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 Frido-Festival – Fridingen an der Donau – 01.06.2013

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Rock`N´Roll und Landleben passen hinten und vorne nicht zusammen. Denkt man. Im urbanen Nährboden der Großstädte pulsiert das wilde Leben. Weiß man. Nichtsdestotrotz haben einige mehr als elementare Bands und Bewegungen ihren Ursprung in den hintersten Provinznestern. Portishead benannten sich einst nach ihrem Heimatdorf an der wallischen Grenze und revolutionierten in der Folge im Handumdrehen die Welt der alternativen Musik mit ihrem TripHop, ein gewisser Kurt Cobain schleppte sich über Jahre in zerrissenen Jeans durch die Einöde der Holzfällerstadt Aberdeen, ehe er seine Grunge-Band Nirvana gründete – der Rest der Geschichte dürfte bekannt sein! In jedem Fall wird deutlich, dass auch ein dörfliches Umfeld definitiv Potential und brachliegende Energien für Projekte, Musik, Kunst und Veranstaltungen bietet.

Frido-Festival, Live, Fridingen an der Donau, Wämmeska, Dirty Age, The Prosecution, Ska, Rock´N´Roll, anna.log, Mighty and the jets, Fire On Dawson, Konzerte, Regen (4)Speziell in Süddeutschland entluden sich diese Energien in den letzten Jahre in einer Fülle von verschiedenen kleinen Festivalprojekte: Die Macher des NoStress hatten beispielsweise keine Lust mehr auf Festzeltgeschunkel und organisierten darauf hin in Eigenregie HipHop-Partys, die bald zu einem Festival mutierten, das heute Bands Genrelegenden wie Torch, Samy Deluxe oder MOP im Lineup präsentierte. Einen ähnlichen Weg streben die Macher des Frido-Festivals in Fridingen an der Donau an: Fridingen, am Fuße der schwäbischen Alb, hat dabei durchaus eine Festival-Traditionen – über viele Jahre hinweg nutzten verschiedene Veranstalter die malerischen Kulissen des Donautals für Open-Air-Veranstaltungen verschiedenster Färbung. An diese Tradition anknüpfend fand sich 2012 eine Truppe von Musik- und Festivalliebhabern aus Fridingen zusammen und begannen ihren Entwurf des Heimat-Rock´N´Roll auszuformulieren. Das Motto ist klar: Nicht meckern, selber machen!

Leider stand die erste Ausgabe des Frido-Festivals unter einem miesen meteorologischen Stern. Angesichts der grauenerregenden Wettervorhersagen zogen die Frido-Macher die Handbremse und verlegten die Veranstaltung vom ursprünglich angedachten Gelände in die Fridinger Festhalle – ein mutige, auf den ersten Blick unpopuläre, aber auch konsequente Entscheidung. Denn an einem Wochenende wo in ganz Deutschland Veranstaltungen und auch Festivals buchstäblich untergingen, machte das Frido-Festival aus der Not eine Tugend. Die weitläufige Fridinger Festhalle wurde durch Bars, Einkaufstände und Technik komprimiert und auf eine regelrechte Clubkonstellation zurechtgestutzt. Entsprechend dicht waren die Stimmung, der Sound und die Atmosphäre während des gesamten Festival – angesichts der kurzfristigen radikalen Umplanungen ein echter Coup der Veranstalter, die nicht ohne Grund von den international erprobten „Fire On Dawson“ nachhaltig gelobt wurden: „Das heute ist die vielleicht bestorganisierteste Veranstaltung die wir bislang gespielt haben.“ Bei allem logistischen Aufwand, über die Qualität eines Festivals entscheidet schlussendlich die Musik. Und an Musik gab es so einiges auf die Ohren – bemerkenswert hierbei war vor allem die klare Ausrichtung des Frido-Lineups, das aber trotzdem eine Fülle von Spielarten und Variationen offenbarte. Eine homogene, kurzweilige und spannende Mischung. Chapeau!

Frido-Festival, Live, Fridingen an der Donau, Wämmeska, Dirty Age, The Prosecution, Ska, Rock´N´Roll, anna.log, Mighty and the jets, Fire On Dawson, Konzerte, Regen (7)Den Auftakt machten zwei Lokalmatadoren. Zunächst marschieren „anna.log“ auf die Bühne. Das Trio aus Tuttlingen hatte sich seinen Platz im LineUp per Onlineabstimmung gesichert – am Frido zeigen sie wieso. Die Band verzichtet auf alle Effekte und spielt in der grundlegendsten Besetzung mit Gitarre, Bass und Schlagzeug eine solide Rockshow mit viel Herzblut und ohne überflüssigen Schnickschnack.

