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„Wow – jetzt blästs dich gerade weg!

 

2012 und damit acht Jahre, nachdem die Sportfreunde Stiller bei Rock am See für sein allererste Konzert und Festivalerlebnis gesorgt hatten, trifft der vorliegende Blogger die musikalischen Helden seiner Spätpubertät zum Interview. Die Sportfreunde spielen abermals in Konstanz, der Rahmen ist allerdings ein ganz anderer: Damals auf der mächtigen Festivalbühne, jetzt im Kulturladen. Am Erfolg liegts nicht: Das bayrische Trio ist die wohl erfolgreichste deutschsprachige Indieband überhaupt, Superhits und Nummer 1-Granaten pflastern ihren Weg. Bleibt also die Frage: Warum das Ganze? Die Antwort darauf hat Risse im Asphalt im Gespräch mit Peter Brugger, seines Zeichen Sänger der Kombo gefunden. Darüber hinaus ging es ums Älter werden, live spielen, Songs schreiben, Roque Santa Cruz, Köpfe einschlagen, einen Neustart und die Arbeiten am neuen Album.

Allen Lesefaulen, die sich gerne das Interview eines schwäbischen Interviewers mit einem bayrischen Rockstar unverfäscht und in Originallänge anhören möchten, sei der folgende Link ans Herz gelegt. Für alle anderen heißt es scrollen bis die Finger bluten:

[Risse im Asphalt]: 2004 hab ich euch hier in Konstanz bei Rock am See gesehen. Eigentlich funktioniert das ja anders herum: Man entdeckt ne Band im kleinen Club und sieht sie irgendwann auf der großen Bühne wieder! Vor diesem Hintergrund zwei Fragen: Wie ist das Gefühl, wenn man sein Publikum über Jahre heran wachsen sieht? Und was steckt hinter der Clubtour?

Peter Brugger: „Also darüber freuen wir uns total, dass wir auch merken, dass immer wieder Leute auf die Konzerte kommen, die schon ganz früh da waren. Leute, die vielleicht mal nicht da warn, die aber dann schon mal wieder hinschaun, die uns nicht vergessen haben und für dir musikalisch und damit unsere Musk ne gewisse Bedeutung haben. Oder die zumindest tolle Sachen mit unserer Musik verbinden. Das ist total schön und ein Glücksfall.

Warum wir das machen? Einfach nur weil wir Bock haben. Ich hab mir gestern überlegt: Hä, warum spielen wir jetzt eigentlich heute? Und irgendwie kam mal die Idee auf, lass uns doch mal wieder in Kostanz spielen.

Das Konzert war ja ruckzuck ausverkauft – und im Anschluss habt ihr weitere Clubkonzerte angeschlossen…

Das hat auch die Bewandnis, dass wir einfach auch neue lieder ausprobieren wollen, weil wir grad am Lieder schreiben sind. Da gewinnt man nen guten Eindruck von den Songs. Dann gibts mal en feedback und man merkt ganz schnell ob des hinhaut oder ob des en Schmarrn ist. Des ist auch ganz anders, als wenn wir das so bei uns ihm kleinen Rahmen vor uns hin spielen.

Ihr versucht ja offensichtlich gerade Live immer wieder neue Reize zu setzten: Unplugged-Shows, Bombast Liveauftritte, jetzt die Clubshow. Was steckt da dahinter?

Wie du schon sagst,  wir versuchen die unterschiedlichsten Sachen zu machen, weil wir merken, dass des uns die Freude an der Sache zurück gibt. Dabei gibts niemals einen Trott. Und da war das Southside und das Hurricane, mit diesem fast schon größenwahnsinnige Aufbau.. Da haben wir gedacht halt gedacht: Ja okey, jetzt lass uns einfach mal ein bisschem rumspinnen und des war dann einfach auch total beindruckend, wenn da so von dem Podest auf Publikum guckt. Das hälts halt einfach interessant. Dann warn wir im Mai auf einer kleinen Clubtour in Kroatien, Tschechien und Ungarn. Und das war dann so ein Gefühl wie ganz früher: Nur wir zu dritt auf der Bühne, mit ganz kleiner Mannschaft unterwegs, in Länder wo uns nicht viele Leute kennen. Und das war total wichtig für uns. Wir hatten letztes Jahr ne Pause eingelegt, wir wollten eigentlich erstmal gar nichts machen und durch diese Tour haben wir wieder so richitg Bock bekommen neue Lieder zu schreiben. Da kam so ein Neustart Gefühl auf…

Für uns wars wichtig, grad auch nach dem Unplugged – das war ja unser größter Erfolg – Da wars einfach wichtig, den Kopf freizubekommen und komplett abzuschalten von der Musik, um dann auch mal den Gedanken reifen lassen zu können: Wie solls denn jetzt eigentlich weitergehen. Und jezt merken wir, auch durch diese Clubtour, dass wir einfach auch wieder Lust haben und Inspiration da ist. Wir wollen jetzt einfach selber wieder neue Musik von uns hörn.

