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Friska Viljor – Kulturladen Konstanz – 04.11.2013

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Ganz am Ende stürzt sich ein bärtiger verschwitzter schwedischer Mann in das Meer von Musikfans vor ihm, spielt auf seiner leicht verstimmten Ukulele eine aufs nötigste reduzierte Komposition und brüllt dazu in schiefsten Tönen den Refrain seines größten Hits „Shotgun Sister“. Sein Publikum, triefend nass, schmiegt sich förmlich an den behaarten Barden und schreit es ihm nach im Chor: „Lalala“! Dieses prächtige Finale zeigt das was die schwedische Formation Friska Viljor seit jeher auszeichnete: Herzblut und ein so dermaßen charmanter Dilettantismus.

IMG_5563Die Geschichte von der Bandgründung Friska Viljors wurde so oft erzählt, dass selbst die Story, wie oft diese Geschichte doch erzählt wurde, ein alter Hut ist. Deshalb die Kurzversion: Vor einigen Jahren ziehen die beiden Kumpel Daniel Johansson und Joakim Sveningsson jeweils mit frisch gebrochenen Herz frustsaufend durch Stockholm. Irgendwann folgt die Schnapsidee: Lass uns den Liebeskummer in Musik verarbeiten. Problem nur: Die Beiden sind alles andere als Musikvirtuosen. Egal – unter dem Namen Friska Viljor begibt man sich in Studio und Proberaum und spielt sich den verklebten Frust von der Seele. Einige Monate später zieht das Duo ganz im Stile der Beatles musizierend über die Reeperbahn und plötzlich reift Friska Viljor zum Indie-Phänomen.

IMG_5574Zu diesem Zeitpunkt bin ich, damals ein frischgebackener Indie-Hipster (den Begriff hätte damals wohl keine begriffen), über Friska Viljor gestolpert und war absolut hin und weg. Das Projekt hatte die Antriebskraft von Punk, die Verspieltheit von Indie und einen dermaßen immensen Grad der Poppigkeit, der tatsächlich Beatles-Assoziationen hervorrief. Kurzum: Eine innovative, versoffene, wunderbar dilettante, Ohrwurm-züchtende Pop-Kreation. Das Debüt „Bravo“ ist dementsprechend wohl bis heute eins meiner meist gehörten Alben, „Tour De Hearts“ rotierte ebenfalls regelmäßig – doch dann begann ein schleichender Entfernungsprozess. Die Folgealben klangen von mal zu mal glatter und die Band verlor (für mich persönlich) ihre Faszination, ohne etwas dafür zu können. Den Friska Viljor verfielen keinesfalls den Reizen des Mainstreams. Sie wurden einfach bessere Musiker. Ein Paradox.

IMG_5571Heute ist Friska Viljor eine echte Band mit echten Musikern. Das hört man im bist zum letzten Platz ausverkauften Kulturladen vor allem in der Anfangsphase. Die Songs vom neuen Album „Remember Our Name“ klingen im Vergleich zum Frühwerk auch livegeradezu glatt poliert – es fehlt an Ecken und Kanten, Überraschungsmomenten, Irrsinn – kurzum am eingangs beschworenen Charme. Erst im Verlauf des Konzertes bröckelt diese Perfektion, Friska Viljor spielen sich regelrecht frei und zeigen dann in der zweiten Hälfte ihrer Show, welche fantastische Liveband sie doch sind. Da tönen leise Elektroarrangements, da jault eine Trompete, hier tönt ein Glockenspiel – und alles zusammen schweißt sich immer und immer wieder zu mitreißenden Pophymnen zusammen. Highlight (und Kombination aus alter Rohheit und neu entdeckter Technik) ist die epische Version von „Useless“, die Daniel und Joakim im Duo akustisch sezieren, welche sich dann unter ansteigender Bandbeteiligung zum orchestralen Popsong aufschwingt und in den letzten Takten einem zerbrechlichen Trompetensolo zerfließt. Sollte es Friska Viljor in Zukunft gelingen, ihre neu gewonnenen musikalischen Skillz mit ihrer alten Verplantheit und Verspieltheit kombinieren können, hat diese Band noch einiges im Tank. Whatch Out!

