Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘oben ist es still’

Berlinale Special Teil 3:

 
Von Judith Schuck (http://juscrit.tumblr.com/)
 
Ayer no termina nunca (Yesterday never ends), R.: Isabell Coixet, E 2013, 108´, 63. Berlinale:Panorama.

oben ist es still, me seances de lutte, yesterday never ends, berlinale, filmkritiken, bilder, 2013 (1)

2017 in Katalanien. Ein Mann (Javier Cámara) im gut sitzenden Businessanzug und eine Frau (Candela Peña) in Jeans, T-Shirt und Schlangenlederstiefeletten treffen nach 5 Jahren zum ersten wieder aufeinander. Die Atmosphäre ist in Blautöne, Tuffstein und Beton getaucht. Distanz, Traum, Kühle. Hämisch bemerkt sie: „Hugo Boss?“ Der Ort des Wiedersehens ist ein durch die schlichte Architektonik nüchtern anmutendes Geschäftsgebäude. Wie sich bald rausstellt ist die Ursache für die zunächst sehr auf Abstand beruhenden Begegnung ein Brief, auch der im blauen Kuvert. Ferne. Sie schrieb ihn, weil sie ihn Wiedersehen musste. Die beiden waren bis vor fünf Jahren ein glücklich verliebtes Paar mit einem gemeinsamen Sohn namens Dani. Melancholie. Der Schmerz um den Tod ihres Kindes lässt die Mutter bis heute nicht los. Sie ist voller Vorwürfe gegenüber dem Ex-Mann, Universitätsprofessor, der sich im fernen Deutschland, vor Vergangenheit und Wirtschaftskrise geflüchtet, ein neues Leben aufbaute, während ihr Leben seit dem Verlust des Sohnes in Kram und Trauer stagniert.

Es entspinnt sich ein Dialog zwischen den beiden Hauptdarstellern, gespickt von Bitterkeit, Schuldzuweisungen, alten Erinnerungen, die sich im Verlauf der theatralisch anmutenden Szenerie als Hoffnungsschimmer auf eine neue Annäherung herauskristallisieren. Die blaue Blume der Romantik. Doch sie leben in zwei voneinander abgetrennten Realitäten: Er erwartet mit seiner deutschen Frau ein neues Kind. Sie bleibt trotz allen Schwierigkeiten, die das von der Krise gebeutelte Spanien mit sich bringt der Heimaterde treu, treu auch im Angedenken an den verstorbenen Sohn, das ihr Leben regiert. 2008 gelang der Regisseurin Isabell Coixet mit „Elegy“, der Verfilmung von Philip Roth Roman „Das sterbende Tier“, eine eindrucksvolles Drama, in dem Penelope Cruz die Rolle einer jungen, an Brustkrebs erkrankten Frau verkörpert. Ihr neuer Film „Ayer no termina nunca“ ist allerdings nicht durchgängig überzeugend. Der Zuschauer bleibt auf Distanz, was mit der bühnenhaften Inszenierung durchaus beabsichtigt scheint.

Die bisweilen albernen Hexenschreie der leidenden Mutter lassen den Rand des Wahnsinns nicht glaubhaft erscheinen und stellen die an sich starke Frauenrolle in ein unnötig schwaches Licht. Natürlich kann man diesen Aspekt umdrehen: Die Schwäche der Frau ist gewollt, sie versteckt sich hinter ihrem Schmerz. Aber auch dieser Ansatzpunkt wird nicht konsequent durchgesetzt. Ihre Rolle ist nicht nur nicht klar, was sie vielleicht auch gar nicht sein kann, sie kommt erst gar nicht authentisch an, weder in ihrer Zerrissenheit, noch in der Verbohrtheit und Resignation gegenüber dem Weiterleben. Ebenso die Kleider der beiden Darsteller: die modischen Klamotten werden im Dialog und in der mise en scène so aufdringlich betont, dass sie als Verkleidung rüberkommend nerven. Mitreissen kann da noch vor allem die Schlussszene, in der der Vater vor dem Grab seines Sohnes, mit dessen (blauen) Lieblingsdinosaurier konfrontiert, zusammenbricht. Ein Moment der schmerzhaften Erleichterung für das Publikum.