Frido-Festival, Live, Fridingen an der Donau, Wämmeska, Dirty Age, The Prosecution, Ska, Rock´N´Roll, anna.log, Mighty and the jets, Fire On Dawson, Konzerte, Regen (11)Wämmeska“ stammen direkt aus Fridingen und sind entsprechend engmaschig mit dem Frido-Festival verzahnt. Der Band aus dem Donautal gelang es in der sowieso von Wortspielen übersprudelnden Bandnamen-Welt des Skas ein echtes Ausrufezeichen zu setzen: Der schwäbische Ausspruch „Wämmeska“ heißt ins Hochdeutsche übersetzt soviel wie „Wenn man es kann!“. Auch abseits der Namensfindung geizt die Truppe nicht mit Kreativität – neben teilweise schwäbischen Texten, Choreografien, unzähligen Instrumentenwechsel (inklusive Mundharmonika-Einsatz) bietet der eigens entwickelte „Fuchstrott-Speedpop“ vor allen Dingen Live eine ganz Palette von Überraschungsmomenten und sorgt in Kombination mit einem textsicheren, euphorischen Publikum für ordentlich Stimmung.

Frido-Festival, Live, Fridingen an der Donau, Wämmeska, Dirty Age, The Prosecution, Ska, Rock´N´Roll, anna.log, Mighty and the jets, Fire On Dawson, Konzerte, Regen (16)In der Folge setzen „Mighty And The Jets“ musikalische Kontrastpunkte. Die Truppe spielt eine soldie Indie-Nummer, die sich direkt auf die großen britischen Helden beruft. Zwar fehlt es ein bisschen an „gallagherschen“ Arroganz und „albarnschen“ Größenwahn, aber handwerklich gibt’s absolut nichts zu meckern. 

Frido-Festival, Live, Fridingen an der Donau, Wämmeska, Dirty Age, The Prosecution, Ska, Rock´N´Roll, anna.log, Mighty and the jets, Fire On Dawson, Konzerte, Regen (20)Fire On Dawson indes sind was die musikalische Konzeption angeht, die aufregendste Truppe im Lineup. Die Band spielt einen poetischen, vielgliedrigen Prog-Rock mit direkt Verbindung in Richtung Dredg oder Deftones. Live offenbart sich dabei ein konzentrierter, beinharter musikalischer Unterbau, der immer wieder in bluesigen Zwischenstücken, ruhigeren Momenten und wilden Jamminuten zerfließt. Im Kontrast dazu installiert sich die  Stimme von Sänger Ankur, die auch vor sehr hohen Gefilden nicht zurückschreckt. Eine solche Mischung aus harten Prog und einer variabler Stimme bewegt sich vor allen Dingen live auf einem sehr schmalen Grad, den selbst Szenegrößen wie die Deftones nicht immer einwandfrei meistern. In Fridingen schafft es die Soundlage leider nicht ganz diesem Konstrukt gerecht zu werden – nichtsdestotrotz gehen im Speziellen die härteren Momente des Konzerts mehr als ordentlich nach vorne. Kein Wunder also, das Fire On Dawson unter anderem in Indien für mächtig Furore sorgen (siehe Video). Stark!

 

Frido-Festival, Live, Fridingen an der Donau, Wämmeska, Dirty Age, The Prosecution, Ska, Rock´N´Roll, anna.log, Mighty and the jets, Fire On Dawson, Konzerte, Regen (31)Nach den beiden experimentelleren Konzerten gibt es zum Abschluss des Festivals noch eine mächtige Portion tanzbarer Mucke auf die Festival-Teller. Sollte der ein oder andere nach dem Genuss von zu viel Korea an der Bar eingenickt sein, mit den ersten Akkorden von „Dirty Age“ hat sich alles Rauschausschlafen definitiv erledigt. Zack, Rock´N´Roll. Straight, laut, dreckig, kompromisslos und ohne Rücksicht auf die Fresse. Sänger Daniel Freud ist eine echte Rampensau, einer, der sei Publikum wie eine Bowling-Kugel mitreißt. Darüber hinaus gibt es Solo an Solo, Gitarren-Gejaule und Schlagzeug-Schrammeleien. Old School, alte Schule. Nicht mehr und nicht weniger – und das ist in Zeiten von elektronischen Spielereien, Experimenten, Kaugummi-Pop ein mehr als erfrischendes Gegenprogramm.