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Southside-Festival 2013 – Take-Off-Gewerbepark Neuhausen Ob Eck

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (37)

Da sitze ich jetzt. Geduscht. Sauber. Die letzte Dose 5.0 an den Lippen, die Haut schält sich von der Nase. Post-Southside-Depression. Irgendwo im Schädel sind die Konzert-Erinnerungen, Eindrücke vom Boden der Raviolidose!

Eins vorweg: Das Southside-Lineup 2013 wäre um ein Haar das subjektiv beste der Geschichte geworden. Dann hagelte es hochkarätige Absagen (Modest Mouse und Belle&Sebastian) und auch der Timetable fraß einige spannende Acts (allen voran Frightened Rabbit, Tyler The Creator und Modeselektor) erbarmungslos auf. Trotzdem blieb ein bunter, wilder, schmackhafter Eintopf übrig. Greift zu:

Masters Of Reality markieren einen idealen Festivalauftakt: Eine halbe Stunde Stonerrock-Geschrammel der alten Schule. Schmutzige Riffs, versoffene Stimme. Auf der Wiese siffen, Kippe, Bier, Sonne. Herzlich Willkommen Southside-Festival.

Alt-J sind wohl die ultimative, die finale Hipsterband. Locker-, nein federleichter Indie, total überspulte Klimpersounds und elektrisches Rumgeduddel. Und doch ist das klasse. Spannend. Eletrifizierend. Tatsächlich schaffen Alt-J ihren Album-Sound ganz glockenklar zu reproduzieren und schustern ein technisch gigantisches Live-Gebilde. Viele Hippie-Mädchen singen mit geschlossenen Augen. Passt!

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (7)Archive Liveperformances besitzen eine ganz eigene Energie: Die einzelnen Bandbestandteile scheinen regelrecht gegeneinander anzuspielen. Ein Elektrobeat brettert ungebremst gegen eine Gitarrenwand, die hohe Stimme von Sängerin Marie Q zerschellt an dem markanten Organ ihres Gegenübers Dave Penney und die bekannten Songstrukturen implodieren in wilder Improvisation. Selbstredend entladen sich die angesprochenen Spannungen immer wieder in einem harmonischen Miteinander. Zwar gelingt es der Band am Southside nicht ganz, die epische Bandbreite ihrer grandiosen Live-DVD „Live in Athens“ zu reproduzieren (was definitiv auch an der zu knapp bemessenen Spielzeit liegt), trotzdem hinterlässt die Konsequenz, mit der Archive die bekannten Strukturen in furiosen Experimenten ad absurdum führen, offene Münder.

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (29)Zeitreise in die Vergangeneheit: Halbschuh-Dorfpunk in der schwäbischen Provinz. Immer auf den illegal zusammengestellten Mixtapes: NOFX und The Hives. Das ist der Soundtrack meiner Jugend. Und zack: Jetzt gibts endlich das Live-Erlebniss. Zwar abseits der Pogokreise, aber trotzdem angenehm berührt. Hits wie „Stickin In My Eye“ oder „Hate So To Told You So“ sind einfach Alltime-Klassiker. Kulturelles Gedächtnis der Festival-Welt.

 

Billy Corgan war schon immer ein eigenartiger Charakterkopf (und damit meine ich nicht nur den markanten Kahlschädel). Der Frontmann der Smashing Pumpkins war Zeit seines Lebens als Rock´N´Roll-Star arrogant, verschlossen, seltsam. Die einen liebten diese Attitüde, verehrten Corgan wie einen Halbgott, die anderen blickten genervt zur Seite und verschlossen sich auch Corgans Musik. In den letzten Jahren ist der Ruhm der Pumpkins zunehmend verblast (2007 hatte man noch Rock am Ring geheadlined) – und doch ist Corgan der einzige Künstler des gesamten Festivals, der sich nur aus der Ferne fotografieren lässt (obs am eindeutig zu engen T-Shirt lag?). Doch genug Gehate, denn eines ist klar: Corgan ist ein fantastischer Songwriter, ein starker Gitarrist und außergewöhnlicher Sänger. Und das ist schlussendlich was zählt: Das Konzert ist dementsprechend erste Sahne. Zunächst spielt Corgan das verjammte, esoterische neue Material, dann hangelt er sich durch den Lianenwald seiner alten Hits („Disarm“, „Tonight“, „Bullets with Butterfly Wings“ in einer Reihe – woaaah!) und treibt dem Publikum ein breites Joker-Lächeln in Gesicht.

