Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Video’

Maifeld-Derby – 01.06.2014 – Mannheim

girls in hawai

Das Maifeld-Derby 2014 ist Geschichte und die Macher des Festivals blicken auf das bis dato erfolgreichste Festivaljahr zurück. Über drei Tage bespielten insgesamt 60 Bands die fünf Bühnen des Festivals und boten dabei einen breiten Einblick in die Welt und den Variantenreichtum der Independent Musik. Außerdem gab es für das Maifeld eine besonders erfreuliche Premiere: Gutes Wetter! Im Gegensatz zum vergangenen Jahr hatte sich die Anordnung der Bühnen marginal verändert. Auch 2014 stand das (vor allem auch atmosphärisch) imposante Palastzelt im Zentrum, die Open Air Stage indes wurde verschoben und bot nun mehr Platz und bessere Sicht für das Publikum. (Soweit die Stakkatomäßige Einleitung, gleich wirds emotionaler. Anmerkung des Korrekturlesers) .Dementsprechend konnte Peter Putz, Mitglied des Veranstalter-Teams, absolut positiv resümieren: „Wir sind mit einer durchschnittlichen Besucherzahl von 4000 pro Tag und ca. 12.000 über das gesamte Festivalwochenende sehr zufrieden.  Das ist noch mal ein ganzes Stück mehr als im letzten Jahr und eine schöne Bestätigung für unsere inhaltliche Arbeit. Auch die Änderungen in der Konzeption und Konstellation des Festivalgeländes wurden sehr positiv aufgenommen.
Vor allem der Festivalsonntag bot ein extrem ausgewogenes und aufregendes musikalisches Programm. Lest unsere Einblicke in einige großartigen Konzerte.

Das Maifeld Derby beginnt für uns mit dem Auftritt von Girls in Hawai. Der Bandtitel alleine klingt zunächst natürlich nach beschwinglichen Indierhythmen, Sommer, Sonne und guter Laune Geklimper. Hawai eben. Und Girls. Falsch gedacht. Girls in Hawai sind eine der spannendsten Band der nach wie vor florierenden belgischen Indieszene und spielen am Festivalsonntag eine energetische Show, die den Zuhörer in einigen Momenten tatsächlich ein wenig an das überragende Headliner-Konzert von The Notwist im vergangenen Jahr erinnert. Das heißt: Wir hören wie sich Soundschicht über Soundschicht legt, ehe sich vor der dunklen Maifeld-Bühne eine regelrechte Lärmwand auftut, die sich dann Tsunami-artig über das Publikum ergießt. Stark! Vor allem die letzte Song, der sich über Minuten aufbaut, verschiedene Stile kombiniert und im Anschluss in einem Jamorkan alles einreißt, überzeugt  und zwar auf ganzer Linie. Von dieser Band werden wir noch einiges hören.

Weiter geht’s draußen mit The Elwins. Und die machen genau die Art von Musik, die man eigentlich (als Namendeuter) von Girls in Hawai erwartet hätte (Beschreibung siehe oben). Das ist ganz nett und passt natürlich wunderbar in den Sonnenschein, aber insgesamt ist diese Art von Musik doch ein wenig zu angenehm und rutscht einem ein zu schnell die Gehörgänge hinunter. Den Kanadiern fehlt ein Ticken an Ecken und Kanten, Sounds, die sich in den Ohrmuscheln festkrallen. Immerhin tanzen unzählige Mädchen mit Blumenkränzen in den Haaren. Denn: Die Sonne scheint. Am Maifeld (!).

Spannender wird es im Anschluss im Palastzelt: Dort marschieren nämlich Temples auf die Bühne, die zuletzt vor allen Dingen in Großbritannien einen ordentlichen Hype erfahren haben (und auch hier darf der Hinweis nicht fehlen, dass sowohl Johnny Marr, als auch Noel Gallagher die Truppe aus Kettering als „die heißeste junge Band der Insel“ bezeichnet haben. Ritterschlag von Atombombenausmaß). Am Maifeld-Derby beweisen „Die Tempel“ (sorry!) wieso: Zunächst einmal besitzt Frontmann James Edward Bagshaw der imposantesten Naturafro der Rock´N´Roll-Szene seit Wolfmother Boss Andrew Stockdale. Des Weiteren ist das Psychodelic-Geschrammel, dass die zierliche Band auf die Bühne klatscht absolut imposant und erfrischend. Zack und Bämm. Vollgas und geradeaus. Einer aus dem Publikum schreit „You Guys Are Amazing.“ Von der Bühne antwortet ein gelangweiltes, kaum wahrnehmbares Nicken der Marke „Wissen wir schon lange“. Rock`N´Roll eben.

