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Hundreds – Kulturladen Konstanz

 

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Stille, das vergisst der Zuhörer oftmals angesichts des implizierten Widerspruchs, nimmt noch immer einen ganz entscheidenden Platz innerhalb der zeitgenössischen Popmusik ein. Klar, meistens wird mit ihr gebrochen, wird sie weggeschoben und muss dann Platz für den Sound oder den Krach machen. Aber manchmal wird sie eben bewusst eingesetzt, als kaum wahrnehmbare Spur im Stilmittel der Reduktion. Dieser Umgang mit der Stille ist diffizil, anspruchsvoll und erfordert extremes Feingefühl. Ein Gespür für die Nuance, welche Hundreds, das Geschwisterduo bestehend aus Eva und Phillip Milner, zur stilbildenden Eigenschaft ihres Entwurfs der elektronischen Popmusik gemacht haben und welches sie während ihres Openers „Foam Love“ im Kulturladen offen zur Schau stellen. Dort entspinnt sich ein aufs äußerste reduziertes Zusammenspiel zwischen Phillips vielschichtiger Pianocollage und Evas zunächst so zärtlich zerbrechlicher Stimme.

Die gegenwärtige Tour, die in Konstanz ihren gefeierten Auftakt fand, steht unter dem Motto „Tame The Noise“ („Zähme den Krach“). Akustisch soll es sein, aber eben doch nicht ganz akustisch. „Aber immerhin haben wir eine ganze Menge richtiger Instrumente mitgebracht.“, erklärt Eva direkt zu Beginn. Das Konzert macht in der Folge seine eigene, kleine Evolution durch: Alles beginnt am eingangs beschriebenen Nullpunkt, in der Dunkelheit, der Stille. Im weiteren Verlauf entwickelt sich das Soundgewand kontinuierlich und wird um immer neue, subtile Nuancen erweitert. Phillip beginnt zunächst damit, sein Piano kaum merklich zu verzerren und vergrößert das Gesamtgebilde alsbald durch elektrifizierte Loops. Nach den ersten drei Songs wird das Geschwisterpaar während „Solace“ von Schlagzeuger Florian ergänzt. Dessen erste Anschläge scheppern erbarmungslos durch das Publikum, welchem erst in diesem Moment des Lärms sein wohlig warmer Embryostatus innerhalb der Stille bewusst wird. Dieser Status Quo wird in der Folge konsequent dekonstruiert, die Sicherheit und Vorhersehbarkeit aufgegeben, die eindeutige Dunkelheit weicht nicht nur in den Texten dem ambivalenten Licht.

Die zentrale Energie entspinnt sich aber zwischen den beiden Polen Eva und Phillip. Dabei spielt das Geschwistersein für die Beiden oberflächlich keine wirkliche Rolle. Natürlich sind da die Anekdoten, die von gemeinsamen Auftritten auf Familienfeiern erzählen. Und von Phillips Aufstieg zum renommierten Jazz-Pianisten, der später Inspiration in der Stimme seiner Schwester fand. Darüber hinaus lenken Hundreds den Fokus bewusst in Richtung Musik und treten erst dort, auf musikalischer Ebene, als unheimlich effektive Partner in Erscheinung treten. Denn Live bewegen sich Hundreds nahe an einer technischen Perfektion. Die drei Musiker spielen sich selbst kleinste Soundpartikel präzise zu, erweitern diese, reagieren effektiv auf die Hinweise ihrer Mitmusiker. Da sind unübersehbare Ablaufparallelen zur Klassik und auch zum Jazz, die aber auch immer wieder von der ausreißenden, vielschichtigen Stimme der Frontfrau ad absurdum geführt werden. Am Ende bilanziert Eva Milner glücklich:  „Ich glaube wir spielen heute das längste Konzert unserer Bandgeschichte. Und wir sind so froh, dass ihr uns mit offenen Herzen empfangt! Ihr seid so still.“ Und hier schließt sich der Kreis. In der Stille. Wo auch sonst?

 

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Herr Sorge – Theater Konstanz

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Mitten im Konzert von „Dunkelkammermusik“ versteht man als Zuhörer die Welt nicht mehr:Da steht links ein Riesenflügel auf der Bühne, an dem sich der hochdekorierte Jazzpianist Florian Weber virtuos abarbeitet. Da steht rechts ein futuristischer Instrumentenpanzer, aus dessen Inneren Produzentenlegende Jan van de Toorn im Robotoraufzug abgefahrene Elektrosounds abfeuert. Da steht zentral Herr Sorge, besser bekannt als Samy Deluxe, und singt in sich durch Popsong-Fragmente mit depressiv politischen Texten. Und das alles im altehrwürdigen Konstanzer Theater. Eigentlich passt das hinten und vorne nicht zusammen – wie in einem abgefahrenen Traumgebilde, in dem sich verschiedene, kontrastive Realitätsfetzen plötzlich homogenisieren.

Wer oder was ist Herr Sorge? Der HipHop-Kosmos reagierte irritiert als die ersten Gerüchte um ein neues Samy Deluxe Projekt aufkeimten. Der Hamburger HipHop-Urvater setzte konsequent neue Spuren, die aber allesamt im Nichts verliefen. Immerhin offenbarte sich nach ersten Interviews der Genpool des Projekts: Herr Sorge trägt ein abgeranztes, schäbiges Outfit und sieht die Welt mit anderen Augen: Als dunklen, kapitalistischen, korrupten, hoffnungslosen Moloch, den es radikal zu kritisieren gilt. Das Album „Verschwörungstheorien mit schönen Melodien“ setzte dem ganzen Wirrwarr die finale Krone auf: Die Scheibe präsentierte sich sowohl soundtechnisch, als auch thematisch absolut überfrachtet. Herr Sorge entrollte sich einen Dschungel von Effekten, Autotune, Beats und Sounds. Kurzum: Das Album war für jeden, der ein normales Pop-Hörerlebnis erwartete de facto nicht konsumierbar. Die Samy Deluxe Fans reagierte brüskiert, panisch, beleidigend. Ob das von Herr Sorge so geplant war, ist bis heute nicht geklärt.

Für das Live-Produkt hat sich Herr Sorge nun eine komplexe künstlerische Basis geschaffen: Im eingangs beschriebenen Kontrastfeld entwickelt sich live ein ganz ungewöhnlicher, experimenteller Sound, der aber im Gegensatz zum Album wirklich funktionieren will. Van de Toorn lässt es zwitschern, wummern und ziepen, während Herr Sorge (der ganz offensichtlich an seiner gesanglichen Präsenz gearbeitet hat) mit der ihm angeborenen Lockerheit und fast bluesartigen Coolness seine Strophen reproduziert. Der musikalische Kit ist aber Weber, der mit seinem schieren Talent, die anderen Bausteine zusammenflickt und noch Raum für jazzige Improvisation findet.

Natürlich wirft eine derart radikale Metamorphose der musikalischen Identität die Frage auf, ob es nicht vollkommen legitim ist, dass ein Künstler sich verschiedene Alter-Egos, Versionen und Rollen zulegt. Im Hiphop-Kontext funktionierte das nicht: Die Szene konnte Herr Sorge nicht von Samy Deluxe loslösen – das durchaus zahlreich erschienene Publikum in Konstanz schafft diesen Schritt und bietet dem Projekt damit einen kreativen Nährboden für die vollzogene Rekontextualisierung. Und „Dunkelkammermusik“, wie sich das Gesamtprojekt nennt, nutzen diesen Freiraum mit einer überschäumenden Lust am Grenzen aushebeln: Während eines Gedichts klettert Weber in seine Flügel und macht in den Innereien ganz neue Tonabnehmer aus. An einer anderen Stelle setzen die drei Protagonisten ihre Iphones als unberechenbares Instrument ein. Dann übersetzt Keller alte Samy Deluxe-Parts und Wortfetzen in eine jazzige Komposition. Und weil am Ende Herr Sorge noch Samy Deluxe´ legendären Hit „Weck mich auf“ „covert“, schließt sich dann doch noch der Kreis aus Jazz, HipHop, Elektro, Experiment, Politik, Theater und Wahnsinn zu einem runden, merkwürdigen Gesamtkonstrukt.

 

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Southside-Festival 2013 – Take-Off-Gewerbepark Neuhausen Ob Eck

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Da sitze ich jetzt. Geduscht. Sauber. Die letzte Dose 5.0 an den Lippen, die Haut schält sich von der Nase. Post-Southside-Depression. Irgendwo im Schädel sind die Konzert-Erinnerungen, Eindrücke vom Boden der Raviolidose!

Eins vorweg: Das Southside-Lineup 2013 wäre um ein Haar das subjektiv beste der Geschichte geworden. Dann hagelte es hochkarätige Absagen (Modest Mouse und Belle&Sebastian) und auch der Timetable fraß einige spannende Acts (allen voran Frightened Rabbit, Tyler The Creator und Modeselektor) erbarmungslos auf. Trotzdem blieb ein bunter, wilder, schmackhafter Eintopf übrig. Greift zu:

Masters Of Reality markieren einen idealen Festivalauftakt: Eine halbe Stunde Stonerrock-Geschrammel der alten Schule. Schmutzige Riffs, versoffene Stimme. Auf der Wiese siffen, Kippe, Bier, Sonne. Herzlich Willkommen Southside-Festival.

Alt-J sind wohl die ultimative, die finale Hipsterband. Locker-, nein federleichter Indie, total überspulte Klimpersounds und elektrisches Rumgeduddel. Und doch ist das klasse. Spannend. Eletrifizierend. Tatsächlich schaffen Alt-J ihren Album-Sound ganz glockenklar zu reproduzieren und schustern ein technisch gigantisches Live-Gebilde. Viele Hippie-Mädchen singen mit geschlossenen Augen. Passt!

