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HipHop-Kemp – Hradec Kralove – Tschechien

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HipHop ist die wohl urbanste aller Jugendbewegungen. So urban, dass es auch im Jahr 2013 noch eine echt irritierende Sensation ist, wenn sich Alligatoah offen zu seiner Dorfherkunft bekennt. Umso stranger ist die Tatsache, dass die (von Natur aus eher rustikale) Festivalkultur im HipHop-Diskurs plötzlich eine gewichtige Rolle spielt und eben diese Festivals im ländlichen Umfeld implodieren. Da ist das Paradebeispiel NoStress-Festival, das eine Waldlichtung auf der schwäbischen Alb umcodiert. Da ist der Marktführer Openair frauenfeld, der sich in der ohnehin schon beschaulichen Schweiz eine Pferderennbahn im Kanton Thurgau einverleibt. Und da ist das HipHop-Kemp, irgendwo tief in der tschechischen Provinz, das irgendwie alles bisher gesehene ad absurdum führt.

Normalerweise verbindet ein guter Festivalbericht Atmosphäre und Konzertrückschauen homogen – im Bezug zum Kemp ist das meiner Meinung nicht möglich. Zuviele Details heben sich im tschechischen Festivalkoordinatensystem von unseren gewohnten Parametern ab. Da ist natürlich zunächst die Anreise: Per Bahn werden wir aus der tiefsten schwäbischen Provinz zunächst durch die geleckten deutschen Metropolen Stuttgart und Nürnberg geschleust (Mitreisende mit dem selben Ziel erkennen wir an den klassischen Caps und Wu-Tang-Pullis – manche Dinge ändern sich eben nie), ehe wir an Prager Bahnhof erstmals osteuropäische Luft schnappen und 1,5 Liter Flaschenkanister Zlatopramen kaufen. Damit im Anschlag geht es weiter mit einer tschechischen Bummelbahn durch den orangeroten Sonnenuntergang und durch frisch gemähte tschechische Felder. Dann Shuttlebus, dann Entenmarsch an der viel befahrenen Festivalstraße entlang, dann endlich da, dann Kulturschock von Nackenschellenausmaß.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (4)Das HipHop Kemp findet auf einer Art alten Raketenbasis statt. Etwa 25000 Mann hab die circa 50 Euro für das Dreitagesticket investiert und campieren jetzt auf einen Areal, dass in Deutschland wohl höchstens für 20000 Mann ausgelegt wäre. Trotzdem finden auch wir Spätangekommenen noch einen angenehmen Platz. Trotzdem ist die Stimmung durchgehend friedlich, losgelöst und entspannt (abgesehen von den lautstarken Schreitsunanis, die sich etwa halbstündlich über den Campingplatz ergießen). Und genau in dieser Opposition entspinnt sich der ganz eigene Charme des Kemp. Auf den ersten Blick wirkt das Festival abgefucked, chaotisch, unorganisiert, gefährlich – bei Genaueren Hinsehen offenbart sich aber eine gehörige Portion Charme, Herzblut, Liebe zum Detail und pure ungefilterte Jugendkultur. An zwei Dinge kann man sich als deutscher Festivalbesucher aber nur langsam gewöhnen: Da ist zum einen die sanitäre Situation inklusive vollkommen überschwemmter Wasserstelle, wie Whirpools übersprudelnde Pissblöcken und den komplett zerfetzten Dixieklos (die zudem recht spärlich gesäht sind). Zum anderen ist da der wildromantische durchgehend florierende Drogenflohmarkt entlang der Hauptschlagadern des Campingplatzes: „Weed, Weed, Weed!“

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (3)Das kaum zu überblickende Chaos des Campingplatz formiert sich mit jedem Schritt Richtung Bühne in einer großartigen, reizüberfluteten Festivallandschaft. Zwischen den Bunkern, die gegen Abend durchgehend bespielt werden, gibt es Unzähliges zu entdecken: Da sind Streetballturniere, Pools, Tomatenschlachten, Skatcontests, Breakdancecompetions, Schokocatchen, Jahrmarktachterbahnen, Elektrozelte, Weinproben, Rapbattles, Sprungtürme, Motocrossshows und ein kulinarisches Angebot von Burger King bis zur einheimischen Kartoffelpfanne. Dem ganzen Termitenbau setzt allerdings das wahrhaftige Konzertgelände absolut die Krone auf. Dieses ist zunächst einmal riesig, darüber hinaus umzäunt von einem immensen Wall (teilweise garniert mit ausgeschlachteten Panzern), das dem Konzert-Bereich den Charakter eines antiken Fussballstadions verleiht.

Und jetzt zum Lineup: Dieses ist (subjektiv) in der amerikanischen Spitze vom aller feinsten, im Mittelfeld aber eher so Mittel – das liegt vor allen an der Dichte an osteuropäischen Acts und an der Tatsache, dass die gebuchten deutschen Acts (subjektiv) nur bedingt Gefallen. Jetzt aber ab…

Der Tanz beginnt mit Stalley, aus dem Stall (höhö) von Maybach Music. Zwar hatte ich mir vorgenommen unbedarft und ohne Vorurteile in dieses Konzert zu gehen – und das obwohl ich vor einiger Zeit einem brechreizerregenden Rock Ross-Konzert beiwohnen musste. Die guten Vorsätze sind mit dem ersten M-m-m-aybach Music Geschichte. Stalley ist offensichtlich ein etwas talentiertere Abspeckversion des Herren Ross und damit für mich der qualitative Bodensatz der Hiphop-Welt. Ein M-m-m-aybach Music reiht sich an das andere und zum Glück ist der Bierstand in Griffweite. Sorry, das musste jetzt raus.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (6)Die HipHop-Welt hat das immense Glück das eine ganze Armada von Pionieren der Szene in Würde alterte und bis heute in der Lage ist energetische Shows abzuliefern. Tatsächlich gibt es auf Festivals zwei klassische Lager zu beobachten: Da sind die Oldschooler, die Künstler der ersten Stunde und der ganze Rest (fließender Übergang). In den letzten Jahren war dabei zu beobachten, dass gerade die „alten Säcke“ live oftmals eine ganz andere Präsenz und Energie auf die Bühne zaubern, als der Nachwuchs. Bei Openair Frauenfeld beispielsweise zerlegte der Doppelheader A Tribe Called Quest/ Run DMC im Handumdrehen das gesamte Festival. Ganz in der Liga dieses Championsleague Finale würde ich De La Soul wohl nicht einordnen, nichtsdestotrotz besitzt das Trio aus Long Island weltklasse Livequalitäten und einen Nikolaus-.Sack voller Oldschoolhymnen. Persönliches Highlight ist aber „Feel Good Inc.“, der sensationelle Kollaborationstrack mit den Gorillaz (der De La Soul eins der Grammy einbrachte).

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (2)Murs&Fashawn sind für mich leider die Enttäuschung des Festivals (und um ehrlich zu sein, bin ich daran nicht ganz undschuldig). Fashwans Platte „Boy Meets World“ ist ein lockerflockiger Meilenstein, der eigentlich auch definitiv zu diesem wunderbaren Sommerabend passen würde, aber irgendwie nervt der Sound und irgendwie nervt Murs und irgendwie nervt der Zeitplan der sich total verschoben hat und irgendwie bekommen wir uns nicht von unserem supergemütlichen Hangplatz aufgerafft und so verpufft die Show ein bisschen. Schade.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (8)Guilty Simpson&Apollo Brown. Dice Game is in the house – Bämm! Sorry, für dieses etwas proletenhafte angeteaser, aber dieses Konzert hat die Durchschlagskraft eines Mike Tyson-Hakens. Voll in die Fresse. Apollo Brown baut die besten Beats der Welt, Guilty Simpson besitzt eine kiloweise Bühnenpräsenz. Das Konzert und vor allem die Überhymne „Nasty“ sind eindeutig zu kurz, das sind da aber auch schon die einzigen Kritikpunkte. Besser geht es glaub ich wirklich nicht.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, prag (7)Lords Of The Underground. Der Abend gehört dann wieder der alten Schule. Die Lords machen wirklich richtig Stimmung, abgefahrenes Crossover Geblitze. Stillstehen geht fast nicht. Es folgt: Big Daddy Kane, noch so einer, der damals wie Obelix in die Ursuppe geworfen wurde. Das seltsame: Big Daddy Kanes Konzert wirkt gar nicht so sehr oldschool, die brettharten Beats sind ganz offensichtlich generalüberholt. So bleibt nur der alte General als Relikt und leider wird deutlich, dass Big Daddy Kane im Vergleich mit seinen Weggefährten nicht mehr soviel Luft in der Pumpe hat und auch Skillzmäßig doch ein wenig zurücksteht.

