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Hundreds – Kulturladen Konstanz

 

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Stille, das vergisst der Zuhörer oftmals angesichts des implizierten Widerspruchs, nimmt noch immer einen ganz entscheidenden Platz innerhalb der zeitgenössischen Popmusik ein. Klar, meistens wird mit ihr gebrochen, wird sie weggeschoben und muss dann Platz für den Sound oder den Krach machen. Aber manchmal wird sie eben bewusst eingesetzt, als kaum wahrnehmbare Spur im Stilmittel der Reduktion. Dieser Umgang mit der Stille ist diffizil, anspruchsvoll und erfordert extremes Feingefühl. Ein Gespür für die Nuance, welche Hundreds, das Geschwisterduo bestehend aus Eva und Phillip Milner, zur stilbildenden Eigenschaft ihres Entwurfs der elektronischen Popmusik gemacht haben und welches sie während ihres Openers „Foam Love“ im Kulturladen offen zur Schau stellen. Dort entspinnt sich ein aufs äußerste reduziertes Zusammenspiel zwischen Phillips vielschichtiger Pianocollage und Evas zunächst so zärtlich zerbrechlicher Stimme.

Die gegenwärtige Tour, die in Konstanz ihren gefeierten Auftakt fand, steht unter dem Motto „Tame The Noise“ („Zähme den Krach“). Akustisch soll es sein, aber eben doch nicht ganz akustisch. „Aber immerhin haben wir eine ganze Menge richtiger Instrumente mitgebracht.“, erklärt Eva direkt zu Beginn. Das Konzert macht in der Folge seine eigene, kleine Evolution durch: Alles beginnt am eingangs beschriebenen Nullpunkt, in der Dunkelheit, der Stille. Im weiteren Verlauf entwickelt sich das Soundgewand kontinuierlich und wird um immer neue, subtile Nuancen erweitert. Phillip beginnt zunächst damit, sein Piano kaum merklich zu verzerren und vergrößert das Gesamtgebilde alsbald durch elektrifizierte Loops. Nach den ersten drei Songs wird das Geschwisterpaar während „Solace“ von Schlagzeuger Florian ergänzt. Dessen erste Anschläge scheppern erbarmungslos durch das Publikum, welchem erst in diesem Moment des Lärms sein wohlig warmer Embryostatus innerhalb der Stille bewusst wird. Dieser Status Quo wird in der Folge konsequent dekonstruiert, die Sicherheit und Vorhersehbarkeit aufgegeben, die eindeutige Dunkelheit weicht nicht nur in den Texten dem ambivalenten Licht.

Die zentrale Energie entspinnt sich aber zwischen den beiden Polen Eva und Phillip. Dabei spielt das Geschwistersein für die Beiden oberflächlich keine wirkliche Rolle. Natürlich sind da die Anekdoten, die von gemeinsamen Auftritten auf Familienfeiern erzählen. Und von Phillips Aufstieg zum renommierten Jazz-Pianisten, der später Inspiration in der Stimme seiner Schwester fand. Darüber hinaus lenken Hundreds den Fokus bewusst in Richtung Musik und treten erst dort, auf musikalischer Ebene, als unheimlich effektive Partner in Erscheinung treten. Denn Live bewegen sich Hundreds nahe an einer technischen Perfektion. Die drei Musiker spielen sich selbst kleinste Soundpartikel präzise zu, erweitern diese, reagieren effektiv auf die Hinweise ihrer Mitmusiker. Da sind unübersehbare Ablaufparallelen zur Klassik und auch zum Jazz, die aber auch immer wieder von der ausreißenden, vielschichtigen Stimme der Frontfrau ad absurdum geführt werden. Am Ende bilanziert Eva Milner glücklich:  „Ich glaube wir spielen heute das längste Konzert unserer Bandgeschichte. Und wir sind so froh, dass ihr uns mit offenen Herzen empfangt! Ihr seid so still.“ Und hier schließt sich der Kreis. In der Stille. Wo auch sonst?

 

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