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Posts Tagged ‘Sky’

Dies ist ein bewusster Schlag ins Gesicht eines jeden Stadiongängers, Südkurvenfans oder Public-Viewers: Ihr habt nichts verstanden. Es gibt nur eine einzige Art und Weise, wie man Fußball schauen sollte: Abgefucked charmant muss sie sein, verraucht, hoffnungslos, vollgestellt muss sie sein, mit schalem Bier verklebt, vom kalten Rauch gestrichen, muss sie sein. Mit einem Kundenkreis gesegnet, der zum Inventar gehört, der mit dem Tresen verwachsen ist, muss sie sein.

„Open“ schreit die Leuchtreklame, „Tooooor“ die ganze Besetzung zwei Minuten nach Anpfiff und einer astreinen bayrischen Kombination, die das ehemalige Wunderkind Toni Kroos locker ins linke untere Eck schiebt. 1:0. Das geht ja gut los. „Scheiß Spiel.“, brüllt einer. „Wer will das sehen, wie die Bayern die Italiener zusammen schießt. Des ist doch Scheiße. Sky hat man, alle Möglichkeiten hat man und wir gucken den Scheiß hier. Das wird ein Scheibenschießen. Scheiße!“ Er ist der Nörgler. Ein Fingerschwenk lässt ihn verstummen: Die langen braunen Haare sind nach hinten gegelt, die Dieter-Thomas Heck-Gedächtnisbrille tief auf die Nase gedrückt, die breiten Oberarme tätowiert und mit Nikotinpflastern gepflastert, breites Kreuz und Metzgerschnurrbart. Er ist der Matrose. In der linken Hand hält er den Pflastern zum Trotz einen Oldschool-Zigarettenhalter, an dem er immer wieder hektisch saugt, während die rechte Pranke von einem Rosenkranz umwickelt ist. Nur manchmal löst er die verkrampften Finger und nippt an dem exotisch anmutenden Mixgetränk, dass im die thailändischen Besitzerinnen der Kneipe in schöner regelmäßig füllt. Der Matrose ist Bayernfan, ein Schrank, ein Ultra, mit der Fistelstimme eines Chorknabens: „Los Jungs, haut se weg.

Nach der anfänglichen Drangphase wird das Spiel der Bayern zunehmend schlechter. Dem Nörgler, wen wunderts, gefällt das nicht: „So eine scheiße, war doch klar, dass des ein Dreckspiel wird. 1:0 und verwalten. So eine Scheiße und wir haben Sky und wir könnten alles andere sehen. Aber nein, wir schaun diesen Grottenkick.“ Es ist die 25 Minute als ein weiterer Fusballfan-Torerro die Arena betritt. Er trägt einen schwarzen Mantel und einen Krempenhut und wirkt damit ein wie gefallener Mafio aus den 30er Jahren, wie ein Bösewicht aus Schwarz-Weiß-Krimis. Er ist der Behütete und greift nach einem Tannenzäpfle, rückt einen Barhocker zurecht, fällt beim ersten Versuch des Hinausschwingens beinahe auf den Kachelboden, zündet sich ein Malboro an und stimmt ein nuschelndes Loblied auf Frank Ribery an: „Zack weg, JA! Das ist Ribery, wie er leibt und lebt. Und zack und bumm und jaa! Der beste Fußballer auf diesem Planeten. Der ist der beste!“ „Netzer. Der Netzer war noch besser.“ „Der war doch nichts ohne seinen Wimmer.“ Er dreht sich zu uns um. „Kennt ihr Jungen überhaupt noch den Wimmer? Hacki Wimmer?“ Kopfschütteln, bloß nichts falsches sagen – seine Augen drücken bedrohlich aus den Höhlen. „Des war der Kampfhund vom Netzer. „Und wisst ihr wer die beste deutsche Nationalmannschaft gewesen ist?“ Kopfschütteln. „Die Europameister von 1972, nicht die Weltmeister.“ Allgemeines Zustimmen. „So eine Mannschaft gibt’s nicht mehr.“ Der Nörgler scheint fast zu explodieren, der Hass presst ihm aus allen Puren: „Red doch keinen Scheiß, die beste Mannschaft. So ein scheiße, die beste war 1966 vor Wembley, gegen die Russen. Die Russen hatten die Hosen voll.“ Thomas Müller schlägt eine etwas zu lange Flanke quer durch den italienischen Strafraum, dort, links im Halbfeld, lauert Kroos und verzieht. „Der Poldi hätte den gemacht, mit links, hätte der den gemacht. Des ist der beste mit links.“ Die Juniorchefin beginnt ob der vergebenen Chance hysterisch zu Lachen „Bayern puh, Italien super!“ Der Matrose blickt erschrocken durch seine getönten Brillengläser: „Bist du nicht für die Deutschen?“ „Nein, nein. Scheiße Bayern.“ Der Matrose krallt sich noch fester in seinen Rosenkranz.