Organized Threat feat. Gavelyn ist für meine Mitreisenden ein absolutes Highlight, mir selbst ist es im vollbesetzten Bunker schlichtweg zu schwitzig und zu warm. Auf jeden Fall gibt es hyperaktives HipHop-Gebretter inklusive Punk und Elektroeinflüssen und mit absoluter Frauenpower. Das hat definitiv was. Ich weiß nur nicht genau was. Was? Was?

Der letzte Konzerttag beginnt für uns sehr spät, nimmt gegen Ende aber noch einmal so richtig Fahrt auf. El-P beweist leider, dass es nicht jedem HipHop-Act gut bekommt, mit einer Band zu spielen. Das musikalische Gerüst wirkt zu gewollt, zu aggressiv und nervt.

hiphop kemp, nachbericht, konzerte, campinggelände, bier, kendrick lamar, de la soul, big daddy kane, guilty simpson, apollo brown, fashawn, live, anreise, tschechien, pragDer König ist tot, es lebe der König. Seit einigen Jahren lässt sich trefflich darüber diskutieren, ob der alte König (das wäre wohl Eminem) angesichts einer unglaublich agilen Szene bereits für tot erklärt werden kann und wen man in diesem Fall zu seinen Nachfolger ernennen sollte. Kendrick Lamar machte keine Faxen und erhob sich wenige Tage vor dem Kemp selbst zum Oberhaupt der Szene. Die Krux hierbei: Irgendeiner hat irgendwann das Gerücht in die Welt gesetzt, dass der gute Kendrick ein miserabler Livekünstler sei. Das ist Quatsch. Am HipHop-Kemp ist der Rapper in großartiger Form, spielt ein absolut kurzweiliges Set mit klar gesetzten Reizpunkten. „Bitch Don´t Kill My Vibe“ und „Swimming Pools“ zergehen in experimentellen Beats, „Fuckin Problems“ kommt in einer Crossover-Version mit Atombomben-Power daher und zusammen mit Fashwan freestyled sich Kendrick durch die Control-Debatte. Einziger Kritikpunkt: Die Playlist ist zum einen viel zu kurz und beschränkt sich komplett auf „Good Kid Maaaad City“.

Zum Abschluss geht es noch einmal in die Bunker. Wer allerdings Retrogott&Hulk Hodn und Oddisee am letzten Tag mitten in der Nacht auf den Turntable knallte weiß ich nicht. Jedenfalls ist der Bunker bei den deutschen Sprachvirtuosen komplett gefüllt – das führt dazu, dass wir uns das entspannt vor der Bunkertüre geben. Mehr gibt’s (aus Mangel an Eindrücken) aber nicht zu sagen. Aus Panik vor einem ähnlichen Ansturm bei Oddisee pressen wir uns nach Konzertende durch die kleine Tür – nur um dann festzustellen, dass um 2 Uhr nachts nicht mehr sooooviele superentspannten und superintelligenten Rap hören wollen. Dementsprechend surreal erscheint die Oddisee-Show, der Künstler selbst hatte wohl genau das gewollt und pumpt sein ganzes Herzblut in das Konzert. Wunderbar. Perfektes Ende. Hört mehr Oddisee!

Die wunderbaren Videos und Bilder sind allesamt von der offziellen Facebook-Präsenz des HipHop-Kemp entlehnt. Merci!
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Thees Uhlmann und Band – Kulturladen Konstanz

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Mutti, wir habens bis zum Bodensee geschafft!“ 

So wie Thees Uhlmann in den vollbesetzten Kulturladen stürmt, die Mundharmonika zwischen die Zähne geklemmt, ins Mikrofon knarzend und dann beinahe verbissen zu spielen beginnt, erfüllt das zunächst die Erwartungen all jener, die noch nie zuvor ein Konzert des ehemaligen Tomte-Sängers erlebt hatten. Die nämlich rechneten mit einer klassische Folkshow, einem sperrigen Singer-Songwriter-Konzert der alten Schule. Mit Mundharmonika, Gitarre und einer Band als dekorative Zugabe. Sie ahnen es: Es kam ganz anders.

thees uhlmann, konzert, live, bilder, kulturladen konstanz, album, casper, bericht, tomte, zum laichen und sterben ziehen die lachse den fluss hinauf, jay-z (4)Wer sich intensiv mit dem famosen Thees Uhlmann Solo-Debüt beschäftigt hat, dem drängte sich eine markante, fast gehetzte Spannung zwischen der niedersächsischen Heimat des Sängers und der weiten, urbanen Großstadtwelt auf. „Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten/ Und ich weiß nicht wirklich, was soll es bedeuten.“ heißt es in „Lat: 53.7 Lon: 9.11667“ und im Kontrast dazu nur einen Song später: „Ich hab das schönste der Welt gesehen: Paris im Herbst“. Natürlich wurde der Rock´N´Roll an einigen einschneidenden Momenten seines Lebenslaufs von innovativen Entdeckungen aus ebendiesem Niemandsland zwischen dörflicher Heimat und restlicher Welt geprägt – man denke alleine an die Geburtsstunde des Triphop und die fast mütterliche Rolle die das Städtchen Portishead dabei spielte. Thees Uhlmann versteht sich in diesem Kontext aber eher in der Tradition des amerikanischen Country und Folk und Künstlern wie Conor Oberst, der ständig die engmaschige Beziehung zu seiner Heimat Nebraska rekurriert. Stichwort: Heartland. Herzensangelegenheit Niedersachsen. Den Vorbildern folgend öffnete Uhlmann, der mit Tomte stets solide Indie-Platten entwarf, die im Speziellen auf den letzten Jahren der Bandgeschichte ein wenig die Überraschungsmomente vermissen ließen, den Blick für neue heimatliche Einflüsse und weitschweifige Horizonte. So ließ es der Maestro auf seiner Platte aus allen Rohren streichen, klimpern, blasen und auf die Pauke hauen und schaffte tatsächlich das Kunststück, dass die instrumentellen Momente stellenweise die markanten Texte in den Schatten stellten. Entsprechend gespannt ist der unerfahrene Uhlmann-Konzertgänger im Vorfeld der Show auf ebendiese Varianten. Doch nun zurück zum Anfang.

Denn die klassische Singer-Songwriter-Masche hält Thees gerade mal eine Songlänge aufrecht. Dann offenbart sich: Der Liveact „Thees Uhlmann und Band“ ist als waschechte Rockband zu verstehen. Und hier regiert einzig und allein handfester, schweißtreibender Rock´N´Roll: Sägende Gitarren, massive Bassanschläge und Highspeed-Schlagzeuggehämmer. Selbstredend lässt sich in dieser Konstellation kein fragiler Folk reproduzieren – und das ist in diesem Fall total egal.

thees uhlmann, konzert, live, bilder, kulturladen konstanz, album, casper, bericht, tomte, zum laichen und sterben ziehen die lachse den fluss hinauf, jay-z (2)Denn Thees Uhlmann hat mächtig Lust auf energetisches, ungezähmtes Konzert. Und in der vergilbten Lederjacke, mit den nach hinten geklatschten Haaren und auf großartig schummrig ausgeleuchteten Bühne, wirkt der Sänger beinahe so, als wäre er direkt aus der Zeitkapsel gestiegen. Nicht wie der junge Dylan, sondern wie der elektrifizierte Dylan, der gerade den Verstärker für sich entdeckt hat. Die angesprochenen Instrumental-Erlebnisse bleiben glücklicherweise nicht ganz auf der Strecke. Das liegt in erster Linie an der famosen Pianistin Julia Hügel, die, ganz Frau, immer wieder beinahe zärtlich zwischen die Testosteron geschwängerte Performance dazwischenfährt. Besonders den Hit „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ schiebt das Klavierthema konzentriert an, ehe die Komposition in einem wilden Gitarren-Orkan und Uhlmannschen Brüllen zerberstet. Überragendes Highlight das Konzert sind aber jene beiden Songs, die Thees zusammen mit dem Rap-Aufsteiger Casper eingespielt hat: Der eine, „Und Jay-Z singt uns ein Lied“, wird immer schneller und schneller und dreht sich um den Refrain, der zum mitgröhlen einlädt, der andere „XOXO“, schwingt sich aus dem nichts zu einer regelrechte Postrock-Wand mit HipHopanstrich auf, die einem im Publikum förmlich erdrückt. Paradox: HipHop gilt als die urbanste aller Jugendbewegungen – mit diesen zarten Brüchen spielt das Konzert immer wieder.

