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Shakespeare – Der Sturm – Theater Konstanz

Theater Konstanz – DER STURM

„Der Sturm“ startet – wen wunderts – stürmisch. Die Bühne des Konstanzer Theater wird niedergemäht, es pfeift und kreischt von der Bühne herunter, wo wir von der Darstellerriege nur wild durch das Dunkel fliegende Gliedmaßen sehen. Da ein Kopf, da ein Arm, hier ein Hilfeschrei, dort bricht Panik aus. Das Schiff des Königs von Neapel ist dem Untergang geweiht, keiner wird dieses Inferno überleben. Was bleibt ist Zerstörung und Leere. Und eine leere Bühne. Der Auftakt der Inszenierung von William Shakesspeares Klassiker „Der Sturm“ ist eindrucksvoll und zieht den Zuschauer ab der ersten Sekunde mitten in den Text hinein und auf die Bühne hinauf. Das Setting erinnert in seiner spielerischen Darstellung des Sturmes an ein Filmset des Regiepioniers Georges Méliès – das Theater wird in den ersten Minuten des Stücks zum Frühzeit-Kino, mutiert aber alsbald zurück auf die Textebene.

Theater Konstanz – DER STURMDenn dem Ende wohnt natürlich ein Anfang inne. Und jetzt sehen wir Prospero, den eigentlichen Autoren und Strippenzieher des Sturms. Der verschmähte Herzog von Mailand strandete einst mit seiner Tochter Miranda auf dieser magischen Insel, an der nun das Schiff seines Konkurrenten zerschellte. Doch Prospero, der weltliche Herrscher, der in diesem Wunderland eigentlich dem Untergang geweiht schien, begann die magische Luft zu atmen und besiegte in der Folge die Hexe Sycorax (die wir als Zuschauer gar nie zu Gesicht bekommen), machte sich ihren Sohn Caliban zum Sklaven und befreite zusätzlich den Geist Ariel, der im fortan immer wieder zur Hand geht. Mit den Mitteln dieser neuen Welt macht sich Prospero nun daran, seine Schulden aus der alten Welt zu begleichen. Und jetzt wird klar: Er steckt hinter dem Sturm, der wie durch Zufall all seine Feinde auf die Insel schwemmt. Was nun folgt ist ein Alptraum von einem Schachspiel, in welchen Prospero alle Akteure gegeneinander ausspielt und die geordnete, politische Welt in einem Schwall von unberechenbaren, kunterbunten Faktoren zerschellen lässt.

Theater Konstanz – DER STURMShakespeares letztes Stück wirkt angesichts der Zeit und des darüberhinausgehenden Werkes des Autors beinahe wie ein postmoderner Flickenteppich, der mystische Elemente mit Bezügen zur Antike, Ideen zur Zauberei und Zitaten aus Abenteuergeschichten durch den Fleischwolf dreht. Der Text ist verwirrt und verwirrend, Traum und Experiment, eine kunterbunte, kaum fassbare Robinsonade, die aber auch gleichermaßen politische wie mystische Bilder durchdenkt und sowohl zu Beginn in einem Sturm sowie zum Ende in einer finalen Konfrontation explodiert.

Theater Konstanz – DER STURMChristine Eders Inszenierung am Theater Konstanz gelingt es genau diesen Flow und Charakter der Vorlage perfekt zu treffen. Die Konstanzer Version ist unglaublich kurzweilig, die sieben Darsteller sind durchgehend in Bewegung, nutzen jeden Winkel, jedes Schlupfloch der Bühne. Bemerkenswert ist vor allen Dingen der absolute homogene Wechseln der Rollen – ein Großteil der Darsteller übernimmt mehrere Rollen, die dann teilweise parallel auf der Bühne zu finden sind. Einzig Ralf Beckords (er mimt den Prospero), besonnenes und doch doppelbödiges Schauspiel, lässt ab und an Zeit zum verschnaufen. Ansonsten steht der Zuschauer unter einem wunderbaren Dauerbeschuss, der vollste Aufmerksamkeit fordert.

Theater Konstanz – DER STURMDer Zuschauer verfolgt mehrere Erzählstränge, in denen unterschiedliche Gestrandete zusammenfinden und die dann im Verlauf des Stückes Stück für Stück wieder zueinander geführt werden. Zwischendurch bläst immer wieder dicker Nebel auf die Bühne, ein surreales, alles in sich hinein fressendes Bild, das die Szenen zurücksetzt, das Stück scheinbar restartet. Das dabei entstehende Gewusel ist absolut kurzweilig und durchzogen von kleinen, aber feinen Happen, die das Publikum wie der (inszenierte) Liebesgeschichte der beiden Sprösslinge der Monarchen, einer total überraschende Tanzeinlage, einem ausufernden Trinkgelage, Ariels Interaktion mit den Zuschauern und, und und. „Der Sturm“ gleicht in dieser Version einem surrealen Trip, einem Traumgebilde, das sich perfekt im Motto des Theater Konstanz „Damit ich dich besser fressen kann…Märchen, Mythen und Europa“ verordnen lässt.

Und dann, zack, ist der Traum aus. Das Stück endet nach 70 Minuten, die sich effektiv wie 15 anfühlen. Was bleibt ist ein Gefühl, wie wen gewaltsam aus einem Traum gerissen wird. Der Kopf ist voller Bilder und Sprachfetzen, die alle nicht so richtig zusammenpassen und an denen man noch Stunden später zu knabbern hat, weil man sie einordnen will und weiterdenken – aber dazu nicht so richtig in der Lage ist. Oder doch?

 

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