Ben Howard. Zelthead. Tausende verliebte Fan-Mädchen. Über sensibles Gitarren-Geklimper. Dahin gesurfte Singer-Songwriter-Mucke. Mitgesinge. Genuschel dazwischen. Ohrenbetäubende „Woooooooooooh“´s. So schön! Am Zeltplatz Slayer gegen die Überdosis!

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (17)Als Macklemore vergangenes Jahr auf dem Frauenfeld vor fast leeren Gelände und um gefühlt halb sieben Uhr morgens eine dermaßen inbrünstige Show spielte, dass einem die Ohren schlackerten, hatte alle Anwesenden das merkwürdige Gefühl, Zeuge eines denkwürdigen Moments geworden zu sein. Auch das Southside war überzeugt, buchte den Rapper und seinen kongenialen DJ Ryan Lewis kurzerhand für die erste Bandwelle und bewies damit absoluten Schäferhund Spürsinn. Denn ein Jahr später ist Macklemore ein allgegenwärtige Superstar. Erist überall. Der geplante Auftritt auf der Zeltbühne wäre wohl in einer Katastrophe geendet, aber auch die Verlegung auf die Bluestage ist grenzwertig. Bereits gegen 13 Uhr beginnen die Massen im „Herr der Ringe“-Schlachtenstyle gen Festivalgelände zu marschieren. Und der Strom bricht über gefühlte Stunden nicht ab. Absoluter Nachmittagsrekord! Das Konzert selbst ist aber enttäuschend. Ungefähr ein Drittel der gerade einmal 35 Minuten Spielzeit wird leider von Macklemore verlabert (alles gut und recht, aber wenn du doch eh nur ne halbe Stunde auf der Uhr hast, Mensch, dann spiel Songs. Dann spiel verdammt nochmal „Otherside“), der Bass ist übersteuert, sowohl Beat als auch MC bewegen sich teilweiseneben der Spur. Wollen wir hoffen, dass die Southside-Macher Backstage mit einem Headliner-Vertrag wedelten.

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (32)The National spielten – und hier ist der Superlativ und alle Euphorie einfach mal dermaßen angebracht – das beste Konzert des Wochenendes, vielleicht der Festivalgeschichte. Was Sänger Matt Berninger da abzieht, lässt sich metaphorisch nur mit einem Hattrick im Championsleague-Finale oder einem Quadruple-Double in den NBA-Finals vergleichen. Nicht nur dass der Frontmann seinen schon auf Platte allmächtigen Bariton mit literweise Kraft, Emotion und Energie auffüllt, darüber hinaus ist Berninger einfach ein begnadeter Entertainer, der vielleicht beste Frontmann der Welt. Berninger besingt zwar tieftraurige, magisch-melodische Hymnen, killt während des Konzertes im Vorbeigehen aber eine Flasche Weißwein und ist spätestens zum Ende seiner Show besoffener als alle versammelten Punks, Metal-Heads und Rapper. Der Show selbst tut das keinen Abbruch, weil Berninger einfach immer weiter singt und immer noch besser wird. Weil er schreit und jault und schlägt und zu guter Letzt durchs gesamte Publikum marschiert. Da geht selbst dem Wettergott das Herz auf, weg mit dem Wolken-Pulli. The National wird in warmes Gold getaucht. Gänsehaut. „Conversation 16“ überbordet vor Schönheit, „Terrible Love“ ist schlichter Wahnsinn und über „Fake Empire“ wurde schon alles geschrieben. Größer geht’s nicht. Ach halt, einen kleinen Wermuttropfen gabs dann doch noch zu verschmerzen. „The Rains Of Castamere“ vom Game of Thrones-Soundtrack wurde trotz Aufforderung nicht gespielt. Dafür reissts Berningers Erklärung raus: „We can´t play it. It will start a war out there. I´m a fucking lannister!