Die Phase zwischen den Songs gehört dann wieder voll und ganz der Heimat. Etwa wenn Thees über seine Jugend als Dorf-Heavy-Metaller referiert, von der Identitätssuche, die den Dorfschmerz übertünchen sollte. Oder wenn er von der Postkarte nach Hause erzählt: „Hallo Mutti, wir habens bis zum Bodensee geschafft.“ Und dann wird wieder gespielt, mit voller Inbrunst. Gegen den Dorfschmerz.

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Southside-Festival 2013 – Take-Off-Gewerbepark Neuhausen Ob Eck

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Da sitze ich jetzt. Geduscht. Sauber. Die letzte Dose 5.0 an den Lippen, die Haut schält sich von der Nase. Post-Southside-Depression. Irgendwo im Schädel sind die Konzert-Erinnerungen, Eindrücke vom Boden der Raviolidose!

Eins vorweg: Das Southside-Lineup 2013 wäre um ein Haar das subjektiv beste der Geschichte geworden. Dann hagelte es hochkarätige Absagen (Modest Mouse und Belle&Sebastian) und auch der Timetable fraß einige spannende Acts (allen voran Frightened Rabbit, Tyler The Creator und Modeselektor) erbarmungslos auf. Trotzdem blieb ein bunter, wilder, schmackhafter Eintopf übrig. Greift zu:

Masters Of Reality markieren einen idealen Festivalauftakt: Eine halbe Stunde Stonerrock-Geschrammel der alten Schule. Schmutzige Riffs, versoffene Stimme. Auf der Wiese siffen, Kippe, Bier, Sonne. Herzlich Willkommen Southside-Festival.

Alt-J sind wohl die ultimative, die finale Hipsterband. Locker-, nein federleichter Indie, total überspulte Klimpersounds und elektrisches Rumgeduddel. Und doch ist das klasse. Spannend. Eletrifizierend. Tatsächlich schaffen Alt-J ihren Album-Sound ganz glockenklar zu reproduzieren und schustern ein technisch gigantisches Live-Gebilde. Viele Hippie-Mädchen singen mit geschlossenen Augen. Passt!

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (7)Archive Liveperformances besitzen eine ganz eigene Energie: Die einzelnen Bandbestandteile scheinen regelrecht gegeneinander anzuspielen. Ein Elektrobeat brettert ungebremst gegen eine Gitarrenwand, die hohe Stimme von Sängerin Marie Q zerschellt an dem markanten Organ ihres Gegenübers Dave Penney und die bekannten Songstrukturen implodieren in wilder Improvisation. Selbstredend entladen sich die angesprochenen Spannungen immer wieder in einem harmonischen Miteinander. Zwar gelingt es der Band am Southside nicht ganz, die epische Bandbreite ihrer grandiosen Live-DVD „Live in Athens“ zu reproduzieren (was definitiv auch an der zu knapp bemessenen Spielzeit liegt), trotzdem hinterlässt die Konsequenz, mit der Archive die bekannten Strukturen in furiosen Experimenten ad absurdum führen, offene Münder.

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (29)Zeitreise in die Vergangeneheit: Halbschuh-Dorfpunk in der schwäbischen Provinz. Immer auf den illegal zusammengestellten Mixtapes: NOFX und The Hives. Das ist der Soundtrack meiner Jugend. Und zack: Jetzt gibts endlich das Live-Erlebniss. Zwar abseits der Pogokreise, aber trotzdem angenehm berührt. Hits wie „Stickin In My Eye“ oder „Hate So To Told You So“ sind einfach Alltime-Klassiker. Kulturelles Gedächtnis der Festival-Welt.

 

Billy Corgan war schon immer ein eigenartiger Charakterkopf (und damit meine ich nicht nur den markanten Kahlschädel). Der Frontmann der Smashing Pumpkins war Zeit seines Lebens als Rock´N´Roll-Star arrogant, verschlossen, seltsam. Die einen liebten diese Attitüde, verehrten Corgan wie einen Halbgott, die anderen blickten genervt zur Seite und verschlossen sich auch Corgans Musik. In den letzten Jahren ist der Ruhm der Pumpkins zunehmend verblast (2007 hatte man noch Rock am Ring geheadlined) – und doch ist Corgan der einzige Künstler des gesamten Festivals, der sich nur aus der Ferne fotografieren lässt (obs am eindeutig zu engen T-Shirt lag?). Doch genug Gehate, denn eines ist klar: Corgan ist ein fantastischer Songwriter, ein starker Gitarrist und außergewöhnlicher Sänger. Und das ist schlussendlich was zählt: Das Konzert ist dementsprechend erste Sahne. Zunächst spielt Corgan das verjammte, esoterische neue Material, dann hangelt er sich durch den Lianenwald seiner alten Hits („Disarm“, „Tonight“, „Bullets with Butterfly Wings“ in einer Reihe – woaaah!) und treibt dem Publikum ein breites Joker-Lächeln in Gesicht.

Ben Howard. Zelthead. Tausende verliebte Fan-Mädchen. Über sensibles Gitarren-Geklimper. Dahin gesurfte Singer-Songwriter-Mucke. Mitgesinge. Genuschel dazwischen. Ohrenbetäubende „Woooooooooooh“´s. So schön! Am Zeltplatz Slayer gegen die Überdosis!

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (17)Als Macklemore vergangenes Jahr auf dem Frauenfeld vor fast leeren Gelände und um gefühlt halb sieben Uhr morgens eine dermaßen inbrünstige Show spielte, dass einem die Ohren schlackerten, hatte alle Anwesenden das merkwürdige Gefühl, Zeuge eines denkwürdigen Moments geworden zu sein. Auch das Southside war überzeugt, buchte den Rapper und seinen kongenialen DJ Ryan Lewis kurzerhand für die erste Bandwelle und bewies damit absoluten Schäferhund Spürsinn. Denn ein Jahr später ist Macklemore ein allgegenwärtige Superstar. Erist überall. Der geplante Auftritt auf der Zeltbühne wäre wohl in einer Katastrophe geendet, aber auch die Verlegung auf die Bluestage ist grenzwertig. Bereits gegen 13 Uhr beginnen die Massen im „Herr der Ringe“-Schlachtenstyle gen Festivalgelände zu marschieren. Und der Strom bricht über gefühlte Stunden nicht ab. Absoluter Nachmittagsrekord! Das Konzert selbst ist aber enttäuschend. Ungefähr ein Drittel der gerade einmal 35 Minuten Spielzeit wird leider von Macklemore verlabert (alles gut und recht, aber wenn du doch eh nur ne halbe Stunde auf der Uhr hast, Mensch, dann spiel Songs. Dann spiel verdammt nochmal „Otherside“), der Bass ist übersteuert, sowohl Beat als auch MC bewegen sich teilweiseneben der Spur. Wollen wir hoffen, dass die Southside-Macher Backstage mit einem Headliner-Vertrag wedelten.

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (32)The National spielten – und hier ist der Superlativ und alle Euphorie einfach mal dermaßen angebracht – das beste Konzert des Wochenendes, vielleicht der Festivalgeschichte. Was Sänger Matt Berninger da abzieht, lässt sich metaphorisch nur mit einem Hattrick im Championsleague-Finale oder einem Quadruple-Double in den NBA-Finals vergleichen. Nicht nur dass der Frontmann seinen schon auf Platte allmächtigen Bariton mit literweise Kraft, Emotion und Energie auffüllt, darüber hinaus ist Berninger einfach ein begnadeter Entertainer, der vielleicht beste Frontmann der Welt. Berninger besingt zwar tieftraurige, magisch-melodische Hymnen, killt während des Konzertes im Vorbeigehen aber eine Flasche Weißwein und ist spätestens zum Ende seiner Show besoffener als alle versammelten Punks, Metal-Heads und Rapper. Der Show selbst tut das keinen Abbruch, weil Berninger einfach immer weiter singt und immer noch besser wird. Weil er schreit und jault und schlägt und zu guter Letzt durchs gesamte Publikum marschiert. Da geht selbst dem Wettergott das Herz auf, weg mit dem Wolken-Pulli. The National wird in warmes Gold getaucht. Gänsehaut. „Conversation 16“ überbordet vor Schönheit, „Terrible Love“ ist schlichter Wahnsinn und über „Fake Empire“ wurde schon alles geschrieben. Größer geht’s nicht. Ach halt, einen kleinen Wermuttropfen gabs dann doch noch zu verschmerzen. „The Rains Of Castamere“ vom Game of Thrones-Soundtrack wurde trotz Aufforderung nicht gespielt. Dafür reissts Berningers Erklärung raus: „We can´t play it. It will start a war out there. I´m a fucking lannister!