Das Bühnenpendeln geht weiter. Als wir uns aus der Dunkelheit des Zeltes schälen erfolgt die wettertechnische Überraschung. Wo uns zuvor blendende Sonnenstrahlen die an die Dunkelheit gewohnten Netzhäute verätzten, klatschen uns jetzt dicke Regentropfen ins Gesicht. Das Maifeld hat eben einen Ruf zu verteidigen. Der Schuldige ist schnell gefunden und gibt das auch noch unverfroren zu: Hozier kommt aus Irland und natürlich hat er den Regen mitgebracht. Eigentlich müsste man ihm dafür böse sein, würde er nicht in der Folge ein Konzert spielen, das absolut in Erinnerung bleibt und den Titel der „Überraschung des Sonntags“ ganz locker einstreicht. Frontmann Andrew Hozier-Byrne hat eine fantastische Stimme und schlägt dunkle, bewegende Töne auf seiner Bluesgitarre an, während seine Band, inklusive Piano und Streicher, den Singer-Songwriter-Kompositionen eine unglaubliche Tiefe und Größe verleiht. Das ist Bluesrock vom Feinsten, irgendwie dunkel und traurig, irgendwie tanzbar und angenehm. Ein wenig erinnert das an die frühen Kings Of Leon gepaart mit irischer Gelassenheit. Vor allem „Take Me To Church“ ist ein Song der genau hier, an diesem Ort, im kalten Regen aber so was von in Erinnerung bleibt.

St. Vincent surfen gerade auf einer ordentlichen Hype-Welle. Die Feuilletons überschlagen sich ob Anne Erin Clark musikalischer Vielseitigkeit. Den Mrs. Clark (und um diese Assoziation kommt man irgendwie nicht herum) ist so etwas wie die Lady Gaga der Independet-Szene und kann genau diesen Vergleich vermutlich absolut nicht mehr hören. Das Konzert ist vor allen Dingen von einem gehörigen Grad der Unberechenbarkeit geprägt: Hier scheppern böse Elektrosequenzen in durchdringende Poprhythmen, die dann wieder in klassischen Indiefrequenzen zergehen. Hm. Wow. Oha. So richtig in Worte fassen lässt sich eine Show von St. Vincent nicht. Und irgendwie ist das ja auch gut so. Clark offenbart vor allen Dingen ein immenses musikalisches Talent und eine beeindruckende Bandbreite, die sie bis zu den letzten Zentimetern ausbreitet und abmarschiert. Und natürlich ist das alles irgendwie noch Experiment, ein Ausloten der Möglichkeiten, das in letzter Konsequenz aber nicht komplett aufgeht, weil die letzte, die finale Radikalität doch ausbleibt.

Wye Oak indes spielen eine wunderbar berechenbar schöne Art von Musik. Die Sonne ist zurück, man stellt sich entspannt in die ellenlange Crepes-Schlange und das Duo aus Baltimore bildet damit das ideale Bindeglied zwischen der wilden, ausufernden St. Vincent Show und….

