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Maifeld-Derby – 01.06.2014 – Mannheim

girls in hawai

Das Maifeld-Derby 2014 ist Geschichte und die Macher des Festivals blicken auf das bis dato erfolgreichste Festivaljahr zurück. Über drei Tage bespielten insgesamt 60 Bands die fünf Bühnen des Festivals und boten dabei einen breiten Einblick in die Welt und den Variantenreichtum der Independent Musik. Außerdem gab es für das Maifeld eine besonders erfreuliche Premiere: Gutes Wetter! Im Gegensatz zum vergangenen Jahr hatte sich die Anordnung der Bühnen marginal verändert. Auch 2014 stand das (vor allem auch atmosphärisch) imposante Palastzelt im Zentrum, die Open Air Stage indes wurde verschoben und bot nun mehr Platz und bessere Sicht für das Publikum. (Soweit die Stakkatomäßige Einleitung, gleich wirds emotionaler. Anmerkung des Korrekturlesers) .Dementsprechend konnte Peter Putz, Mitglied des Veranstalter-Teams, absolut positiv resümieren: „Wir sind mit einer durchschnittlichen Besucherzahl von 4000 pro Tag und ca. 12.000 über das gesamte Festivalwochenende sehr zufrieden.  Das ist noch mal ein ganzes Stück mehr als im letzten Jahr und eine schöne Bestätigung für unsere inhaltliche Arbeit. Auch die Änderungen in der Konzeption und Konstellation des Festivalgeländes wurden sehr positiv aufgenommen.
Vor allem der Festivalsonntag bot ein extrem ausgewogenes und aufregendes musikalisches Programm. Lest unsere Einblicke in einige großartigen Konzerte.

Das Maifeld Derby beginnt für uns mit dem Auftritt von Girls in Hawai. Der Bandtitel alleine klingt zunächst natürlich nach beschwinglichen Indierhythmen, Sommer, Sonne und guter Laune Geklimper. Hawai eben. Und Girls. Falsch gedacht. Girls in Hawai sind eine der spannendsten Band der nach wie vor florierenden belgischen Indieszene und spielen am Festivalsonntag eine energetische Show, die den Zuhörer in einigen Momenten tatsächlich ein wenig an das überragende Headliner-Konzert von The Notwist im vergangenen Jahr erinnert. Das heißt: Wir hören wie sich Soundschicht über Soundschicht legt, ehe sich vor der dunklen Maifeld-Bühne eine regelrechte Lärmwand auftut, die sich dann Tsunami-artig über das Publikum ergießt. Stark! Vor allem die letzte Song, der sich über Minuten aufbaut, verschiedene Stile kombiniert und im Anschluss in einem Jamorkan alles einreißt, überzeugt  und zwar auf ganzer Linie. Von dieser Band werden wir noch einiges hören.

Weiter geht’s draußen mit The Elwins. Und die machen genau die Art von Musik, die man eigentlich (als Namendeuter) von Girls in Hawai erwartet hätte (Beschreibung siehe oben). Das ist ganz nett und passt natürlich wunderbar in den Sonnenschein, aber insgesamt ist diese Art von Musik doch ein wenig zu angenehm und rutscht einem ein zu schnell die Gehörgänge hinunter. Den Kanadiern fehlt ein Ticken an Ecken und Kanten, Sounds, die sich in den Ohrmuscheln festkrallen. Immerhin tanzen unzählige Mädchen mit Blumenkränzen in den Haaren. Denn: Die Sonne scheint. Am Maifeld (!).

Spannender wird es im Anschluss im Palastzelt: Dort marschieren nämlich Temples auf die Bühne, die zuletzt vor allen Dingen in Großbritannien einen ordentlichen Hype erfahren haben (und auch hier darf der Hinweis nicht fehlen, dass sowohl Johnny Marr, als auch Noel Gallagher die Truppe aus Kettering als „die heißeste junge Band der Insel“ bezeichnet haben. Ritterschlag von Atombombenausmaß). Am Maifeld-Derby beweisen „Die Tempel“ (sorry!) wieso: Zunächst einmal besitzt Frontmann James Edward Bagshaw der imposantesten Naturafro der Rock´N´Roll-Szene seit Wolfmother Boss Andrew Stockdale. Des Weiteren ist das Psychodelic-Geschrammel, dass die zierliche Band auf die Bühne klatscht absolut imposant und erfrischend. Zack und Bämm. Vollgas und geradeaus. Einer aus dem Publikum schreit „You Guys Are Amazing.“ Von der Bühne antwortet ein gelangweiltes, kaum wahrnehmbares Nicken der Marke „Wissen wir schon lange“. Rock`N´Roll eben.