Ist auf dieser Tour auch die ein neues Album aufzunehmen aufgekommen oder is einfach gerade die Lust an der Sache das Entscheidende an eurem Neustart?

Das is jetzt grad das Entscheidende. Also wenn wir nen Druck haben, dann sowieso nur den, den wir uns selber machen. Das ist ein Luxus, aber der kann auch ganz schön blockierend sein. Ich kann nur für mich sprechen – für mich war die Zeit in den letzten Jahren irgendwie einfach noch nicht reif. Der Flo war da anders, der wollte gleich wieder was machen. Aber so mit der Zeit, die wir zusammen verbracht haben, das war der Startpunkt. Und prompt ist auf dieser Reise auch ein tolles Lied entstanden und zwar zusammen. Da hat einer eine Zeile rein geworfen, Rüde hat was geschrieben, ich hab paar Akkorde dazu gespielt, hab weitere Zeilen geschrieben und dann kam Flo mit der Melodie. Und dieses Lied, das steht für diesen Neubeginn und es war schön zu sehen, dass es hinhaut. Wenn wir zusammenrücken, dass da sofort Inspiration da ist.

Was mich als musikalische Nulpe interessiert: Wir schreibt ihr eure Songs, ich meine ihr habt Superhits und Hymnen, die schon fast zum popkulturellen Gedächtnis gehören. Sagt man sich da, jetzt schreib ich mal ne große Ballade?

Meine Erfahrung: Wenn man was Besonders, was Großes machen will, dann geht das in die Hose.

Weil so dieses Vorhaben, jetzt schreibe ich des und des, das mündet dann immer so in einer Kopfgeburt. Das Tollste is eigentlich so immer wenn was beiläufig kommt und des sind dann auch die Lieder die geblieben sind, die wir 10 Jahre oder länger. Des sind so Momente, wo man ein intensives Gefühl wahrnimmt oder ne Zeile aufschnappt und die dann irgendwie umsetzt. Klar, wenn die Zeile da is, muss man sie ausfeilen, wegwerfen, ruhen lassen. Das ist dann schon Arbeit.Und dann hilft uns heute auch die Erfahrung. Andererseits haben wir jetzt auch unglaublich viele Songs geschrieben und dann merkt man manchmal auch: Sowas haben wir ja schon mal geschrieben und dann muss mal halt schaun, wie man des mit dem Alter wieder anders beschreibt.

 

Interessant, dass du das mit der Erfahrung ansprichst. Ich habe mit die Frage notiert, ob du, als Sänger der größten Fußballband Deutschlands  Parallelen zwischen der Karriere eines Fußballspielers und der deinigen als Rockstar siehst? Hilft die Erfahrung?

Jetzt bin ich natürlich leider nicht in der Lage zu sagen wie sich ne Fussballkarriere anfühlt. Das wäre mein Traum gewesen, aber ich war halt leider nicht in der Lage. Aber es hat ja mit der Musik hingehauen, das ist ja auch ganz toll. Es ist einerseits toll auf einen Erfahrungsschatz zurückzugreifen, aber man muss aufpassen, dass man nicht zu abgeklärt rangeht. Weil Musik in erster Linie reines Gefühl ist. Und darum ist Musik doch auch einfach so etwas tolles, weils direkt in die Leute reingeht. Manchmal wünsch ich mir auch, wieder die Unbedarftheit von früher zu haben. Aber das geht ja leider nicht. Aber dieses ‚Wow – jetzt blästs dich gerade weg‘, des gibts immer noch und da ist man voll in dem Moment drin und macht das was am liebsten macht. Ein Riesegeschenk. Das empfinde ich nach wir vor so. Ich versuch also nicht so verkopft ranzugehen, die Erfahrung mit reinzunehmen, mir aber trotzdem ne gewisse Naivität zu erhalten.

Da fällt mir gerade auf, dass es Gerüchte um Roque Santa Cruz und ein Bundesligacomback gibt…

Wirklich? Den hab cih neulich in München getroffen, das war ganz schön. Ich steh da so und dann ist da plötzlich der Roque. Wir hatten ewig keinen Kontakt mehr, seit er nicht mehr in München ist. Ich hoff, ich wünsch ihm, dass er nochmal richtig einschlägt. So ganz hats ja nicht hingehaun, da hat immer ein bisschen was gefehlt.

