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Posts Tagged ‘the xx’

Mumford&Sons, Babel, Cooperative Music (Universal)

Die Welt ist in Ordnung

 

Eigentlich klingt die Geschichte der Mumford&Sons wie ein Märchen aus Zeiten, in denen es noch kein Youtube gab. Da ist also die Truppe aus London, ohne Skandale, ohne Glanz und Gloria, aber mit einer tonnenschweren Portion Musik im Vollblut und einem Musikverständnis, aus einer Zeit, in der selbst Bob Dylan noch akustisch spielte. Da ist also der Frontmann, Marcus Mumford, mit einer Stimme, wie du sie noch nie gehört hast: Voller Schmerz und gerade soviel Hoffnung, dass es nicht weh tut. Mit der Möglichkeit für Lagerfeuermomente, mit der Möglichkeit zu schreien und kurz darauf zu flüstern. Und da ist also dieses musikalische Grundgerüst: Da sind die traurigen Streicher, da ist der launige Kontrabass und da ist das ratternde Banjo. Das alles formte schlicht und einfach umwerfende Debüt, das zunächst die Folkheads liebten und dann plötzlich alle anderen. Und jetzt wird’s ungewöhnlich: Denn Mumford&Sons wurden zur erfolgreichsten britischen Band seit Coldplay. Mit Folk-Musik. Das neue Album heißt „Babel“ und Marcus´Mannen finden die perfekte Formel für ein zweites Album. Sie brechen nur bedingt mit dem Sound des Debüts und sie ahmen dessen Erfolgsformel nur bedingt nach: Das Banjo rückt ein bisschen weiter in den Mittelpunkt, das epochale rückt ein wenig zurück, der Sound wirkt insgesamt ein bisschen beschleunigt (das Ausnahme-Kleinod heißt „Reminder“ und trieft nur so vor schlichter Schönheit). Dabei wird der Hörer zum Perlentaucher, der mit jedem Durchgang eine neue Songperle, einen neuen Gänsehaut-Moment aus dem zunächst noch dunklen Folk-Sumpf ans Tageslicht befördert. Highlights sind „Holland Road“ (das zunächst ein wenig dahin dümpelt, ehe es in alle Richtungen ausschert) und „Lover Of The Light“ (in welchen Marcus Stimme jede Sekunde dominiert) und „I Will Wait“ (das, gehetzt vom Banjo, zur Hymne reift) und…ach lassen wir das! Man gibt das ja wirklich nicht gerne zu – aber an manchen Stellen ist unsere Musik-Welt eben doch noch voll in Ordnung.

Kaufempfehlung? Es ist eine Frechheit überhaupt zu fragen…

 

Seeed, Seeed, Warner Music International (Warner)

Sand im Getriebe

Die Spannung ist riesig: Seeed, Kultband aus Berlin, deren letzte Scheibe mittlerweile sieben Jahre zurückliegt und deren Sänger Peter Fox eine unglaublich erfolgreiche Solokarriere hinklatschte, haben eine neue Platte eingespielt. Jetzt liegt sie also da, die Scheibe und rotiert alsbald im CD-Player: „Beautiful“, das beim Bundesvision Songcontest so manchen Jubelstrom auslöste, ist auch auf Platte ein echter Brecher mit elektronischen Beginn, mächtigen Bläsern und 50er Jahre-Orchestersound. Und doch fällt auf: Der Song wirkt trotz allem irgendwie glattgebügelt, ohne die altbekannten Hauptstadtecken und Songwriting-Kanten. Und ohne die Entspranntheit des Peter Fox-Albums – vielleicht ist das ein Statement: Seeed können auch Hochglanzpop – und er nervt. Der Rest des Albums funktioniert dann eher nach alten Rezept: Der gemeinsame Nenner der meisten Songs heißt Reggae, respektive Dancehall und so dominiert entweder ein drönend entspannter Beat oder eben die Midtempo-Version, die schneller nach vorne prescht und sich immer mehr in elektronischen Sphären auslebt. Hinzu kommt der stetige Wechsel der Tempi, Stimmen und der Sprache. Insgesamt fehlt es jedoch sowohl an eindeutigen Enttäuschungen, als auch an echten Hits, an den klassischen echt Brechern. Sieben Jahre Pause scheinen ihre Spuren hinterlassen zu haben, es ist Sand ist im Seeed-Getriebe. Irgendwie belanglos.

Kaufempfehlung? Vielleicht als Folterwerkzeug.