 

Die Angst, dass Rammsteins brachialen, erbarmungslosen Metalsounds das fragile Portishead-Gebilde zerfetzen würde, ließ die Southside-Tontechniker die Boxen auf der blauen Bühne in Richtung Anschlag drehen. Das Resultat: Der Sound beim Auftritt von Portishead ist sensationell gut, das Konzert toppt die Show von vor zwei Jahren um Längen. RATRATRATRATRAT! Machine Gun! Sound-LKWS. Massenkarambolage. Dazwischen Beth Gibbons im Stile einer Prozellanvase, die ständig hin und her wippt. Die Gefahr der Zerschellens ist allgegenwärtig, gegen die Angst wird die TripHop-Ursuppe in dicken Kellen ausgeschenkt. Und am Ende waren alle Sorgen umsonst. Das Rammstein-Feuerwerk am Himmel ist die ideale Ergänzung zum furiosen Portishead-Finale.

Rammstein der unbestrittene Headliner und Mainstream-Aushängeschild lässt es nach allen Regeln der Kunst krachen: Die Bühne brennt, meterhohe Flammen schießen aus den unterschiedlichsten Gerätschaften und dazu sägt Sänger Till Lindemann seine markante Stimme in die jaulende Metalvorhölle. Rammstein ist gleichermaßen verzerrtes Konzert und größenwahnsinniges Theater. Lindemann gibt den muskelbepackten Mephisto, der martialisch seine Band durch den Fleischwolf dreht, mit dem Flammenwerfer röstet und unterwirft. Und schlussendlich ist Rammstein die Definition eines Blockbusters, der vor allem eines liefert: Erstklassige Unterhaltung mit überschaubaren Anspruch,Popcorn-Kino eben – zurücklehnen (sofern das in der Festivalmenge möglich ist) – genießen! Da klappen gefühlte 10000 Mundwinkel synchron nach unten.

 

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (39)Als wären Postrock und Isländisch nicht jeweils für sich schon kompliziert genug. Sigur Rós erweitern das Ganze um eine eigens entwickelten Fantasiesprache und einer abgefahrenen Gitarren-Technik: Sänger Jónsi Birgisson streicht mit einem Geigenbogen zärtlich über die vibrierenden E-Gitarrensaiten. Diese feine Nuancen machen Sigur Rós zum absoluten Must-See, zu einem Liveact von Orkanstärke. Zunächst bläst da nur ein warmes Streicherlüftchen, das Jónsi zerbrechliche Stimme ein Stück umweht. Dann werden die Einschläge massiver: Dunkler, dumpfer Trommeldonner und wummernde Herzschlagbeats pusten ins Publikum, ehe der isländische Postrock-Sturm um sich greift und alles mit sich reißt. Poetry in Music, Sound, Motion. Pure, vertonte Schönheit.

Little Talk“ von Of Monsters And Men ist ein ultimativer Radiohit. Ein Ohrwurm, den jeder mitsingen kann, den man eigentlich mögen muss. Entsprechend eng gestaltet sich auch die Situation vor der Green-Stage: Of Monsters And Men spielen vor einer Menschentraube, für die sich selbst ein Headliner nicht schämen müsste. Dazu schält sich die Sonne langsam aus einer dichten Wolkenschicht und sorgt für eine fast perfekte Festivalstimmung. Man sollte die Isis auf keinen Fall auf ihren Überhit reduzieren. Das Debtalbum „My Head Is An Animal“ schuf eine losgelöste Atmosphäre und auch live haben die jungen Isländer bereits eine hohe Qualität. Keyboardsounds, Trompetensolos, Streicherelemente, das Spiel mit zwei Stimmen – der Konzerttisch ist reichlich gedeckt und trägt Referenzen wie Arcade Fire oder The Decemberists offen zur Schau. Trotz allem wirkt das Konzert ein wenig zu abgeklärt, es fehlt ein Funken Enthusiasmus. Das kann an der Tagesform liegen, vielleicht hätten Of Monsters And Men ein homogenerer Aufstieg und ein, zwei Jahre mehr in den kleinen Clubs gut getan. 