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (7)Archive Liveperformances besitzen eine ganz eigene Energie: Die einzelnen Bandbestandteile scheinen regelrecht gegeneinander anzuspielen. Ein Elektrobeat brettert ungebremst gegen eine Gitarrenwand, die hohe Stimme von Sängerin Marie Q zerschellt an dem markanten Organ ihres Gegenübers Dave Penney und die bekannten Songstrukturen implodieren in wilder Improvisation. Selbstredend entladen sich die angesprochenen Spannungen immer wieder in einem harmonischen Miteinander. Zwar gelingt es der Band am Southside nicht ganz, die epische Bandbreite ihrer grandiosen Live-DVD „Live in Athens“ zu reproduzieren (was definitiv auch an der zu knapp bemessenen Spielzeit liegt), trotzdem hinterlässt die Konsequenz, mit der Archive die bekannten Strukturen in furiosen Experimenten ad absurdum führen, offene Münder.

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (29)Zeitreise in die Vergangeneheit: Halbschuh-Dorfpunk in der schwäbischen Provinz. Immer auf den illegal zusammengestellten Mixtapes: NOFX und The Hives. Das ist der Soundtrack meiner Jugend. Und zack: Jetzt gibts endlich das Live-Erlebniss. Zwar abseits der Pogokreise, aber trotzdem angenehm berührt. Hits wie „Stickin In My Eye“ oder „Hate So To Told You So“ sind einfach Alltime-Klassiker. Kulturelles Gedächtnis der Festival-Welt.

 

Billy Corgan war schon immer ein eigenartiger Charakterkopf (und damit meine ich nicht nur den markanten Kahlschädel). Der Frontmann der Smashing Pumpkins war Zeit seines Lebens als Rock´N´Roll-Star arrogant, verschlossen, seltsam. Die einen liebten diese Attitüde, verehrten Corgan wie einen Halbgott, die anderen blickten genervt zur Seite und verschlossen sich auch Corgans Musik. In den letzten Jahren ist der Ruhm der Pumpkins zunehmend verblast (2007 hatte man noch Rock am Ring geheadlined) – und doch ist Corgan der einzige Künstler des gesamten Festivals, der sich nur aus der Ferne fotografieren lässt (obs am eindeutig zu engen T-Shirt lag?). Doch genug Gehate, denn eines ist klar: Corgan ist ein fantastischer Songwriter, ein starker Gitarrist und außergewöhnlicher Sänger. Und das ist schlussendlich was zählt: Das Konzert ist dementsprechend erste Sahne. Zunächst spielt Corgan das verjammte, esoterische neue Material, dann hangelt er sich durch den Lianenwald seiner alten Hits („Disarm“, „Tonight“, „Bullets with Butterfly Wings“ in einer Reihe – woaaah!) und treibt dem Publikum ein breites Joker-Lächeln in Gesicht.

Ben Howard. Zelthead. Tausende verliebte Fan-Mädchen. Über sensibles Gitarren-Geklimper. Dahin gesurfte Singer-Songwriter-Mucke. Mitgesinge. Genuschel dazwischen. Ohrenbetäubende „Woooooooooooh“´s. So schön! Am Zeltplatz Slayer gegen die Überdosis!

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (17)Als Macklemore vergangenes Jahr auf dem Frauenfeld vor fast leeren Gelände und um gefühlt halb sieben Uhr morgens eine dermaßen inbrünstige Show spielte, dass einem die Ohren schlackerten, hatte alle Anwesenden das merkwürdige Gefühl, Zeuge eines denkwürdigen Moments geworden zu sein. Auch das Southside war überzeugt, buchte den Rapper und seinen kongenialen DJ Ryan Lewis kurzerhand für die erste Bandwelle und bewies damit absoluten Schäferhund Spürsinn. Denn ein Jahr später ist Macklemore ein allgegenwärtige Superstar. Erist überall. Der geplante Auftritt auf der Zeltbühne wäre wohl in einer Katastrophe geendet, aber auch die Verlegung auf die Bluestage ist grenzwertig. Bereits gegen 13 Uhr beginnen die Massen im „Herr der Ringe“-Schlachtenstyle gen Festivalgelände zu marschieren. Und der Strom bricht über gefühlte Stunden nicht ab. Absoluter Nachmittagsrekord! Das Konzert selbst ist aber enttäuschend. Ungefähr ein Drittel der gerade einmal 35 Minuten Spielzeit wird leider von Macklemore verlabert (alles gut und recht, aber wenn du doch eh nur ne halbe Stunde auf der Uhr hast, Mensch, dann spiel Songs. Dann spiel verdammt nochmal „Otherside“), der Bass ist übersteuert, sowohl Beat als auch MC bewegen sich teilweiseneben der Spur. Wollen wir hoffen, dass die Southside-Macher Backstage mit einem Headliner-Vertrag wedelten.

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (32)The National spielten – und hier ist der Superlativ und alle Euphorie einfach mal dermaßen angebracht – das beste Konzert des Wochenendes, vielleicht der Festivalgeschichte. Was Sänger Matt Berninger da abzieht, lässt sich metaphorisch nur mit einem Hattrick im Championsleague-Finale oder einem Quadruple-Double in den NBA-Finals vergleichen. Nicht nur dass der Frontmann seinen schon auf Platte allmächtigen Bariton mit literweise Kraft, Emotion und Energie auffüllt, darüber hinaus ist Berninger einfach ein begnadeter Entertainer, der vielleicht beste Frontmann der Welt. Berninger besingt zwar tieftraurige, magisch-melodische Hymnen, killt während des Konzertes im Vorbeigehen aber eine Flasche Weißwein und ist spätestens zum Ende seiner Show besoffener als alle versammelten Punks, Metal-Heads und Rapper. Der Show selbst tut das keinen Abbruch, weil Berninger einfach immer weiter singt und immer noch besser wird. Weil er schreit und jault und schlägt und zu guter Letzt durchs gesamte Publikum marschiert. Da geht selbst dem Wettergott das Herz auf, weg mit dem Wolken-Pulli. The National wird in warmes Gold getaucht. Gänsehaut. „Conversation 16“ überbordet vor Schönheit, „Terrible Love“ ist schlichter Wahnsinn und über „Fake Empire“ wurde schon alles geschrieben. Größer geht’s nicht. Ach halt, einen kleinen Wermuttropfen gabs dann doch noch zu verschmerzen. „The Rains Of Castamere“ vom Game of Thrones-Soundtrack wurde trotz Aufforderung nicht gespielt. Dafür reissts Berningers Erklärung raus: „We can´t play it. It will start a war out there. I´m a fucking lannister!

 

Die Angst, dass Rammsteins brachialen, erbarmungslosen Metalsounds das fragile Portishead-Gebilde zerfetzen würde, ließ die Southside-Tontechniker die Boxen auf der blauen Bühne in Richtung Anschlag drehen. Das Resultat: Der Sound beim Auftritt von Portishead ist sensationell gut, das Konzert toppt die Show von vor zwei Jahren um Längen. RATRATRATRATRAT! Machine Gun! Sound-LKWS. Massenkarambolage. Dazwischen Beth Gibbons im Stile einer Prozellanvase, die ständig hin und her wippt. Die Gefahr der Zerschellens ist allgegenwärtig, gegen die Angst wird die TripHop-Ursuppe in dicken Kellen ausgeschenkt. Und am Ende waren alle Sorgen umsonst. Das Rammstein-Feuerwerk am Himmel ist die ideale Ergänzung zum furiosen Portishead-Finale.

Rammstein der unbestrittene Headliner und Mainstream-Aushängeschild lässt es nach allen Regeln der Kunst krachen: Die Bühne brennt, meterhohe Flammen schießen aus den unterschiedlichsten Gerätschaften und dazu sägt Sänger Till Lindemann seine markante Stimme in die jaulende Metalvorhölle. Rammstein ist gleichermaßen verzerrtes Konzert und größenwahnsinniges Theater. Lindemann gibt den muskelbepackten Mephisto, der martialisch seine Band durch den Fleischwolf dreht, mit dem Flammenwerfer röstet und unterwirft. Und schlussendlich ist Rammstein die Definition eines Blockbusters, der vor allem eines liefert: Erstklassige Unterhaltung mit überschaubaren Anspruch,Popcorn-Kino eben – zurücklehnen (sofern das in der Festivalmenge möglich ist) – genießen! Da klappen gefühlte 10000 Mundwinkel synchron nach unten.

 

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (39)Als wären Postrock und Isländisch nicht jeweils für sich schon kompliziert genug. Sigur Rós erweitern das Ganze um eine eigens entwickelten Fantasiesprache und einer abgefahrenen Gitarren-Technik: Sänger Jónsi Birgisson streicht mit einem Geigenbogen zärtlich über die vibrierenden E-Gitarrensaiten. Diese feine Nuancen machen Sigur Rós zum absoluten Must-See, zu einem Liveact von Orkanstärke. Zunächst bläst da nur ein warmes Streicherlüftchen, das Jónsi zerbrechliche Stimme ein Stück umweht. Dann werden die Einschläge massiver: Dunkler, dumpfer Trommeldonner und wummernde Herzschlagbeats pusten ins Publikum, ehe der isländische Postrock-Sturm um sich greift und alles mit sich reißt. Poetry in Music, Sound, Motion. Pure, vertonte Schönheit.

Little Talk“ von Of Monsters And Men ist ein ultimativer Radiohit. Ein Ohrwurm, den jeder mitsingen kann, den man eigentlich mögen muss. Entsprechend eng gestaltet sich auch die Situation vor der Green-Stage: Of Monsters And Men spielen vor einer Menschentraube, für die sich selbst ein Headliner nicht schämen müsste. Dazu schält sich die Sonne langsam aus einer dichten Wolkenschicht und sorgt für eine fast perfekte Festivalstimmung. Man sollte die Isis auf keinen Fall auf ihren Überhit reduzieren. Das Debtalbum „My Head Is An Animal“ schuf eine losgelöste Atmosphäre und auch live haben die jungen Isländer bereits eine hohe Qualität. Keyboardsounds, Trompetensolos, Streicherelemente, das Spiel mit zwei Stimmen – der Konzerttisch ist reichlich gedeckt und trägt Referenzen wie Arcade Fire oder The Decemberists offen zur Schau. Trotz allem wirkt das Konzert ein wenig zu abgeklärt, es fehlt ein Funken Enthusiasmus. Das kann an der Tagesform liegen, vielleicht hätten Of Monsters And Men ein homogenerer Aufstieg und ein, zwei Jahre mehr in den kleinen Clubs gut getan. 

