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Amplifier – Kulturladen Konstanz – 31.05.2011

Um das Ganze mal lückenlos metaphorisch aufzuarbeiten: Der Oktopus ist eine Untergattung der Tintenfische und gehört damit zu intelligentesten aller Weichtiere; sein größtes Markenzeichen sind selbstredend seine acht Arme, die er sowohl zur Fortbewegung, als auch zum Beutefang nutzt. Amplifier, der Progoktopus greift in ähnlichen Maße um sich: Im Hintergrund thront und hämmert Matt Brobin auf imposante Schlagzeugbauten. Er ist das Gehirn der Band, der Torso des Tintenfisches. Und er setzt die Impulse, entwirft die Signale. Seine Bandkollegen, symmetrisch über die Bühne verteilt, schrammeln dazu und kicken wild nach ihren quadratmetergroßen Effektgeräten. Sie reagieren dabei auf die rhythmischen Zuckungen aus dem Hintergrund – ein musikalisches, achtarmiges Nervensystem, ein zerstörerischer Riesenkrake.

In Zeiten in denen das Youtube-Video dem Format „Album“ beinahe vollständig den Rang abgelaufen hat und in denen Musik immer schneller und komprimierter funktionieren sollte, stilisiert sich Amplifier als felsenfester Gegenentwurf. Geschlagene drei Jahre frickelte die Band zuletzt an ihrem dritten Studioalbum „The Octopus“, einem bleischweren, doppelseitigen Monument im Gedächtnis der großen Konzeptalben der 60er und 70er Jahre. Doch von vorne: 2004 kracht der grandiose, selbstbetitelte Amplifier Erstling in die britische Musikszene und hinterlässt offene Münder. Es ist die Hochzeit der Strokes oder der Libertines. Britannien klingt jung, eingängig und abgefuckt. Indie halt, durch und durch. Folgerichtig boomt Amplifier bei den Kritikern und floppt beim großen Publikum. Amplifier ist das irgendwie egal: Sie sind Besessene des eigenen Sounds, detailverliebte Soundbastler, Heimwerker, Prognerds.

Umso erstaunlicher ist deshalb der Moment in welchem Amplifiers klitschige Krakenarme erstmal in den Kulturladen klatschen. Die Band trägt schwarz, nur auf den Krawatten prangt das weiße „Octopus“-Emblem. Amplifier und geizen nicht mit Rockstarposen. Sel Belamir, Neil Mahony und der von Oceansize zur Band gestoßene Gitarrist Steve Durose hängen adrett aufgereiht ins Publikum und brechen massige Soli und Riffs herunter. Live ist die Formation mehr Rock- als Prog-Band und klingen eher nach einer straighten Version von Led Zeppelin als nach Mogwai, mehr nach Wolfmother als nach Explosions in the Sky. Erst später verzerrt sich der Sound und die Musik verschwimmt unter den zunehmend psychedelischen Effekten und am Ende zerfließt die seltsame Mische in einem unbarmherzigen Finale Furioso – der klitschige Griff des Oktopus löst sich aber erst Stunden später.

Ganz klassisch, der Nachschlag per P.S.: Der gebührt nicht Amplifier, sondern Ira. Der Vorband, die keine ist, also schon, aber noch viel mehr. Post-Rock vom See? Längst eine Institution. Die schichten butterweich Sphäre über Sphäre und darüber den mächtige, zweisprachigem Gesang von Toby Hoffmann. Ira schweißen ein Klangkonstrukt, dass man so irgendwie noch nie gehört hat. Zumindest von keiner deutschen/ deutschsprachigen Band. Klangmalerisch geschrieben: Woaaaaaaaaaah!!!

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