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„Niemand ist abhängig von Walt Disney!“

Der Aufschrei der Internetgemeinde war immens: Als der erste Trailer zum vierten Fluch der Karibik Film Abenteuer auf Youtube flimmerte, rutschte dem Filmfan eine Tatsache umgehend in die Gehörgänge: Captain Jack Sparrow, die tragende Figur der Reihe, von Johnny Depp bravourös eingespielt, klang anders. Ungewohnt. Schräg. Erzwungen. Keine groggeschwängerte Tuntigkeit, keine unterschwellige Arroganz. Es folgten Fragen, Proteste, Aufschreie und nach und nach kam ein Synchronsprecher-Krimi ans Licht, der dem neusten Piraten-Streifen in Sachen Dramatik definitiv das Wasser reichte.

Alles beginnt 2003 im Vorfeld der Veröffentlichung des Walt Disney Blockbusters „Fluch der Karibik“. Der Megakonzern erscheint hypernervös, offensichtlich fehlt das Vertrauen in die zig millionenschwere Verfilmung einer Disney-Land Achterbahnattraktion. Nachdem die Macher bereits Johnny Depp beinahe aus dem Projekt gestrichen worden wäre, zeigte man sich auch in Deutschland mit der Arbeit von Johnny Depps regulären Synchronsprecher David Nathan nicht zufrieden und wirft ihn kurzerhand über Bord. „Wir sind nur Roboter, die reinkommen, mäpmäpmäp machen und wieder rausgehen; völlig austauschbar!“, wetterte Nathan, dessen Arbeit als Sprecher bis dato Maßstäbe gesetzt hatte, damals (siehe Merkur-Online: „Warum Captain Jack seine Stimme verlor!“). In der Folge übernahm Marcus Off  (hier (Klick!) bei der Arbeit) den Job und brillierte auf ganzer Linie. Fluch der Karibik und auch die beiden Fortsetzungen wurde weltweit und in Deutschland nicht zuletzt aufgrund seiner Leistung zum Megaseller. Marcus Off indes bekam vom Erfolgskuchen nichts ab: Während der Film Milliarden einspielte sprach Off Jack Sparrow Klingeltöne und DVD-Extras ein. 9306,14 Euro erhielt er für seine Synchronarbeit. Das ist zwar deutlich mehr als den Synchronsprechern normalerweise gezahlt wird, doch angesichts des immensen Erfolgs wurde Marcus Off nachdenklich und meuterte – immerhin hatten 20 Millionen Fans seinen Jack Sparrow gefeiert.

Walt Disney indes machte keine Gefangenen, kündigte den einstigen Goldesel ohne großes Federlesen und ersetzte ihn durch den mittlerweile handzahmen und seither in der Öffentlichkeit schweigenden Nathan. Off jedoch ging auf die Barrikaden und klagte gegen den Megakonzern (Hintergründe zum Rechtsstreit hat die Süddeutsche Zeitung hier (klick!) zusammengefasst). Und plötzlich ging es um viel mehr. Um die Rechte der Sprecher, um Kunst oder Nicht-Kunst und um die Macht der Stimme. Risse im Asphalt sprach mit Marcus Off über seinen Beruf, Jack Sparrow und natürlich über seinen verbitterten Kampf für seinen Berufstand und gegen die vergoldeten Windmühlen des Disney-Konzerns.

Herr Off, Könnten sie kurz schildern, wie und als was sie vor den Fluch der Karibik-Teilen gearbeitet haben?

Marcus Off: „Ich arbeite seit 1985 als Schauspieler in allen drei Bereichen Theater, Film und Fernsehen und seit den Neunzigern auch im Synchron und Hörspielbereich. Man stellt sich bei den Synchronfirmen vor, bewirbt sich, Castings, genauso wie in den anderen Bereichen.“

Wie kam es dann dazu, dass sie als Jack Sparrow besetzt wurden?

Marcus Off: „Walt Disney war mit der bereits in deutsch aufgenommenen Rolle Jack Sparrow im ersten Teil nicht zufrieden und fragten mich ob ich es denn probieren möchte. Sie waren von meiner Arbeit begeistert.“

Wie hoch schätzen sie ihren Anteil am Erfolg der Filme (bzw. allgemein den Anteil eines Synchronsprechers auf die jeweilige Rolle/ Film)?