 

Muse, The 2nd Law, Warner Music International (Warner)

Bombast aus allen Rohren

Muse sind definitiv eine Band die polarisiert und über die die Musiknerds stundenlang diskutieren könnten. Für die Fanatiker schuf die Band einen einzigartigen Sound, irgendwo zwischen Radiohead und Placebo, für die Liebhaber hat das Trio seit ihrem Überalbum „Absolution“ nur noch Mainstream-Müll produziert und die ewigen Kritiker läuft bereits ein Schauer über den Rücken, wenn sie nur an Matt Bellamys Gesang denken. Und auch über „The 2nd Law“ wird diskutiert werden, soviel ist sicher. Drei Jahre ist nun her, dass Muse mit „The Resistance“ den Sprung in den Rock´N´Roll-Himmel schafften und unzählige Musikmärkte dieser Erde pulverisierten. Wie Legosteine baut „The 2nd Law“ nun genau darauf auf: Muse feuern Bombast aus allen Rohren. Coldplay Herzschmerz, U2 Pathos. Das beste Beispiel ist der Eröffnungssong „Supremacy“: Zuerst brettert da ein minutenlanges Schlagzeugsoli, dass dann beinahe nebenbei von typischen Muse-Gitarren und Elektrogewitter untermalt wird. Dann erfolgt der Bruch, der Sound wird komplett entschleunigt und formiert sich zeitweise zu einem kurzen Ennio Morricone-Tribute. Tiefe Trommelschläge, angedeutete Trompetenklänge, ehe Bellamys Gesang einsetzt und sich zu einem kreischenden Werwolfheulen aufschwingt. Der nachfolgende Song „Madness“ ist vielleicht die seltsamste Komposition der Bandgeschichte: Elektronisches Intro, hypnotischer Backgroundgesang, Bellamy in Pop-Stimmung. Und so funktioniert das Album wie eine Achterbahnfahrt: Man wartet bis aufs äußerste gespannt auf den Höhepunkt, die Spannung baut sich Schicht für Schicht auf, dann wird man brutal in alle Richtungen durchgeschüttelt, ehe die enttäuschende Fahrt langsam ausgleitet. Eines ist sicher: Nach dem Genuss von „The 2nd Law“ wünscht man sich definitiv noch ein bisschen stärker die alten „Absolution“-Zeiten zurück.

Kaufempfehlung? Ne! Absolution für nen 5er!

 

Max Herre, Hallo Welt, Nesola Universal Music (Universal)

Ein Schritt zurück

 

Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum: Der beste Song des neuen Max Herre Albums heißt „Berlin-Tel Aviv“. Ein Stück Pop-Oper, dem die Schweizer Wunderstimme Sophie Hunger die perfekte Würze verleiht. Anhören. Sofort! Doch Halt! So ein Album besteht ja glücklicherweise nicht nur aus einem Song. Also: Kommando zurück: Eine alte Großmutter-Weisheit lautet: Manchmal muss man eben einen Schritt zurück gehen, um seinen Weg wieder in die richtige Richtung auszurichten. Und genau das hat sich wohl auch Max Herre gedacht, als er sich in einer ruhigen Minute intensiv mit seinen ersten beiden Soloalben beschäftigte. Denn die Solo-Karriere des Stuttgarter, der Anfang des neuen Jahrtausends mit Freundeskreis dem deutschsprachigen Rap so viele Pforten öffnete, hat zwei grundverschiedene Knospen ausgetrieben: Auf der einen Seite ist das verspielte, von vielschichtiger Bandbreite geprägte Debüt und auf der anderen Seite ist das nachfolgende total verkrampfte Singer-Songwriter-Album. Herre wählte den richtigen Anknüpfungspunkt und so kann „Hallo Welt“ eine immense Wahlverwandtschaft zum Erstling nicht verstecken. Die Scheibe scheppert angenehm vor sich hin und Max Herre wirft konzentriert die unterschiedlichsten Zutaten in sein musikalisches Potpourri: Ein bisschen Reggae, ein wenig Soul, ordentlich HipHop, eine Brise Indie. Dazu hat der Chefkoch eine Fülle von namhaften Küchenhilfen verpflichtet: Reggae-Head Patrice sorgt für Tiefenentspannung mit politischer Note, Samy Deluxe steht für die alte, Marteria für eine neue Generation des HipHop, Aloe Blacc verleiht der Mixtur ein internationales Flair, während Cro und Clueso mit dem luftigleichten „Fühlt sich wie fliegen an“ wohl zurück auf den Teenie-Radar befördern werden. Insgesamt wirkt das Gesamtbild vielleicht ein wenig zu gewollt, die Phillip-Poisel-Schmonzette „Wolke 7“ hätte nun wirklich nicht sein müssen und den klassischen Rapper nimmt man Herre sowieso nicht mehr wirklich ab – und doch ist „Hallo Welt“ irgendwie doch eine gelungene Auferstehung eines Pioniers.