 

Die Angst, dass Rammsteins brachialen, erbarmungslosen Metalsounds das fragile Portishead-Gebilde zerfetzen würde, ließ die Southside-Tontechniker die Boxen auf der blauen Bühne in Richtung Anschlag drehen. Das Resultat: Der Sound beim Auftritt von Portishead ist sensationell gut, das Konzert toppt die Show von vor zwei Jahren um Längen. RATRATRATRATRAT! Machine Gun! Sound-LKWS. Massenkarambolage. Dazwischen Beth Gibbons im Stile einer Prozellanvase, die ständig hin und her wippt. Die Gefahr der Zerschellens ist allgegenwärtig, gegen die Angst wird die TripHop-Ursuppe in dicken Kellen ausgeschenkt. Und am Ende waren alle Sorgen umsonst. Das Rammstein-Feuerwerk am Himmel ist die ideale Ergänzung zum furiosen Portishead-Finale.

Rammstein der unbestrittene Headliner und Mainstream-Aushängeschild lässt es nach allen Regeln der Kunst krachen: Die Bühne brennt, meterhohe Flammen schießen aus den unterschiedlichsten Gerätschaften und dazu sägt Sänger Till Lindemann seine markante Stimme in die jaulende Metalvorhölle. Rammstein ist gleichermaßen verzerrtes Konzert und größenwahnsinniges Theater. Lindemann gibt den muskelbepackten Mephisto, der martialisch seine Band durch den Fleischwolf dreht, mit dem Flammenwerfer röstet und unterwirft. Und schlussendlich ist Rammstein die Definition eines Blockbusters, der vor allem eines liefert: Erstklassige Unterhaltung mit überschaubaren Anspruch,Popcorn-Kino eben – zurücklehnen (sofern das in der Festivalmenge möglich ist) – genießen! Da klappen gefühlte 10000 Mundwinkel synchron nach unten.

 

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (39)Als wären Postrock und Isländisch nicht jeweils für sich schon kompliziert genug. Sigur Rós erweitern das Ganze um eine eigens entwickelten Fantasiesprache und einer abgefahrenen Gitarren-Technik: Sänger Jónsi Birgisson streicht mit einem Geigenbogen zärtlich über die vibrierenden E-Gitarrensaiten. Diese feine Nuancen machen Sigur Rós zum absoluten Must-See, zu einem Liveact von Orkanstärke. Zunächst bläst da nur ein warmes Streicherlüftchen, das Jónsi zerbrechliche Stimme ein Stück umweht. Dann werden die Einschläge massiver: Dunkler, dumpfer Trommeldonner und wummernde Herzschlagbeats pusten ins Publikum, ehe der isländische Postrock-Sturm um sich greift und alles mit sich reißt. Poetry in Music, Sound, Motion. Pure, vertonte Schönheit.

Little Talk“ von Of Monsters And Men ist ein ultimativer Radiohit. Ein Ohrwurm, den jeder mitsingen kann, den man eigentlich mögen muss. Entsprechend eng gestaltet sich auch die Situation vor der Green-Stage: Of Monsters And Men spielen vor einer Menschentraube, für die sich selbst ein Headliner nicht schämen müsste. Dazu schält sich die Sonne langsam aus einer dichten Wolkenschicht und sorgt für eine fast perfekte Festivalstimmung. Man sollte die Isis auf keinen Fall auf ihren Überhit reduzieren. Das Debtalbum „My Head Is An Animal“ schuf eine losgelöste Atmosphäre und auch live haben die jungen Isländer bereits eine hohe Qualität. Keyboardsounds, Trompetensolos, Streicherelemente, das Spiel mit zwei Stimmen – der Konzerttisch ist reichlich gedeckt und trägt Referenzen wie Arcade Fire oder The Decemberists offen zur Schau. Trotz allem wirkt das Konzert ein wenig zu abgeklärt, es fehlt ein Funken Enthusiasmus. Das kann an der Tagesform liegen, vielleicht hätten Of Monsters And Men ein homogenerer Aufstieg und ein, zwei Jahre mehr in den kleinen Clubs gut getan. 

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (42)Editors schalten beinahe mit jedem Song einen Gang nach oben und bezeugen im fälligen Beschleunigungsvorgang ihr Gespür für hymnische Songstrukuren und magische Sekunden. Besonders besonders sind die Editors immer dann, wenn sich Smith ans Piano setzt und inbrünstig losklimpert. Das musikalische Repertoire des Birmingham-Quintett reicht indes von formidablen, vielschichtigen Alternative-Bauten („Smokers Outside The Hospital Doors“), über eingängige, überbordende Post-Punk-Granaten („An End Has A Start“) bis zu elektronischen, wummernden New-Wave-Perlen („Papillon“), die live allesamt noch eine Spur mehr Würze besitzen. Hit an Hit.

Als die Arctic Monkeys 2006 erstmals auf dem Southside-Festival aufspielten, hätte nach dem Auftritt wohl kaum einer einen Pfifferling darauf gesetzt, dass diese Band irgendwann als Headliner nach Neuhausen zurück kommen würde. Die Monkeys waren zu diesem Zeitpunkt als erste Band weltweit durch einen Internet-Hype in Sekundenschnelle zu Superstars mutiert und zeigten bei ihren ersten Konzerten auf deutschen Boden nicht viel mehr als Arroganz und technisch unausgereifte Livepräsenz. In der Folge nahm die Band aber eine ganz und gar außergewöhnliche Wandlung: Aus dem eingängigen (und zweifelsohne noch heute bahnbrechenden) Garagenpunk des Erstlings hat sich mittlerweile ein dunkler, unberechenbarer Blues entwickelt. So entsteht zwischen den beiden Spielarten ein furioses, anspruchsvolles und vor allen Dingen kurzweiliges Konzert. Leadsänger Alex Turner (im gestreiften Jacket, mit Elvismatte) hat sich zu einem Frontmann von Weltformat entwickelt, der am Bühnenrand Gitarrensoli jaulen lässt und vor allen Dingen stimmlich eine ganze Farbpalette von Stimmungen abstreichen kann. Nicht auszudenken, wohin die Reise der Arctic Monkeys hinführt, wenn ihre Entwicklung ungebremst weiter schießt.

 

Die durchweg fantastischen Bilder hat mein werter Kollege Olli Hanser geschossen. Ich bedanke mich ganz herzlich für die Bereitstellung! Weitere seiner Bildergalerien (auch von Rammstein), sowie Texte meinerseits findet ihr unter http://www.suedkurier.de/southside./

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 Frido-Festival – Fridingen an der Donau – 01.06.2013

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Rock`N´Roll und Landleben passen hinten und vorne nicht zusammen. Denkt man. Im urbanen Nährboden der Großstädte pulsiert das wilde Leben. Weiß man. Nichtsdestotrotz haben einige mehr als elementare Bands und Bewegungen ihren Ursprung in den hintersten Provinznestern. Portishead benannten sich einst nach ihrem Heimatdorf an der wallischen Grenze und revolutionierten in der Folge im Handumdrehen die Welt der alternativen Musik mit ihrem TripHop, ein gewisser Kurt Cobain schleppte sich über Jahre in zerrissenen Jeans durch die Einöde der Holzfällerstadt Aberdeen, ehe er seine Grunge-Band Nirvana gründete – der Rest der Geschichte dürfte bekannt sein! In jedem Fall wird deutlich, dass auch ein dörfliches Umfeld definitiv Potential und brachliegende Energien für Projekte, Musik, Kunst und Veranstaltungen bietet.

Frido-Festival, Live, Fridingen an der Donau, Wämmeska, Dirty Age, The Prosecution, Ska, Rock´N´Roll, anna.log, Mighty and the jets, Fire On Dawson, Konzerte, Regen (4)Speziell in Süddeutschland entluden sich diese Energien in den letzten Jahre in einer Fülle von verschiedenen kleinen Festivalprojekte: Die Macher des NoStress hatten beispielsweise keine Lust mehr auf Festzeltgeschunkel und organisierten darauf hin in Eigenregie HipHop-Partys, die bald zu einem Festival mutierten, das heute Bands Genrelegenden wie Torch, Samy Deluxe oder MOP im Lineup präsentierte. Einen ähnlichen Weg streben die Macher des Frido-Festivals in Fridingen an der Donau an: Fridingen, am Fuße der schwäbischen Alb, hat dabei durchaus eine Festival-Traditionen – über viele Jahre hinweg nutzten verschiedene Veranstalter die malerischen Kulissen des Donautals für Open-Air-Veranstaltungen verschiedenster Färbung. An diese Tradition anknüpfend fand sich 2012 eine Truppe von Musik- und Festivalliebhabern aus Fridingen zusammen und begannen ihren Entwurf des Heimat-Rock´N´Roll auszuformulieren. Das Motto ist klar: Nicht meckern, selber machen!

