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Posts Tagged ‘Tocotronic’

Kendrick Lamar, Good Kid M.a.a.d. City, Interscope (Universal)

Eine Zeitbombe

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Die HipHop-Szene, das ist nicht neu, sucht ihren Messias, einen Aufspalter, der der neuen digitalen Welt endlich und vollends gerecht wird. Vielerlei Augen erblickten in Kendrick Lamar aus Compton genau dieses Potential. Sein Debüt Section80 war mehr als vielversprechend, die Vorschusslorbeeren indes, die im Vorfeld zu Good Kid M.a.a.d. City in Blogs und Magazinen ausgeschüttet wurden, hätten wohl jeden römischen Cäsar in die Knie gezwungen. Und ja, das Album greift ab der ersten Sekunde und funktioniert als Konzeptalbum, als Aneinanderreihung von Geschichten und Storys aus dem dunklen Herz der amerikanischen Straße. Kendrick Lamar ist ein Poet, der sich viel eher in die Tradition der großen Singer/Songwriter, irgendwo zwischen Dylan und Young einreiht, als ein bahnbrechendes HipHop-Album abzuliefern (das eine schließt das andere selbstredend nicht aus). In seiner Machart bleibt das Album größtenteils in beruhigten Gefilden, vermeidet allzu krasse Brüche und überraschende Effekte. So bleibt festzuhalten: Während die Vorab-Singles „Swimming Pools“ und „The Recipe“ sofort zünden, gleicht der Rest des Albums einer Zeitbombe.

Kaufempfehlung? Du kommst nicht dran vorbei!

 

Godspeed You! Black Emperor, „Allelujah! Don’t Bend! Ascend!“, Constellation (Cargo Records)

Gegen jede Regel

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Godspeed You! Black Emperor wollen mit Musik des 21. Jahrhunderts nichts zu tun haben. Die Band aus Kanada entzieht sich allen gängigen Regeln und Abläufen, allen Schemen und fixen Ideen. Vielleicht, so diskutiert man im Internet, ist das alles Kalkül, immerhin ist der kanadische 10er mittlerweile Vorreiter und Aushängeschild der gesamten Postrock-Szene. Vielleicht aber schafft sich das Postrock-Orchester genau dadurch eine endgültige, totale Freiheit. Fakt ist, dass „Allelujah! Don’t Bend! Ascend!das erste Godspeed (das ist einfacher) Album seit 10 Jahren ist. Ganze vier Songs beinhaltet das Album, zwei davon, „We Drift Like Worried Fire“ und „Mladic“, breiten sich über epische 20 Minuten aus, schichten Schichten übereinander. Streicher, Geräusche, Töne, Knacken, Jaulen. Die Stücke gleiten dahin, brechen aus, frieren ein und zerbersten in tausend Scherben. Die beiden anderen Songs, „Their Helicopters Sing“ und „Strung Like Lights…“, dauern schmale sechs Minuten – das ist Popformat für Godspeed. Und während des Hören sucht man verzweifelt nach passenden Bildern, das Resultat: Diese Band fährt Schaufelbagger im Porzellanladen, streicht mit Pinseln über Flugzeugturbinen.

Kaufempfehlung?Bitte anhören!

Biffy Clyro, „Opposites“, Warner Music International (Warner)

Der süße Ruf des Mainstream

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Als Musikfan verliert man von Zeit zu Zeit eine Lieblingsband. Nicht aus den Augen, sondern an die Seichtheit des Mainstreams. Ein Beispiel hierfür wären die Kings Of Leon, die über Jahre formidablen Blues Rock kredenzten und deren Rockballaden mittlerweile zu den Favoriten der DSDS-Castingteilnehmer zählen. Als Kandidat für ein ähnliches Schicksal hatte die Szene in den vergangenen Jahren Biffy Clyro ausgemacht. Denn das schottische Trio, gesegnet mit immensen Talent und Potential, hatte sich mit einer aberwitzigen Kombination aus Prog-Indie-Avantgarde und bombastischen Live-Auftritten eine überschaubare und treue Anhängerschaft und den Ruf einer Liebhaberband erspielt, ehe „Puzzle“ plötzlich eingängiger funktionierte und „Only Revolutions“ bereits zu großen Teilen dem süßen Ruf des stadionkompatiblen Mainstreamrock erlegen war. Mit „Opposites“ marschiert die Truppe den eingeschlagenen Weg nur konsequent weiter, schafft dabei aber den eleganten Spagat zwischen Eingängigkeit und Progressivität. Klar sind da Keyboard-Sounds, klar spielt da ab und an ein Orchester die erste Geige und klar wartet das Doppelalbum mit gefühlten 15 Radiohits auf – aber die Gesamtkomposition funktioniert und wirkt durch und durch authentisch: Das Schlagzeug pumpt marternd, die Gitarre sägt in prächtiger Prog-Grunge-Manier und Simon Neils Stimme beschwört nuancierte Hymnen. Und so rotiert eine breitschultrige Rockscheibe, die wohl selbst Dave Grohl die Neidesblässe auf die Backen zaubern könnte.