Das Bühnenpendeln geht weiter. Als wir uns aus der Dunkelheit des Zeltes schälen erfolgt die wettertechnische Überraschung. Wo uns zuvor blendende Sonnenstrahlen die an die Dunkelheit gewohnten Netzhäute verätzten, klatschen uns jetzt dicke Regentropfen ins Gesicht. Das Maifeld hat eben einen Ruf zu verteidigen. Der Schuldige ist schnell gefunden und gibt das auch noch unverfroren zu: Hozier kommt aus Irland und natürlich hat er den Regen mitgebracht. Eigentlich müsste man ihm dafür böse sein, würde er nicht in der Folge ein Konzert spielen, das absolut in Erinnerung bleibt und den Titel der „Überraschung des Sonntags“ ganz locker einstreicht. Frontmann Andrew Hozier-Byrne hat eine fantastische Stimme und schlägt dunkle, bewegende Töne auf seiner Bluesgitarre an, während seine Band, inklusive Piano und Streicher, den Singer-Songwriter-Kompositionen eine unglaubliche Tiefe und Größe verleiht. Das ist Bluesrock vom Feinsten, irgendwie dunkel und traurig, irgendwie tanzbar und angenehm. Ein wenig erinnert das an die frühen Kings Of Leon gepaart mit irischer Gelassenheit. Vor allem „Take Me To Church“ ist ein Song der genau hier, an diesem Ort, im kalten Regen aber so was von in Erinnerung bleibt.

St. Vincent surfen gerade auf einer ordentlichen Hype-Welle. Die Feuilletons überschlagen sich ob Anne Erin Clark musikalischer Vielseitigkeit. Den Mrs. Clark (und um diese Assoziation kommt man irgendwie nicht herum) ist so etwas wie die Lady Gaga der Independet-Szene und kann genau diesen Vergleich vermutlich absolut nicht mehr hören. Das Konzert ist vor allen Dingen von einem gehörigen Grad der Unberechenbarkeit geprägt: Hier scheppern böse Elektrosequenzen in durchdringende Poprhythmen, die dann wieder in klassischen Indiefrequenzen zergehen. Hm. Wow. Oha. So richtig in Worte fassen lässt sich eine Show von St. Vincent nicht. Und irgendwie ist das ja auch gut so. Clark offenbart vor allen Dingen ein immenses musikalisches Talent und eine beeindruckende Bandbreite, die sie bis zu den letzten Zentimetern ausbreitet und abmarschiert. Und natürlich ist das alles irgendwie noch Experiment, ein Ausloten der Möglichkeiten, das in letzter Konsequenz aber nicht komplett aufgeht, weil die letzte, die finale Radikalität doch ausbleibt.

Wye Oak indes spielen eine wunderbar berechenbar schöne Art von Musik. Die Sonne ist zurück, man stellt sich entspannt in die ellenlange Crepes-Schlange und das Duo aus Baltimore bildet damit das ideale Bindeglied zwischen der wilden, ausufernden St. Vincent Show und….