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (42)Editors schalten beinahe mit jedem Song einen Gang nach oben und bezeugen im fälligen Beschleunigungsvorgang ihr Gespür für hymnische Songstrukuren und magische Sekunden. Besonders besonders sind die Editors immer dann, wenn sich Smith ans Piano setzt und inbrünstig losklimpert. Das musikalische Repertoire des Birmingham-Quintett reicht indes von formidablen, vielschichtigen Alternative-Bauten („Smokers Outside The Hospital Doors“), über eingängige, überbordende Post-Punk-Granaten („An End Has A Start“) bis zu elektronischen, wummernden New-Wave-Perlen („Papillon“), die live allesamt noch eine Spur mehr Würze besitzen. Hit an Hit.

Als die Arctic Monkeys 2006 erstmals auf dem Southside-Festival aufspielten, hätte nach dem Auftritt wohl kaum einer einen Pfifferling darauf gesetzt, dass diese Band irgendwann als Headliner nach Neuhausen zurück kommen würde. Die Monkeys waren zu diesem Zeitpunkt als erste Band weltweit durch einen Internet-Hype in Sekundenschnelle zu Superstars mutiert und zeigten bei ihren ersten Konzerten auf deutschen Boden nicht viel mehr als Arroganz und technisch unausgereifte Livepräsenz. In der Folge nahm die Band aber eine ganz und gar außergewöhnliche Wandlung: Aus dem eingängigen (und zweifelsohne noch heute bahnbrechenden) Garagenpunk des Erstlings hat sich mittlerweile ein dunkler, unberechenbarer Blues entwickelt. So entsteht zwischen den beiden Spielarten ein furioses, anspruchsvolles und vor allen Dingen kurzweiliges Konzert. Leadsänger Alex Turner (im gestreiften Jacket, mit Elvismatte) hat sich zu einem Frontmann von Weltformat entwickelt, der am Bühnenrand Gitarrensoli jaulen lässt und vor allen Dingen stimmlich eine ganze Farbpalette von Stimmungen abstreichen kann. Nicht auszudenken, wohin die Reise der Arctic Monkeys hinführt, wenn ihre Entwicklung ungebremst weiter schießt.

 

Die durchweg fantastischen Bilder hat mein werter Kollege Olli Hanser geschossen. Ich bedanke mich ganz herzlich für die Bereitstellung! Weitere seiner Bildergalerien (auch von Rammstein), sowie Texte meinerseits findet ihr unter http://www.suedkurier.de/southside./

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206 – Interview

Eigentlich dachten wir ja, die Zeit des hasserfüllten „in-die-Fresse-Punks“ sei schon lange vorbei. Und eigentlich waren wir uns auch sicher, dass eine Anti-Haltung, speziell im deutschsprachigen Pop, längst angestaubt und unbedeutend ist. Doch dann rotzten 206 „Republik der Heiserkeit“ ins Gesicht der deutschen Szene. Das Feuilleton zuckte erschrocken zusammen und zermartert sich seither das Hirn über den unfassbaren Hass und die unberechenbare Wut der Band aus Leipzig. „Risse im Asphalt“ traf 206 im Vorfeld ihres Konzertes in der Kantine Konstanz. Sänger Timm Völker und Bassist Leif Ziemann pumpen gerade ein Bild vom vergangenen Freiburg-Konzert auf Facebook, Schlagzeuger Florian Funke angelt sich ein Zäpfle aus dem Kühlschrank.

Timm Völker: „Hast du eine Frage zu unserem Bandnamen dabei?“

Risse im Asphalt: „Nö.“

Leif Ziemann: „Sehr gut. Erste Prüfung bestanden.“

Risse im Asphalt: „Ich fang dann mal an: Selbst wenn man sich nur oberflächlich mit euch beschäftigt, kommt man um den Begriff „Wut“ nicht herum. Ganz Deutschland zerbricht sich den Kopf über eure Wut – Wart ihr euch bewusst, dass ihr eine derartige Diskussion lostreten werdet? Und war Wut nicht immer ein elementares Element in der Pop Musik? Was unterscheidet eure Wut von der Wut des Rests?“

