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„Wie gestaltet sich ein Leben, bei dem die großen Leidenschaften versteckt werden müssen?“

Hans Bucher

41888Im Zuge des Seminars „Kino und Bild“ der Universität Konstanz hat sich Risse im Asphalt mit der Regisseurin Barbara Teufel (Klick!) getroffen. Sie stammt aus Neuhausen ob Eck, hat unter anderem mit ihrem Film „Die Ritterinnen“ große Erfolge auf nationalen und internationalen Filmfestivals gefeiert, arbeitet an Filmhochschule Köln und plant momentan einen Film über den Fridinger Künstler Hans Bucher (Klick!). Im Gespräch ergaben sich hochinteressante Ansichten über Heimat, das Werk im Verborgenen und vor allem den Dialog der beiden Medien Film und Gemälde. Aber lest selbst:

Also zunächst einmal wäre es sicherlich einige allgemeine Fakten interessant: Wie bist du auf Hans Bucher gestoßen?

Liebe auf den 2. Blick: die Wucht im Museum in Kombination mit dem Ort.

Was hat dich dazu bewogen den Film zu machen?

…hat mich nicht losgelassen. Die Widersprüche…

Widersprüche? 

hans bucher (1)

Erstmal die Bilder: sein malerisches Werk zerfällt in 2 Teile, die stilistisch nichts miteinander zutun haben, komplett verschieden sind. Zum einen die Landschaften, egal mit welcher Technik homogen, ganz anders die Portraits junger Männer. Beide Teile könnten jeweils ganze Archive füllen. Von den Landschaften wusste ich, die vielen Jungs haben mich überrascht. Sie waren, außer in seinen privaten Räumen, so gut wie nie zu sehen. ‚Sein künstlerisches Schaffen geschah gewissermaßen im Verborgenen‘ las ich. Da kommt das schwäbische Dorf ins Spiel, das anders funktioniert als Stuttgart oder München und anders als Kunstakademie.

In so einem Dorf ist das Handwerk angesehen, die Kunst ist ein überflüssiger Luxus, braucht kein Mensch. Höchstens mal was dekoratives mit Heimatgefühlen übers Sofa, aber wahrheitsgetreu sotts scho sei– sauberes Handwerk ist da wieder gefragt. Ein „Künstler“ ist – oder war zumindest – einer, der nix schafft. Eher ein Schimpfwort. Das macht man besser heimlich. Und dann diese unzähligen Jungs, teils orgiastisch, oft erotisch und meist nackt dargestellt: worin bestand die Faszination, was hat den Maler zu dieser Fülle getrieben? Die Frage nach der sexuellen Orientierung drängt sich förmlich auf. Und das ist das Tabu schlechthin. Unabhängig davon, ob diese Faszination jenseits von Leinwand oder Papier gelebt wurde:

Wie gestaltet sich ein Leben, bei dem die großen Leidenschaften versteckt werden müssen?  Seine Leidenschaft spratzelt wie ein Feuerwerk aus den Ölgemälden. Hans Bucher musste als junger Mann zurück kommen, aber er musste nicht bleiben… warum ist er geblieben? Was war stärker als die Widersprüche? Diese Dinge waren es, die mich nicht losließen. Könnte mir im Prinzip scheißegal sein, aber es berührt etwas, das direkt mit mir selbst zu tun hat: die „Heimatfrage“ im weitesten Sinn… Klar kann man Filme über alles mögliche machen, aber Kunst kann nur entstehen, wenn man berührt ist.

Und wie wird der Film im Groben aussehen?

Kann ich noch nicht sagen. Ich werde eine subjektive Perspektive einnehmen, es wird kein Versuch, ein definitives/objektives Portrait zu schaffen. Keine Reportage. Da werde ich es mit dem Maler halten, dessen Ziel ja auch nicht war, seine Umgebung objektiv zu dokumentieren.

Was hast du bislang gefilmt (für dieses Projekt)?

Vor allem Reportage! Viel Langeweile. Ein paar wenige Perlen. Das wenigste davon wird in den Film eingehen.

Wie gehst du vor?

Ich habe mit den Dreharbeiten begonnen, weil letztes Jahr zum 10. Todestag eine Reihe von Veranstaltungen stattfanden, von denen ich erwartete, die wichtigen Menschen aus Buchers Leben zu treffen, ich war neugierig auf die Leute, wie sie über ihn sprechen. Wie öffentlich über ihn gesprochen wird, heute. Wie seine Kunst wahrgenommen wird. Es ist ein Herantasten an die Leerstelle, ich kann ihn ja nicht fragen. Aber es gibt immer noch kein wirkliches Konzept.

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Welche Rolle haben dabei die Bilder von Hans Bucher gespielt?

Sie waren die Initialzündung! Der Grund und Motor, mich auf diesen hermetischen Wahnsinn einzulassen!

Wo zeigt sich der „hermetische Wahnsinn“ von dem du sprichst?

Hans Bucher war eine hoch komplexe Persönlichkeit mit einem ebensolchem, nicht nur malerischen Werk, wie du weißt. Da ich ihn ja nicht fragen, ihm nicht zusehen kann, bin ich auf Infos und Material seiner Verwalter angewiesen. Wenn sie meinem Vorhaben auch grundsätzlich positiv gegenüber stehen, gibt es doch eine Furcht um die Deutungshoheit. Und damit ein zögerlicher Umgang in der Herausgabe des privaten Nachlasses.“

Sind die Bilder der Hauptgrund einen Film zu machen oder sind sie zwar Bedeutungsträger – aber treten dabei hinter die Geschichte zurück.