The National. Dieser Name thronte in diesem Maifeld-Jahre über allem – zum einen, weil das Maifeld-Team bis dato noch nie einen Bandfisch von einem solchen Ausmaß an Land gezogen hatte (immerhin gilt The National als Lieblingsband von Barack Obama), zum anderen haben sich die beinahe beängstigenden Livequalitäten der Band mittlerweile nachhaltig herumgesprochen. Und eins vorweg: Die Band um Sänger Matt Berninger enttäuschte trotz gigantischer Erwartungen nicht eine Sekunde und dürften( Stand 2014) wohl wirklich eine der besten (oder halt eben die beste) Live-(Indie)band unseres Planeten sein. Hallo Superlativen. The National live besticht mit zwei verschiedenen Faktoren: Nummer 1 ist das Niveau der Musiker – die beiden Brüderpaare Aaron und Bryce Dessner und Bryan und Scott Devendorf entwerfen grandiose, vielschichtige, wunderbare Klanguniversen, die immer wieder von sensibel eingesetzten Bläserbombast an den Rand der Implosion getrieben werden. Gigantisch! Faktor zwei ist indes Matt Berninger. Der Irre. Berninger ist unberechenbar, superwitzig und meistens (zumindest gefühlt) stockbesoffen. Er zertrümmert Mikrofonständer nach Mikrofonständer, reißt so manchen Flachwitz, marschiert wie ein Tiger über die Bühne und zum Abschluss des Konzertes immer wieder mit ellenlangen Mikrofonkabel ins Publikum. Und egal wie und in welchem Zustand, egal an welchen Ort: Berninger singt sich die Seele aus dem Leib und legt sie dann noch seinem Publikum zum Füßen. Und wir im Publikum möchten mitschreien, wenn Berninger schreit, möchten mit weinen, wenn seine Stimme fast zerschellt. Am Maifeld sind The National zusätzlich mit Lightshow angereist, was das Gesamtkunstwerk noch einmal abrundet und um entscheidende Nuancen erweitert. Zum Abschluss gibt es eine fabulöse Unplugged Version von „Vanderlyle Crybaby Geeks“, die das Publikum zunächst zum Mitsingen aus vollen Kehlen animiert und ebendiese nach Abschluss des Konzerts offen stehen lässt. Mehr geht nicht.

Das ist definitiv der perfekte Festivalabschluss! Eben so wie es sein sollte.
P.S.: Das Maifeld liebte The National – und augenscheinlich beruhte die Wertschätzung auf Gegenseitigkeit. In seiner abschließenden Pressemitteilung berichtet Festivalmacher Timo Kumpf: „The National haben sich noch einmal ganz persönlich bei uns für das tolle, selbstgekochte Essen, die gesamte Betreuung und den hochprofessionellen Ablauf in allen Aspekten bedankt. Der Band hat es bei uns sehr gut gefallen, was man ihrem Auftritt auch durchaus angemerkt hat, denke ich. Für mich und mein Team ist das eine große Bestätigung.

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 Maifeld-Derby – Vorbericht und Interview

maifeld derby

Aus dem übersättigten Festivalnährboden Deutschlands sprossen in den vergangen Jahren so viele neue Festivals, dass man selbst als geneigter Musikfan schnell Gefahr läuft, den Überblick zu verlieren. 2014 finden wir beinahe in jedem Ort, zumindest jedoch in jedem Landkreis ein eigenes Festival – die Spanne reicht dabei von Giganten wie dem Southside oder Rock am Ring, über Mainstream-Events bis hin zu größeren Dorffeten. Das Problem: Quantität ist nur selten mit Qualität gleichzusetzen! Vielen Veranstaltungen fehlt es an Charme, Risikobereitschaft, Ideenreichtum und vor allem aber an aufregenden Lineups. Zahlreiche Bands überschneiden sich, die Buchungen folgen meist aktuellen Hypes oder dem unabdingbaren Drang nach Party. Vor diesem Hintergrund tut es besonders gut über ein Festival wie das Maifeld-Derby zu stolpern, das ganz bewusst einen anderen Weg geht.

Aber von vorne: Auch das Maifeld-Derby ist noch nicht lange der Kinderwiege entstiegen. 2014 findet das Festival auf dem Mannheimer Maimarkt Gelände nunmehr zum vierten Mal statt. Doch das Derby war von Beginn an anders. Das zeigt alleine ein kleines, aber feines Detail: Das Zeitplan des Festivals offenbart sage und schreibe fünf Bühnen und bietet genau deshalb für alle Arten und Größen von Bands ausgiebige Spielzeiten bei möglichst geringen Überschneidungen. Es wird klar: Hier geht es um Musik – der Hardcore-Festivalgänger könnte sich theoretisch zumindest ein gutes Stück Musik von jeder der insgesamt 60 Bands zu Gemüte führen.