Southside-Festival, Bilder, Live, Videos, Berichte Bands, Neuhausen, Rückschau, Rammstein, Smashing Pumpkins, Portishead, Sigur ros, Green Stage, Nofx, The Hives, Kasabian, Editors (42)Editors schalten beinahe mit jedem Song einen Gang nach oben und bezeugen im fälligen Beschleunigungsvorgang ihr Gespür für hymnische Songstrukuren und magische Sekunden. Besonders besonders sind die Editors immer dann, wenn sich Smith ans Piano setzt und inbrünstig losklimpert. Das musikalische Repertoire des Birmingham-Quintett reicht indes von formidablen, vielschichtigen Alternative-Bauten („Smokers Outside The Hospital Doors“), über eingängige, überbordende Post-Punk-Granaten („An End Has A Start“) bis zu elektronischen, wummernden New-Wave-Perlen („Papillon“), die live allesamt noch eine Spur mehr Würze besitzen. Hit an Hit.

Als die Arctic Monkeys 2006 erstmals auf dem Southside-Festival aufspielten, hätte nach dem Auftritt wohl kaum einer einen Pfifferling darauf gesetzt, dass diese Band irgendwann als Headliner nach Neuhausen zurück kommen würde. Die Monkeys waren zu diesem Zeitpunkt als erste Band weltweit durch einen Internet-Hype in Sekundenschnelle zu Superstars mutiert und zeigten bei ihren ersten Konzerten auf deutschen Boden nicht viel mehr als Arroganz und technisch unausgereifte Livepräsenz. In der Folge nahm die Band aber eine ganz und gar außergewöhnliche Wandlung: Aus dem eingängigen (und zweifelsohne noch heute bahnbrechenden) Garagenpunk des Erstlings hat sich mittlerweile ein dunkler, unberechenbarer Blues entwickelt. So entsteht zwischen den beiden Spielarten ein furioses, anspruchsvolles und vor allen Dingen kurzweiliges Konzert. Leadsänger Alex Turner (im gestreiften Jacket, mit Elvismatte) hat sich zu einem Frontmann von Weltformat entwickelt, der am Bühnenrand Gitarrensoli jaulen lässt und vor allen Dingen stimmlich eine ganze Farbpalette von Stimmungen abstreichen kann. Nicht auszudenken, wohin die Reise der Arctic Monkeys hinführt, wenn ihre Entwicklung ungebremst weiter schießt.

 

Die durchweg fantastischen Bilder hat mein werter Kollege Olli Hanser geschossen. Ich bedanke mich ganz herzlich für die Bereitstellung! Weitere seiner Bildergalerien (auch von Rammstein), sowie Texte meinerseits findet ihr unter http://www.suedkurier.de/southside./

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Maifeld-Derby – Maimarkt Mannheim – 30.05.2013

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (5)

Der Diskurs „Festival“ hat sich in den letzten Jahren erheblich erweitert, verändert, rekontextualisiert. Unter einem zunehmenden Hype entwickelten sich vor allen Dingen die Branchenführer wie Rock am Ring/ Rock im Park und auch Southside/ Hurricane mehr und mehr zu absoluten und stetig wachsenden Massenevents. Am Southside trifft man mittlerweile unzählige Abiabschlussfahrten: Hier steht die Party im Vordergrund, das Festival wird zum Mallorca-Ersatz – während Bands wie „New Order“ vor leeren Feldern spielen. Doch Stop! Das hier soll keinesfalls ein esoterisches, besserwisserisches „Früher-war-alles-besser-Plädoyer“ werden – das wäre fehl am Platz und lesen will das auch keiner (zumal das Southside mit dem Greencamping Alternativen bietet und nach wie vor tolle Lineups zusammenbucht). Die Zeiten ändern sich eben, so war es immer und so wird es immer sein. Nichtsdestotrotz ist man vor dem Hintergrund dieser Überlegungen und Tatsachen besonders froh, glücklich und dankbar, dass es im Kontrast zu den genannten Giganten auch noch Festivals wie das Maifeld-Derby gibt. Drei Tage, 50 Bands, vier Bühnen – die Zahlen sind schnell genannt und verdeutlichen vor allen Dingen eines: Die Musik steht hier absolut und eindeutig im Vordergrund.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (10)Im Speziellen die viergliedrige Bühnenkonstellation auf dem Mannheimer Maimarkt bietet für Besucher und Musiker einen absolute Luxussituation: Jeder einzelne Künstler – sei es Newcomer, Singer-Songwriter oder bombastisches Soundkollektiv –  erhält eine angemessene Spielzeit, eine passende Bühne und einen sauberen Sound. Da ist der Parcours d´Amours, die Singer-Songwriterbühne, die direkt im Pferde-und Reitstadion steht, während das Publikum von der Tribüne der Rennbahn wie im Kino auf die Künstler blickt. Da ist die Brückenaward-Bühne, die auf engstem Raum eine passende Atmosphäre für den Nachwuchs bietet. Da steht die kleine Openairbühne im Zentrum des Geländes, die aufgrund ihrer Lage in alle Richtungen schallt und einem – egal ob zum Essen oder Pinkeln – einen wunderbaren Soundtrack liefert. Und da ist die Hauptbühne, in Zeltform, die angesichts der niederschmetternden Sintflut einen idealen Rückzugsort markiert und darüber hinaus mit außergewöhnlicher Soundqualität punktet. Das Maifeld-Derby fand dieses Jahr erstmals über drei Tage statt und offenbarte ein aufregendes, abwechslungsreiches Indie-Lineup (inklusive einer ungewöhnlicher Reizpunkte), dass man in Deutschland bis dato nur vom mittlerweile legendären Haldern-Pop gewohnt war. Speziell der Festival-Freitag ließ den gängigen Musikliebhaber vor Vorfreude mit den Ohren schlackern, konnte man doch von 16 bis 3 Uhr doch eigentlich durchgehend erstklassige Musik verputzen. 3000 Menschen folgten dem Ruf der guten Musik. Gehen wir in die verschlammten Details.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (9)Herons! aus Irland sind eigentlich ein stetig wechselndes Kollektiv, am Maifeld spielt Mastermind Ben Kritikos aber alleine im Parcours d´Amours. Passend dazu covert er „Girls Just Wanna Have Fun“ im Folkgewand. Ein angenehmer Warmmacher zum Auftakt. Garda sind eine junge deutsche Band, die bei mir leichte „The National“-Assoziationen hervorruft. Meine Mithörer quittieren das mit Kopfschütteln. Young Rival sind eine ganz klassische Indieband aus Skandinavien, der es ein bisschen an Überraschungsmomenten fehlt. Ab und an klingen ein wenig „Vampire Weekend“-mäßige Dschungelsounds durch – ansonsten bleibt es bei „ganz nett“.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (1)Scout Niblett ist das erste richtige Highlight im Line-Up. Die Singer-Songwriterin erinnert ziemlich direkt an eine folkige Janis Joplin. Wie sie da steht, die zersausten Haare im Wind, ein schüchtern vor sich hin säuselnd. Die E-Gitarre bricht mit dem klassischen Singer-Songwriter-Bild. Nach dahin gehauchten Beginn, erweitert sich das Band-Lineup stetig um weitere Musiker und parallel dazu bauen sich auch Nibletts-Songstrukturen immer weiter und in alle Himmelsrichtungen aus. Leider schießt der Himmel da direkt zurück und der zarte Sonnenschein der ersten Songs mutiert alsbald zu einem handfesten Platzregen. Doch so einfach gibt sich Niblett ihrerseits nicht geschlagen und kontert kurzerhand mit ihrem ganz eigenen, bluesigen Unwetter. Ein spannendes Duell!

Daughter spielen leider eine sehr zurückgenommene und insgesamt enttäuschende Show. Gerade im Vergleich zu anderen Indie-Acts des Tages fehlt es der Live-Perfomance meiner Meinung nach ein wenig an Durchschlagskraft und Überraschungseffekten, um den umgreifenden Hype gerecht zu werden. Das Konzert erinnert sehr stark an The XX – nur das dort eine männliche Stimme eben immer wieder dazwischenfährt und einen Dialog initiiert. Das Gesamt-Publikum reagiert jedoch mit Euphorie, die ich nur in einem ganz bestimmten lyrischen Moment nachvollziehen kann: „We Are The Reckless, We Are The Wild Youth“.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (7)Was für ein erbarmungsloses Brett. Was für eine Band. Kadavar machen keine Kompromisse. Zu keiner Sekunde Es scheppert und brettert und jault und kreischt und schlägt und schreit und schwitzt und brennt und knallt. Grandiose Gitarrensoli, meterlange Haare, Schlagzeug-Schreddern. Bombe! Und jeder der meint, die Band als bloße Kopisten zu bezeichnen, die 40 Jahre zu spät in die Seite greifen, soll sich doch bitte in ein stilles Kämmerlein zurückziehen und auf seinem Flachbildschirm die „Best-Of-Neue-Deutsche-Welle“-DVD seiner Mutti einverleiben. Zum Glück gibt es diese Musik. Noch. Wieder. Und zum Glück gibt es Kadaver.