Die Wucht der Bilder in diesem engen Kontext provozieren Fragen. Zu seinem Leben, seiner Persönlichkeit, seiner Positionierung. Abgesehen davon wird aus abgefilmten Gemälden niemals ein Film.

Aber es gibt noch eine andere Frage, die mich in diesem Zusammenhang auch persönlich treibt: wie ist es möglich, nachdem man in großen Städten gelebt und künstlerisch oder wissenschaftlich gearbeitet hat, zurückzukehren ins Dorf? Komplett andere Strukturen, andere Kultur, andere Maßstäbe, andere Themen. Bedeutet, falls man sich nicht völlig isoliert, dass zumindest ein Teil der Persönlichkeit abgespalten werden muss…

Hast du dir schon überlegt, wie du die Bilder selbst in den Film einbauen wirst?

Nein, weiß ich noch nicht, das ist was vom Schwierigsten, das 3-dimensionale ins 2-dimensionale zu bringen, ohne dass es an Kraft verliert. Ich weiß nur, dass ich nichts als meine Lieblingsbilder zeigen werde. Wie bei jedem Künstler oder gar Genie ist nicht jede Arbeit herausragend. Mit einer Negativ- oder Mischauswahl kann man jedes Werk diskreditieren. Das passiert Bucher auch. Ich möchte nachvollziehbar machen, was mich an den Bildern fasziniert, warum sie trotz ihrem angeblichen Mangel an Modernität nicht auf den Misthaufen der Geschichte gehören.

Oder hast du selbst schon einmal mit Gemälden, Bildern gearbeitet?

Ja, ich hab vor vielen Jahren in Paris einen Film (‚Männer in Öl‘) über die Bilder einer jungen Malerin gemacht. Der Unterschied: ich konnte mit ihr reden. Die Parallele: sie weigerte sich, über ihre Bilder, ihre Kunst zu sprechen. Das war eine sehr kreative Herausforderung.

Wie bist du damals mit den Bildern umgegangen? Wirst du das ähnlich machen?

Damals konnte ich ihr bei der Arbeit zusehen, hab sie begleitet, konnte ihren Blick auf die Motive nachvollziehen und ihnen eine weitere Ebene geben, die die Malerin mit einschloss… ich hab auch viele Situationen herbeigeführt/inszeniert, war (sichtbarer) Teil des Prozesses. Die Voraussetzungen beim Hans-Bucher-Film sind ganz anders. Ich bin noch auf der Suche nach dem filmischen Schlüssel. Man weiß es nie, ob man ihn findet. Wie der Schriftsteller vorm weißen Blatt…

Welche Möglichkeiten liegen in der Kombination von Bewegtbild und „starrem“ Gemälde? Und inwiefern sollen / können diese beiden verschiedenen Medien in Beziehung treten?

Wir experimentieren mit der Kamera, versuchen, Emotionen, Bewegung, Auflösung der Form in Farbe, herzustellen, nachzuvollziehen. Wir suchen auch nach den Perspektiven des Malers, Originalschauplätze. So idyllisch schön sie für die Kamera sein mögen: die Diskrepanz zwischen dem Auge/filmischem Naturalismus und Buchers malerischem realistischem Expressionismus zeigt seine Kunst, lässt Rückschlüsse auf den Verdichtungs-/Gerinnungsprozess. Das ist die Idee, keine Ahnung, ob das aufgeht.

Bucher Hans

Nimmt man sich den Dialog, den Umgang von Bewegtbild- vs. starres Bild vor, oder passiert so etwas automatisch?

Jeder (dokumentarische) Stoff verlangt seine spezielle Form als filmische Übersetzung. Die zu finden ist die wesentliche künstlerische Arbeit. Man muss die Materie ganz und gar durchdringen, um dem Geist, der sie tränkt, auf die Spur zu kommen. So entstehen Assoziationen, Querverweise, eigene Bilder, eine neue Ebene. Es gibt, jedenfalls in meiner Arbeit, keinen automatischen formalen technischen Zugang, sondern immer die neue Frage: was braucht der Stoff, um sinnlich erfahrbar zu werden. Man kann es natürlich auch anders machen, viel einfacher, in dem man die Reportage wählt: man dreht ein paar Originalschauplätze, eine Ausstellung, ein paar Bilder ausführlicher, kommentiert von einem Experten und Musik, macht noch ein paar Interviews, fertig. Interessiert mich aber nicht. Das wäre das Notprogramm.

Mit welcher (speziellen) Technik wirst du versuchen Bild und Bewegtbild in Einklang, Kontrast, dialog zu setzen?

Schwierige Frage. Zum Beispiel malen mit der Kamera: wir fahren im Auto mit der Kamera durchs Donautal, beschleunigen immer mehr, bis sich die Form vollständig in Farbe auflöst. Das bildet einen inneren Prozess ab, den der Maler durch seinen Blick vollzieht. Ich strebe an, seiner Wahrnehmung so nah wie möglich zu kommen, in sein Universum einzutauchen. Bedeutet für die Textebene, dass ich vor allem mit seinen Worten (Tagebücher, Briefe etc.) arbeiten möchte.

Welches Gesamtbild soll bzw. wird im Idealfall – im Rahmen zwischen Gemälde, Film, Geschichte, Bild – entstehen?

Man soll eintauchen in diesen Kosmos. Man soll sich an Punkten identifizieren können. Das Geheimnis, das bleiben wird, soll neugierig machen auf Buchers Bilder. Vielleicht passiert ja auch sowas, dass die eigene Wahrnehmung des Alltäglichen andere Farben kriegt…

Tritt der Film automatisch zurück – hinter Erzählung/ Geschichte und die Bilder/ Gemälde?

Nein, nicht unbedingt. Da würde die Film-Kunst beginnen. Ob das gelingt, was man vorher nie…“

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