Und ebendiese 60Truppen bieten eine gehörige Bandbreite. Die grundlegende Ausrichtung des Festivals liegt sicherlich im ungeheuer undefinierten Bereich der Indie-Musik. Wie weit dieses Feld ist, konnte man bereits im vergangenen Jahr feststellen, als man als Maifeld-Gänger bereits am ersten Abend sowohl die Progstoner-Giganten Kadavar, als auch eine denkwürdige Show von The Notwist hören konnte (Hier gehts zu unserem Bericht von letzten Jahr -KLICK-). Auch 2014 gibt es unglaublich viel zu entdecken. Zu den Highlights des Lineups gehören sicherlich die fantastische Future Islands, deren Frontmann Samuel T. Herring wohl zu emotionalsten und außergewöhnlichsten Performern des ganzen Rock´N´Roll-Zirkus gehört. Am Festivalsamstag teilen sich zwei Bands den großen Auftritt im Palastzelt des Festivals: Zunächst entert Lokalmatador Konstantin Gropper a.k.a. Get Well Soon die Bühne. Gropper entstammt der Mannheimer Popakademie und seine orchestraler, vielschichtiger Musikentwurf sucht nach wie vor national wie international seines Gleichen.

Zweiter Samstagsheadliner sind Warpaint, die psychodelische Indie-Elektronik-Experimental-Supergirlgroup, die einst zusammen mit John Frusciante musizierten und Live stetig für offene Münder sorgt. Der ganz große Fisch zappelt aber erst Sonntag-Abend im Netz: The National waren 2013 eine präsentesten und erfolgreichsten Indiebands – das spielt aber eigentlich keine Rolle. Denn The National mit ihrem besessenen und unendlich sympathischen Frontmann Matt Berninger sind schlicht und einfach eine absolut grandiose Liveband mit einen scheinbar unendlichen Fundus an absoluten Hymnen. The National und das Maifeld-Derby – das passt wirklich wie der viel zitierte Arsch auf Eimer!

Knapp eineinhalb Wochen vor dem Festival ergab sich die Möglichkeit einige Fragen an Timo Kumpf, den Veranstalter des Maifeld-Derby und Matthias Rauch (Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Clustermanagement Musikwirtschaft) zu richten. Die Antworten wollen wir euch selbstverständlich nicht vorenthalten.

 

1. Was genau sind eure Aufgaben im Organisationsteam des Maifeld Derby?

Timo Kumpf: „Als Geschäftsführer habe ich die Verantwortung über alle Bereiche, von der Produktion über die Promotion bis hin zum Programm. Die Schwerpunkte verschieben sich im Laufe des Jahres. Zunächst steht neben Partnerakquise das Programm im Vordergrund, bevor es dann an die Details geht. Eine Spezialisierung darüber hinaus ist momentan leider noch nicht möglich, aber langfristig arbeite ich daran, mehr Verantwortung abzugeben.

Matthias Rauch: „Seit diesem Jahr unterstütze ich das Maifeld Derby Team bei der Pressearbeit und der Kommunikation. Ich arbeite als PR-Verantwortlicher für das Clustermanagement Musikwirtschaft Mannheim & Region. Wir sind Netzwerker und Strukturförderer innerhalb der regionalen Musikwirtschaft. Wir haben in den letzten Jahren unter anderem den VIP-Empfang des Maifeld Derbys ausgerichtet. Dieses Jahr unterstützen wir das Festival vor allem personell.

2. Das Maifeld-Derby geht nunmehr in seine vierte Ausgabe – was wird 2014 anders sein? Gibt es Fehler, aus denen ihr gelernt habt? Gibt es Neuerungen?

Timo Kumpf: „Es gibt immer Dinge, die man verbessern kann und daran arbeiten wir nach unseren Möglichkeiten ständig. Aber größtenteils sind das Dinge, die sich hinter den Kulissen abspielen. Für die Besucher versuchen wir natürlich ständig am Konzept zu feilen und dies zu verbessern. Die größte Veränderung ist, dass wir aus den anfänglich 3 Bühnen nunmehr 5 gemacht haben. Es gibt erstmals eine Aftershow Party im Maimarktclub bis 5.00Uhr morgens. Da geht’s dann elektronischer und tanzbarer zur Sache als beim „normalen“ Festivalprogramm.

