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Vierkanttretlager – Kulturladen Konstanz

Was ist das für eine Band? Nach einem einführenden, marternden Gedicht entert das Quartett die Bühne des Konstanzer Kulturladen: Frontmann Max Leßmann verzieht sein ansonsten verbissenes Gesicht in den Verschnaufpausen zu einem Lausbubenlachen und diktiert dann im Stile eines Theaterbösewichts überlegte, punktgenaue Ansagen. Christian Topf arbeitet sich ohne Erbarmen und ohne einmal aufzublicken an seiner Gitarre ab, während Bassist Momme Friedrichsen wie ein Raubtier über die Bühne rauscht und Schlagzeuger Leif Boe in Gedanken vor sich schlägt. Dabei entsteht ein packender Strudel der Musik und Stile: Punkrock, Hamburger Schule, Indie – wild und durchdacht, pubertär und intellektuell. Das bemerkenswerte: Vierkanttretlager sind blutjung, fast noch eine Schülerband und doch beängstigend ausgereift.

Doch was ist das überhaupt für ein Bandname? Vier-kant-tret-lager! Unausprechbar, unschreibar und unlesbar. Erst die Anekdote bringt Licht ins Dunkel: Sänger Max, damals 13, telefonierte einst solange mit seinem damaligen Schwarm, bis ihm seine Herzdame aus Langeweile die Verpackungsbeilage ihres Einrads rezitiert. Das Gefährt hatte ein „Vierkanttretlager“ und für Max klang das, durch den Schleier seiner pubertären Verliebtheit, wie das schönste Wort auf Erden. Vor diesem wunderbaren Hintergrund macht der Name plötzlich Sinn und selbst das leidige Doppel-T wird zur Referenz. Denn jeder der das formidable Vierkanttretlager-Debüt „Die Natur greift ein“ hört, stolpert über kurz oder lang über ein weiteres Doppel-T: Turbostaat und Tocotronic! Mit der erstgenannten Band teilt die Nachwuchstruppe zum einen die Herkunft (beide Bands stammen ausl Husum) und zum anderen die Wut und die Art und Weise ebendiese musikalisch zu kanalisieren. Tocotronic indes schwebt seit dem Moment, als Vierkanttretlager erstmals auf dem Radar der deutschen Musikszene aufblinkten, wie eine Damoklesschwert über dem Projekt. Denn einerseits ist es für jede neue Band eine Ehre mit den Vordenkern des deutschen Indies verglichen zu werden, andererseits schreckt deren Überintellektualität auch ab. Oder wie Gitarrist Christian es einst ausdrückte: „Ich kann mich mit denen nicht identifizieren, wenn ich sehe, dass die auf der Bühne rosa Hemden tragen.“ Wie dem auch sei: Erweitert man die genannte Liste um Casper, auf dessen Tour der Husumer Vierer als Vorband spielte und Element Of Crime hat man den Rahmen, in dem sich Vierkanttretlager bewegen, wohl punktgenau abgesteckt.


Der Kulturladen ist bei weitem nicht ausverkauft, das verwundert, zumal die Band beim BUVISCO einiges Aufsehen erregte und zuletzt nachhaltig diskutiert wurde. Macht aber nichts: Live klingt die Band noch ein wenig getriebener und unfassbarer als auf Platte: Vierkanttretlager strotzen vor Energie und tragen das offen zur Schau (wäre auch schlimm, wenn nicht). Teilweise wirkt das ein wenig zu gewollt-ungewollt – aber das verzeiht man. Einen eindeutige Ausschlag auf dem Barometer ist in der Mitte des Konzerts vermerken: Da spielt Vierkanttretlager ihren sehnsüchtigen, Akkordeon untermalten und Seeluft geschwängerten Hit „Fotoalbum“, gefolgt vom wunderschönen EOC-Cover „Am Ende denk ich immer nur an dich“, in das die Band fast spielerisch frisches Blut pumpen. Am Ende stehen sie da, Arm in Arm und singen zusammen im Seeräuberstyle. Und so bleibt die finale Erkenntnis: Der deutsche Indie hat definitiv einen neuen, aufregenden Blutspender! Endlich.

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