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No-Stress-Festival – Göggingen – Pfingsten 2012

Gehen wir das Ganze einmal ganz verzwirbelt und bildlich an: Bitte stellt euch zwei ausgewachsene Hirsche mit brutal verwachsenen Geweihen vor. Die beiden Viecher nehmen Anlauf, stemmen die Hufe in den Waldboden und krachen mit vollster Wucht aufeinander. Das ist der Clash Of Cultures. Im Kosmos des NoStress-Festivals brettert das Landleben des verschlafenen Ortes Göggingen mit vollster Wucht auf die HipHop-Szene. Das ist so gewalttätig wie der Hirschkampf – und doch funktioniert der Zusammenprall natürlich und elegant und setzt dabei einen ganzen Pulk an Energien frei, der dich erschaudern lässt.

Den Moment in dem die beiden Hirschgeweihe vollends ineinander krachen, den heftigsten Kontrast-Moment, in einem Wochenende voller Kontrast-Momente produziert das No-Stress-Festival am Sonntagnachmittag so gegen 17 Uhr: Da nämlich entern plötzlich M.O.P. die Bühne der Gögginger Waldbühne und brettern kurze Zeit später ihren Welthit „Ante Up“. Nur zu Verdeutlichung: Das sind die M.O.P., die vor zehn Jahren die HipHop-Welt mit „Warriorz“ ordentlich erschütterten, und genau diese M.O.P. rappen zu diesem Zeitpunkt in Göggingen – einem scheinbar verschlafenen Nest in Oberschwaben, dass in der Region in erster Linie für das gleichnamige Bier und das dazugehörige Bierfest bekannt ist. Doch der Wahnsinn geht noch weiter: M.O.P. spielen keinesfalls als Headliner (diesen Status hätte das Duo nämlich ohne jeden Zweifel). Nein, sie markieren den „Special Guest“, der erst kurz vor dem Konzert angekündigt wird – ein Bonbon für die Fans des seit Wochen ausverkauften Festivals. Was zur Hölle?

Zwischenwurf: Den wohl legendärsten Special-Guest Auftritt in der Geschichte des Festivals zauberten vor zwei Jahren die Rap-Rentnter der Sugarhill Gang aufs Parkett:

 

Weiter im Text: Das Duo aus Brooklyn versteht es definitiv wie man eine Festivalcrowd bei Laune hält: Lil´Fame und Billy Danze covern und sampeln sich munter durch 25 Jahre Rap-Superhits, streuen hier und da einen eigenen Oldschooltrack mit ein und reißen das Ding zum Schluss ganz feierlich mit Ante Up ein. Dazu eine Waldkulisse, wie man sie nur aus den vergilbten Landschaftskalendern kennt, die bei meiner Oma in der Küche baumeln. Wo sind wir hier gelandet?

Das No-Stress Festival ist das vielleicht ungewöhnlichste Event im HipHop-Genre deutschlandweit. Gestartet wurde das Projekt vor nunmehr 15 Jahren – damals noch als Party. Eine Protestveranstaltung gegen die Festlichkeiten der Region, gegen die Partys, bei denen du eins auf die Fresse bekommst, wenn du eine Mütze trägst. Gegen die Partys, auf denen die Coverband Böhse Onkelz Songs rauf und runter spult. Das No-Stress ist gelebte Kultur – genau dort wo man es vielleicht am wenigstens erwarten würde.

Während kleinere Festivals im ländlichen Raum in den letzten Jahren durchaus keine Seltenheit mehr darstellen, hat sich das No-Stress also in einer strangen Nische eingenistet: Das No-Stress ist ein Hip-Hop-Festival (das selbstredend auch anderen Musikrichtungen zelebriert) und zollt damit der wohl urbansten aller Jugend- und Kulturmusik Tribut – wohlgemerkt auf keinesfalls sprichwörtlichen Kuhweiden und Getreidefeldern. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Aber: Gegensätze ziehen sich nun einmal an!

Die Stieber Twins performen zusammen mit Cora E. und Aphroe. 15 Jahre ist das Stiebers-Album „Fenster zum Hof“ nun alt, mit dem die Zwillinge einst mit Torch und der Heidelberger Szene Deutschrap in ernstzunehmende Sphären katapultierte. Der Auftritt wirkt dabei wie ein Relikt aus einer anderen Zeit: Verkapselte Texte, schummrige Beats – und im Publikum verdreht einer die Augen: „Wenn ich den Stieber sehen will, fahr nach Heidelberg und check seinen Laden.“ Die Zeiten haben sich geändert – keine Frage – Trotzdem: ein Stück HipHop-Zeitgeschichte zum anpacken.

Hiob und Morlokk Dilemma halten am Sonntag die deutsche Fahne nach oben: Das Konzert ist dabei weniger abgedreht und viel normaler als erwartet. Keine Schnörkel, (überraschend) straighter Rap, solide Beats – Gelungenes Ding.

Der No-Stress-Campingplatz schlängelt sich etwas abseits der knapp 1000 Einwohner starken Keimzelle durch ein malerisches Tal hinauf in eine Hügellandschaft. Und auch hier kommt es zu herrlich skurrilen Momenten wenn die Festival-Besatzung auf die Dorf-Gemeinschaft trifft: Ein Bauer hat kurzerhand seinen Traktor zum Shuttle-Bus umfunktioniert und bombadiert die verdutzten Festivalbesucher mit tiefschwäbischsten Kauderwelsch, „Didi“, die gute Seele des Festivals pendelt mit seinem Mini-Auto zwischen Dorf und Festival,versorgt die Musik-Fans mit Kaffé oder auch selbstgebrannten Schnaps und lässt sich mit einer seltsamen Kunstfigur namens „Papa Shrimp“ ablichten. Dazu schlendern immer wieder neugierige Rentner im Sonntagszwirn durch den Festival-Kosmos, als wären sie auf dem Weg zum Pfingstgottesdienst.

Dope D.O.D., liefern den abgedrehtesten Auftritt des Festival. So ein bisschen Prodigy-mäßig-Durchdreh Beats, so ein bisschen hyperaktive Lightshow, de nicht nur die Epileptiker aus den Latschen kippen lässt, so ein bisschen schneidender, geschriener Hardcore-Rap sorgen für eine ordentliche Dosis Ekstase. Eskalation, heißt es unter den Youtube-Video-Fetzen.

Der folgende Auftritt der Hardcore-Legenden Onyx hält leider nicht ganz was er verspricht, da die 1989 gegründete Band leider nicht vollzählig mit anreist und der verkürzte Auftritt der Band teilweise improvisiert funktionieren muss. Trotzdem sorgen die Superhits „Slam“ und „Slam Harder“ für allgegenwärtiges Kopfnicken.

La Coka Nostra“ ohne Everlast – nun gut, ich weiß ja nicht, dass ist wie, ähm – Döner ohne Soße? – obwohl nein, der Auftritt geht voll in Ordnung. Die Headliner-Show ist protzig und intensiv und knallt der Crowd ein paar ordentliche Beats um die Ohren. Und dann recken sich gefühlte fünftausend Mittelfinger in den Gögginger Waldhimmel. Wo sind wir hier gelandet? Wow!

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