Gibt es bei euch in dieser ganzen langen Zeit des Zusammenlebens, nicht auch mal Momente, wo ihr euch am liebsten auf die Fresse hauen würdet?

Klar logo, das gibt es bei uns auch. Aber, es ist so, dass ist ja wie eine enge Beziehung die wir zu dritt führen und weil wir uns mit unsere Leidenschaft beschäftigen, ist jeder mit viel Herzblut dabei und entsprechend ist da jeder von uns auch sehr verletzlich. Am intensivsten ist es einfach immer, wenn wir im Dreierverbund diskutieren. Der erste Moment, wo jemand eine Idee vorstellt, das ist einfach sehr intensiv und entsprechend kann das auch total enttäuschend sein. Und natürlich gibt es da auch den Moment, da würde ich den anderen am liebsten die Zähne ausreissen und die Jahre ausrupfen. Aber wir wissen natürlich auch, was wir voneinander haben und wir sind durch so viele Situationen gegangen und natürlich haben wir da großen Respekt voreinander. Wir können es ja selbst kaum glauben, dass wir das schon 16 Jahre lang machen und das es irgendwie immer weiter geht. Es ist wirklich was sehr schönes, da ist aus so einer jugendlich Freundschaft und der Liebe zu der Musik echt was ganz Großes geworden.

Gibt es Sachen die ihr bewusst alleine macht?

Nach ner längeren Tour braucht jeder seine Freiheit ich bin dann ganz gern mit mir alleine und ich genieße die Zeit. Und treff mich mit anderen Freunde und versuch dann so nen normalen Alltag herzustellen. Da Tourleben is ganz anders und in der Tat nur wenig inspirierend, man hängt halt in irgendwelchen Clubs und bekommt nicht viel drumherum mit. Entsprechend geb ich mir Mühe, in ein normales, gesundes Leben zurückzufinden!

So als letzte finale, zusammenfassende Frage: Wo solls denn jetzt hingehen?

Das kann ich dir zum jetzigen Zeitpunkt leider echt nicht sagen. Was wir versuchen ist einfach, wir sind ja keine 18 mehr und es geht jetzt auf die 40 zu, wir versuchen jetzt auf jeden Fall unsere Themen altersgemäß zu behandeln. Aber trotzdem merken wir, dass wir nach wie vor Bock haben auf der Bühne abzugehen. Und das ist echt ne wichtige Erfahrung, weil früher hat man halt gedacht, jemand der 35 Jahre alt ist, der ist ja uralt. Aber wir fühlen uns teilweise gar nicht älter. Und in dem Komplex, da sind einfach viele Facetten drin und dieses Gefühl würd ich echt gern in die Musik mit rein nehmen. Wie sich das anhört? Keine Ahnung, wir beginnen im Herbst mit den Aufnahmen. Was mich auch beschäftigt, ist die Sache wie sich die Wahrnehmung von einem selbst ändert und auch die von außen – und dass das irgendwie gar nichts miteinander zu tun hat. Des ist auch so ein Thema, das ich unbedingt noch angehen möchte…

Ende.

Noch nicht genug? Dann gebt euch halt noch den Konzertbericht, der zuvor schon vollständig beim Südkurier /Klick!/ erschienen ist:

Großes Kino im kleinen Saal –

Sportfreunde Stiller – Kulturladen Konstanz

 