The National. Dieser Name thronte in diesem Maifeld-Jahre über allem – zum einen, weil das Maifeld-Team bis dato noch nie einen Bandfisch von einem solchen Ausmaß an Land gezogen hatte (immerhin gilt The National als Lieblingsband von Barack Obama), zum anderen haben sich die beinahe beängstigenden Livequalitäten der Band mittlerweile nachhaltig herumgesprochen. Und eins vorweg: Die Band um Sänger Matt Berninger enttäuschte trotz gigantischer Erwartungen nicht eine Sekunde und dürften( Stand 2014) wohl wirklich eine der besten (oder halt eben die beste) Live-(Indie)band unseres Planeten sein. Hallo Superlativen. The National live besticht mit zwei verschiedenen Faktoren: Nummer 1 ist das Niveau der Musiker – die beiden Brüderpaare Aaron und Bryce Dessner und Bryan und Scott Devendorf entwerfen grandiose, vielschichtige, wunderbare Klanguniversen, die immer wieder von sensibel eingesetzten Bläserbombast an den Rand der Implosion getrieben werden. Gigantisch! Faktor zwei ist indes Matt Berninger. Der Irre. Berninger ist unberechenbar, superwitzig und meistens (zumindest gefühlt) stockbesoffen. Er zertrümmert Mikrofonständer nach Mikrofonständer, reißt so manchen Flachwitz, marschiert wie ein Tiger über die Bühne und zum Abschluss des Konzertes immer wieder mit ellenlangen Mikrofonkabel ins Publikum. Und egal wie und in welchem Zustand, egal an welchen Ort: Berninger singt sich die Seele aus dem Leib und legt sie dann noch seinem Publikum zum Füßen. Und wir im Publikum möchten mitschreien, wenn Berninger schreit, möchten mit weinen, wenn seine Stimme fast zerschellt. Am Maifeld sind The National zusätzlich mit Lightshow angereist, was das Gesamtkunstwerk noch einmal abrundet und um entscheidende Nuancen erweitert. Zum Abschluss gibt es eine fabulöse Unplugged Version von „Vanderlyle Crybaby Geeks“, die das Publikum zunächst zum Mitsingen aus vollen Kehlen animiert und ebendiese nach Abschluss des Konzerts offen stehen lässt. Mehr geht nicht.

Das ist definitiv der perfekte Festivalabschluss! Eben so wie es sein sollte.
P.S.: Das Maifeld liebte The National – und augenscheinlich beruhte die Wertschätzung auf Gegenseitigkeit. In seiner abschließenden Pressemitteilung berichtet Festivalmacher Timo Kumpf: „The National haben sich noch einmal ganz persönlich bei uns für das tolle, selbstgekochte Essen, die gesamte Betreuung und den hochprofessionellen Ablauf in allen Aspekten bedankt. Der Band hat es bei uns sehr gut gefallen, was man ihrem Auftritt auch durchaus angemerkt hat, denke ich. Für mich und mein Team ist das eine große Bestätigung.

Werbeanzeigen

Read Full Post »

Friska Viljor – Kulturladen Konstanz – 04.11.2013

IMG_5578

Ganz am Ende stürzt sich ein bärtiger verschwitzter schwedischer Mann in das Meer von Musikfans vor ihm, spielt auf seiner leicht verstimmten Ukulele eine aufs nötigste reduzierte Komposition und brüllt dazu in schiefsten Tönen den Refrain seines größten Hits „Shotgun Sister“. Sein Publikum, triefend nass, schmiegt sich förmlich an den behaarten Barden und schreit es ihm nach im Chor: „Lalala“! Dieses prächtige Finale zeigt das was die schwedische Formation Friska Viljor seit jeher auszeichnete: Herzblut und ein so dermaßen charmanter Dilettantismus.

IMG_5563Die Geschichte von der Bandgründung Friska Viljors wurde so oft erzählt, dass selbst die Story, wie oft diese Geschichte doch erzählt wurde, ein alter Hut ist. Deshalb die Kurzversion: Vor einigen Jahren ziehen die beiden Kumpel Daniel Johansson und Joakim Sveningsson jeweils mit frisch gebrochenen Herz frustsaufend durch Stockholm. Irgendwann folgt die Schnapsidee: Lass uns den Liebeskummer in Musik verarbeiten. Problem nur: Die Beiden sind alles andere als Musikvirtuosen. Egal – unter dem Namen Friska Viljor begibt man sich in Studio und Proberaum und spielt sich den verklebten Frust von der Seele. Einige Monate später zieht das Duo ganz im Stile der Beatles musizierend über die Reeperbahn und plötzlich reift Friska Viljor zum Indie-Phänomen.

IMG_5574Zu diesem Zeitpunkt bin ich, damals ein frischgebackener Indie-Hipster (den Begriff hätte damals wohl keine begriffen), über Friska Viljor gestolpert und war absolut hin und weg. Das Projekt hatte die Antriebskraft von Punk, die Verspieltheit von Indie und einen dermaßen immensen Grad der Poppigkeit, der tatsächlich Beatles-Assoziationen hervorrief. Kurzum: Eine innovative, versoffene, wunderbar dilettante, Ohrwurm-züchtende Pop-Kreation. Das Debüt „Bravo“ ist dementsprechend wohl bis heute eins meiner meist gehörten Alben, „Tour De Hearts“ rotierte ebenfalls regelmäßig – doch dann begann ein schleichender Entfernungsprozess. Die Folgealben klangen von mal zu mal glatter und die Band verlor (für mich persönlich) ihre Faszination, ohne etwas dafür zu können. Den Friska Viljor verfielen keinesfalls den Reizen des Mainstreams. Sie wurden einfach bessere Musiker. Ein Paradox.