Leider stand die erste Ausgabe des Frido-Festivals unter einem miesen meteorologischen Stern. Angesichts der grauenerregenden Wettervorhersagen zogen die Frido-Macher die Handbremse und verlegten die Veranstaltung vom ursprünglich angedachten Gelände in die Fridinger Festhalle – ein mutige, auf den ersten Blick unpopuläre, aber auch konsequente Entscheidung. Denn an einem Wochenende wo in ganz Deutschland Veranstaltungen und auch Festivals buchstäblich untergingen, machte das Frido-Festival aus der Not eine Tugend. Die weitläufige Fridinger Festhalle wurde durch Bars, Einkaufstände und Technik komprimiert und auf eine regelrechte Clubkonstellation zurechtgestutzt. Entsprechend dicht waren die Stimmung, der Sound und die Atmosphäre während des gesamten Festival – angesichts der kurzfristigen radikalen Umplanungen ein echter Coup der Veranstalter, die nicht ohne Grund von den international erprobten „Fire On Dawson“ nachhaltig gelobt wurden: „Das heute ist die vielleicht bestorganisierteste Veranstaltung die wir bislang gespielt haben.“ Bei allem logistischen Aufwand, über die Qualität eines Festivals entscheidet schlussendlich die Musik. Und an Musik gab es so einiges auf die Ohren – bemerkenswert hierbei war vor allem die klare Ausrichtung des Frido-Lineups, das aber trotzdem eine Fülle von Spielarten und Variationen offenbarte. Eine homogene, kurzweilige und spannende Mischung. Chapeau!

Frido-Festival, Live, Fridingen an der Donau, Wämmeska, Dirty Age, The Prosecution, Ska, Rock´N´Roll, anna.log, Mighty and the jets, Fire On Dawson, Konzerte, Regen (7)Den Auftakt machten zwei Lokalmatadoren. Zunächst marschieren „anna.log“ auf die Bühne. Das Trio aus Tuttlingen hatte sich seinen Platz im LineUp per Onlineabstimmung gesichert – am Frido zeigen sie wieso. Die Band verzichtet auf alle Effekte und spielt in der grundlegendsten Besetzung mit Gitarre, Bass und Schlagzeug eine solide Rockshow mit viel Herzblut und ohne überflüssigen Schnickschnack.

Frido-Festival, Live, Fridingen an der Donau, Wämmeska, Dirty Age, The Prosecution, Ska, Rock´N´Roll, anna.log, Mighty and the jets, Fire On Dawson, Konzerte, Regen (11)Wämmeska“ stammen direkt aus Fridingen und sind entsprechend engmaschig mit dem Frido-Festival verzahnt. Der Band aus dem Donautal gelang es in der sowieso von Wortspielen übersprudelnden Bandnamen-Welt des Skas ein echtes Ausrufezeichen zu setzen: Der schwäbische Ausspruch „Wämmeska“ heißt ins Hochdeutsche übersetzt soviel wie „Wenn man es kann!“. Auch abseits der Namensfindung geizt die Truppe nicht mit Kreativität – neben teilweise schwäbischen Texten, Choreografien, unzähligen Instrumentenwechsel (inklusive Mundharmonika-Einsatz) bietet der eigens entwickelte „Fuchstrott-Speedpop“ vor allen Dingen Live eine ganz Palette von Überraschungsmomenten und sorgt in Kombination mit einem textsicheren, euphorischen Publikum für ordentlich Stimmung.

Frido-Festival, Live, Fridingen an der Donau, Wämmeska, Dirty Age, The Prosecution, Ska, Rock´N´Roll, anna.log, Mighty and the jets, Fire On Dawson, Konzerte, Regen (16)In der Folge setzen „Mighty And The Jets“ musikalische Kontrastpunkte. Die Truppe spielt eine soldie Indie-Nummer, die sich direkt auf die großen britischen Helden beruft. Zwar fehlt es ein bisschen an „gallagherschen“ Arroganz und „albarnschen“ Größenwahn, aber handwerklich gibt’s absolut nichts zu meckern. 

Frido-Festival, Live, Fridingen an der Donau, Wämmeska, Dirty Age, The Prosecution, Ska, Rock´N´Roll, anna.log, Mighty and the jets, Fire On Dawson, Konzerte, Regen (20)Fire On Dawson indes sind was die musikalische Konzeption angeht, die aufregendste Truppe im Lineup. Die Band spielt einen poetischen, vielgliedrigen Prog-Rock mit direkt Verbindung in Richtung Dredg oder Deftones. Live offenbart sich dabei ein konzentrierter, beinharter musikalischer Unterbau, der immer wieder in bluesigen Zwischenstücken, ruhigeren Momenten und wilden Jamminuten zerfließt. Im Kontrast dazu installiert sich die  Stimme von Sänger Ankur, die auch vor sehr hohen Gefilden nicht zurückschreckt. Eine solche Mischung aus harten Prog und einer variabler Stimme bewegt sich vor allen Dingen live auf einem sehr schmalen Grad, den selbst Szenegrößen wie die Deftones nicht immer einwandfrei meistern. In Fridingen schafft es die Soundlage leider nicht ganz diesem Konstrukt gerecht zu werden – nichtsdestotrotz gehen im Speziellen die härteren Momente des Konzerts mehr als ordentlich nach vorne. Kein Wunder also, das Fire On Dawson unter anderem in Indien für mächtig Furore sorgen (siehe Video). Stark!

 

Frido-Festival, Live, Fridingen an der Donau, Wämmeska, Dirty Age, The Prosecution, Ska, Rock´N´Roll, anna.log, Mighty and the jets, Fire On Dawson, Konzerte, Regen (31)Nach den beiden experimentelleren Konzerten gibt es zum Abschluss des Festivals noch eine mächtige Portion tanzbarer Mucke auf die Festival-Teller. Sollte der ein oder andere nach dem Genuss von zu viel Korea an der Bar eingenickt sein, mit den ersten Akkorden von „Dirty Age“ hat sich alles Rauschausschlafen definitiv erledigt. Zack, Rock´N´Roll. Straight, laut, dreckig, kompromisslos und ohne Rücksicht auf die Fresse. Sänger Daniel Freud ist eine echte Rampensau, einer, der sei Publikum wie eine Bowling-Kugel mitreißt. Darüber hinaus gibt es Solo an Solo, Gitarren-Gejaule und Schlagzeug-Schrammeleien. Old School, alte Schule. Nicht mehr und nicht weniger – und das ist in Zeiten von elektronischen Spielereien, Experimenten, Kaugummi-Pop ein mehr als erfrischendes Gegenprogramm.

Frido-Festival, Live, Fridingen an der Donau, Wämmeska, Dirty Age, The Prosecution, Ska, Rock´N´Roll, anna.log, Mighty and the jets, Fire On Dawson, Konzerte, RegenZum Abschluss beweisen „The Prosecution“, dass sie absolut berechtigt auf den Headliner-Posten gesetzt worden waren. Der bayrische Achter spielt einen Ska amerikanischer Färbung – sprich eng verknüpft mit Punkrock und Skatepunk. Sieben Mann bauen sich direkt am Bühnenrand auf – zwei Gitarren und ein Bass sorgen für die Grundlagen, die dann von eine dreiköpfigen Bläserkombi dynamisiert und erweitert wird. Tanzbarer geht es nicht und entsprechend entspinnt sich vor der Bühne erste Tanz-Wellen, die sich im Sekundentakt zu einem echten Tsunami ausweiten. Diese immense Livepower hatte die Band ins Vorprogramm von Reel Big Fish und NOFX gespült – wir reden hier von erster Ska-Liga! Und angesichts der schieren Power könnte man „The Prosecution“ in den kommenden Jahren durchaus den Sprung auf den Ska-Thron der Busters zutrauen! Man darf gespannt sein. (Im Anhang findet ihr ein Kurzinterview mit dem Frido-Headliner!)

Bei aller Freude und Begeisterung muss an dieser Stelle mit Blick auf die kommenden Jahre aber leider ein wenig auf die Euphoriebremse getreten werden – und das hat rein gar nichts mit dem Festival an sich zu tun. Doch Veranstaltungen wie das Frido – Festivals, die richtige Bands buchen, in einem Umfeld, in der Cover-Bands massenhaft Hallen füllen könnten – bewegen sich leider Gottes auf einem schmalen Grat. Ein schlechtes Jahr, ein Minusgeschäft und der Traum ist ausgeträumt. In Scheer bei Sigmaringen musste vergangenes Jahr das renommierte Klangbadfestival (organisiert von Krautrocklegende Hans-Joachim Irmler und von Magazinen wie der Spex zur Lieblingsveranstaltung erklärt) die Segel streichen, weil der Landkreis die Unterstützung kappte und diese in das naheliegende Sigmaringen Open-Air mit Acts der Marke Tim Benzko oder Milow pumpte. Und genau vor diesem Hintergrund sollte die erste (und trotz aller widrigen Umstände) mehr als gelungene Ausgabe des Frido-Festivals ein Signal in Richtung Stadt, Landkreis und Kulturämter setzen, solche Veranstaltungen in Zukunft bedingslos zu unterstzützen. Denn der Rock´N`Roll braucht das Dorf. Und das Dorf braucht Rock´N`Roll.