Kaufempfehlung? Für Fans: Na Klar! Für Einsteiger: Lieber Puzzle!

 

Bad Religion, „True North“, Epitaph Europe (Indigo)

Die alte Leier

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Es gibt ein Problem mit dem sich jede Punkband, die länger fünf Jahre besteht früher oder später auseinander setzen muss. Mit zunehmenden Alter ändert sich der Zugriff auf das Leben, die politischen Ansichten und meist auch das musikalische Grundverständnis. Aus diesem Grund entwickelte Joe Strummer The Clash zu einer aufregenden Blues-Rock-Indieband und deshalb warten Green Day Jahr für Jahr mit immer neuen und stetig fragwürdiger werdenden Konzepten und Konzeptalben auf. Bad Religion indes haben ihren ganz eigenen Ansatz zur Lösung der Misere gefunden: Sie ignorieren sie einfach komplett. Die kalifornische Punkkombo besteht nun seit nunmehr 30 Jahren und hat in diesem Zeitraum circa 20 Mal die selbe Scheibe veröffentlicht. Die Blaupause: Ein Haufen Zweiminüter mit politischer Aussage, Ohrwurm-Riffs und choralen Mitgröhlrefrain. Herrlich! Auch „True North“ gestaltet sich nur bedingt anders – für einige Reizpunkte sorgt aber vor allem die Produktion: Produzent Joe Baresi ist eine Legenden des Prog- und Stonerrock und zeichnet sich normalerweise für die Aufnahmen von Bands wie Tool oder Kyuss aus. Er verleiht der alten Bad Religion-Leier eine unberechenbare Brise. So kommt „The Past Is Dead“ zunächst ungewohnt düster daher und erinnert beinahe ein wenig an eine Tool-Light-Version, ehe der Song wieder im Bad Religion-typischen Highspeed lossprintet. „Crisis Time“ folgt einen ähnlichen Aufbau, überrascht aber mit Gesangsvarianten – Ohrwurm inklusive. Und ja: Das macht schon Spaß!

Kaufempfehlung? Ach, entweder „True North“ oder irgendeine andere Bad Religion. Die Unterschiede sind peripher!

Jake Bugg, „Jake Bugg“, Mercury (Universal)

 Stadion und Lagerfeuer

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Es gibt wahrlich einfachere Aufgaben für einen noch nicht mal volljährigen Singer/Songwriter als bei einem Noel Gallagher-Konzert als Voract aufzuspielen. Denn die Fans der Gebrüder Gallagher und deren ehemaliger Formation Oasis ticken zu großen Teilen ähnlich wie ihre Idole: Sie dulden keine anderen Götter (respektive Musiker) neben Oasis. Jake Bugg war das egal, mit dem Selbstvertrauen der Nottinghamer Arbeiterklasse stellte sich der 1994 geborene Musiker vergangenes Jahr den Britpop-Fans und bekehrte die Massen. Ende Januar erscheint Jake Buggs Debüt (das auf der Insel übrigens spielerisch Platz 1 erklomm) endlich auch auf dem deutschen Markt. Jake Buggs Stimme, das liegt auf der Zunge, ist seine größte Waffe. Ein dylaneskes Reibeisen, inklusive Gallagher-Nöligkeit, die sowohl zum Lagerfeuer, in den Ghettoblaster oder das Festivalstadion passt. Gleich die ersten beiden Songs des Albums stellen die eindeutige Wahlverwandschaft zu den großen Vorbildern explizit heraus: „Lightning Bolt“ könnte eine klassische Komposition des jungen, aufmüpfigen Dylan sein: Schrammelgitarre, Highspeed-Strophe, knackiger Ausbruch und ein paar Sekunden Sologejamme. „Two Fingers“ indes ist langsamer, epischer, eingängiger, britischer, arroganter. Eine aufregende Mixtur, die vor allem deshalb Spaß macht, weil die Produktion nichts verschönert und übermalt: Die Aufnahmen sind dreckig, die Kompositionen Jake Buggs teilweise sehr roh – kein Plastik, sondern zitatreiche Musikgeschichte in Proberaumatmosphäre.

