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„Fantastischer Film ist nicht einfach nur Grusel!“

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Am letzten Novemberwochenende findet im Zebrakino Konstanz ein besonderes Filmhighlight statt: Das Filmfestival SHIVERS hat seinen Schwerpunkt im Bereich Horror und Fantasy. Vorab sprach RisseImAsphalt mit Stefan Schimek, seines Zeichens Co-Festivalleiter und Programmhauptverantwortlicher des Festivals, über seine Leidenschaft zum fantastischen Film, das Festivalprogramm und die Organisation. Das nachfolgende Interview erschien bereits gekürzt im Südkurier.

SHIVERS ist ein Festival des Fantastischen Films. Was bedeutet das genau? Was ist die Faszination an Fantasy- und Horrorstoffen auf der Kinoleinwand?

Stefan Schimek: „Fantastischer Film ist nicht einfach nur Grusel: Das Genre-Kino setzt sich nicht selten auf ziemlich clevere, so subversive wie originelle – und gerne auch überspitzte – Art und Weise mit aktuellen Themen auseinander, denkt sie weiter, verzerrt sie und entwirft dabei oft überaus faszinierende Szenarien. Dabei ist dieses Sujet vor allem für Nachwuchsfilmer reizvoll: Man kann sich mit kleinem Budget im Grunde nach Lust und Laune austoben, sich ausprobieren und experimentieren. Viele bekannte Regisseure haben mit Fantasy- und Genrestoffen ihr Handwerk gelernt. Selbst Legenden wie Fritz Lang, Alfred Hitchcock, Steven Spielberg oder Stanley Kubrick haben den einen oder anderen fantastischen Stoff in ihrer Filmographie stehen.

Wie arbeitet das SHIVERS-Team? Wer gehört dazu? Wer übernimmt welche Aufgaben? Was wäre eine griffige Definition der SHIVERS-Idee?

Das SHIVERS-Team besteht aus Zebramitgliedern, die allesamt ehrenamtlich im Verein engagiert und fast ausschließlich Studenten sind. Es gibt für alle Bereiche – Programmation, Design, Sponsoring usw. – Hauptverantwortliche, aber in der Regel wird am Ende alles basisdemokratisch entschieden.

Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, jedes Jahr aufs Neue ein Programm auf die Beine zu stellen, das dem Konstanzer Publikum viele der Highlights und Geheimtipps des jeweiligen Festivaljahres in ihren Originalversionen präsentiert. Sowohl hinsichtlich der Produktionsländer als auch der behandelten Themen – und natürlich der Genres – soll ein möglichst breites Spektrum abgedeckt und somit für jeden Geschmack etwas dabei sein. Ob nun amerikanischer Neo-Western, italienischer Mafiakrimi, laotischer Mystery-Thriller oder iranisch-jordanisch-britischer Geisterfilm: Hier sollten fast alle Filmfans fündig werden.“

Wie stellt ihr das Programm zusammen – ihr habt viele Filme lange Zeit vor Kinostart im Programm. Wo grabt ihr nach Perlen? Ist es schwierig, bestimmte Kracher ins „LineUp“ zu bekommen?

Viele der Filme sichten wir auf größeren Festivals wie z.B. der Berlinale, dem Filmfest München oder in Locarno. Darüber hinaus sichtet das gesamte Team gemeinsam im Zebra, vor allem die Kurzfilme. Letztes Jahr wurden diese noch allesamt bei den diversen Filmemachern und Kurzfilmagenturen angefragt. Für den Kurzfilmwettbewerb im Rahmen des SHIVERS 2016 gab es erstmals Einreichungen, so dass die Zahl der zu sichtenden Kandidaten auf über 200 stieg, von denen am Ende knapp über 20 ausgesucht werden mussten.

Jedes Jahr gibt es Filme, die man sehr gerne zeigen würde, vom deutschen Verleih oder dem Weltvertrieb jedoch keine Freigabe bekommt. Das kann vielerlei Gründe haben. Manchmal scheitert es an zu hohen Preisvorstellungen des jeweiligen Rechteinhabers, manchmal aber auch daran, dass dieser den Film zu einem späteren Zeitpunkt auf einem größeren, prestigeträchtigeren Festival präsentieren möchte. Mit einer guten Portion Verhandlungsgeschick, viel Geduld und etwas Glück hat man aber doch überraschend oft Erfolg.“

Für Leute, die noch nie ein Filmfestival besucht haben: Wie funktioniert das denn eigentlich?

Im Gegensatz zu vielen regulären Kinovorstellungen bieten wir beim SHIVERS wie jedes Jahr ein umfangreiches Rahmenprogramm: Interviews mit Filmemachern, Einführungen zu bestimmten Filmen, ein breites Catering-Angebot und Gewinnspiele zu Beginn vieler Vorführungen. Es wird also eine Menge geboten. Zusätzlich zur Eintrittskarte bekommt man bei den Vorstellungen der aktuellen Filme (Official Selection) außerdem einen Bewertungszettel, in dem man dem jeweiligen Film eine Schulnote geben kann. Am Ende wird dann daraus der Publikumssieger des Festivals ermittelt. Zusätzlich zur Eintrittskarte für einzelne Vorstellungen gibt es – wie bei den meisten Festivals üblich – auch einen SHIVERS-Festivalpass, mit dem man Zugang zu allen 15 Vorführungen hat.“

Zudem gibt es einen Kurzfilmwettbewerb – wer sitzt in der Jury? Was sind die Eigenheiten des fantastischen Kurzfilms? Gibt es da eine erkennbare Entwicklung aufgrund des anhaltenden technischen Fortschritts?

Eine dreiköpfige Jury vergibt auch dieses Jahr wieder den SHIVERS Shorts Award an einen der über 20 Kurzfilme im Wettbewerb. Sebastian Selig frönt freiberuflich seiner großen Leidenschaft, dem Kino, indem er für diverse große deutsche Filmmagazine schreibt und auch öfters für FM4 tätig ist. René Walter betreibt seit vielen Jahren erfolgreich den äußerst beliebten Popkultur-Blog www.nerdcore.de und Dr. Anna Grebe ist neben ihrer Arbeit als Dozentin und Medienschaffende ehrenamtlich u.a. als Prüferin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) tätig.

Durch die rasante Digitalisierung ist es sehr viel einfacher und vor allem günstiger geworden, speziell Kurzfilme zu produzieren, da man nicht mehr zwangsweise auf teures analoges Filmmaterial angewiesen ist. Auch das Einfügen hochwertiger Spezialeffekte ist deutlich erschwinglicher geworden. Dadurch werden Kurzfilme aber kurioserweise tendenziell immer länger.“

Wie steht es deiner Meinung nach um den deutschen Genrefilm – wird viel deutsches Kino beim SHIVERS 2016 zu sehen sein?

Vor allem in diesem Jahr sind sehr viele gelungene deutschsprachige Genre-Produktionen in den Kinos angelaufen. Wir hatten dazu auch eine eigene mehrwöchige Filmreihe, in deren Rahmen wir u.a. Nikias Chryssos‘ DER BUNKER oder Akiz Ikons DER NACHTMAHR gezeigt haben, die beide ganz großartige Beispiele für den aufstrebenden deutschen Genrefilm sind. Es gibt also durchaus einen Aufwärtstrend, und wir sind gespannt, was das nächste Jahr so zu bieten hat.

Aber auch beim SHIVERS 2016 wird es wieder einen deutschsprachigen Beitrag zu sehen geben, und zwar Tobias Nölles beeindruckende, in atmosphärische Bilder getauchte und mit verschrobenem Humor gespickte Charakterstudie ALOYS. Direkt im Anschluss wird der Regisseur via Live-Skype-Schaltung auf der Zebra-Leinwand dem Publikum Rede und Antwort stehen.“

Was sind deine persönlichen Highlights im diesjährigen Programm – welche Filme sollte man auf gar keinen Fall verpassen? Wer ist dein Favorit für den Publikumspreis?