Als Charles Baudelaire einst die Künstlerfigur des Flaneurs manifestierte, verlangte er von ebendiesem die Welt mit den Augen eines Kleinkinds zu sehen. Das Kinderauge selektiert nur bedingt, nimmt alles auf und in den Blick. Jede Kleinigkeit kann die Welt erschüttern, als ist wichtig. Beim Konzert von CocoRosie zeigt sich, dass das Schwesternduo offensichtlich mit einer ganz ähnlichen Heransgehensweise musizieren. Die Interaktion zwischen den Cassidy-Schwestern erscheint spielerisch und erinnert an kindliche Rollenspiele: Alles wirkt ein wenig überzogen, überladen,jede Idee wird in großen Gesten umgesetzt und die Fantasie sprudelt nur so von der Bühne. Manchmal indes kippt das Spiel in Sekundenschnelle: Es wird gezickt und geschmollt und sich an den musikalischen Haaren gezogen. Man könnte fast den Eindruck gewinnen Bianca und Sierra, die über 10 Jahre getrennt aufwuchsen und ihre Kindheit nur bedingt zusammen erlebten, würden hier den öffentlichen Versuch starten, diese verlorenen Momente nachzuholen. Und in diesem Kraftfeld, entsteht etwas Besonderes, ein absolut ungewohnter Ansatz, der nichts ausschließt und sich offen für alles zeigt. Egal ob Beatboxer, Harfe, jodelnder Nymphengesang, Spielzeug-Sounds – CocoRosie  saugen alles auf und setzen die Bruchteile in ihrer eigenen, abgeschlossenen Welt neu zusammen.

Dry The River sind immer dann am Besten, wenns ihnen eigentlich egal ist. Der englische Fünfer ist ohne Frage eine ganz fantastische Band mit unglaublichen Potential und es finden sich in dunklen Youtube-Gefilden Unplugged-Fetzen, die einem das Blut in den Adern zu Gänsehaut gefrieren lassen. Aber irgendwie wolle Dry The River mehr. Ihre aktuelle Scheibe „Shallow Bed“ klang eindeutig zu überfrachtet und überproduziert – die dazugehörige Akkustik-Scheibe indes wusste vollkommen zu überzeugen. So transportiert die Band ihren Klangentwurf auch am Maifeld auf einem schmalen Grad: Die lauten, jammenden, experimentellen Momente (meist unterstützt durch überspitzte Gesangseinlagen) greifen irgendwie nicht so richtig, die ruhigen Momente indes hauen einen durchaus aus den Socken.

Maifeld Derby 2013, Mannheim, Cocorosie, Live, Bilder, Videos, Berichte, Fotos, Festival, Regen, Schlamm, The Notwist, Herons!, Young Rival, Dry The River, Daughter, Kadavar (8)Ein absolut unglaubliches Konzert lassen The Notwist auf das Palastzelt los. Die Band könnte man getrost als Gründungsväter des deutschen Indies bezeichnen – auf dem Maifeld-Derby beweist das Quintett aber definitiv, dass es auch heute noch in der Lage ist, brandheiße Reizpunkte zu setzen und mit experimentellen Sounds schier erdrückende Energiewellen auszulösen. Ein Notwist-Konzert offenbar ganz eigenes, teilweise irritierendes Hörerlebnis: Da ist zunächst einmal die Tatsache, dass die Band unterm Strich zwei Frontmänner besitzt. Am rechten Bühnenrand steht Markus Acher, dessen glasklare Stimme sich immer wieder aus dem mächtigen Musik-Chaos schält und sich direkt in den Hörgängen festkrallt. Das Pendant dazu steht links, Martin Gretschmann, der sich als Console einen Namen in der Elektroszene machte und dessen elektronische Soundblitze immer wieder das geerdete Soundgebäude erschüttert. Zwischen diesen beiden Polen entfacht sich eine regelrecht magnetische Noise-Kraft, die auch den Rest der Band durch die Luft wirbelt, hin und her reißt und Schichten über Schichten malen lässt.

Da sind zunächst die eingängigen, gängigen Indie-Songstrukturen, die dann immer wieder aufs neue von ausgefallenen Beats auseinander geschraubt werden, ehe das Produkt The Notwist in erbarmungslosen Jam-Sessions implodiert. Mittendrin steht dann plötzlich Gretschmann mit zwei Nintendo-Wi-Drückern in der Hand, schlägt durch die Luft und tritt damit erneute Soundlawinen los. Und als Zuschauer/Zuhörer weiß man gar nicht mehr, wie einem gerade geschieht. Erst am Ende nehmen The Notwist ihre eigene Musik wieder an die kürzere Leine und entlassen ihr Publikum mit der ihrer Überballade „Consequence“.Das ist großes Kino. Das ist einzigartig. Das ist futuristisch und klassisch zugleich.

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Celo & Abdi – 25.01.2013 – Festhalle Karlsruhe-Durlach

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Der Artikel stammt vom Fuchs (Der Fuchs – Klick!)

Freitag, 25.01.2013, celo&abdi tourauftakt in karlsruhe-durchlach! parallel dazu released ihr labelboss und deutschraps oberbabo, haftbefehl, sein neues album „blockplatin“, welches ich mir leider noch nicht zu gemüte geführt hab‘. ich rechne mit einer platzierung in unter den top 3! (ne woche später, jetzt beim letzten überfliegen, kann ich dir platz 4 verkünden; ich habs mir die tage paar mal angehört^^). während der zugfahrt nach karlsruhe, fielen Jay und mir ständig potenzielle konzertbesucher auf, die wir zum beispiel beim umsteigen an den gleisen stehend, oder sogar im zug antrafen: die seiten frisch rasiert, „thuglife“-shirts in allen farben und natürlich stets bewaffnet mit einer bauchtasche.

celo, abdi, live, karlsruhe, durlach, tour, azzlacks (1)in karlsruhe angekommen um 18:30, stellten wir zu unserem entsetzen fest, dass wir total nüchtern waren! einlass in der festhalle durlach war um 19:00. jays bekannter T-Rex holte uns dann mit einem neuen audi a3 ab, den er extra für diesen abend ausgeliehen hatte! also schleunigst (immerhin stilsicher im mietwagen) in den nächsten supermarkt und zielsicher nach einer flasche jelzin wodka, sowie energydrink und pappbechern gegriffen. der fahrer trank nichts, aber gestattete uns (zur erheiterung aller beteiligten) das rauchen und trinken während der fahrt nach durlach. T-Rex drückt ordentlich aufs gas, während wir uns uns wodkabull reindrückten. laut pumpt ‚dagobert duck syndrom‘ vom mietwagentape. alle scheiben unten versteht sich. wodka halb leer, stehen mit dem auto am konzerteingang und sehen eine riesen schlange. T-Rex lässt es sich nicht nehmen einen lauten burnout hinzulegen, mit dem er ordentlich eindruck schinden konnte. auf dem parkplatz trinken wir aus und gehen rein.

ziemlich viel security, man wird relativ gut kontrolliert und abgetastet. T-Rex steht vor mir und ich sehe wie die security ihm ein messer abnimmt. aber kein stress, nach dem konzert darf er es wieder abholen wird ihm versichert. den anfang macht olexesh, dessen mixtape ich persönlich sehr feier‘. sein debut bei celo’s label 385i (kam nur ‚mietwagentape‘ drüber raus, am rest verdient hafti!). ende letzten jahres umsonst rausgekommen; 26 tracks. frage mich grad wieviele leute da waren…schätze mal über 100 auf jeden fall. olexesh spielt viel zu kurz, die anzahl der tracks konnte man an einer hand abzählen. dennoch überzeugend live. bier dort getrunken, rauchen gewesen. die crowd war überraschenderweise sehr gemischt. überwiegend männlich, aber nicht nur generation azzlack, sondern auch der eine oder andere martin. stimmung allgemein war durchgehend entspannt ausgelassen und angenehm. die crowd ging gut ab; wie du auch auf dem vid sehen wirst!

celo, abdi, live, karlsruhe, durlach, tour, azzlacksfür einen richtigen konzertbericht war ich selber zu verballert unterwegs! celo&abdi rissen dann richtig ab. stand mit den beiden relativ nah an der bühne, parallel dazu arme meistens oben. die beiden haben definitiv ne gute show abgeliefert und die leute mitgerissen.kannte nur das hinterhofjargon-album. ging ewig an mir vorbei und erst im januar mal komplett gegeben. gefiel mir richtig gut und die sind mir als menschen schon sympathisch iwie. hinzu kommt halt das man sich auf diesen style schon etwas einlassen muss. die kommen da mit einer parallelwelt, etwas ganz eigenem, aber eben etwas neuem und technisch für mich zum teil der wahnsinn! abdis part bei ‚hektiks‘ vom hj album kam live richtig fett..genauso wie beim track ‚hinterhofjargon‘, in dem das multilinguale vokabelheft abdi uns den besagten jargon etwas näher bringen will. ‚besuchstag‘ gehörte zu den highlights des konzerts. alle, wirklich alle, sangen voller insbrust den chorus mit. Jay sagte mir im nachhinein, dass er leicht schockiert war! haha ‚hazebusters‘ hat auch für ekstase gesorgt!:D und nach dem konzert ging es nach hd in die halle, teils flmriss!

Zum Abschluss gibt´s noch ein Highlight:Exklusive Liveimpressionen und Videomaterial vom Konzert, freihaus, aus dem Fuchsbau:

 

 

 

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Ahzumjot/ Kraftklub – Abart Zürich

 

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Von Jochen Teufel

Ein abartiges, sorry, den konnte ich mir nicht verkneifen, Glückgefühl überkommt mich an diesem Mittwochabend in der Zürcher Tram Richtung Bellvue. Ahzumjot hatte soeben verkündet das er am folgenden Abend zusammen mit der Chaostruppe Kraftklub in den Zürcher Indieschuppen “Abart” einfallen wird. Kraftklub, mittlerweile wohlbekannt als karl-marxistisches Abrisskomando der deutschsprachigen Club- und Festivallandschaft und Ahzumjot – endlich sollte ein, seit seinem Debütalbum “Monty” gehegter Livetraum für mich wahr werden. Keine Frage für mich, dass ich trotz ausverkauftem Haus in der Schlange ein (selbst für Schweizer Verhältnisse) viel zu teures Ticket abkrätsche und mich dann kopfüber ins Getümmel stürze.