Kaufempfehlung? Na klar, ein bisschen Taschengeldaufbesserung für den Herrn Bugg sollte schon drin sein!

Universal New Order, Lost Sirens, Warner Bros

Gemischte Gefühle

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„Lost Sirens“, soviel steht fest, ist definitiv ein Album der gemischten Gefühle: „Das muss doch nicht sein. Reine Geldmacherei?“, motzt der Nörgler im Hörer, mit Blick auf den Entstehungsprozess des Albums. Denn die verlorenen Lieder stammen allesamt aus dem langwierigen Schaffensprozess zur letzten New Order-Scheibe „Waiting for the Siren‘s Call“. Reste also, die es damals nicht auf das Album geschafft haben (die aber, will man den offiziellen Aussagen trauen zusammen mit weiteren Songs schon immer als Albummaterial angesehen worden waren). „Ein einzigartiges Zeitdokument, die vielleicht letzten richtigen, gewichtigen Aufnahmen aus dem New Order-Kosmos.“, antwortet der melancholische Musikfan im Hörer, angesichts der Geschichte der Band, die eben nach der Veröffentlichung von „Waiting for the Siren‘s Call“ zerbrach und nie wieder in der Originalbesetzung zusammengefunden hat. All das Vorabwissen verstellt einen objektiven Zugang zu „Lost Sirens“. Das achtteilige Album wirkt zu Beginn recht glatt und beinahe übertrieben poppig: Melancholisches Keyboardgeklimper, angenehme Stimmung, einfache, wenn auch sehr schöne Radiomusik. Der zweite Teil der Scheibe rückt das Gesamtgebilde in einen etwas anderen Rahmen: „Hellbent“, der aufregendste Song der Scheibe, zitiert ein wenig Bluesrock und ein bisschen Britpop, ehe beides in klassisch, elektronischen New Order Kompositionen auseinanderbröselt. „Shake It Up“ im Anschluss überrascht mit 80er Jahre Disko-Mentalität.

Kaufempfehlung? Naja. Hm.

Nick Cave And The Bad Seeds, Push The Sky Away, Bad Seed Ltd. (rough trade)

Es brennt auf der Haut

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Als „Push The Sky Away“ zu rotieren beginnt, ist das ein bisschen so, wie wenn man bei einem echten Sauwetter endlich zu Hause ankommt. Da ist eine vertraute Wärme, ein wohliges Gefühl – abseits allen Kitsches. Die Platte beginnt mit einem kaum wahrzunehmenden Paukenschlag: Eine komplett verrauschte, eletrifizierte Pianospur ebnet den Weg für Nick Cave Stimme. Dessen dunkel-düsteres Organ ist mit Hall verstärkt und wird bald von Background-Sängern unterstützt. Dann sind da Fetzen von Streicherarrangements, ein bisschen Glockenspiel. Und das alles legt sich übereinander, ehe der Opener in wenigen, sich in Spiralen wiederholenden Wörtern ausklingt: „We Know Who U R“. Ein großartiger, weil aufs nötigste, aufs elementarste reduzierter Beginn und als Hörer kann man sich den folgenden acht Kompositionen nicht mehr entziehen.

Die neue Nick Cave-Platte klingt alt. Als hätte sie Minimum 20 Jahre auf dem Buckel. Sowohl physisch (es rauscht, scheppert und kratzt), als auch psychisch, historisch: Fast so, als hätte man eine alte Nick Cave Version aufgetaut: Vor all den Metamorphosen, die der einst dürre australische Teenager nach seiner Reise nach Europa durch- und mitgemacht hat. Als aus dem „Birthday-Party“-Post-Punker ein melancholischer Geschichtenerzähler wurde, als er sich in all seinen tragischen Balladen verfing und sich dann mit seinem Anti-Projekt Grinderman an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zog. Caves offizielles Statement lautet: „Diese Platte fühlt sich irgendwie neu an, aber neu in einem ‚old school‘ Sinn.“ Dabei passt es ins Bild, dass der Altmeister seinen alten Gitarristen Blixa Bargeld zu den Bad Seeds zurückholen wollte – und obwohl das nicht klappte geht das Soundexperiment auf. Ein fantastisches Beispiel ist „Water´s Edge“, der ungefähr alles beinhaltet, was den Nick Cave der 80er ausgemacht hat: Eine destruktive Komposition, abgehackte Streicher- und Pianomomente, Verschiebungen und diese unheilschwangere Stimme, die flüstert, schleicht, streichelt, schreit, wegrennt, weint. Und einen doppelbödigen, tragischen, fast absurden Text.