Frido-Festival, Live, Fridingen an der Donau, Wämmeska, Dirty Age, The Prosecution, Ska, Rock´N´Roll, anna.log, Mighty and the jets, Fire On Dawson, Konzerte, RegenZum Abschluss beweisen „The Prosecution“, dass sie absolut berechtigt auf den Headliner-Posten gesetzt worden waren. Der bayrische Achter spielt einen Ska amerikanischer Färbung – sprich eng verknüpft mit Punkrock und Skatepunk. Sieben Mann bauen sich direkt am Bühnenrand auf – zwei Gitarren und ein Bass sorgen für die Grundlagen, die dann von eine dreiköpfigen Bläserkombi dynamisiert und erweitert wird. Tanzbarer geht es nicht und entsprechend entspinnt sich vor der Bühne erste Tanz-Wellen, die sich im Sekundentakt zu einem echten Tsunami ausweiten. Diese immense Livepower hatte die Band ins Vorprogramm von Reel Big Fish und NOFX gespült – wir reden hier von erster Ska-Liga! Und angesichts der schieren Power könnte man „The Prosecution“ in den kommenden Jahren durchaus den Sprung auf den Ska-Thron der Busters zutrauen! Man darf gespannt sein. (Im Anhang findet ihr ein Kurzinterview mit dem Frido-Headliner!)

Bei aller Freude und Begeisterung muss an dieser Stelle mit Blick auf die kommenden Jahre aber leider ein wenig auf die Euphoriebremse getreten werden – und das hat rein gar nichts mit dem Festival an sich zu tun. Doch Veranstaltungen wie das Frido – Festivals, die richtige Bands buchen, in einem Umfeld, in der Cover-Bands massenhaft Hallen füllen könnten – bewegen sich leider Gottes auf einem schmalen Grat. Ein schlechtes Jahr, ein Minusgeschäft und der Traum ist ausgeträumt. In Scheer bei Sigmaringen musste vergangenes Jahr das renommierte Klangbadfestival (organisiert von Krautrocklegende Hans-Joachim Irmler und von Magazinen wie der Spex zur Lieblingsveranstaltung erklärt) die Segel streichen, weil der Landkreis die Unterstützung kappte und diese in das naheliegende Sigmaringen Open-Air mit Acts der Marke Tim Benzko oder Milow pumpte. Und genau vor diesem Hintergrund sollte die erste (und trotz aller widrigen Umstände) mehr als gelungene Ausgabe des Frido-Festivals ein Signal in Richtung Stadt, Landkreis und Kulturämter setzen, solche Veranstaltungen in Zukunft bedingslos zu unterstzützen. Denn der Rock´N`Roll braucht das Dorf. Und das Dorf braucht Rock´N`Roll.

Update: Kurzinterview mit „The Prosecution“:

Ganz kurz: euer Resümee zum Frido Festival?
Stefan: „FridoFestival war absolute Spitze, Anfangs war das Publikum ein bisschen schwer zu knacken! Aber die Show hat richtig viel Spaß gemacht und hat sich zu einer richtig brodelnden Party entwickelt!
Auch an die Veranstalter: Hut ab! Alles total spitze durchgeplant! Und natürlich absolut richtige Entscheidung, das Ding nach drinnen zu verlegen. Hat mich total gefreut, die Jungs von Wämmeska besser kennenzulernen.