Update: Kurzinterview mit „The Prosecution“:

Ganz kurz: euer Resümee zum Frido Festival?
Stefan: „FridoFestival war absolute Spitze, Anfangs war das Publikum ein bisschen schwer zu knacken! Aber die Show hat richtig viel Spaß gemacht und hat sich zu einer richtig brodelnden Party entwickelt!
Auch an die Veranstalter: Hut ab! Alles total spitze durchgeplant! Und natürlich absolut richtige Entscheidung, das Ding nach drinnen zu verlegen. Hat mich total gefreut, die Jungs von Wämmeska besser kennenzulernen.

Ihr wart auf Tour? Wie war das? Highlights?
„Wir sind ja eigentlich ständig auf Tour, nur, dass wir unter der Woche zum studieren heim müssen.
Aber ja stimmt, an dem Wochenende mit dem Frido Festival waren wir seit Mittwoch unterwegs. Wir haben in Amberg, Kiel, Lübeck und eben Fridingen gespielt. Abwechslungsreicher konnte die Tour gar nicht sein. In Amberg haben wir auf einem Campusfest gespielt, die komplette Veranstaltung war total verregnet, und die Tontechnik absolut zum kotzen. Glücklicherweise konnten wir das Segel rumreißen und doch noch ein gutes Konzert spielen. Naja, zumindest 20 min – dann kam nämliche die Polizei. Das war sozusagen der Tiefpunkt der Tour.
Die anderen drei Konzerte waren alle auf ihre auf ihre Art und Weise ein Highlight. Kiel: Kleine Clubshow mit 70 Zuschauern, der Laden war damit voll. Schweiß tropft von der Decke & alles riecht nach Bier. Wunderbar sowas! Lübeck: Nachmittagsausflug zur Ostsee. Baden, während es in Bayern regnet. Und dann der Traum einer Ska-Band bei Sonnenschein auf einer Open-Air Bühne vor ca 2000 Leuten spielen.
Fridingen: Headliner-Show. Große Party. Mega gute Bühnentechnik. Große Fete. Das ganze abgerundet mit schöner Feierei zum Schluss (die Reste der Schnapsbar haben wir gerne vernichtet).

Wo hin soll die Reise von The Prosecution noch gehen? Was habt ihr für Ziele? Was habt ihr für musikalische Visionen?
Um ehrlich zu sein sind wir gerade ein bisschen ziellos, alle Träume von uns gehen gerade in Erfüllung: Wir haben bei einem bekannten Skalabel unser neues Album rausgebracht. Dicky Barrett von den Mighty Mighty Bosstones (Skacore-Legende) hat auf unserem Album mitgesungen. Wir waren mit einer großen amerikanischen Band (Reel Big Fish) auf Tour. Und in paar Wochen dürfen wir mit NOFX eine Show spielen. Außerdem spielen wir jedes Wochenende grandiose Shows. Wir könnens noch gar nicht wirklich fassen!
Richtig cool wären für die Zukunft Tourneen im Ausland und, dass vielleicht mal ein bisschen Geld für den Einzelnen übrig bleibt.

All die großartigen Bilder hat mein Kollege Matthias Merk geschossen. Schaut auf seinen Flickr-Stream (Klick!)

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Maifeld-Derby – Maimarkt Mannheim – 30.05.2013

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (5)

Der Diskurs „Festival“ hat sich in den letzten Jahren erheblich erweitert, verändert, rekontextualisiert. Unter einem zunehmenden Hype entwickelten sich vor allen Dingen die Branchenführer wie Rock am Ring/ Rock im Park und auch Southside/ Hurricane mehr und mehr zu absoluten und stetig wachsenden Massenevents. Am Southside trifft man mittlerweile unzählige Abiabschlussfahrten: Hier steht die Party im Vordergrund, das Festival wird zum Mallorca-Ersatz – während Bands wie „New Order“ vor leeren Feldern spielen. Doch Stop! Das hier soll keinesfalls ein esoterisches, besserwisserisches „Früher-war-alles-besser-Plädoyer“ werden – das wäre fehl am Platz und lesen will das auch keiner (zumal das Southside mit dem Greencamping Alternativen bietet und nach wie vor tolle Lineups zusammenbucht). Die Zeiten ändern sich eben, so war es immer und so wird es immer sein. Nichtsdestotrotz ist man vor dem Hintergrund dieser Überlegungen und Tatsachen besonders froh, glücklich und dankbar, dass es im Kontrast zu den genannten Giganten auch noch Festivals wie das Maifeld-Derby gibt. Drei Tage, 50 Bands, vier Bühnen – die Zahlen sind schnell genannt und verdeutlichen vor allen Dingen eines: Die Musik steht hier absolut und eindeutig im Vordergrund.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (10)Im Speziellen die viergliedrige Bühnenkonstellation auf dem Mannheimer Maimarkt bietet für Besucher und Musiker einen absolute Luxussituation: Jeder einzelne Künstler – sei es Newcomer, Singer-Songwriter oder bombastisches Soundkollektiv –  erhält eine angemessene Spielzeit, eine passende Bühne und einen sauberen Sound. Da ist der Parcours d´Amours, die Singer-Songwriterbühne, die direkt im Pferde-und Reitstadion steht, während das Publikum von der Tribüne der Rennbahn wie im Kino auf die Künstler blickt. Da ist die Brückenaward-Bühne, die auf engstem Raum eine passende Atmosphäre für den Nachwuchs bietet. Da steht die kleine Openairbühne im Zentrum des Geländes, die aufgrund ihrer Lage in alle Richtungen schallt und einem – egal ob zum Essen oder Pinkeln – einen wunderbaren Soundtrack liefert. Und da ist die Hauptbühne, in Zeltform, die angesichts der niederschmetternden Sintflut einen idealen Rückzugsort markiert und darüber hinaus mit außergewöhnlicher Soundqualität punktet. Das Maifeld-Derby fand dieses Jahr erstmals über drei Tage statt und offenbarte ein aufregendes, abwechslungsreiches Indie-Lineup (inklusive einer ungewöhnlicher Reizpunkte), dass man in Deutschland bis dato nur vom mittlerweile legendären Haldern-Pop gewohnt war. Speziell der Festival-Freitag ließ den gängigen Musikliebhaber vor Vorfreude mit den Ohren schlackern, konnte man doch von 16 bis 3 Uhr doch eigentlich durchgehend erstklassige Musik verputzen. 3000 Menschen folgten dem Ruf der guten Musik. Gehen wir in die verschlammten Details.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (9)Herons! aus Irland sind eigentlich ein stetig wechselndes Kollektiv, am Maifeld spielt Mastermind Ben Kritikos aber alleine im Parcours d´Amours. Passend dazu covert er „Girls Just Wanna Have Fun“ im Folkgewand. Ein angenehmer Warmmacher zum Auftakt. Garda sind eine junge deutsche Band, die bei mir leichte „The National“-Assoziationen hervorruft. Meine Mithörer quittieren das mit Kopfschütteln. Young Rival sind eine ganz klassische Indieband aus Skandinavien, der es ein bisschen an Überraschungsmomenten fehlt. Ab und an klingen ein wenig „Vampire Weekend“-mäßige Dschungelsounds durch – ansonsten bleibt es bei „ganz nett“.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (1)Scout Niblett ist das erste richtige Highlight im Line-Up. Die Singer-Songwriterin erinnert ziemlich direkt an eine folkige Janis Joplin. Wie sie da steht, die zersausten Haare im Wind, ein schüchtern vor sich hin säuselnd. Die E-Gitarre bricht mit dem klassischen Singer-Songwriter-Bild. Nach dahin gehauchten Beginn, erweitert sich das Band-Lineup stetig um weitere Musiker und parallel dazu bauen sich auch Nibletts-Songstrukturen immer weiter und in alle Himmelsrichtungen aus. Leider schießt der Himmel da direkt zurück und der zarte Sonnenschein der ersten Songs mutiert alsbald zu einem handfesten Platzregen. Doch so einfach gibt sich Niblett ihrerseits nicht geschlagen und kontert kurzerhand mit ihrem ganz eigenen, bluesigen Unwetter. Ein spannendes Duell!