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Der Hamburger Jung legt los! Ich lege los! Der Rest? 300 Menschen schauen ungläubig auf die Bühne! Sie stellen sich vermutlich Fragen wie “Wer ist der Typ mit den Synthibeats?” oder auch “Warum bringen Kraftklub einen HipHop Act als Support mit?”. Der Titeltrack des Albums schallt durch den Raum und man merkt, dass viele der Zuhörer Ahzumjot erst bei der nachmittäglichen Googlerecherche kennen gelernt haben. Umso erstaunlicher ist es, dass er es schafft das Publikum innerhalb seiner halbstündigen Show mit seiner Musik und Energie zu infizieren. Spätestens als sein neuster Brecher “Treff mich am Späti” durch die Boxen schmettert steht das Abart Kopf – ist ja auch egal was ein Späti ist, nicht wahr Zürich? Vorband-Auftrag erfüllt?

 

Aber hallo! Dann Kraftklub. Für alle die noch nie etwas von dieser Kombo gehört haben sei gesagt: Diese Band bedeutet Blut, Schweiß und mindestens ein verlorene Brille. Ihr Album, “Mit K”, kennt nur ein Gas, (Mallorca-Modus ein) Vollgas! (Mallorca-Modus aus) und über die Qualität der Texte lässt sich nicht streiten. Einfach ein rundes Allinclusive Packet, dass die Punkkombo mit HipHop-Wurzeln, da immer wieder verschnürt. Doch es gibt Neuhgkeiten. Kraftklub scheint über die Konstellation des Paketes nachgedacht zu haben. Waren die bisherigen Konzerte eine nicht abbrechen wollende Folgen von Circlepits, wildem gepoge und stagegediving, achtet die Band an diesem Abend auf die ausreichende Sauerstoffzufuhr ihrer Jünger. Zwischenzeitlich wird, unterlegt mit Sambaklängen, darauf hingewiesen, dass es nicht immer “Randale” geben könne sondern und dass man auch mal ordentlich tanzen könne. Dazu wird eine akkustik-mitschunk-Version von “Song für Liam” angestimmt, alle möglichen Anekdoten eines Rockerlebens zum besten gegeben und der klassische Versuch die Durchschnittslautstärke im Club zu drücken durchgeführt. Letzteres war schon bekannt und wurde nicht wirklich angenommen. Wie dem auch sei: Kraftklub sind nach wie vor frisch, neu, aufregend und auf dem gradlinigen Weg zu Deutschlands-Indieband numero uno. Kraftlos, nassgeschwitzt und mit dem ein oder anderen Kratzer mehr in der Brille und doch merkwürdig zufrieden, wankt ich aus dem Club. Man darf gespannt sein, wie sich das Projekt Kraftklub weiter entwickelt und ob sich die Truppe, angesichts so mancher verlockender Angebote aus der dunklen Welt des Maistream, weiterhin treu bleiben können. Next Step, Ahzumjottour besuchen.

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Openair Frauenfeld – Große Allmend – 2012

Man Mac Miller! 20 Jahre alt und absolut stilprägend auf und in der ganzen HipHop-Welt. Der Sound ist zu Konzertbeginn leider unter aller Sau und fängt sich erst im Laufe des Konzerts. Dann aber kann der gute Mac beweisen, warum er eines der heißesten Eisen der HipHop-Schmiede ist: Makellose Technik, feuchtfröhliche Feelgood-Music mit teilweise brettgeilen Beats. (Den halben Freitag zerbreche ich mir die Birne welcher verdammte Indie-Song die Grundlage zu „Donald Trump“ bietet. Es ist Sufjan Stevens Sensationssong „Versuvius“! Geil!). Da geht was! Kein Bild, aber ein Video:

HipHop hat sich verändert. Oder wäre es vor zehn Jahren denkbar gewesen, dass ein Künstler des Genres sein Publikum mit einem siebenminütigen Pianosolo begrüßt? Wohl eher nicht, aber genau das macht J. Cole und gibt damit natürlich eine eindeutige Richtung vor. Und so funktioniert auch sein restlicher Auftritt. Voller unpopulärer Ideen, nachdenklich, emotional, frisch – großartig. Zum Abschluss gibt’s dann den locker-fluffigen Hit „Higher“ damit das Frauenfeld-Publikum auch ja nicht zu geknickt in die anstehenden Konzerte geht.

Zeitreise! 20 Jahre ist es mittlerweile her, dass eine Gruppe schmächtiger Hamburger Jungs in ihren Jugendzimmern an erste Songideen bastelten. Deutscher HipHop steckte damals noch in den Kinderschuhen – die Beginner sollten – ob man nun will oder nicht – ihn auf Jahre prägen. 1998 erschien das Debütalbum „Bambule“, welches erstmals unter Beweis stellte, dass deutscher HipHop sowohl erfolgreich als auch anspruchsvoll sein kann. „Blast Action Heros“ schaffte es dann zum Nummer 1-Album und umso mehr verwunderte es, dass sich das Projekt Beginner in der Folge auflöste. Doch obwohl Jan Delay eine sensationelle Solokarriere startete, verstummten die Rufe nach einem Beginner-Konzert zu keinem Zeitpunkt. Am Frauenfeld wurden diese dann endgültig erhört. Das Trio gibt sich in absoluter Spiellaune. DJ Mad thront auf einem mächtigen DJ-Pult und befeuert seine beiden MC´s mit wohlbekannten Beats, während Denyo und Eizi Eiz a.k.a. Jan Delay Hit an Hit zelebrieren. Leider haben die Jahre in den unerträglichen Weiten des Mainstream Jan Delays Birne ganz schön verbrutzelt. Das zeigten zuletzt seine euphorischen Aussagen über Cro und unterstreichen seine selten dämmlichen Ansagen in Frauenfeld. Egal! Als dann der alte Weggefährte Samy Deluxe für „Füchse“ auf die Bühne steigt, ist das schon großartig. Ein Konzert wie ein altes, vergilbtes, mit Erinnerungen beladenes Polaroid.

Raus aus der Vergangenwart, rein in die Gegenheit (ach du scheiße)! Und die heißt 2012 immer noch Sido. Sido ist für mich der größte Entertainer der deutschen Musikszene und stellt das auch am Openair Frauenfeld unter Beweis – und ja: Dann sollen bitte jetzt alle Blumentopfhörer den Tab bitte schließen. „Scheiß auf den Regen“ – wir spielen bisschen Mucke!“ Zwar hat der Berliner Rapper schon einiges an Jägermeister intus (das sensationelle Getränk Jägermeister-Maracuja hat er selbst geprägt und nach sich benannt) und das spiegelt sich in unzähligen „Fünfzich Pfennich“-Witzen wieder. Trotzdem spielt Siggi ein Best-Of-Set voller Hits und ohne Verschnaufspause.

Vier Jahre sind vergangen, seit 50 Cent letztmals auf der Großen Allmend aufspielte – vier Jahre in denen sich der HipHop-Kosmos gewandelt hat. Eine neue Generation aufregender Künstler hat das Genre erobert und die Tatsache, dass Drake, das „Wunderkind“, über dem alten Platzhirsch Curtis Jackson angeordnet ist, ist ein klares Statement. Drakes Position steht stellvertretend für eine Vielzahl von jungen Künstlern, die das Frauenfeld 2012 prägen und 50´s Perfomance ist unterm Strich kaum die Rede wert. Respekt trotzdem, da der Superstar vergangene Woche noch in einem Carcrash involviert war. Das wars dann aber auch! Drake selbst bietet die spektakulärste Show des Festivals: Im Hintergrund prangen Dutzende große Leinwände, davor steht eine Art Reeling, auf der sich der DJ sowie eine Band aufbaut. Von der Bühnendecke leuchten mächtige Strahler, die das Festival in unzählige Farben tauchen und inmitten dieses Meeres der Sinneseindrücke steht Drake. In der Folge zeigt der Kanadier seine ganze Bandbreite. Ruhige, vom R´n`B geprägte Songfragmente, experimentelle Nummern, bis hin zu spektakulären Smash-Hits. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass ein Drake-Song mit einem Minimalbeat startet, der dann zu einem handfesten HipHop-Brett auswächst und schlussendlich von Schlagzeug und Gitarre zersägt werden. Stark.

Whiz Kalifa präsentiert sich im Jimmie-Hendrix-Gedächtniss-Outfit und spielt ein absolut hypnotisches Set. Dabei verzichtet er auf die große Party und zündet das Feuerwerk erst ganz zum Schluss mit „Black and Yellow“. Ziemlich stilsicher, ziemlich mutig und ziemlich abgehoben – viel mehr gibt es zu später Stunde nicht zu sagen. Ach doch: Man sollte den Herrn Kalifa auf keinen Fall unterschätzen oder auf seine Partyhits reduzieren. Unmengen an Potential!

Macklemore spielt für mich das denkwürdigste Konzert des Festivals. Es ist 11 Uhr morgens, trotzdem ist es schon unerträglich heiß. Das Publikum ist total verschossen (und doch recht zahlreich erschienen). Ich selbst kenne kaum was, stolper eher zufällig vor die Bühne, auf der dann eben dieser Macklemore zusammen mit seinem begnadeten DJ Ryan Lewis einen Auftritt zelebriert, dass man meinen könnte, er spiele gerade vor mindestens 70000 Mann. Es geht live eben nichts, aber auch gar nichts über Herzblut. Selten ein HipHop-Konzert von einer solchen Intensität gesehen! Macklemore reißt das Ding ab, Ryan Lewis mischt Beirut in seine Beats und sorgt mit dem Otherside-Sample für Gänsehaut! Bämm!

Asap Rocky schwimmt auf einer gehörigen Hypewelle und deshalb überrascht die frühe Position im Line-Up umso mehr. Der Harlem-Superstar tut sich sichtlich schwer in der Schweizer-Nachmittag-Sonne vor sichtlich geplätteten Publikum. Das liegt vor allem am schwachen Sound der Technik. Trotzdem unterstreicht Asap Rocky seinen Ruf als aufregender Nachwuchs-Star und ist dabei härter, düsterer und irgendwie realer als seine ebenfalls Hype-surfenden Kollegen Miller und Kalifa. Asap Rocky wird wieder kommen, soviel ist sicher.