IMG_5571Heute ist Friska Viljor eine echte Band mit echten Musikern. Das hört man im bist zum letzten Platz ausverkauften Kulturladen vor allem in der Anfangsphase. Die Songs vom neuen Album „Remember Our Name“ klingen im Vergleich zum Frühwerk auch livegeradezu glatt poliert – es fehlt an Ecken und Kanten, Überraschungsmomenten, Irrsinn – kurzum am eingangs beschworenen Charme. Erst im Verlauf des Konzertes bröckelt diese Perfektion, Friska Viljor spielen sich regelrecht frei und zeigen dann in der zweiten Hälfte ihrer Show, welche fantastische Liveband sie doch sind. Da tönen leise Elektroarrangements, da jault eine Trompete, hier tönt ein Glockenspiel – und alles zusammen schweißt sich immer und immer wieder zu mitreißenden Pophymnen zusammen. Highlight (und Kombination aus alter Rohheit und neu entdeckter Technik) ist die epische Version von „Useless“, die Daniel und Joakim im Duo akustisch sezieren, welche sich dann unter ansteigender Bandbeteiligung zum orchestralen Popsong aufschwingt und in den letzten Takten einem zerbrechlichen Trompetensolo zerfließt. Sollte es Friska Viljor in Zukunft gelingen, ihre neu gewonnenen musikalischen Skillz mit ihrer alten Verplantheit und Verspieltheit kombinieren können, hat diese Band noch einiges im Tank. Whatch Out!

Read Full Post »

Steaming Satellites – Kulturladen Konstanz – 14.03.2012

sänger max borchardt_3283x2462

Das Konzert beginnt ohne Musik, ohne erkennbare Songstruktur: Da sind nur Fragmente, ein tiefes, einnehmendes elektrisches Rauschen, das sich hypnotisch zu einem Wirbelsturm der Effekte auftürmt, ehe durch kaum wahrnehmbaren Schlagzeugeinsatz erste Spuren von gängigen Hörmomenten erkennbar werden. Erst dann weht diese wabernde, tiefschwarze Stimme in den Kulturladen, erst dann schwappt der wummernde Puls des Basses dazu, erst dann kriecht die erste Blueskomposition aus den elektrischen Blitzen. Steaming Satellites!

Doch zunächst zur Vorband, denn die hat es in sich: Hustle & Drone sind das neue Bandprojekt des ehemaligen Portugal. The Man Musikers Ryan Neighbors und überraschen bereits in Sachen Bühnenaufbau. Gleich drei Synthesizer prangen zentral auf der Bühne und werden soundtechnisch nur von einer Gitarre und gelegentlichen Tamburin-Geschepper ergänzt. Im dabei entstehenden, brachial basslastigen Sound offenbart sich schnell die Wahlverandtschaft zu Formationen wie Future Islands, aber auch zu Veteranen wie Depeche Mode. Nur die gelegentlichen Kopf-Stimmen-Ausflüge sind wenig to-much. Aber zurück zum Hauptact:

sänger max borchardt (2)_3283x2462Die Liveversion von „Witches“ sticht zunächst heraus: Die erste Schicht ist ein rhythmisches Klatschen, dass schon bald von Elektroeffekten überstrichen und durch Max Borchardts formidable Stimme um eine gehörige Portion 70-Jahre Sehnsüchte erweitert wird. Im Refrain tönt dann alles mit- und gegeneinander an, während kleine Diskostrahler die Bühne von unten herauf in ein abgespacetes Lasernetz verwandeln. Popmusik von solcher Bandbreite wird für gewöhnlich in kreativen Melting Pots wie New York oder Berlin gebraut. Doch was den musikalischen Stammbaum angeht sind die Steaming Satellites ein echter Exot: Denn das Quartett stammt aus Österreich, genauer gesagt aus Salzburg und enterten die Independentszene ohne Zwischenschritt mit einem Paukenschlag. Ihr Debüt „The Mustache Mozart Affaire“ war eine Offenbarung von immenser Bandbreite und einer fast erdrückenden Dichte an Überraschungseffekten, sodass die Reflektion über den ausgereiften Erstling schon bald ein ganz neues Gene heraufbeschwor: Spacerock. Das klingt tonnenschwer und abgehoben und doch erspielten sich die Österreicher schon bald den Ruf einer formidablen Liveband irgendwo im Niemandsland zwischen Pink Floyd, Oasis und Kraftwerk. Spacerock eben. Vor einem Monat legten die Steaming Satellites ihre zweite Scheibe „Slipstream“ nach und präsentierten weitere Nuancen in ihrem ohnehin schon überquellenden Spektrenuniversum. Die Szene ist nach wie vor ein wenig sprachlos.