Daughter spielen leider eine sehr zurückgenommene und insgesamt enttäuschende Show. Gerade im Vergleich zu anderen Indie-Acts des Tages fehlt es der Live-Perfomance meiner Meinung nach ein wenig an Durchschlagskraft und Überraschungseffekten, um den umgreifenden Hype gerecht zu werden. Das Konzert erinnert sehr stark an The XX – nur das dort eine männliche Stimme eben immer wieder dazwischenfährt und einen Dialog initiiert. Das Gesamt-Publikum reagiert jedoch mit Euphorie, die ich nur in einem ganz bestimmten lyrischen Moment nachvollziehen kann: „We Are The Reckless, We Are The Wild Youth“.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (7)Was für ein erbarmungsloses Brett. Was für eine Band. Kadavar machen keine Kompromisse. Zu keiner Sekunde Es scheppert und brettert und jault und kreischt und schlägt und schreit und schwitzt und brennt und knallt. Grandiose Gitarrensoli, meterlange Haare, Schlagzeug-Schreddern. Bombe! Und jeder der meint, die Band als bloße Kopisten zu bezeichnen, die 40 Jahre zu spät in die Seite greifen, soll sich doch bitte in ein stilles Kämmerlein zurückziehen und auf seinem Flachbildschirm die „Best-Of-Neue-Deutsche-Welle“-DVD seiner Mutti einverleiben. Zum Glück gibt es diese Musik. Noch. Wieder. Und zum Glück gibt es Kadaver.

Als Charles Baudelaire einst die Künstlerfigur des Flaneurs manifestierte, verlangte er von ebendiesem die Welt mit den Augen eines Kleinkinds zu sehen. Das Kinderauge selektiert nur bedingt, nimmt alles auf und in den Blick. Jede Kleinigkeit kann die Welt erschüttern, als ist wichtig. Beim Konzert von CocoRosie zeigt sich, dass das Schwesternduo offensichtlich mit einer ganz ähnlichen Heransgehensweise musizieren. Die Interaktion zwischen den Cassidy-Schwestern erscheint spielerisch und erinnert an kindliche Rollenspiele: Alles wirkt ein wenig überzogen, überladen,jede Idee wird in großen Gesten umgesetzt und die Fantasie sprudelt nur so von der Bühne. Manchmal indes kippt das Spiel in Sekundenschnelle: Es wird gezickt und geschmollt und sich an den musikalischen Haaren gezogen. Man könnte fast den Eindruck gewinnen Bianca und Sierra, die über 10 Jahre getrennt aufwuchsen und ihre Kindheit nur bedingt zusammen erlebten, würden hier den öffentlichen Versuch starten, diese verlorenen Momente nachzuholen. Und in diesem Kraftfeld, entsteht etwas Besonderes, ein absolut ungewohnter Ansatz, der nichts ausschließt und sich offen für alles zeigt. Egal ob Beatboxer, Harfe, jodelnder Nymphengesang, Spielzeug-Sounds – CocoRosie  saugen alles auf und setzen die Bruchteile in ihrer eigenen, abgeschlossenen Welt neu zusammen.

Dry The River sind immer dann am Besten, wenns ihnen eigentlich egal ist. Der englische Fünfer ist ohne Frage eine ganz fantastische Band mit unglaublichen Potential und es finden sich in dunklen Youtube-Gefilden Unplugged-Fetzen, die einem das Blut in den Adern zu Gänsehaut gefrieren lassen. Aber irgendwie wolle Dry The River mehr. Ihre aktuelle Scheibe „Shallow Bed“ klang eindeutig zu überfrachtet und überproduziert – die dazugehörige Akkustik-Scheibe indes wusste vollkommen zu überzeugen. So transportiert die Band ihren Klangentwurf auch am Maifeld auf einem schmalen Grad: Die lauten, jammenden, experimentellen Momente (meist unterstützt durch überspitzte Gesangseinlagen) greifen irgendwie nicht so richtig, die ruhigen Momente indes hauen einen durchaus aus den Socken.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (8)Ein absolut unglaubliches Konzert lassen The Notwist auf das Palastzelt los. Die Band könnte man getrost als Gründungsväter des deutschen Indies bezeichnen – auf dem Maifeld-Derby beweist das Quintett aber definitiv, dass es auch heute noch in der Lage ist, brandheiße Reizpunkte zu setzen und mit experimentellen Sounds schier erdrückende Energiewellen auszulösen. Ein Notwist-Konzert offenbar ganz eigenes, teilweise irritierendes Hörerlebnis: Da ist zunächst einmal die Tatsache, dass die Band unterm Strich zwei Frontmänner besitzt. Am rechten Bühnenrand steht Markus Acher, dessen glasklare Stimme sich immer wieder aus dem mächtigen Musik-Chaos schält und sich direkt in den Hörgängen festkrallt. Das Pendant dazu steht links, Martin Gretschmann, der sich als Console einen Namen in der Elektroszene machte und dessen elektronische Soundblitze immer wieder das geerdete Soundgebäude erschüttert. Zwischen diesen beiden Polen entfacht sich eine regelrecht magnetische Noise-Kraft, die auch den Rest der Band durch die Luft wirbelt, hin und her reißt und Schichten über Schichten malen lässt.

Da sind zunächst die eingängigen, gängigen Indie-Songstrukturen, die dann immer wieder aufs neue von ausgefallenen Beats auseinander geschraubt werden, ehe das Produkt The Notwist in erbarmungslosen Jam-Sessions implodiert. Mittendrin steht dann plötzlich Gretschmann mit zwei Nintendo-Wi-Drückern in der Hand, schlägt durch die Luft und tritt damit erneute Soundlawinen los. Und als Zuschauer/Zuhörer weiß man gar nicht mehr, wie einem gerade geschieht. Erst am Ende nehmen The Notwist ihre eigene Musik wieder an die kürzere Leine und entlassen ihr Publikum mit der ihrer Überballade „Consequence“.Das ist großes Kino. Das ist einzigartig. Das ist futuristisch und klassisch zugleich.

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The Busters – Eurokonstantia – Konstanz

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Es gibt weltweit ziemlich genau zwei Perimeter, die alle Völker und Länder gleichermaßen verstehen, akzeptieren und zusammenbringen: Sport und Musik. Natürlich gibt es dabei je nach Kultur elementare Einschnitte und Unterschiede, unterschiedlichste Geschmäcker und Konstellation, der Grundtenor bleibt aber immer ein ähnlicher. Sport und Musik sind die beiden Bausteine, die immer in der Lage sind, einen Dialog (und seien lautstarke bis handgreifliche Fachsimpeleien oder schweißtreibende Pogo-Kreise) zu fördern. Vergangenes Wochenende offenbarte sich im Umfeld der Uni-Konstanz eine bemerkenswerte Verzahnung der verhandelten Diskurse: Die Eurokonstantia.

Die Eurokonstantia ist ein internationales Hochschulsportturnier, bei welchem sich Unimannschaften aus der ganzen Welt und insgesamt 900 Sportler in den verschiedensten Sportarten messen. Dabei präsentierten sich sowohl die Klassiker wie Handball, Basketball und Fußball, aber auch Trendsportarten wie Beachvolleyball oder exotische Wettkämpfe wie Rugby oder Lacrosse. 2013 waren unter anderem Mannschaften aus dem Libanon und der Türkei nach Konstanz gereist. Mittags gilt es im (mal mehr, mal weniger) beinharten Wettkampf Konstanzer Dreck zu fressen, abends geht es zusammen ans Wasser, in die Kneipen, in die Clubs. Der internationale Austausch steht hier absolut im Vordergrund.Neu war heuer die sogenannte „Rocknacht“, die Samstagabend in akuter Nähe zu Spielstätten stattfand. Während in den letzten Jahren Coverbands das Turnier bespielten, hatte 2013 ein studentisches Projektteam ein professionelles Konzertprogramm gestaltet und die altehrwürdigen Busters gebucht.