Ihr wart auf Tour? Wie war das? Highlights?
„Wir sind ja eigentlich ständig auf Tour, nur, dass wir unter der Woche zum studieren heim müssen.
Aber ja stimmt, an dem Wochenende mit dem Frido Festival waren wir seit Mittwoch unterwegs. Wir haben in Amberg, Kiel, Lübeck und eben Fridingen gespielt. Abwechslungsreicher konnte die Tour gar nicht sein. In Amberg haben wir auf einem Campusfest gespielt, die komplette Veranstaltung war total verregnet, und die Tontechnik absolut zum kotzen. Glücklicherweise konnten wir das Segel rumreißen und doch noch ein gutes Konzert spielen. Naja, zumindest 20 min – dann kam nämliche die Polizei. Das war sozusagen der Tiefpunkt der Tour.
Die anderen drei Konzerte waren alle auf ihre auf ihre Art und Weise ein Highlight. Kiel: Kleine Clubshow mit 70 Zuschauern, der Laden war damit voll. Schweiß tropft von der Decke & alles riecht nach Bier. Wunderbar sowas! Lübeck: Nachmittagsausflug zur Ostsee. Baden, während es in Bayern regnet. Und dann der Traum einer Ska-Band bei Sonnenschein auf einer Open-Air Bühne vor ca 2000 Leuten spielen.
Fridingen: Headliner-Show. Große Party. Mega gute Bühnentechnik. Große Fete. Das ganze abgerundet mit schöner Feierei zum Schluss (die Reste der Schnapsbar haben wir gerne vernichtet).

Wo hin soll die Reise von The Prosecution noch gehen? Was habt ihr für Ziele? Was habt ihr für musikalische Visionen?
Um ehrlich zu sein sind wir gerade ein bisschen ziellos, alle Träume von uns gehen gerade in Erfüllung: Wir haben bei einem bekannten Skalabel unser neues Album rausgebracht. Dicky Barrett von den Mighty Mighty Bosstones (Skacore-Legende) hat auf unserem Album mitgesungen. Wir waren mit einer großen amerikanischen Band (Reel Big Fish) auf Tour. Und in paar Wochen dürfen wir mit NOFX eine Show spielen. Außerdem spielen wir jedes Wochenende grandiose Shows. Wir könnens noch gar nicht wirklich fassen!
Richtig cool wären für die Zukunft Tourneen im Ausland und, dass vielleicht mal ein bisschen Geld für den Einzelnen übrig bleibt.

All die großartigen Bilder hat mein Kollege Matthias Merk geschossen. Schaut auf seinen Flickr-Stream (Klick!)

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Maifeld-Derby – Maimarkt Mannheim – 30.05.2013

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (5)

