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Berlinale Special – Teil 1

 

closed curtains, pardé, berlinale, filmkritik
 
Ein Text von Judith Schuck (Klick!)
 

Pardé (Closed Curtains), Iran 2013, R.: Jafar Panahi, Kamboziya Partovi, 106´, 63. Berlinale Wettbewerb.

Das Meer hinter Gittern. Iran. Ein einsames Haus an der Küste, das schmiedeeiserne Tor versperrt die freie Sicht zum Meer. Aus einem Auto steigt ein Mann um die 60 mit Koffer und einem Pack Wasserflaschen, geht ins Haus. Er öffnet eine große schwarze Tasche. Aus dieser springt ein Hund, erleichtert, aus der dunklen, stickigen Gefangenschaft befreit zu sein. Man merkt gleich: die Beziehung zwischen Hund und Herrchen ist von besonderer Intensität; der Mann, Drehbuchautor, gespielt von und als sich selbst Co-Regisseur Kamboziya Partovi verriegelt sich mit seinem Hund im Haus, in dem er alle Fenster mit dicken schwarzen Vorhängen abdichtet und erschafft sich so eine Enklave völlig abgelöst von der Aussenwelt.

Der Grund? Hunde werden im Islam als unrein angesehen und verstümmelt, eine Information aus den Fernsehnachrichten. Bis hierhin scheint dem Zuschauer noch alles einleuchtend. Als bald ein junger Mann und eine Frau (Maryam Moghadam) nachts ins Haus eindringen, ist Partovi verwirrt. Hatte er die Tür nicht verriegelt, nachdem er das Hundeklo geleert hatte? Wer sind diese jungen Menschen und was wollen sie bei ihm? Werden sie ihn und seinen treuen Gefährten verraten? Die Story wird immer vertrackter und vielschichtiger. Verfolgung und Versteckspiel paaren sich mit immer neu aufgeworfenen Fragen. Menschen kommen aus heiterem Himmel und verschwinden, gehen mit suizidaler Absicht ins Meer und tauchen nachher wieder in der Villa auf, so dass man bald nur noch an Hand der vorbereiteten Teetassen erahnen kann, wie viele Personen sich aktuell im Haus befinden müssten. Was ist denn nun real bzw. wie viele Möglichkeiten von Realitäten werden hier durchgespielt? Wo ist die Gefahr? drinnen? Ins Haus wurde eingebrochen. Oder draußen? Dort suchen die Verfolgungstrupps nach den Flüchtigen. Gibt es überhaupt Sicherheit? Wem kann man noch vertrauen?

Das gesellschaftskritische Drama mit Film Noir-Einschüssen in Metafilmmanier spielt mit vielfältigen intermedialen Verweisstrategien: Spiel im Spiel, wenn Patovi eine Szenerie nachspielt, um zu verstehen, wie Melika, die junge Frau, und ihr Bruder ins Haus gekommen sein müssen. Videoaufnahmen per Telefon. Regisseur Jafar Panahi stößt dazu und spielt sich selbst. Die an den Wänden hängenden Filmplakate seiner großen Filme wie sein Debutfilm “Der weiße Ballon“, mit dem er in Cannes 1995 die Goldenen Palme gewann; mit „Der Spiegel“ holte er sich in Locarno einen Preis sowie mit „Der Kreis“, der 2000 einen Goldenen Löwen in Venedig bekam. Diese Autoreflexivität wird nicht nur mittels der Plakate, sondern zudem durch im Spiegelbild abgefilmte Szenen symbolisiert. Totale wechseln sich mit Halbtotalen um einen Überblick über die Situation zu geben, einige Nahaufnahmen ermöglichen einen kurzen Blick auf die Charaktere und vor allem auf Boy, den Hund des Drehbuchautors, der die repräsentative Rolle eines unschuldig betroffenen verkörpert. Am Ende des Films verlassen alle wieder den Schauplatz Haus, die gefährliche Periode scheint vorüber. Nur Melika, die einzige Frau, bleibt allein im Haus zurück und wird sinnbildlich hinterm Eisengitter mit Blick aufs Meer eingeschlossen.

 

Epilog: Regisseur Panahi ist im eigenen Land gefangen und darf keine Film drehen. „Pardé“ ist die Selbstreflexion seiner eigenen, für einen Künstler unerträglichen, Situation.

 

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