Im vergangenen Jahr war Yelawolf noch eine pure Sensation – irgendwie kannte man den abgefuckten Punk vom Hören/Sagen und was er dann auf der Frauenfeld-Bühne zelebrierte kam einer Atombombe gleich. Ein Jahr später ist Yelawolf noch besser geworden und das heißt unterm Strich: Bestes Konzert des Wochenendes. Der Mann ist so schnell, dass einem die Ohren schlackern, der Mann rappt so präzise, dass man wirklich am Live-Status zweifelt. Brutal. Dazu huldigt er seinen Wurzeln: Aufgewachsen in schwarzen Slums und weißen Trailerparks ist Yelawolf eine Art absoluter Mutant des amerikanischen Traums. Das fließt mit ins Set, wo er selbstredend Metallica und Johnny Cash mit einwebt. Dann folgt wieder ein Salve seiner eigenen, durchgedrehten Beats und man fasst sich an den Kopf und denkt: Ey, also eigentlich ist das der neue Eminem. Oder irgendeine abgebrannte Punk-Rock-Version davon! Überzeugt euch selbst:

Ich muss ehrlich sein: Ich habe das Phänomen Marsimoto noch nie verstanden. Klar, das hochgepitschte Mariuhana-Alter-Ego von Marteria ist ein ganz geiler Effekt und sorgt durchaus für großartige Momente, aber auf Albumlänge, geschweige denn ein ganzes Konzert lang kann ich mir das nicht geben. Wenn man sich das komplett durchdrehende Publikum so anschaut, steh ich mit der Meinung aber wohl alleine da.

Rick Ross ist ein abartige Blender. M-M-M-M-M-MAAAAAAAAAAAAAACHBACH MUSIC. Ach du scheiße.

Der rote Teppich wird ausgerollt, Vorhang auf für Mrs. Lauryn Hill! Angekündigt als „Queen of HipHop“ stellt das Ex-Fugees Mitglied umgehend unter Beweis, dass der Begriff HipHop in ihrem Verständnis sehr weit gefasst ist. Als erste Amtshandlung wird zunächst der eigene Jahrhunderthit „Killing Me Softly“ in seine Einzelteile zerlegt und bis zur Unkenntlichkeit durchmischt. Ein Monster, eine grandiose Mischung aus Soul, Jazz, HipHop und Rock´N`Roll. Keine Diskussion: Lauryn Hill besitzt unbestritten eine der mächtigsten Stimmen des Pops. Sie vermag es gleichermaßen zu erschüttern und zu begeistern, sie lässt dich zärtlich erschauern und brüllt dir kurz darauf wütend ins Gesicht. Die erste Stunde des Konzerts gibt kaum Verschnaufpausen, erst zum Ende entschleunigt Mrs. Hill das Konzert. Zum Abschluss gibt es die Klassiker „Ready or Not“ und „Killing Me Softly“ in der klassischen Version. Der Kreis schließt sich – die Reise ins HipHop-Herz hat sich einmal mehr gelohnt!

Mos Def ist zweifelsohne einer der interessantesten Schädel des HipHop-Biz. Zum einen liegt das an seiner beachtlichen Schauspielkarriere, zum anderen an seiner unfassbaren und experimentellen Auffassung von HipHop – vor allen Dingen hat der Junge aber ganz schön einen an der Waffel. Mittlerweile ist Mos Def Muslime und nennt sich nur noch Yasin Bey. Entsprechend schält er sich nach kurzer Zeit aus seinem Military-Look und prangt ganz in weiß im Stile eines Predigers auf der Bühne. Sein Auftritt ist ähnlich wie seine Platten: Verkopft! Immer wieder werden die Songs abgeschnitten und abgebrochen und von strangesten Beats zersägt. Das ist alles andere als eingängig, aber zeigt wichtige Varianten auf. Yasin Bey ist der Muhammed Ali des HipHops. Und wäre HipHop Rock, Mos Def wäre Post-Rock? Macht Sinn? Wohl eher nicht.

Nas zeigt sich von seiner besten Seite und spielt ein klassisches Old-School-Konzert. Halt nein Moment. Nicht so richtig. Immerhin spielt der New Yorker Wegbereiter mit einer ordentlichen Rockband. Das wirkt bei Nas aber – und im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern (ähm fünfzich pfennich…) – absolut natürlich. Die Symbiose funktioniert und es entsteht wirklich ein derbes Stück Crossover. Damit Nas macht den eher mittelmäßigen Auftritt zusammen mit Damien Marley von vor zwei Jahren wieder mehr als weg.

Alle Konzertbilder (bis auf Asap Rocky) haben meine schweizer Kollegen von www.tillate.com (Klick!) geschossen. Schaut rein!

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SOUTHSIDE-FESTIVAL – Neuhausen Ob Eck – Take Off Gewerbepark

 

So nachdem ich mich hier (KLICK!) ausführlich über das Festival an sich und alles dazu gehört ausgelassen habe, soll es auf Risse im Asphalt nur um Musik gehen…

 Justice sind das Schlachtross der prägenden französischen Elektroszene. Das Album-Monster „Cross-Symbol“ schlug einst ein wie eine Bombe, die Videos zu „Stress“ und „D.A.N.C.E“ brachten die Youtube-Server in Wallung. Am Southside beginnt zum militärischen Intro das obligatorische Kreuz neongrell zu flackern, ehe nach minutenlangen Steigerungen der erste Bass über die Menge brettert. Es folgt ein Elektrokonzert von Blockbuster-Ausmaß (leider mit bescheidenen Sound): Über die eigens installierte Riesenleinwand pumpen Lichteffekte, von der Bühne jagen Laserstrahlen in den Nachthimmel. Und irgendwo ganz klein in diesem Meer aus Effekten, Licht und Musik stehen Gaspard Augé und Xavier de Rosnay, die ihre Songs in unzählige Bruchstücke zerflücken. Das hinterlässt auf der einen Seite viele Enttäuschte, produziert aber eine Menge Euphorie-Berauschte! Später speit die Bühnenkonstruktion ein Neonklavier auf die Bühne, auf welchen der lockenbehaarte Augé ausgelassen vor sich hin klimpert. Eine elektronische Opera Obscura.

Man Other Lives. Was würde passieren wenn man Arcade Fire eine gehörige Dosis Depression in die Venen impft und sie dann direkt als Hauptdarsteller und Saloon-Band in einen der alten italienischen Western stellt – so Ennio Morricone Style: Richtig! Das wären dann die Other Lives. Starker Auftakt, große Melodien, jaulende Momente, große Weite im kleinen Zelt. Immer mal wieder so Post-Rock mäßige Ausschweifungen, dann wieder verkopftes Klavierspiel und verbissener Gesangt. Stark!

Dieses Konzert wird dein Leben verändern! Dies und nicht weniger ist der Anspruch der ShinsAnhänger an die Band, seit deren Hymne „New Slang“ im Kinofilm Garden State eine ebensolche lebensverändernde Schönheit attestiert wurde. Natürlich ist es keine einfache Aufgabe diesen Vorstellungen gerecht zu werden – für keine Band der Welt. Aber die Shins, die nach mehrjähriger Bühnepause in neuer Besetzung antreten, gelingt das Kunststück, die Magie ihrer Songs direkt auf die Bühne zu übertragen. Dabei bewegt sich James Mercers ungewöhnliche hohe Stimme live immer auf einem schmalen Grad zwischen überdrehen und unverwechselbarer Virtuosität. Am Southside meistert der Sänger den Ritt auf der Rasierklinge mit Bravour und nicht ohne Grund recken unzählige Fans ihre zu Herzen geformten Hände in das orangene Licht der Abendsonne. Und wie dann „New Slang“ so halb akkustisch dahin gehaucht wird oder „Caring is Creeping“ so schmerzend hinaus geschrien wird. Schön, wie man die Herzen schmelzen hört! Manche Momente sollte man für immer speichern können.

Eine Woche vor dem Festival brach unter den Musikfans Panik aus: Denn Marcus Mumford, seines Zeichen Mastermind der vielleicht aufregendsten Folk-Band der Welt, hatte sich die Hand – abgesagte Shows waren die Folge. Am Southside beißt Marcus die Zähne zusammen, spielt mit effizient gegipsten Arm und legt fortan seine Seele frei. Mit Inbrunst singt und schreit der gesegnete Sänger seine Songperlen in die untergehende Sonne und weil es aus dem Publikum nicht minder emotional zurück brüllt entsteht eine selten gesehene Gänsehautatmosphäre. Immer wieder sägen epischen Spielereien mit dem Banjo, Kontrabass und Akkordeon durch die Mumford´schen Kompositionen und sorgen für ein ganz spezielles Momentum – das ist die Brise Salz in der Suppe, die die großartigen Bands von den guten unterscheidet. Was für ein Konzert! Was für eine Band! Die bittersüße Prognose: Mumford&Sons werden schon bald jedes Festival dieses Planeten headlinen. Zurecht.

Oasis sind meine persönliche Konzert-Nemesis. 2005 war ich zu dumm und pubertär, um mir ein solch ruhiges Konzert zu genehmigen und stapfte also dumm grinsend an der blauen Southside-Bühne vorbei. Vor drei Jahren wollte ich diesen idiotischen Fehler ausmerzen und Oasis – jetzt als Fanboy – bei Rock am See abfeiern. Und was machen die Gallagher-Brüder? Sie schlagen sich die Köpfe ein und zwar EINEN Tag bevor ich sie gesehen hätte. Noel Gallagher verließ die Band und ich verkaufe meine Karte. Die Wunden sind noch nicht geheilt, selbst für Kraftclub stellte die Trennung die Grenze zwischen den guten und den schlechten Zeiten da („Und wenn du mich küsst, schreibt Noel wieder Songs für Liam!“). Freitag Abend gabs dann endlich ein Heftpflaster auf den offenen Bruch. Da stand er, der gute Noel. Ganz in echt. Und spielte „Don´t Look Back In Anger“. Hach.

Eigentlich müssten hier Jubelstürme stehen. Freudentränen fließen. Jubelsprünge gehüpft werden. Geht aber nicht. Der Geist war willig, der Körper zu schwach. Das Konzert war toll, keine Frage aber nicht so ganz für mich! Zum Glück hatte ich schon meinen Beirut Beirut-Moment.