Habt ihr euch schon einmal im Kino in den falschen Raum gesetzt? In einen kleinen, schnuckligen Indiependent-Saal, in dem plötzlich und zur großen Überraschung ein echter Blockbuster gespielt wurde? Nein? Natürlich ist das ein unrealistisches Szenario, doch ungefähr so haben sich wohl die Kulturladen-Konzertbesucher am vergangen Mittwoch gefühlt, als dort die Sportfreunde Stiller die Bühne enterten. Denn eigentlich funktioniert der Rock´N´Roll-Zirkus genau anders herum: Man entdeckt eine junge Band in einem kleinen Club und sieht sie, falls alles ideal läuft, Jahre später auf einer großen Bühne. Auch die Sportfreunde haben schon in Konstanz gespielt – 2004 und 2007 – jeweils bei Rock am See und jeweils von zehntausenden Fans. Im hier und heute spielt das Trio aber im KULA und damit vor ein paar hundert Verrückten. Wie kommt es dazu? „Warum wir das machen? Ganz einfach weil wir unglaubliche Lust drauf haben.“, erklärt Sänger Peter Brugger im Gespräch vor dem Konzert. Lust, das ist das große Stichwort, dass den Sportfreunde-Kosmos momentan bestimmt: Die erfolgreichste deutsche Indieband schien nach ihrem Nummer 1 Album „La Bum“ und dem unglaublichen Erfolg ihrer Unplugged-Tour müde und ausgelaugt. Ein Jahr Pause erschien als logische Konsequenz, dann aber startete die Band eine Clubtour durch Osteuropa: „Und da war das plötzlich so ein Gefühl wie ganz früher. Nur wir drei auf der Bühne, in Ländern, in denen uns kaum einer kennt. Und da kam so ein Neustart-Gefühl auf.“ Der Neustart mündete umgehend in neuen Kompositionen und im Bestreben, auch in Deutschland kleinere Clubs zu bespielen und die neue Lust offen zu präsentieren. Als Startpunkt erschien den Sportfreunden Konstanz und der KULA ideal – das Konzert war innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Und da stehen sie dann: Aus der bayrischen Idylle in die große Welt, aus der Welt zurück auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Peter, ganz links, der immer ein wenig unscheinbar wirkt bis er zu singen beginnt, Rüdiger, genannt Rüde, langhaarig und abgeklärt, der musikalische Kit der Band und Flo, hyperaktiver Romanautor, Schlagzeug-Derwisch, der Unberechenbare. Nach einer kurzen Abtast-Phase springt der Funken ruckzuck über. Der typische Sportfreunde-Sound, dieses Konstrukt aus Deutschrock, Indie, Punk und bayrischen Charme, funktioniert definitiv im kleinen Rahmen und die Sportfreunde schrammeln ausgelassen vor sich hin, ehe ihre Hymnen nicht selten in eingängigen Keyboard-Sounds und mitreißenden Refrains zerbersten. Das Dauergrinsen in den Gesichtern des Trios offenbart, dass die Sportfreunde Stiller ganz offensichtlich jede Sekunde des Konzertes genießen. Peter springt in den Graben, schält sich durch die verschwitzte Menge, um sich dort ein Bier zu genehmigen, Rüde schüttet gefühlte fünf Kisten Wasser in die Menge, während Flo einen Stagediver augenzwinkernd für dessen Tanzeinlage kritisiert: „Mir hat einfach Gefühl, Rhythmus und Ausdrucksstärke gefehlt!“ Überhaupt gewinnt man zunehmend den Eindruck das sich die Sportfreunde mit diesem Konzert freischwimmen von all dem orchestralen Unpluggedbombast und ihren Festivalshows im XXL-Format. Drei Mann: Gitarre, Bass, Schlagzeug und ein bisschen Keyboard. Das ist Rock`N´Roll „wie ganz früher“ und das geht mächtig nach vorne.

Das Aufregende ist dabei die Tatsache, dass auch die Songs selbst ihr ursprüngliches Gewand überstreifen. Kompositionen wie „Wellenreiten“, „Fast Wie Von Allein“ oder „Wunderbaren Jahren“ haben teilweise ein Jahrzehnt auf dem Buckel und für viele ehemalige Teenie-Fans bilden sie den Soundtrack des Erwachsenwerdens. Vor diesem Hintergrund entsteht im Kulturladen ein besonderes Momentum zwischen Perplexität, Euphorie und Erinnerung. „Es kommen immer wieder Leute auf unsere Konzerte, die ganz früher schon mal da waren und dann irgendwie gar nicht mehr und die dann doch mal wieder vorbeischauen. Die haben uns nicht vergessen, für die hat unsere Musik eine gewisse Bedeutung oder sie verbinden irgendwie tolle Sachen und Erinnerungen damit. Das ist total schön und für uns ein Glücksfall.“, versucht Peter Brugger die besondere Verbindung von Fans und Band zu skizzieren.

Der Konzertsaal reift indes zu mehr als sprichwörtlichen Sauna, das Publikum springt und schwitzt und tanzt und gröhlt die Sportfreunde Hits, die längst dem popkulturellen Gedächtnis angehören. „Ich wollte dir, nur mal eben sagen, dass du das…“ Man versteht sich von selbst. Das Ereignis endet nach knappen zwei Stunden Spielzeit, zwei Zugaben und Temperaturen an der Kollapsgrenze – so muss es sein, meint auch Peter: „Dieses ‚Wow – jetzt blästs dich gerade um!‘, das gibt’s nur auf der Bühne. Und deshalb ist Musik halt was so tolles, weils einfach direkt in die Leute reingeht.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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