Grundsätzlich sind natürlich alle Filme im Programm toll! Sehr empfehlen kann ich unseren bereits erwähnten deutschsprachigen Spielfilm ALOYS am Freitag, den 25.11., eine erstklassige Mischung aus exzellent gespieltem Drama und eigenwilliger, unaufgeregter Komödie. Aber auch im Nachmittagsprogramm am Wochenende gibt es zwei Geheimtipps: Am Samstag, den 26.11., zeigen wir um 15 Uhr den spannenden italienischen Politkrimi SUBURRA von den Machern der TV-Serie GOMORRHA, die erst kürzlich bei Arte zu sehen war. Am Tag darauf, dem 27.11., beginnen wir den Festivaltag um 14 Uhr mit einer komplett restaurierten Fassung des tschechoslowakischen Historienepos MARKETA LAZAROVÁ (1967) in brillanter Bildqualität. Ein bildgewaltiger, beeindruckender Klassiker des europäischen Kinos, den es in dieser Fassung noch nicht auf deutschen Leinwänden zu sehen gab, und einer meiner persönlichen Favoriten.“

Info:

Das Genrefilm-Festival SHIVERS findet vom 24. bis 28. November im Konstanzer Zebrakino statt und zeigt elf brandaktuelle Highlights und Geheimtipps des Festivaljahres 2016, zwei Kurzfilmblöcke und zwei Filmklassiker. Die Ticketpreise pro Vorstellung liegen bei 7 Euro , respektive 6 Euro (ermäßigt). Der Festivalpass ist für 70 Euro ( 60 Euro ermäßigt) zu haben.

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Die besten Filme des Jahres

Platz 11 (Die Wildcard): What We Do In The Shadows

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (15)In Sachen Technik, Drehbuch, Schauspiel und zig weiteren Gründen hätte der neuseeländische 80-Minüter wohl nichts in dieser Liste verloren. Und obwohl selbst das Konzept einer Vampir-Mocumentary zunächst nicht aus den Sitzen reißt ist „What We Do In The Shadows“ schlicht und einfach und mit ellenlangen Abstand der witzigste Film, der es dieses Jahr in Kino schaffte. Natürlich schwingt in dieser Bewertung eine Menge „Flight-Of-The-Concords“-Fantum mit, aber alleine Rhys Darby als Anführer eine Werwolf-Gang wischt mit 90% aller US-Komödien den Boden auf. Kein Film auf dieser Seite hat mehr Spaß gemacht.

 

Platz 10: Blau Ist Eine Warme Farbe

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (8)Regisseur Kechiche hält drauf. Immer. In Großaufnahme. Über 187 Minuten. Und als Zuschauer, als Vouyeur, kann man sich förmlich vorstellen, wie die beiden grandiosen Hauptdarstellerinnen bei der ersten Sichtung des finalen Filmes vor Scham in den Sitzen versanken. Der französische Film ist ein Coming-Of-Age-Epos, das nur eine klitzekleine Geschichte erzählt. Das den Mikrokosmos mit den Parametern des Makrokosmos unter die Lupe nimmt und dabei den Überschuss (an Gefühlen, Emotionen) mit Leere (Rohheit, offen stehende Enden) vereint.

 

Platz 9: Inside Llewyn Davis

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (20)Die Coen-Brothers haben ein Faible für Hauptcharaktere, die in anderen Filmuniversen wohl nur bizarre Sidekicks wären. „Inside Llewyn Davis“ bringt dieses Konzept insofern auf die Spitze, da besagter Songwriter im Zentrum zwar als grandioser Musiker daherkommt, darüber hinaus aber vor allem als genervtes Arschloch in Erscheinung tritt. Und trotzdem und genau deshalb ist dieser Film eine wunderbare Reflexion über das Scheitern, über die Liebe zur Kunst, über das Nichts-Tun. Und dazu noch Musikfilm. Zeitportrait. Figurenkabinett.

 

Platz 8: The Wolf Of The Wallstreet

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (16)Eigentlich dachten wir ja irgendwie, Martin Scorsese wäre zur Ruhe gekommen. „Hugo Cabret“ war ein grandioser Märchenfilm, eine kunterbunte, doppelbödige Geschichtsstunde über das Kino. Ein Endpunkt? Die Musikfilme über Bob Dylan, die Rolling Stones und George Harrison wirkten wie die Erfüllung von langersehnten Altersprojekten. Und dann kam „The Wolf Of The Wallstreet“ und warf alles über den Haufen. Radikal. Schnell. Wahnsinnig. Trippy. Der Film wirkte wie die logische Fortführung von „Good Fellas“ und „Casino“. Das sensationelle Ende einer größenwahnsinnigen Trilogie, die das Mainstream-Kino revolutionierte. Scorsese wurde 1942 (!)geboren. Dieses Spätwerk macht ihn zum fünften Mal unsterblich.

 

Platz 7: Grand Budapest Hotel

GRAND BUDAPEST HOTEL_c371.JPGWes Andersen ist ein Nerd. Ein Fetischist. Er liebt die Geometrie. Das Zitat. Das Licht. Und in Grand Budapest treibt er seine Liebe für den geloopten, mit Details überladenen, gemäldeartigen Szenenaufbau auf die Spitze und entwickelt nur mit den medialen Mitteln des Films ein eigenes Universum. Das gelingt nur wenigen Regisseuren und auch wenn Andersens Methoden ab und an ein wenig mit dem Holzhammer daher kommen, sind seine Filme doch Kleinode, denen eine ganz besondere Magie (nämlich der verdammte Zauber des Kinos)  innewohnt. Und „Grand Budapest Hotel“ dürfte einer der Schönsten von ihnen sein.

 

Platz 6: Blue Ruin

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (19)Ein klassischer Revenge-Flick: Hart, brutal, straight, in die Fresse. Kein Schnickschnack. Keine übertriebenen Gesten. Soweit so gut. Darüber hinaus ist das Herzens- und Indieprojekt des Regisseurs Jeremy Saulnier atemberaubend gut und schön gefilmt. Eine simple Autofahrt entwickelt da im Handumdrehen so viele optische Energie, dass es dir die Sprache verschlägt.

 

Platz 5: The Raid 2

 jahresrückblick the raid filme„The Raid 2“ ist ein Epos: Schnell, wild, unberechenbar, dunkel, brutal, eklig, aberwitzig, irre. Und für mich der wohl beste, weil mutigste Actionfilm des vergangenen Jahres – ohne ein bloßer, stumpfer Actionfilm zu sein. Auch die Gangster-Story besitzt ein sauberes Timing und zieht, in Kombination mit den überragenden Kampfsequenzen, den Zuschauer so derartig in seinen Bann, dass selbst die blödesten Smartphonetrottel den Blick durchgehend auf den richtigen Bildschirm richten. Ansonsten droht selbstredend ein Roundhousekick. Die eigentliche Offenbarung der indonesischen Produktion ist aber in jedem Fall die Kameraarbeit, die eine solche Liebe zum Detail ausstellt, das wirklich jede Sekunde der 150-Raid-Minuten irgendwie sehenswert ist. Großes, wildes Kino!

 

Platz 4: Only Lovers Left Alive

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (10)Jim Jarmusch aktuellstes Werk ist vermutlich die strittigste Wahl in dieser Liste. Der Film ist langsam, entschleunigt, hypnotisch. Viele werden ihn mindestens sterbenslangweilig und irgendwie pseudo-irgendwas finden. Die anderen werden ihn regelrecht fressen und lieben. Unterm Strich sehen wir mit „Only Lovers Left Alive“ einen Vampirfilm, in welchen die Vampire nichts von alledem machen, was Vampire als Figuren irgendwie interessant macht. Es wird kaum Menschen ausgesaugt, es gibt keine Kämpfe gegen Werwölfe oder Vampirjäger. Adam und Eve hören experimentelle Mucke, lesen Bücher, schwadronieren. Doch da genau liegt der Reiz. Jarmusch erzählt über Rezipienten und Künstler. Über die Ewigkeit. Über Ängste und Süchte. Gigantisch!