Matthias Rauch: „Es gibt auch sehr viele Dinge, die wir gerne fortführen wollen. So ist es uns nach wie vor wichtig, die Details nicht aus dem Blick zu verlieren und eine sehr intime und familiäre Atmosphäre während des Festivals zu schaffen. Hier greifen sehr viele Faktoren ineinander, die von der Dramaturgie des Line-Ups bis hin zum Catering und der Gestaltung des Geländes reicht.

3. Wo soll es mit dem Maifeld-Derby hingehen? Gibt es Grenzen?

Timo Kumpf: „Naja, wir sind schon so ziemlich an der Grenze dessen was das aktuelle Konzept hergibt. Spätestens bei 5000 Besuchern ist unser Gelände erschöpft und aktuell ist es nicht angedacht, daran etwas zu verändern. Das würde dann auch das Besondere, familiäre Ambiente gefährden und das wollen wir glaub ich nicht riskieren.

Matthias Rauch: „Wie Timo schon sagte, geht es uns nicht um Wachstum um jeden Preis. Wir haben nichts dagegen zu wachsen und tun dies ja auch, aber nur wenn wir gewährleisten können, dass wir bestimmte Aspekte nicht komprimittieren müssen.

4. Bei der Dichte an Festivals, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, ist die Konkurrenz natürlich groß. Was ist für ein „junges Festival“ besonders wichtig, um sich zu etablieren und sich von der Masse zu unterscheiden?
Timo Kumpf: „Ich denke neben Programm und gekonnter Umsetzung gibt es noch viele weitere Parameter. Zum einen das liebe Wetter, wobei man das ja nicht im Griff hat, zum anderen noch langweilige Themen wie Finanzierung oder ganz banal auch Geländeverfügbarkeiten. Es kann einfach immer alles passieren und damit muss man dann umzugehen wissen. In unserem Fall war die Szeneangehörigkeit als Musiker von Get Well Soon und das daraus resultierende Netzwerk sehr wichtig. Da merken Bands und Besucher, dass wir da kein Businessmodell zusammengeschustert haben, sondern dass wir hier ein Herzensprojekt umsetzen. Das ist dann auch unser Alleinstellungsmerkmal, wir stehen sehr auf Details.

Matthias Rauch: „Ich glaube, die meisten Besucher des Festivals sind sehr inhaltlich interessiert und wollen die Musik genießen und auch neue Bands entdecken. Und wir wollen dafür einen sehr angenehmen Rahmen bieten. Bei uns wird man keine langen Warteschlangen, kein überteuertes Essen sowie keine Dixieklos ertragen müssen. Abgesehen davon, dass Timo auch dieses Jahr wieder ein hervorragendes Programm zusammengezimmert hat.

4. Wie setzt ihr euer Line-Up zusammen? Was ist euch bei der Bandauswahl wichtig?

Timo Kumpf: „Das ist auch immer so eine Bauchentscheidung. Ich buche, was mir gefällt. Klar hat sich im Laufe der Jahre auch der Anspruch entwickelt, möglichst aufstrebende Bands kurz vom Durchbruch zu verpflichten, aber im Endeffekt entscheiden Qualität und der persönliche Geschmack.

5. Was ist deine Meinung zur Headliner Verpflichtung von The National? Ich könnte mir vorstellen, dass da bei der Ausrichtung des Festivals ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen ist?

Timo Kumpf: „Naja, das ist schon eine krasse Sensation. Wir freuen uns auf diese tolle Band und haben lange gebraucht, um das zu glauben! Aber um auch das mal klarzustellen: Die sind im Vorfeld schon so nett und normal, dass sich das alles schon normalisiert hat und auch THE NATIONAL eine ganz normale Band in einem bunten Portfolio toller Musikgruppen sind.

Matthias Rauch: „Wir freuen uns natürlich sehr, dass das mit The National geklappt hat, allerdings muss sich das gesamte Programm keinesfalls verstecken. Ganz im Gegenteil. Die Verpflichtung von The National trägt sicherlich dazu bei, dass das Festival noch stärker als bisher international wahrgenommen wird. Wir haben sehr viele Anfragen aus dem europäischen Ausland, was uns natürlich sehr freut.