Die Verpflichtung von Deutschlands prägendster Skaband machte aus den ganz verschiedenen Gesichtspunkten Sinn: Zum einen liefern Skabands in der Regel einen tanzbaren und partytauglichen Soundtrack – zum anderen ist Ska ein absolut globales Phänomen. Entstanden ist die Musikrichtung in der Karibik, genauer auf Jamaika. Dort, im positiven Kraftfeld der frisch erlangten musikalischen Freiheit, entstand ein Sound, der sich zunächst ein unverkrampfter, lockerer Gegenentwurf zum amerikanischen Rock`N`Roll verstand. Während die Insel in der Folge in erster Linie für Reggae bekannt wurde, schwappte das Phänomen Ska mit der sogenannten zweiten Welle nach Großbritannien, in ein Umfeld, das sich kaum krasser von entspannten Sommerklima in der Karibik unterscheiden könnte. Ende der 70er Jahre entstand im verregneten England der bis heute legendäre 2-Tone, der die jamaikanischen Ansätze ansatzlos durch der Mixer trieb und mit deftigen Portionen der aufkommenden Punk-Bewegung würzte. In der Folge waren es eben diese beiden Pole (die Leichtigkeit des jamaikanischen Skas und die Härte und Kompromisslosigkeit der britischen Version) die die große Anziehungskraft des Ska ausmachten und dazu führten, dass auf der ganzen Welt Ska-Bands wie Pilze aus dem Boden schossen. In der Tat gibt es kaum ein Land, dass nicht sein eigenes Ska-Flagschiff produziert hat: Italien hat Persiana Jones, Spanien hat Ska-P, Frankreich hat Babylon Circus, die Türkei hat Athena, Argentinien hat Karamelo Santo, Russland hat Leningrad. Und Deutschland hat eben die Busters.

Interessant ist auch die Tatsache, dass Ska in Deutschland keinesfalls ein urbanes Phänomen ist: Die bekanntesten Formationen des Landes entstammen oft aus einem dörflichen Umfeld. Und auch die Busters haben ihre Wurzeln im beschaulichen Wiesloch bei Heidelberg. 1987 gründeten sich das Ska-Orchester, in der Folge kam es über die Jahre zu zahlreichen Personalwechseln, bis sich die aktuelle Besetzung bei zehn Mann einpendelte. Die große Konstante blieb die Musik. 16 Platten haben die Busters mittlerweile mit brettharten, eingängigen Skasound gefüllt, die volle Energiepalette liefern aber die Liveauftritte. Das offenbart sich auch definitiv in Konstanz. Nachdem die angenehme Vorband „Acombo“ im feinen Zwirn den Abend eröffnet hat, schleichen die Turnierteilnehmer (darunter ein Rugby-Team in hautengen Cheerleading-Outfits) verhalten in Richtung Bühne. Vor allem die internationalen Sportler wissen zunächst nicht so richtig, wie ihnen geschieht – bezeichnenderweise zeigt eine spontane Kurzumfrage von Sänger Ron Marsman, das zu Beginn des Konzertes gefühlte neun Zehntel des Publikums deutsch sprechen. Das ändert sich aber schnell. Die Busters spielen eine absolut solide Show: Die grundlegenden, langsame Schlagzeugbeats explodieren immer wieder in konzentrierten Gesangsparts, ehe die dominante, erbarmungslose Bläserformation das Kommando übernimmt. Diese Bläserarrangements sind es auch, die die Energie zünden, ausformulieren und aufs Publikum übertragen. Und bei aller berechtigter Kritik und allen unberechtigten Vorurteilen, die sich die Eintönigkeit des Skas und auch der Busters vorknöpfen, in diesem Rahmen, an diesem internationalen, lauwarmen Vorsommerabend am Bodensee, passt Ska wie die allegorischer Faust aufs Auge. Völlig egal ob Cheerleader, Rugbyspieler, Handballer, Türke, Libanese, Italiener, Aktiver, Passiver, Organisator, Barkeeper, Sportler, Trinker: Am Ende springt das ganze Zelt – wen interessiert da der musikalische Mehrwert?

Und so entsteht eine einzigartige Symbiose aus Musik, Sport und Party. Ein Sportfestival, ein Skaturnier, ein internationaler Austausch, das Grenzn überbrückt, Brücken schlägt. Erste Sahne.

Als finales sportliches Schmankerl gibts noch das Video vom Rugby-Finale der Eurokonstantia, das vor allen Dingen in den letzten Minuten ganz wunderbar Fairness und Spaß transportiert:

Die Bilder in der Galerie stammen von Christian Harz (Genuss-Fotografie). Weitere Bilder von den Sportevents und auch vom Konzert findet ihr auf der Facebook-Präsenz der Eurokonstantia (Klick!)

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Steaming Satellites – Kulturladen Konstanz – 14.03.2012

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Das Konzert beginnt ohne Musik, ohne erkennbare Songstruktur: Da sind nur Fragmente, ein tiefes, einnehmendes elektrisches Rauschen, das sich hypnotisch zu einem Wirbelsturm der Effekte auftürmt, ehe durch kaum wahrnehmbaren Schlagzeugeinsatz erste Spuren von gängigen Hörmomenten erkennbar werden. Erst dann weht diese wabernde, tiefschwarze Stimme in den Kulturladen, erst dann schwappt der wummernde Puls des Basses dazu, erst dann kriecht die erste Blueskomposition aus den elektrischen Blitzen. Steaming Satellites!

Doch zunächst zur Vorband, denn die hat es in sich: Hustle & Drone sind das neue Bandprojekt des ehemaligen Portugal. The Man Musikers Ryan Neighbors und überraschen bereits in Sachen Bühnenaufbau. Gleich drei Synthesizer prangen zentral auf der Bühne und werden soundtechnisch nur von einer Gitarre und gelegentlichen Tamburin-Geschepper ergänzt. Im dabei entstehenden, brachial basslastigen Sound offenbart sich schnell die Wahlverandtschaft zu Formationen wie Future Islands, aber auch zu Veteranen wie Depeche Mode. Nur die gelegentlichen Kopf-Stimmen-Ausflüge sind wenig to-much. Aber zurück zum Hauptact:

sänger max borchardt (2)_3283x2462Die Liveversion von „Witches“ sticht zunächst heraus: Die erste Schicht ist ein rhythmisches Klatschen, dass schon bald von Elektroeffekten überstrichen und durch Max Borchardts formidable Stimme um eine gehörige Portion 70-Jahre Sehnsüchte erweitert wird. Im Refrain tönt dann alles mit- und gegeneinander an, während kleine Diskostrahler die Bühne von unten herauf in ein abgespacetes Lasernetz verwandeln. Popmusik von solcher Bandbreite wird für gewöhnlich in kreativen Melting Pots wie New York oder Berlin gebraut. Doch was den musikalischen Stammbaum angeht sind die Steaming Satellites ein echter Exot: Denn das Quartett stammt aus Österreich, genauer gesagt aus Salzburg und enterten die Independentszene ohne Zwischenschritt mit einem Paukenschlag. Ihr Debüt „The Mustache Mozart Affaire“ war eine Offenbarung von immenser Bandbreite und einer fast erdrückenden Dichte an Überraschungseffekten, sodass die Reflektion über den ausgereiften Erstling schon bald ein ganz neues Gene heraufbeschwor: Spacerock. Das klingt tonnenschwer und abgehoben und doch erspielten sich die Österreicher schon bald den Ruf einer formidablen Liveband irgendwo im Niemandsland zwischen Pink Floyd, Oasis und Kraftwerk. Spacerock eben. Vor einem Monat legten die Steaming Satellites ihre zweite Scheibe „Slipstream“ nach und präsentierten weitere Nuancen in ihrem ohnehin schon überquellenden Spektrenuniversum. Die Szene ist nach wie vor ein wenig sprachlos.

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Immer wieder schälen sich live die einzelnen Versatzstücke aus dem bis dato leeren Musikraum und fügen sich trotz unterschiedlicher Ansätze wie Puzzlestücke millimetergenau ineinander. Drummer Matl Weber könnte einer Punktruppe entstammen, sein Spiel ist wild und fundamental, während Keyboarder Emanuel Krimplstätter eher mit dem Habitus eines Krautrockers aufwartet und scheinbar eins mit seinen Gerätschaften wird. Dazu spielen sich Borchardt an der Gitarre und Bassist Manfred Mader über ihre Saiten beinahe bluesartig die Bälle zu und erweitern dabei die Impulse des Gegenübers oder lassen diese brutal entgleisen. Entsprechend breit gespannt ist der Rahmen für Improvisation und Jam, der sich in diesem Zwittergebilde aus dreckigen 70er-Rock, arroganter 80er-Disko und gegenwärtigen Indie zeigt. Und doch scheint ein Funken zur finalen Zündung zu fehlen, das Konzert wirkt mitunter ein wenig unterkühlt.

Am Ende des regulären Sets spielen die Steaming Satellites das aberwitzige „How Dare You“, bei dem Max Borchardts Organ vollends im Mittelpunkt steht und das Publikum regelrecht in sich hineinsaugt, ehe während der Zugabe Hustle & Drone die Band zu einer siebenköpfigen Jam-Hydra anschwellen lassen. Und dann, ganz zum Schluss, wird der Stecker gezogen und die Beatmaschine gegen ein Akkordeon getauscht. Die Salzburger Spacerocker beenden ihr Konzert mit herzzerreißenden Folknummer. Was für ein radikaler, finaler Bruch. Was für ein Moment. Das ist sie, die finale Satelliten-Zündung.

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