Timm Völker: „Dabei ist die Wut doch nur ein Aspekt unserer Musik. Die geht immer einher mit einer Unzufriedenheit und einem Drängen. Wir hatten dabei nie den Masterplan eine Diskussion loszutreten und wir haben uns auch nie Gedanken darüber gemacht, was unsere Wut denn jetzt ausmacht. Das ist einfach das was uns bewegt -der Unmut – das ist wie wir uns fühlen. Wir wollen keine Belanglosigkeiten thematisieren, wir wollen auf Missstände hinweisen. Was mich dabei immer verwundert, dass keiner den Sarkasmus aus meinen Texten raushört. Oder die Komik. Aber ich denke das liegt dann vor allen Dingen an mir selbst. Dass ich das nicht deutlich genug mache.“

Leif Ziemann: „In den vergangenen Jahren hat der Unmut einfach keine Rolle gespielt. Keiner hat wirklich seine Meinung formuliert. Ich meine darin immer eine Art Eskapismus zu erkennen.“

Timm Völker: „Hm, ich weiß nicht ob das ein Eskapismus ist…“

Leif Ziemann: „In jedem Fall ist niemand in den letzten Jahren ein wirkliches Risiko eingegangen. Bei uns ist das anders: Wir wollen nicht krampfhaft allen gefallen.“

Timm Völker: „Ich finde das ist schon ein Trend zu erkennen, im speziellen im Indie. Zu viele Leute haben in den letzten Jahren wenig gesagt. Jetzt gibt es Bedarf an Bands wie uns, oder 1000 Robota oder Ja, Panik. Die machen das aber ein wenig intellektueller als wir, die sind hipper. Ich sag immer: Wir sind die Band die nach Schweiß riecht.“

Florian Funke: „Da ist nichts mit Männerparfum.“

Risse im Asphalt: „Im Hip-Hop indes ist das formulieren der Wut gang und gäbe, aber eine wütende Gitarrenband scheint heutzutage zu verwirren.“

Timm Völker: „Ja, da ist das irgendwie was anderes. In der Popmusik gings in den letzten Jahren immer nur um die Freude an der Sache. Aber Musik sollte doch auch Meinungen und Ideen, einfach einen Zeitgeist transportieren. Die ist doch der Spiegel der Zeit. Da hat sich in der deutschen Szene so eine Art Gleichgültigkeit eingestellt. Wir sagen: Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei, auch wenn uns klar ist, dass das viele überfordert.“

Risse im Asphalt: „Stichwort Zeitgeist: Ich hab letztens beim Busfahren ganz zufällig „Freiburg“ von Tocotronic gehört. „Ich weiß nicht warum ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt.“ Ein klares Statement gegen Verbrüderung und Vernetzung. In Zeiten von Facebook spielt dieser ganze Komplex ja eine noch stärkere Rolle. Inwiefern seht ihr euch selbst als Gegenentwurf oder gar als Produkt des digitalen Zeitalters?“

Leif Ziemann: „Ich denke da muss man zwischen privat und Band unterscheiden. Als Band kommt man ja praktisch nicht drum herum. Ich meine da gibt es ja unzählige großartige Möglichkeiten Menschen zu erreichen.“

Florian Funke: „Zu Hause hab ich zum Beispiel gar kein Internet. Ich denke es sollte sich immer die Waage halten – warum sollte jeder immer wissen, was ich gerade mache.“

Timm Völker: „Wir verstehen uns aber definitiv nicht als Gegenentwurf. Wir posten auch bei Facebook. Bilder von den Konzerten. Und meine Blogeinträge. Natürlich wissen wir um die guten Seiten der ganzen Vernetzung, betrachten den ganzen Komplex aber auch mit Skepsis. Besonders gefährlich ist die Selbstüberwachung, die dabei entsteht. Ich meine jeder gibt sich in der digitalen Welt total individuell – aber ist man das wirklich? Zum Beispiel gibt es tausende identische Bilder, die verschiedene Mädchen mit einer weißen Sonnenbrille und einem roten Rock zeigt. Individualität wird vorgegaukelt.“