IMG_3240

Immer wieder schälen sich live die einzelnen Versatzstücke aus dem bis dato leeren Musikraum und fügen sich trotz unterschiedlicher Ansätze wie Puzzlestücke millimetergenau ineinander. Drummer Matl Weber könnte einer Punktruppe entstammen, sein Spiel ist wild und fundamental, während Keyboarder Emanuel Krimplstätter eher mit dem Habitus eines Krautrockers aufwartet und scheinbar eins mit seinen Gerätschaften wird. Dazu spielen sich Borchardt an der Gitarre und Bassist Manfred Mader über ihre Saiten beinahe bluesartig die Bälle zu und erweitern dabei die Impulse des Gegenübers oder lassen diese brutal entgleisen. Entsprechend breit gespannt ist der Rahmen für Improvisation und Jam, der sich in diesem Zwittergebilde aus dreckigen 70er-Rock, arroganter 80er-Disko und gegenwärtigen Indie zeigt. Und doch scheint ein Funken zur finalen Zündung zu fehlen, das Konzert wirkt mitunter ein wenig unterkühlt.

Am Ende des regulären Sets spielen die Steaming Satellites das aberwitzige „How Dare You“, bei dem Max Borchardts Organ vollends im Mittelpunkt steht und das Publikum regelrecht in sich hineinsaugt, ehe während der Zugabe Hustle & Drone die Band zu einer siebenköpfigen Jam-Hydra anschwellen lassen. Und dann, ganz zum Schluss, wird der Stecker gezogen und die Beatmaschine gegen ein Akkordeon getauscht. Die Salzburger Spacerocker beenden ihr Konzert mit herzzerreißenden Folknummer. Was für ein radikaler, finaler Bruch. Was für ein Moment. Das ist sie, die finale Satelliten-Zündung.

Read Full Post »

„Nipple Jesus“ – Theater Konstanz

 Nipple Jesus, Theater Konstanz, Nick Horby, Spiegelhalle (2)

„Sie erwarten von mir, dass ich Ihnen sage, dass ich Ihnen definiere: Was ist Kunst? Wenn ich es wüsste, würde ich es für mich behalten.“ (Pablo Picasso)

Nipple Jesus, Theater Konstanz, Nick Horby, Spiegelhalle (1)

Dave ist Nachtwächter, tätowiert, mit Backenbart, grobschlächtig, einer, der beim Rauswurf auch mal härter zulangt, als es unbedingt nötig wäre. Doch Dave ist eigentlich ein gutmütiger Typ, mit Frau und Kindern und Zukunftsängsten und allem was dazu gehört. Und als er eines abends während seiner Schicht beinahe abgestochen wird, reicht er seine Kündigung ein. Und da steht er jetzt, adrett gekleidet, die Schuhe wippend, nervös auf die Uhr blickend, sich räuspernd. Und der Blick geht in Richtung Publikum, die Lippen bewegen sich, dann zurück in die Ursprungspose. Doch irgendwann hat sich zuviel Gedankenmatsch aufgestaut und es bricht aus Dave heraus: 

Es ist Daves dritter Arbeitstag in der Galerie. Als Aufpasser. Als Museumswächter. Während seine Kollegen klassische Portraits oder moderne, aber harmlose Kunstgegenstände bewachen, wurde Dave als Bodyguard für ein außergewöhnliches Bild ausgewählt: Nipple Jesus – ein Jesusportrait bestehend aus unzähligen, aus Pornoheften ausgeschnittenen Brustwarzen.