Mes seances de lutte (Love Battle), F, 2013, Jacques Doillon, 103`, 63. Berlinale: Panorama.

oben ist es still, me seances de lutte, yesterday never ends, berlinale, filmkritiken, bilder, 2013

Dem französischen Regisseur Jacques Doillon (Ponette, 1996) gelingt mit Mes seances de lutte eine hochemotionale Schlammschlacht: IHR Vater ist gestorben. Das ist die Ursache für die Rückkehr der jungen Frau (Sara Forestier) in das französisches Heimatdorf. Das Verhältnis zum Vater war schlecht, sie gibt sich beinahe fröhlich über den Tod. Von ihren Geschwistern fühlt sie sich nicht richtig ernstgenommen. Zudem hat sie mit IHM noch eine Rechnung offen. ER (James Thiérée) ist eine alte Liebe. Zu sexuellem Kontakt kam es nie, dafür zu aufreibenden Momenten, die, so SIE, nicht weniger bedeutsam waren als echter Sex. ER fühlt sich von der aufbegehrenden, energiegeladenen Frau bedroht: SIE wirbelt sein ruhiges Leben als Wächter von Haus und Garten und lesender Schriftsteller plötzlich erheblich auf.

Doch SIE lässt ihm seinen Frieden nicht: als Spiel im Spiel rekonstruieren die beiden schließlich eine vergangene Situation, welche die Schlüsselszene ihres Bruchs war und welche in beiden feurige Leidenschaft und gleichzeitig aggressive Abwehr jeglicher Annäherungsversuche begründete. Zwischen IHM und IHR, sie bleiben namenlos, entwickelt sich ein hocherotischer, furioser Kampf, in dem sich starke Gefühle, Anziehung und die große Angst vor Verletzbarkeit materialisieren. Es ist IHRE Unruhe und Klärungsbedarf, welche diese täglichen intensiven, ebenso destruktiven wie konstruktiven Kampfsessions katalysieren. Dabei ist sich der Zuschauer nie sicher ob IHRE Aggression gegen IHN, die in IHM repräsentierte Vaterfigur, die ihr gegenüber keine Liebe aufbrachte oder gar gegen sich selbst gerichtet ist. Der impulsive Kontrast der beiden Kämpfer spiegelt sich nicht nur physisch, SIE zierlich, aber zäh, ER kräftig und bedacht, sondern auch in der Musik wieder: das einzige, was SIE vom Erbe ihres Vaters einfordert ist das Piano: wenn SIE angibt Débussy und Schumann zu spielen, fände ER Bach angemessener. SIE ist die alles umwälzende Moderne, während ER sich in seiner Zurückgezogenheit auf Traditionen besinnt.

SIE weint verzweifelt, er lacht genugtuend. Im Laufe der zum täglichen Ritual werdenden Kampfsessions vermischen sich allmählich ihre einstmaligen Gegensätze. SIE stellt irgendwann Kampfregeln auf, was eine gewisse Ordnung im Chaos der Gefühle schaffen soll. Lange Plansequenzen im Wechsel mit Handkameraaufnahmen lassen den Zuschauer an der elektrisierenden Schlacht teilnehmen. Zerstörungswut und Blutrausch, wenn sich die beiden regelrecht die Köpfe einschlagen, befinden sich in rasantem Wechsel zum kreativen, prometheusschen Akt, beim hochästhetischen Geschlechtsverkehr im Schlamm. Am Enden lacht SIE erleichtert. Er weint. Angst und Attraktion stehen im dialektischen Verhältnis und lösen sich bis zuletzt nicht eindeutig auf. Die Sessions bilden eine Symbiose aus Gewalt, Angst und Sehnsucht nach Geborgenheit. Sie bleiben in all ihren Facetten bis zuletzt spannend und mitreißend.