Kaufempfehlung? Muss nicht sein…

 

Macklemore&Ryan Lewis, The Heist, Macklemore (Sub Pop)

Brutal gut!

 

Es gibt sie noch, die perfekten Musikmomente. Da latschte ich ordentlich verstrahlt über das Openair Frauenfeld -Gelände, als mir plötzlich das wohl markanteste Riff meines Aufwachsens entgegenschrammelte: „Otherside“ von den Red Hot Chilli Peppers. Also, Richtung Bühne gelatscht und dort direkt wegeblasen: Macklemore heißt der Rapper, Ryan Lewis sein Produzent, der mit Vorliebe auch mal The National und Arcade Fire sampled. Soweit so gut, zu Hause das Zeug zu Tode gefeiert, dauerrotiert und dann kapiert, dass es auch abseits von meiner Welt einen Macklemore-Hype gibt. Egal, „The Heist“ ist das Debütalbum und es kann ungefähr alles und enttäuscht doch ein bisschen: Die besten Songs der Scheibe waren schon vorab bekannt: „Wings“ → WoW! „Make The Money“ → Brutal! Angesichts der astronomischen Erwartungen fällt der Rest ein wenig ab. Der ein oder andere Song ist mir zu Hook-lastig, die unglaublichen Stärken von Macklemore (sprich seine Texte, seine Emotionalität und natürlich die Ryan Lewis Beats) rutschen zugunsten von mittelmäßigen R´N´B-Hooks ins zweite Glied. Mensch. Aber gut, meckern auf Mount Everest-Nivau (vergesst nicht: Ich bin Fanboy!). Aber natürlich gibt es Songperlen: „Same Love“ → wunderschön! „Jimmy Iovine“ → Highspeed und mächtiges Ab-Soul Feature. „White Walls“ → wunderbar nerdig, dazu mächtiges Schoolboy Feature. Insgesamt ist das Album also wirklich ein kreatives Feuerwerk, das es mächtig scheppern lässt. Macklemore ist ganz bestimmt eine der großartigsten HipHop-Experimenteure. Brutal gut!

Kaufempfehlung? Aber sofort!

 

The XX, Coexist, Young Turks/Xl Recordings/Beggars (Indigo)

Die Kunst der Reduktion

 

Die Kunst der Reduktion ist immer ein schmaler Grad. Denn etwas (und dabei ist es völlig egal ob Film, Musik oder eine Rahmsoße) aufs seine elementaren Bestandteile zu reduzieren, kann sich immer auf zwei unterschiedliche Arten und Weisen auswirken: Entweder das Ergebnis ist langweilig und fad, weil eine entscheidende Zutat fehlt oder das finale Produkt überzeugt in seiner Schlichtheit und Abgeschlossenheit. Seinen festen Platz in der Rock´N´Roll-Geschichte erreichte die Reduktion Ende der 80er, als das Künstlerkollektiv The Wild Bunch Truppen wie Massive Attack und Portishead formte und den sogenannten TripHop aus den Angeln hieb – die Bands aus Bristol wurden zu Legenden und irgendwie traute sich keiner mehr so Recht an diese Art von Musik. Bis, ja bis die Teenagertruppe The XX 2009 mit ihrem Hit „Crystalised“ das Internet auf den Kopf stellten. Eine Sensation, die einen wahnwitzigen Hype hinter sich zog. So, jetzt folgt natürlich die alte Geschichte vom Durchbruch-Debüt-Album, der langen Pause und dem Riesendruck auf dem Nachfolger. Und tatsächlich: „Coexist“, das neue XX-Album, wird wegweisend für das Londoner-Trio sein. Das Album beginnt mit „Angels“ und einem supermonotonen Orgelbeat, ergänzt durch den ein oder anderen Trommelschlag und dazu singt Romy Medley Crow – konzentriert hypnotisch. Weniger ist hier definitiv mehr. Jede Sekunde, jeder Moment, jede kleinste Kleinigkeit brennt sich ins Ohr! Zack, Song zwei: „Chained“: Jetzt Oliver Sim, Männerstimme und das ist der nächste Coup im XX-Universum, das Zusammenspiel der Stimmen – als hätte man Beth Gibbons und Tricky in eine Band verfrachtet. Mit „Try“ und „Sunset“ folgen weitere Perlen. „Coexist“ ist ein Album in Ultrazeitlupe, das in seiner Gesamtlänge ein wenig einschläfert, aber großartige Songmomente produziert. Musik zum aus dem fahrenden Zug starren, Musik, die man mit riesengroßen Kopfhörern hören sollte.

Kaufempfehlung: Jo!

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