Am Samstagabend wird ein entscheidendes Kapitel der Rock´N´Roll-Geschichte aufgeschlagen. Robert Smith und seine Truppe bilden das Kontrast-Programm zu den spaßigen Headliner-Kollegen von den Ärzten und Blink 182. Dabei ist es fast unglaublich, mit welcher aufrichtigen Ehrlichkeit der mittlerweile 53-Jährige Robert Smith seine teilweise jahrzehnte-alten Songs schmettert, sodass man als Konzertbesucher auch noch heute den tieftraurigen Jugendlichen von einst vor Augen hat. Hier wird klar: Smith lebt seine Songs und auf der Bühne wird er eins mit ihnen. Überhaupt sind The Cure Konzerte eine Institution: Robert Smith wird nicht müde zwei bis drei Stunden zu spielen und dabei grundsätzlich ungewöhnlichste Playlists aus vereinzelten Superhits, B-Seiten und neuen Songs zu mischen. Für alle, die jedoch keine Die-Hard-The-Cure fands sind, ist das natürlich sowas von anstrengend, dass sich das Konzert im weiteren Verlauft langsam aber sicher leert. Trotzdem: Von soviel Einsatz, Spielfreude und Motivation könnte sich so manche Band des Lineups eine dicke Scheibe abschneiden. Chapeau, Mr. Smith!

Wenn es so etwas wie einen Rock´N`Roll-Gott gibt, dann ist er Jesse Hughes auf direktem Wege in den Arsch gefahren. Kaum einer verkörpert das Rock`N`Roll-Gen eindrucksvoller als Hughes, der sich wohl genau aus diesem Grund schlicht und einfach „The Devil“ nennt. Am Southside marschiert Jesse also breit grinsend, die Kippe in den Mundwinkel geklemmt und den mächtigen Oberlippenbart zurecht frisiert auf die Bühne, wo er zunächst einmal einige Frauen im Publikum mit Kusshänden und Augenzwinkern begrüßt, eher zu einer unglaublich unästhetischen, übergroßen Gitarre greift und das Eagles Of Death Metal-Konzert beginnt. Und wie: Jesse lässt den Teufel von der Leine, während sich seine Mitmusiker um den sensationellen Queens Of The Stoneage-Drummer Joey Castello um den musikalischen Grundbausatz des Konzerts kümmern. Denn bei aller Liebe: Jesses Hughes ist viel eher Rock`N`Roller als Musiker und die Geschichte wie er seine Band gründete ist eine wunderbare Anekdote: Wir schreiben das Jahr 1998, Jesse Hughes, Familienvater und Arbeiter, wird von seiner Frau verlassen. Bei seinem High-School-Freund Josh Homme, der zu diesem Zeitpunkt längst ein Rockstar ist, sucht Jesse Trost. Und Josh Homme hat einen entscheidenden Rat auf Lager: Schmeiß´alles hin, gründe eine Band und lebe Rock`N`Roll. Gesagt getan. Heute sind die Eagles Of Death Metal absolut Kult und bringen am Southside die Menge ordentlich in Bewegung. Songs der Marke „Cherry Cola“ oder „I Want You So Hard“ sind sonnenbebrillte Hymnen an die Liebe, die Sonne und das Leben und machen die EoDM zu einer idealen Festivalband. Geil!

Wolfmother spaltete bereits in den ersten Momenten ihrer Bandgeschichte die Musikszene in zwei Lager: Die eine Seite verpönte die australischen Rocker als bloßen Led Zeppelin-Verschnitt, während die Wolfmother-Anhänger eben diese Parallelen, die in erster Linie auf Andrew Stockdales sägenden Gesang gründen, feierten. Ob nun aufgekocht oder nicht – Bands wie Wolfmother braucht das Land. Wolfmother gräbt sich zurück zu den Wurzeln und macht daraus absolut keinen Hehl: Große Rock-Gesten, breitgefächerten Songstrukturen und die ausufernden Soli. Keine Lasershow, keine Videoeffekte, keine übertriebenen Ansagen – Nur handfester Arschkick-Hardrock. 2006 eine Offenbarung, 2012 immer noch, ähm, gut!

Das  Stone Roses-Konzert ist vermutlich eines der bizarrsten, die das Southside-Festival je erlebt hat. Da steht eine Band auf der Bühne, die die englische Musikszene wohl wie kaum eine andere geprägt hat, die die Fußstapfen für Oasis vorgetreten hatte, die nach 15 Jahren Trennung 2011 ihre Reunion bekannt gegeben und damit die ganze Insel in Freudentränen getränkt hatte. Da steht also dieser potentielle Headliner aller britischen Festivals auf der Bühne und spielt vor ein paar tausend Besuchern. Stell dir vor, es spielen die Stone Roses und keiner geht hin. Eine explosive Situation: Denn die ausufernde Arroganz von Sänger Ian Brown und seine wenig begeisternden Live-Qualitäten sind mindestens genau so legendär, wie die beiden einzigen Stone Roses Alben und das lässt böses erahnen. Es folgt jedoch die positive Überraschung. Ian Brown trotzt der spärlichen Kulisse und zeigt sich – für seine Verhältnisse – publikumsnah und sympathisch. Und tatsächlich liefert Brown eine – für seine Verhältnisse – starke Gesangsperfomance ab. Und weil die restlichen Bandmitglieder der Stone Roses mehr als nur passable Musiker sind besitzt das Konzert einen ganz eigenen Charme und Flow. Klar, würde man sich bei den großen Hits wie „I Wanna Be Adored“ oder „She Bangs The Drums“ 50 000 euphorisch gröhlende Engländer als chorale Unterstützung wünschen, aber angesichts der einzigartigen Erfahrung eines Stone Roses-Konzerts mit Wohnzimmer-Atmosphäre sieht man darüber doch gerne hinweg.

 Nach Beirut schleppe ich meinen Kadaver in Richtung  New Order, wo erschreckend wenig lost ist. Vielleicht liegt das auch daran, dass sich der Spirit der Band, die einst Joy Division hieß und nach dem Tod des Ian Curtis unter New Order weiter machte, entscheidend verändert hat. Denn New Order sind eigentlich gar nicht mehr so richtig New Order: Nur noch Bernard Sumner und Stephen Morris sind übrig und so mag man das Konzert irgendwie von sich aus nicht gut finden. Tut es aber trotzdem. Und so will man eigentlich auch nicht „Love Will Tear Us Apart hören“. Tut es aber trotzdem. Inklusive Gänsehaut.

Woaaaah. Die Antwoord. Was ist denn das? Bizarrster Abriss. Starker Sound, derbe Beats, durchgeknallte Show. Willkommen in Crack-City! Die Antwoord spielen das abgedrehteste Konzert des Festivals, nein, vermutlich der Southsidegeschichte. Seit sie ihren afrikaans Trash-Rap irgendwo in die Südafrikanische Landschaft rotzten, sorgen Die Antwoord für offene Münder. Die meisten belächelten das undurchsichtige Projekt als stumpfe Provokation, am Southside beweist das Duo aber definitiv Qualität – eine beängstigende Qualität. Das Sauna-Zelt wird in Rekordzeit voll gespielt. Yolandis Stimme, dieses schmerzend hohe Krächzen, diese Helium-Bombe wird zum meist diskutiertesten Thema des Wochenendes. Dazu Ninja, ein afrikanischer, abgefuckter Eminem-Speedcore Rapper der auf die Elektropunkbeats seine Tracks pumpt. Der helle Wahnsinn! Zum Beweis: Ein miserables Handyvideo:

Es gibt wohl nur wenige Formationen, in denen die Livequalitäten innerhalb der Band so horrende Unterschiede aufweisen wie bei Blink 182. Denn während sich Mark Hoppus und Tom DeLonge gesanglich meist mehr als schwer tun, gilt Travis Barker als einer der aufregendsten Drummer der jüngeren Popgeschichte. Entsprechend ungewöhnlich funktionieren die Auftritte der Spaß-Punker: Das Schlagzeug dominiert das Konzert von Beginn an, Barker brettert mit unglaublicher Geschwindigkeit und Gespür und zieht dabei seine beiden Kollegen förmlich hinter sich her. In den Pausen haut das Trio ein paar Ärzte-mäßige Sprüche raus. Klar, das hat alles einen ganz netten Nostalgie-Faktor, wenn dann mal „Whats My Age Again“ und zigzwanzig weitere Songs laufen, die man eins auf voller Dröhnung in Jugendräumen hört. Alles in Allem blockieren Blink 182 aber definitiv einen Headliner-Slot.

SPLITTER:

Florence And The Machine: Da steht also diese Stimmensensation auf der Bühne und jodelt ins Mikrofon und tanzt dazu so zauberhaft hippieesque über die Bühne. Irgendwie hört man keine Musik, nur Stimme und Stimme und Stimme. Naja.

Casper: Die Sensation des vergangenen Jahres. Die Blue-Stage ist überlaufen, der Sound leider bescheiden – wie sooft an diesem Wochenende auf der blauen Bühne. Das trübt die Stimmung – zumindest bei den neutralen Musikfans. Die Casper-Crowd dreht trotzdem durch, auch wenn Songperlen wie „Michael X“ leider vom Winde verweht werden. Casper, keine Frage gibt sich Mühe und ist zweifelsohne ein richtig starker Livekünstler. Unter diesen Umständen macht das aber nur bedingt Spaß, die Kehrseite des Hypes.

Bombay Bicycle Club: Total verspielte Melodien, total dämlich grinsender Sänger. Das zwingt die Hipsters und Indiegirls in die Ausdruckstanz-Hölle. Da fehlt echt noch einiges – die Akkustikversionen dieser Dudelhymnen können ja eigentlich so einiges.

Kurt Vile: Sieht wohl aus wie der junge Jimmy Page und klingt ein wenig wie Bob Dylan. Passend dazu fragt mich einer nach dem Timetable und verwechselt dann die Stone Roses mit Guns&Roses und Rage Against The Machine mit Rise Against. Kurzzeitig liegt etwas besonderes, etwas großes liegt in der Luft. Viles Konzert ist schlussendlich aber nur solide.