Der Diskurs „Festival“ hat sich in den letzten Jahren erheblich erweitert, verändert, rekontextualisiert. Unter einem zunehmenden Hype entwickelten sich vor allen Dingen die Branchenführer wie Rock am Ring/ Rock im Park und auch Southside/ Hurricane mehr und mehr zu absoluten und stetig wachsenden Massenevents. Am Southside trifft man mittlerweile unzählige Abiabschlussfahrten: Hier steht die Party im Vordergrund, das Festival wird zum Mallorca-Ersatz – während Bands wie „New Order“ vor leeren Feldern spielen. Doch Stop! Das hier soll keinesfalls ein esoterisches, besserwisserisches „Früher-war-alles-besser-Plädoyer“ werden – das wäre fehl am Platz und lesen will das auch keiner (zumal das Southside mit dem Greencamping Alternativen bietet und nach wie vor tolle Lineups zusammenbucht). Die Zeiten ändern sich eben, so war es immer und so wird es immer sein. Nichtsdestotrotz ist man vor dem Hintergrund dieser Überlegungen und Tatsachen besonders froh, glücklich und dankbar, dass es im Kontrast zu den genannten Giganten auch noch Festivals wie das Maifeld-Derby gibt. Drei Tage, 50 Bands, vier Bühnen – die Zahlen sind schnell genannt und verdeutlichen vor allen Dingen eines: Die Musik steht hier absolut und eindeutig im Vordergrund.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (10)Im Speziellen die viergliedrige Bühnenkonstellation auf dem Mannheimer Maimarkt bietet für Besucher und Musiker einen absolute Luxussituation: Jeder einzelne Künstler – sei es Newcomer, Singer-Songwriter oder bombastisches Soundkollektiv –  erhält eine angemessene Spielzeit, eine passende Bühne und einen sauberen Sound. Da ist der Parcours d´Amours, die Singer-Songwriterbühne, die direkt im Pferde-und Reitstadion steht, während das Publikum von der Tribüne der Rennbahn wie im Kino auf die Künstler blickt. Da ist die Brückenaward-Bühne, die auf engstem Raum eine passende Atmosphäre für den Nachwuchs bietet. Da steht die kleine Openairbühne im Zentrum des Geländes, die aufgrund ihrer Lage in alle Richtungen schallt und einem – egal ob zum Essen oder Pinkeln – einen wunderbaren Soundtrack liefert. Und da ist die Hauptbühne, in Zeltform, die angesichts der niederschmetternden Sintflut einen idealen Rückzugsort markiert und darüber hinaus mit außergewöhnlicher Soundqualität punktet. Das Maifeld-Derby fand dieses Jahr erstmals über drei Tage statt und offenbarte ein aufregendes, abwechslungsreiches Indie-Lineup (inklusive einer ungewöhnlicher Reizpunkte), dass man in Deutschland bis dato nur vom mittlerweile legendären Haldern-Pop gewohnt war. Speziell der Festival-Freitag ließ den gängigen Musikliebhaber vor Vorfreude mit den Ohren schlackern, konnte man doch von 16 bis 3 Uhr doch eigentlich durchgehend erstklassige Musik verputzen. 3000 Menschen folgten dem Ruf der guten Musik. Gehen wir in die verschlammten Details.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (9)Herons! aus Irland sind eigentlich ein stetig wechselndes Kollektiv, am Maifeld spielt Mastermind Ben Kritikos aber alleine im Parcours d´Amours. Passend dazu covert er „Girls Just Wanna Have Fun“ im Folkgewand. Ein angenehmer Warmmacher zum Auftakt. Garda sind eine junge deutsche Band, die bei mir leichte „The National“-Assoziationen hervorruft. Meine Mithörer quittieren das mit Kopfschütteln. Young Rival sind eine ganz klassische Indieband aus Skandinavien, der es ein bisschen an Überraschungsmomenten fehlt. Ab und an klingen ein wenig „Vampire Weekend“-mäßige Dschungelsounds durch – ansonsten bleibt es bei „ganz nett“.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (1)Scout Niblett ist das erste richtige Highlight im Line-Up. Die Singer-Songwriterin erinnert ziemlich direkt an eine folkige Janis Joplin. Wie sie da steht, die zersausten Haare im Wind, ein schüchtern vor sich hin säuselnd. Die E-Gitarre bricht mit dem klassischen Singer-Songwriter-Bild. Nach dahin gehauchten Beginn, erweitert sich das Band-Lineup stetig um weitere Musiker und parallel dazu bauen sich auch Nibletts-Songstrukturen immer weiter und in alle Himmelsrichtungen aus. Leider schießt der Himmel da direkt zurück und der zarte Sonnenschein der ersten Songs mutiert alsbald zu einem handfesten Platzregen. Doch so einfach gibt sich Niblett ihrerseits nicht geschlagen und kontert kurzerhand mit ihrem ganz eigenen, bluesigen Unwetter. Ein spannendes Duell!

Daughter spielen leider eine sehr zurückgenommene und insgesamt enttäuschende Show. Gerade im Vergleich zu anderen Indie-Acts des Tages fehlt es der Live-Perfomance meiner Meinung nach ein wenig an Durchschlagskraft und Überraschungseffekten, um den umgreifenden Hype gerecht zu werden. Das Konzert erinnert sehr stark an The XX – nur das dort eine männliche Stimme eben immer wieder dazwischenfährt und einen Dialog initiiert. Das Gesamt-Publikum reagiert jedoch mit Euphorie, die ich nur in einem ganz bestimmten lyrischen Moment nachvollziehen kann: „We Are The Reckless, We Are The Wild Youth“.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (7)Was für ein erbarmungsloses Brett. Was für eine Band. Kadavar machen keine Kompromisse. Zu keiner Sekunde Es scheppert und brettert und jault und kreischt und schlägt und schreit und schwitzt und brennt und knallt. Grandiose Gitarrensoli, meterlange Haare, Schlagzeug-Schreddern. Bombe! Und jeder der meint, die Band als bloße Kopisten zu bezeichnen, die 40 Jahre zu spät in die Seite greifen, soll sich doch bitte in ein stilles Kämmerlein zurückziehen und auf seinem Flachbildschirm die „Best-Of-Neue-Deutsche-Welle“-DVD seiner Mutti einverleiben. Zum Glück gibt es diese Musik. Noch. Wieder. Und zum Glück gibt es Kadaver.