Doch noch ein weiterer Gast ist Neapel-Sympathisant, doch er lässt sich das nicht anmerken. Nur die Art, wie zusammenzuckt, wenn Ribery zum Dribbling ansetzt und die Weise wie er nach vorne rutscht wenn Hamsik den Ball in Richtung Cavani drescht verraten ihn. Er ist ein Spion im Feindesland, seine Hände schwitzen und seine Angst entdeckt zu werden, hält ihn gar davor an, einen weiteren Halben zu ordern. Sein Dialekt, sein Gestik würden ihn verraten. Er ist der Italiener. Dann der Schock, die Schrecksekunde, der Tritt in die Eier: Philipp Lahm träumt von der Spiegel-Sachbuch-Bestsellerliste und der pfeilschnelle Außenverteidiger Campagnaro entkommt ihm spielend und zieht von rechts in den Strafraum, wo den Ball mutig in die Mitte knallt. Genau dort grätscht der bis dato überragende Badstuber ohne tieferen Sinn in die Mitte und wird vom Ball getroffen, der dann billiardmäßig an Neuer und Van Buyten vorbei in die Maschen hoppelt. „Scheiße. So ein Scheiße. Des war der Neuer.“ Zeitlupe. „Der kann da gar nichts machen.“ „Ja, herrgott nochmal, das sind die Italiener.“ „Guck wie er jubelt, die Ratte. Die Ratte. Die Ratte!“ Der Italiener formt die Lippen zu einem stummen Jubelschrei. Der Nörgler beendet sein Weizen: „So ein Dreck, dass war doch klar, Bayern verliert das Ding. So ein scheiß, was soll das. Und drüben läuft Real. Das ist Fussball. Das hier ist doch scheiße.

Dann ist Halbzeit. Der Italiener schleicht an mir vorbei, den Kopf gesenkt. Der Matrose schickt ein Stoßgebiet an die Decke: „Jungs, das macht ihr. Bitte. Ein Elfmeter. Ein Elfmeter kommt jetzt.“ Seine Stimme ist voller Hoffnung. Wir nicken. Der Behütete will seinen Hut herum gehen lassen, Spenden für Thailand. Für die Flutopfer. Draußen vor der Kneipe setzen sich fünf Jugendliche und blicken fröstelnd durchs Fenster. Alle Sportbars sind voll. Dies ist ihre letzte Hoffnung auf bayrischen Zauberfußball. Einer hängt das blinkende „Openschild“ ab und macht die Bahn frei. „Maradonna, den haben se verehrt wie einen Heiligen. Des war ein Heiliger, ein Fußballheiliger.“ „Dem Kokser haben se ne Statue gebaut. Aus purem Gold.“ „Jaja die konnten immer kicken, aber wir packen des, ein Elfmeter kommt. Ein Elfmeter.