 

Platz 3: Nightcrawler

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (12)„Nightcrawler“ ist ein Film, der dich mit Ekel und Unwohlsein zurücklässt, der dich erschaudern lässt. Viele haben den Film mit „Drive“ verglichen. Doch „Drive“ ist Style und Farbe und Coolnes. Und „Nightcrawler“ ist Dreck, Voyeurismus und Dunkelheit. Jake Gyllenhaal ist überragend und (auch ohne Makeup) kaum wiederzuerkennen: Er spricht anders, er sieht anders aus, er bewegt sich anders. Und ja, das ist sein Job als Schauspieler, aber die Metamorphose gelingt hier beinahe vollendet. Die Performance trägt den Film und lässt auch über die etwas plumpe Medienkritik hinwegsehen. Am Ende müssen wir „Nightcrawler“ aber vermutlich ohnehin als Metapher verstehen. Und als solche entwickelt der Film eine einzigartige Durchschlagskraft.

 

Platz 2: Boyhood

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galaxRichard Linklater ist ein Regisseur, dessen Coming-Of-Age-Erzählfilme komplett ohne filmischen Reize auskommen und dessen Kamerablick oftmals beinahe dokumentarisch daherkommt. Aber Linklater ist eben auch ein Regisseur, der es wie kein zweiter versteht, Zeitgeist, Gefühle und Gespräche einzufangen und damit nichts weiter als die ganze normale, schlichte Normalität aufzuzeigen. Sein Monsterprojekt „Boyhood“ setzte dann alles daran die Wirklichkeit wirklich ins Erzählkino zu übertragen: Wir sehen einem kleinen Jungen tatsächlich beim aufwachsen zu. Linklater drehte über ein Jahrzehnt, immer wieder. Die Schauspieler wachsen mit. Bereits das Konzept sorgte für Hypewellen, die mich extrem nervten. Irgendwann ließ ich mich doch auf „Boyhood“ ein und war schlichtweg begeistert. Für mich persönlich ging der Film beinahe vollkommen auf: Die Narration, die eben auf die großen dramatischen Wendungen verzichtet, offenbart eine ganz  eigene Motivation, die den Zuschauer an die Figuren fesselt. So wird Alltagshorror zum Kinohorror, der dich zusammenzucken lässt. Die meiste Zeit aber hängen wir einfach mit den Hauptcharakteren ab und in Kombination mit der Grundprämisse und den rein optischen Veränderungen der Figuren entsteht ein einzigartiges Kinoerlebniss.  Und selbst die Tatsache, dass aus dem talentierten Kinderdarsteller Ellar Coltrane ein ziemlich miserabler ausgewachsener Schauspieler wird, hat seine Vorteile: „Boyhood“ gibt das vielleicht beste Pubertätsportrait der Geschichte ab, eben weil sich Coltrane wirklich wahnsinnig unwohl in seiner Haut vor der Kamera fühlt.

 

Platz 1: Her

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (23)Ein Typ mit Schnurrbart verliebt sich in sein Betriebssystem. Das klingt strange und irgendwie blöde. Und doch ist „Her“ meiner Meinung nach ein fast perfekter Film. Da ist zunächst die mutige, radikale Idee. Da ist die so clever und grandios durchdachte, zarte, logische Zukunftsvision, die Techniken offenbart, die es geben wird und sogar eine echte Mode und edchten Zeitgeist generiert. Da ist das Drehbuch, das sich auf ebenjener Idee nicht ausruht, sondern immer neue Hakenschlägt. Da sind die fantastischen Darstellerleistungen, obwohl dem einen (Joaquien Phoenix) durchgängig die Kamera direkt in der Fresse klebt und die andere (Scarlett Johansson) keine einzige Sekunde zu sehen ist. Ich lege mich fest: „Her“ ist der bislang großartigste Liebesfilm des neuen Jahrtausend und der beste Film des Jahres 2014. Schlichte, durchdringende Schönheit.

Honourable Mentions

Knapp vorbei ist auch daneben: Dallas Buyers Club war irgendwie schon gut (vor allem aufgrund der Schausspielleistungen), aber der ewige „das-ist-alles-wirklich-passiert-Duktus“ nervte. Für Jean-Pierre Jeunet gilt in der Light-Version das selbe, was ich zuvor über Wes Andersen geschrieben hatte. Die Karte Meiner Träume spielte eindeutig im Jeunet-Universum, erfüllte dessen Regeln aber nicht so lockerleicht wie viele seiner anderen Filme. Trotzdem toll! Gone Girl passt technisch und in Sachen Look fast perfekt in eine Reihe mit „Zodiac“, „The Social Network“ und auch „The Girl With The Dragon Tattoo“, aber auch irgendeinem Grund nimmt sich David Fincher merklich zurück: Der Schnitt ist konservativer, der Look abgespeckt, Trent Reznors Soundtrack irgendwie eingefroren. Schlussendlich spricht es aber vor allem für ein (für mich persönlich) starkes Filmjahr, wenn so ein Fincher Film aus der Topliste rutscht. American Hustle wollte ein Scorsese der 2010er Jahre sein. Dumm nur, dass der Altmeister diese selbst ablieferte und seinen Kollegen David O. Russel Staub fressen ließ. Alleine für die Schauspielerriege lohnt sich das Ding aber allemal. Stromberg – Der Film war selbstfinanziert und eine Kinoversion der Serie und dementsprechend (für einen früheren Fan) supersolide bis sauwitzige Unterhaltung.

Die fehlen noch:

Darüber hinaus gibt es eine Fülle von Filmen, die ich bis dahin leider noch nicht sehen konnte und die vermutlich alle die Chancen hatte, die Liste zu sprengen. Der elephant in the room ist sicher sicherlich Christopher Nolans Interstellar, der einerseits von der Breite überaus positiv aufgenommen wurde (und in den meisten Community gewählten Bestenlisten dominiert) – den andererseits die subjektive Kritik aber auch ordentlich abstrafte. Ich bin in jedem Fall gespannt.  Ein echter Kritikerliebling war indes Under The Skin mit Scarlett Johansson, der so manche Top-Liste anführte und über den ich bis dahin gar nichts weiß. Auf jeden Fall werde ich mir noch die beiden Studio Ghibli Filme When The Wind Rises und Die Legende der Prinzessin Kaguya zu Gemüte führen. Eure Meinungen?

Die Serien:

Platz 6: Review

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (9)…ist eine Comedy-Serie mit strangen Aufbau: Irgendein nullachtfuffzehn-Typ reviewt das Leben. Drei Dinge pro Folge. Von „Ein Sextape drehen“ bis zu „Drogenabhängig sein“. Das macht alles irgendwie keinen Sinn, das Konzept wird (von Beginn an) ständig gebrochen und ist ineffektiv – trotzdem ist das Ding zum Schreien komisch. Supergut!

 

Platz 5: Rick And Morty

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (11)Abgedrehter geht es kaum. Rick and Morty reizt Ideen bis ans Limit aus, es geht drunter und drüber, alles ist bunt und irre und abgefahren und so über-fantasievoll, dass es einfach dermaßen Bock macht, sich die elf Folgen reinzuschauen. Dazu kommt natürlich noch der Humor, der sich ideal an die Optik anlehnt und mit Grandpa Rick eine saugute, dauerbesoffene Hauptfigur.

 

Platz 4: Gomorrha

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (24)Natürlich hat es eine Mafia-Serie im Jahre 2014 nicht einfach. Zuviele bahnbrechende amerikanische Serien hatten sich der Gegenwelt gewidmet, eigentlich scheint alles auserzählt. Nicht aber in Europa, nicht in Italien, wo die Mafia wirklich präsent ist und in der Roberto Savianos Buch „Gomorrha“ echte Schlagkraft entwickelte. Die Serienumsetzung ist  hart, realistisch, erbarmungslos und grandios inszeniert. Alleine die Bilder Neapels sind so überragend eingefangen, dass es sich alleine für diese Shots lohnt den Epos zu schauen. Die Serie hat auch schwache Momente, vor allem wenn sie den realistischen Rahmen zu Gunsten einer beschleunigten Narration verlässt, insgesamt gelingt den Machern aber ein grandioses Stück Fernsehen, das sich zeitweise wirklich mit „The Sopranos“ und „The Wire“ messen kann. Und wieder einmal fragt man sich: Wieso geht sowas nicht in Deutschland!

