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Herr Sorge – Theater Konstanz

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Mitten im Konzert von „Dunkelkammermusik“ versteht man als Zuhörer die Welt nicht mehr:Da steht links ein Riesenflügel auf der Bühne, an dem sich der hochdekorierte Jazzpianist Florian Weber virtuos abarbeitet. Da steht rechts ein futuristischer Instrumentenpanzer, aus dessen Inneren Produzentenlegende Jan van de Toorn im Robotoraufzug abgefahrene Elektrosounds abfeuert. Da steht zentral Herr Sorge, besser bekannt als Samy Deluxe, und singt in sich durch Popsong-Fragmente mit depressiv politischen Texten. Und das alles im altehrwürdigen Konstanzer Theater. Eigentlich passt das hinten und vorne nicht zusammen – wie in einem abgefahrenen Traumgebilde, in dem sich verschiedene, kontrastive Realitätsfetzen plötzlich homogenisieren.

Wer oder was ist Herr Sorge? Der HipHop-Kosmos reagierte irritiert als die ersten Gerüchte um ein neues Samy Deluxe Projekt aufkeimten. Der Hamburger HipHop-Urvater setzte konsequent neue Spuren, die aber allesamt im Nichts verliefen. Immerhin offenbarte sich nach ersten Interviews der Genpool des Projekts: Herr Sorge trägt ein abgeranztes, schäbiges Outfit und sieht die Welt mit anderen Augen: Als dunklen, kapitalistischen, korrupten, hoffnungslosen Moloch, den es radikal zu kritisieren gilt. Das Album „Verschwörungstheorien mit schönen Melodien“ setzte dem ganzen Wirrwarr die finale Krone auf: Die Scheibe präsentierte sich sowohl soundtechnisch, als auch thematisch absolut überfrachtet. Herr Sorge entrollte sich einen Dschungel von Effekten, Autotune, Beats und Sounds. Kurzum: Das Album war für jeden, der ein normales Pop-Hörerlebnis erwartete de facto nicht konsumierbar. Die Samy Deluxe Fans reagierte brüskiert, panisch, beleidigend. Ob das von Herr Sorge so geplant war, ist bis heute nicht geklärt.

Für das Live-Produkt hat sich Herr Sorge nun eine komplexe künstlerische Basis geschaffen: Im eingangs beschriebenen Kontrastfeld entwickelt sich live ein ganz ungewöhnlicher, experimenteller Sound, der aber im Gegensatz zum Album wirklich funktionieren will. Van de Toorn lässt es zwitschern, wummern und ziepen, während Herr Sorge (der ganz offensichtlich an seiner gesanglichen Präsenz gearbeitet hat) mit der ihm angeborenen Lockerheit und fast bluesartigen Coolness seine Strophen reproduziert. Der musikalische Kit ist aber Weber, der mit seinem schieren Talent, die anderen Bausteine zusammenflickt und noch Raum für jazzige Improvisation findet.

Natürlich wirft eine derart radikale Metamorphose der musikalischen Identität die Frage auf, ob es nicht vollkommen legitim ist, dass ein Künstler sich verschiedene Alter-Egos, Versionen und Rollen zulegt. Im Hiphop-Kontext funktionierte das nicht: Die Szene konnte Herr Sorge nicht von Samy Deluxe loslösen – das durchaus zahlreich erschienene Publikum in Konstanz schafft diesen Schritt und bietet dem Projekt damit einen kreativen Nährboden für die vollzogene Rekontextualisierung. Und „Dunkelkammermusik“, wie sich das Gesamtprojekt nennt, nutzen diesen Freiraum mit einer überschäumenden Lust am Grenzen aushebeln: Während eines Gedichts klettert Weber in seine Flügel und macht in den Innereien ganz neue Tonabnehmer aus. An einer anderen Stelle setzen die drei Protagonisten ihre Iphones als unberechenbares Instrument ein. Dann übersetzt Keller alte Samy Deluxe-Parts und Wortfetzen in eine jazzige Komposition. Und weil am Ende Herr Sorge noch Samy Deluxe´ legendären Hit „Weck mich auf“ „covert“, schließt sich dann doch noch der Kreis aus Jazz, HipHop, Elektro, Experiment, Politik, Theater und Wahnsinn zu einem runden, merkwürdigen Gesamtkonstrukt.

 

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