Als Charles Baudelaire einst die Künstlerfigur des Flaneurs manifestierte, verlangte er von ebendiesem die Welt mit den Augen eines Kleinkinds zu sehen. Das Kinderauge selektiert nur bedingt, nimmt alles auf und in den Blick. Jede Kleinigkeit kann die Welt erschüttern, als ist wichtig. Beim Konzert von CocoRosie zeigt sich, dass das Schwesternduo offensichtlich mit einer ganz ähnlichen Heransgehensweise musizieren. Die Interaktion zwischen den Cassidy-Schwestern erscheint spielerisch und erinnert an kindliche Rollenspiele: Alles wirkt ein wenig überzogen, überladen,jede Idee wird in großen Gesten umgesetzt und die Fantasie sprudelt nur so von der Bühne. Manchmal indes kippt das Spiel in Sekundenschnelle: Es wird gezickt und geschmollt und sich an den musikalischen Haaren gezogen. Man könnte fast den Eindruck gewinnen Bianca und Sierra, die über 10 Jahre getrennt aufwuchsen und ihre Kindheit nur bedingt zusammen erlebten, würden hier den öffentlichen Versuch starten, diese verlorenen Momente nachzuholen. Und in diesem Kraftfeld, entsteht etwas Besonderes, ein absolut ungewohnter Ansatz, der nichts ausschließt und sich offen für alles zeigt. Egal ob Beatboxer, Harfe, jodelnder Nymphengesang, Spielzeug-Sounds – CocoRosie  saugen alles auf und setzen die Bruchteile in ihrer eigenen, abgeschlossenen Welt neu zusammen.

Dry The River sind immer dann am Besten, wenns ihnen eigentlich egal ist. Der englische Fünfer ist ohne Frage eine ganz fantastische Band mit unglaublichen Potential und es finden sich in dunklen Youtube-Gefilden Unplugged-Fetzen, die einem das Blut in den Adern zu Gänsehaut gefrieren lassen. Aber irgendwie wolle Dry The River mehr. Ihre aktuelle Scheibe „Shallow Bed“ klang eindeutig zu überfrachtet und überproduziert – die dazugehörige Akkustik-Scheibe indes wusste vollkommen zu überzeugen. So transportiert die Band ihren Klangentwurf auch am Maifeld auf einem schmalen Grad: Die lauten, jammenden, experimentellen Momente (meist unterstützt durch überspitzte Gesangseinlagen) greifen irgendwie nicht so richtig, die ruhigen Momente indes hauen einen durchaus aus den Socken.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (8)Ein absolut unglaubliches Konzert lassen The Notwist auf das Palastzelt los. Die Band könnte man getrost als Gründungsväter des deutschen Indies bezeichnen – auf dem Maifeld-Derby beweist das Quintett aber definitiv, dass es auch heute noch in der Lage ist, brandheiße Reizpunkte zu setzen und mit experimentellen Sounds schier erdrückende Energiewellen auszulösen. Ein Notwist-Konzert offenbar ganz eigenes, teilweise irritierendes Hörerlebnis: Da ist zunächst einmal die Tatsache, dass die Band unterm Strich zwei Frontmänner besitzt. Am rechten Bühnenrand steht Markus Acher, dessen glasklare Stimme sich immer wieder aus dem mächtigen Musik-Chaos schält und sich direkt in den Hörgängen festkrallt. Das Pendant dazu steht links, Martin Gretschmann, der sich als Console einen Namen in der Elektroszene machte und dessen elektronische Soundblitze immer wieder das geerdete Soundgebäude erschüttert. Zwischen diesen beiden Polen entfacht sich eine regelrecht magnetische Noise-Kraft, die auch den Rest der Band durch die Luft wirbelt, hin und her reißt und Schichten über Schichten malen lässt.

Da sind zunächst die eingängigen, gängigen Indie-Songstrukturen, die dann immer wieder aufs neue von ausgefallenen Beats auseinander geschraubt werden, ehe das Produkt The Notwist in erbarmungslosen Jam-Sessions implodiert. Mittendrin steht dann plötzlich Gretschmann mit zwei Nintendo-Wi-Drückern in der Hand, schlägt durch die Luft und tritt damit erneute Soundlawinen los. Und als Zuschauer/Zuhörer weiß man gar nicht mehr, wie einem gerade geschieht. Erst am Ende nehmen The Notwist ihre eigene Musik wieder an die kürzere Leine und entlassen ihr Publikum mit der ihrer Überballade „Consequence“.Das ist großes Kino. Das ist einzigartig. Das ist futuristisch und klassisch zugleich.

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