 

Platz 3: Kindkind

Kindkind-14Die französische Miniserie ist so wahnsinnig gut, dass es sich kaum in Worte fassen lässt. Dabei verknüpft Regisseur Bruno Dumont so viele Dinge, die ich persönlich ganz besondersliebe: Eine Coming-Of-Age-Geschichte, mit dem wohl besten Kindercharakter den es je zu sehen gab, ein ganzes Arsenal an skurrillen Dorfcharakteren, verbunden mit einer Mord-und-Totschlag-Story (der Verweis ist klar: Twin Peaks). Eine echte Sensation! Anschauen!

 

Platz 2: Fargo

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (4)Fargo ist eine Seriensensation: In einem Jahr, in dem gleich reihenweise erfolgreiche Filmkonzepte in das Serienuniversum übertragen wurden, gelang es der Serie nicht nur, den Spirit der Coen-Brothers aufzusaugen sondern darüber hinaus eine außergewöhnliche gefilmte Thriller-Geschichte zu erzählen, die immense Sogkraft entwickelte. Die vielleicht größte Stärke des in sich abgeschlossenen Projekts war die Besetzung: Martin Freeman brillierte als Normalo, der zum Soziopathen mutiert, Billy Bob Thornton erschuf mit Lorne Malvo den vielleicht bester Bösewicht der Seriengeschichte und Allison Tolman schaffte es sogar Francis McDormand legendäre Performance aus dem Original in den Schatten zu stellen.

 

Platz 1: True Detective

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (13)True Detective hatte seine Schwächen: Vor allem die Story, der rote Faden, wurde im Verlauf der Miniserie immer dünner, bis die Auflösung am Ende irgendwie klischeehaft vor sich hin enttäuschte. Aber wie konnte sich True Detective dann trotz der europäischen Perlen und einem Kracher wie Fargo die Pole Position sichern? Zunächst einmal gelang es Cary Fukanaga eine tonnenschwere Atmosphäre (inklusive Hochglanz-Look zu erzeugen), die süchtig macht und dich bereits mit dem (besten Vorspann ever) am Schlawittchen packt und nicht mehr loslässt. Außerdem liefert vor allem Matthew McConaughey aberwitzig ab. Der entscheidende Punkt ist aber das Timing: Immer wieder gelingt es dem Projekt überragende Sequenzen, Momente, Szenen oder auch nur Textfetzen auf den Bildschirm zu knallen, die dich atemlos zurücklassen.

Die Blockbuster:

Platz 5: Drachen Zähmen Leicht Gemacht 2

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (21)Hey, das Ding macht Spaß! Alles ist bunt und wuselt. Und vor allem beweist der Film in Sachen „wichtige Figuren können leiden und sogar den dramatischen Filmtod sterben“ zigfach mehr Eier als alle Marvel-Filme dieses Planeten.

 

Platz 4: Der Hobbit – Die Schlacht der fünf Heere

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (3)Der letzte Teil von Peter Jacksons Mittelerde-Sage ist aufgeblasen und überquillt vor Logiklöchern und Technik-Gewichse. Aber whatever: Das Ding ist halt ein Guilty-Pleasure und zieht dich förmlich in die Kinoleinwand hinein (vor allem in der wirklich gelungenen Auftaktszene). Ansonsten wird kaum einer traurig sein, dass Mittelerde jetzt vollends abgegrast ist.

 

Platz 3: Captain America – The Return Of The First Avanger

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (2)…verbrät seine beste Idee in einer kleinen Zwischensequenz in der Mitte des Films, in welcher irgendein Nazi-Super-Wissenschaftler in einem riesengroßen  Computerraum personalisiert wird. Ansonsten hat Captain America einen sauberen Rhythmus, angenehme Charaktere – leidet aber unter dem Marvel-typischen schwachen Antagonisten und fehlenden Konsequenz in der Narration. Die finale Actionsequenz kickt aber selbstverständlich Ärsche – Riesenraumflugzeugkampfmaschinenkriegswaffenärsche!

 

Platz 2: Snowpiercer

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (18)Bong-Jon Hoo hat mit Memories Of Murder einen der besten Filme der letzten zehn Jahre gemacht. Gemessen an seinen Frühwerken ist Snowpiercer eine Enttäuschung. Gemessen am uninspirierten Blockbuster-Kino Amerikas ist Snowpiercer aber eine Offenbarung. Das Setting, das einem Videospiel-Aufbau folgt und zig verschiedene Welten in Form von Zugwaggons herbeiruft ist wunderbar. Die Action ist typisch-koreanisch. Stylisch, gebrochen, anders. Und das macht Bock – viel mehr aber auch nicht!

 

Platz 1: Guardians Of The Galaxy

guardians-of-the-galaxy-zoe-saldana-chris-pratt…war zweifelsohne der kurzweiligste Blockbuster der Jahres. Weil er so bunt war, wie ein Jahrmarktbesuch. Weil er einen Haufen an sympathische Charaktere erschuf. Weil er trotz des undurchdringlichen, allgegenwärtige Effektegewitters mit Charme und Flow Punkten konte. Und weil er halt einfach unterhaltsam ohne Ende war. Da kam tatsächlich ein wenig Star-Wars-Feeling auf – um ihn dieser Liga mitzuspielen fehlte es aber eindeutig und trotz alledem an ernstzunehmenden Bösewichten und einem doppelten Boden.

 

Die Enttäuschung:

Sin City 2

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (14)Der erste Teil war für mein Teenager-Ich eine Offenbarung in Sachen Optik und Coolnes. 2014 sind Sin City identisch aus, erzählt aber endlos langweilige Storys im immer selben Duktus. Ich hatte wirklich Lust auf diesen Film (zumal die Comic-Vorlage durchaus noch einige gute Storys auf Lager gehabt hätte), aber das Ding war lahm, fad, zäh und glattgebügelt.

 

Dokumentation:

Jodorowsky´s Dune

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galaxy (1)Eins vorweg: Ich habe nicht viele aktuelle Dokumentationen gesehen, Jodorowskys Dune war genau genommen die einzige. Aber die Geschichte eines Films, der nie zustande kam, ist tiptop- und dabei ist es auch völlig egal, ob die vom Altmeister des experimentellen Kinos („El Topo“) aufgetischte Story in allen Details stimmt. Jodorowskys Dune schafft es das irrsinnige Konzept inklusive Orson Welles, Dali, Giger (dessen Auftritte im Film durch seinen  tragischen Tod einen besonderen Wert besitzen) per Imagination auferstehen zu lassen. Und es ist einfach witzig, wenn Jodorowsky in seinem Dialekt die Forderungen Dalis nacherzählt: „I Want Burning Giraffe!“ Ein Film über die vollendete Leidenschaft zur Kunst. Über Irrsinn, Größe und Größenwahn.

 

Deutsches:

Tatort: Im Schmerz Geboren

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (5)Es ist ein wenig bezeichnend für das deutsche Kino, dass ausgerechnet ein Tatort für den aufregendsten deutschen Film des Jahres sorgte. Es ist aber genauso bezeichnend für das deutsche Fernsehen, dass dieser Tatort in Sachen  Intensität und Kreativität, alles andere (und vor allem auch seine Tatort Kollegen) an Fernsehfilmen erbarmungslos knechtete – und „Im Schmerz Geboren“ wohl ein einsamer Ausreißer bleiben wird. Der knallbunte Thriller um Kommissar Murot war ein brachiales, wildes Zitatfeuerwerk, viel mehr als der auf Twitter herbeigezwitscherte  „Tarantino-Tatort“.Ein Stück Film, das seine Liebe zum Film offen und vielfarbig fantastisch zur Schau stellt.