Marcus Off: „Nicht synchronisierte Filme spielen nicht mal die Hälfte des Umsatzes ein als synchronisierte Filme. Und natürlich versucht man wie bei der Originalbesetzung auch beim Synchron die idealste Besetzung zu finden. Sonst wäre es ja vollkommen egal wer was spielt beziehungsweise in diesem Falle spricht.“

Sehen sie sich eher als Sprecher einer Rolle oder als Sprecher eines Schauspielers. Sprich: Haben sie Jack Sparrow oder Johnny Depp gesprochen?

Marcus Off: „Johnny Depp hat einen großartigen Charakter entwickelt. Mittlerweile bestimmt der bekannteste Pirat weltweit. Meiner Ansicht nach geht es beim synchronisieren immer darum einem Charakter sprachlich das gleiche Leben einzuhauchen wie dem Original, nur eben in einer anderen Sprache. Soweit das überhaupt möglich ist. Hätte ein anderer Schauspieler Jack Sparrow gespielt, wäre auch die Herausforderung eine andere. Ich sehe mich also immer als Synchronschauspieler einer definierten Rolle. Es handelt sich hier aber nicht einfach um ein Nachahmen der Rolle Herrn Depps sondern um eine kreativen Prozess. So wie ich als Schauspieler im Theater oder im Film Vorstellungen eines Regisseurs und Autors umsetze, setze ich hier die Vorstellungen Johnny Depps, dem Regisseur und seinem Autor um.“

Vor Gericht ist genau die Frage ob sie etwas neues, etwas Eigenständiges geschaffen haben, oder ob sie als eine Art Nachrichtensprecher/Nachsprecher agieren, entscheidend…

Marcus Off: „Walt Disney ist der Ansicht, selbst ein Nachrichtensprecher sei kreativer als ein Synchronschauspieler. Da stellt sich natürlich die Frage warum Walt Disney keine Nachrichtensprecher sondern Synchronschauspieler engagiert. Das Gericht ist dieser Ansicht in der ersten Instanz nicht gefolgt und hat klar herausgestellt das zumindest in diesem Fall Fluch der Karibik meine Arbeit sehr wohl als kreativ und damit eigenständig zubewerten ist.“

Wann haben sie den Entschluss gefasst, mehr Geld zu verlangen? Wie haben die Macher dann reagiert?

Marcus Off: „Aufgrund des außergewöhnlichen Erfolges von Fluch der Karibik, den Walt Disney übrigens bestreitet, habe ich Walt Disney auf die Rechtssituation hingewiesen. Der Paragraph 32a  (der hier (klick!) nachzulesen ist, Anm. der Redaktion), der Fairnessparagraph regelt das. Ich habe nichts weiter getan als auf ein Recht zu verweisen. Da sich Walt Disney nicht kooperativ zeigte, habe ich mein Recht eingeklagt.“

Was ist der aktuelle Stand der Verhandlungen?

Marcus Off: „Ich habe in der zweiten Instanz nicht Recht bekommen, da das Gericht die Ansicht vertrat , der sprachliche Anteil der Rolle Jack Sparrow, im Verhältnis zum Film (Action,Musik,etc,) flapsig ausgedrückt, zu vernachlässigen sei. Ich bin da völlig anderer Ansicht und werde deshalb mit diesem Fall vor`s BGH gehen. Meine Kollegen können diese Begründung des Urteils genauso wenig nachvollziehen wie ich.“

Wie wird es mit ihnen weitergehen? Gab es über die Sparrow-Kündigung hinaus weitere Konsequenzen?

Marcus Off: „Ich werde meinen Beruf weiterhin ausüben, wie bisher. Niemand ist abhängig von Walt Disney“

Gibt es sonst noch irgendwas, was sind unbedingt los werden möchten?

Marcus Off: „Ich war sehr völlig überrascht, wie viele Zuschauer auf diese Umbesetzung reagiert haben. Ich finde das großartig. Überall im Netz kann man lesen wie empört die Fans auf diese Umbesetzung reagiert haben. Fans haben sogar eine Unterschriftenpetition im Netz angelegt. Ich habe viele tausende enttäuschte Fanbriefe und E-Mails bezüglich der Umbesetzung des vierten Teiles bekommen. Walt Disney tut das als Strohfeuer ab.“

Nachtrag: Im Verlauf des Streits bot Marcus Off Disney sogar an, den vierten Teil der Serie für einen Bruchteil seiner ursprünglichen Gage einzusprechen, um den Fans die große Enttäuschung des Stimmenwechsels zu ersparen. Disney nahm dieses Angebot nicht an.

Der Fall ist noch nicht abgeschlossen und wird in jedem Fall ein Exempel in der Stimmbranche statuieren.

Die Stimmen im Vergleich:

Marcus Off:

David Nathan:

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