Leif Ziemann: „Wem?“

Timm Völker: „Na sich selbst.“

Leif Ziemann: „Zu diesem Thema kam letztens ein deutscher Film in die Kinos. Ich hab den aber gar nicht gesehen. Jedenfalls geht’s dabei darum, dass irgendwann das Fernsehen und einfach alles von einem sozialen Netzwerk ersetzt wird. Und wer keine Clicks generiert, der wird gelöscht. Identität gibt es also nur noch im Netz. Und genau das denke ich ist die große Gefahr. Die zunehmende Nicht-Existenz der Wirklichkeit“

Florian Funke: „Viele verlieren einfach das Bedürfnis nach Verstand und Seele.“

Risse im Asphalt: „Auf eurem Album scheint die Musik aufs Elementare reduziert. Der Gesang rückt dabei in den Vordergrund. Wie entstehen eure Songs? Wie textet ihr?“

Timm Völker: „Das Grundgerüst entwerfe ich und dann geht das eigentlich Hand in Hand und fließt zusammen. Ich denke das funktioniert bei den meisten Bands ähnlich. Was mich nur wundert, dass sich so viele Leute so auf die Text einschießen. Die Musik spiegelt das Ganze doch noch intensiver wieder. Vielleicht liegt das auch an der Produktion“

Leif Ziemann: „Naja, ich denke das liegt vor allem auch daran, dass wir deutsch singen. Das zwingt die Leute ja regelrecht dazu zuzuhören und auch zum Verstehen. An uns ziehen Massen von englischen Songs vorbei, da interessiert der Text ja nur in seltenen Fällen. In den 70er Jahren hat jeder die Stones hoch und runter gehört, aber nur in England kennt man den Inhalt der Songs. Es ist ja auch seltsamerweise so, wenn du deutsch singt, dann fragt dich jeder „Wieso macht ihr das?“, dabei ist es doch eigentlich das Naheliegendste.“

Risse im Asphalt: „Ich bin mir bewusst, dass es eigentlich recht dämlich ist folgende Frage einer Band zu stellen, die gerade erst ihr Debütalbum veröffentlicht hat. Aber habt ihr schon eine Vorstellung wie es mit 206 weitergehen soll? Gibt’s irgendwelche seltsame Idee, die ihr noch in die Tat umsetzen wollt?“

Florian Funke: „Momentan sind wir einfach nur glücklich da zu sein wo wir gerade sind. Wir freuen uns jetzt hier in Konstanz hocken zu dürfen und halt einfach das zu machen, was wir machen. Der Moment zählt da schon. Trotzdem haben wir natürlich Pläne, aber wir planen nicht unseren Sound.“

Timm Völker: „Da gibt’s ein sehr empfehlenswertes Buch von Tino Hanekamp: „Sowas von da.“ So heißt das Buch und so fühl ich mich gerade. Das passt unglaublich gut. Wie gesagt, der Bedarf an solchen Bands wie uns, den gibt es und es ist richtig, dass wir da sind. Bei Konzerten hoffe ich dann immer, dass wir das Publikum auf der einen Seite überrumpeln, aber ich hab auch immer den Wunsch, dass die Leute mit einem Wachheitsgefühl nach Hause fahren und sich denken: „Man, jetzt hab ich das gecheckt.“

Risse im Asphalt: „Ich habe deinen letzten Blog-Eintrag gelesen. Darin geht’s so grob gesagt um Ufos und Nazis. Was fasziniert dich an Ufos?“

Timm Völker: „Dafür habe ich mich schon als Kind interessiert. Akte X, Science Fiction – das hat eine ungeheure Anziehungskraft und Faszination auf mich ausgeübt. Und als ich dann da den Nazi mit dem aufgenähten Ufo gesehen habe, das hat mich einfach gestört. Das ist doch scheiße, wenn die sich jetzt da auch dafür begeistern. Und auch gefährlich.“

Leif Ziemann: „Dabei geht es ja irgendwie auch um das verteidigen von geistigen Territorium. Bei uns suchen sich die Nazis immer mehr solche Themenbereiche, kümmern sich um die Jugendarbeit.“