6. Hast du Geheimtipps, was man als Besucher auf keinen Fall an kleinen Bands verpassen sollte?

Timo Kumpf: „Das hab ich beim Programm noch vergessen: Alle Bands sind unsere Geheimtipps! In diesem Jahr hervorzuheben sind vielleicht Hozier, Wye Oak, Son Lux, Anna Aaron, Bilderbuch, Lambert und eigentlich auch alle anderen. Also nix verpassen, denn es könnte deine neue Lieblingsband sein!

Matthias Rauch: „Ich freue mich besonders auf Bands wie Future Islands, Sohn, Monochrome, Hundreds oder auch Get Well Soon, die mit Streicher- und Bläserensemble auflaufen werden. Sollte man alles tunlichst nicht verpassen.

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Openair St. Gallen – Sittertobel St. Gallen – 03.07.2011

Das Openair St. Gallen steht ganz eindeutig auf der guten Seite der Macht. Das bereits 1977 gegründete Festival ist bis heute eine der charmantesten Veranstaltungen im gesamten Schweizer Festivaluniversum und kämpft verbittert gegen Mainstream Giganten. Vergeblich! Nachdem das Festival in den letzten Jahren am Existenzminimum kratzte und man beispielsweise die im vergangenen Jahr Foo Fighters an die zahlungspotentere Konkurrenz verlor, beugten sich die Openair-Macher 2011 dem Druck der Masse und verpflichteten mit Linkin Park eine Band von Blockbuster Format. Mit Erfolg: Am Samstag vermeldete das Festival den Ausverkauf. Diese gesamte Tirade soll indes keinesfalls als Kritik verstanden werden, tischte das Festival seinen Besuchern darüber hinaus (und insbesondere am Sonntag) eine ganze Horde an Liebhaberbands auf. Perlen for die Säue? – keinesfalls, dazu später mehr!

Das Festival an sich besitzt einen außergewöhnlichen Charakter. Es liegt irgendwie eingebettet im Sittertal und eigentlich noch direkt in St. Gallen. Gezeltet wird am Hand und rundherum und alles ist grün und am Eingang ist ein Bauernhof und die Viecher gucken blöd auf die Besucher und Besucher noch blöder zurück. Das ganze Gelände riecht nach Bier und Bauernhof. Großartig. Das Festivalgelände indes ist klein und verworren und voller Attraktionen, Überraschungen und Gimmicks. Hier könnten sich deutsche Festivalmacher wohl definitiv mal eine dicke Scheibe Charme abschneiden und aufs 08-15 Butterbrot legen.

The National: Wer Bedenken hatte die Formation um den sensationellen Frontmann Matt Berninger würde mittags um 14.30 nicht funktionieren, der bekam „eines Besseren“-Erkenntnis vor den Latz geknallt, die sich gewaschen hatte. Die Ohio-Allstars spielten einen innovativen, verspielten, sphärischen, charmanten, besoffenen und schiergar (gibt’s nicht im Hochdeutschen?) magischen Auftritt. Berninger hat gut einen im Tee und sich den Schädel bereits knallend rot verbrutzelt. Eine aus dem Publikum geschleuderte Tube Sonnencreme schafft Abhilfe – die Zahnbürste gibt’s gratis dazu. „Thank you, we live in a Bus.“ Dann torkelt er weiter, singt zum Dank seinen Fans ins Gesicht, schreit und knallt das Mikro auf den Boden und unternimmt direkt einen Ausflug durch die Menge. Eine Bläsertrio baut dazu einen kaum wahrnehmbaren aber tragenden Unterbau Unterbau. Dazu „Fake Empire“. Viel besser kann man so ein solches Nachmittagskonzert Konzert wohl kaum gestalten…

Warpaint: Wäre ich eine Frau und Rockstar und Mitglied bei Warpaint, ich würde wohl wöchentlich großspuriges Name-Dropping betreiben: „For Emily, Whenver I My Find Her“ singt John Frusciante nur für meine Bandkollegin, Conor Oberst liebt unsere Musik und hat uns am Southside auf die Bühne geholt, Josh Klinghofer von den Red Hot Chilli Peppers….“ usw. Warpaint jedenfalls sind die wohl abgefahrenste und anerkannteste Girlgroup der Popgeschichte. Unglaublich trippy, Strange, abartig abgehoben. Der dreistimmige Gesang steht im Zentrum und das ganze Gebilde ist Live ein bisschen mehr Rock´N´Roll und weniger melodisch entrückt. Das St. Gallen Publikum zeigt sich von seiner besten Seite und feiert die vier Ladys auf Sternenbühne (sprich: Im Zelt) mit frenetischen Jubel. Oha, denkt sich die Band und legt sich doch direkt noch ein bisschen mehr ins Zeug.