Der Matrose wird zum Propheten. 52 Minute, Gomez ballert aus 18 Metern chancenlos auf das Tor, wird geblockt, verfolgt die konternden Italiener, holt sich den Ball zurück. Pfiff. Elfmeter. Was? Handspiel, beim Blockversuch. In Neapel bricht die Hölle los, man könnte meinen die Mafia habe ein paar tausend Vuvuzelas springen lassen. Der Matrose schwingt wissend den Rosenkranz. Gomez scheitert kläglich und eine Welle des Hasses und der Entäuschung schwabt gegen uralt Fernseher. Die Juniorchefin bricht im Jubel aus, der Matrose nimmt sich ihrer an: „Wieso für Italien?“ „Wieso für Deutschland?“ „Weil du hier lebst.“ „Mir doch egal, schöne Männer in Italien.“ „Du gehst jetzt raus auf den Gang. Du gehst jetzt Radiohören.“ Er zieht an seiner Kippe und presst sein Pflaster auf den Oberarm.

Irgendwann hast du dich an die Umgebung gewohnt, irgendwann wirst du eins mit ihr. Pils für Pils wird das alles hier zur Normalität. Wir gehören jetzt dazu: Der Matrose streicht sichs durchs Haar, der Behütete saugt an seinem Zäpfle und der Nörgler nörgelt. Das Spiel dümpelt vor sich hin. Die Bayern wollen nicht so richtig, die Neapolitaner können nicht so richtig. Das Ding geht 1:1 aus, das ist eigentlich jetzt schon sonnenklar. In diesem Moment der Ruhe, in dieses dahin-dümpeln der Zeit kracht, wie Komet und in einen bunten Anorak gepresst: Renate! Ihr Schorle steht bereit, hinten am Ecktisch, von dem man eigentlich gar nicht auf den Fernseher sieht und doch nimmt Renate einen kräftigen Schluck und lässt, wohlgemerkt gefühlte zehn Sekunden nach dem sie die Szenerie enterte, eine Hasstirade auf den Schiedsrichter los, die einem selbst als langjähriger Aggro-Berlin-Anhänger das Blut in den Adern, nein das Mark in den Knochen gefrieren lässt. „Dem sollte man Seife geben, dem Drecksack, dem *****, dem ******, bis er kotzt, bis er verreckt.“ „Renate, bleib doch mal ruhig.“ „Du Seckel, Frauen haben auch eine Meinung, ich hab ne Meinung und die lass ich mir nicht verbiet…“ Mitten in Renates flammend feministischen Ausraster schiebt sich eine mehr als ordentliche Bayernchance. Schweinsteiger bricht durch und Gomez und er tauchen urplötzlich zentral und alleine gegen einen letzten italienischen Abwehrrecken im Strafraum auf. Offensichtlich hin und hergerissen zwischen möglichen Abschluss und denkbarer Vorlage lässt Schweinsteiger ein harmloses, ein verängstigtes Schüsschen los. „AAAAAAAAAAH.“ und „OHHHHHHH.“ Resignation, ehe Renate ihr Glas nach einem kräftigen Schluck absetzt: „Heilandzack, *****, scheiße. Schieß doch selber Schweini, du kannst des doch. Muss doch nicht immer der Gomez die Tore schießen. Des ist doch eh so ein arroganter ****.“ Zum Glück sind keine Kinder anwesend.

Es bricht die 86 Minute an und das ist für den Matrosen ein finaler Grund seine Fingernägel noch tiefer in den Holzschemel zu graben. Denn seit dem Elfmeter predigt er im Minutentackt: „In der 86te, da sind se fällig, die Ithaker. Da sind se fällig.“ Natürlich glauben wir ihm. Doch die 86te tickt langsam herunter. 86.58, 86.59, 87.00 – und der Matrose klappt zusammen, circa fünf Sekunden in Demut, ein nikotin-gefülltes Säckchen Elend, dann schießt sein Kopf nach oben, die Haare werden zurück geschmiert und die beiden Pranken krachen aufeinander. Standing Ovation ohne auch nur auf zu stehen: „Gutes Spiel Jungs, ein Punkt ist ok. War gut. War super.“ Acht Minuten später pfeift der Schiri ab. „So eine scheiße, so ein vergeudeter Abend. So ein Drecksspiel. Bis Samstag, ihr Seckel.

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