Timm Völker: „Das ist der Punkt. Die Nazis haben sich ja schon immer mit der Raumfahrt auseinander gesetzt. Da gab es jede Menge Antigravitationsexperimente. Ganz wilde Verschwörungstheorien besagen, dass Hitler Zeitreisen konnte.“

Risse im Asphalt: „Kurze Anekdote dazu: Hier ganz in der Nähe, in Stetten am kalten Markt gabs den ersten bemannten Raumflug, tatsächlich unter dem Hakenkreuz. Das Ganze ging aber gehörig schief, die Leichenteile des Astronauten wurde laut Akten von einem SS-Schäferhund gegessen.“

Timm Völker: „Es ist schon Wahnsinn, was da an obskuren Storys gibt. Okkultismus, Hexenkult. Jedenfalls scheint es mir so, als wenn sich die Rechten nicht nur immer weiter in die Mitte drängen, sondern sich auch heute wieder in solchen Randgebieten einnisten.“

Florian Funke: „Das hat sich wirklich sehr geändert. Früher, in Halle, wo wir aufgewachsen sind, da hats dann halt mal was auf die Fresse gegeben. Da musste man immer schauen, ob ein Auto nicht nochmal umdreht. Aber heute tauchen die Nazis speziell im Osten halt einfach überall auf. Vor allem in den Provinzen. Dort gibt es unglaubliche Brachgebiete. Die beschäftigen sich mit Immobiliengeschäften, Biolandbau und der Vereins- und Jugendarbeit. Das ist viel gefährlich, als die punktuelle, dumpfe Gewalt. Das ist alles viel feiner geworden.“

Timm Völker: „Ich hab das in meinem Blog-Eintrag auch das erste mal so eindeutig angesprochen. Aber das bloße Schwarz-Weiß denken funktioniert nicht mehr. Mir geht es auch nicht darum, den Leuten die sich ohnehin schon mit dem Thema beschäftigt haben, zu erklären, dass Nazis scheiße sind. Mir geht es da viel eher um die Leute die weniger reflektiert sind. Viel zu viele Menschen gleichen ihre Meinung stetig gegenüber anderen ab, unserer ganzen Gesellschaft fehlt es da an Selbstbewusstsein.“

Leif Ziemann: „Damit sind wir wieder bei der Internet-Debatte. Was die Leute da betreiben, ist viel mehr Selbstinszenierung als eine Auseinandersetzung mit sich selbst.“

Timm Völker: „Ich will, dass die Leute „Ich“-Denken.“

Risse im Asphalt: „Letzte Frage: Ihr selbst kommt aus dem Osten, befindet euch grad an einem der südlichsten Zipfel der Republik. Könnt ihr irgendwelche entscheidenden Unterschiede ausmachen?“

Timm Völker: „Klar, hier ist es wärmer. Und bergiger. Und die Leute machen glaub ich öfter einfach das was sie wollen. So war mein Eindruck.“

Leif Ziemann: „Ich finde schon, dass man merkt, dass man in Richtung Äquator reist. Die Leute sind hier gemütlicher, zufriedener. Ganz anders das Ruhrgebiet. Das ist der Osten des Westens.“

Timm Völker: „Bei uns weht der Wind ein Stück eisiger in den Herzen.“

Ende.

206 – Kantine Konstanz – 27.05.2011

Das Konzert funktioniert wie ein Song der Band: Kurz, kompromisslos, unberechenbar. „Wir kommen aus dem Land der Dunkelheit.“ , sagt Timm Völker und verschwindet in wabernden Nebelschwaden. „Kratzer To The Top“ prescht symptomatisch, konzentriert und rhythmisch nach vorne und explodiert dann in einem gnadenlosen Feuerwerk. Völkers Stimme überschlägt sich in schrillen Schreien, Florian Funke malträtiert dazu erbarmungslos sein Schlagzeug und Leif Ziemann reißt sich an den Saiten seines Basses die Fingerkuppen blutig. Der Sound ist dabei wirklich bombastisch. Das Trommelfell vibriert zum Post-Garage-Punk. 206 – Eine Band, wie eine Handgranate. Wie ein fehlgezündeter Feuerwerkskörper im Land der Dunkelheit.


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