 „Kann etwas schön sein, das aus Porno gemacht wurde?“ (Dave)

Nipple Jesus, Theater Konstanz, Nick Horby, Spiegelhalle (3)Das ist die Grundkonstellation der Kurzgeschichte „Nipple Jesus“ des Bestsellerautors Nick Hornby, der seine, zu leicht cholerischen Anfällen neigende Hauptfigur, in der Folge den gesamten Kunstbetrieb durchdenken lässt. Der fantastische Clou dabei: Dave ist kein Intellektueller, kein Hipster, kein Idealist – Dave ist Dave, ungebildet, wütend. Und Dave macht sich nicht aus Kunst, sie ist ihm scheißegal. Was also passiert, wenn ein solcher Typ plötzlich ein Strudel von Kunst- und Theologiediskussionen gerät. Wenn ein solcher Typ zum Zeuge, zum Chronist und Philosophen wird.

 „Nipple Jesus“ springt Dave regelrecht ins Gesicht, er packt ihn an der Elvismähne und lässt ihn nicht mehr los. Er wird sein Bild. Und dabei tun sich plötzlich Fragen auf: Was sehen wir? Was ist Kunst? Welche Rolle spielt Provokation? Muss Kunst provozieren? Wie wird etwas Kunst? Wie wird etwas wichtig? Was ist wichtig? Wo finden wir Jesus? Kann etwas schönes aus Porno entstehen? Hornbys Text ist eigentlich einfach, eine Reflexion in Alltagssprache (das Original quillt von ‚Fucks‘ nur so über), eine Fülle von Anekdoten – und doch ist da mehr, eine zweite Schicht, die nicht aufgesetzt ist, die funktioniert. Und die den Leser, bzw. Zuschauer automatisch zum reflektieren zwingt. Die dem Kunstbetrieb einen gesprungenen, kleinbürgerlichen Spiegel vorhält und dabei nichts und niemanden lächerlich macht, aber Lücken im System nachhaltig aufzeigt. Das macht „Nipple Jesus“ so fantastisch.

„Kunst ist das was übrig bleibt, nachdem alles an ihr bis ins letzte analysiert worden ist.“ (Martin Kessel)

Nipple Jesus, Theater Konstanz, Nick Horby, Spiegelhalle

Unter der Leitung von Regisseur Wolfgang Hagemann, der erstmals am See inszenierte, bringt das Theater Konstanz „Nipple Jesus“ auf die Bühne. Raphael Fülop mimt dabei den Dave und stemmt dabei die Mammutleistung, ein gesamtes Stück alleine zu agieren, einsam auf der Bühne zu stehen. Eine solch reduzierte Konstellation (inklusive Prosatext) könnte schnell zur erweiterten Lesung, zur Stand-Up-Comedy verkommen – tut sie aber nicht: „Nipple Jesus“ wird Theater, ist Theater. Und Text. Zum Greifen. Vor allem weil Fülop einen Dave entwirft, der nicht nur so aussieht, wie sich der Leser ihn vorstellt, sondern der genau so redet. Der über stumpfe Witze lacht und sich verhaspelt und dann plötzlich ohne Grund los schreit. Und der trotz der beinharten Schale, einen weichen, reflektierten Kern offenbart.

Gespielt wird im Foyer der Spiegelhalle, in kleinem Raum. Die Bühne ist reduziert, da ist ein Stuhl und ein Kader, in dem sich auf Video eine Zwiebel entschält. Daneben baut sich Dave auf und marschiert in der Folge, angetrieben von den eigenen Gedanken über jeden Quadratzentimeter der Bühne und dabei gelingt es Hornby, respektive Hagemann, respektive Fülop zunächst die unterhaltsamen Anekdoten lebhaft und witzig aufzuarbeiten und dann auch die ständig verzweigteren Problemkonstellation mit Dave durchzudeklinieren. Das macht unglaublichen Spaß und die 70 Minuten „Nipple Jesus“ gehen runter wie Öl. Das ist Satire, ‚Kunstgeschwafel‘ wie es sein sollte!

Video? Klick!: http://www.theaterkonstanz.de/tkn/index.html?lang=de&multimedia=NHzLpZeg7t,lnJ6IzdeIp96km56VlmtwlphOqdayXbGH7Iuq2Z6epJCIeIFohr2lla2M04au3aWXpI2Yl6OOpuc-.flv

Das Theater Konstanz spielt „Nipple Jesus“ am 14.03., am 18.04. und am 23.04. – Schaut euch das an!  Karten gibt unter 07531/ 900 150 oder per Mail: theaterkasse@stadt.konstanz.de

Read Full Post »