Fünf Jahre Zeit hat sich Nick Cave für diese neun Songs genommen. Fünf Jahre, in denen er, mit Ausnahme seiner Touren, jeden Morgen zur gleichen Zeit aufstand, sich in seine Büro mit Seeblick in Brighton setzte und akribisch arbeitete, komponierte, schrieb und das Internet nach Absurditäten durchforstete. „Push The Sky Away“, aufgenommen in einem Herrenhaus in Südfrankreich, ist also die Quintessenz dieser fast besessenen Arbeiteinstellung. Die Platte ist so dicht, dass sie ihren Rezipienten kaum Platz zum atmen lässt, dass sie auf der Haut und in den Gehörgängen brennt. Und dass sind schlussendlich die beste Nick Cave And The Bad Seeds Veröffentlichung seit „No More Shall We Part“ markiert.

Kaufalbum? Das ist jetzt ne rhetorische Frage, oder?

Tocotronic, Wie Wir Leben Wollen, Vertigo

Reflexion der Zeitlichkeit

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20 Jahren ist es nunmehr her, dass sich Tocotronic urplötzlich aus den untersten Schichten der Hamburger Musikszene freischaufelten. Das Publikum reagierte befremdet und irritiert: Das damalige Trio schrammelte in besetzten Häusern, trug aber Seitenscheitel und benutzte das Vokabular der Geisteswissenschaft und sang doch von Untergang, linker Bewegung und Umsturz. Widerspruch reihte sich an Widerspruch.

War Wut bis dato vor allen Dingen in der Dahingerotztheit, dem „Zwei Akkorde, einstecken und los“ des Punkrock manifestiert, erweiterte Tocotronic das Spektrum um einen intellektuellen, ironischen, poppigen Umgang mit der Thematik und wurde zum elementaren Bestandteil des Hamburger Schule, jener Bandbewegung, die den deutschsprachigen Indie bis heute prägt. Wunderbare Wut und prachtvoller Protest. Das Feuilleton liebte die Band, der Mainstream verlieh ihnen den VIVA-Comet – doch Tocotronic verschloss sich: Der Comet wurde abgelehnt und ihre durchschlagskräftigen eingängigen Protestsongs um Streicher-Arrangements und elektronisch-introvertierte Sequenzen erweitert, während die Zeiträume zwischen den Albumveröffentlichungen stetig länger wurden. Mit der legendären Berlin-Trilogie verankerte sich Tocotronic dann endgültig als beißender, unfassbarer und doppelbödiger Spiegel der deutschsprachigen Popmusik. Mit „Wie Wir Leben Wollen“ schließt sich nun der Kreis der Bandgeschichte – und Tocotronic wäre nicht Tocotronic, wenn dieses Jubiläum nicht performativ und zitatreich gestaltet werden würde.

Der fantastische Opener „Im Keller“ streift sogleich die unzähligen Sphären des tocotronischen Kosmos und zitiert all die Kontexte die sich über die Jahre diskursiv um die Band angeordnet haben: Das Lied beginnt mit wenig rhythmischen, vor sich hin plänkelnden Gitarrengezupfe, welches dann spielerisch in einem „HeyHeyHey“-Refrain mündet. Das ist beinahe aufreizend poppig, ehe Dirk von Lowtzoow schwermütige ironische Lyrics in den Song hineinwehen und die eigenen Zeitlichkeit vor-und rückreflektieren: „Ich hab mich nie bemüht/ Und jetzt bin ich verblüht/ Im Keller wartet schon/ die Version, die mich dann ersetzt“. Am Ende sprengt ein Chormoment das bis dahin glasklare Poperlebnis. Es zeigt sich: Tocotronic sind mittlerweile Mitvierziger und entsprechend weniger parolen-geschwängert ist die neue Scheibe, wenn auch nicht weniger politisch: „Das Album ist trotzdem die Antithese zum herrschenden Denk-Mainstream…“, meinte von Lowtzow unlängst in einem DPA-Interview. Im Song „Exil“ bringt er die gesamte Konzeption mit einem einzigen Satzframent auf den Punkt: „Exil vom Mailstream!“, das ist gleichermaßen musikhistorische Referenz (auf die legendäre Rolling Stones-LP „Exil On Main Street“ – Sowohl als Wortspiel, wie auch in der musikalischen Komposition.), wie textliches Programm (Motiv: Der digitalen Welt entkommen!). Passend dazu klingt die Platte auf Soundebene absolut retro und schmeckt intensiv nach den 70er Jahren: Es rauscht und rattert, man wartet beinahe auf den Sprung in der Schallplatte. Und weil das Quartett darüber hinaus mit ihrem „Lied der Jugend“ ein regelrechtes Elektrogewitter entlädt und dazu so manche große Rockhymne entblättern, entsteht ein Sound, eine Platte, die dieses Mal nicht nur den Pop der Weltgeschichte und die deutsche Sprache im Kreuz zitiert, sondern darüber hinaus auch die eigene Bandgeschichte erbarmungslos durchkurbelt. Der Hörer muss dies erst einmal entwirren, Schichten freilegen, ehe klar wird, was hier vorliegt: Ein ganz großer Popwurf.