 

Fernsehen:

Die Wirklich Wahre Geschichte von 3Sat

die besten filme 2014, topliste, top 10, serien, true detective, fargo, her, review, die wirklich wahre geschichte von 3Sat, Tatort im Schmerz geboren, der hobbit, guradians of the galax (22)Das deutsche Fernsehen siecht vor sich hin. Es ist quotenbestimmt und sensationsgeil. Es ist grau in grau. Und es ist feige und eingestaubt. Vor allem aber, und das ist Crux, ist es fantasielos. Ein kleines Stück Fernsehen aber widersetzte sich 2014 all diesen Trends: Wir sprechen über den 30minütigen Kurzfilm/Doku/Mockumentary/Fantasie-Hybrid „Die Wirklich Wahre Geschichte von 3Sat“ von Memo Jeftic. Der auf Celluloid gebackene  Geburtstagskuchen quillt vor Einfällen und Spielformen nur so über, ist gleichermaßen irritierend, wie witzig, wie traurig, wie strange, wie wundervoll. Die Kameraarbeit zieht alle Register an Zooms, Fahrten, One-Shots, oldschool Ausschnitten- und Effekten.  Ein Eiertritt in Richtung Youtubeästhetik. Mehr, mehr, mehr davon!

 

Der Ausblick:

Birdman

Alejandro González Iñárritu dreht einen neuen, tragikomischen Film. Es geht um Superhelden und abgehalfterte Stars. Die Kritik überschlägt sich. Ich bin sowas von gehooked.

 

Inherent Vice

Vier Faktoren: Paul Thomas Anderson im Regiestuhl. Thomas Pynchon liefert die Vorlage. Johnny Greenwood dudelt den Soundtrack. Und Joaquien Phoenix spielt die Hauptrolle. Inhärent Vice dürfte der beste Film des kommenden Jahres werden.

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Für jetzt und alle Zeit befreie ich mich von der menschlichen Unbeweglichkeit.

Zeit frisst Bild. Bild wird Zeit.

Asche zu Asche. Ende. Neu!

/Zeitsprünge sind erlaubt/

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„Wie gestaltet sich ein Leben, bei dem die großen Leidenschaften versteckt werden müssen?“

Hans Bucher

41888Im Zuge des Seminars „Kino und Bild“ der Universität Konstanz hat sich Risse im Asphalt mit der Regisseurin Barbara Teufel (Klick!) getroffen. Sie stammt aus Neuhausen ob Eck, hat unter anderem mit ihrem Film „Die Ritterinnen“ große Erfolge auf nationalen und internationalen Filmfestivals gefeiert, arbeitet an Filmhochschule Köln und plant momentan einen Film über den Fridinger Künstler Hans Bucher (Klick!). Im Gespräch ergaben sich hochinteressante Ansichten über Heimat, das Werk im Verborgenen und vor allem den Dialog der beiden Medien Film und Gemälde. Aber lest selbst:

Also zunächst einmal wäre es sicherlich einige allgemeine Fakten interessant: Wie bist du auf Hans Bucher gestoßen?

Liebe auf den 2. Blick: die Wucht im Museum in Kombination mit dem Ort.

Was hat dich dazu bewogen den Film zu machen?

…hat mich nicht losgelassen. Die Widersprüche…

Widersprüche? 

hans bucher (1)

Erstmal die Bilder: sein malerisches Werk zerfällt in 2 Teile, die stilistisch nichts miteinander zutun haben, komplett verschieden sind. Zum einen die Landschaften, egal mit welcher Technik homogen, ganz anders die Portraits junger Männer. Beide Teile könnten jeweils ganze Archive füllen. Von den Landschaften wusste ich, die vielen Jungs haben mich überrascht. Sie waren, außer in seinen privaten Räumen, so gut wie nie zu sehen. ‚Sein künstlerisches Schaffen geschah gewissermaßen im Verborgenen‘ las ich. Da kommt das schwäbische Dorf ins Spiel, das anders funktioniert als Stuttgart oder München und anders als Kunstakademie.

In so einem Dorf ist das Handwerk angesehen, die Kunst ist ein überflüssiger Luxus, braucht kein Mensch. Höchstens mal was dekoratives mit Heimatgefühlen übers Sofa, aber wahrheitsgetreu sotts scho sei– sauberes Handwerk ist da wieder gefragt. Ein „Künstler“ ist – oder war zumindest – einer, der nix schafft. Eher ein Schimpfwort. Das macht man besser heimlich. Und dann diese unzähligen Jungs, teils orgiastisch, oft erotisch und meist nackt dargestellt: worin bestand die Faszination, was hat den Maler zu dieser Fülle getrieben? Die Frage nach der sexuellen Orientierung drängt sich förmlich auf. Und das ist das Tabu schlechthin. Unabhängig davon, ob diese Faszination jenseits von Leinwand oder Papier gelebt wurde:

Wie gestaltet sich ein Leben, bei dem die großen Leidenschaften versteckt werden müssen?  Seine Leidenschaft spratzelt wie ein Feuerwerk aus den Ölgemälden. Hans Bucher musste als junger Mann zurück kommen, aber er musste nicht bleiben… warum ist er geblieben? Was war stärker als die Widersprüche? Diese Dinge waren es, die mich nicht losließen. Könnte mir im Prinzip scheißegal sein, aber es berührt etwas, das direkt mit mir selbst zu tun hat: die „Heimatfrage“ im weitesten Sinn… Klar kann man Filme über alles mögliche machen, aber Kunst kann nur entstehen, wenn man berührt ist.

Und wie wird der Film im Groben aussehen?

Kann ich noch nicht sagen. Ich werde eine subjektive Perspektive einnehmen, es wird kein Versuch, ein definitives/objektives Portrait zu schaffen. Keine Reportage. Da werde ich es mit dem Maler halten, dessen Ziel ja auch nicht war, seine Umgebung objektiv zu dokumentieren.

Was hast du bislang gefilmt (für dieses Projekt)?

Vor allem Reportage! Viel Langeweile. Ein paar wenige Perlen. Das wenigste davon wird in den Film eingehen.

Wie gehst du vor?

Ich habe mit den Dreharbeiten begonnen, weil letztes Jahr zum 10. Todestag eine Reihe von Veranstaltungen stattfanden, von denen ich erwartete, die wichtigen Menschen aus Buchers Leben zu treffen, ich war neugierig auf die Leute, wie sie über ihn sprechen. Wie öffentlich über ihn gesprochen wird, heute. Wie seine Kunst wahrgenommen wird. Es ist ein Herantasten an die Leerstelle, ich kann ihn ja nicht fragen. Aber es gibt immer noch kein wirkliches Konzept.

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Welche Rolle haben dabei die Bilder von Hans Bucher gespielt?

Sie waren die Initialzündung! Der Grund und Motor, mich auf diesen hermetischen Wahnsinn einzulassen!

Wo zeigt sich der „hermetische Wahnsinn“ von dem du sprichst?

Hans Bucher war eine hoch komplexe Persönlichkeit mit einem ebensolchem, nicht nur malerischen Werk, wie du weißt. Da ich ihn ja nicht fragen, ihm nicht zusehen kann, bin ich auf Infos und Material seiner Verwalter angewiesen. Wenn sie meinem Vorhaben auch grundsätzlich positiv gegenüber stehen, gibt es doch eine Furcht um die Deutungshoheit. Und damit ein zögerlicher Umgang in der Herausgabe des privaten Nachlasses.“

Sind die Bilder der Hauptgrund einen Film zu machen oder sind sie zwar Bedeutungsträger – aber treten dabei hinter die Geschichte zurück.

Die Wucht der Bilder in diesem engen Kontext provozieren Fragen. Zu seinem Leben, seiner Persönlichkeit, seiner Positionierung. Abgesehen davon wird aus abgefilmten Gemälden niemals ein Film.