Pennywise: Alles wartet auf Bro Hymn, um mit dem Song im Ohr locker in die Normalität hinaus zu marschieren. Dann geht’s los, voll gut: oooooooooooooooooohooooooooooooohohhhhhhhhhhhhhhhhhhoooooooooooooooohhhhhhhhhohhhhhhhhhhohhhohhhhh!

Kleines Video:

Die großartigen Bilder hat mein geschätzter Kollege Olli Hanser geschossen. Großes Lob und vielen Dank. Mehr Bilder von Olli findet ihr hier: (KLICK!). Schaut rein! Aber sofort!

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Southside-Festival – Take Off Gewerbepark Neuhausen Ob Eck – 17.-19.06.2011

Alles was nun folgt, ist alkoholgeschwängerter Raviolijournalismus:

Auf dem Southside riecht es anders. Erst wenn dir die warme, wabernde Mischung aus Kippenrauch, Moder, Gaskochergas, Essen, Bier, Körperausdünstungen, Asphalt, Dixieklos, Urin und Dosenfraß in die Nase steigt, bist du wirklich (und meist nach stundenlangen Warten im Wolkenbruch) auf dem Gelände angekommen.

Auf den Landebahnen herrscht ab Donnerstagabend Zirkus, Woodstock und Karneval. Ein einstöckiges „Haus, das Verrückte macht“ wird aus dem Boden gestampft – nur den Passierschein A 38, das Ticket nach draußen, das gibt es nicht. Ein römischer Streitwagen heizt Spaghetti-schwenkend an uns vorbei, wenige Minuten später teilt sich die Menschenmasse und motorisierter Miniatur-Plesiosaurus wälzt sich über die Landebahn. An einer anderen Stelle stolziert eine (wohlgemerkt echte) Hochzeitsgesellschaft durch den Morast. Liebe in Gummistiefeln, Ja-Wort im Schweißgeruch. Einer aber bringt es auf den Punkt. Splitterfasernackt, Pfeife rauchend, von Groupies umringt! Es ist Niemand Geringeres als Vorstandsvorsitzende des Festivalkontinenten.

Arctic Monkeys: Patenonkel Josh Homme hat den Arctic Monkeys wohl kräftig den Hintern versohlt. 2006 waren sie noch Rotzbengel mit einigen Tanzflächenhits, die arrogant vor sich hin spielten und sich irgendwann zum WM-Spiel der Three Lions verpissten. Heute, nachdem sie durch Homme´sche Stahlbad gegangen sind, spielen sie ein schnörkelloses, tonnenschweres Set. Mächtige Indiehymnen und ein Schuss kalifornische Stonerrock-Attitüde. Alex Turner blickt gequält ins Leere. So muss das sein!

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Bright Eyes: Die Bright Eyes sind auf Abschiedstour. Conor Oberst, das Jahrhunderttalent, der Wolfang Amadeus Mozart des Folk, erscheint in Mönchskutte und poltert über die Bühne. Seine Band beschwört dazu ein wütendes Klanggewitter und einen eindeutigen Kontrast zu den wahrlich depressiven Balladen der ersten Stunde. Conor Oberst inszeniert sich dazu als Rockstar und natürlich das ist ironisch gemeint. Im Laufe des Konzerts nimmt sich die Band zunehmends zurück und die charakteristische Stimme des Frontmanns, die man einmal hört und dann dann nie wieder vergisst, rückt mehr und mehr in den Vordergrund. Oberst haucht und jault und schreit und krächzt jede Menge Kleinode aus seiner imposanten Diskografie und am Ende „Lover I don´t have to love“, „Four Winds“ und „Shell Games“ in die Redstage, dass es einem heiß und kalt den Rücken runter läuft. Es ist ein krachende Abschied eines Wunderkindes. Die Bright Eyes sind tot, es lebe Conor Oberst.



Portishead: Drei Alben in 20 Jahren haben Portishead gereicht um musikalischen Weltruhm zu erlangen. Kaum ein Musiker, der die britische Trip-Hop Formation nicht als Einfluss und Vorbild listet, kaum ein Kritiker, der der Band nicht den Legendenstatus zuschreibt. Das Erscheinen der Band in einem deutschen Lineup war also an sich schon eine Sensation, der Auftritt selbst ein konzertgewordener Superlativ. Beth Gibbons steht fröstelnd in der Mitte der Bühne, sie erscheint schüchtern, winkt ein wenig in die Menge und nickt in Richtung Band und Mastermind Geoff Barrow lässt den Beat von der Leine. „The Rip“, vom aktuellsten Album „Third“ ist ein Wispern, ein verwehtes Stück Musik, von einer Intensität, die ein komplettes Festival zum Schweigen bringt. Dann Stille. Komplett. Dann frenetische Jubelstürme.

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Arcade Fire: Es müsste schon mit dem Teufel zu gehen, wenn Arcade Fire nicht in absehbarer Zeit, zur größten Band dieses Planeten aufsteigt. Ihr aktuelles Album „The Suburbs“ (das zwar nicht ganz die ungeheuerliche Qualität der Vorgänger erreichte, dennoch 2010 so ziemlich alles pulverisierte – spätestens jetzt outet sich der Autor dieser Zeilen als hemmungsloser Fanboy) machte die Band um das kanadische Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne im Handumdrehen zu Chartstürmern und zu Formation von Headlinerstatus. Arcade Fire sind fast zu perfekt für diese Musikwelt: das Gespür für den entscheidenden, für den großen Moment zelebriert momentan niemand auf dem Globus so intensiv wie der Kanada-Achter und diese Pole Position wussten Will Butler und Co. auch am Southside zu verteidigen. Butler selbst ist dabei ein Frontmann der alten Schule, der im Zentrum steht wie ein Dompteur und die Ruhe bewahrt, wenn um ihn herum die Hölle losbricht. Erst im zweiten Teil zieht er sich zurück an die Orgel und überlässt seiner Ehefrau das Mikrofon. Madame Régine besitzt eine ungewöhnlich hohe, fast überdrehte Stimme, die sich aber punktgenau an das musikalische Gerüst schmiegt. Drumherum wirbeln die restlichen Mitglieder, hämmern im Wechsel auf Orgeln und Schlagzeug, Violinen und Orgeln. „Rebellion (Lies)“, „Intervention“, „Wake Up“ und. und. und. Die Setlist lässt keine Wünsche, Arcade Fire keine Fragen offen…Und achja, damit sich der Kreis schließt, bitte gucken:

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Converge: Es ist wohl die vollendete Hingabe an die eigene Leidenschaft. Kurt Ballou, Gitarrist und musikalisches Mastermind der Hardcore Legenden Converge leidet an einer chronische Sehnenscheidenentzündung, jeder Auftritt bereitet ihm höllisches Qualen. Doch Ballou kann es nicht lassen an den Saiten zu frickeln, auch nicht am Southside, wo sich Converge eigentlich wie ein Fremdkörper im Lineup festsaugen. Entsprechend dankbar zeigt sich Sänger Eric Bannon angesichts der erschienenen Zuschauer und entsprechend legt sich die Formation ins Zeug. Bannon grast jeden Milimeter der Bühne ab, Ben Koller drischt seine Sticks zu Sägemehl. Groß!



Sublime With Rome: Es ist das ultimative Rock`Roll`Märchen: Rome Ramirez 1988 geboren, im selben Jahr gründet sich die Ska/Alternativeband Sublime um den charismatischen Frontmann Brad Nowell. Die Band wird Kult, doch Nowell jagt 1996 eine goldene Dosis durch die Adern. Sublime sterben mit ihrem Frontmann. Rome wird erst Jahre später zum Fanboy und fast 15 Jahre nach der Tragödie singt Rome seinen Idolen ein Ständchen. Das muss ganz gut gewesen sein → Sublime werden zu Sublime With Rome! Am Southside spielen die alten Haudegen Bud Gaugh und Eric Wilson kettenrauchend und tiefenentspannt vor sich hin, während Rome etwas enthusiastischer sich ins Zeug legt. Die Sonne blitzt erst zur Zugabe durch die Wolkenschichten. Reicht vollkommen: Santeria!



Gogol Bordello: Gäbe es eine Weltauswahl der größten Rampensäue, Eugene Hütz würde die Mannschaft wohl als Teamkapitän aufs Feld führen. Der Frontmann der Gypsy-Punk Formation Gogol Bordello ist ein Derwisch und Partisane, ein langhaariger Clown und Zigeuner. Gogol Bordello spielen Punk aus New York mit osteuropäischen und südamerikanischen Einflüssen. Auf der Bühne herrscht sofort ein unglaubliches Gewusel und Gespringe und man würde wohl sofort den Überblick verlieren, wäre da nicht Hütz, der in der Mitte thront. Er ist der unbestrittene König dieser strangen Party, der King Louie des Green Stage.


Am Ende übernimmt das Chaos das Ruder. Der Campingplatz erinnert mehr und mehr an das Setting eines Zombiefilms. Es knallt und schreit aus Ecken. Feuer bricht aus, Ein Dixieklo wird gekippt. Die Mennchen sammeln sich im Müll, in kreisrunde Grüppchen oder ziehen in Horden, mit Pavillon Stangen bewaffnet durch die Ruinen der Zeltstadt. Während des letzte Konzerts wird ein Pfosten der White-Stage von einem Raver erklommen. Minuten später kraxeln die Security hinterher. Das Publikum tönt und grölt im Chor, die Scheinwerfer flackern Marineblau und Digitalism pumpt ein anarchischen Beat zur Festivalversion von Tom und Jerry. Irgendwann hängt der Raver mit zwei Armen langgestreckt und mit nacktem Arsch am Gerüst. Ein denkwürdiger, ein finaler Moment.


Alle Fotos (bis auf Converge -> Quelle: Myspace) hat mein Kollege Olli Hanser geschossen! Vielen Dank!

Ende? Nicht ganz! Damit das Gesamtpaket gehörig melancholisch endet, gibts zum Abschluss das wohl traurigste Festivalvideo der Welt (Klick!)!

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