Boven is het stil (It´s all so quiet), R.: Nanouk Leopold, NL/D, 2013, 94´, Berlinale: offizielles Programm, Panorama

oben ist es still, me seances de lutte, yesterday never ends, berlinale, filmkritiken, bilder, 2013 (2)

Die Unfähigkeit über Gefühle zu sprechen ist den vier Männercharakteren unterschiedlichen Alters in „Boven is het stil“ allen gemeinsam. Nanouk Leopolds Drama beginnt mit einer langen Kameraeinstellung, die Gras und Schilf zeigt, kontrastiv zur Kommunikationslosigkeit der Männer vom lautstarken Quaken und Zwitschern nichtsichtbarer Enten und Vögel begleitet. Helmer (Jeroen Willems), ein niederländischer Bauer mittleren Alters, physisch im vollen Saft des Lebens, kümmert sich neben den Tieren auf dem Hof noch um seinen altersschwachen Vater (Henri Garcin). Die Wortkargheit zwischen Vater und Sohn, Helmers beherztes und mehr funktionelles denn liebesvolles Zupacken bei der Pflege, lässt gleich auf ein schwieriges, abgekühltes Verhältnis schließen. Helmer verfrachtet seinen Vater ins Dachzimmer, als wolle er schon mal ein Stück weit an der Trennung zwischen Leben und Tod arbeiten, ihn vom täglichen Leben fern halten. Besuche für den Vater weist er ab, nur als der junge Henk (Martijn Lakemeier) als Helfer auf den Hof kommt, wird dieser dem noch immer amtierenden Familienoberhaupt vorgestellt. Henks Hände werden vom alten, bettlägerigen Mann genau überprüft.

Eine Ebene dieses vielschichtigen Films sind die Körper: als der Vater ins Bett einnässt und Helmer diesen schließlich unter der Dusche vom Urin befreit, folgt die Handkamera flink den kräftigen, einseifenden Händen, welche im Kontrast zur müden und schlaffen, von Altersflecken übersäten Haut des Vaters stehen. Die Gesichter werden eher zufällig gestreift. Hände bilden ein weiteres Thema: Die pflegenden und gleichzeitig energisch zupackenden Hände Helmers, der auch seine Kühe noch von Hand melkt; die nun verwelkten, aber früher schlagenden Hände der Vaterfigur; die neugierig explorativen Hände Henks; nur beim Milchlieferanten (Wim Opbrouck) liegt der Schwerpunkt stärker auf dem liebevoll begehrenden Blicken für Helmer. Dieser aber, immer noch unter der autoritären Präsenz des nur körperlich stillgelegten Vaters leidend, versucht seinen Wunsch nach Nähe zu unterdrücken, sowohl gegenüber dem Geborgenheit versprechenden Milchmann, als auch gegenüber dem schutzsuchenden jungen Henk. Geprägt von halbnahen und nahen Bildern, bekommt der Zuschauer eher selten eine Großaufnahme zu sehen, wodurch zwar Nähe zu den Charakteren entsteht, sie aber immer noch unbestimmt und schwer analysierbar bleiben. Die selten eingespielte Musik untermalt die ansonsten weitestgehend unausgedrückte Gefühlssituation. Auf visueller Ebene sind es die Tiere, welche als Spiegel der Seelen fungieren und im Verhältnis der Männer zu den Eseln, Schafen und Kälbern wird die Liebessehnsucht von drei Generationen dargestellt, z.B. wenn das Kalb an Henks Fingern saugt, was dieser offensichtlich genüsslich geschehen lässt.

Wie Helmer seinen debilen Vater vor der Aussenwelt zu isolieren versucht, erinnert „Boven is het stil“ ein wenig an Michael Hanekes Film „Liebe“ (2012), obwohl für Georges und Anne wirklich symbiotische Liebe der Beweggrund für die Isolation ist, während Helmer sich mit Hilfe der räumlichen Distanz auf ein neues, glücklicheres Leben befreit vom väterlichen Einfluss vorbereitet.Die Anziehung und dann tabubedingte Abstoßung in den homosexuellen Konstellationen zwischen Helmer-Henk und Helmer-Milchmann lassen an die Liebe der Cowboys aus „Brokeback Mountain“ denken. Gerade die eindrücklichen, fotografischen Bilder und die spärliche Kommunikation bewirken eine unbestimmte Oberfläche, die – ganz im postmodernen Sinne – eine Vielzahl an Lesarten dieses durchaus sehenswerten Films zulässt.

Werbeanzeigen

Read Full Post »