Aber es gibt noch eine andere Frage, die mich in diesem Zusammenhang auch persönlich treibt: wie ist es möglich, nachdem man in großen Städten gelebt und künstlerisch oder wissenschaftlich gearbeitet hat, zurückzukehren ins Dorf? Komplett andere Strukturen, andere Kultur, andere Maßstäbe, andere Themen. Bedeutet, falls man sich nicht völlig isoliert, dass zumindest ein Teil der Persönlichkeit abgespalten werden muss…

Hast du dir schon überlegt, wie du die Bilder selbst in den Film einbauen wirst?

Nein, weiß ich noch nicht, das ist was vom Schwierigsten, das 3-dimensionale ins 2-dimensionale zu bringen, ohne dass es an Kraft verliert. Ich weiß nur, dass ich nichts als meine Lieblingsbilder zeigen werde. Wie bei jedem Künstler oder gar Genie ist nicht jede Arbeit herausragend. Mit einer Negativ- oder Mischauswahl kann man jedes Werk diskreditieren. Das passiert Bucher auch. Ich möchte nachvollziehbar machen, was mich an den Bildern fasziniert, warum sie trotz ihrem angeblichen Mangel an Modernität nicht auf den Misthaufen der Geschichte gehören.

Oder hast du selbst schon einmal mit Gemälden, Bildern gearbeitet?

Ja, ich hab vor vielen Jahren in Paris einen Film (‚Männer in Öl‘) über die Bilder einer jungen Malerin gemacht. Der Unterschied: ich konnte mit ihr reden. Die Parallele: sie weigerte sich, über ihre Bilder, ihre Kunst zu sprechen. Das war eine sehr kreative Herausforderung.

Wie bist du damals mit den Bildern umgegangen? Wirst du das ähnlich machen?

Damals konnte ich ihr bei der Arbeit zusehen, hab sie begleitet, konnte ihren Blick auf die Motive nachvollziehen und ihnen eine weitere Ebene geben, die die Malerin mit einschloss… ich hab auch viele Situationen herbeigeführt/inszeniert, war (sichtbarer) Teil des Prozesses. Die Voraussetzungen beim Hans-Bucher-Film sind ganz anders. Ich bin noch auf der Suche nach dem filmischen Schlüssel. Man weiß es nie, ob man ihn findet. Wie der Schriftsteller vorm weißen Blatt…

Welche Möglichkeiten liegen in der Kombination von Bewegtbild und „starrem“ Gemälde? Und inwiefern sollen / können diese beiden verschiedenen Medien in Beziehung treten?

Wir experimentieren mit der Kamera, versuchen, Emotionen, Bewegung, Auflösung der Form in Farbe, herzustellen, nachzuvollziehen. Wir suchen auch nach den Perspektiven des Malers, Originalschauplätze. So idyllisch schön sie für die Kamera sein mögen: die Diskrepanz zwischen dem Auge/filmischem Naturalismus und Buchers malerischem realistischem Expressionismus zeigt seine Kunst, lässt Rückschlüsse auf den Verdichtungs-/Gerinnungsprozess. Das ist die Idee, keine Ahnung, ob das aufgeht.

Bucher Hans

Nimmt man sich den Dialog, den Umgang von Bewegtbild- vs. starres Bild vor, oder passiert so etwas automatisch?

Jeder (dokumentarische) Stoff verlangt seine spezielle Form als filmische Übersetzung. Die zu finden ist die wesentliche künstlerische Arbeit. Man muss die Materie ganz und gar durchdringen, um dem Geist, der sie tränkt, auf die Spur zu kommen. So entstehen Assoziationen, Querverweise, eigene Bilder, eine neue Ebene. Es gibt, jedenfalls in meiner Arbeit, keinen automatischen formalen technischen Zugang, sondern immer die neue Frage: was braucht der Stoff, um sinnlich erfahrbar zu werden. Man kann es natürlich auch anders machen, viel einfacher, in dem man die Reportage wählt: man dreht ein paar Originalschauplätze, eine Ausstellung, ein paar Bilder ausführlicher, kommentiert von einem Experten und Musik, macht noch ein paar Interviews, fertig. Interessiert mich aber nicht. Das wäre das Notprogramm.

Mit welcher (speziellen) Technik wirst du versuchen Bild und Bewegtbild in Einklang, Kontrast, dialog zu setzen?

Schwierige Frage. Zum Beispiel malen mit der Kamera: wir fahren im Auto mit der Kamera durchs Donautal, beschleunigen immer mehr, bis sich die Form vollständig in Farbe auflöst. Das bildet einen inneren Prozess ab, den der Maler durch seinen Blick vollzieht. Ich strebe an, seiner Wahrnehmung so nah wie möglich zu kommen, in sein Universum einzutauchen. Bedeutet für die Textebene, dass ich vor allem mit seinen Worten (Tagebücher, Briefe etc.) arbeiten möchte.

Welches Gesamtbild soll bzw. wird im Idealfall – im Rahmen zwischen Gemälde, Film, Geschichte, Bild – entstehen?

Man soll eintauchen in diesen Kosmos. Man soll sich an Punkten identifizieren können. Das Geheimnis, das bleiben wird, soll neugierig machen auf Buchers Bilder. Vielleicht passiert ja auch sowas, dass die eigene Wahrnehmung des Alltäglichen andere Farben kriegt…

Tritt der Film automatisch zurück – hinter Erzählung/ Geschichte und die Bilder/ Gemälde?

Nein, nicht unbedingt. Da würde die Film-Kunst beginnen. Ob das gelingt, was man vorher nie…“

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Berlinale Special Teil 3:

 
Von Judith Schuck (http://juscrit.tumblr.com/)
 
Ayer no termina nunca (Yesterday never ends), R.: Isabell Coixet, E 2013, 108´, 63. Berlinale:Panorama.

oben ist es still, me seances de lutte, yesterday never ends, berlinale, filmkritiken, bilder, 2013 (1)

2017 in Katalanien. Ein Mann (Javier Cámara) im gut sitzenden Businessanzug und eine Frau (Candela Peña) in Jeans, T-Shirt und Schlangenlederstiefeletten treffen nach 5 Jahren zum ersten wieder aufeinander. Die Atmosphäre ist in Blautöne, Tuffstein und Beton getaucht. Distanz, Traum, Kühle. Hämisch bemerkt sie: „Hugo Boss?“ Der Ort des Wiedersehens ist ein durch die schlichte Architektonik nüchtern anmutendes Geschäftsgebäude. Wie sich bald rausstellt ist die Ursache für die zunächst sehr auf Abstand beruhenden Begegnung ein Brief, auch der im blauen Kuvert. Ferne. Sie schrieb ihn, weil sie ihn Wiedersehen musste. Die beiden waren bis vor fünf Jahren ein glücklich verliebtes Paar mit einem gemeinsamen Sohn namens Dani. Melancholie. Der Schmerz um den Tod ihres Kindes lässt die Mutter bis heute nicht los. Sie ist voller Vorwürfe gegenüber dem Ex-Mann, Universitätsprofessor, der sich im fernen Deutschland, vor Vergangenheit und Wirtschaftskrise geflüchtet, ein neues Leben aufbaute, während ihr Leben seit dem Verlust des Sohnes in Kram und Trauer stagniert.

Es entspinnt sich ein Dialog zwischen den beiden Hauptdarstellern, gespickt von Bitterkeit, Schuldzuweisungen, alten Erinnerungen, die sich im Verlauf der theatralisch anmutenden Szenerie als Hoffnungsschimmer auf eine neue Annäherung herauskristallisieren. Die blaue Blume der Romantik. Doch sie leben in zwei voneinander abgetrennten Realitäten: Er erwartet mit seiner deutschen Frau ein neues Kind. Sie bleibt trotz allen Schwierigkeiten, die das von der Krise gebeutelte Spanien mit sich bringt der Heimaterde treu, treu auch im Angedenken an den verstorbenen Sohn, das ihr Leben regiert. 2008 gelang der Regisseurin Isabell Coixet mit „Elegy“, der Verfilmung von Philip Roth Roman „Das sterbende Tier“, eine eindrucksvolles Drama, in dem Penelope Cruz die Rolle einer jungen, an Brustkrebs erkrankten Frau verkörpert. Ihr neuer Film „Ayer no termina nunca“ ist allerdings nicht durchgängig überzeugend. Der Zuschauer bleibt auf Distanz, was mit der bühnenhaften Inszenierung durchaus beabsichtigt scheint.

