahre auch der Anspruch entwickelt, möglichst aufstrebende Bands kurz vom Durchbruch zu verpflichten, aber im Endeffekt entscheiden Qualität und der persönliche Geschmack.

5. Was ist deine Meinung zur Headliner Verpflichtung von The National? Ich könnte mir vorstellen, dass da bei der Ausrichtung des Festivals ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen ist?

Timo Kumpf: „Naja, das ist schon eine krasse Sensation. Wir freuen uns auf diese tolle Band und haben lange gebraucht, um das zu glauben! Aber um auch das mal klarzustellen: Die sind im Vorfeld schon so nett und normal, dass sich das alles schon normalisiert hat und auch THE NATIONAL eine ganz normale Band in einem bunten Portfolio toller Musikgruppen sind.

Matthias Rauch: „Wir freuen uns natürlich sehr, dass das mit The National geklappt hat, allerdings muss sich das gesamte Programm keinesfalls verstecken. Ganz im Gegenteil. Die Verpflichtung von The National trägt sicherlich dazu bei, dass das Festival noch stärker als bisher international wahrgenommen wird. Wir haben sehr viele Anfragen aus dem europäischen Ausland, was uns natürlich sehr freut.

6. Hast du Geheimtipps, was man als Besucher auf keinen Fall an kleinen Bands verpassen sollte?

Timo Kumpf: „Das hab ich beim Programm noch vergessen: Alle Bands sind unsere Geheimtipps! In diesem Jahr hervorzuheben sind vielleicht Hozier, Wye Oak, Son Lux, Anna Aaron, Bilderbuch, Lambert und eigentlich auch alle anderen. Also nix verpassen, denn es könnte deine neue Lieblingsband sein!

Matthias Rauch: „Ich freue mich besonders auf Bands wie Future Islands, Sohn, Monochrome, Hundreds oder auch Get Well Soon, die mit Streicher- und Bläserensemble auflaufen werden. Sollte man alles tunlichst nicht verpassen.

Read Full Post »

Friska Viljor – Kulturladen Konstanz – 04.11.2013

IMG_5578

Ganz am Ende stürzt sich ein bärtiger verschwitzter schwedischer Mann in das Meer von Musikfans vor ihm, spielt auf seiner leicht verstimmten Ukulele eine aufs nötigste reduzierte Komposition und brüllt dazu in schiefsten Tönen den Refrain seines größten Hits „Shotgun Sister“. Sein Publikum, triefend nass, schmiegt sich förmlich an den behaarten Barden und schreit es ihm nach im Chor: „Lalala“! Dieses prächtige Finale zeigt das was die schwedische Formation Friska Viljor seit jeher auszeichnete: Herzblut und ein so dermaßen charmanter Dilettantismus.

IMG_5563Die Geschichte von der Bandgründung Friska Viljors wurde so oft erzählt, dass selbst die Story, wie oft diese Geschichte doch erzählt wurde, ein alter Hut ist. Deshalb die Kurzversion: Vor einigen Jahren ziehen die beiden Kumpel Daniel Johansson und Joakim Sveningsson jeweils mit frisch gebrochenen Herz frustsaufend durch Stockholm. Irgendwann folgt die Schnapsidee: Lass uns den Liebeskummer in Musik verarbeiten. Problem nur: Die Beiden sind alles andere als Musikvirtuosen. Egal – unter dem Namen Friska Viljor begibt man sich in Studio und Proberaum und spielt sich den verklebten Frust von der Seele. Einige Monate später zieht das Duo ganz im Stile der Beatles musizierend über die Reeperbahn und plötzlich reift Friska Viljor zum Indie-Phänomen.

IMG_5574Zu diesem Zeitpunkt bin ich, damals ein frischgebackener Indie-Hipster (den Begriff hätte damals wohl keine begriffen), über Friska Viljor gestolpert und war absolut hin und weg. Das Projekt hatte die Antriebskraft von Punk, die Verspieltheit von Indie und einen dermaßen immensen Grad der Poppigkeit, der tatsächlich Beatles-Assoziationen hervorrief. Kurzum: Eine innovative, versoffene, wunderbar dilettante, Ohrwurm-züchtende Pop-Kreation. Das Debüt „Bravo“ ist dementsprechend wohl bis heute eins meiner meist gehörten Alben, „Tour De Hearts“ rotierte ebenfalls regelmäßig – doch dann begann ein schleichender Entfernungsprozess. Die Folgealben klangen von mal zu mal glatter und die Band verlor (für mich persönlich) ihre Faszination, ohne etwas dafür zu können. Den Friska Viljor verfielen keinesfalls den Reizen des Mainstreams. Sie wurden einfach bessere Musiker. Ein Paradox.

IMG_5571Heute ist Friska Viljor eine echte Band mit echten Musikern. Das hört man im bist zum letzten Platz ausverkauften Kulturladen vor allem in der Anfangsphase. Die Songs vom neuen Album „Remember Our Name“ klingen im Vergleich zum Frühwerk auch livegeradezu glatt poliert – es fehlt an Ecken und Kanten, Überraschungsmomenten, Irrsinn – kurzum am eingangs beschworenen Charme. Erst im Verlauf des Konzertes bröckelt diese Perfektion, Friska Viljor spielen sich regelrecht frei und zeigen dann in der zweiten Hälfte ihrer Show, welche fantastische Liveband sie doch sind. Da tönen leise Elektroarrangements, da jault eine Trompete, hier tönt ein Glockenspiel – und alles zusammen schweißt sich immer und immer wieder zu mitreißenden Pophymnen zusammen. Highlight (und Kombination aus alter Rohheit und neu entdeckter Technik) ist die epische Version von „Useless“, die Daniel und Joakim im Duo akustisch sezieren, welche sich dann unter ansteigender Bandbeteiligung zum orchestralen Popsong aufschwingt und in den letzten Takten einem zerbrechlichen Trompetensolo zerfließt. Sollte es Friska Viljor in Zukunft gelingen, ihre neu gewonnenen musikalischen Skillz mit ihrer alten Verplantheit und Verspieltheit kombinieren können, hat diese Band noch einiges im Tank. Whatch Out!

Read Full Post »

Older Posts »