Beatsteaks: Die subjektive Bewertung muss aufgrund eines Mangels an Eindrücken leider entfallen. Die wenigen die es doch bis ins Kleinhirn und Kurzzeitgedächtnis geschafft haben, sind aber grundsolide und gewohnt spaßig (überlebensgroße Pogogummibäre stagedivend von der Bühne geballtert). Darüber hinaus wirkt Arnim (wie alle anderen Sonntag-Hauptbühnen-Frontmänner) gut besoffen. Die Backstage Minibar scheint es definitiv in sich zu haben.

Beirut: Zach Condon ist ein multikultureller Nerd. Soviel steht fest. Und ein Weltbürger und Wunderkind. Erbarmungslos presste er zunächst osteuropäische Orchestermythen und später französische Chansonkonstrukte durch seinen mit Trompeten und Akkordeon verzierten Indiefleischwolf. Das dabei entstandene Hackfleisch wiederum formte er mit bloßen Händen zu einer ganz neuen Anordnung wundervollster Musik. Beirut ist ein auf CD gebrannter Schmelztiegel, in dem sich Orient und Okzident vereinigen. Östlich. Europäisch. Amerikanisch. Wie die gleichnamige Stadt, die Hauptstadt des Libanons, das Paris des Ostens, in der man in jedem Stadtteil einen Big Mac vernichten kann.

Obwohl oder gerade weil Beirut aus dem CD-Spieler so großartig klingt, hatte Condons Formation lange Zeit den Ruf einer durchwachsenen Liveband inne. Am Openair St. Gallen ist davon allerdings mal so gar nichts zu hörem. Condons Stimme ist zwar zunächst ein wenig leise, klingt dann aber gewohnt leidend und belegt. Eigentlich funktioniert Beirut ja ohnehin besonders gut in den Instrumental-Momenten. Durch Pauken und Trompeten, Posaune und Tuba bläst die Band ihren Orchesterfolk in die Sternenbühne. Dort steht Mann an Mann ein untypisches Festivalpublikum. Herrlich euphorisch, zum richtigen Zeitpunkt leise, zum perfekten Zeitpunkt laut. Nur einmal kreischt mir ein Fangirl übereifrig den Instrumentalteil von „Postcards From Italy“ in die Ohrmuscheln – es sei ihr verziehen, schließlich singe ich ja selbst mit geschlossenen Augen. Dazu gibt es „Scenic World“ und „Elephant Gun“ und alles was man sich sonst noch so wünscht und zwischendurch jubelt uns Zach den ein oder anderen neuen Song unter. Erste Sahne. Zum Finale latschen noch die National-Bläser auf die Bühne und spielen zum engültigen, trompetualen Weltuntergang. Hallelujah!

Queens Of The Stone Age: Naja, es gibt keine Diskussion: Josh Homme ist der coolste Rockstar des Planeten. Vor wenigen Tagen zerpflückte er das Glastonbury-Festival im Vorbeigehen und auch der Sonntag des Openair St. Gallen bekommt ein finales QUOTSA-Brett über den Schädel gezogen. Das ganze geht zwar nur eine Stunde (immerhin eine halbe Stunde kürzer als geplant) und Josh meckert ein wenig über die scheinbar zu chilligen Schweizer – mir persönlich macht das aber aus nicht aus. Denn zum einen ist brühwarmes Wüstenwetter und zum anderen spielt Homme all seine eingängigen Hits von „Go With The Flow“ bis „Little Sister“ – wunderbare Festivalplaylist. Unbestrittenes Highlight ist dennoch „Make It With Chu“, die dahin gehauchte Stoner-Sommer-freie-Liebe-Bier-und-Kiffer-Hymne. Zack – noch Fragen?

Quelle Bandportraits (außer dem Berninger Titelbild): http://gallery.openairsg.ch/

Mehr Bilder vom Festival und Festivalgelände!


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