Die bisweilen albernen Hexenschreie der leidenden Mutter lassen den Rand des Wahnsinns nicht glaubhaft erscheinen und stellen die an sich starke Frauenrolle in ein unnötig schwaches Licht. Natürlich kann man diesen Aspekt umdrehen: Die Schwäche der Frau ist gewollt, sie versteckt sich hinter ihrem Schmerz. Aber auch dieser Ansatzpunkt wird nicht konsequent durchgesetzt. Ihre Rolle ist nicht nur nicht klar, was sie vielleicht auch gar nicht sein kann, sie kommt erst gar nicht authentisch an, weder in ihrer Zerrissenheit, noch in der Verbohrtheit und Resignation gegenüber dem Weiterleben. Ebenso die Kleider der beiden Darsteller: die modischen Klamotten werden im Dialog und in der mise en scène so aufdringlich betont, dass sie als Verkleidung rüberkommend nerven. Mitreissen kann da noch vor allem die Schlussszene, in der der Vater vor dem Grab seines Sohnes, mit dessen (blauen) Lieblingsdinosaurier konfrontiert, zusammenbricht. Ein Moment der schmerzhaften Erleichterung für das Publikum.

Mes seances de lutte (Love Battle), F, 2013, Jacques Doillon, 103`, 63. Berlinale: Panorama.

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Dem französischen Regisseur Jacques Doillon (Ponette, 1996) gelingt mit Mes seances de lutte eine hochemotionale Schlammschlacht: IHR Vater ist gestorben. Das ist die Ursache für die Rückkehr der jungen Frau (Sara Forestier) in das französisches Heimatdorf. Das Verhältnis zum Vater war schlecht, sie gibt sich beinahe fröhlich über den Tod. Von ihren Geschwistern fühlt sie sich nicht richtig ernstgenommen. Zudem hat sie mit IHM noch eine Rechnung offen. ER (James Thiérée) ist eine alte Liebe. Zu sexuellem Kontakt kam es nie, dafür zu aufreibenden Momenten, die, so SIE, nicht weniger bedeutsam waren als echter Sex. ER fühlt sich von der aufbegehrenden, energiegeladenen Frau bedroht: SIE wirbelt sein ruhiges Leben als Wächter von Haus und Garten und lesender Schriftsteller plötzlich erheblich auf.

Doch SIE lässt ihm seinen Frieden nicht: als Spiel im Spiel rekonstruieren die beiden schließlich eine vergangene Situation, welche die Schlüsselszene ihres Bruchs war und welche in beiden feurige Leidenschaft und gleichzeitig aggressive Abwehr jeglicher Annäherungsversuche begründete. Zwischen IHM und IHR, sie bleiben namenlos, entwickelt sich ein hocherotischer, furioser Kampf, in dem sich starke Gefühle, Anziehung und die große Angst vor Verletzbarkeit materialisieren. Es ist IHRE Unruhe und Klärungsbedarf, welche diese täglichen intensiven, ebenso destruktiven wie konstruktiven Kampfsessions katalysieren. Dabei ist sich der Zuschauer nie sicher ob IHRE Aggression gegen IHN, die in IHM repräsentierte Vaterfigur, die ihr gegenüber keine Liebe aufbrachte oder gar gegen sich selbst gerichtet ist. Der impulsive Kontrast der beiden Kämpfer spiegelt sich nicht nur physisch, SIE zierlich, aber zäh, ER kräftig und bedacht, sondern auch in der Musik wieder: das einzige, was SIE vom Erbe ihres Vaters einfordert ist das Piano: wenn SIE angibt Débussy und Schumann zu spielen, fände ER Bach angemessener. SIE ist die alles umwälzende Moderne, während ER sich in seiner Zurückgezogenheit auf Traditionen besinnt.

SIE weint verzweifelt, er lacht genugtuend. Im Laufe der zum täglichen Ritual werdenden Kampfsessions vermischen sich allmählich ihre einstmaligen Gegensätze. SIE stellt irgendwann Kampfregeln auf, was eine gewisse Ordnung im Chaos der Gefühle schaffen soll. Lange Plansequenzen im Wechsel mit Handkameraaufnahmen lassen den Zuschauer an der elektrisierenden Schlacht teilnehmen. Zerstörungswut und Blutrausch, wenn sich die beiden regelrecht die Köpfe einschlagen, befinden sich in rasantem Wechsel zum kreativen, prometheusschen Akt, beim hochästhetischen Geschlechtsverkehr im Schlamm. Am Enden lacht SIE erleichtert. Er weint. Angst und Attraktion stehen im dialektischen Verhältnis und lösen sich bis zuletzt nicht eindeutig auf. Die Sessions bilden eine Symbiose aus Gewalt, Angst und Sehnsucht nach Geborgenheit. Sie bleiben in all ihren Facetten bis zuletzt spannend und mitreißend.

Boven is het stil (It´s all so quiet), R.: Nanouk Leopold, NL/D, 2013, 94´, Berlinale: offizielles Programm, Panorama

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Die Unfähigkeit über Gefühle zu sprechen ist den vier Männercharakteren unterschiedlichen Alters in „Boven is het stil“ allen gemeinsam. Nanouk Leopolds Drama beginnt mit einer langen Kameraeinstellung, die Gras und Schilf zeigt, kontrastiv zur Kommunikationslosigkeit der Männer vom lautstarken Quaken und Zwitschern nichtsichtbarer Enten und Vögel begleitet. Helmer (Jeroen Willems), ein niederländischer Bauer mittleren Alters, physisch im vollen Saft des Lebens, kümmert sich neben den Tieren auf dem Hof noch um seinen altersschwachen Vater (Henri Garcin). Die Wortkargheit zwischen Vater und Sohn, Helmers beherztes und mehr funktionelles denn liebesvolles Zupacken bei der Pflege, lässt gleich auf ein schwieriges, abgekühltes Verhältnis schließen. Helmer verfrachtet seinen Vater ins Dachzimmer, als wolle er schon mal ein Stück weit an der Trennung zwischen Leben und Tod arbeiten, ihn vom täglichen Leben fern halten. Besuche für den Vater weist er ab, nur als der junge Henk (Martijn Lakemeier) als Helfer auf den Hof kommt, wird dieser dem noch immer amtierenden Familienoberhaupt vorgestellt. Henks Hände werden vom alten, bettlägerigen Mann genau überprüft.

Eine Ebene dieses vielschichtigen Films sind die Körper: als der Vater ins Bett einnässt und Helmer diesen schließlich unter der Dusche vom Urin befreit, folgt die Handkamera flink den kräftigen, einseifenden Händen, welche im Kontrast zur müden und schlaffen, von Altersflecken übersäten Haut des Vaters stehen. Die Gesichter werden eher zufällig gestreift. Hände bilden ein weiteres Thema: Die pflegenden und gleichzeitig energisch zupackenden Hände Helmers, der auch seine Kühe noch von Hand melkt; die nun verwelkten, aber früher schlagenden Hände der Vaterfigur; die neugierig explorativen Hände Henks; nur beim Milchlieferanten (Wim Opbrouck) liegt der Schwerpunkt stärker auf dem liebevoll begehrenden Blicken für Helmer. Dieser aber, immer noch unter der autoritären Präsenz des nur körperlich stillgelegten Vaters leidend, versucht seinen Wunsch nach Nähe zu unterdrücken, sowohl gegenüber dem Geborgenheit versprechenden Milchmann, als auch gegenüber dem schutzsuchenden jungen Henk. Geprägt von halbnahen und nahen Bildern, bekommt der Zuschauer eher selten eine Großaufnahme zu sehen, wodurch zwar Nähe zu den Charakteren entsteht, sie aber immer noch unbestimmt und schwer analysierbar bleiben. Die selten eingespielte Musik untermalt die ansonsten weitestgehend unausgedrückte Gefühlssituation. Auf visueller Ebene sind es die Tiere, welche als Spiegel der Seelen fungieren und im Verhältnis der Männer zu den Eseln, Schafen und Kälbern wird die Liebessehnsucht von drei Generationen dargestellt, z.B. wenn das Kalb an Henks Fingern saugt, was dieser offensichtlich genüsslich geschehen lässt.