Kaufempfehlung? Andrea Berg darf niemals siegen!

 

Soundgarden, King Animal, Universal

Das Tier beißt zu

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Vor nunmehr 16 Jahren trugen Chris Cornell und seine Bandkollegen das Projekt Soundgarden zu Grabe. Zwei Jahre ist es indes her, dass sich die Bandmitglieder in den Augen vieler Fans als Grabschänder betätigten: Zwei lasche Singles und recht uninspirierte Liveauftritte schürten alsbald die Meinung, dass sich Soundgarden mal lieber im Rock´N´Roll Altersheim auf ihren Lorbeeren ausgeruht hätten. Und jetzt? King Animal! Das königliche Tier starrt uns bereits vom Plattencover heraus an, ein Haufen alter Knochen, der doch bedrohlich wirkt. Und ja: Soundgarden beißen noch einmal zu, das Album ist die langersehnte, die wirkliche Wiederauferstehung. Der Opener „Been Away To Long“ fungiert als Eisbrecher: Das Stück ist purer Rock´N`Roll und startet mit einem übermächtigen Riff, ehe Cornell sich verbissen durch das Stück kaut und ein kurzer Chor in den Song hineinschreit, der am Ende Soundgarden-typisch auseinander bricht. Yeah!Willkommen zurück. Überhaupt vermischt das Album durchgehend Soundgarden-typische Elemente mit Zitaten der jüngeren Rock´N´Roll-Geschichte: „Blood On The Valley Floor“ ist ein tonnenschwerer, psychodelischer Stonerrock-Brocken, „Rowing“ indes entwickelt sich zur ultra-smoothe Blues-Nummer. So reiht sich King Animal verspätet aber nahtlos in die Reihe der großen Soundgarden-Scheiben ein. Und das ist eigentlich Kompliment genug.

Kaufempfehlung: Jo!

Green Day, Tré, Reprise Records (Warner)

Ab ins Mittelmaß

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Verstehe einmal einer die Rockstars dieser Welt: Da veröffentlichen Green Day, ihres Zeichens die erfolgreichste Punk-Rock-Kombi des gesamten amerikanischen Kontinents, im gesamten neuen Jahrtausend gerade einmal drei Alben, nur um sich dann im Jahre 2012 als echte Workaholics zu präsentieren und den Markt mit drei Platten in einem Jahr zu fluten. Kann das gut gehen? Um es kurz zu machen: Nein! „Uno“, „Dos“ und „Tré“ – so stinklangweilig wie die Betitelung der Platten ist auch die Idee, mit jeder Scheibe einer Sternstunde der eigenen Plattengeschichte zu huldigen. Während „Uno“ noch ziemlich erfrischend daherkam, enttäuschte „Dos“ auf ganzer Linie – „Tré“ indes schafft es, den endgültigen Green-Day-Overkill gerade noch so abzuwenden. Das Album orientiert sich am übererfolgreichen „American Idiot“ und ist mit „Brutal Love“ und „The Forgotten“ von zwei fürchterlichen Schnulzen eingeklammert. Der Mittelteil der Scheibe macht aber durchaus Spaß. Der Sechs-Minuter „Dirty Rotten Basterds“ prescht ordentlich nach vorne, spielt mit Tempo und Soli und krallt sich hartnäckig in der Ohrläppchenregion fest. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Die besten Songs aus „Uno“, „Dos“ und „Tré“ wären vermutlich eine ordentliche Scheibe geworden. So aber driftet Green Day ins hintere Mittelfeld der Rock-’n‘-Roll-Liga.

Kaufempfehlung? Finger weg!

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