Wie Helmer seinen debilen Vater vor der Aussenwelt zu isolieren versucht, erinnert „Boven is het stil“ ein wenig an Michael Hanekes Film „Liebe“ (2012), obwohl für Georges und Anne wirklich symbiotische Liebe der Beweggrund für die Isolation ist, während Helmer sich mit Hilfe der räumlichen Distanz auf ein neues, glücklicheres Leben befreit vom väterlichen Einfluss vorbereitet.Die Anziehung und dann tabubedingte Abstoßung in den homosexuellen Konstellationen zwischen Helmer-Henk und Helmer-Milchmann lassen an die Liebe der Cowboys aus „Brokeback Mountain“ denken. Gerade die eindrücklichen, fotografischen Bilder und die spärliche Kommunikation bewirken eine unbestimmte Oberfläche, die – ganz im postmodernen Sinne – eine Vielzahl an Lesarten dieses durchaus sehenswerten Films zulässt.

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Berlinale Special – Teil 2

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Ein Text von Judith Schuck (Klick!)

Die 63. Berlinale ist irgendwie erschöpfend verwackelt…

Was bei den diesjährigen Filmfestspielen in der Kinohauptstadt Berlin besonders in Auge fällt, ist die unruhige Perspektive, die bei empfindsamen Persönlichkeiten schon mal zu der Seekrankheit ähnlichen Leiden führen kann. Handkameras – ein im avantgardistischen Film approbates Mittel, wenn man an die Filme der Nouvelle Vague denkt!Eine vorher nie da gewesene Möglichkeit, sich vom festen Standpunkt los zu lösen, flink und rasant den Blickwinkel zu wechseln, schwer erreichbare Winkel und Orte zu erkunden…Dynamik!

Mit Bedacht eingesetzt eine enorme Bereicherung für die filmische Darstellungsweise. Im Jahr 2013 wackelt es beinahe nur noch (MES SEANCES DE LUTTE, R.: J. Doillon; BOVEN IS HET STIL, R.: N. Leopold; CHIRALIA, R.: S. Gil um nur einige wenige Beispiel zu nennen). Kommt diese neue „Ästhetik des Schwindels“ von den vielen Amateurvideos, die uns überfluten? Mit Handykamera ist eben mal schnell alles aufnehmbar. Jeder kann jeder Zeit sein kleines Privatvideo drehen. Oder Spiegelbild einer instabilen Zeit, in der keine Grenzen und Fixpunkte gesetzt sind, alles schwankt und vorwärts strebt ohne mal einen Augenblick inne zu halten? Vielleicht.

Auf der anderen Seite gibt es die schier gar endlos scheinenden Plansequenzen und Kameraeinstellungen, die den Zuschauer innerlich unruhig werden lassen, da das dargestellte Objekt nicht ausreichend Reflexionsfläche für eine derart meditative Vertiefung bietet (siehe DIE WIEDERGÄNGER, R.: A. Bolm). Schade. Manch ein Film der Berlinale 2013 wäre besser erträglich, wenn die ästhetischen Mittel weniger stark Übelkeit und Ungeduld evozieren würden, und das Oszillieren zwischen Ruhemomenten und Aktion feiner abstimmen würden. Es gibt viele schöne Bilder. Aber Form sollte nicht ganz so abgetrennt von Inhalten auftreten, sonst wird es schnell wenig spannend und ermüdend für´s Publikum.

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Berlinale Special – Teil 1

 

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Ein Text von Judith Schuck (Klick!)
 

Pardé (Closed Curtains), Iran 2013, R.: Jafar Panahi, Kamboziya Partovi, 106´, 63. Berlinale Wettbewerb.

Das Meer hinter Gittern. Iran. Ein einsames Haus an der Küste, das schmiedeeiserne Tor versperrt die freie Sicht zum Meer. Aus einem Auto steigt ein Mann um die 60 mit Koffer und einem Pack Wasserflaschen, geht ins Haus. Er öffnet eine große schwarze Tasche. Aus dieser springt ein Hund, erleichtert, aus der dunklen, stickigen Gefangenschaft befreit zu sein. Man merkt gleich: die Beziehung zwischen Hund und Herrchen ist von besonderer Intensität; der Mann, Drehbuchautor, gespielt von und als sich selbst Co-Regisseur Kamboziya Partovi verriegelt sich mit seinem Hund im Haus, in dem er alle Fenster mit dicken schwarzen Vorhängen abdichtet und erschafft sich so eine Enklave völlig abgelöst von der Aussenwelt.

Der Grund? Hunde werden im Islam als unrein angesehen und verstümmelt, eine Information aus den Fernsehnachrichten. Bis hierhin scheint dem Zuschauer noch alles einleuchtend. Als bald ein junger Mann und eine Frau (Maryam Moghadam) nachts ins Haus eindringen, ist Partovi verwirrt. Hatte er die Tür nicht verriegelt, nachdem er das Hundeklo geleert hatte? Wer sind diese jungen Menschen und was wollen sie bei ihm? Werden sie ihn und seinen treuen Gefährten verraten? Die Story wird immer vertrackter und vielschichtiger. Verfolgung und Versteckspiel paaren sich mit immer neu aufgeworfenen Fragen. Menschen kommen aus heiterem Himmel und verschwinden, gehen mit suizidaler Absicht ins Meer und tauchen nachher wieder in der Villa auf, so dass man bald nur noch an Hand der vorbereiteten Teetassen erahnen kann, wie viele Personen sich aktuell im Haus befinden müssten. Was ist denn nun real bzw. wie viele Möglichkeiten von Realitäten werden hier durchgespielt? Wo ist die Gefahr? drinnen? Ins Haus wurde eingebrochen. Oder draußen? Dort suchen die Verfolgungstrupps nach den Flüchtigen. Gibt es überhaupt Sicherheit? Wem kann man noch vertrauen?

Das gesellschaftskritische Drama mit Film Noir-Einschüssen in Metafilmmanier spielt mit vielfältigen intermedialen Verweisstrategien: Spiel im Spiel, wenn Patovi eine Szenerie nachspielt, um zu verstehen, wie Melika, die junge Frau, und ihr Bruder ins Haus gekommen sein müssen. Videoaufnahmen per Telefon. Regisseur Jafar Panahi stößt dazu und spielt sich selbst. Die an den Wänden hängenden Filmplakate seiner großen Filme wie sein Debutfilm “Der weiße Ballon“, mit dem er in Cannes 1995 die Goldenen Palme gewann; mit „Der Spiegel“ holte er sich in Locarno einen Preis sowie mit „Der Kreis“, der 2000 einen Goldenen Löwen in Venedig bekam. Diese Autoreflexivität wird nicht nur mittels der Plakate, sondern zudem durch im Spiegelbild abgefilmte Szenen symbolisiert. Totale wechseln sich mit Halbtotalen um einen Überblick über die Situation zu geben, einige Nahaufnahmen ermöglichen einen kurzen Blick auf die Charaktere und vor allem auf Boy, den Hund des Drehbuchautors, der die repräsentative Rolle eines unschuldig betroffenen verkörpert. Am Ende des Films verlassen alle wieder den Schauplatz Haus, die gefährliche Periode scheint vorüber. Nur Melika, die einzige Frau, bleibt allein im Haus zurück und wird sinnbildlich hinterm Eisengitter mit Blick aufs Meer eingeschlossen.

 

Epilog: Regisseur Panahi ist im eigenen Land gefangen und darf keine Film drehen. „Pardé“ ist die Selbstreflexion seiner eigenen, für einen Künstler unerträglichen, Situation.

 

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